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Autoren: Haas, Helge / Simon, Johannes.

Titel: LAN-Parties, Ballerspiele und Indizierung.

Quelle: Ein (Radio)Beitrag von Helge Haas und Johannes Simon, DASDING. 2000.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von DASDING.



Helge Haas/Johannes Simon

LAN-Parties, Ballerspiele und Indizierung


LAN-Parties sind zur Zeit der große Renner in der Computerszene. Bei diesen Parties, die oft über ein ganzes Wochenende andauern, treffen sich Fans von Computerspielen. Sie schließen ihre Rechner in einem Local-Area-Network (= LAN) zusammen und spielen gegeneinander. Die LAN-Parties nehmen teilweise gigantische Ausmaße an, bis zu 500 Rechner werden vernetzt. Gespielt wird entweder Mann gegen Mann (Frauen sind selten in der Szene) oder in Teams ("Clans"). In Amerika, wo natürlich wieder alles größer ist, gibt es mittlerweile Profispieler, die von den Preisgeldern bei LAN-Parties leben können.

Gespielt werden vor allem Action-Shooter, also Spiele, die in Deutschland größtenteils indiziert sind. Einige sind ganz verboten, die meisten ab 18 Jahren.

Das SWR-Jugendprogramm DASDING hat anläßlich seines UKW-Starts eine LAN-Party im Treffpunkt Rotebühl, Stuttgart, organisiert. Zu dieser Party waren neben Computerspielern wie Mario Makaro und "Giant" auch eine Beisitzerin der Bundesprüfstelle für Jugendgefährdende Schriften eingeladen: Barbara Krienitz-Reinhard gehört zu den Leuten, die mit darüber entscheiden, ob ein Spiel indiziert wird oder nicht.

Außerdem war Dr. Jochen Hettinger, Medienreferent am Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, bei der Diskussion dabei.

Im Laufe des Abends entwickelte sich eine lange und intensive Debatte zwischen den LAN-Spielern und Bundesprüfstelle bzw. Kultusministerium. DASDING stellt Ausschnitte dieser Diskussion als Anregung für die Medienarbeit zur Verfügung. Die Beiträge sind für Unterrichtszwecke frei downloadbar. Reaktionen bitte an:

helge.haas@dasding.de



Zunächst eine Erklärung von Barbara Krienitz-Reinhard über den Vorgang der Indizierung von Spielen.



Barbara Krienitz-Reinhard - Wie geht das mit der Indizierung?

Barbara Krienitz-Reinhard: "Die Indizierung erfolgt immer auf Antrag, das heißt, entweder Stadtjugendämter, Kreisjugendämter oder Sozialministerien stellen den Antrag. Es nicht so, dass die Bundesprüfstelle von sich aus gleich reagiert und gleich etwas unternimmt, sondern sie kann nur auf Antrag etwas tun. Wir Beisitzer bei der Bundesprüfstelle nehmen erstmal unseren Menschenverstand, unser eigenes, ureigenstes Gefühl, ehe wir das Gesetz befragen. Wir schauen erstmal die Spiele angucken, was finden wir menschenverachtend zum Beispiel, gewaltverherrlichend, und diskutieren das Ganze, und hinterher wird es dann von den Profis der Bundesprüfstelle formuliert und werden die Gesetze zur Untermauerung unserer Thesen dann vorgebracht."



Genau so funktioniert die Indizierung. Und damit stecken wir auch schon mitten im Thema. Die Bundesprüfstelle will schützen, aber die Spieler haben da ihre ganz eigenen Ansichten.



LAN-Spieler im Gespräch mit Barbara Krienitz-Reinhard und Dr. Jochen Hettinger:

LAN-Spieler: "Ich wollte nochmal darauf eingehen, dass sie gesagt haben, sie wollten die Jugend damit schützen. Ist ihnen klar, dass gerade durch die Indizierung die Spiele für Jugendliche - gerade im unteren Bereich, sag ich mal 14 bis 18 - besonders interessant werden und gerade dann gespielt werden von denen. Ich denk mal, wenn die normal im Laden stehen würden, würde es die wesentlich weniger interessieren, als wenn sie wüßten, ja, das interessiert, das darf ich eigentlich nicht, das mach' ich jetzt."

Barbara Krienitz-Reinhard: "Ja, das wissen wir natürlich, dass wir immer praktisch das Gegenteil erreichen. Aber das ist - ja, ja, ihr lacht zu Recht - aber auf der anderen Seite sagen wir uns, nichts zu tun, da denk ich auch wieder an den Fall von vorhin, nichts zu tun, ist das die richtige Lösung? Wir denken nein."

