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http://www.mediaculture-online.de
Autoren: Koch, Markus Christian / Haarland, Astrid.
Titel: Informieren. Publizieren. Vernetzen. Wie Blogs unsere Informationswege verändern können.
Quelle: Astrid Haarland/Markus Christian Koch: Generation Blogger. Bonn 2004. S. 85-97.
Verlag: mitp-Verlag.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags
Astrid Haarland/Markus Christian Koch
Informieren. Publizieren. Vernetzen – wie Blogs unsere Informationswege verändern können
Wie vermitteln Blogs Informationen? Welche Inhalte werden über die Weblogs transportiert? Wie wird Öffentlichkeit geschaffen? Wer sind die Gatekeeper?
Beginnen wir mit den privaten Blogs. Irene@antville ist zum Beispiel ein solches. Die Internet-Adresse lautet http://irene.antville.org/. Was veröffentlicht Irene? Am 28. Juni 2003 setzt sie ein Foto von ihrer »Stadtoase« auf die Seite, am 3. Juli schreibt sie einen Leserkommentar mit Link auf eine Rezension:
»Die pragmatische Mutter. ich habe mit meinen söhnen recht früh ausgemacht, dass prinzipiell immer ich schuld bin. das hat uns eine menge fruchtloser debatten erspart, da wir uns unbeschwert von schuldzuweisungen der problemlösung widmen konnten. – aus den Leserkommentaren zur Rezension (ein Link, A.H.) von »Der Lilith-Komplex« (Lilith ist derzeit eine trendige Metapher, den Titel habe ich schon bei Hugendubel gelesen)«
Der Eintrag vom 19. Juni klingt beinahe wie eine journalistische Meldung:
»Brainstorming. Was sind Weblogs? Punk? Ich-TV? Zettelkasten? Rumpelkammer? IT&W sucht den treffenden Begriff (ein Link, A.H.).«
Bloggen scheint Irene Spaß zu machen. Wir lesen den Satz einer Gutenachtgeschichte aus dieser interessanten Quelle: »Sexblog. Was von der Hitze übrig bleibt«. Der Link hierzu lautet http://sex.antville.org/stories/69462/. Es handelt sich hier um eine bunte Mischung aus Privatem und Neuigkeiten aus der Blogosphäre, manchmal klingt in den Beiträgen eine Spur feministische Perspektive mit, wenn wir beispielsweise Irenes eigene Interpretation von Hans Joachim Maaz »Lilith-Komplex« lesen, ein Werk über des deutschen Seelenkundlers Lieblingskind, das allen Interpretationen frei zugängliche deutsche Muttersein. Irenes Blog ist unterhaltsam, anregend und für Leute mit Lust auf visuellen Genuss außerdem eine Fundgrube. Klicken Sie doch einfach mal ihre Links an, die auf Fotoweblogs verweisen!
Und wer ist Irene? Unter der Rubrik »Zu diesem Weblog« steht wenig. Wer also etwas über Irene wissen möchte, der muss sich schon die Mühe machen, ihr Weblog im Internet zu besuchen und mehr von ihren Beiträgen zu lesen.

Abb.
1: http://irene.antville.org/
Das nächste Blog ist zugleich eine erste kurze Einführung in die Welt der schwindenden Grenzen, einer Welt des nur noch scheinbar Privaten. Es ist ein kurzer Blick hinter den Vorhang der vielen Blog-Geschichten, die von einer bestimmten Absicht getragen sind. Dieses Blog sieht auf den ersten Blick aus wie ein virtuelles Tagebuch. Der Kommentar von Montag, 30. Juni 2003, lässt ahnen, in welche Richtung
es diesmal geht. Da schreibt der Autor M.H.: »Sonne! Ich muss arbeiten. Ich muss Texte organisieren. Ich muss eine Lesung vorbereiten, Sonne. Bitte!« Hier haben wir es also offensichtlich mit jemand zu tun, der uns etwas aus seinem privaten Leben mitteilen will und gleichzeitig durchblicken lässt, dass er eine bestimmte Absicht hat. Er ist ein professioneller Schreiber. Sollten wir seine Texte vielleicht aufmerksamer lesen? Er ist ein Mensch, der es ernst meint mit dem Schreiben, denn er würde sich ansonsten nicht die schrecklichen Qualen antun, bei Sonnenschein zu arbeiten und sich dem Organisieren von Texten zu widmen.
