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Autorin: Groebel, Jo.

Titel: Mediensozialisation und -wirkungen bei Kindern in Deutschland und anderen Ländern. Ergebnisse der UNESCO-Medienstudie und deutscher Untersuchungen.

Quelle: Walter Klingler/Gunnar Roters/Oliver Zöllner (Hrsg.):Fernsehforschung in Deutschland. Themen - Akteure - Methoden. Südwestrundfunk-Schriftenreihe Medienforschung, Band 1 (Teilband 2). Baden-Baden 1998. S. 545-558.

Verlag: Nomos Verlagsgesellschaft.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Jo Groebel

Mediensozialisation und -wirkungen bei Kindern in Deutschland und anderen Ländern. Ergebnisse der UNESCO-Medienstudie und deutscher Untersuchungen

Father heard his children scream,
so he threw them in the stream,
saying as he drowned the third,
children should be seen not heard.
Harry Graham, Ruthless Rhymes, 1899

1. Vorbemerkung

Kinder und Erwachsene waren schon immer an aufregenden und gewalttätigen Geschichten, Reimen (siehe oben) und Märchen interessiert. Mit dem Entstehen der Massenmedien, dem Film und besonders dem Fernsehen nahm der täglich konsumierbare Umfang aggressiver Inhalte jedoch noch deutlich zu. Schon seit langem wird eine Korrelation zwischen zunehmender realer Gewalt und Mediengewalt vermutet. Mit den neuen Entwicklungen der Medien »Video«, »PC« und »Internet« ist noch einmal eine weitere Zunahme gewaltsamer Bilder festzustellen. Videos zeigen realistische Szenen von Folter und Tod, die Computerspiele ermöglichen dem Benutzer, andere scheinbar umbringen zu können, das Internet ist neben den positiven Möglichkeiten eine Plattform für Kinderpornographie und Terrorismus geworden. Trotz dieser Phänomene bleiben die wichtigsten Ursachen für Gewalt immer noch Familie, Umgebung und soziale Umstände.1

Dennoch spielen die Medien eine wichtige Rolle bei der Entwicklung kultureller Orientierung, von Weltbildern und Einstellungen, sowie der globalen Verbreitung von Werten. Sie sind nicht nur Spiegel kultureller Trends, sondern können diese auch kanalisieren. Letztlich sind sie sogar Konstituenten der sozialen Wirklichkeit. Natürlich waren sie auch schon immer Mittel der Propaganda. Tausende von Studien über Wirkungen haben das Risiko demonstriert, daß Aggressionen durch Medien zunehmen können, keine dieser Studien widmete sich dem Problem jedoch auf globaler Ebene. In dieser Situation initiierte die UNESCO ein Projekt, das die internationale Bedeutung des Themas untersuchen sollte. Vor allem ging es um die möglichen kulturellen Unterschiede, den Einfluß der tatsächlichen Gewalt in der Umgebung der Kinder sowie um die technischen Entwicklungsstufen einzelner Länder.

Dazu wurde unter Leitung des Autors ein Fragebogen entwickelt, der in allen Ländern übersetzt und anwendbar war. Rund fünftausend zwölfjährige Kinder, Jungen und Mädchen, aus 23 Ländern der ganzen Welt nahmen an der Untersuchung teil. Dies heißt, die Studie ist die bislang größte ihrer Art. Etwa die Hälfte der untersuchten Länder hatten noch nie zuvor an einer Untersuchung über Medien teilgenommen.

Die Weltorganisation des Scout Movement hatte die Verantwortung für die Arbeit im »Felde« und organisierte die internationale Logistik. Dazu gehörte das Training der vor Ort Verantwortlichen, die Verteilung der Fragebogen sowie die Sammlung der Daten. Die wissenschaftliche Auswertung der Ergebnisse erfolgte an der Universität Utrecht.

2. Die Mediennutzung der Kinder

Fernsehen ist das wichtigste Medium der Drei- bis 13jährigen in Deutschland. 99 Prozent der deutschen Kinder haben in der Familie mindestens ein Fernsehgerät, 19 Prozent haben einen Apparat im eigenen Zimmer stehen. 5,5 Millionen Kinder sehen täglich fern. Insgesamt verbrachten die drei- bis 13jährigen Kinder 1996 im Durchschnitt mehr als anderthalb Stunden vor dem Bildschirm: Mit 101 Minuten pro Tag2 entsprach dies seit 1992 (93 Minuten) einem Anstieg von fast zehn Prozent. Nun sagen solche Durchschnittswerte über verschiedene Altersgruppen und Sehergruppen hinweg noch vergleichsweise wenig. Aufgeteilt nach verschiedenen Altersabschnitten sehen die Durchschnittszeiten folgendermaßen aus:

