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Autor: Heuss, Theodor.
Titel: Ein Vermächtnis: Friedrich Schiller. (1955)
Quelle: Ralf Dahrendorf/Martin Vogt (Hrsg.): Theodor Heuss. Politiker und Publizist. Aufsätze und Reden. Tübingen 1984. S. 441-450.
Verlag: Rainer Wunderlich Verlag.
Die Veröffentlichung ist gemeinfrei / mit freundlicher Genehmigung von Ursula Heuss-Wolff.
Theodor Heuss
Ein Vermächtnis: Friedrich Schiller
Der Wunsch schwäbischer Freunde hat mich zu dieser Stunde zu dieser Stelle gebeten: Es möge bei solcher Feier auch die Stimme der engeren Heimat hörbar werden. Ich bin dem Rufe zögernd und doch auch freudig gefolgt. Zögernd: denn es mußte mir höchst unangemessen, ja unpassend erscheinen, in Thomas Manns wunderbarer und ergreifender Betrachtung nach thematischen Lücken zu fahnden – ich spüre selber, welche große Aufgabe und Leistung es ist, aus einem so ungeheuer gebreiteten Stoff in knapp bemessener Frist ein Bild von solcher Eindringlichkeit und Vielfalt der Aspekte zu gestalten. Freudig: denn der Dank ist immer eine schöne Pflicht.
Sie verstatten mir ein paar Variationen zu Fragen, die mir am Herzen liegen.
Thomas Mann hat in seinem Schluß schon ein Motiv anklingen lassen, das ich aufnehmen darf, die Feier von Schillers 100. Geburtstag 1859. Der lombardische Krieg war politisch für Österreich verlorengegangen, aber der Feldzug hatte die ungelösten deutschen Fragen ins Bewußtsein neu vorangetragen: Führungsanspruch von Habsburg, von Hohenzollern? Einigungsrecht der Italiener – nur der Italiener? Aufbrechen der Erinnerung an den Einheitskampf von 1848/49. Nach einem Jahrzehnt, das Enttäuschungen vermorschen ließ, das Wagnis, die alten Signale wieder zu zeigen: Gründung des Deutschen Nationalvereins; und dann dieser 100. Geburtstag, kein staatliches, aber die Staatsgrenzen vom Volke her überflutendes Politikum:
Die Nation erinnerte sich und fand in dem Mann den sammelnden und bindenden Magnet ihrer zerrissenen Seele. Und das Rührende: Die übergreifende Kraft der Schillerschen Erscheinung hielt nicht an den Staatsgrenzen, sie ging schon ins Menschheitliche. Wir wissen: Zu den schönsten Huldigungen, die damals sein Menschentum und sein Schöpfertum aufsuchten, gehören zwei große Gedichte des Gottfried Keller, von denen eines, in das Werdende blickend, ausklingt:
Seine unsichtbaren Hüter
Lehnten am Standartenschaft,
In den goldnen Wappenröcken:
Das Gewissen und die Kraft!
Das war nicht von ungefähr; noch der lebende, erst recht aber der über den frühen Tod hinauswirkende Mann, war eine den Volksgeist und das breite Volksgefühl konstituierende Kraft geworden. Ich möchte glauben, das ist ein Vorgang, der in der neueren Geistesgeschichte kaum Vergleichbares findet – vielleicht mag Dante ähnlich gesehen werden, zumal in seiner eine Volkssprache formenden und veredelnden Wirkung. Aber ich finde nicht bei den Franzosen, den Engländern, den Russen, so großartige Gestalter im Raume der dichterischen Aussage sie besaßen, eine entsprechende Erscheinung, da eine sehr subtile, zwischen subjektivem Bekennerbedürfnis und dem Ringen um das Objektive sich ordnende Individualität breite, typische geistige Grundhaltungen einer Vielfalt fast verbindlich zu bestimmen und zu prägen verstand.
Und Martin Luther? Die Größe seiner Erscheinung besaß neben der sammelnden auch die sprengende Kraft. (In Schillers verwegenen Arbeitsplänen war ein Luther-Drama notiert – unsere geringe Phantasie versagt vor dem Gedankenspiel, wie er diesen ungeheuren Gegenstand deutscher Weltwirkung und deutscher Volkstragik angegangen wäre.)
Man muß freilich, zumal nach unseren neueren Geschichtserlebnissen, behutsam sein mit runden Erklärungen, daß Schiller ein Bestandteil, eine Mitte des deutschen Volksgeistes geworden sei. Vor über 40 Jahren habe ich ähnliches in einem vorzüglich auf ihn zielenden Buch einmal behauptet –, wir wollen ihn nicht mit unseren schlimmen Erinnerungen kränken und die landläufige Vertrautheit mit »Geflügelten Worten« nicht als Bekenntniserweis betrachten. Es ist doch wohl schon so: Der höhnende Spott aus den Reihen der deutschen »Romantiker« konnte ihn, konnte sein Bild nicht verwunden im Bewußtsein jener Deutschen, die jene wohl suchten, die Schiller aber besaß: Seine Stimme durchwaltet den Raum der Paulskirche, wo es um das Bekennen geht, das Nationale und das Übernationale, das Individuell-Freiheitliche oder – im noch nicht durchgeformten Unterton – um das Konkret-Soziale.