Selektive Wahrnehmung lässt mich bei der Betrachtung der Inhalte des Blogs sofort an die AIDA-Formel denken. Die wird trotz ständig neuer PR- und Marketing-Theorien immer noch verwendet, um Kampagnen zu planen. AIDA steht für Attention, Interest, Desire, Action. Aufmerksamkeit schafft der Autor des Blogs mit Hilfe des kurzen Blick durchs Schlüsselloch in sein Privatleben. Wer ist der Autor? Besteht das Interesse, mehr über ihn zu erfahren? Desire: Möchten wir seine Texte lesen? Action: Vielleicht ja? Dann suchen wir nach weiteren Texten von ihm. Und am Ende kaufen wir schließlich seine Bücher. Oder er erhält einen Auftrag für den nächsten Artikel.
Dieser Blogger positioniert sich selbst als ein Mensch mit bestimmten Verhaltensweisen, Einstellungen und einem eigenen Sprachstil. Er betreibt also sein eigenes Online-Branding oder E-Branding. Branding ('to brand' = einem Rind den Stempel des Eigentümers einbrennen) bezeichnet den Prozess, bei dem eine für beide Seiten förderliche und nützliche bzw. gewinnbringende Beziehung zwischen einem Anbieter und einem Interessenten hergestellt, verstärkt und aufrecht erhalten wird (eine wunderbare Definition von www.abseits.de).
Der Autor erzählt ein Teil aus seinem vermeintlichen Privatleben, vermittelt den Lesern somit ein Stück Vertraulichkeit und schafft den Rahmen für eine Leser-Blog-Bindung (in Anlehnung an die klassische Leser-Blatt-Bindung). Er bietet Interessierten ein Schreibrecht mit Passwort-Zugang an, was das Gefühl von Zugehörigkeit noch verstärkt und bei genügend Teilnehmern erlaubt, eine virtuelle Community aufzubauen. Wer kein Passwort möchte, kann Kommentare schreiben. Sehen wir, was der Autor weiter von sich preisgibt – Eintrag vom 3. Juni:
«Technik des Schriftstellers VIII: Wieder ein Angebot, für 100 Euro zu lesen. Eine Institution, die ich während meines Studiums zwei oder drei Mal genutzt habe, will, dass ich meine Dankbarkeit durch Selbstausbeutung beweise. Der Herausgeber einer Anthologie, an der ich beteiligt sein sollte, kämpft wie ein Löwe gegen den Vertrag, den der Verlag hinter seinem Rücken und entgegen seinen Versprechen an die Autoren geschickt hat. Manchmal ist es nicht so einfach.«
Der Name des bloggenden Autors lautet Marcus Hammerschmitt, Journalist, Schriftsteller, Lyriker, Science-Fiction-Autor und natürlich Blogger. Wer bei Google nach dem Titel seines Blogs »Instant Nirvana« sucht, der erfährt sehr schnell, dass er 1999 ein gleichlautendes Aufklärungsbuch zur Esoterik-Szene geschrieben hat. Sie kennen ihn vielleicht als »Telepolis-Autor« von Beiträgen wie »Im Gleichschritt zum Frieden«, eine sarkastische Abrechnung mit der deutschen Friedensbewegung während des Irak-Krieges, in dem er es wagte, darauf aufmerksam zu machen, dass die europäischen Interessen eines Widerstands gegen den Irak-Krieg vielleicht nicht ganz so uneigennützig waren, wie es auf den ersten Blick schien.
Welche verschiedenen Formen Online-Kommunikation annehmen kann, verdeutlicht das nun folgende Potpourri aus Online-Magazin, Blog und Mailingliste. Ich hatte den Artikel von Marcus Hammerschmitt im Online-Magazin »Telepolis« gelesen und daraufhin mit einer kurzen Einleitung in meinem Weblog www.anoteron.de verlinkt, übrigens trotz eines fetten »Wir sagen NEIN zum Irak-Krieg«-Laufbands auf meiner Startseite. Mich störte nicht das schlimme Wort »Imperialismus « gleich im ersten Satz des Beitrags. Und das »schmutzige« Wort stand auch drin (Eine kleine Anspielung auf: »Wie heißt das schmutzige Wort?«, Warren Beatty in der Rolle des kiffenden Senators »Bulworth«, der nach zu viel Sprechblasen-Demokratie den Auftrag für seine eigene Ermordung erteilt hat und nun die millionenschweren Spender seiner Partei in Rap-Reimen mit dem Wort »Sozialismus« attackiert. ).