Altersgruppe

3-5 Jahre

6-9 Jahre

10-13 Jahre

ab 14 Jahre

Sehdauer

81

96

120

196

Besonders interessant ist die Aufteilung in Viel-, Mittel- und Wenigseher: Sechs Prozent der Kinder sehen mindestens drei Stunden pro Tag fern, das entspricht in absoluten Zahlen rund 600.000 deutschen Kindern, die täglich drei Stunden und mehr vor dem Fernseher sitzen. Fast 100.000 Kinder schauen sogar fünf Stunden und mehr fern. Rund vierzig Prozent (circa 3,3 Millionen) verbringen mindestens eine Stunde mit dem Medium und zehn Prozent sind eher Wenigseher mit weniger als dreißig Minuten täglich.

Im internationalen Vergleich liegt der deutsche Wert speziell der Zwölfjährigen etwas unter dem Weltdurchschnitt von rund drei Stunden für diese Altersgruppe bei einer Verbreitung des Fernsehens mit 93 Prozent aller Kinder in den verschiedenen Ländern: Diese in der UNESCO-Studie zum Medienverhalten gefundenen »Globalwerte« müssen natürlich auch wieder differenziert werden. Afrikanische Länder haben eine geringere Verbreitung des Mediums »Fernsehen«, entsprechend können hier Kinder durchschnittlich weniger als eine Stunde sehen im Vergleich zu Japan, wo bis zu sieben Stunden Sehzeit erreicht werden.

Aus Japan liegen auch einige der wenigen Untersuchungen vor, die den frühesten Fernsehkonsum untersuchten: Schon mit wenigen Monaten reagieren Babys auf Fernsehreize und mit anderthalb werden bereits TV-Jingles nachgeahmt. Bewußte Sehzeiten gibt es in dem Alter natürlich noch nicht. Aber in 73 Prozent der japanischen Haushalte (die häufig Einzimmer-Haushalte sind) scheint in dem Raum, in dem sich ein Baby meist aufhält, täglich der Fernseher im Schnitt vier Stunden zu laufen.3

Wenn auch nicht so extrem, so nimmt doch auch in Deutschland im Vergleich zu anderen Aktivitäten das Fernsehen die zentrale Rolle ein: In der »Kinder-Medien-Studie 90«4 lag das »Fernsehen« beim Zeitaufwand für tägliche Freizeitaktivitäten an erster Stelle, 82 Prozent nannten dieses Medium, 73 Prozent »Draußen spielen«, 55 Prozent »Freunde treffen«, 51 Prozent »die Familie«. Die anderen Medien folgten mit größerem Abstand: jeweils 46 Prozent »Kassette / CD« oder »Radio hören«, 32 Prozent »Bücher lesen«, zwölf Prozent »Video«, neun Prozent »Computer«.

Im Weltmaßstab der 23 für die UNESCO untersuchten Länder entfielen auf das »Fernsehen« sogar 50 Prozent mehr Zeit als auf die nächstfolgende Aktivität, »mit Freunden spielen«.5 Rein statistisch gesehen, ist damit dieses Medium die wichtigste informelle Sozialisationsinstanz.

3. Die Funktion der Medien

3.1 Gewohnheit

Der zeitlich hohe Stellenwert der Medien hängt mit ihren wichtigen Funktionen für das Leben der Kinder zusammen. Allgemein sind sie Teil von Alltagsgewohnheiten in der Familie, ohne daß jeweils besondere Entscheidungen getroffen oder darüber reflektiert würde. Dazu gehört das gewohnheitsmäßige Einschalten des Fernsehers beim Nachhausekommen oder des Radios beim Essen. Ebenso werden sie von den Kindern genutzt, weil diese »nichts besseres« zu tun haben, also aus Langeweile. Ein großer Teil des Medienkonsums ist also nicht das Resultat bewußter Entscheidungen, sondern ergibt sich eher nebenbei aus Gewohnheit oder aus der Situation heraus.

Daneben gibt es natürlich viele inhaltliche Motive für den Konsum verschiedener Angebote. Sie sind zum größeren Teil medienübergreifend, gelten also zum Beispiel für Fernsehen, Bücher, Comics, Computerspiele in inhaltlich ähnlicher Form. Die Entscheidung für ein bestimmtes Medium ergibt sich dann eher aus bestimmten Gewohnheiten, »Moden« oder der ansprechendsten Gestaltung einer Technik. Daß dabei (noch) das Fernsehen dominiert, wurde bereits erwähnt.

