Autor: Götz, Maya/ Hannawald, Sebastian.

Titel: New York - Johannesburg - Bangalore - München. Facetten der Bedeutung von Medienfiguren für Jugendliche - Eine internationale Studie.

Quelle: Neuß, Norbert/ Große-Loheide, Mike (Hrsg.): Körper. Kult. Medien. Inszenierungen im Alltag und in der Medienbildung. Schriften zur Medienpädagogik 40. Bielefeld 2007, S. 50-61.

Verlag: Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autoren.



Maya Götz/ Sebastian Hannawald

New York - Johannesburg - Bangalore - München.

Facetten der Bedeutung von Medienfiguren für Jugendliche – Eine internationale Studie.

Jugendliche wachsen in einer globalisierten Mediengesellschaft auf, die ihnen stetig symbolisches Material zum Kommunizieren, Sich-Selber-Wiederfinden und Sich-Selbst-Positionieren bietet. Gerade „in einer Phase ausgeprägter Identitätssuche“ (Wegener 2004, S. 22) sind Mädchen und Jungen auf Material angewiesen, das eine positive Entwicklung ihres Selbstkonzeptes fördert. Neben diversen interaktiven Medien (Handys, Chat-Rooms, Blogs, Online-Rollenspiele etc.) kommt dem Fernsehen weltweit immer noch eine herausragende Bedeutung als „Impulsgeber für die jugendliche Lebenspraxis“ (Kurp 2004, S. 28) zu, präsentiert es doch „eine bunte Palette von Lebensentwürfen, Werten, Verhaltensmustern und Handlungsstrategien, von Rollenbildern und Möglichkeiten der Konfliktbewältigung“ (Witzke 2004, S. 58). Medien werden zur „kulturellen Landschaft von Klasse, Geschlecht, Sexualität, Ethnizität, Rasse und Nationalität“ (Hall 1994, S. 180), die vor dem Hintergrund lokalspezifischer Gegebenheiten gedeutet werden und dabei ihre Bedeutungen entfalten. Es ist der aktive Prozess der Bedeutungskonstitution, bei dem zeichenhaftes, symbolisches Material in Form von Erzählungen, Figuren, Motiven usw. vor dem Hintergrund der eigenen Themen und biografischen Erfahrungen zur Herstellung von Sinn genutzt wird (vgl. Bachmair 1996, S. 67). Jugendliche integrieren dabei Medien in ihr Selbstkonzept und entwickeln Perspektiven für ihr zukünftiges Leben. Sie sind Teil ihrer Alltagsbewältigung, ihrer Kommunikation in Peer-Group und Familie sowie der Verortung in ihrer sozialen Umwelt. Insbesondere Fernsehen hat so im Projekt Identität von Jugendlichen eine hohe Bedeutung (vgl. Fisherkeller 2002). Ihr jeweiliger nationaler, religiöser, sprachlicher, sozioökonomischer Hintergrund und besonders ihre eigene Genderidentität prägen hierbei die Wahrnehmung und Aneignung des symbolischen Materials (vgl. McMillin 1998).

Wie sich dies ganz konkret für die Konstruktion einer lokalen Identität gestaltet, ist insbesondere mit einem länderübergreifenden Blick bisher jedoch wenig untersucht. Hier setzt ein aktueller Forschungsschwerpunkt des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) an und untersucht in verschiedenen Studien, welche Bedeutung Fernsehfiguren und Fernsehgeschichten in ihrer Spannung zwischen lokaler oder globaler Symbolik im Rahmen der Lebensbewältigung und Selbstbildkonstruktion von Kindern und Jugendlichen zukommt. Erste Ergebnisse sollen im Folgenden mittels zweier Studien anhand von Facetten der Medienaneignung vorgestellt werden. Als Facetten werden dabei Sinneinheiten verstanden, die sich aus der Rekonstruktion von Falluntersuchungen unter einem bestimmten Blickwinkel verstehen. Aus dem reichhaltigen Material der Einzelfälle werden mit einem bestimmten Erkenntnisinteresse Sinnzusammenhänge herauskristallisiert. In diesem Fall sind es Zusammenhänge der „Realität des Alltags“ (im Sinne Berger, Luckmann, Schütz), wie sie uns von den Jugendlichen präsentiert werden, mit ihrer Beziehung zu den Medienvorlieben mit Schwerpunkt auf dem Fernsehinteresse und dem Selbstbild (im Sinne Rogers, zur Untersuchungseinheit Facetten vgl. Götz 1999).