Den von mir kommentierten Link auf Marcus Hammerschmitts Artikel schickte ich weiter an verschiedene Mailing-Listen. Jede versendete Mail erhält eine Signatur:
Astrid Haarland
Astrid Haarland
Das Blog zum Buch
Je mehr (interessante!) Beiträge ich sende, desto höher wird die Besucherzahl in meinem Blog, dessen Statistik ich kontrolliere. Anders ausgedrückt, anhand der Logfiles erkenne ich, dass sich der Traffic auf der Seite erhöht. Diese Form von Öffentlichkeitsarbeit ist jedoch an eine konkrete Bedingung gebunden, die Sie unbedingt berücksichtigen müssen, falls Sie denn das Gleiche tun möchten: Es sollten wirklich nur die Diskussion der jeweiligen Liste betreffende Beiträge weitergesendet werden. Mails ohne erkennbaren Diskussionszusammenhang mit alleiniger Absicht, die Adresse bekannt zu machen, werden überhaupt nicht gerne gesehen und landen bei wiederholtem Missbrauch der Netiquette im Spam-Filter. (Spam: Unerwünschte und unverlangt gesendete Werbung per E-Mail). Oder schlimmer noch: Sie werden einfach auf der Liste gesperrt. Nur wenn ich der Ansicht bin, dass die Beiträge aus meinem Weblog zum Thema auf den Listen passen, versende ich sie und beteilige mich an der Diskussion.
Aber auch das gehört zum Weblog-Alltag: Der in die Liste weitergeleitete Kommentar und Link auf den genannten Artikel von Marcus Hammerschmitt erhöhte zwar die Besucherzahl in meinem Weblog rapide, brachte mir aber trotz der Weiterleitung nicht wirklich Freude. Auf ein »Bad news are good news« verzichte ich gerne. Ich hatte die Mail nämlich in die Liste der globalisierungskritischen Bewegung »attac« gesendet, die sich im Frühjahr 2003 an den Friedensaufrufen gegen den Irak-Krieg beteiligte. Daraufhin reagierte der regionale Vertreter einer kirchlichen Friedensgruppe ausgesprochen emotional auf meinen Beitrag und interpretierte dessen Weiterleitung von meinem Weblog in die Liste als die Tat einer »hasserfüllten Politologin«. Weitere Teilnehmer sprangen auf den Zug auf und es entstand leider eine sehr unerfreuliche Nahost-Diskussion mit einseitigen Polarisierungen. Allerdings schickten mir einzelne Teilnehmer auch sehr positive Mails, die mich darin bestärkten, das Weblog anoteron.de weiter bekannt zu machen. Manche äußerten in ihren Mails die Befürchtung, zuviel Weiterleitung von Informationen über israelische Friedensbewegungen störe die Diskussionen.
Sie sehen an diesen Beispielen, dass die Grenzen in der Online-Kommunikation immer mehr verschwimmen. Und Weblogs beschleunigen diesen Prozess noch einmal durch die einfache Technik, mit der Inhalte publiziert oder bereits publizierte Inhalte verarbeitet werden können.
Was könnte daraus folgen? Das Private wird öffentlich. Privates mischt sich mit Kommerziellem. Privates wird kommerziell. Privates wird politisch. Je mehr Privates sich mit Privatem vernetzt, um so eher werden diese Prozesse beschleunigt. Die Vernetzung wird durch typische Bloggeranwendungen wie Blogrolling, RSS-Feeds, langen Linksammlungen und ständigem Verlinken von Quellmaterial unterstützt. Zur Erklärung: Bei Blogrolling handelt es sich, wie schon erwähnt, um eine Liste mit Blogs, die man selber gerne besucht. Sie steht häufig rechts oder links neben den aktuellen Beiträgen. RSS-Feeds sind grob gesagt Zusammenfassungen von Überschriften, die an andere Blogs geschickt oder von anderen Blogs abonniert werden können. So bilden sich Netzwerke des Vertrauten, des Vertrauens, die es Einzelnen (Bloggern) erlauben, mehr Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit zu erlangen. Ganz besonders deutlich zeigt sich diese Aufmerksamkeitsökonomie, wenn man das Ranking der Blogs bei Google beobachtet. Wer einmal erlebt hat, wie leicht sich Beiträge durch ein gegenseitiges Pushen in den Blogs nach oben bringen lassen, der ahnt, welche neue Kommunikations- und Machtformen entstehen werden. Zuviel Graswurzel-Utopie verschleiert jedoch den Blick auf die Realität. Vielleicht werden jetzt zwei Projektleiter eines transnationalen Konzerns »zur Evaluation und Anwendung von Blogtechnik als Mittel des Online-Branding der Marke XY« abgestellt (»abgestellt«, nicht »eingestellt«!). Die Projektkosten dürften jedenfalls ausgesprochen niedrig sein, was den Etat für die Technik betrifft. Und noch etwas: Wissen Sie wirklich, ob es sich bei dem netten Blogger mit den vielen spannenden Geschichten vom Strandleben am Kölner Rheinufer nicht doch in Wirklichkeit um einen Angestellten der PR-Abteilung von Bayer Leverkusen handelt?
