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Autoren: Lyon, Matthew / Hafner, Katie.
Titel: E-Mail.
Quelle: Katie Hafner/Matthew Lyon: Arpa Kadabra oder die Geschichte des Internet. Heidelberg, 2., korrigierte Auflage, 2000. S. 222-259.
Verlag: dpunkt.verlag GmbH.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Katie Hafner/ Matthew Lyon
An einem Abend im September 1973 packte Len Kleinrock seinen Koffer aus und stellte fest, daß er seinen Rasierapparat vergessen hatte. Er war gerade aus dem englischen Brighton nach Los Angeles zurückgekehrt und hatte den Rasierer im Badezimmer des Gästehauses der Universität von Sussex liegenlassen. Ein gewöhnlicher Elektrorasierer war kein großer Verlust. “Aber es war meiner”, erinnert sich Kleinrock, “und ich wollte ihn wiederhaben.”
Kleinrock kam von einer Konferenz über Datentechnik und Telekommunikation, an der Wissenschaftler aus mehreren Ländern teilgenommen hatten. Einige von ihnen entwickelten gerade digitale Netzwerke unter der Schirmherrschaft ihrer jeweiligen Regierungen. Das US-amerikanische ARPANET stellte jedoch das bei weitem größte und weitestentwickelte Vernetzungsexperiment der Welt dar, und die internationale Versammlung nahm die Gelegenheit gerne wahr, sich das Projekt vorführen zu lassen. Die Organisatoren der Konferenz hatten zudem beschlossen, diese Chance zu nutzen, um die Übertragung von Datenpaketen via Satellit zu testen. Also war eigens für die Konferenz eine Satellitenverbindung von Virginia zu einer Bodenstation in Cornwall bei Goonhilly Downs nahe Land’s End geschaltet worden. Von dort bestand eine Standleitung zur Universität von London. Von London schließlich lief eine letzte Verbindung nach Brighton, so daß die Benutzer sich von dort aus in das ARPANET einklinken konnten, als ob sie in einem Büro in Cambridge in Massachusetts oder in Menlo Park in Kalifornien gesessen hätten.
Kleinrock war einen Tag früher in die Vereinigten Staaten zurückgekommen; als er nun seinen Rasierer vermißte, kam ihm die Idee, er könne ja jemanden, der sich noch auf der Konferenz befand, bitten, den Apparat zu suchen und ihn mitzubringen. Es gab da im Netzwerk eine praktische Software namens “resource-sharing executive” oder kurz RSEXEC. Wenn man eintippte “where so-und-so”, durchsuchte RSEXEC die “who”-Liste jedes Netzrechners – ein Verzeichnis aller, die gerade eingeloggt waren – nach “so-und-so”. Auf diese Weise konnte man eine Person im Netzwerk auffinden, vorausgesetzt, sie war zufällig gerade eingeloggt. “Ich überlegte, welcher Verrückte um drei Uhr morgens wohl online sein könnte”, erinnert sich Kleinrock. Er ging an sein Terminal und tippte “where Roberts”.
Einige Minuten später spuckte Kleinrocks Terminal die Antwort aus. Larry Roberts war tatsächlich noch in Brighton, wach und im Augenblick verbunden mit einem BBN-Host in Cambridge. Auf Kleinrocks Bildschirm erschien außerdem die Terminalnummer von Roberts. Dies genügte, damit Kleinrock ihm von L.A. aus elektronisch auf die Schulter tippen konnte.
“Ich mußte nur eine Fernschreiberverbindung zu BBN herstellen”, berichtet er. Zur Kontaktaufnahme nutzte Kleinrock TALK. Dieses Programm unterteilte den Bildschirm in zwei Hälften; die eine zeigte, was man eintippte, auf der anderen las man die Antwort. Die beiden Freunde begrüßten sich. “Ich fragte ihn, ob er mir meinen Rasierapparat wiederbeschaffen könne. Er sagte: ‘Klar, kein Problem’.” Am nächsten Tag brachte ihn Danny Cohen mit, ein gemeinsamer Freund der beiden, der ebenfalls die Konferenz besucht hatte und wieder nach L.A. zurückgekehrt war.
Für diejenigen, die Zugangsberechtigung hatten, gab es keine formellen Regeln für die Benutzung des ARPANET. Kleinrocks “Rasiererrettung” war nicht der erste Fall, in dem jemand die offiziellen Grenzen des Erlaubten etwas strapazierte. Mehr und mehr wurden auch persönliche Botschaften über das Netzwerk versandt. Ein Gerücht wollte wissen, daß sogar ein oder zwei Rauschgifttransaktionen über einige der IMPs in Nordkalifornien gelaufen seien. Das ARPANET anzuzapfen und über internationale Leitungen einen Rasierer wiederzubeschaffen, hatte dennoch etwas davon, als blinder Passagier auf einem Flugzeugträger mitzureisen. Das ARPANET war schließlich eine offizielle staatliche Forschungseinrichtung und kein Spielzeug. Kleinrock hatte das Gefühl, daß das Kunststückchen, das er da abgezogen hatte, etwas außerhalb der Legalität lag. “Es gab mir einen richtigen Kick. Ich hatte das Gefühl, das Netz zu überspannen.”
Das ARPANET war nicht als Nachrichtensystem gedacht. Seine Erfinder wollten, daß es der gemeinsamen Nutzung von Ressourcen diente, und damit basta. Das bißchen Kapazität, das schließlich tatsächlich zu diesem Zweck genutzt wurde, ging bald in einer Flut elektronischer Post unter. Zwischen 1972 und den frühen 8oer Jahren entdeckten Tausende der ersten Benutzer E-Mail – oder Netzwerk-Post, wie man damals sagte – für sich. In diesem Jahrzehnt entstanden viele bleibende Merkmale der modernen digitalen Kultur: Flames, Emoticons, das @-Zeichen, Debatten über Meinungsfreiheit und Schutz der Privatsphäre und ein rastloses Streben nach technischen Verbesserungen sowie nach Übereinkünften hinsichtlich der technischen Grundlagen von alledem. Anfangs war E-Mail schwierig zu benutzen, doch gegen Ende der 70er Jahre hatte man die größten Probleme im Griff. Der sprunghafte Anstieg des Nachrichtenverkehrs wurde in der Anfangszeit zum stärksten Motor für das Wachstum und die Entwicklung des Netzwerks. E-Mail leistete für das ARPANET, was der Kauf von Louisiana für die jungen Vereinigten Staaten bewirkt hatte. Die Entwicklung erhielt noch stärkeren Auftrieb, als das Netzwerk sich ausdehnte und die Technik sich mit dem unbezähmbaren menschlichen Bedürfnis zu reden vereinigte.
Die elektronische Post sollte zur Langspielplatte des Cyberspace werden. Genau wie die LP ursprünglich für Musikkenner und Audiophile erfunden wurde, dann aber eine ganze Industrie entstehen ließ, verbreitete sich E-Mail anfangs nur unter der Elite der Computerwissenschaftler mit ARPANET-Zugang; im Internet explodierte sie dann wie blühendes Plankton. Ungefähr zu der Zeit, als Kleinrock sich seinen Rasierer wiederbeschaffte, fielen die Tabus, und der Ton des Nachrichtenverkehrs im Netz begann lockerer zu werden.
Als kulturelles Produkt gehört die elektronische Post in eine Kategorie, die irgendwo zwischen Objektkunst und glücklichem Zufall angesiedelt ist. Die Schöpfer des ARPANET hatten keine große Vision; sie wollten kein erdumspannendes Nachrichtensystem erfinden. Doch als die ersten paar Dutzend Knoten installiert waren, verwandelten die ersten Benutzer das System miteinander verbundener Computer in ein Instrument zur persönlichen wie zur fachbezogenen Kommunikation. Die Nutzung des ARPANET als ausgefeiltes Postsystem war einfach ein guter Hack. Damals hatte Hacken nichts mit böswilligem oder destruktivem Verhalten zu tun; unter einem guten Hack verstand man eine kreative oder besonders gelungene Programmierarbeit. Die besten Hacker waren Profis. Netzwerknutzer, die unbefugt oder in böser Absicht in fremde Rechner eindrangen – was in den Anfängen praktisch nicht vorkam –, hießen “ network randoms ” oder “ net randoms ” oder einfach “randoms”. Es sollte noch ein weiteres Jahrzehnt dauern, bis “Hacker” zu einem Schimpfwort wurde.
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In dem Jahrzehnt vor dem ARPANET hatten die Computerwissenschaftler Methoden entwickelt, um innerhalb eines Time-Sharing-Systems elektronische Botschaften auszutauschen. Jeder Forscher, der das System benutzte, hatte auf dem Zentralrechner eine für ihn reservierte Datei, eine Art Eingangskasten. Die Kollegen konnten kurze elektronische Botschaften an jeden Eingangskasten schicken, und nur der Empfänger konnte sie lesen. Die Mitteilungen konnten jederzeit abgegeben und abgeholt werden. Das war angesichts der seltsamen Arbeitszeiten mancher Leute sehr bequem. Die Mitarbeiter einer einzigen Abteilung oder Einrichtung tauschten Unmengen von Einzeilern aus, aber auch längere Memos und Entwürfe von Artikeln.
Das erste dieser Programme – MAILBOX – wurde Anfang der 60er Jahre auf dem Compatible Time-Sharing System des MIT installiert. Ähnliche Mailbox-Systeme entwickelten sich zu einem Standardmerkmal fast aller später produzierten Time-Sharing-Systeme. In weitläufigen Gebäuden konnten die Programmierer an Arbeitsplätzen, zwischen denen Hunderte von Metern lagen, Nachrichten austauschen, ohne sich auch nur vom Schreibtisch erheben zu müssen. In vielen Fällen jedoch war der Nachrichtenaustausch auf einer einzigen Maschine oder “Domain” so überflüssig wie ein Kropf – wie wenn zwei Menschen in einer Blockhütte mit nur einem Raum über Sprechfunkgeräte miteinander sprechen würden. Die Leute standen immer noch vom Schreibtisch auf und gingen den Flur hinunter, um miteinander zu reden. So berichtet ein Benutzer: “Einen Kollegen werde ich nie vergessen: Obwohl er im Büro neben meinem arbeitete, schickte er mir ständig E-Mails, und es verblüffte ihn immer, wenn ich dann aufstand und persönlich zu ihm rüberkam.”
All dies änderte das ARPANET aufgrund seiner geografischen Reichweite. Es verwandelte die elektronische Post von einem spannenden Spielzeug in ein nützliches Werkzeug. Die ARPANET-Gemeinschaft war stark demokratisch geprägt, bis hin zu anarchistischen Zügen. Die ersten Benutzer des ARPANET entwickelten neue Ideen in einem ununterbrochenen Strom, bastelten ständig an alten weiter, zwiebelten und piesackten ihr Netzwerk, bis es dies oder jenes tat, schufen eine Atmosphäre des kreativen Chaos. Die Kunst, einen Computer zu programmieren, entfaltete sich in ständig wiederholten Grundmotiven und Variationen über alle möglichen Themen. Zu einem der wichtigsten davon avancierte E-Mail.
Die erste elektronische Postzustellung zwischen zwei Rechnern fand im Jahre 1972 statt. In die Wege geleitet hatte sie Ray Tomlinson, ein ruhiger, zurückhaltender Ingenieur bei BBN. Etwas früher hatte Tomlinson ein Mail-Programm für das von BBN entwickelte Betriebssystem Tenex geschrieben, das mittlerweile auf den meisten PDP-10-Rechnern im ARPANET lief. Dieses Postprogramm bestand aus zwei Teilen: Um Nachrichten zu senden, benutzte man SENDMSG, um Post zu empfangen, das andere Teilprogramm READMAIL. Tomlinson hatte die Programme eigentlich nicht für das ARPANET entwickelt. Wie andere damalige Mailbox-Programme war es für Time-Sharing-Systeme gedacht und sollte Post ausschließlich lokal versenden, innerhalb einzelner PDP-10-Computer und nicht zwischen mehreren dieser Rechner.