3.2 Entwicklungspsychologie

Die Medien, und besonders das Fernsehen, erfüllen altersabhängig spezifische entwicklungspsychologische Funktionen. Für jüngere Kinder sind Phantasie, Kontrolle und die allmähliche Entdeckung der realen Welt die wichtigsten Faktoren. Entsprechend schätzen sie einerseits Sendungen, die ihnen hier spielerisch Orientierungen bieten, wie »Sesamstraße« oder »Die Sendung mit der Maus«, andererseits rein unterhaltende Zeichentrickfilme, die sie in Märchen- und Phantasiewelten entführen. Noch fünfzig Prozent der Sechs- und Siebenjährigen nennen einen Zeichentrickfilm als ihr liebstes Programm. Danach werden Sendungen immer wichtiger, die den Kindern Geschlechtsrollen-Vorbilder bieten. Die Jungen wenden sich Actionfilmen, die Mädchen Familienserien und Shows zu (Jungen: Action 22 Prozent der Zwölf- und 13jährigen gegenüber fünf Prozent der Sechs- und Siebenjährigen; Mädchen: Familienserien 24 Prozent der Zwölf- und 13jährigen gegenüber drei Prozent der Sechs- und Siebenjährigen). Der »Hauptsprung« scheint dabei zwischen dem siebten und achten Lebensjahr zu liegen. Mit der Pubertät wird dann der direkte Kontakt mit dem anderen Geschlecht wichtig. Dies manifestiert sich einerseits in Serien aus dem Teenagermilieu (zum Beispiel »Gute Zeiten, schlechte Zeiten«), andererseits in der Präferenz für Musiksender wie MTV und VIVA, die bei den 13jährigen in der Untersuchung von 1996 die höchsten Affinitätswerte erreichten.

3.3 Physiologie

Es sind nicht immer inhaltliche Argumente, die die Vorlieben der Kinder für (gewaltsame) Medieninhalte erklären. Die formale Gestaltung, der »Action«-Charakter des Angebots, zumal von Computerspielen, spielt eine ebenso wichtige Rolle. Die Geschichten von »Cartoons« und »Games« treten gegenüber den Geräuscheffekten, den visuellen Reizen und der eigenen Reaktionsgeschwindigkeit häufig völlig in den Hintergrund. Erzeugt wird ein als angenehm erlebter körperlicher Nervenkitzel, bei dem allerdings nach einer Weile Gewohnheit eintreten kann und der dann nach stärkerer Reizung verlangt. Man kann hier nicht von körperlicher Abhängigkeit sprechen, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß ein Zusammenhang zwischen (mangelnder) Konzentrationsfähigkeit, (Hyper-) Aktivität und ständiger Medienreizsuche besteht. Bestätigt wird diese Annahme durch Ergebnisse der UNESCO-Studie: Das Bedürfnis nach sensorischer Stimulation liegt bei Kindern aus Ländern mit einer hochdifferenzierten und vielfältig ausgeprägten Medienlandschaft wesentlich höher als bei denen aus technologisch schwach entwickelten Ländern. Es besteht eine Wechselbeziehung zwischen der biologischen Reizsuchedisposition und der Intensität der kindlichen Medienumwelt.

3.4 Gefühl

Mit der physiologischen Seite verwandt, aber stärker inhaltsbezogen, sind die emotionalen Bedürfnisse der Kinder. Am häufigsten nennen sie als Motiv für Fernsehkonsum Ablenkung und Entspannung. Was schon für Märchen früherer Zeiten galt, ist auch beim Fernsehen (und bei Computer, Comics und Kassetten) am wichtigsten: Man versetzt sich in eine Phantasiewelt, kann damit auch intensivere Gefühle durchleben, ohne daß alle Wünsche und Ängste gleich ernsthaft verarbeitet werden müssten. Eine Funktion ist dabei, neben der reinen Entspannung, das spielerische Einüben von Reaktionen, die in späteren, realen Situationen einmal auftreten könnten.

Problematisch wird das Bedürfnis erst dann, wenn es dauerhaft dem sogenannten Eskapismus dient; ein Teil der Kinder, so zeigt auch die UNESCO-Studie, hat dauerhaft im Alltag so große Probleme, daß sie sich in die fiktive Welt der Mediengeschichten »flüchten«, ohne daß damit ihre eigenen Schwierigkeiten wirklich gelöst würden.