Anlage zweier Studien zur Entwicklung lokaler Identität bei Jugendlichen

Die erste Studie geht in ethnographisch-orientierten Falluntersuchungen in New York, München, Bangalore und Johannesburg der Frage nach, wie Medien zur Alltagsbewältigung und Identitätskonstruktion eingesetzt werden. Mit der wissenschaftlichen Leitung von Maya Götz/ Petra Strohmaier (München), JoEllen Fisherkeller (New York), Divya McMillin (Bangalore) und Firdoze Bulbulia (Johannesburg) wurden jeweils sechs bis acht Einzelfallstudien von 14- bis 15-jährigen Jugendlichen im städtischen sowie ländlichen Umfeld von München, New York, Bangalore und Johannesburg durchgeführt. Die Jugendlichen wurden mehrmals in ihrem Alltag besucht, sie fotografierten ihre Lebenswelt und erzählten im problemzentrierten Interview von ihren Selbstbildkonstruktionen und der Bedeutung von Medien in ihnen.

Die Fallbeispielspiele der internationalen Zusammenarbeit aus den vier sehr unterschiedlichen Ländern ergaben für jede der Forschungspartnerinnen nicht nur interessante Einsichten in die Selbstbildkonstruktionen von Jugendlichen, sondern vor allem neue Forschungsfragen. Entsprechend wurden in drei der Länder 2005 weitere Fragestellungen entwickelt, denen dann mit jeweils 20-30 Fallstudien nachgegangen wurde. Im deutschen Teil der Kooperation, durchgeführt von Sebastian Hannawald, lag der Schwerpunkt auf der Konstitution lokaler und nationaler Identität. In drei Städten bzw. im ländlichen Raum wurden 24 Einzelfallstudien mit problemzentrierten Interviews mit Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren im Raum München, Magdeburg und Berlin erstellt. Die Projekte befinden sich im Zustand „Work in Progress“, dennoch würden wir gern im Folgenden einige Highlights der Facetten der Aneignung von lokalem und globalem symbolischen Material und dessen Nutzung für die Selbstbildkonstruktion vorstellen.

Erwartungsgemäß unterscheiden sich die lebensweltlichen Bedingungen der Einzelfallstudien. Die lokalspezifischen bzw. kulturellen Kontexte beruhen auf zum Teil sehr spezifischen Bedingungen und den von den Jugendlichen hergestellten Bezügen zu den Kategorien Gender, Ethnizität und sozioökonomische Verhältnisse. Hier zur Verdeutlichung Beispiele aus Südafrika und Indien:

Die südafrikanischen Jugendlichen beispielsweise trennt vor allem die soziale Schere. Der im Wohlstand aufwachsende Jason erlebt sich als privilegiert: „I am privileged in many ways, I don't worry about many things.“ Sein Selbstbild dreht sich um den Wunsch nach Anerkennung in der Schule, wo er sich als Außenseiter erlebt. Material zur Selbstdarstellung sind unter anderem Modellautos, die er stolz gemeinsam mit seinem Freund vor der Kulisse eines wohlhabenden Wohnviertels von Johannesburg präsentiert.