Doch als eingefleischter Praktiker beschloß Tomlinson, den Umstand auszunutzen, daß in den Büros in Cambridge zwei PDP-10 installiert waren, eben die Maschinen, die BBN als ARPANET-Zugang benutzte. Einige Wochen zuvor hatte Tomlinson zu Versuchszwecken ein Dateitransferprotokoll namens CPYNET geschrieben. Dieses Programm modifizierte er jetzt so, daß es eine Postsendung von einer Maschine übertragen und in einer Datei auf einer anderen ablegen konnte. Als er es ausprobierte und Post von einer PDP-10 zur anderen schickte, funktionierte der kleine Hack, und obwohl seine Post gar nicht nach draußen in die Weiten des Netzwerks gegangen war, hatte sie doch eine wichtige historische Schwelle überschritten. Tomlinsons CPYNET Hack stellte einen Durchbruch dar; jetzt gab es nichts mehr, was E-Mail davon abhalten konnte, das Netz in seiner Gesamtheit zu durchlaufen. Vom technischen Standpunkt aus gesehen, war Tomlinsons Programm trivial, vom kulturellen aus jedoch revolutionär. “SENDMSG war das Sesam-öffne-dich”, erzählt Dave Crocker, der jüngere Bruder von Steve Crocker und ein E-Mail-Pionier. “Es stellte die erste echte wechselseitige Verbindung dar, und ab da übernahmen es alle anderen.”
Doch wie brachte man diese Erfindung draußen im Netzwerk zum Laufen? Die Antwort lag im Dateitransferprotokoll. Eines Abends im Juli 1972, als Abhay Bhushan im Tech Square des MIT gerade an den endgültigen Spezifikationen für das ARPANET-Dateitransferprotokoll schrieb, schlug jemand vor, Tomlinsons E-Mail-Programm an die Endfassung dranzuhängen. Warum nicht? Wenn man elektronische Botschaften mit CPYNET verschicken konnte, dann konnten sie auch genausogut mit dem Dateitransferprotokoll auf die Reise gehen. Bhushan und andere nahmen ein paar Modifikationen vor. Als Jon Postel im August ein RFC-Dokument erhielt, das das Leistungsmerkmal E-Mail skizzierte, dachte er bei sich: “Na, das ist ja wirklich ein netter Hack.” Das erste E-Mail-bearbeitende Zwillingspärchen des ARPANET, MAIL und MLFL, erwachte zum Leben.
Tomlinson wurde durch SENDMSG und CPYNET bekannt. Noch bekannter jedoch wurde er durch eine geniale Entscheidung (er nannte sie naheliegend), die er fällte, während er die Programme schrieb. Er mußte irgendwie in der Adresse der E-Mail den Namen des Nutzers von dem der Maschine, die dieser benutzte, trennen. Welches Symbol sollte er dafür verwenden? Er wollte ein Zeichen, das unter keinen erdenklichen Umständen im Namen des Nutzers vorkommen konnte. Er blickte auf die Tastatur des Fernschreibers Modell 33, die er verwendete wie fast alle anderen im Netz auch. Zusätzlich zu den Buchstaben und Zahlen gab es darauf etwa ein Dutzend Satz- und Sonderzeichen. “Ich war als erster an diese Stelle gelangt, also konnte ich das Zeichen nach meinem Gutdünken wählen”, berichtet Tomlinson. “Ich entschied mich für das Zeichen @.” Für den “Klammeraffen” sprach, daß er die Bedeutung von “at” (bei) – nämlich “bei” einer bestimmten Einrichtung – besaß. Tomlinson hatte keine Ahnung, daß er damit ein Symbol für die vernetzte Welt schlechthin schuf.
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Stephen Lukasik, Physiker und Leiter der ARPA von 1971 bis 1975, gehörte zu den ersten Nutzern und engagierten Fürsprechern der Netzwerk-Post. Sein Favorit unter den Abteilungen der ARPA war Larry Roberts’ Information Processing Techniques Office (IPTO). Die berufliche Laufbahn Lukasiks hatte in den 50er Jahren begonnen; er arbeitete damals als graduierter Student bei BBN und am MIT. 1966 kam er zur ARPA, wo er an der Entwicklung von Methoden zum Nachweis von Atomwaffentests mitarbeitete und die Entstehung des ARPANET verfolgte. Während seines Aufstiegs zum Direktor kämpfte Lukasik stets mit aller Macht gegen Mittelkürzungen in der computerwissenschaftlichen Forschung. Die ARPA stand zwar unter dem Druck, rüstungsrelevante Arbeiten durchführen zu müssen, doch Lukasik sah in der Daten- und Computertechnik eine grundlegendere, aber bedeutsame Technologie und verteidigte sie auch so vor dem Kongreß.
Doch manchmal ging selbst ihm zu weit, was unter dem Dach des IPTO passierte. Als Leiter der ARPA machte er häufig Rundgänge durch die Abteilungen und trat unangemeldet in die Büros der Mitarbeiter. Eines Tages besuchte er gerade das IPTO, als ihm ein Ordner auffiel, der auf einem Aktenschrank lag. Sein Blick blieb an dessen orangefarbenem Umschlag hängen (“nicht gerade meine Lieblingsfarbe”). Der Ordner war beschriftet mit “Computergestützte Choreographie”. Er enthielt Tätigkeitsberichte zu einem Projekt, das Bewegungen von Tänzern dazu nutzte, mittels Computergrafik menschliche Bewegungen darzustellen. “Ich ging hoch wie eine Rakete”, erzählt er. Vor seinem geistigen Auge sah er schon die Schlagzeile: PENTAGON FINANZIERT TANZFORSCHUNG.
Lukasik wies seine Mitarbeiter an, den betreffenden Wissenschaftlern folgende Direktive zu geben: “Wenn ihr etwas machen wollt, das so aussieht, als sei es 40 000 Meilen weit weg von Rüstungsforschung, dann schreibt wenigstens unseren Namen nicht drauf.” Er verstand, worum es bei dem Projekt ging, und hatte prinzipiell nichts dagegen einzuwenden, wollte jedoch verhindern, daß die Wissenschaftler es an die große Glocke hängten. Steve Crocker, der jetzt als IPTO-Programm-Manager unter Roberts arbeitete, war froh, daß er nicht für das “Tanzautomatisierungsprojekt” zuständig war. Allerdings hatte er selbst ein kleines Problem mit Forschern in Stanford, deren Arbeit auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz er unterstützte. “Bei einem meiner unregelmäßigen, unangemeldeten Besuche zeigten sie mir voller Stolz eine quadrophonische Simulation einer summenden Fliege – was 25 Prozent der vorhandenen Rechenkapazität aufzehrte”, erinnert sich Crocker.
Als eine der ersten Tätigkeiten nach seiner Ernennung zum Chef der Behörde bat Lukasik Roberts, ihm eine E-Mail-Adresse und einen ARPANET-Zugang zu geben. Es war ungewöhnlich, daß jemand, der kein Computerwissenschaftler war, Interesse an der Benutzung der Netzwerk-Post zeigte, und noch ungewöhnlicher, daß sie jemand bald so intensiv nutzte wie Lukasik.
Als Vielflieger ging Lukasik selten ohne sein fast 14 Kilo schweres “tragbares” Texas-Instruments-Terminal mit Akustikkoppler an Bord. Mit diesem Gerät konnte er sich unterwegs einloggen und seine elektronische Post lesen. “Im Grunde leitete ich die ARPA auf diese Weise”, erinnert sich Lukasik. “Ich war bei einem Meeting, und jede Stunde wählte ich meinen elektronischen Briefkasten an. Ich forderte alle in meiner Umgebung auf, diese Möglichkeit zu nutzen.” Er drängte sie allen seinen Abteilungsleitern auf und diese wiederum anderen. Die ARPA-Manager merkten bald, daß E-Mail den einfachsten Weg darstellte, mit dem Boss Kontakt aufzunehmen, und den schnellsten Weg, rasch seine Zustimmung einzuholen.
Zwischen Lukasik und Roberts bestanden ausgezeichnete Beziehungen, teils, weil sie beide analytisch dachten, und teils, weil Roberts alle Fragen, die ihm Lukasik zu seinen Projekten stellte, stets postwendend beantwortete. “Wenn wir am Dienstag nachmittag eine Besprechung hatten und ich Larry mit einigen offenen Fragen losschickte, trat er am nächsten Tag zu einer weiteren Besprechung an, und zwar mit mehr als nur Antworten. Er lieferte Trends und Vorausschauen und Vergleiche.”
Dann entdeckte Lukasik, wie Larry das anstellte, und die Nützlichkeit von E-Mail trat klarer zutage denn je. In aller Regel verließ Roberts Lukasiks Büro, kehrte in sein eigenes zurück und schickte umgehend Botschaften an die verfügbaren Experten zu den fraglichen Punkten ab, die wiederum seine Fragen an ihre graduierten Studenten weiterreichten. 24 Stunden und eine Flut von E-Mails später war das Problem gelöst, gewöhnlich gleich mehrfach. “Die Arbeitsweise von Larry war die Quintessenz der Argumente zugunsten eines Computernetzwerks”, erklärt Lukasik. Unter seiner Leitung verdoppelte sich das Budget von Roberts nahezu von 27 auf 44 Millionen Dollar.
1973 gab Lukasik eine ARPA-Studie in Auftrag, nach der drei Viertel des gesamten Datenverkehrs im ARPANET aus E-Mail bestand. Zu diesem Zeitpunkt ließen sich E-Mails einfach und beinahe störungsfrei versenden. E-Mails zu lesen oder zu beantworten stand jedoch auf einem anderen Blatt: Es ging durchaus, aber es war alles andere als einfach. Der Text ergoß sich einfach auf den Bildschirm oder aus dem Drucker; nichts trennte die einzelnen Botschaften. Um zur jeweils letzten vorzudringen, mußte man immer wieder den ganzen Wust durchgehen. Wenn sie elektronische Post lesen wollten, blieb vielen Nutzern nichts anderes übrig, als den Fernschreiber einzuschalten und einen schier endlosen Strom von Text auszudrucken. Nachrichten in vernünftiger Form zu verfassen war eine echte Mühsal, denn die Tools zum Editieren von Text waren primitiv. Und es gab keine “Antwort”-Funktion für E-Mail; um zu antworten, mußte man eine Botschaft ganz von vorne schreiben.
Lukasik, der nur sehr ungern etwas wegwarf, ärgerte es allmählich, wie sich die E-Mails in seinem Eingangskasten türmten. Er ging zu Roberts. “Ich sagte: ‘Larry, diese E-Mail ist eine tolle Sache, aber ein völliges Chaos!’”, erinnert sich Lukasik. “In seiner typischen Art stand Larry am nächsten Tag wieder bei mir auf der Matte und sagte: ‘Steve, ich habe ein bißchen Code für dich geschrieben, der dir vielleicht hilft.’ Und er zeigte mir, wie ich eine Liste der Nachrichten aufrufen konnte oder wie ich sie ablegen oder löschen konnte.” Roberts hatte gerade den ersten Mail-Manager geschrieben.