In die gleiche Kategorie gehört auch die Identifikation mit den Hauptpersonen und Helden der Medien. Kinder haben schon immer Rollenvorbilder in Geschichten gesucht, dies gehört zur normalen Sozialisation. Auch hier wird es erst dann problematisch, wenn auf Dauer jede Distanz zum Idol verloren geht und eigene Defizite kompensiert werden sollen: mangelndes Selbstbewußtsein durch Hineinschlüpfen in die Person des Actionhelden oder mangelnde Zuwendung durch die Bindung an den geliebten Star.

3.5 Denken und Orientierung

Bewußte Informationssuche hat bei Kindern in der Freizeit einen geringeren Stellenwert. Sie nutzen kaum aktiv Nachrichten, sehen diese eher, weil auch die Eltern schauen. Sehr beliebt sind allerdings lehrreiche Vorschulprogramme wie »Sesamstraße« oder »Die Sendung mit der Maus«. Dies gilt für die Gruppe der noch nicht schulpflichtigen Kinder, weil diese Lernen noch als vorwiegend erstrebenswerte Aktivität und nicht als (häufig lästige) Pflicht ansehen.

Mit spezialisierteren Medienmöglichkeiten wie CD-ROM oder Internet werden allerdings auch bei Schulkindern deren Interessen so gut bedient, daß wieder freiwilliges »Medienlernen« stattfindet. Für Bildungs- und Medienpolitik der Zukunft wird es hier wichtig sein, die Qualität der sogenannten »Edutainment«-Angebote (unterhaltsame Lernmedien) zu gewährleisten.

Ein besonderer Aspekt ist das Bedürfnis nach Orientierung und Weltbildern durch Medien. Vielen Kindern wird hier eine Unterstützung durch Eltern und informelle Sozialisationsinstanzen vorenthalten. Sie suchen dann nach alternativen Quellen und finden sie in den »authentischen« audiovisuellen Medien. Dabei vermischen sich häufig, so belegt die Forschung, Realität und Fiktion, so daß nicht nur Nachrichten und Dokumentationen, sondern vor allem auch Spielfilme und Serien durch ihre höhere Attraktivität das Weltbild der Kinder prägen. Besonders Vielseher halten das Leben für gefährlicher und stereotyper, als es wohl der Wirklichkeit entspricht. Gerade deshalb ist auch eine systematische Medienerziehung so wichtig.

3.6 Sozialverhalten

Orientierung über Moden, Lebensstile, Jargon und generell den Umgang miteinander wird schon von Kindern in den Medien gesucht. Besonders die Werbung spricht diese Bedürfnisse an. Problematisch wird sie vor allem dann, wenn nicht hinreichend zwischen redaktionellen und kommerziellen Inhalten beziehungsweise nicht zwischen Fiktion und Inhalt getrennt wird. Jüngere Kinder sind hierzu in der Regel noch nicht in der Lage.

Nicht nur ein ausgeprägtes Markenbewußtsein, sondern auch das Wissen über die und das Bedürfnis nach der Zugehörigkeit zur richtigen Gruppe entwickeln sich heute schon vor der Pubertät mithilfe der verschiedenen Medien. Die Musiksender, wie VIVA und MTV, zum Teil aber auch die direkt Kinder adressierten Programme und Angebote von TV-Veranstaltern und Zeitschriftenverlegern sind durch differenzierte Marketingstrategien immer perfekter auf diese Lebensstilwünsche zugeschnitten worden. Nicht zuletzt das Merchandising, die Vermarktung von Produkten rund um Medieninhalte und -helden, richtet sich mit großem Erfolg an Kinder als potente Käufergruppe. »Soziomerchandising« kann dabei durchaus positive Bindungen an konstruktive Figuren fördern. Problematisch sind eher die Propagierung gewalttätiger Lebensformen oder Merchandising-Aktivitäten, bei denen die redaktionelle Autonomie den Marktinteressen untergeordnet wird, also Geschichten ausschließlich unter Produktverkaufs-Interessen entwickelt werden.

Mit dem Einzug der Fernsehgeräte in die Kinderzimmer ist das gemeinsame rituelle Zuschauen im Familienkreis im Wohnzimmer zum Beispiel am Samstagabend deutlich zurückgegangen. Videos dagegen haben nach wie vor schon unter Kindern eine wichtige Gruppenfunktion. Man schaut sich gemeinsam Filme an, und bereits bei älteren Kindern ist zu beobachten, daß auch »Mannbarkeitsriten« eine große Rolle spielen. So geht es bei Horrorvideos darum, auch extremere Szenen vor den anderen offensichtlich noch auszuhalten und so als stark zu gelten.

In dem Maße, in dem sich das Internet immer mehr verbreitet, werden auch unter Kindern neue grenzüberschreitende Gruppenstrukturen entstehen können, die Kenntnisse über und Erfahrungen mit anderen als den eigenen Lebensformen fördern.