Bonganis Darstellung seiner Lebenswelt im Township ist von Armut und Gewalt dominiert: “We are poor, we are 10 people living in one shack, and my mother is the only one working.“ Sein Selbstbild in der harten Realität von Soweto ist von der Sorge ums Überleben und der Entwicklung einer positiven Zukunftsperspektive geprägt. Bezugspunkt ist dabei u. a. ein starker Gemeinschaftssinn. Entsprechend lässt er sich von einem Freund vor der bemalten Wand der Wellblechhütte fotografieren und dabei, wie er mit seinen Freunden tanzt (siehe Bild 2: Bongani fotografiert sein Leben im Shack). Denn für ihn ist sehr bedeutsam: Gemeinsam mit seinen Freunden hat er die „Gang der Survivors“ gegründet, die gemeinsam Spaß haben und versuchen, in ihrem Umfeld Gutes zu tun, indem sie u. a. selbstbemalte T-Shirts verkaufen und der Schule zur Anschaffung von Büchern spenden oder kleine Gemüsegärten für die Anwohner bepflanzen und sich für die Besserung verantwortlich zeichnen (vgl. Bulbulia 2006).


Bongani fotografiert sein Leben im Shack

Bei den indischen Jugendlichen wird eine kollektive Identität u. a. durch Kasten- bzw. ethnische Zugehörigkeiten bestimmt. Anujoth gehört zu den Sikhs, einer der häufig sozialökonomisch besser gestellten ethnischen Gruppen. Material ihrer Selbstpräsentation ist u. a. ihr Computer, vor dem sie sich fotografieren lässt. Sie beschäftigt, wer die nächste Kricketmeisterschaft gewinnt und wer zu den „angesagtesten“ Cliquen der Schule gehört. Die Familie von Ambika hingegen lebt unterhalb des Existenzminimums, denn ihr Vater gehört zur Landbesitzerkaste - eigentlich eine der höhergestellten Kasten -, darf aber dadurch traditionell keine Lohnerwerbsarbeit annehmen. Das Land kann die Familie bei Weitem nicht ernähren, gleichzeitig ist sie zu privilegiert für soziale Unterstützung - mit der Folge, dass es nur wenig zu essen gibt. Einher geht die sozioökonomische Situation mit einer rigiden Geschlechterordnung.




Anujoth lässt sich vor ihrem Computer fotografieren.

Ambika wie auch ihre Freundin Shubha sind mit viel Hausarbeit betraut und dürfen im Gegensatz zu ihren Brüdern abends nicht ausgehen. Sie bewegt beide ein gemeinsames Schicksal, über das sich beide im Interview auch sehr kritisch äußern: Trotz sehr guter schulischer Leistungen haben sie keine Chance auf ein Studium und/oder die Verwirklichung ihrer beruflichen Lebensträume. Die Geschlechterdimension dieser Lebenslage ist ihnen dabei sehr bewusst: “Why should a woman always grow up behind [the man].“ (Shubha, Vgl. McMillin 2006)

In den sehr unterschiedlichen Lebensweltkontexten der Jugendlichen gehören Medien je nach Lebensbedingungen zum Alltag mehr oder weniger dazu. Fernsehen ist für alle zumindest zeitweise zugänglich, spielt aber in der Identitätskonstruktion oftmals nur eine Rolle neben vielen anderen zur Verfügung stehenden Materialien. Dennoch haben die meisten eine eindeutige Lieblingssendung oder eine Fernsehfigur, die für sie besonders wichtig ist.



Eine indische Soap Opera als Lehrmaterial für subversive Strategien – Genre und lokale Sprache als symbolische Ressource

Shubha und Ambika schauen beispielsweise ganz gezielt frauenorientierte Familiendramen wie Mangalya (Hochzeit) oder Mahabayi (großartige Frau) an, die von Ausbeutung und Ungerechtigkeit handeln. Nach eigenen Aussagen lernen sie hier subversive Strategien kennen, wie sie sich gegen die erfahrene Unterdrückung durch Sexismus und Kastenwesen wehren und ihren Weg gehen können (vgl. McMillin 2006, S. 41): „I watch on TV whatever there is about a woman, whatever it is. After watching that, if in the future anything similar to that happens to me, then I too feel I should do that as well.“ (Shubha)