Roberts nannte sein Programm RD für “read”. Alle ARPANET-Nutzer liebten es, und fast alle präsentierten kleine Variationen für RD – ein Kniff hier und ein Dreh da. Ein ganzer Wasserfall neuer Mail-Programme auf der Grundlage des Betriebssystems Tenex stürzte in das Netzwerk: NRD, WRD, BANANARD (“banana” war Programmiererslang für “cool” oder “hip”), HG, MAILSYS, XMAIL ... ein unaufhaltsamer Strom. Bald kamen die Hauptbetreiber des Netzwerks ins Schwitzen wie Jongleure, die zuviel auf einmal in die Luft geworfen haben. Mehr Einheitlichkeit bei diesen Programmen war nötig. Scherte sich denn niemand mehr um die Standards?
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Aus Gründen, die nichts mit E-Mail zu tun hatten, die aber für alle spürbar waren, die das Netzwerk täglich nutzten, lief das Netz ab und an einfach Amok. Oder wie es jemand ausdrückte, es “knitterte”. Störungen in einem Rechner konnten einen Dominoeffekt auslösen, der das gesamte System erfaßte. Ein Beispiel: der Systemausfall am Weihnachtstag 1973. Im IMP von Harvard trat ein Hardware-Fehler mit der bizarren Folgewirkung auf, daß überall Nullen in die Routing-Tabellen eingetragen wurden. Aufgrund dessen erhielten andere IMPs im ganzen Land die Information, daß Harvard gerade zur kürzesten Route – Null-Sprünge – zu jedem beliebigen Zielort im ARPANET avanciert sei. Daraufhin brach eine atemberaubende Sturzflut von Paketen über Harvard herein.
Einen Crash wie diesen mußten die Nutzer bemerken. Alles kam zum Stillstand. “Harvard wurde zu einem Schwarzen Loch”, erzählt John McQuillan, damals graduierter Student in Harvard. “Der gesamte Datenverkehr ging nach Harvard, aber wie bei einem Schwarzen Loch kam keine Information heraus.” McQuillan hatte von Ben Barker gelernt, das Netzwerk zu steuern, und hatte mitgeholfen, Harvards PDP-10 online zu bringen. Gegen Ende seiner Doktorandenzeit erhielt McQuillan eine Stelle bei BBN, wo er die Software des Network Control Centers verbessern sollte. An dem Weihnachtstag, als die Nullen von Harvard in die Routing-Tabellen im ganzen Land strömten, wurde sogar der Steuerverkehr, mit dem BBN Fehler im System diagnostizierte, in den “Anziehungsbereich” des gestörten IMP von Harvard hineingesaugt. Die Betreiber bei BBN mußten diesen Teil des Netzwerks abtrennen, den Fehler beseitigen und den IMP wieder ans Netzwerk anschließen.
Wie ein Stromversorgungsunternehmen entwickelte BBN sehr rasch die Mittel, um solche Zwischenfälle zu meistern. Es ereigneten sich auch nur relativ wenige Abstürze, die das gesamte Netzwerk erfaßten; keiner davon dauerte sehr lange.
An Dienstagen, wenn das ARPANET zur routinemäßigen Wartung für BBN reserviert war, kam McQuillan um sechs Uhr morgens zur Arbeit. Crowther und Walden arbeiteten nicht mehr mit den IMPs. Zwischen 1972 und 1974 trug McQuillan die Hauptverantwortung für die Überarbeitung der Software und die Verteilung neuer Releases. Er leitete die Gruppe, die die gesamte neue IMP-Software schrieb und sie im Netzwerk verteilte. Im Labor von BBN baute er “ziemlich ausgefeilte” Testnetzwerke auf und simulierte damit Störungsszenarien. Aus den mit Vorbedacht herbeigeführten Abstürzen konnte er lernen, wie das ARPANET störungssicherer zu machen war.
“Es ist einfach sonnenklar, daß die Computer allen möglichen Risiken ausgesetzt sind – Gewitter und Stromausfälle und Software-Fehler und Hardware-Fehler und daß der Hausmeister über das Stromkabel stolpert – einfach alles, was man sich nur denken kann”, erklärt McQuillan. Doch von allen potentiellen Problemen waren Störungen im Routing-Algorithmus am gefürchtetsten.
Trotz seiner Eleganz und Einfachheit steckten Fehler in dem ursprünglichen Routing-Algorithmus, den Crowther geschrieben hatte. Das System war zwar “schlank”, aber für dichten Datenverkehr in gewissem Sinn zu primitiv. Das Problem war bekannt, doch es machte sich erst bemerkbar, als das Netzwerk einen Punkt erreichte, an dem der gestiegene Nutzungsgrad und die große Knotenzahl das Routing-System bis an seine Grenzen belasteten. “Das fing erst an, als das Netzwerk groß wurde”, sagt McQuillan. “Als es noch ganz klein war, funktionierten die wesentlichen Protokolle alle. Aber in kleinem Maßstab funktioniert fast alles. ” Sie wußten, wenn das System erst einmal 50 oder 60 Knoten umfaßte, würde es der alte Algorithmus nicht mehr schaffen, die RoutingInformation schnell genug zu aktualisieren; sie wußten, daß sie dann in ein Riesenschlamassel hineinschliddern konnten. McQuillan nahm es auf sich, die Algorithmen “absolut kugelsicher” zu machen, damit sie auch “angesichts ‘unmöglicher’ Probleme weiterarbeiteten”.
Innerhalb von zwei Jahren und mit zahlreichen neuen Versionen ersetzte McQuillan nach und nach die Routing-Algorithmen, das Bestätigungsverfahren und schließlich das gesamte Betriebsprogramm der IMPs. Er entwickelte einen völlig anderen Algorithmus, der Informationen über Veränderungen im Netzwerk blitzschnell an alle IMPs verteilte, damit sie keine falschen Routing-Entscheidungen trafen. Und er beseitigte die Ursachen möglicher Blockierungen, indem er unter anderem das berüchtigte RFNM abschaffte.
“Ich kannte alle Computer im Netzwerk”, berichtet McQuillan. “Ich wußte, wo sie standen, wie ihre Nummer lautete, und ich kannte alle an dem Standort mit Namen.” Jetzt hingen fast 50 IMPs am ARPANET.
***
Ein Postsystem, ob ein digitales oder ein sonstiges, hat etwas Einladendes für Leute mit einer nonkonformistischen Ader. Regeln sind notwendig – vielleicht versuchen gerade aus diesem Grund immer einige Menschen, sie zu beugen. Da gab es beispielsweise den schlauen Zeitgenossen, der es fertigbrachte, den US Postal Service (USPS) als Frachtdienst zu mißbrauchen: Er verschickte so lange Ziegel einzeln per Post nach Alaska, bis er dort genügend beisammen hatte, um sich ein Haus zu bauen; das war die billigste Möglichkeit, die Ziegel aus den südlicheren Staaten in den hohen Norden zu bringen. Da gibt es Tante Em, die ihre Pakete an die weit verstreuten Neffen und Nichten über und über mit phantasievollen Illustrationen schmückte, vermutlich eher zur Erheiterung als zum Ärger der Postbeamten. Irgendwo in einem dicken Buch stehen säuberlich gedruckt die offiziellen Vorschriften des amerikanischen Postdienstes – was wie verschickt werden darf und was nicht. Doch innerhalb gewisser Grenzen werden alle Arten von Paketen befördert, weil die Menschen hinter den Schaltern mit einem sehr breiten Spektrum von Nonkonformität zurechtkommen.
Doch stellen wir uns einmal vor, daß irgendwo ein kleines Postamt auszuscheren beschließt und seine eigenen Regeln für das Adressieren, Kuvertieren, Stempeln und Sortieren von Post aufstellt. Stellen wir uns vor, dieses aus der Art geschlagene Postamt erfindet seine eigenen Postleitzahlen. Stellen wir uns vor, eine beliebige Anzahl von Postämtern erfindet neue Regeln. Stellen wir uns das Chaos vor, das jetzt ausbricht. Ein funktionierendes Postsystem fordert einen gewissen Grad von Gleichförmigkeit, und weil Computer weniger fehlertolerant sind als Menschen, fordert E-Mail sie ganz besonders.
Das Gezänk im ARPANET um die ersten Versuche, standardisierte Header für Nachrichten durchzusetzen, war typisch für viele andere Debatten über Industriestandards in der Computerbranche, die noch ausbrechen sollten. Weil jedoch der Streit über die Standards für E-Mail zum ersten Mal wirkliche Gräben in der Netzgemeinschaft aufriß, kommt ihm eine besondere Bedeutung zu.
1973 versuchte eine ad hoc gebildete Arbeitsgruppe unter Leitung von Bhushan vom MIT, etwas Ordnung in die Implementierung neuer E-Mail-Programme zu bringen. Allen war klar, daß man auf lange Sicht ein gesondertes Mail-Übertragungsprotokoll benötigte, das von FTP unabhängig war. Die Netzwerk-Post entwickelte ein Eigenleben mit eigenen technischen Problemen und konnte nicht ewig an FTP kleben bleiben. Doch gegenwärtig bereitete schon die Standardisierung der Header Kopfzerbrechen.
Die Datenpakete im ARPANET enthielten bereits etwas, das man als “Header” bezeichnete; dies hatte jedoch nichts mit E-Mail-Headern zu tun. Der “Nachrichtenkopf” von Datenpaketen bestand aus Code-Bits, die nur von den IMPs gelesen wurden und ihnen sagten, wie sie die eintreffenden Pakete behandeln sollten. Im Zusammenhang mit elektronischer Post jedoch bezieht sich “Header” auf einen größeren Informationsblock am Beginn jeder E-Mail. Es ging nun darum, daß am Anfang einer Nachricht immer bestimmte Informationen in einem speziellen Format erscheinen sollten, aus denen genaue Orts- und Zeitangaben hervorgingen, etwa der Zeitpunkt der Absendung und Zustellung einer Botschaft, die zurückgelegte Route, andere Empfänger, die sie ebenfalls erhielten, und so weiter. Bhushans Gruppe schlug auch eine Syntax vor, die das Lesen der Header erleichterte, ohne daß die Nachrichten eigens aufwendig verarbeitet werden mußten.
Nicht immer bekam nur der Nutzer die Header zu Gesicht. Manche Headerfelder wurden von empfangenden Systemen verarbeitet, die so programmiert waren, daß sie mit reservierten Bedeutungen und sehr eng definierter Syntax arbeiteten. Wenn das Empfängerprogramm den Header des Senders irgendwie fehlinterpretierte, konnte dies zu außerordentlich ärgerlichen Ergebnissen führen. Beispielsweise blieb das Leseprogramm abrupt stehen oder es spuckte eine Fehlermeldung aus. Datumsangaben etwa wurden in einer bestimmten Art dargestellt, und Abweichungen machten das Ganze unverständlich. Das Mail-Programm konnte die Nachricht plötzlich nicht mehr korrekt verarbeiten. Wenn ein Mail-Rechner Header nicht analysieren konnte, die ihm andere Computer geschickt hatten, ging es ihm wie einem Briefträger in der hintersten Provinz, der einen in Sanskrit oder Arabisch adressierten Brief zustellen soll.
