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Autor: Grimm, Jürgen.

Titel: Das Phänomen 'Big Brother'. Ergebnisse eines Forschungsprojekts.

Quelle: Hand-out zu den 'Tagen der Forschung 2000'. Augsburg 2000.




Jürgen Grimm

Das Phänomen „Big Brother“

Ergebnisse eines Forschungsprojekts

Hand-out zu den „Tagen der Forschung 2000”

in Zusammenarbeit mit:
Sonja Eser
Laura Sfercoci
Michaela Moses
Thomas Korntheuer
Francois Croissant
Eva Maria Wiest
Jens Kreusch



Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung 2

Einleitung: Zur Kommunikationsdynamik bei „Big Brother“ 3

1 Untersuchungsziele und Grundthese 5

2 Intermedialität 8

2.1 Phasenverlauf der Presseberichterstattung 8

2.2 Fernsehnutzung und Internetnutzung 10

3. Personale Kommunikation 12

3.1 Gesprächsdauer nach Sehergruppen 12

3.2 Gesprächsthemen 12

4 Ethische Aspekte 14

4.1 Verbotsforderungen 14

4.2 Wirkungszuschreibungen: Third-Person-Effekt 14

4.3 ... zum Beispiel: „Manu-raus“-Rufe 15

5 Zuwendungsgründe 16

5.1 Motive des BB-TV-Konsums 16

5.2 Psychosoziale Eigenschaften der BB-Seher 18

6 Realitätsvermittlung durch „Big Brother“ 19

Schluss 20

Resümee 22

Vorbemerkung

Die hier vorgestellten Forschungsergebnisse basieren auf einer Befragung zu „Big Brother“ mit 815 Probanden, die vom 29. Mai bis zum 9. Juni 2000 (Tag des Finales) im Rahmen eines Forschungsseminars der Universität Augsburg (Leitung: Prof. Dr. Jürgen Grimm) durchgeführt wurde. Gefragt wurde neben soziodemographischen Merkmalen u.a. nach dem Kommunikationsverhalten, den Sehmotiven und nach psycho-sozialen Merkmalen (Empathie, Kontaktverhalten, Erlebnissuchetendenz). Daneben wurden noch Personenbewertungen und diverse Einstellungen zu „Big Brother“ (Fan oder Gegner, Realitätseindruck, Verletzung ethischer Werte u.a.m.) ermittelt.

Die Befragungspersonen kamen aus Augsburg und Umgebung überwiegend aus dem außeruniversitären Bereich. 54% hatten Abitur, 46% waren ohne gymnasialen Schulabschluss. Der jüngste Teilnehmer war 10 Jahre, der älteste 81 Jahre alt. Frauen stellten ähnlich wie bei den Big-Brother-Sehern eine Mehrheit von 60% gegenüber 40% Männern. Als Nichtseher von „Big Brother“ gaben sich 17,5% zu erkennen. Zu den Gelegenheitssehern zählten 51,6%, zu den Big-Brother-Vielsehern 30,9%.

Das Projekt wird derzeit mit einer Zweitbefragung und Gruppendiskussionen fortgesetzt. Das vorliegende Hand-out referiert ausgewählte Resultate der Erstbefragung.

Einleitung: Zur Kommunikationsdynamik bei „Big Brother“

Die Natur hasst Schminke, und was nicht durch Kunst verdorben ist, gelingt viel besser. Seht ihr denn nicht, wie bei jeder Gattung der übrigen Lebewesen jene am glücklichsten leben, denen Kunst und Wissenschaft völlig fremd sind und die nur dem Trieb der Natur folgen.