Dr. Jochen Hettinger: "Für viele ist das aber auch 'ne Orientierung, zum Beispiel für Eltern. Die wissen dann einfach, o.k. wenn das bei mir in der Familie auftaucht, ja da muß ich mal mit meinem Kinde reden, das ist so nicht o.k. Und ich finde, das ist das eine, es wirkt also schon in gewisser Weise. Und das andere ist, 'ne Gesellschaft braucht Werte, da bin ich fest davon überzeugt, und diese Werte muß man artikulieren. Und man kann nicht einfach so tun, als gäb's diese Werte nicht. Und darüber muß man diskutieren. Und die Kriterien, nach denen indiziert wird, werden sich wahrscheinlich auch über gewisse Zeiträume hin ändern, und das ist ein ganz wichtiger gesellschaftlicher Prozess und das sollten Jugendliche glaub ich auch wahrnehmen so, dass da tatsächlich über bestimmte Zumutbarkeiten auch inhaltlich dann diskutiert wird."

LAN-Spieler: "Gut, aber ich würd mal sagen, wenn die Eltern ihre Kinder schützen wollen können sie das auch ohne die Indizierung. S'gibt zum Beispiel Prüfstellen wie die Freiwillige Selbstkontrolle, wo das eben hinten auf der Packung drauf steht: Ab 18 empfohlen. Und danach können sich die Eltern genauso gut orientieren. Und letztendlich wissen die meisten sowieso nicht, was auf den PCs der Kinder läuft. Von daher denk ich bringt das halt relativ wenig ..."

LAN-Spieler: "Ich glaube sogar, das ist eher ein gegenteiliger Effekt, denn wenn die Kinder sich das Spiel nicht kaufen, sondern anderweitig holen, bekommen die Eltern das gar nicht mit und was im Endeffekt auf dem Rechner läuft von den Kindern, da haben die Eltern nix mit zu tun. Das verstehen'se nicht mal. Die sehen vielleicht, dass die Kin-der das spielen, aber sie können das nicht mal verhindern wenn sie wollen. Vielleicht Computerverbot oder irgendwas anderes, aber das macht ja auch keinen Sinn."

LAN-Spieler: "Ein weiteres Problem ist, dass auch durch die Indizierung wird das Spiel nicht mehr auf dem Markt richtig erhältlich, und dadurch hat der Softwarehersteller, der das Spiel gemacht hat, mit viel Aufwand - teilweise - , keine Chance mehr das Spiel in Deutschland richtig zu präsentieren. Weil er keine Werbung mehr machen darf, weil man's nicht in den Laden stellen kann und so weiter. Und das Spiel wird halt oft dann übers Internet raubkopiert und so weiter, also es wird dadurch die Spielverbreitung nicht gesenkt, sondern fast sogar erhöht."

Barbara Krienitz-Reinhard: "Auf der anderen Seite ist es aber so, dass es natürlich deutsche Versionen gibt, wie ich auch weiß, von Computerspielen. Natürlich, in denen das Blut nicht mehr unbedingt rot ist, ich weiß, sondern grün. Aber das heißt, also die Firmen wollen ja verkaufen, die wollen ihre Spiele verkaufen, und um das zu können in Deutschland bieten sie eben die abgeschwächten Versionen an, und die sind ja dann frei erhältlich."



Diese abgespeckten Versionen will nur keiner spielen, weil es eben noch eine realistischere, härtere und vor allem indizierte Version gibt. Dabei steht das blutige Gemetzel gar nicht im Mittelpunkt des Interesses bei den Spielern. Barbara Krienitz-Reinhard dagegen findet diese Spiele menschenverachtend, Dr. Jochen Hettinger sieht die Gefahr, das dadurch gerade bei jungen Spielern die Hemmschwelle herabgesetzt wird. Die LAN-Spieler wehren sich.

LAN-Spieler im Gespräch mit Barbara Krienitz-Reinhard und Dr. Jochen Hettinger:



LAN-Spieler: "Wir sehen das mehr als Sport an, auch wenn das nicht alle so sehen, aber im Prinzip kommt's nur drauf an, untereinander die Kräfte zu messen, zu sehen wer der bessere ist und ein faires Spiel sich zu liefern."