Zu unser aller Vorteil bestehen bereits zahlreiche Expertenlogs. Wenn wir denn über einen Internetzugang verfügen, haben wir heute viel bessere Möglichkeiten, uns dieses Expertenwissen direkt ins Haus zu holen. Experten können ihr Wissen direkt, preisgünstig und ohne Zeitverlust ins Internet stellen. Wird die Bloggertechnik angewendet, so muss kein dickes Handbuch gelesen, Trainerstunden absolviert oder in zeitraubendem Selbststudium das technische Handwerkszeug des Online-Publishing erlernt werden. Und wir alle profitieren von dieser Entwicklung. Als Beispiel für ein solches Expertenblog sei hier »Physikalische Kleinigkeiten « von Dr. Peter Schilbe, Freie Universität Berlin, genannt. Links auf Artikel wie »Warum ist das Meerwasser so salzig« sind neben dem Hinweis auf die neuen Bilder des Hubble-Teleskops angeführt, und die Startseite zeigte im Juni 2003 ein Bild der fehlkonstruierten Takoma-Brücke in den USA.

Abb.2: http://physik.blogspot.com/ Physikalische Kleinigkeiten – mit Bild und Link auf Wikipedia, die freie Enzyklopädie im Internet
Ähnliche Blogs sind folgende:
Weblog »Astronomische Kleinigkeiten« mit der Möglichkeit, im Forum Fragen zu stellen.
»Mathematische Kleinigkeiten« mit Link auf die AGBs der Seite!
Die UserInnen werden also in Zukunft viel mehr Auswahl haben, wenn Sie sich Informationen zu neuen physikalischen Methoden oder vielleicht auch zum Stand der Gentechnik-Debatte entweder von der Seite des bloggenden Physikers und/oder aus der Tageszeitung verschaffen möchten. Nichts spricht jedoch dagegen, sich aus verschiedenen Quellen zu informieren. Online-Magazin, Online-Zeitung, Mailingliste, Expertenblog: Wir können uns in kurzer Zeit fundiertes Wissen aneignen und treten als gut informierter Mensch in einen Dialog. Die Zahl der Experten, die gerne gut informierte Kunden, Patienten oder Mandanten beraten, wird vielleicht steigen. Mancher Arzt weiß es heute schon zu schätzen, wenn seine Patienten mit den Ergebnissen der Internet-Recherche zu ihm kommen und ihn auf neue Therapieformen oder Erfahrungsberichte von Betroffenen hinweisen, die sie im Internet gefunden haben. Und Blogs eignen sich gut als Community-Werkzeug für einen Erfahrungsaustausch von Betroffenen. Suchen Sie zum Beispiel ein Blog für den Erfahrungsaustausch von Querschnittsgelähmten? Eine entsprechende Adresse lautet:
http://www.orthopoint.com/blogquerx/2003_01_26_archive_x.html
Quer X Querschnittlähmung Weblob
Weblogs vermitteln individuell aufbereitete Informationen. Und es sind die User selber, die entscheiden, ob sie den Gatekeeper am Eingangstor des Blogs kompetent und sympathisch finden, ob sie den Selektionskriterien der gefilterten Informationen zustimmen, und ob das Blog, das ihren Interessen entspricht, zu ihrer Meinungsfindung beitragen soll. Bei Gatekeepern kann es sich um professionelle »Torhüter« handeln, wie zum Beispiel Journalisten, oder es sind Experten aufgrund ihrer Bildung, ihres Berufs oder sonstigen Fachkenntnissen. All diesen »Torhütern« wird es in Zukunft möglich sein, (gestaltete) Information ohne Aufwand im Web zu publizieren. Und wir User haben die Wahl. Was ist für uns eine wertvolle, eine wichtige Information? Welche Information brauche ich nicht, welche stört mich sogar, weil sie vielleicht ein wichtiges Gegenargument zu einer meiner bisherigen Handlungs- oder Sichtweisen darstellt. Psychologen sprechen an dieser Stelle von der kognitiven Dissonanz, die es zu vermeiden gilt. Ich schließe mich vielleicht lieber einer Reihe von Weblogs an, in denen ich mich in aller Ruhe als Raucher präsentieren kann, und ich lese lieber nicht die Weblogs, in denen ich als unbelehrbarer Raucher beschimpft werde.