(Erasmus von Rotterdam: Lob der Thorheit)

Das markanteste Ereignis, das die von uns in der Final-Woche der ersten Big-Brother-Staffel befragten Zuschauer in Erinnerung behalten hatten, war Verona Feldbuschs Dixi-Klo. Eine 29-jährige Augsburger Angestellte mokierte sich über die gesonderte Toilette, die sie zugleich interessierte und irritierte. „Hier handelt es sich doch um eine stinknormale Frau, wie jede andere, nur ist sie eben bekannt, hat aber die gleichen Probleme wie die anderen“. Probleme der Notdurft führen hier zur philosophisch anmutenden Frage nach der Ähnlichkeit und dem Unterschied zwischen Prominenz und Durchschnittsbürger. Verona ist buchstäblich „stinknormal“, sie hat dieselben körperlichen Bedürfnisse wie andere – warum also die Extra-Wurst? Die schiere Bekanntheit Veronas leuchtet der Probandin als Abgrenzungsgrund nur bedingt ein. Und so bleibt ihr die resignierende Einsicht: Die Banalität des Alltagsgeschäfts vereinigt alle Menschen, aber die Art und Weise der Verrichtung macht den Unterschied.

Gerade so, als ob die Probanden die schlimmsten kulturpessimistischen Befürchtungen im Zusammenhang mit „Big Brother“ bestätigen wollten, folgten in der Nennrangfolge markanter Big-Brother-Erinnerungsstücke auf Platz (2) die Sexspielchen von Kerstin und Alexander unter der Bettdecke sowie auf (3) der von Aggression und Mobbing gekennzeichnete Abgang Zlatkos.

Banalität, Sex und Aggression waren genau die Kriterien, die schon in der Vorphase von „Big Brother“ (im Folgenden mit BB abgekürzt) die veröffentlichte Kritik bestimmten, und – nach erstem Eindruck – auch das Herzstück der rezeptiven Beschäftigung der Zuschauer bilden. Der dominante, memorierende Rekurs auf das Dixi-Klo, auf Sex und Mobbing bedeutet nun allerdings nicht, dass die Zuschauer samt und sonders der BB-Mixtur aus Biologie und Banalität wohlwollend und zustimmend erlagen. Im Zusammenhang mit der Sexaffäre zwischen Kerstin und Alexander wurde u.a. kritisiert, dass sie aus Berechnung im Hinblick auf zu erwartende Popularitätswerte, also aus Gewinnsucht unternommen wurde – und: dass Sex als Privatsache und nicht als exhibitionistische Übung zu behandeln sei. Bezüglich Zlatko regte sich manch eine(r) auf, dass so ein „dummer Mensch“ (alias Mister „Shakesbier“) soviel Medienaufmerksamkeit erlangen konnte. Natürlich gab und gibt es jede Menge Fans, die Zlatko ob seines kometenhaften Aufstiegs vom Automechaniker zum Medienstar bewunderten. Gegner und Fans von Zlatko und Co. haben gemein, durch „Big Brother“ emotional stark beansprucht worden zu sein, was die Zustimmung ebenso wie die Ablehnung ventilierte.

Und beide – die Zustimmung und die Ablehnung – waren im Fall „Big Brother“ gewaltig. Bei den 14- bis 29-Jährigen erreichte die Show Traum-Quoten zwischen 30 und 40 % zur besten Sendezeit nach 20 Uhr. Das BB-Internet-Angebot avancierte in Deutschland zeitweise zur erfolgreichsten Website überhaupt. Wochenlang war „Big Brother“ Gesprächsthema Nr.1 auf Schulhöfen, in der Kneipe und am Arbeitsplatz. Die Gegner operierten derweil mit Entrüstungsvokabeln („Menschenexperiment“, „Knast-TV“, „Triumph der Banalität“ etc.) sowie mit Verbotsforderungen und konnten die entfaltete Kommunikationsdynamik doch nicht stoppen, noch nicht einmal verlangsamen.

Schon hier lässt sich erahnen, dass der Big-Brother-Medien-Boom und dessen millionenfache Reflexionen im persönlichen Gespräch aus einer seltsamen Mischung negativer und positiver Zukehr resultierten. Ähnlich wie Gildo Horn dem deutschen Schlager durch Ironisierung neue, junge Publikumsschichten erschloss und so wie erst der Protest von Altschlager-Stars gegen die Grand-Prix-Nominierung Horns in der Bild-Zeitung eine Pro-Horn-Massenbewegung auslöste, hat auch das Phänomen „Big Brother“ eine kritisch-distanzierende Seite, die zum Erfolg der Sendung beigetragen hat. Mikos et al. (2000) berichteten in ihrer BB-Studie, dass RTL 2 bewusst im Vorfeld des Sendungsstarts Skandal-Meldungen unter den Stichworten „Sex und Gewalt“ lanciert habe, um die Medienkritik quotensteigernd zu provozieren. Die reagierte prompt mit der moralischen Keule und hat den Markterfolg des Senders noch erhöht.