Die kulturelle Fundierung ist hierbei von hoher Bedeutung. Beiden Mädchen ist es ausgesprochen wichtig, dass die Soap nicht nur in Indien und den dortigen Gesellschaftsordnungen spielt, sondern in ihrer eigenen Sprache Kannada gesprochen wird. Die Attraktivität des symbolischen Materials liegt dabei zum einen im Widerspiegeln der eigenen Situation in einem indischen Kontext, verbunden mit einem Stolz auf die eigene Sprache. Zum anderen ist es für die beiden Mädchen ausgesprochen attraktiv, dass die Figuren subversiv handeln und sich nicht etwa revolutionär gegen die bestehenden Unterdrückungen zur Wehr setzen. Die Frauen in den Soaps bleiben im Rahmen des anerkannten und gerechtfertigten Weges innerhalb des Hierarchiesystems. Dabei erleben sich die beiden in einer Kollektivität als Mädchen und die Soap Opera als ein entsprechend geeignetes Material zur Konstruktion von Geschlechteridentität. Die Soap Opera als Genre für Frauen ist seit dem Beginn der Forschung zu dem Genre (zusammenfassend Götz 2002) und in seiner subversiv-politischen Bedeutung für Frauen bekannt (Brown 1989). Der symbolische Wert für Shubha und Ambika entsteht jedoch nicht nur durch das Genre an sich, sondern vor allem auch durch die regional kulturelle Verankerung durch Bilder und Sprache.



Ein Sitcom-Star als Vorbild für „Schwarz-füllig-und-erfolgreich-Sein“, Ethnizität - Körper und Selbstinszenierung als wertvolle Ressource

Tia bezeichnet sich selbst als schwarze Brooklynerin (Brooklynite). Sie erlebt sich selbst als positiv in ihrer Körperlichkeit und sucht symbolisches Material, sich als Frau durchzusetzen. Dieses findet sie bei ihrer Lieblingsfigur, der alleinerziehenden Mutter Nikki aus der afroamerikanischen Sitcom The Parkers. Tia schätzt die Schauspielerin generell, weil sie trotz ihrer Leibesfülle („a big girl“) selbstbewusst und bodenständig zielstrebig ihren Weg geht. In Nikki sieht sie für sich eine Perspektive: „[Nikki] makes it seem like you could do whatever, and she's a woman, too.“ Die Medienfigur ist für sie symbolisches Material, die ihr eine Perspektive liefert, dass sie auch mit einem Körper, der weder weiß noch überschlank ist, ihren Weg selbstbewusst gehen kann (vgl. Fisherkeller 2006). Für Tia ist explizit die Körperlichkeit der Schauspielerin - hier in den Merkmalen füllig und schwarz - in der New Yorker Realität nicht ungewöhnlich, in der Fernsehrealität jedoch nur in Nischen zu finden, zentral für das Sich-Wiederfinden. Durch die Selbstinszenierung der Schauspielerin im öffentlichen Diskurs und die Anlage der Figur in der Serie eignet sich dieses Material für Tia positiv für ihr Selbstbild. Dass die Protagonistin dabei afroamerikanischer Abstammung ist und dies mit Stolz inszeniert, ist eine Grundvoraussetzung, denn genau diese kollektive Lage als schwarze, füllige Frau ist es, mit der Tia sich zur Zeit auseinandersetzt.



Oprah Winfrey als Symbol moralischer Orientierung - Beispiele für Lieblingsfiguren anderer Ethnizität

Neka, ein kaukasisches Mädchen aus Johannesburg, wächst in der oberen Mittelklasse auf und ist sich dessen bewusst. Eines ihrer zentralen Themen ihres Selbstbildes ist das Leben mit einem Klumpfuß. Früher, so erzählt sie, wurde sie deswegen viel gehänselt und fühlte sich als Außenseiterin. Nicht zuletzt diese Erfahrung, aufgrund der eigenen Körperlichkeit abgewertet zu werden, sensibilisiert sie für soziale Unterdrückung. Ihr großes Vorbild ist die afroamerikanische Talkmasterin Oprah Winfrey, deren Sendung sie besonders gern sieht. Nekas handlungsleitendes Thema ist derzeit, ein stabiles Wertesystem zu entwickeln - auch entgegen den Vorlieben ihrer Peer-Group. In der Talkmasterin findet sie eine Orientierung für ihr moralisch gerechtfertigtes Alltagshandeln und fühlt sich durch die Talkshow in ihrem eigenen Weg bestärkt: „Her show has convinced me not to drink, take drugs, get too thin or too fat.“ Dass die Talkmasterin eine andere Hautfarbe hat, ist für Neka nicht explizit bedeutsam, eventuell aber konstituierender Teil der Figur als Angehörige einer abgewerteten Gruppe, die sich jedoch durch ihre Eigenheit Anerkennung weltweit erarbeitet hat.