Diese »Netzwerke des Vertrauens« können sich gemeinsam einer interessierten Öffentlichkeit präsentieren, sich anderen gegenüber abgrenzen und andere auch ausschließen. Die bloggenden Communities des 21. Jahrhunderts könnten die virtuelle Nachfolge der Salons antreten, die bis zu Beginn des 20. Jahrhundert hinein Orte der Begegnung waren, in denen man sich über Gesellschaft, Politik und Wirtschaft unterhielt, und die damit zur Geburtsstätte neuer Perspektiven wurden. Der an die Fenster klopfende Gendarm war noch in der Lage, die TeilnehmerInnen der Salons zum Schweigen zu bringen. Werden Weblogs in der Lage sein, die Zensur zu unterlaufen? Der Iran beispielsweise blockt (nicht bloggt!) zwar Seiten, doch es besteht bereits ein Blog, das diese Seiten in Form von »Black Lists« veröffentlicht hat. Der Link: http://society.gireh.com/article.php?story=20030517132257918.
Was mich allerdings etwas stutzig machte, war der Name dieses Blogs: »GBS Gireh Blog Society – Next Step is World Domination!« Im Mai 2003 wurde Sina Montallebi von der iranischen Religionspolizei vorgeladen und später verhaftet. Motallebi schrieb für die Reformzeitung »Hayat-e-No«, der von der iranischen Regierung im Januar 2003 die Lizenz entzogen wurde. Er publizierte weiter in seinem Blog und wurde nach Angaben der »Islamic Republic News Agency« (IRNA), www.irna.com, des Vergehens »undermining national security through cultural activities« beschuldigt. Sein Blog ist offline (Juli 2003).

Abb. 3: http://www.ladysun.blogspot.com/ – eine iranische Bloggerin
Hossein Derakhshan, ein 28-jähriger Iraner, der in Toronto/Kanada lebt, erfreute die bloggenden Iraner, weil er mit Hilfe eines Tools in Blogs in Unicode statt in ASCII publiziert und mit dieser Technik auch Iranern die Gelegenheit bietet, in ihrer eigenen Sprache, dem Farsi, zu schreiben. Unter http://www.persianblog.com/ laufen 12.000 Farsi-Blogs und erlauben den schätzungsweise eine Millionen iranischen Internetnutzern einen »unzensierten, aber kontrollierten« Nachrichtenüberblick (Wired.com vom 28.5.03).
Weblog von Hossein Derakhshan
Welche politische Absicht auch immer Blogs verfolgen: Für viele Blogger bietet das Veröffentlichen im Internet ganz einfach die Möglichkeit, einen eigenen Lebensstil auszudrücken, oder einfach nur Spaß zu haben.