Leider gehören moralische Zynismen mittlerweile schon obligatorisch zur „Dialektik der Kommunikationsgesellschaft“, die Richard Münch so eindringlich beschrieben hat (1992, 1996). Die kommunikative Dynamik von „Big Brother“ wird freilich durch den Hinweis auf PR-Einflüsse und moraldiskursive Katalysatoren keineswegs erschöpft. Sender-PR (der zynischen oder nichtzynischen Art) hat unter demokratischen Bedingungen nämlich nur dann Erfolg, wenn sie auf zuwendungsrelevanten Bedürfnissen, Motiven und Erwartungen der Zuschauer fußt. Und Quotensteigerungen via moralische Kritik kommen nur dann zustande, wenn das kritisierte Kommunikat populäre Qualitäten aufweist, die den potenziellen Populismus der Kritik übersteigen.

1 Untersuchungsziele und Grundthese

Ziel der ersten Augsburger Big-Brother-Untersuchung war es, etwas über die Zuwendungsgründe der Zuschauer und Spielpartizipanten zu erfahren. Des Weiteren ging es um die Rekonstruktion der Kommunikationsdynamik, die sich im „magischen Viereck“ zwischen Fernsehen, Presse, Internet und der personalen Kommunikation der Zuschauer (Gespräche) entfaltet und das Phänomen „Big Brother“ ermöglicht hat (siehe Grafik).




Von „Phänomen“ ist die Rede, da „Big Brother“ keineswegs ein Fernsehereignis im üblichen Sinne ist. Zugegeben, die Einschaltquoten vor allem der ersten Staffel waren gigantisch und für den ausstrahlenden Sender RTL 2 und die Produktionsfirma Endemol sehr einträglich. Auch ist „Big Brother“ insofern ein Kind des Fernsehens, als die 100-Tage-Container-Realität eigens für das Fernsehen in Szene gesetzt wurde. Die entscheidenden Voraussetzungen des BB-Booms sind freilich außerhalb des Fernsehens angesiedelt. Sie stehen mit zwei allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungstrends in Verbindung:

  1. mit dem Zusammenwachsen mehrerer Mediensysteme zu multimedialen Komplexen und

  2. mit der zunehmenden Verlebensweltlichung der Medien.

Erfolgreich sind unter diesen Bedingungen Programme, die Cross-Media-Techniken sinnvoll anwenden und Nutzungsoptionen für das Alltagslebens offerieren. Dies war bei „Big Brother“ in hohem Maße gegeben.

„Big Brother“ profitiert von der intermedialen Präsenz in Presse, TV und Internet und bediente in einem spezifischen Genre-Mix die Bedürfnisse nach Integration von Medienwelten und Alltagsleben.

Aus Zuschauerperspektive (insbesondere der jüngeren und jüngsten) ist „Big Brother“ die bessere Soap, das interessantere Spiel, der authentischere Talk und das lebensnähere Reality TV, für die sich jeweils Vorläufer benennen lassen, die bei BB aber zu einer besonderen synergetischen Einheit verschmelzen. Die Verzahnung von Medien- und Lebenswelt zeigt sich zunächst an zahlreichen persönlichen Gesprächen, die nach unseren Erkenntnissen über das Thema „Big Brother“ geführt wurden. Vielfach blieb es nicht beim bloßen Reden: Karawanen von Fans pilgerten am Samstag zu den Ein- und Auszügen der Container-Bewohner nach Hürth, als ginge es um das Revival der Beatles oder um letzte Karten für das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft. Bezeichnenderweise mussten die Sicherheitsvorkehrungen in Hürth drastisch verstärkt werden, sei es, weil engagierte Zuschauer ihre angestammte Rolle verließen und in den Container eindringen wollten, sei es, weil aufgebrachte Gegner durch Buh-Rufe bestimmte Container-Bewohner zur Aufgabe zwingen wollten. Solche Formen der Publikumspartizipation sind aus Fußballstadien wohlbekannt. Neu ist lediglich der exzessive Gebrauch, den Fernsehzuschauer von ihren Souveränitätsrechten machen und dabei die Grenzen zwischen Alltags- und Medienwelt verwischen. Man kann diese Annäherung des Fernsehens an die Sport- und Spektakelkultur als Distanzverlust beklagen oder aber als Ausdruck einer Durchdringung der Mediensysteme durch die alltägliche Lebenswelt begreifen, die ein Korrektiv zu den expandierenden Medienapparaten schafft.