Die Maschinen im ARPANET stießen häufig auf solche Computer-Sprachbarrieren, und die Probleme vervielfachten sich mit der steigenden Zahl sowohl der Mail-Programme als auch der Knoten im Netz. Je nach Art des benutzten Mail-Systems kam es vor, daß ein inkompatibles Programm oder Betriebssystem am empfangenden Ende der Leitung die Header “auskotzte”, wie sich ein Beobachter ausdrückte. Wenn die Botschaft durchkam, hatte der Empfänger unter Umständen trotzdem mit einer verkorksten Übersetzung oder einer vermurksten Formatierung zu kämpfen. Und dann schimpfte der Empfänger über den Sender. Der Sender war möglicherweise bereit, das Problem mit einem Hack oder einer provisorischen Flickschusterei zu beseitigen, wenn er Zeit dazu hatte. Wenn er sein eigenes Mail-Programm genügend hoch schätzte, moserte er aber vielleicht auch nur über das des Empfängers.
Einen Austausch von E-Mail in Gang zu bringen ähnelte einer Bitte um ein Rendezvous. “E-Mail galt als eine Sache zwischen mündigen Erwachsenen”, erzählt Brian Reid, Informatikdoktorand an der Carnegie-Mellon-Universität. Sie setzte eine Art Übereinkunft zwischen Gleichgesinnten voraus. “Ich habe ein E-Mail-Programm, ich möchte dir Mail schicken, und du möchtest sie bekommen”, fährt er fort, “und solange wir uns über die Standards einig sind, ist alles prima.” Viele Benutzer der ersten Faxgeräte veranstalteten dasselbe Heckmeck, um sicherzustellen, daß Sender- und Empfängerfax auch miteinander kommunizieren konnten.
Besonders kraß trat das Problem zwischen Tenex- und Nicht-Tenex-Maschinen zutage. Die Programmierer der wenigen Nicht-Tenex-Einrichtungen – die beispielsweise mit dem Betriebssystem Multics arbeiteten – hörten nicht auf, E-Mail-Programme und -funktionen in der Syntax ihrer eigenen Betriebssysteme einzuführen und ihre Nachrichten über das Netz zu verschicken. Tenex-Maschinen konnten jedoch mit der Syntax anderer Formate, die mancherorts verwendet wurden, nichts anfangen, und wieder gab es Chaos und Konflikte.
Die Verschiedenheit der nichtstandardisierten Systeme im Netz verursachte sogar bei etwas scheinbar so Trivialem wie Tomlinsons @-Zeichen Probleme. Der Streit um das @-Zeichen wogte lange hin und her und berührte zahlreiche Aspekte. Jetzt herrschte Uneinigkeit darüber, was links und was rechts von dem Zeichen stehen sollte. Davor stritt man sich darüber, ob es überhaupt als Abgrenzung zwischen Nutzer und Host-Name in der Adresse dienen sollte.
Die Multics-Leute wehrten sich heftig gegen dieses Ansinnen, und das aus verständlichen Gründen. Der Tenex-Hacker Tomlinson hatte das @-Zeichen gewählt, vermutlich ohne zu bedenken, daß es in Multics als Zeichen für den Zeilenlöschungsbefehl verwendet wurde. Jeder Multics-Anwender, der versuchte, an “Tomlinson@bbn-tenex” Mail zu schicken, geriet sehr schnell in Schwierigkeiten. Multics fing an, die Adresse zu lesen, und wenn es auf das @-Zeichen stieß, löschte es alles zuvor Eingetippte in der Zeile.
Ted Myer und Austin Henderson aus der Tenex-Gruppe von BBN beschlossen, sich an der Lösung eines dieser Inkompatibilitätsprobleme zu versuchen, und zwar am Header-Problem. Im April 1975 gaben sie eine neue Liste von “Standard”-Headern heraus. Das Dokument, dem sie den Titel “Message Transmission Protocol” gaben, erschien als RFC 680.
Doch RFC 680 löste sofort einen Aufschrei in den Reihen derer aus, die den Vorschlag für zu stark Tenex-orientiert hielten. Postel, der Verwalter der RFCs, dessen besonnene Stimme häufig das letzte Wort hatte, sprach auch jetzt ein Machtwort. RFC 680, erklärte er, falle als Standard keinesfalls hinter den Entwicklungsstand der E-Mail selbst zurück. “Es ist schön, daß viele Mail-Leseprogramme Mails akzeptieren, die nicht dem Standard entsprechen”, schrieb er, “doch dies rechtfertigt nicht, daß Mail-Sendeprogramme den Standard verletzen.” Wenn der Standard nicht adäquat sei, fügte er hinzu, seien alle Verbesserungsvorschläge willkommen.
Diese Reiberei machte deutlich, daß Tenex-Einrichtungen, allen voran BBN, die dominierende Mehrheit darstellten, während die “Minderheitseinrichtungen” mit ihren andersartigen Betriebssystemen eine potentiell rebellische Gegenbewegung bildeten. Hier wurzelte ein langwieriger Konflikt, der sich bis in das folgende Jahrzehnt hinzog und in der Gemeinschaft als “Header-Krieg” bekannt wurde. Viele dieser Gefechte wurden auf dem Schlachtfeld einer neuen Fachdiskussionsgruppe ausgetragen – der “MsgGroup”.
Am 7. Juni 1975 formulierte Steve Walker, Programm-Manager der ARPA im IPTO, eine Nachricht, mit der er etwas ganz Neues bekanntgeben wollte – die Bildung einer elektronischen Diskussionsgruppe. Die Netzwerkgemeinschaft, so schrieb er, müsse “ein Empfinden dafür entwickeln, was bei elektronischen Kommunikationsdiensten obligatorisch, was angenehm und was unerwünscht ist. Wir haben viele Erfahrungen mit vielen Diensten gesammelt und sollten in der Lage sein, unsere Einsichten zu diesem Thema zu bündeln. ” Er begrüße Stellungnahmen von allen, die zu Beiträgen bereit seien, und stellte sogar etwas Anschubfinanzierung von der ARPA in Aussicht. “Das Ganze ist ein neuartiger Versuch”, fuhr er fort. “Ich hoffe, daraus entwickelt sich eine langfristige Strategie für die Weiterentwicklung von Kommunikationsdiensten im ARPANET und sogar im Verteidigungsministerium. Packen wir es an.”
In ihrer Vorliebe für Abkürzungen taufte die Computerkultur die Message Services Group kurzerhand MsgGroup.
Dave Farber von der Universität von Kalifornien in Irvine erbot sich freiwillig, den Registrator der MsgGroup zu spielen. Einen weiteren Freiwilligen zur Unterstützung trieb er auch noch auf: einen Kollegen und Berater namens Einar Stefferud. Nach kurzer Zeit ging der Großteil des täglichen Verwaltungskrams in die Zuständigkeit Stefferuds über, der sich gleich in die Arbeit stürzte und eine Liste der MsgGroup-Teilnehmer führte, neue Teilnehmer eintrug, ihnen gut zuredete, sich mit einführenden Lebensläufen vorzustellen, und eintreffende Post sortierte. Stefferud sollte zum Moderator der MsgGroup, zum Mann im Hintergrund werden. In seiner Funktion als Mittelsmann nahm er Botschaften entgegen, um sie zu “posten”, was hieß, sie manuell an alle auf der Liste weiterzuversenden. Diese mühsame Arbeit wurde später automatisiert.
Nicht alle gingen ihren Geschäften auf dem offenen Marktplatz der MsgGroup nach; zwischen den Programmierern liefen mindestens genauso viele, wenn nicht sogar mehr private E-Mails hin und her. Dennoch nahmen letztlich alle, die mit der Implementierung von Mail-Systemen zu tun hatten, an der Gruppe teil oder wußten zumindest, was sich dort abspielte. Die Diskussion sollte zehn Jahre lang anhalten. Im Lauf dieser Zeit tauschten die etwa hundert Teilnehmer der MsgGroup Tausende von Nachrichten und Hunderttausende von Worten aus.
Die MsgGroup gehörte zu den ersten Netzwerk-Mailinglisten. Es gab noch mehr Mailinglisten im Umfeld der Universitäten, die meisten davon nicht sanktioniert. Die erste, sehr populäre, inoffizielle Liste hieß SF-Lovers und vereinte Science-fiction-Fans.
***
In den Header-Kriegen offenbarte sich, wie stur und eigenwillig Programmierer sein konnten. Unverträglichkeiten der Betriebssysteme verschiedener Maschinen machten nur die Hälfte des Konflikts aus. Der Streit um die Header wurzelte auch in Meinungsverschiedenheiten über Umfang und Art der Information, die im Kopf der Botschaften präsentiert werden sollte. Die Ansichten darüber, wieviel Header-Information wünschenswert sei, wenn man seine Post sichtete, gingen weit auseinander.
Manche Programmierer und Mail-Programme führten sehr viel mehr Headerfelder auf als andere. Sie garnierten sie mit Zeichenzählungen, Schlüsselbegriffen und verschiedenen ausgefallenen Dingen. Kritiker forderten unterdessen Sparsamkeit und kämpften gegen eine Überfrachtung mit Information. Ihrer Meinung nach gab es zu viele überladene Header, deren Inhalt niemanden interessierte – genausowenig, wie man den Haderngehalt von Papier auf jedem Blatt gedruckt zu sehen wünscht. Kurze Nachrichten mit ausufernden Headern wirkten immer kopflastig und unausgeglichen, sie lenkten die Aufmerksamkeit auf den Header statt auf die Mitteilung. Brian Reid an der Carnegie-Mellon-University, der sich in der MsgGroup häufig als Stimme der Vernunft vernehmen ließ, gehörte zum Lager der Befürworter kurzer Header. Eines Tages erhielt er eine sarkastische Mail von einem Kollegen und reichte sie an die MsgGroup weiter:
DATUM: 7 Apr 1977 1712-EST
VON: Bob.Chansler@CMU-ioA
ANTWORT-AUF: Kramladen@CMU-ioA
BETRIFFT: Antwort auf: Knapp vorbei ist auch daneben
AN: Brian.Reid@CMU-ioA
CC: Chansler@CMU-ioA
SENDER: Bob.Chansler@CMU-ioA
NACHRICHT-ID: [CMU-1oA] 7 Apr 1977 17:12:49
BOB CHANSLER IN-ANTWORT-AUF: Deine Nachricht vom 6 Apr 1977
MEINE-LFD-NR: 39492094
IHRE-LFD-NR: 4992.488
KLASSE: A
UNTERKLASSE: MCMXLVII
AUTOR: RC12
EINGETIPPT VON: Fred
TERMINAL: TTY88
FE-L#: 44
GRUND: Brauchte Godzilla einen Grund?
GÜLTIG: Nicht vor 12 Apr 1977 123IZ
UNGÜLTIG: Nach 19 Apr 1977 0000Z
SCHREIBFEHLER-DIESE-NACHRICHT: 0
SCHREIBFEHLER-BIS-DATO: 23
WETTER: Nieselregen, Nebel
VORHERSAGE: Morgen früh Aufklaren
PSYCHO-BEURTEILUNG-VON-SENDER: Leicht instabil
SICHERHEITSLEVEL: Öffentlich
SICHERHEITSSUBLEVEL: 0
SENDEBEFUGNIS: Allgemein
EMPFANGSBEFUGNIS: Allgemein
PERSONENZAHL-IN-TERMINALRAUM: 12
XGP: UP-Cutter arbeitet nicht
HT/WT-SENDER: 76/205
AUTOMATEN: M&MS vorrätig, aber Mandelspender leer
M&MS-LETZTE NICKEL: 17
HDR-PRÜFSUMME: 032114567101
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Brian,
ich verstehe nicht, warum du dir soviel Sorgen wegen des Umfangs von Nachrichten-Headern machst.
Bob.
“Warum konfigurieren wir Header nicht so, daß sie nur die Teile ausdrucken, die wir lesen wollen?” fragte Reid. “Legt ruhig 34 verschiedene Headerfelder an”, meinte er. “Alles, was ich wirklich davon sehen will, ist ‘Von’ und ‘Datum’.”