Barbara Krienitz-Reinhard: "Wenn ich ein Computerspiel sehe, in dem's das höchste Ziel ist, möglichst viele Fußgänger umzufahren, Tiere die sich einem in den Weg stellen, dann find ich das sehr menschenverachtend. Natürlich weiss ich, dass ihr wenn ihr rausgeht, dass ihr nicht tausend Leute umfahrt und das als schön empfindet, aber ich finde das sehr menschenverachtend wenn man dann sieht, die fliegen da in tausend Fet-zen in die Luft, schreien noch ganz schrecklich und man sieht dann hinterher das rote Blut spritzen. Also da ist für mich dann der Ofen aus."

Dr. Jochen Hettinger: "In der Literatur wird diskutiert, je realistischer so ein Computerspiel ist, zum Beispiel wenn ich gegen Soldaten kämpfe, die sehr menschenähnlich dargestellt sind, wenn ich denen bestimmte Gliedmaßen abschießen kann, und das gibt es ja tatsächlich, dann wird gesagt, es ist doch 'ne Nummer gefährlicher als wenn's jetzt sehr realitätsferne, comicartig dargestellte Szenen sind."

LAN-Spieler: "Also ich seh das nicht so. Gewalt kann Gegengewalt erzeugen, aber nur reelle Gewalt. Am Computerspiel, dort hat man keine Angst, dort hat man keine Furcht, wie's im wirklichen Leben ist. Und reelle Gewalt lernen Jugendliche hauptsächlich in der Clique und dort bekommen sie auch die Bestätigungen: Wenn ich Gewalt anwende, dann bin ich wer. Und bei den Computerspielen, da ist alles kommunikativ, ich sag auch immer, man spielt miteinander und nicht gegeneinander. Leute die spielen, die können damit umgehen, zwischen dem was auf dem Bildschirm ist und dem was reell ist. Leute, die nicht am Computer spielen, die sehen nur Blut, die sehen nur Gliedmaße, für die ist das die Realität und das ist das Problem, dass Außenstehende eigentlich weniger gut damit zurechtkommen wie eigentlich Computerspieler."

Dr. Jochen Hettinger: "Aber ich glaub, das ist doch auch sehr altersabhängig und von daher denk ich, ist es sehr wichtig, dass man diese Indizierung hat, dass man wirklich Kinder und Jugendliche, die das eben noch nicht verarbeiten können und die da vielleicht wirklich irritiert werden, davor schützen kann."

LAN-Spieler: "Natürlich ist es altersabhängig, aber es ist auch abhängig von der persönlichen Psyche. Es ist abhängig von dem Umfeld, wo die Person aufwächst. Es ist von sehr vielen Faktoren abhängig. Und ob man da einen Indizierungsschutz machen muss, da muss ich die Frage stellen: Österreich, in Österreich sind solche Spiele erlaubt, in der Schweiz auch, so viele Unglücksfälle in den Schulen, mit Gewalt was wir erlebt haben in Deutschland, da fehlt für mich der Zusammenhang, weil dort eben diese Art von der Indizierung fehlt bei Computerspielen."

Barbara Krienitz-Reinhard: "Ich weiß nicht, ob's da eben einen gewissen ganz direkten Zusammenhang gibt. Wir hoffen eben, dass wir ein bisschen die Gewalt eindämmen können und auch die Bejahung von Gewalt, dass das auch immer mehr akzeptiert wird oder selbstverständlich ist. Es ist doch auch so, dass im Fernsehen zum Beispiel, damit die mit den Privaten mithalten können, auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, auch immer mehr Gewaltszenen zu sehen sind, und das wird als ganz selbstverständlich hingenommen."

LAN-Spieler: "Wir sind keine Kriminellen, wir machen nix kaputt, wir sind nicht gewalttätig und wir kriegen jetzt, wie sie vorher auch sagten, sie sehen das, sie beurteilen das, wie ist das wenn da ein Tier quiekt oder sonst irgendwie was. Ich mein, das ist aus ihrer Sicht, aber aus unserer Sicht ist das einfach in Ordnung und wir sind die nächste Generation und da sind sehr viele aus der IT-Branche dabei, da sind sehr viele Studenten und tatsächlich sitzt hier nicht das Klientel das auf die Straße geht und sich rumprügelt."



Sinn oder Unsinn von Indizierung? Dr. Jochen Hettinger zieht den Vergleich zur Arbeit der FSK im Filmsektor. Gilt es nicht, moralische Grundwerte zu schützen? Und welche Aufgabe kann die Schule dabei übernehmen?