Die Hauptfragen unseres Forschungsprojekts lauten:

  1. Welche Rolle spielen die Faktoren Intermedialität und personale Kommunikation bei der sozialen Verbreitung und individuellen Belohnung der BB-Nutzer?

  1. Welche Zuwendungsgründe stehen bei der Big-Brother-Rezeption im Vordergrund und bilden die motivationale Basis der BB-Popularität?

  2. Welche Sendungsmerkmale korrespondieren mit den Zuwendungsgründen und tragen deshalb zur Erklärung der Kommunikationsdynamik von „Big Brother“ bei?

Grundthese:

„Big Brother“ bezieht seinen Reiz aus dem Scheitern globaler Inszenierungsabsichten innerhalb eines hyper-inszenierten Terrains. Interessant ist BB für das Publikum vor allem wegen authentischer Momente, die als „Wirklichkeitssplitter“ in den Zwischenräumen der Spielinszenierung entstehen und einen unverstellten (vorreflexiven) Erstzugriff auf lebensweltlich fundierte Realitätskonstrukte gestatten.

Die Art der Realitätskonstruktion in „Big Brother“ ist notwendig bruchstückhaft und setzt einer sinnstiftenden, auf Bedeutungszusammenhänge gerichteten Weiterverarbeitung durch die Rezipienten Widerstand entgegen. Eine Verarbeitung ist aber insofern möglich, als Mediennutzer kognitive Schemata aus ihren Alltagsvollzügen ins Spiel bringen, an denen sie die „Wirklichkeitssplitter“ aus der Big-Brother-Rezeption messen, d.h. annehmen oder verwerfen, notfalls ergänzen oder modifizieren können. Durch para-soziale Interaktion sowie durch intermediale Rezeption und personale Kommunikation versuchen die kognitiv angeregten BB-Gebraucher den Mangel an Kohärenz und Reflexion nachträglich zu kompensieren.

2 Intermedialität

Die Kommunikationsdynamik der ersten Big-Brother-Staffel ist maßgeblich auf eine ausgeprägte Intermedialität zurückzuführen, die das Fernsehen, die Presse und das Internet umfasst.

2.1 Phasenverlauf der Presseberichterstattung

Kein Medienbereich vermochte sich dem Big-Brother-Boom zu entziehen. Dies betraf nicht zuletzt die Printmedien (Zeitungen, Zeitschriften), deren Berichterstattung fast lückenlos erfolgte und eine charakteristische Phasenabfolge zwischen Oktober 1999 und Juni 2000 erkennen ließ.

Phase 1 : Die Wahrnehmungsphase (Mitte Oktober 1999 bis Mitte Januar 2000)

Phase 2 : Die Bedenkenträgerphase (Mitte Januar bis Anfang März (2000)

Phase 3 : Der Hype (ab Anfang März 2000)

Phase 4 : Die Symbolisation (ab Ende März 2000)

Untersucht wurden:

2.2 Fernsehnutzung und Internetnutzung


























3 Personale Kommunikation

3.1 Gesprächsdauer nach Sehergruppen








3.2 Gesprächsthemen








4 Ethische Aspekte

4.1 Verbotsforderungen






4.2 Wirkungszuschreibungen: Third-Person-Effekt

Die Bewertung von Medien und medienethische Debatten werden stark von Wirkungsannahmen beeinflusst. Wir fragten daher nach der vermutlichen Wirkung von BB auf andere Zuschauer und, getrennt davon, auf die eigene Person.