Insgesamt ist der Medienkonsum ein wichtiges Mittel der sozialen Orientierung und Ausweis der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe beziehungsweise zur Gesellschaft. Schon bei Kindern beginnt die entsprechende Sozialisation, und so zeigt die Forschung, wie groß der Einfluß des elterlichen Medienkonsums auf das Medienverhalten der Kinder ist.

4. Wirkungen der Medien

Die Wirkungen der Medien auf Kinder sind vielfältig. Am einfachsten zu identifizieren sind die kurzfristigen Effekte, die alle Eltern miterleben können: Angstreaktionen bei bedrohlichen Szenen, Lachen bei lustigen, direkte Lerneinflüsse durch Vorschulprogramme und so weiter. Mittel- und langfristige Wirkungen stehen in der Regel in komplexeren Zusammenhängen mit anderen Einflüssen: Familie, Freunde, Schule, eigene Erfahrungen. Dennoch tragen auch hier Medien in dem Maße mehr zur kindlichen Sozialisation bei, in dem sie gegenüber anderen Lern- und Gefühlsformen aus der eigenen Lebenswelt dominieren, zum Beispiel bei der Prägung von Weltbildern über nicht selbst erfahrbare Situationen (Politik, ferne Länder) oder bei der ständigen Konfrontation mit extremen Gefühlsäußerungen, wie Haß, dramatische Liebe, Panik. Da die Medien Bestandteil der direkten Umgebung der Kinder sind, kann man kaum noch von isolierten Einflüssen sprechen, vielmehr gehen die verschiedenen Erfahrungsformen ständig ineinander über, eigene Gefühle, Phantasie und Fernseherlebnisse.

Aufgrund seiner hohen gesellschaftlichen Brisanz ist dabei der Bereich der Mediengewalt wohl am ausgeprägtesten untersucht worden.

4.1 Mediengewalt

Verbreitung und Ausprägung

Anfang der neunziger Jahre zeigte das deutsche Fernsehen im Durchschnitt fünf aggressive Akte pro Stunde. Die größte Dichte an Gewalt fand sich dabei sogar im Vorabendprogramm, der Zeit, zu der die meisten Kinder vor dem Bildschirm sitzen.6 Seitdem ist durch die intensive öffentliche Debatte und diverse Maßnahmen zumindest dieser Zeitraum »entschärft« worden. International allerdings ist das Thema immer noch aktuell. So wird in der US-amerikanischen »National Violence Study« von Donnerstein und Kollegen 1997 festgestellt, daß im Schnitt die dortigen Sender zehn Mal pro Stunde einen Gewaltakt zeigen.

Eine auffallende Übereinstimmung zwischen deutschen und amerikanischen Ergebnissen zeigt sich bei der Art der gezeigten Fernsehgewalt. Sie stammt überwiegend aus Spielfilmen und Serien und wird vor allem in einem »belohnenden« Kontext gezeigt, macht also Spaß oder hilft, Probleme zu lösen und Status und Macht zu erwerben. In beiden Ländern blieben fast auf den Prozentpunkt genau rund 70 Prozent der dargestellten Gewaltszenen ohne negative Konsequenzen für die Aggressoren oder wurden diese sogar belohnt.

Besonders viel Gewalt findet man auch in anderen Medien. Video und zunehmend das Internet zeichnen sich durch eine große Auswahl besonders extremer Angebote aus. Videos zeigen zum Teil als Kult Horrorfilme mit Folter, ausgeprägter Brutalität und Alptraumszenen. Während in Deutschland der Markt recht klar reguliert wird, sind andere Länder »liberaler«, was dazu führt, daß international auch Kindern ein breites Spektrum extrem traumatischer Videos zugänglich ist. Mit dem Internet hat sich die Möglichkeit noch einfacheren Zuganges ergeben. Eine Analyse von Groebel und Smit7 belegt, daß Gewaltverherrlichung, Gewaltpornographie, Rassismus und Gewaltsekten relativ leicht international zugänglich sind. Dies ist allerdings keine logische Systemeigenschaft des Internet, die Technologie wird vielmehr nun von Gruppen benutzt, die bislang geringere Distributionsmöglichkeiten hatten.

Ein zentrales Problem ist dabei die Kinderpornographie geworden. Kinder werden nun auch medial-global zu Objekten von sexueller Gewalt. Die bereits genannte Analyse sowie Recherchen des BKA und von LKAs belegen den Stellenwert des Problems. Vergewaltigung von Kindern wird als Bild potentiell jedem zugänglich, einzelne Fotos und Filme zeigen nackte Kinder vor Leichen oder den homosexuellen Mißbrauch kleiner Jungen.