Andere pflichteten ihm bei. Das ideale Programm sollte den Nutzern die Möglichkeit geben, ihre Header selbst zu gestalten. Mindestens ein ausgefeiltes Mail-System, das NLS JOURNAL MAIL von Doug Engelbart, bot die Funktion “unsichtbare Information”, mit der man auswählen konnte, welchen Teil der Header-Daten man sehen wollte.
Am 12. Mai 1977 starteten Ken Pogran, John Vittal, Dave Crocker und Austin Henderson einen “Computermail-Putsch”. Sie verkündeten, sie hätten “endlich” einen neuen Mail-Standard fertiggestellt – RFC 724, “Vorschlag eines ‘offiziellen’ Standards für das Format von ARPA-Netzwerk-Nachrichten”. Der Standard, den sie vorlegten, umfaßte mehr als 20 Seiten Spezifikationen – syntaktische, semantische und lexikalische Formalien. Das RFC erklärte, daß der Empfänger das Erscheinungsbild der Nachricht in außerordentlich hohem Maße selbst bestimmen konnte, je nach den Fähigkeiten seines Mail-Lesesystems.
Die Reaktionen der Computergemeinde auf RFC 724 in den Tagen nach der Veröffentlichung des neuen Protokolls waren bestenfalls kühl zu nennen. Besonders Alex McKenzie von BBN hielt mit seiner ablehnenden Meinung nicht hinter dem Berg. Postel, der stets das alte RFC 68o verteidigt hatte, zeigte sich am wenigsten beeindruckt von dem neuen Vorschlag. Heftig attackierte er die Behauptung, dies sollte ein offizieller ARPA-Standard sein. “Meines Wissens wurde nicht ein ARPANET-Protokoll, gleich auf welcher Ebene, jemals von der ARPA als offiziell abgesegnet”, erklärte er. “Wer sind denn eigentlich die ‘Offiziellen’? Warum sollte diese Ansammlung von Computerforschungsorganisationen Befehle von irgendjemandem annehmen? ” Es werde zuviel Getue um einen offiziellen Anstrich gemacht und zuwenig Wert auf Kooperation und auf die Vervollkommnung des Systems gelegt. “Ich sehe die Situation lieber als eine Art stufenweiser Evolution”, fuhr er fort, “bei der Dokumente wie RFC 561, 680 und 724 die einzelnen Stufen festhalten. Auf dem offiziellen Charakter einer Stufe herumzureiten, kann es sehr erschweren, die nächste Stufe zu nehmen.”
Das Team von RFC 724 beherzigte die Kritik. Sechs Monate später wurde unter der Federführung von Dave Crocker und John Vittal eine revidierte Endfassung von RFC 724 als RFC 733 veröffentlicht. Diese Spezifikation war “strikt als eine Definition” dessen gedacht, was zwischen ARPANET-Hosts ausgetauscht werden sollte. Das Erscheinungsbild und der Charakter von Mail-Programmen oder die Funktionen, die sie unterstützen konnten, sollte davon nicht berührt werden. Der Standard erforderte weniger als er erlaubte, erklärten die Autoren – da habt ihr ihn. Und da saß er nun.
Eine Reihe von Entwicklern schrieb oder überarbeitete Mail-Programme nach den neuen Richtlinien, doch binnen eines Jahres nach Erscheinen von RFC 733 brach der untergründig schwelende Konflikt wieder auf. Unglücklicherweise waren die Header nach RFC 733 inkompatibel mit dem Mail-Programm MSG (obwohl dessen Autor John Vittal an RFC 733 mitgearbeitet hatte). Und MSG war das mit Abstand beliebteste Mail-Programm im ARPANET.
Als Hacker der Extraklasse hatte Vittal MSG 1975 aus schierer Spaß an der Freud’ geschrieben. MSG wurde niemals offiziell bezuschußt oder unterstützt, “außer von mir in meiner Freizeit”, erklärt er. Doch bald versammelte MSG eine Nutzergemeinde von mehr als 1000 Leuten hinter sich, was in jenen Tagen einen Großteil der vernetzten Welt bedeutete. Vittal hatte zuvor Roberts’ Mail-Programm RD benutzt, das sich hervorragend eignete, um zwei oder drei Nachrichten gleichzeitig oder sogar einen kleinen Stapel Botschaften zu bearbeiten, doch jetzt erhielt Vittal 20 Nachrichten pro Tag und wollte ein komfortableres Programm. “MSG schloß den Kreis”, berichtet er, “so daß man Nachrichten auf verschiedene andere Dateien, sogenannte Folder, verteilen und schließlich beantworten und weiterleiten konnte.”
Vittal wurde auch als derjenige bekannt, der das Wort “Antwort” in das Lexikon der E-Mail eintrug. Er erfand den Befehl ANSWER und machte damit die Beantwortung von elektronischer Post zu einem Kinderspiel. Vittal erinnert sich: “Ich dachte ‘He, mit einem Antwort-Befehl muß ich die Rückadressen nicht nochmal tippen – und mich womöglich vertippen.’”
MSG brachte als anregendes Vorbild eine ganze Generation neuer Mail-Systeme hervor, darunter MH, MM, MS und ein vom Pentagon großzügig gefördertes Projekt bei BBN mit dem Namen HERMES. MSG war die erste “Killer-Applikation” – eine Anwendung, die die Welt im Sturm eroberte. Obwohl MSG niemals auch nur einen Hauch von offiziellem Anstrich hatte, genoß es eindeutig die breiteste Unterstützung der Basis. Überall im Netzwerk wurde es verwendet, sogar von Topleuten der ARPA im Pentagon. Wenn es einen Standard gab, der praktisch allgemein anerkannt wurde, dann MSG, und er beherrschte das Feld für lange Zeit. (Einige BBN-Mitarbeiter benutzten MSG noch in den 90er Jahren.)
Vittals MSG und sein ANSWER-Befehl machten ihn in den E-Mail-Zirkeln zu einer Legende. “Wegen Vittal ging uns allen die Netzwerk-Mail in Fleisch und Blut über”, erinnert sich Brian Reid. “Als ich ihn Jahre später kennenlernte, war ich enttäuscht – wie so häufig, wenn man einer lebenden Legende begegnet –; er hatte zwei Arme und zwei Beine und trug keinen Raketenrucksack.
MSG war mehr als ein großartiger Hack; es lieferte den bislang besten Beweis dafür, daß im ARPANET vielleicht Regeln aufgestellt werden mochten, daß sie sich deswegen aber ganz gewiß noch nicht durchsetzten. Irgendetwas als offiziell zu proklamieren, brachte das Netz nicht annähernd so sehr voran wie das Verfahren, neue Techniken einfach hinaus ins Netz zu schleudern und abzuwarten, was funktionierte. Und was funktionierte, das setzte sich durch.
Je mehr die Leute das ARPANET für E-Mail benutzten, desto freimütiger äußerten sie sich. Die Antikriegsbewegung fand auch im Netz Widerhall, und auf der Höhe der Watergate-Krise forderte ein Student über das ARPANET ein offizielles Verfahren zur Amtsenthebung Nixons.
Das Netzwerk expandierte nicht nur, es öffnete sich auch neuartigen Nutzungen und schuf neue Verbindungen zwischen Menschen. Und das war Licklider in Reinkultur. Eines der schlagendsten Beispiele dafür ging von einem der ursprünglichen IMP-Guys aus – Will Crowther.
Bei BBN gab es einen kleinen Freundeskreis, der süchtig war nach “Dungeons and Dragons”, einem raffinierten Fantasy-Rollenspiel. Dabei gestaltet ein Spieler einen bestimmten Schauplatz, den er mit Ungeheuern bevölkert und mit Rätselaufgaben spickt. Die anderen Spieler müssen sich dann einen Weg durch diese Phantasiewelt bahnen. Das ganze Spiel existiert nur auf dem Papier und in den Köpfen der Spieler.
Dave Walden lernte das Spiel an einem Abend des Jahres 1975 kennen; Eric Roberts, einer seiner Seminarteilnehmer in Harvard, nahm ihn zu einer D&D-Sitzung mit. Danach trommelte Walden sofort einige Freunde für weitere Sitzungen zusammen. Roberts erfand die “Mirkwood Tales”, eine bis ins Detail ausgefeilte Version von “Dungeons and Dragons”, die in J. R. R. Tolkiens Mittelerde angesiedelt war. Das Spiel zog sich über den Großteil des Jahres hin und fand meist auf dem Fußboden von Waldens Wohnzimmer statt. Einer der regelmäßigen Teilnehmer war Will Crowther. Während das andere Dutzend Spieler für seine Figuren Namen wählte wie Zandar, Klarf oder Groan, hieß Crowthers Figur einfach “Willie, ein heimlicher Dieb”.
Crowther war außerdem begeisterter Höhlenforscher. Seine Frau Pat hatte sich unter Gleichgesinnten hohes Ansehen erworben, weil sie zu der kleinen Gruppe gehörte, die die erste bekannte Verbindung zwischen der Mammoth Cave und der Flint Ridge Cave in Kentucky entdeckt hatte. Die beiden Höhlen bilden mit ihren insgesamt 230 Kilometern Länge das größte bekannte Höhlensystem der Welt. Crowther arbeitete als Kartograph für die Cave Research Foundation. In seiner Freizeit erstellte er Landkarten der verschlungenen unterirdischen Gänge auf einem Computer bei BBN.
Anfang 1976 ging die Ehe von Will und Pat in die Brüche. Auf der Suche nach Unternehmungen mit seinen beiden Kindern kam ihm eine Idee, die Will, den Programmierer, mit Willie, dem heimlichen Dieb, vereinigte: eine vereinfachte Fassung von “Dungeons and Dragons” für den Computer. Er nannte es Adventure. Wenn Crowther dem Spiel auch nicht die echten Karten der Höhlen von Kentucky zugrundelegte, baute er die Geometrie von Adventure doch auf geistige Bilder dieser unterirdischen Räume auf. Das Eisentor, das die Spieler zu Beginn passierten, lehnte sich an das vom Park Service errichtete Eingangstor zur Flint Ridge Cave an. Auch einige Höhlenforscher-Insiderwitze baute er ein; das in den Fels geritzte “Y 2”, das an einer Stelle des Spiels vorkommt, ist unter Höhlenforschern ein Kürzel für einen zweiten Eingang.
Nach drei oder vier Wochenenden hatte Crowther das Programm fertig. Seine Kinder – sieben und acht Jahre alt – waren davon begeistert, und Crowther begann es Freunden zu zeigen. Doch das Scheitern seiner Ehe hatte ihm so sehr zugesetzt, daß er sich nie aufraffen konnte, dem Spiel den letzten Schliff zu geben.
Bob Taylor, jetzt Leiter des Computer Science Lab am Palo Alto Research Center (PARC) von XEROX, überredete zuerst Severo Ornstein, dann Will Crowther, zu ihm zu kommen, und als Crowther 1976 nach Kalifornien zog, ließ er das Adventure-Programm in einer Datei auf einem BBN-Computer zurück. So unausgereift das Spiel auch war, so genügte doch das wenige, was darüber in die Netzwerkgemeinde eingesickert war, um deren Neugier zu wecken.