4.3 ... zum Beispiel: „Manu-raus“-Rufe

„Big Brother“ bot dem Zuschauer neue Möglichkeiten, live dabei zu sein und das mediale Geschehen selbst zu beeinflussen. Daher lag es nahe, von der para-sozialen Interaktion zur sozialen Interaktionen überzugehen. Durch diese Entgrenzung der Rolle des Zuschauers, ergaben sich neue ethische Fragestellungen.






5 Zuwendungsgründe

Es wurden sowohl die bewussten Sehmotive der Rezipienten ermittelt als auch deren psychischer Hintergrund.

5.1 Motive des BB-TV-Konsums

Sieben Motivgruppen lassen sich unterscheiden, die alle auf der Zuschauerseite mit unterschiedlichen Anteilen an der Zuwendungsattraktivität von „Big Brother“ beteiligt sind:

  1. Kognitive Stimulation: Neugier
    Hierunter fallen die Neugier-Motive, die sich entweder auf das Alltägliche oder auf Außergewöhnliches beziehen.

  2. Kognitive Reflexion: Orientierung
    Eine Zuwendung zum Medium erfolgt aus Gründen des Vergleichs oder um etwas zu lernen.

  3. Emotionale Stimulation: Erlebniswert
    Der stimulierende Erlebniswert kommt durch Wiedererkennung des Bekannten oder durch Außergewöhnliches bzw. Überraschendes zustande.

  4. Emotionale Reflexion: Gefühlsmanagement
    Der emotionale Wert besteht darin, die eigene emotionale Befindlichkeit zu verändern.

  5. Para-soziale Interaktion
    Damit ist die Illusion einer Face-to-Face-Beziehung gemeint. Es handelt sich um eine scheinbare soziale Interaktion. Die Medienfigur wird beispielsweise als persönlicher Freund angesehen.

  6. Soziale Interaktion
    Motive der soziale Interaktion sind auf den direkten zwischenmenschlichen Kontakt gerichtet.

  7. Spiel
    Spielmotive beziehen sich auf die teilnehmende Beobachtung von Spielen oder auf direkte Spielaktivitäten

Das Unterhaltungsteam nimmt eine Sonderstellung insofern ein, als es andere Motivgruppen flexible Weise bündelt und diese mit einem hedonistischen Akzent versieht.




5.2 Psychosoziale Eigenschaften der BB-Seher






Hochsignifikante Resultate wurden erzielt in Bezug auf das Enthemmungsbestreben und die Einsamkeit der Sehgruppen.

  1. Personen die nach Enthemmung streben (Interesse an ausgelassenen Partys, Bereitschaft, sich durch Alkohol und andere Stimulanzien in eine gute Stimmung zu versetzen) wenden sich BB zu (sowohl in moderater als auch in intensiver Art und Weise), da ihnen dieses spezielle Format die Möglichkeit gibt, Hemmungen fallen zu lassen.

  2. Insbesondere die Einsamen sind BB-Intensivnutzer. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Einsamkeit generell mit Fernsehkonsum hoch korreliert.

Es gibt zwei Erklärungsmöglichkeiten dafür, warum gerade bei den Einsamen BB so gut ankommt:

6 Realitätsvermittlung durch „Big Brother“






Schluss

In seinem „Lob der Thorheit“ wirbt Erasmus von Rotterdam (1469-1536) für kognitive Demut und Toleranz. Im naiven Lachen vermeint er, einen göttlichen Funken entdeckt zu haben, der dem Fraktalen und Undurchschaubaren der Welt besser gerecht wird als intellektueller Hochmut. Ein Pferd leidet nicht darunter, dass es nicht rechnen kann, so wenig wie Zlatko darunter leidet, dass er nicht weiß, wer Shakespeare ist. In der Gedankenspur von Erasmus sollten wir ihn darum beneiden! Vor diesem Hintergrund wird verständlich, was viele Zlatko-Fans wider besseres Wissen dazu brachte, die ironische Formulierung „The brain“ für ihren Star zu akzeptieren. Sie erkannten in dem Anti-Intellektuellen einen Hinweis auf die prinzipielle Begrenztheit des menschlichen Erkenntnisvermögens – das eigene inklusive.