Vorlieben, Zusammenhänge: Ausgewählte UNESCO-Ergebnisse

Fernsehkonsum weltweit

Weltweit haben 93 Prozent der Jugendlichen Zugang zum Fernsehen (99 Prozent in Europa und Kanada, 83 Prozent in Afrika). Damit ist der Fernseher omnipräsent und für Jugendliche - vor dem Radio (91 Prozent) oder Büchern (92 Prozent) - die wichtigste Informations- und Unterhaltungsquelle (vergleiche auch Grafik 1). Rund um den Globus dominiert er das Leben von Kindern. Mit ihm verbringen sie etwa drei Stunden täglich - mehr als mit Hausaufgaben (zwei Stunden), Spielen im Freien (1,5 Stunden) oder mit Freunden (1,4 Stunden), mit Lesen (1, 1 Stunden), Radiohören (1, 1 Stunden), Musik (0,9 Stunden) oder Computern (0,4 Stunden).

Der Actionheld als Vorbild

Dreißig Prozent aller Jungen bezeichneten Actionhelden als ihre Vorbilder (Mädchen: 21, insgesamt: 26 Prozent). Nut 18,5 Prozent der Kinder bevorzugen Popstars und Musiker. Abgeschlagen folgen religiöse (acht Prozent) oder militärische Führer (sieben Prozent, Jungen: neun Prozent, Mädchen: 3,4 Prozent), Philosophen oder Wissenschaftler (sechs Prozent), Journalisten (fünf Prozent) und Politiker (drei Prozent). Bei der weltweiten Bevorzugung von Actionhelden zeigen sich neben den geschlechtsspezifischen Unterschieden auch geographische: Asiaten liegen mit 34 Prozent weit vor den Afrikanern (18 Prozent) und vor Europäern und Kanadiern (25 Prozent). Man kann daher auf einen Zusammenhang zwischen der Allgegenwart von Fernsehen und der Vorliebe für Actionhelden als Rollenmodelle schließen (vergleiche Grafik 3).

Erstaunlich ist die globale Uniformität: Arnold Schwarzenegger als "Terminator" ist ein weltumspannendes, kulturübergreifendes Phänomen. Weltweit kennen ihn 88 Prozent der jugendlichen Fernsehzuschauer. 51 Prozent der Kinder aus hochaggressiver Umgebung würden gerne sein wie er. Als Rollenmodell ist er aber nicht nur in von Gewalt geprägten Regionen erfolgreich. Auch in den gewaltarmen gilt er immerhin noch 37 Prozent als Vorbild. Ähnlich hohe Popularität genießen "Rambo" oder dessen lokale Entsprechungen in Indien, Brasilien oder Japan (vergleiche Grafik 4).

Mediengewalt und Weltsicht

Ein Drittel der befragten Jugendlichen lebt in extrem von Gewalt geprägten Milieus, in (ehemaligen) Kriegsgebieten, Flüchtlingslagem oder in Gegenden mit hoher Kriminalität oder mit extremer wirtschaftlicher Benachteiligung. 16 Prozent gaben an, daß die meisten Personen durch Gewalt anderer sterben (in den gewaltarmen Gegenden: sieben Prozent). 7,5 Prozent berichteten, selber schon Waffen benutzt zu haben. Knapp ein Drittel dieser Kinder aus gewalttätiger Umgebung glaubt, daß die Mehrheit der Menschen bösartig seien. Die Studie kommt zu dem Schluß, daß in von Gewalt geprägten Gegenden Kinder nicht nur mehr Gewalt und Angst erleben, sondern daß sie insgesamt zu einer pessimistischeren Weltsicht neigen. Sie empfinden Gewaltanwendung allerdings auch öfter als Spaß. Medien können demnach zu einer aggressiven Kultur beitragen: Menschen, die zu Aggressionen neigen, werden in ihren Einstellungen und Haltungen darin bestärkt.

Fiktion und Realität

Die Studie untersuchte auch die Frage, ob Kinder zwischen Medien- und Alltagserfahrungen unterscheiden können und ob sie diese für ähnlich halten. Erwartungsgemäß gingen 46 Prozent der Jugendlichen aus hochaggressivem Milieu von einer Überlappung aus. Aber auch rund 40 Prozent der Jugendlichen aus gewaltarmer Umgebung halten die gewalttätige Medienerfahrung für ein Nachbild ihres Alltags.