Viele Blogger vermitteln uns ein Bild von der Wirklichkeit in Ländern, die wir nur von unseren Reisen oder aus den Beiträgen der Journalisten kennen. Dass Blogs das Aus für Journalisten bedeuten könnten, ist aber dennoch nicht zu befürchten. Auf der Wiener Blogtalk-Konferenz im Mai 2003 hat Jose Luis Orihuela, Professor an der Universität von Navarra, sein Referat mit der folgenden Parabel eingeleitet (Zitat »Telepolis«): »Als Gutenberg die Druckerpresse erfand, wurden plötzlich viele Mönche arbeitslos, die bis dahin mit dem Abschreiben von Seiten beschäftigt waren. »Was taten sie?«, fragte Orihuela. Seine Antwort: »Manche begannen zu denken. – Manche aber begannen Bier zu brauen.« Pessimisten unter diesen Gatekeepern befürchten durch das Aufkommen der zahlreichen Blogs schon den völligen Niedergang der Branche. Doch die klassischen Medien werden wohl auch in Zukunft weiter gelesen, gesehen und gehört werden. Es wird vielmehr ein verstärkter Medienmix durch die sehr guten Informationen in zahlreichen Blogs entstehen. Denn ein wichtiger Aspekt spricht gegen diese Befürchtungen: Blogger veröffentlichen oft keine Originalartikel, sondern stellen eigene Nachrichtensammlungen mit Links zu Originalartikeln zusammen. Oder sie schreiben eigene Beiträge, die im Blog neben Artikeln aus Online-Zeitungen, Informationen von Verbänden und anderen Quellen stehen. Und ein Teil der Blogs wird auch in Zukunft weiter dem privaten, persönlichen Vergnügen dienen. Nur wenige Journalisten sprechen denn auch zwecks Verteidigung der eigenen Gatekeeper-Funktion immer noch vom Weblog als »virtuelles Tagebuch« oder »Notizbuch«. Dass es sich bei einem Blog um ein sehr gutes Notizbuch handeln kann, das steht auf einem anderen Blatt.
Einzelne Politiker wie der österreichische Grünen-Abgeordnete Peter Pilz, Gründungsmitglied der österreichischen Grünen und Spezialist für Außen- und Sicherheitspolitik, haben die Bloggertechnik schon als ein Mittel zur Herstellung von Öffentlichkeit für sich entdeckt. Ohne auf die Inhalte seiner Publikationen näher einzugehen, fällt bei näherem Hinsehen auf, dass er tatsächlich regelmäßig in seinem Weblog auf www.peterpilz.at veröffentlicht, und nicht nur dann schreibt, wenn der Wahlkampf wieder einmal vor der Türe steht. Interessant sein dürfte das Bloggen vor allem für die Politiker, die auf Direktmandate angewiesen sind und mit Hilfe des Weblogs Kontakt zu ihren WählerInnen halten könnten.
Dass Blogger durchaus auch ohne einen großen Medienapparat im Rücken (politischen) Einfluss ausüben können, zeigt das Beispiel des amerikanischen Rechtsprofessors Glenn Reynolds, der den damaligen Fraktionschef der Republikaner im Senat, Trent Lott, durch Informationen in seinem Weblog www.instapundit.com zu Fall brachte. »Am Abend des 5. Dezember 2002 hatte Trent Lott, einer der mächtigsten Männer Washingtons, einen Blogger wahrscheinlich noch für eine nordamerikanische Käferart gehalten.« (Zitat »Wirtschaftswoche« online). Trent Lott feierte im Senat den 100. Geburtstag seines mittlerweile verstorbenen Senatskollegen Strom Thurmond und lobte den alten Mann, der 1948 als Präsidentschaftskandidat eine strikte Rassentrennung in Amerika durchsetzen wollte. »Hätten die Wähler damals Thurmond zum Präsidenten bestimmt«, sagte Lott, wären dem Land »viele Probleme erspart geblieben« (ebd.). Es handelt sich dabei um eine Anspielung auf die Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre in den USA, die gleiche Wahl- und Bildungsrechte für die Afroamerikaner gefordert hatte. Glenn Reynolds, der an der Universität von Knoxville Jura lehrt, fiel das Schweigen der Medien auf. Er schrieb über diesen Vorfall in seinem Blog und andere Blogger übernahmen das Thema; weitere peinliche Zitate des Südstaatlers tauchten überall auf. Auch wenn Reynolds Einträge in seinem Blog daraufhin als die übliche konservative Medienschelte abgetan wurde, berichteten fünf Tage später nun auch die großen amerikanischen Medien über diesen Vorfall, und Lott musste schließlich seinen Senatorenposten räumen.