Eine Krimiserie als Symbolisierung der Beherrschbarkeit von Kriminalität - Lokale Adaption als symbolisches Material für Hoffnung und Zukunft

Bongani aus dem Township sieht nur unregelmäßig fern, denn Strom gibt es nur einige Stunden am Nachmittag. Dann wird es eher zu einem gemeinsamen Erlebnis, bei dem er und seine Freunde sich beim Nachbarn treffen. Inhaltlich bewundert er den Moderator des öffentlich-rechtlichen Kinder- und Jugendfernsehens, denn dieser versteht es, mit Menschen offen, provokant aber niemals verletzend umzugehen. Seine absolute Lieblingssendung ist jedoch Jozi Streets, eine südafrikanische Variante des global erfolgreichen Formats NYPD Blue. Die zum Teil schwarzen Protagonist/innen arbeiten an Mordfällen, die an tatsächliche Verbrechen in Johannesburg angelehnt sind. Die Beamten gehen den Tragödien hinter der Kriminalität nach und bestrafen die wirklichen Übeltäter. Auch wenn nicht immer alle Folgen ein Happy End haben, so symbolisiert die Serie doch, dass Kriminalität potenziell beherrschbar ist, wenn engagierte Menschen daran arbeiten.

Die Serie ist für Bogani dicht an der aktuellen Lage in Johannesburg, die durch Kriminalität geprägt ist. Gleichzeitig gibt sie Hoffnung und eröffnet Perspektiven, gegen diese Situation anzugehen und sie zum Wohle der Menschen zu lösen. Die südafrikanische Adaption ist dabei grundlegend wichtig. Bogani selbst bezeichnet sich als Südafrikaner, als Christ und als Angehöriger der ethnischen Gruppe der Xhosa. Er fühlt sich Südafrika und besonders Johannesburg verbunden und möchte hier in „seiner Stadt“ etwas ändern. Deswegen hat er mit Freunden auch die Survivors gegründet. Die Fernsehserie Jozi Streets, die er zusammen u. a. mit diesen Freunden regelmäßig sieht, liefert ihm u. a. das symbolische Material, dass es sich lohnt, etwas Prosoziales zu tun. Es gibt die Hoffnung, dass die alltägliche Gewalt in den Slums irgendwann beherrschbar wird (vgl. Bulbulia 2006, S. 51). Wiederfinden der eigenen kulturell spezifischen Lage in Johannesburg, die Symbolisierung der eigenen Werthaltung, verbunden mit der Hoffnung auf eine entsprechende Zukunft, ist hier die symbolische Ressource, auf die Bongani zurückgreift.



Bayerisch-Sein – Figuren und ihre expliziten und impliziten Ressourcen lokaler Identität

Der 15-jährige Alex aus einem kleinen Dorf östlich von München ist stolz, ein Bayer zu sein. Er legt Wert darauf, sicher eingebunden zu sein in die Dorfgemeinschaft, in der er jeden Bewohner persönlich kennt und trotz der Abgeschiedenheit von seiner Freundesclique die Idylle schätzt. Hieraus identifiziert er sich mit einem typisch bayerischen Lebensgefühl, das er vor allem mit einem netten, freundlichen, zwischenmenschlichen Umgang und der landschaftlichen Schönheit der Umgebung assoziiert, es jedoch nicht konkret beschreiben kann: „Einfach so, ich rede auch viel bayerisch und es ist einfach toll, in Bayern zu leben.“