Mediengewalt ist universell. Sie befriedigt unterschiedliche Bedürfnisse: Sie kompensiert Frustrationen und Defizite in Problemregionen und ermöglicht Risikoerlebnisse in weniger problematischen Umfeldern. Für Jungen bietet sie attraktive Rollenmodelle. Wo intakte Familienstrukturen fehlen, werden sie durch kompensatorische Rollen à la "Terminator" ersetzt. Nicht einzelne Filme. sondern Ausmaß und Allgegenwart von Mediengewalt sind das Hauptproblem. Damit tragen sie zu einer global aggressiven Kultur bei: statt gewaltfreier Problemlösungen wird Gewalt als erfolgreiche Strategie systematisch gefördert. Für ihre Entstehung sind allerdings eher soziale und wirtschaftliche Bedingungen verantwortlich. Die Wahrscheinlichkeit aber, daß Jugendliche aggressives Rollenverhalten entwickeln und problematische soziale Vorprägungen in destruktive Einstellungen und Verhaltensweisen kanalisieren, steigt in dem Maße, wie gewalttätige Inhalte in den Medien selbstverständlich werden.

Basierend auf den UNESCO-Ergebnissen sowie Hunderten weiterer nationaler und internationaler Studien kann hier festgestellt werden:

In allen Fällen ist die langfristige Entwicklung von Gewaltbereitschaft unter Kindern nicht ausschließlich Folge des Medienkonsums. Zunächst wird diese Gewaltbereitschaft vor allem durch die familiären und sozialen Umstände geprägt, Medienbrutalität kanalisiert eher die schon bestehenden aggressiven Dispositionen und gibt ihnen die destruktive Verhaltens- und Wahrnehmungsrichtung.

Inzwischen wird das Thema international so ernst genommen, daß sich die Politik auch um grenzüberschreitende Lösungen bemüht. Da Gesetze hier zwar notwendig, aber nicht mehr unbedingt wirksam sind, wird nach zusätzlichen Maßnahmen wie Produzentencodes und Medienerziehung gestrebt. Ihre Realisierung ist allerdings international bislang eher marginal.

4.2 Konstruktive Wirkungen

Weniger intensiv untersucht, dabei genauso wichtig sind die konstruktiven Medienwirkungen. Noch am ehesten ist inzwischen der positive Einfluß von Vorschulsendungen auf Lernen und Verstehen bei Kindern belegt. "Sesamstraße" und "Die Sendung mit der Maus" sowie ähnliche Programme, die von öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern produziert werden, steigern Sprach- und Verständnisfähigkeiten sowie auch das prosoziale Verhalten von Kindern. Sie erfahren mehr über andere Kulturen und Lebensformen und lernen vor allem ein großes Maß an Fakten über die Welt und einzelne Wissensgebiete. Weniger gut ist das Fernsehen bei der Vermittlung des sogenannten prozeduralen Wissens, also der Fähigkeit, Probleme schrittweise zu lösen oder mit Konflikten umzugehen. Hier kommt es vor allem darauf an, wie der Medienkonsum ergänzend begleitet wird.

Mit dem PC und vor allem dem Internet (siehe auch die Aktion "Schulen ans Netz-) sind inzwischen neue mediale Möglichkeiten des selbstgesteuerten prozeduralen Lernens entstanden, die vor allem positive und motivierende Eigenschaften besitzen. Der Akzent sollte hier allerdings eher auf der Wissens- und Bildungsvermittlung und nicht der reinen Informationsverbreitung liegen.

5. Konsequenzen

5. 1 Digitale Umwelt und Medienzukunft

Die Kinder wachsen zunehmend in einer Welt auf, in der traditionelle und mediale Erfahrungen einen ähnlichen Stellenwert besitzen. Mit der Digitalisierung der Information und der Kommunikation laufen dabei die bislang getrennten Medienformen wie Computer, Fernsehen, Telefon im 21. Jahrhundert zu einem System zusammen, Mit dieser sogenannten Konvergenz entsteht für die Kinder eine neue "digitale Umwelt", die noch mehr Funktionen der bisherigen Welt als zum Beispiel das Fernsehen übernehmen kann: Lernen (auf Abstand), Gruppenkommunikation, Konsum, Spiel, Produktion und Kreativität. Dies ist solange nicht problematisch, solange ein ausgewogenes Verhältnis zu konkreten Erfahrungsformen, wie Mitempfinden mit anderen oder hinreichende Entwicklung einer eigenen Identität in der konkreten sozialen Umgebung, gegeben ist.