Reynolds setzt 15- bis 30-zeilige Mitteilungen in sein Blog, kommentiert Aktuelles, wie zum Beispiel die Anschläge auf das World Trade Center, und diese riesige digitale Papyrusrolle (»Wirtschaftswoche online«) lesen dann täglich 50.000 Internet-User. Seine Tipps erhält er aus vielen Quellen. Reynolds: »Neuerdings bekomme ich auch E-Mails von Mitarbeitern des Weißen Hauses.«
Reynolds bloggt auch bei Microsoft News, MSNBC. Der Dienst hat eine eigene Rubrik für Blogs mit dem Namen »weblog central« eingerichtet. Dort findet der User viele private Blogs, aber auch die professionellen Harry-Potter-Fans beispielsweise veröffentlichen hier. Die Internet-Adresse lautet:
MSNBC blogspotting
Das Blog wird auf MSNBC weitergeleitet.

Abb.
4: www.instapundit.com –
Glenn Reynolds
Es bleibt nicht aus, dass sich große Medienunternehmen immer mehr für die Szene interessieren. Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. In den USA spricht Ann Moore, Chefin des US-Großverlags »TIME«, von ihrer »Angst vor unkontrollierten Medien im Web» wozu in den USA in konservativen Kreisen auch die Weblogs gerechnet werden. In Deutschland verfügt »Die Zeit« online über eine Rubrik »Weblog«. Dort wird über »Fundsachen im Netz« berichtet und verlinkt. Die Internet-Ausgabe des britischen »Guardian« umfasst eine Weblog-Rubrik, die dazu dient, Journalisten von anderen Zeitungen zu zitieren.
http://www.guardian.co.uk/weblog/special/0,10627,752814,00.html
Guardian Internet-Edition, Rubrik »Weblog«
Journalisten lesen auf Seiten wie Blogdex, Daypop oder Technorati nach, wie oft ihr Artikel in den Blogs verlinkt wurde oder holen häufig genannte Themen in Blogs in die großen Medien hinein. Manche Medienexperten sehen in Bloggern die Gatekeeper der Zukunft für die Nutzung von Medien. Weblogger erzählen im Blog von ihren Vorlieben, positionieren sich als ein bestimmter Typ Mensch. Sie selektieren in dem riesigen Meer an Unterhaltung und Informationen nach ihren eigenen, ganz persönlichen Interessen und weisen auf Storys in anderen Medien hin.
»Eingebettete« BBC-Reporter berichteten in einem Blog unter dem Titel »Reporters Log« von ihren Erlebnissen im Kriegsgebiet Irak. Journalisten wie der CNN-Korrespondent Kevin Sites bloggten privat direkt aus dem Kriegsgebiet ebenso wie der TIME-Mitarbeiter Joshua Kucera. Beide wurden kurz nach Ausbruch des Krieges von ihren Arbeitgebern dazu aufgefordert, ihre Nebentätigkeit einzustellen. Der preisgekrönte (»Guardian«-)Journalist Greg Palast, dessen Reportagen in dem Buch »Best democracy money can buy« zusammengefasst worden sind, veröffentlicht seit Juli 2002 in seinem multimedialen Weblog auf http://www.gregpalast.com/. Ein Beispiel für politische Information der etwas anderen Art waren die Internet-Veröffentlichungen des Irakers mit dem Pseudonym »Salam Pax«, der live vor Ort über die Ereignisse im Irak-Krieg berichtete und dessen Sicht nicht durch die Sternenbanner-Brille der eingebetteten Journalisten getrübt war. Statt CNN oder die häufig nicht erreichbare Internet-Seite des arabischen Fernsehsenders al-Djazeera als Informationsquellen heranzuziehen, besuchten viele UserInnen lieber die »Wilde Welt der Open-Source Medien«, so ein Titel auf businessweek.com, und lasen das Online-Tagebuch eines jungen Einwohners von Bagdad, der sein Weblog »Wo ist Raed?« nannte. Es war die große Stunde des Salam Pax. Während die führenden Zeitungen und Fernsehsender der Welt Millionen von Dollar, Pfund und Euro in die Berichterstattung aus dem Irak pumpten, waren es seine persönlichen Schilderungen, die Berichte eines jungen Irakers in einem kleinen Zweizimmer-Haus, die es ermöglichten, sich ein authentisches Bild über den Krieg zu verschaffen. Er informierte über die Lebensbedingungen während des Krieges, wie beispielsweise über rapide steigende Tomatenpreise, genauso wie über die Besetzung einer Feuerposition in einem leeren Haus in seiner Straße, in dem sich plötzlich Vertreter der Ba’ath-Partei einnisteten, und bot damit den Besuchern seines Weblogs mehr Einblick in den Krieg als das gigantische Spektakel der weltweiten Medienkonzerne. Salam Pax schrieb gegen den Nachrichten-Mainstream von CNN und Fox. Und auch al-Djazeera, der arabische Nachrichtensender, musste sich von ihm korrigieren lassen. Als die BBC meldet, der irakische Staatssender werde von US-Sendern überlagert, schreibt Salam Pax: »Das ist nicht passiert, die drei Staatssender arbeiten noch.« Zeitweilig besuchten mehr als 20.000 Menschen das Blog von Salam Pax, das sich auf dem Server des kostenlosen Weblog-Dienstes www.blogspot.com befand. Am 30. Mai enthüllte der britische »Guardian«, dass es sich bei Salam Pax um einen 29-jährigen irakischen Architekten handelt, der nun für den Guardian eine Kolumne über den Wiederaufbau des Irak schreibt.