Zu seinen Lieblingsfiguren zählen die Kommissare aus der Serie Rosenheim Cops. In ihnen sieht er sein bayerisches Lebensgefühl bestätigt, das sich zum einen durch ihren markanten bayerischen Dialekt und zum anderen durch prägnante kulturelle Praktiken äußert: „Ja, das sind einfach Bayern, die leben bayerisch sozusagen. (...) Die haben Lederhosen an und trinken Weißbier.“ Zwar treffen diese Zuschreibungen nicht direkt auf ihn selbst zu, er findet diese jedoch alltäglich in seiner dörflich geprägten Lebenswelt wieder, etwa im Umfeld des großen und traditionsreichen Gasthauses direkt vor seiner Haustür, das er für die Studie fotografiert. Auf die Frage nach einer potenziellen Medienrepräsentation von Aspekten seiner lokalen Identität verweist Alex eben auf jenen Gasthof und kann sich vorstellen, dass dort eine Folge einer Krimiserie, wie dem Tatort oder den Rosenheim Cops, spielen könnte. Alex findet auch eine konkrete Medienfigur, die sein Lebensgefühl repräsentieren könnte. Die Protagonistin der deutschen Vorabendserie Berlin Berlin, Lolle, die er aufgrund ihrer fröhlich verrückten Art gerne mag, setzt er wie folgt in seinen Lebensweltkontext: „Vielleicht dass gezeigt wird, wo Lolle, also die Hauptdarstellerin, sonst gewohnt hat, bevor sie nach Berlin gezogen ist. Sie ist ja auf dem Land oder sie hat auf dem Land gelebt (...).“

Das Serienwissen rund um die Figur ist für Alex der Anknüpfungspunkt - also nicht das, worum es in der Serie eigentlich geht. Symbolische Ressourcen für seine lokale Identität findet Alex in den Bezügen zu einer Wertschätzung dörflichen Lebens. Bayerisch-Sein ist für ihn dabei soviel wie „Eigen-Sein“, was sich dann konkret in bayerischen Figuren widerspiegeln kann oder aber in der Anlage einer Figur - auch ganz ohne bayerischen Bezug.



HipHop und BUSHIDO als Ausdruck der eigenen Lage - Definition lokaler Identität durch lokalisierte globale HipHop-Kultur

Rich K und DJ Scorpion, wie sie sich nennen, zwei 16-jährige Jungen mit Migrationshintergrund, wohnen in der Münchener Plattenbausiedlung Neuperlach. Sie fühlen sich der HipHop-Kultur zugehörig und leiten daraus ein Wertesystem ab, das ihre Selbstinszenierung und ihr alltägliches Handeln bestimmt. Damit bearbeiten sie ihre von Perspektivlosigkeit und Gewalt dominierte Lebenswelt, greifen sie mediengenerierte Elemente der globalisierten HipHop-Kultur auf.

Äußerlich kommt dies vor allem durch ihre Begeisterung für das derzeit bei Jugendlichen beliebte Bekleidungslabel „Picaldi“ zum Tragen, das sie von etablierten Deutsch-Rappern wie BUSHIDO kennen und mit HipHop assoziieren. Zudem haben sie in den Texten des Berliner Rappers SIDO weitere mediale Anknüpfungspunkte zum authentischen Abgleich mit ihren sozialräumlichen Lebenswelterfahrungen gefunden, denn SIDO „schreibt halt so 'ne Art Texte wie, übers Ghetto genauso, was hier stattfindet“, meint Rich und zitiert eine einschlägige Textpassage, die ihre emotionale Einbindung in die Neuperlacher Hochhaussiedlung widerspiegelt: „Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Straße, mein Zuhause, mein Block. (...) Und dann sagt er was Gutes: Meine Gedanken, mein Leben, mein Herz, meine Welt reicht vom ersten bis zum 60. Stock.“