Von einem Freund erfuhr Don Woods, graduierter Student in Stanford, von Adventure. Dieser Freund war im Computer der Stanford Medical School auf eine Kopie des Spiels gestoßen. Woods lud es sich von dort herunter. Doch anfangs gelang es ihm kaum, das Spiel zum Laufen zu bringen. Als es dann klappte, erwies sich, daß es von Software-Fehlern wimmelte. Trotzdem ließ es ihn nicht mehr los. “Adventure gab den Spielern das Gefühl, ganz direkt mit dem Computer zu interagieren”, erzählt Woods. “Er schien deutlich auf das zu reagieren, was man eintippte, statt nur seine eigenen Züge zu machen wie ein stummer Gegner. Ich glaube, das reizte viele Spieler, die die Vorstellung, ‘gegen’ einen Computer zu spielen, ansonsten vielleicht abgestoßen hätte. Hier spielte man ‘mit’ einem Computer.”
Das Spiel nannte als Autor Will Crowther, und Woods beschloß, Crowther aufzuspüren, um an den Quellcode heranzukommen und das unterentwickelte kleine Programm aufzupolieren. Er schickte E-Mails an jeden Host am Netzwerk und fahndete nach Crowther; schließlich stöberte er ihn am PARC auf. Crowther gab ihm den Code bereitwillig. Die Überarbeitung nahm sechs Monate in Anspruch. In dieser Zeit schwoll das einfache Programm auf das Doppelte an. Woods schuf neue Hindernisse, fügte einen Piraten hinzu, machte die Labyrinthe noch verschlungener und baute mehrere Schatzsuchen ein, die einiges an Findigkeit erforderten, wollte man ans Ziel gelangen.
Als Adventure fertig war, richtete Woods einen Gastzugang auf dem Computer im KI-Labor von Stanford ein, damit jeder mitspielen konnte, der wollte, und ganze Scharen von Gästen loggten sich ein. Adventure griff um sich wie die Hula-Hoop-Manie; einer schickte dem anderen das Programm über das Netz. Da Crowther es in FORTRAN geschrieben hatte, ließ es sich relativ einfach an viele unterschiedliche Computer anpassen. Crowther und Woods ermunterten gleichermaßen zu “Raubkopien” und fügten ihre E-Mail-Adressen bei, falls jemand Anleitung beim Installieren, Spielen oder Kopieren brauchte.
Viele hockten nun mit trüben Augen bis in die frühen Morgenstunden vorm Computer und suchten Schätze. “Ich zähle schon lange nicht mehr mit, wie viele Programmierer mir erzählt haben, daß sie durch Adventure überhaupt erst zum Computer kamen”, berichtet Woods. Das Spiel erzeugte Hunderte Abkömmlinge, die schließlich eine ganze Industrie entstehen ließen.
Adventure bewies, wie attraktiv eine offene Netzkultur war. Und diese Offenheit prägte sich im Lauf der Zeit noch deutlicher aus. Im Netz fanden sich nur wenige verschlossene Türen, und die Nutzer behandelten die Frage, wer durch sie eintreten durfte und zu welchem Zweck, sehr liberal. Jeder Versuch, die Population der Nachwuchsforscher an der uneingeschränkten Nutzung des Netzwerks zu hindern, hätte eine grobe Fehldeutung des Wertesystems der Computergemeinschaft offenbart. Das ARPANET war zwar offiziell Eigentum der amerikanischen Bundesregierung, doch die Netzwerk-Post begann sich als alltägliches Kommunikationsmittel für alle möglichen Belange durchzusetzen.
Dann erschien im Frühjahr 1977 Quasar auf der Bildfläche. Dieses Ereignis markierte den Beginn der ersten Debatte über die freie Meinungsäußerung im Cyberspace. Die Kontroverse brach anläßlich eines ungewöhnlichen, von Quasar Industries produzierten Roboters aus und steigerte sich zu einem Streit über die Frage, ob das aus Steuermitteln finanzierte ARPANET als Forum benutzt werden dürfe, um sich kritisch über ein Privatunternehmen zu äußern.
Das geistige Kind von Quasar Industries war 2,60 Meter groß und wog knapp 110 Kilo. Der Roboter hieß Domestic Android und war eine programmierbare Haushaltshilfe, die etwa ein Dutzend einfache häusliche Aufgaben ausführen konnte, beispielsweise Bodenwischen, Rasenmähen, Geschirrspülen und Cocktails servieren. Der “Haushaltsandroide” war mit einer Art Persönlichkeit und einer Sprachfunktion ausgestattet, so daß er, Angaben des Herstellers zufolge, “in jeder Situation des menschlichen Lebens interaktionsfähig” war. Er konnte “den Kindern Französisch beibringen” und “sie weiter unterrichten, während sie schlafen”. Zu seinem Preis von 4000 Dollar schien das Ding fast geschenkt.
Phil Karlton von der Carnegie-Mellon-Universität machte die MsgGroup am 26. Mai 1977 als erster darauf aufmerksam. Ein Forschungsschwerpunkt an der CMU lag auf künstlicher Intelligenz, Spracherkennung und in verwandten Forschungsbereichen, daher kannte er sich mit Robotern aus. Der Androide und sein Erfinder hatten landesweit großen Wirbel in der Presse verursacht, größtenteils zu ihren Gunsten. Der Werberummel, den Quasar veranstaltete, hatte auch die Aufmerksamkeit der Verbraucherzeitschrift Consumer Reports geweckt, die in der gerade erschienenen Juniausgabe eine kritische Meldung darüber veröffentlichte.
Anfangs schien Quasar nur eine amüsante Ablenkung vom Tagesgeschäft der MsgGroup zu bieten. Alle wußten, daß das Ding ein Schwindel war, und eine Zeitlang schien es, als hätte es sich damit. Doch dann regte sich so etwas wie ein Gefühl von Bürgerpflicht. Dave Farber berichtete aus Boca Raton in Florida, er habe im Radio gehört, daß die Polizei von Dade County erwäge, einen Quasar für 7000 Dollar anzuschaffen, um ihn als Wachroboter im Bezirksgefängnis einzusetzen. Im März erschien ein Artikel im Boston Globe, der skeptische Äußerungen von Marvin Minsky vom MIT und anderen KI-Experten zitierte. Doch insgesamt vermittelte der Artikel, wie ein Mitglied der MsgGroup erklärte, dem Leser den Eindruck, daß “diese Akademiker es nicht schaffen, etwas Praktisches zustande zu bringen, und daß da bloß irgendein Kerl in seiner Garage was zusammenbasteln muß, um ihnen zu zeigen, wo der Bartel den Most holt”. Die ganze Geschichte rief in der Fachwelt eitel Unglauben hervor.
Brian Reid und sein Kollege Mark Fox von der KI-Abteilung der Carnegie-Mellon-University schickten einen aus dem Rahmen fallenden Bericht an alle Teilnehmer der MsgGroup. Darin schilderten sie ihre Beobachtungen, als sie in einem großen Kaufhaus in der Innenstadt von Pittsburgh den Haushaltsroboter “Sam Strugglegear” persönlich in Augenschein nahmen. Etliche Forscher, die die Pionierarbeiten der CMU auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz kannten, hatten sich mit der Frage an die Abteilung gewandt, wie es denn komme, daß der Roboter von Quasar zu einer Spracherkennung in der Lage war, die alles bisher an der CMU Geleistete in den Schatten stellte. Das konnte man wohl kaum auf sich sitzen lassen, und so hatte sich eine vierköpfige Abordnung der CMU zu Feldstudien aufgemacht.
“Der Gruppe bot sich ein erschreckender Anblick”, berichteten Reid und Fox. In der Herrenabteilung stand zwischen den Anzügen eine “Spraydose auf Rädern und sprach angeregt” mit einer Zuschauermenge. Elektromotoren und ein Getriebesystem bewegten die Arme der Maschine. Der Roboter schien bewandert auf jedem Gebiet, erkannte die äußeren Merkmale von Kunden und bewegte sich ungehindert in jede Richtung. Die Menge war fasziniert.
Die Wissenschaftler jedoch blieben mißtrauisch. Sie blickten suchend umher, ob nicht doch irgendwo eine Fernsteuerung versteckt war. “Und siehe da, etwa drei Meter von dem Roboter entfernt, mitten in der Menge, erblickten wir einen Mann in einem blauen Anzug, der seinen Mund nachdenklich mit der Hand verdeckte, wie Aristoteles in Betrachtung der Büste Homers auf Rembrandts berühmtem Gemälde.” Reid und die anderen sahen eine Weile zu und merkten bald, daß immer dann, wenn der Roboter sprach, auch der Mann im blauen Anzug sprach oder vielmehr in seine Hand hinein murmelte. Von seiner Taille herab baumelte zudem ein verdächtiger Draht.
Die Diskussion über den Quasar-Roboter flackerte über mehrere Jahre hinweg immer wieder auf, bis Anfang 1979 Einar Stefferud, der Moderator der MsgGroup, und Dave Farber, der die Kommentare stets aus dem Hintergrund verfolgt hatte, der MsgGroup eine warnende Mitteilung sandten. “Wir schaffen uns möglicherweise Probleme”, so meinten sie, “wenn wir den Quasar-Roboter kritisieren.” Wenn die ARPA-Forschungsgemeinde Einrichtungen der US-Regierung dazu benutze, ein Unternehmen zu verunglimpfen, so könne dieser Schuß nach hinten losgehen. Stefferud und Farber legten ihren Kollegen dringend nahe, strenge Selbstzensur zu üben und der Fachwelt nur Fakten von technischem Interesse zu unterbreiten. Nicht alle stimmten diesem Ansinnen zu, und damit wurde die MsgGroup in eine Auseinandersetzung um Gewissensfragen verwickelt.
John McCarthy von der KI-Abteilung in Stanford gehörte zu denen, die sich durch die Behauptungen von Quasar am stärksten in ihrer Ehre gekränkt fühlten. Er erklärte der Gruppe, er ließe sich nicht durch Spekulationen über eine mögliche Klage von Quasar einschüchtern. “Ich glaube, da fürchtet sich jemand vor seinem eigenen Schatten”, meinte er. “Es war noch nie Sitte bei Jahrmarktsquacksalbern, ihre Kritiker zu verklagen.” Auch Minsky und Reid erklärten, sie würden jedem Reporter, der danach fragte, erzählen, daß sie den Roboter für einen Witz hielten, und sie hätten diese Meinung bereits mehr als einem Dutzend Journalisten gegenüber geäußert.
“Ich habe keine Angst vor einer Klage”, erwiderte Farber. “Dennoch benutzen wir ein öffentliches Medium mit Namen ARPANET. Daher setzen wir die ARPA, das Verteidigungsministerium und unsere eigene künftige Zugangs- und Nutzungsmöglichkeit des Netzwerks gewissen Gefahren aus, wenn wir dieses Medium für potentiell verleumderisches Material benutzen.” Farber drängte erneut auf Zurückhaltung.
Reid pflichtete ihm bei und betonte, daß die MsgGroup gegenwärtig die Plattform darstelle, “die einem landesweiten Computerwissenschaftsforum noch am nächsten kommt”. Reid war aufgefallen, daß die Message Group inzwischen einem Club ähnelte. Sie hatten so viel miteinander gestritten, daß sie Freunde geworden waren. Die Diskussion zu beschränken, wäre einfach unnatürlich gewesen. Außerdem vertrat Reid eine liberalere Auffassung zur Meinungsfreiheit, weil er glaubte, daß das Kommunikationsexperiment leiden würde, wenn man bestimmte Themen ausgrenzte. “Ich finde, daß bis zu dem Punkt, an dem der Vorschlag gemacht wird, die Regierung zu stürzen”, so erklärte er, “kein sensibles Thema verboten sein sollte.”