LAN-Spieler im Gespräch mit Dr.Jochen Hettinger:

LAN-Spieler: "Es ist absolut richtig, dass gewissen Leuten solche CD-Roms, Spiele, was auch immer, besser nicht zugänglich gemacht werden. Allerdings bringt die Indizierung so nichts und ich bin der Meinung, dass jemand der so veranlagt ist von Natur aus, so oder so gewalttätig ist, dann auch noch gewalttätiger wird durch Spielfilme, was auch immer, und das Computerspiele wirklich nur zu 'nem gewissen Teil dazu beitragen."

Dr. Jochen Hettinger: "Ja, also wir kommen von dem Thema Indizierung nicht weg und das merk ich auch irgendwie, das steht an. Ich kenn's ein bisschen aus 'nem anderen Kontext und zwar von den Filmen. Die Freiwillige Selbstkontrolle Filmwirtschaft schaut sich ja auch die Filme an und gibt sie frei. Und ich lese manchmal diese Protokolle und dann gibt es zum Teil Schnittauflagen, das sind oft nur von eineinhalb Stunden eine Minute, eineinhalb Minuten. Und was da rausgeschnitten wird, das ist wirklich ekelerregend, wenn ich das nur lese. Und ich finde da gibt es einfach Szenen, wo ich sagen würde, egal wie das dann wirkt, und vielleicht auch Kinder damit kompetent - oder Jugendliche sag ich jetzt mal - umgehen können, es ist einfach ekelhaft und es ist abscheulich und ich finde, da gibt's einen gesellschaftlichen Wertekonsens und den sollte man da auch durchsetzen. Und 'ne ganz andere Sache, es gibt auch manches, was einfach sich einbrennt, was sich einprägt, und was, glaub ich, manchen Leuten auch einfach Angst macht. Es ist ja nicht nur die Gewaltproblematik, sondern man kann ja auch durch Medieneindrücke so eine Angst bekommen, dass man später wirklich da Schwierigkeiten hat und ich finde so muss man das ja auch mal sehen. Was ich auch wichtig finde, was kann man denn eigentlich tun? Man kann sicherlich irgendwo den Daumen draufhalten, kann sagen, das sollte eigentlich nicht über den Ladentisch gehen und das sollte bestimmte Zielgruppen nicht erreichen.

Aber was ich ganz wichtig finde, und da hoffe ich auch, dass die Schule einfach noch viel aktiver wird, dass man einfach über diese Sachen, über diese Jugendkultur, wie sie sich da ausprägt, über diese Spielekultur, über den Computer als Spielemedium, als Interaktionsmedium mehr redet, dass man da selber mehr medienpädagogische Projekte macht. Dass man den Unterricht auch daraufhin ausrichtet, das finde ich ist 'ne ganz arg wichtige Sache und da würd ich sagen, also da war ich auch hier heute fasziniert, was da an technischer Kompetenz da ist und was da glaube ich auch an Wissen da ist bei den Jugendlichen, wo man sehr gut auch in Dialog kommen könnte im Unterricht. Und da denke ich, und ich hoffe eigentlich, dass das so ein bisschen vielleicht mal Alltag wird, dass man diese Medienrealität in den Schulen zumindest thematisiert."



Jugendliche haben leicht den Eindruck, dass über ihren Kopf hinweg Entscheidungen getroffen werden, deshalb wird auch immer wieder der Ruf nach Beteiligung in den entscheidenden Gremien laut:



LAN-Spieler im Gespräch mit Barbara Krienitz-Reinhard :

Barbara Krienitz-Reinhard: "Also wenn wir als Beisitzer da sitzen sind es erstmal für jeden persönlich rein subjektive Empfindungen, sag ich jetzt mal so gefühlsbetont. Wie wir das empfinden und wo unsere moralische Grenze ist, das diskutieren wir jedesmal bei jedem Spiel neu."

LAN-Spieler: "Bei dem Gremium, wär's da nicht möglich, auch jugendliche Spieler dazuzuziehen oder auch die mal zu Wort kommen zu lassen, wenn darüber entschieden wird?"

Barbara Krienitz-Reinhard: "Ich finde den Aspekt sehr interessant, habe mir auch in den letzten Tagen viel Gedanken darüber gemacht, bevor ich hier zu euch gekommen bin, und werde das unbedingt anregen. Denn wir glauben was zu wissen was wir glaub ich nicht wissen, denn das ist, wie schon angesprochen, ein reines Generationenproblem auch."

20 Min waren für die Diskussion angesetzt, für einige Spieler wurden daraus aber weit über 2 Stunden. Was als LAN-Party geplant wurde, entwickelte sich zu einer Diskussion über Indizierung. Ein Hinweis darauf, dass der Gesprächsbedarf bei diesem Thema sehr groß ist.

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