Resultate der Big-Brother-Befragung im Überblick:

Das hervorstechendste Resultat der Untersuchung besteht darin, dass die Big-Brother-Seher sehr wohl in der Lage sind, zwischen Schein und Sein zu unterscheiden und dabei innerhalb eines hochgradig inszenierten Terrains die für sie passenden „Wirklichkeitssplitter“ zu selektieren. Gerade in den Momenten, in denen eine Vielzahl von Akteuren (der Sender, die Bewohner, die Zuschauer) versuchen, das Spiel in ihrem Sinne zu lenken, kommt es fast notwendig zu kleineren und größeren „Unfällen“, in denen sich ein Widerschein von Realität jenseits der Inszenierung manifestiert. Aus der fraktalen Widerständigkeit inszenierungsresistenter Elemente, die sich gegen Manipulationsbestrebungen jedweder Art durchsetzten, haben die Zuschauer von „Big Brother“ einen besonderen reizsteigernden Realitätseindruck gewonnen. Um dies zu verstehen, sollte man bedenken, dass fiktionale Formate (vor allem solche, die starken rituellen Regeln unterliegen) in einer reizmindernden Weise als „künstlich“ erlebt werden. Von der Differenz gegenüber dieser Künstlichkeit lebt die Popularität des Formats „Big Brother“, das sich genau in diesem Sinne als Reality TV erweist. Man hätte deshalb das Phänomen „Big Brother“ auch missglückte Inszenierung nennen können, wenn das Durchbrechen der inszenatorischen Kontrolle nicht selbst Teil der Gesamtinszenierung wäre – einer Inszenierung freilich ohne Regisseur!

Die Analyse der Sehmotive hat gezeigt, dass das Auflesen der Wirklichkeitssplitter durch die BB-Seher in einen intermedialen, para-sozialen und sozialen Rahmen eingebettet ist. Umfangreiche kommunikative Anschlusshandlungen, vor allem das enorme Ausmaß para-sozialer Interaktionen und persönlicher Gespräch über „Big Brother“, haben wohl dafür gesorgt, dass die Sinnkohärenz auf der Jagd nach authentischen Realitätspartikeln nicht ganz und gar verloren ging. Als offen muss gelten, ob es den eher einsamen Big-Brother-Vielsehern im Geiste oder auch de facto möglich war, Isolationsempfindungen zu überwinden. Eigene Untersuchungen im Zusammenhang mit Kontaktshows („Nur die Liebe zählt“) belegen (Grimm 1995), dass es den Einsamen durch die Partizipation an medialen Kontaktinszenierungen gelingt, Einsamkeitsgefühle zu reduzieren und dass sie teilweise auch aus der Medienrealität einen Impuls zur Kontaktgestaltung erhalten.

Resümee

Vieles deutet darauf hin, dass mit der Zunahme der elektronischen Medienangebote Einhakpunkte für ein adäquates Realitätsverständnis knapp geworden sind. Mediale Informationen büßen im Zeitalter der elektronischen Beliebigkeit einen Großteil ihrer Orientierungsfunktion ein. Die Mediennutzer reagieren auf den Verlust an kognitiver Eindeutigkeit damit, dass sie im Treibsand der flüchtigen Medienangebote nach den Resten der verlorengegangenen Objektivität suchen. Das Publikum tastet in mediatisierten Grenzsituationen nach Wirklichkeitssplittern, um einen Rest Widerständigkeit zu spüren. Dies setzt Simulationsbereitschaft und Selbstreferentialität voraus, denn Widerstand im eigentlichen Sinne leistet nur die außermediale Realität. Die Gier nach Wirklichkeit, die sich im Medium verausgabt, markiert das Kernproblem gegenwärtiger Medienerfahrung, deren Realitätskonstruktionen ein nicht einlösbares Identitätsversprechen geben. Mit der Betonung des Realitätscharakters von Fernsehen wird aber die Differenz zur „echten“ außermedialen Realitätserfahrung umso stärker empfunden. Daher stellt sich die Frage, was kommt nach Reality TV?

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