Der Künstler SIDO und seine Texte (so wie sie die beiden Jugendlichen interpretieren) spiegeln ihr lokal gebundenes Identitätskonzept des Lebens in Neuperlach wider. Das medienvermittelte symbolische Material HipHop, eigentlich aus den Ghettos US-amerikanischer Großstädte stammend, dann zur globalisierten Jugendkultur entwickelt, wird zunächst in den nationalen Kontext der deutschen Hauptstadt gestellt und dann auf die eigene lokale Lage bezogen. So individuell gedeutet wird es zum Ausdruck lokaler Identität, was die positive Umwertung einer gesellschaftlich wenig anerkannten Lebensweise und letztlich ein Gefühl von Echtheit ermöglicht: „In Neuperlach ist viel HipHop, Neuperlach ist 'real' (engl.).“


DJ Scorpion (links) und Rich K fühlen sich „real“ in ihrem Hof in Neuperlach



Fernsehen als symbolisches Material der Konstruktion lokaler Identitäten

Ohne in diesem Kontext auch nur annähernd auf die Komplexität der Entwicklung lokaler Identitäten eingehen zu können, wird an den hier sehr kursorisch umschriebenen Fallbeispielen jedoch schon eines deutlich: Bei aller Unterschiedlichkeit der Lebensweltkontexte zeigen sich strukturelle Ähnlichkeiten in der Bedeutung der Nutzung des Fernsehmaterials. Die Jugendlichen suchen nach medialem Material, in dem sie ihre Realität wiederfinden, sie im Sinne ihrer eigenen handlungsleitenden Themen bearbeiten und im Sinne ihrer eigenen Wertorientierung Perspektiven entwickeln können. Welche Aspekte des Fernsehens hierbei wirklich Ressourcen bieten, kann auf ganz unterschiedlichen Ebenen liegen. Es kann dies explizit das fast stereotyp Bayerische sein - also das gezielte Labeln kultureller Ressourcen. Es kann aber auch die serielle Erzählstruktur, die Anlage einer Figur, die explizite Sprache oder der Text, die Selbstinszenierung einer Schauspielerin und vieles weitere sein. Wie in vielen anderen Studien zur Medienaneignung, zeigen sich auch hier die Kreativität und Selbstbestimmtheit der Jugendlichen im Umgang mit dem Medium - und die hochgradige Polysemität des medialen Textes.

Über die Fälle in ganz unterschiedlichen Ländern hinweg zeigt sich aber auch eine bestimmte Tendenz: Steht die Bearbeitung der eigenen, hierarchisch unsicheren Position (sozioökonomisch oder genderspezifisch) in einem zentraleren Bereich der Selbstbildkonstruktion, so suchen die Jugendlichen nach einer medialen Symbolisierung, die den jeweiligen Kategorien ihrer kulturellen Identität entspricht und deren positive Bewältigung erzählt. Oder einfacher ausgedrückt: Geht es gerade darum, schwarz/Mädchen/arm etc. zu sein, dann suchen die Jugendlichen auch genau hierfür eine konkrete Figur oder Geschichte, in der eben jenes wertgeschätzt wird. Insofern ist es insbesondere hier notwendig, entsprechendes symbolisches Material zur Verfügung zu haben, um eine positive Auseinandersetzung mit dem eigenen Sein zu ermöglichen. Doch genau diese medialen Angebote, in denen nicht nur die Schönen, Reichen und Weißen im Mittelpunkt stehen, sind Mangelware.



Anmerkungen

1) In New York der Bedeutungskonstitution von Freundschaften und Familie sowie der Rolle von Medienbildern in diesem Zusammenhang, in Bangalore der Bedeutung von Religion, Kaste, sozialer Stellung und Ethnizität in der Identitätskonstruktion sowie der Bedeutung von Medien in diesem Kontext.

2) Die Jugendlichen wurden intensiv dazu befragt, ob sie Figuren kennen, die Momente ihrer eigenen lokalen Identität aufweisen und welche Merkmale Figuren aufweisen müssten, um als berlinerisch, bayerisch, ostdeutsch, US-amerikanisch, afrikanisch oder indisch zu gelten. Da dies jedoch ein hohes Maß an Abstraktion voraussetzt, wurde ein Set von insgesamt neun deutschen und sechs internationalen (vier US-amerikanischen, einer indischen, einer afrikanischen) realen wie auch animierten Fernsehfiguren zusammengestellt und mit den Jugendlichen diskutiert.



Literatur

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