http://www.dear_raed.blogspot.com/
Weblog von Salam Pax, das über den Wiederaufbau des Irak berichtet.
Entstanden ist die Kategorie der Warblogs als Folge der Anschläge auf das World Trade Center. Viele Blogger berichteten über ganz persönliche Eindrücke während dieser Momente, schilderten ihre Eindrücke von der Situation vor Ort. Die kommerziellen Nachrichten-Angebote hingegen waren häufig aufgrund der vielen Seiten-Aufrufe nicht mehr im Internet verfügbar. Die Blogs verlinkten auf die Beiträge in anderen Blogs und es entstand ein dichtes Informationsnetz von authentischen Schilderungen. Während des folgenden Afghanistan-Krieges wurden die großen Medien immer mehr zu Orten von patriotisch geprägter Information und zeigten eine eher regierungsfreundliche Tendenz. Blogs hingegen veröffentlichten auch kritische Beiträge von amerikanischen Intellektuellen, die in dieser Zeit in vielen Medien nicht mehr so gerne abgedruckt wurden. Aber auch die Kriegsbefürworter entdeckten das Blogging als neuen Kommunikationskanal. Vor dem Irak-Krieg bildeten sich dann ganze Netzwerke von Blogs, die mit Information, heißen Diskussionen und weitergeleiteten Stellungnahmen über die Kontinente hinweg versuchten, den Irak-Krieg zu verhindern. Leider haben sich in dieser Antikriegsbewegung auch unter den Bloggern sehr fragwürdige AutorInnen aus den bekannten extremistischen Kreisen zu Wort gemeldet.
Folgende Vorteile der Blogs werden unter http://www.gupsi.de/magazin/warblogs.php am Beispiel der Kategorie »Warblogs« angeführt (hier findet man auch eine Liste mit Warblogs, die Kriegsberichte sammeln):
Aufgrund der starken Verlinkung untereinander und der Schaffung von zentralen Linklisten, die wie ständig aktualisierte News-Ticker arbeiten, verbreiten sich Informationen in Warblogs meist schneller als in professionellen Magazinen.
Warblogs bieten eine perspektivenreichere Sichtweise. Die Betreiber von Warblogs werden nicht durch das Diktat eines Chefredakteurs gebändigt, und können daher die Meinungen und Gedanken einer weltweiten Internet-Gemeinschaft darstellen. Zudem bestehen keine vordefinierten wirtschaftlichen Interessen.
Warblogs sind nicht kontrollierbar. Die Struktur von Weblog-Communities ist sehr dezentral aufgebaut. Typischerweise werden Berichte anderer Warblogs beim Verweisen durch die Blogger zitiert und kommentiert. Dadurch entstehen zahlreiche Kopien der wesentlichen Aussagen auf ebenso zahlreichen Servern, die sich dann sogar noch auf mehrere Länder verteilen können. Für die Träger der staatlichen Gewalt wird es daher nahezu unmöglich, diesen Informationsfluss zu steuern bzw. zu kontrollieren.
Warblogs sind interaktiv. Bei den meisten Warblogs können die Leser die geschriebenen Texte kommentieren. Dadurch besteht die Chance, dass nicht nur neue Informationen in chronologischer Reihenfolge einmalig vom Autor veröffentlicht werden, sondern diese durch Mitwirkung der Leser auch weiterentwickelt werden können. Dies kann unerwartete Handlungsstränge nach sich ziehen, die gegebenenfalls ein erheblichen Mehrwert darstellen.
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