Jemand schlug vor, persönliche Mitteilungen im ARPANET mit einem Zusatz zu versehen, der jede Gewähr ausschloß, damit individuelle Meinungsäußerungen nicht mit offiziellen Verlautbarungen verwechselt werden konnten. Ein anderer mahnte: “Wer hat die Netz-Post denn noch nicht für persönliche Mitteilungen benutzt? Wer hat denn noch nie in seiner Arbeitszeit über das Netz ein neues Spiel ausprobiert? Seid doch mal ehrlich.” Der Leidenschaft, mit der die Meinungsfreiheit verteidigt wurde, entsprach ein gleich starker Wille zum Selbstschutz, was hieß, das Netzwerk dadurch zu schützen, daß man keine unerwünschten staatlichen Kontrollmaßnahmen provozierte. Nach einigen Tagen erschöpfte sich der Streit ohne Ergebnis von selbst, und die MsgGroup ging wieder zum Alltagsgeschäft über.
Die Debatte zeigte jedoch deutlich, daß die Netzwerkgemeinschaft ein starkes Interesse an der Entwicklung des Netzes hatte, ARPA-Mittel hin oder her, und eifersüchtig über ihr Recht wachte, seine Zukunft zu bestimmen. In einem Raum, wo die persönliche Identität in gewissem Sinn vollständig durch die Wortwahl definiert wird, konnte Redefreiheit höchstens dann zweitrangig sein, wenn die Existenz dieses Raumes als solche auf dem Spiel stand.
Im ersten Quartal 1976 zeigten die Datenverkehrsberichte, daß sich der Umfang der ARPANET-Post im Vergleich zu der der regulären Post wie eine Ameisenspur gegenüber den Fährten einer Elefantenherde ausnahm. Die KI-Abteilung des MIT beispielsweise verschickte und empfing in diesem Zeitabschnitt 9925 E-Mails. (Zum Vergleich: 1996 verarbeiteten manche Einrichtungen 150 000 E-Mails täglich.) Das MIT war repräsentativ; wenn man also davon ausging, daß jede Maschine täglich etwa 100 E-Mails verarbeitete, und dies mit dem Faktor 98 (der Zahl der damals vernetzten Hosts) multiplizierte, schien für den US Postal Service keinerlei Bedrohung von der elektronischen Post auszugehen. Der USPS beförderte mehr als 50 Milliarden First-Class-Sendungen pro Jahr. Doch die steile Wachstumskurve der E-Mail blieb nicht unbeachtet.
Viele privatwirtschaftliche Unternehmen warteten nur darauf, daß ein elektronischer Postdienst eingerichtet wurde. Bald brachte Computer Corporation of America eines der ersten kommerziellen Software-Pakete für E-Mail auf den Markt. Das Programm hieß COMET, kostete 40 000 Dollar und war für den Minicomputer PDP-II entwickelt worden. Kurz darauf brachte eine Firma namens On-Line Software International ein anderes Mail-Programm für IBM 360- und 370-Rechner mit der Bezeichnung MESSENGER zu einem Preis von 18 000 Dollar heraus. Die Preise sanken rapide, und manche Analysten prophezeiten “verheerende” Auswirkungen auf das First-Class-Geschäft des USPS.
“Es entsteht ein technologischer Bypass um uns herum”, berichtete ein Staatssekretär des US-Postministeriums Anfang 1976. Die neue Technologie zeigte in der Tat einen Wachstumstrend und ein Potential, die man nur dramatisch nennen konnte. Einige Versionen der ausgefeilteren ARPANET-Mail-Programme wie MSG, HERMES und NLS JOURNAL MAIL des SRI gelangten allmählich auch in die Hände von Nichtforschern. Mehrere große Organisationen, unter ihnen US Geological Survey, das Handelsministerium, die National Security Agency und Gulf Oil, hatten begonnen, in lokalen Rechnernetzen E-Mail zu benutzen.
Die Regierung verfolgte die Zukunft des E-Mail-Dienstes genau. Das Consultingunternehmen Arthur D. Little schätzte in einem Bericht für das Office of Telecommunications Policy des Weißen Hauses, daß in wenigen Jahren wahrscheinlich 30 Prozent aller First-Class-Sendungen elektronisch versandt werden würden. Die Post erteilte auf diese Voraussage hin RCA einen Auftrag im Wert von 2,2 Millionen Dollar, die technische und wirtschaftliche Machbarkeit eines E-Mail-Serviceangebots zu prüfen. Im Abschlußbericht sprach sich RCA dafür aus, die Angebotspalette der Post durch E-Mail zu erweitern. Auch ein Beraterkomitee des USPS untersuchte die Sachlage. Es empfahl ein “entschlossenes und anhaltendes Engagement” für die elektronische Post, im Umfang ebenbürtig dem bemannten Raumfahrtprogramm der NASA.
Auch im Präsidentschaftswahlkampf Jimmy Carters wurde im Herbst 1976 mehrmals täglich E-Mail benutzt. Das verwendete System war ein einfaches Mailbox-Programm, eine Technik, die schon mehr als ein Jahrzehnt auf dem Buckel hatte. Doch in einer Wahlkampagne war dies ein revolutionärer Schachzug in Sachen Kommunikation. Aus diesem Grund erhielt Carter das Etikett “computergetriebener Kandidat”.
1979 unterstützte Präsident Carter den Vorschlag der Post, einen elektronischen Nachrichtenübermittlungsdienst in begrenztem Umfang anzubieten. Das geplante Hybridsystem arbeitete eher wie ein Telegrammdienst als wie ein elektronisches Kommunikationssystem auf der Höhe der Technik. Die Nachrichten wurden über Nacht elektronisch von einem Postamt zum anderen weitergeleitet und dem Empfänger am nächsten Tag zugestellt. Der Vorschlag war hauptsächlich deswegen bemerkenswert, weil er die technischen Möglichkeiten so überaus verhalten einschätzte.
Stefferud und anderen Mitgliedern der MsgGroup – der Gemeinschaft mit der größten E-Mail-Erfahrung – sprangen die Schwächen dieses Plans sofort ins Auge. Schließlich sah er vor, Nachrichten von einem digitalen, elektronischen Medium in Papierform zu überführen und sie dann wie gewöhnliche Post per Hand beziehungsweise zu Fuß zuzustellen. Dieses Verfahren war nicht nur teurer als E-Mail, sondern konnte auch niemals schnell genug werden, um mit E-Mail zu konkurrieren, solange es für die letzten Schritte bis zum Hausbriefkasten in althergebrachter Weise auf die Beine der Briefträger setzte. Demgegenüber sagte Stefferud voraus: Tischcomputer “stellen den perfekten Briefkasten dar”; sie waren überhaupt nicht auf das Postamt angewiesen. Die Assoziation zu der einstmals absurden Idee der automatischen Müllentsorgung liegt nahe; vor der Erfindung des “elektrischen Schweins”, wie der Müllschlucker anfangs hieß, war sie undenkbar. “Der Schlüssel liegt nicht in der Automatisierung des Mechanismus Beutel/Tonne/LKW/Person”, erklärte Stefferud, “er liegt darin, ihn insgesamt zu umgehen.”
Der USPS konnte sich, ähnlich wie früher AT&T, nie wirklich von der Denkweise lösen, die auf die Bewahrung seines traditionellen Geschäfts zielte; vermutlich ist dies ein Wesenszug aller Monopole. Schließlich sprachen sich das Justizministerium, die Federal Communications Commission und sogar die Postgebührenkommission gegen ein staatliches Engagement bei E-Mail-Diensten aus und empfahlen, diese dem freien Markt zu überlassen.
***
Kein Problem war geringfügig genug, als daß es die MsgGroup nicht lang und breit diskutiert hätte. Die Schnelligkeit und Bequemlichkeit des Mediums eröffnete die Aussicht auf ungezwungene und spontane Unterhaltungen. Für Menschen wie Licklider und Baran lag gegen Ende des Jahrzehnts auf der Hand, daß eine Revolution, zu der auch sie einen Anstoß gegeben hatten, jetzt in vollem Gange war.
“Morgen werden Rechnerkommunikationssysteme zur entfernten Kooperation [zwischen Autoren] die Regel sein”, schrieben Baran und Dave Farber von der Universität von Kalifornien in Irvine. Diese Bemerkung stand in einem Artikel, den sie mit Hilfe von E-Mail gemeinsam verfaßt hatten, obwohl 800 Kilometer zwischen ihnen lagen. Er wurde 1977 in der MsgGroup elektronisch “publiziert”. Sie fuhren fort: “Wenn Rechnerkommunikationssysteme leistungsfähiger, menschengerechter, fehlertoleranter und vor allem billiger werden, werden sie wohl allgegenwärtig. ” Automatische Hotelbuchungen, Kreditprüfungen, finanzielle Transaktionen in Echtzeit, Zugriff auf Versicherungs- und Krankendaten, Abruf allgemeiner Informationen und Echtzeit-Bestandskontrolle in Läden und Geschäften – all dies würde kommen.
Ende der 70er Jahre gelangte der Abschlußbericht des IPTO an die ARPA-Leitung über die Beendigung des ARPANET-Forschungsprojekts zu einer ähnlichen Schlußfolgerung: “Die größte Überraschung des ARPANET-Programms war die unglaubliche Popularität und der Erfolg der Netzwerk-Post. Es bestehen kaum Zweifel, daß die Techniken der Netzwerk-Post, die im Zusammenhang mit dem ARPANET-Programm entwickelt wurden, das Land im Sturm erobern und die Kommunikationsverfahren im öffentlichen und privaten Sektor tiefgreifend verändern werden.”
Für die Mitglieder der MsgGroup war die elektronische Post so faszinierend wie ein Diamant, den man gegen das Licht hält. Sie gingen jedem Detail quasi mit der Lupe auf den Grund. Sie waren geradezu Technik-Junkies. Ein klassisches Problem stellte beispielsweise die Frage der Protokollierung von Uhrzeit und Datum dar. “Der Chef des Chefs meines Chefs jammert immer über das Geschwafel der Überstundendrescher”, berichtete jemand. “Er sieht schon am Datum (und den Gewohnheiten des Senders), wie ernst er die Nachricht zu nehmen hat.”
“Vielleicht sollten wir zusätzlich zu Datum und Uhrzeit die Mondphase protokollieren”, schlug ein anderer vor. (Es dauerte nicht lange, und jemand schrieb ein E-Mail-Programm, das genau das tat.)
“Ich finde es sehr gut, eine genau Datums- und Zeitprotokollierung zu bekommen”, meinte wieder ein anderer. “Es ist angenehm, wenn man die Nachrichten, die kunterbunt durcheinander eingetroffen sind, in die richtige Reihenfolge bringen kann.”
“Manche benutzen das offenkundig doch nur, um den anderen zu zeigen, daß sie besser sind, nach dem Motto: ‘Ich arbeite aber länger als du!’”
Die Mitglieder der MsgGroup konnten sich über alles und jedes streiten. Jemand, der sich gerade einschaltete, hätte gelegentlich geschworen, in eine erregt debattierende Gruppe von Anwälten, Grammatikern oder Rabbis geraten zu sein. Außenstehende klinkten sich manchmal zwanglos in den Dialog oder, wie es jemand einmal ausdrückte, den “Polylog” ein. Als die regelmäßigen Teilnehmer sich näher kennenlernten, entstanden dauerhafte Freundschaften, zuweilen schon Jahre bevor sich die Freunde persönlich begegneten. Die ARPANET-Gemeinde vertrat in vielerlei Hinsicht traditionelle Grundwerte – Meinungsfreiheit, gleiche Zugangschancen, Schutz der Privatsphäre. Dennoch schuf E-Mail einen Raum mit herabgesetzten Hemmschwellen und eigenen Bezugsgrößen, eine virtuelle Gesellschaft mit Umgangsformen, Werten und akzeptierten Verhaltensweisen – dem “Flamen” beispielsweise –, die der übrigen Welt völlig fremd waren.