Die Identitätsentwicklung dürfte zu den wichtigsten Themen der Medienzukunft gehören. Hier sei eine Hypothese erlaubt. Mit den digitalen Möglichkeiten wird in Spiel und Simulation Identität von Situation zu Situation immer realistischer wähl- und lebbar. Damit verschiebt sich der Akzent von der Person zur Situation. Zwar werden immer noch biologische Dispositionen wie Geschlecht und Alter sowie Persönlichkeitstypus einen großen Teil des Seins vorbestimmen, doch können die traditionellen sozialen und kulturellen Bezüge zum Teil durch den neuen digitalen Bezugsrahmen ersetzt oder zumindest ergänzt werden. Seine Merkmale sind vor allein größere Universalität und größere zeitliche Flexibilität und Beliebigkeit. Daß bei dieser Entwicklung Kinder besondere Aufmerksamkeit verdienen, liegt aufgrund ihrer "Formbarkeit" nahe. Ihre Identität hat sich bisher nicht zuletzt durch den direkten sozialen Vergleich entwickelt. Er wies und weist eine relativ hohe Konsistenz auf (Familie, Nachbarschaft, Freunde). Mit der Netzwerkwelt und dem "Internet-Surfen" ist diese Konsistenz nicht mehr zwingend. Eine Konsequenz ist höhere Anpassungsflexibilität, eine andere aber auch Beliebigkeit und Identitätsverwirrung. Nicht zuletzt dies müßte auch in systematischer Medienerziehung angesprochen werden.

5.2 Medienkompetenz

Kinder müssen nicht vor den Medien geschützt werden. Die Medien bieten genauso wie viele andere Merkmale der Umwelt Chancen und Risiken. Sie sind so selbstverständlich wie Straßen oder Elektrizität. Beide können gefährlich sein, aber in der Regel werden sie zum gesellschaftlichen und persönlichen Nutzen verwendet. Medien sind allerdings in ihren Äußerungsformen so vielfältig, daß Kinder für ihre Nutzung eine Basiskompetenz benötigen. Dies bedeutet weniger technisches oder inhaltliches Wissen, es geht vor allem uni die Einordnung der Medienerfahrungen in das eigene Leben und den kritischen Umgang mit Information und digitaler Kommunikation. Es wird immer schwieriger werden, die Quellen von Information nachvollziehen zu können. Dies gilt nicht nur für den (semi-)dokumentarischen Bereich, sondern auch für die Qualität von Bildungssoftware.

Die Politik müßte verstärkt die Rahmenbedingungen für systematische Medienerziehung schaffen, die dann in Schule und Vorschule (und im Bereich informeller Sozialisation, Eltern, Nachbarschaft?!) umzusetzen wäre. Dazu gehört vor allem eine bessere Ausbildung der Lehrer in medien-, informations- und kommunikationsbezogenen Fächern.

Neben den traditionellen Vorstellungen von Medienerziehung, zum Beispiel über die Entwicklung von Kompetenz in der Bildsprache, wird die Medienfähigkeit der Kinder künftig in den folgenden Bereichen zu entwickeln sein:

Trotz aller neuen Medienmöglichkeiten werden nicht alle traditionellen Sozialisationsinstanzen überflüssig werden. Funktionen werden sich verändern, doch Vorschule und Schule werden als Forum für den Austausch sozialer Erfahrungen und als Ort der Integration von Kenntnissen und Fähigkeiten wichtig bleiben. Die Medienumwelt der Kinder wird noch mehr Varianten haben, damit wird ihre konstruktive Gestaltung durch Gesellschaft, Politik, Pädagogik und nicht zuletzt die Medien selbst noch wichtiger werden.

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1Vgl. Groebel, Jo/Robert Linde: Aggression and War. Their Biological and Social Bases. Cambridge 1991

2Feierabend. Sabine/Thomas Windgasse: Was Kinder sehen. In: Media Perspektiven (1997), H. 4, S. 186-197.

3Kodaira, Sachiko/Takashiro Akiyama: TV-viewing by Infants in Japan. In: Medienpsychologie (1990), H. 2, S. 191-199

4Klingler. Walter/Jo Groebel: Kinder und Medien 1990. Freiburg 1995. Groebel, Jo/Hoffmann-Riem, Wolfgang et al.: Bericht zur Lage des Fernsehens. Für den Deutschen Bundespräsidenten. Gütersloh 1995.

5Groebel, Jo: The UNESCO Global Media Violence Study. Report to the UNESCO General Assembly. Paris 1997.

6Groebel. Jo/Uli Gleich: Analyse der Gewaltprofile des deutschen Fernsehens. Schriftenreihe der Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen. Leverkusen 1993.

7Groebel, Jo/Lucia Sinit: Gewalt im Internet. Bericht für die Enquete-Kommission Multimedia des deutschen Bundestages. Bonn 1997.

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