Die Vertrautheit in der MsgGroup verführte gelegentlich sogar zu einer Sprache der Verachtung. Der erste wirkliche “Flame” (im wahrsten Sinn des Wortes zornentflammte, oft beleidigende Wortgefechte) flackerte im ARPANET Mitte der 70er Jahre auf. Das Medium leistete übereilten Erwiderungen und verbalen Raufereien Vorschub. Dennoch blieb allzu heftiges Flamen in der MsgGroup eher die Ausnahme; man hielt sich schließlich für zivilisiert. Wie ein Fels in der Brandung hielt Stefferud die Gruppe mit kühlem Kopf zusammen, wenn es einmal besonders rauh und streitsüchtig herging. Er rackerte sich ab, um die MsgGroup funktionsfähig zu halten, analysierte wenn nötig komplizierte Header oder räumte Mißverständnisse aus und sorgte dafür, daß die Stimmung und die Kommunikation der Gruppe nicht zu grimmig wurde. So ziemlich das schlimmste, was er je äußerte, wenn von allen Seiten technische Probleme auf ihn eindrangen, war, daß einige Header “Mundgeruch” hätten.
Im Vergleich dazu galt eine im übertragenen Sinne benachbarte Diskussionsgruppe mit Namen Header People als reinste Hölle. “Wir tragen normalerweise Unterwäsche aus Asbest”, meinte ein Teilnehmer. Header People war am MIT angesiedelt und 1976 von Ken Harrenstien ins Leben gerufen worden. Die Gruppe war nicht offiziell, doch noch mehr fiel ins Gewicht, daß sie keinen Moderator hatte (also keinen menschlichen Filter wie Stefferud). Harrenstien hatte versucht, mindestens je einen Entwickler von allen Systemen im ARPANET hinzuzuziehen, und in kürzester Zeit heizten die Auseinandersetzungen in Header People den Streit über die Header auf den Schwelbrand eines heiligen Krieges kurz vor dem Ausbruch an. “Eine Bande wild entschlossener Schläger”, sagt Harrenstien, “die noch ein totes Pferd zu Brei hauen.” Die beiden Mail-orientierten Gruppen überschnitten sich in beträchtlichem Ausmaß; selbst im Rahmen der “zivilisierten” MsgGroup erhitzten sich zuweilen die Gemüter. Die beißenden Attacken und die flammenden Tiraden, die so typisch für die Online-Kommunikation waren und in jedem anderen Zusammenhang als fehl am Platze, ja asozial gegolten hätten, setzten im ARPANET eine seltsame Art Norm. Flames konnten jederzeit und über alles mögliche ausbrechen, und sie konnten eine einzige Nachricht oder einhundert umfassen.
Die FINGER-Kontroverse, eine Debatte über die Frage der Privatsphäre im Netz, fand Anfang 1979 statt und löste einige der schlimmsten Flames in der Geschichte der MsgGroup aus. Der Streit drehte sich darum, daß an der Carnegie-Mellon-Universität eine elektronische Spielerei eingeführt wurde, die den Nutzern erlaubte, Einblick in die Online-Gewohnheiten anderer Nutzer im Netz zu nehmen. Den FINGER-Befehl hatte Anfang der 70er Jahre ein Computerwissenschaftler namens Les Earnest an der KI-Abteilung von Stanford entwickelt. “Im allgemeinen arbeiteten die Leute dort lange und oft zu unvorhersagbaren Zeiten”, berichtet Earnest. “Wenn man einen Gruppentermin vereinbaren wollte, mußte man wissen, wer da war und wann die anderen wiederkommen würden. Außerdem war es ganz nützlich, daß man potentielle Volleyball-Spieler auftreiben konnte, wenn man Lust zu spielen hatte, Liebhaber der chinesischen Küche, wenn man was essen wollte, und ungeselligere Computerbenutzer, wenn es schien, daß im System irgendwas Seltsames vorging.” Es war nicht etwa möglich, mit FINGER fremde elektronische Post zu lesen, man konnte aber feststellen, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit sich der oder die Betreffende zum letzten Mal eingeloggt und Post gelesen hatte. Manche fanden das problematisch.
Damit die Privatsphäre besser gewahrt blieb, änderte Ivor Durham von der CMU die Voreinstellung von FINGER; er fügte einige Bits hinzu, die sich aktivieren oder deaktivieren ließen, so daß diese Information verborgen blieb, wenn ein Nutzer sie nicht preisgeben wollte. Durham wurde gnadenlos ge“flamed”. Man hieß ihn alles mögliche von “rückgratlos” über “sozial verantwortungslos” bis zu “kleiner Opportunist” und schlimmeres – aber nicht, weil er die Privatsphäre schützen wollte. Die Kritik entzündete sich vielmehr daran, daß er an der Offenheit des Netzwerks herummanipuliere.
Die Debatte begann als CMU-interne Auseinandersetzung, sickerte jedoch wegen der Neugier Dave Farbers ins ARPANET durch; er wollte wissen, was geschah, wenn die Außenwelt davon erfuhr. Die darauf folgende Flame-Orgie umfaßte mehr als 400 Botschaften.
Auf der Höhe des FINGER-Streits verließ ein Mitglied die MsgGroup, angewidert und empört über das Flaming. Wie die Quasar-Debatte endete die FINGER-Kontroverse ergebnislos. Doch beide Vorfälle erteilten den Nutzern eine weiterwirkende Lektion über das Medium, das sie benutzten. Die Schnelligkeit der elektronischen Post fördere solche Flame-Kriege, meinten manche; jeder, der sich über irgend etwas aufrege, könne auf der Stelle scharf zurückschießen, und zudem fehle noch der mäßigende Faktor, dem Adressaten ins Auge blicken zu müssen.
Gegen Ende des Jahrzehnts hatte sich der anfangs scharfe Ton in der MsgGroup in eine aufgeschlossene, lebhafte allgemeine Diskussion gewandelt. Stefferud versuchte stets, Neuankömmlinge dazu zu bewegen, sich elektronisch vorzustellen, wenn sie der Gruppe beitraten; einige verabschiedeten sich auch, wenn sie sie verließen, nur um sich später von anderen Einrichtungen aus wieder zu melden; nur ein oder zwei verließen sie unter förmlichem Protest aus Verärgerung über einen Schwall Flames oder weil sie sich sonstwie auf die Zehen getreten fühlten.
Einer der “führenden Politiker” der MsgGroup, Dave Crocker, untersuchte das Netz zuweilen mit der Neugier eines Soziologen. Eines Tages beispielsweise sandte er ungefähr um fünf Uhr nachmittags etwa 130 Leuten im ganzen Land eine Nachricht, nur um festzustellen, wie schnell sie sie erhielten und beantworteten. Die Antwortstatistik war, wie er berichtet, “etwas unheimlich”. Sieben Leute antworteten innerhalb von 90 Minuten. Nach 24 Stunden hatte Crocker 28 Antworten erhalten. Antwortzeiten und -zahlen dieser Größenordnung mögen in einer Kultur, die seither ihre Ansprüche hinsichtlich Tempo, Bequemlichkeit und Reichweite der Informationstechnik mit Exponenten von zwei und drei gesteigert hat, kaum erwähnenswert scheinen. Doch in den 70er Jahren war es “eine absolut erstaunliche Erfahrung”, wie Crocker sagt, so schnell und so einfach auf so viele Antworten zu kommen.
Am 12. April 1979 äußerte ein unbeschriebenes Blatt in der MsgGroup mit Namen Kevin MacKenzie offen seine Angst vor dem “Bedeutungsverlust” in diesem elektronischen, textgebundenen Medium. Ohne Frage erlaube E-Mail einen spontanen verbalen Austausch, doch er sei beunruhigt, weil es Gestik, Mimik und Tonfall von Menschen nicht übertragen könne – all dies gehöre zum Sprechen dazu und drücke eine ganze Palette von Bedeutungsnuancen aus, etwa Ironie und Sarkasmus. Vielleicht, so schlug er vor, solle man den Zeichensatz in E-Mail-Nachrichten erweitern. Um beispielsweise anzudeuten, daß ein bestimmter Satz nicht ganz ernst gemeint sei, könne man einen Bindestrich und eine Klammer an das Satzende anfügen, also so: -)
MacKenzie gestand, daß diese Idee nicht ganz allein auf seinem Mist gewachsen war; er sei darauf gekommen, als er einen Beitrag zu einem anderen Thema in einer alten Reader’s-Digest-Ausgabe gelesen habe. Etwa eine Stunde nach seinem Vorschlag wurde er ge“flamed” – oder besser gesagt, ein wenig angesengt. Er erfuhr, sein Vorschlag sei “unbedarft, aber nicht dumm”. Er erhielt eine kurze Lektion über Shakespeares meisterhaften Gebrauch der Sprache ohne zusätzliche Hilfszeichen. “Denjenigen, die nicht lernen, dieses Instrument zu beherrschen, ist nicht durch ein erweitertes Alphabet zu helfen; sie werden uns nur mit endlosem Geschwätz quälen.” Was wußte schon Shakespeare? ;-)-Emoticons und :-)-Smileys – zweifellos von der breiten Masse aufgefahren – verbreiteten sich in der E-Mail bis hinein in die Ikonographie unserer Zeit.
Es ist schwer auszumachen, wann oder warum es geschah – vielleicht aus Überdruß, vielleicht weil jetzt zu viele in der MsgGroup mitmischten –, aber zu Beginn der 80er Jahre legte das Orchester, das so großartig musiziert und im Verlauf eines Jahrzehnts gemeinsam E-Mail geschaffen hatte, die Partitur quasi Ton für Ton beiseite. Anfangs war dies kaum wahrzunehmen – hier verstummte eine führende Stimme, da verklang eine andere. Statt Akkorden schien sich allmählich weißes Rauschen in der MsgGroup breitzumachen.
In gewisser Weise spielte das keine Rolle. In der MsgGroup F war immer der Dialog selbst wichtiger gewesen als die Ergebnisse. Das Ziel, eine gut funktionierende E-Mail zu entwikkeln, spielte natürlich eine Rolle, doch die MsgGroup schuf daneben noch etwas ganz anderes – eine Gemeinschaft aus
Gleichen, von denen sich viele nie persönlich begegneten, die jedoch so taten, als kennten sie sich schon ihr ganzes Leben lang. Die MsgGroup war der erste Ort, an dem sie etwas gefunden hatten, nach dem sie seit dem Entstehen des ARPANET gesucht hatten. Die MsgGroup war vielleicht die erste virtuelle Gemeinschaft.
Der Zauber des Netzes wurzelte nicht in seiner Entstehungsgeschichte oder in seiner Funktionsweise, sondern darin, wie es benutzt wurde. Um 1980 war das Netz weit mehr als eine Ansammlung von Computern und Standleitungen. Es war ein Ort der gemeinsamen Arbeit, ein Ort, wo Freundschaften geschlossen und eine offenere Art und Weise der Kommunikation praktiziert wurden. Die Verliebtheit Amerikas in seine Highways – um eine Parallele zu ziehen – ging nicht auf den ersten Menschen zurück, der eine Straße planierte oder die Bitumendecke erfand oder einen weißen Mittelstreifen zog, sondern auf den ersten Menschen, der merkte, welchen Spaß es machte, wie James Dean im Cabrio mit voll aufgedrehtem Radio die Route 66 entlangzubrausen.
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