Aber nun dies andere, nachdem im Knall der Flinten, auch der Standgerichte, der Traum von Einheit und Freiheit zu bitterer Ernüchterung geweckt war! Thomas Mann hat 1859 gewiß nicht bloß als historische Anekdote genannt, und ich habe die Erinnerung nicht aufgenommen, um sie für das Wissen um die Zeitlage zu verdichten – sie besitzt eine schmerzhafte Aktualität. Denn die im geschichtlichen Prozeß überstaatlich zu begreifende Nation der Deutschen erspürte als Aufgabe, aus der historischen Vielfalt ihres Seins eine gemeinsame Mitte zu gewinnen; wir aber stehen in der Gefährdung, sie zu verlieren, da eine mechanistische Auffassung wir diskutieren jetzt nicht ihre schuldvolle Veranlassung – aus einem geschichtlichen Volkskörper Verwaltungs-Zonen verschiedener geistiger und politischer Artung gemacht hat und die Dinge dorthin gebracht, daß sie, weit mehr als 1859, da es derlei auch schon gab, gelegentlich unter den Bewertungen von strategischen Militär-Glacis‘ gesehen werden.
Wir reden ganz offen von dieser Lage. 1859 war Schillers 100. Geburtstag aus dem Grundstrom eines natürlichen und spontanen Volksgefühls zum »Politikum« geworden. Kann man, darf man, soll man in bedrängterer Zeit diesen 150. Todestag dazu machen? Ich scheue mich, denn ich glaube, Ehrfurcht ist nicht manipulierbar, und es ist ein arges Unterfangen, Schiller, der darauf nicht mehr antworten kann, posthum zum unbefragten Ehrenmitglied einer Partei zu machen.
Als ich kürzlich die, wohl als repräsentativ gedachte, mit viel Zitatenfleiß aufgebaute Rede las, in der ein führender Mann von Pankow der Jugend Schiller in seiner Art nahezubringen suchte, war ich leicht gerührt: Schiller erfreut sich dort, drastisch ausgedrückt, der mildernden Umstände, daß er den dialektischen Materialismus noch nicht gehabt hat und sich deshalb in den »Idealismus« verirrt habe – im übrigen ein honoriger Mann, sozialrevolutionär, volksverbunden, »fortschrittlich« – lassen wir das! Mit Klischees des propagandistischen Tagesbedarfs kommt man im anständigen Geistigen nicht sehr weit. Ich enttäusche jene gerne, die meinen, weil ich gegenwärtig Bundespräsident bin, sei es meine Aufgabe, aus Schiller eine staatsaktuelle Werbeaktion zu machen. Dafür ist er mir zu groß, dafür bin ich mir zu gut.
Wir haben zwei Schiller vor uns: jenen, von dem wir einiges sagten, der in vielerlei Vereinfachungen zur wirkungsvollen und geglaubten Legende wurde; den anderen, der durch ein sehr verwirbeltes, konkretes Leben, Dichten, Denken hindurchging, eruptiv und wieder verhalten, großartig im wagenden und bekennenden Selbstbewußtsein, und dann wieder reflektierend, ein sehr scharfer Kritiker des eigenen Werkes – er ist, vom jungen Ruhm gehoben und fast erschreckt, sehr frühe ein anregungsreicher Kommentator des Vorhabens, des Gelingens, des Mißtrauens gegen sich selbst, und doch von einer Missionsidee, in die die Selbstgestaltung eingehüllt ist, bewegt.
Darf ich zu diesem Problem: Sein, Selbstgestaltung und Legende, ein paar Anmerkungen machen? Der Mann, der das herrliche Gedicht »Die Götter Griechenlands« niederschrieb, war im Elementaren ein Lateiner, ich will nicht sagen ein Römer. Da gibt es die ergreifende Stelle in seinem Briefwechsel mit Wilhelm von Humboldt: der möge ihm einen Hinweis geben, wo er rasch lerne, die großen Griechen in ihrer Sprache richtig zu lesen. Humboldt rät ab – er hat sowieso ein schlechtes Gewissen, mit dem Freund zu sehr, zu lange Kant und Theorie der Ästhetik exerziert zu haben. Das ist ja die geistesgeschichtlich so aufregende Sache, daß weder Goethe noch Schiller je in Griechenland, etwa auch in Mykene und Tiryns waren, sondern aus dem großen Medium des Römers Winckelmann lebten. Schillers Dank hat seinen herrlichen Ausdruck in den Übersetzungen aus Vergil gefunden. Ich weiß: »Übersetzung« ist ein falsches Wort. Es war nichts bei ihm zu gewinnen, wenn wir ihn bei der Äneis-Lektüre zur Lebenserleichterung befragen wollten. Aber ich halte dafür: Diese Neudichtung ist eine Wochenstube der deutschen Sprache, ihres Glanzes und ihrer neugewonnenen Geschmeidigkeit, in der formalen Artistik, ich scheue das Wort nicht, Befreiung, Selbstbefreiung von der Emphase des Barock, die dem jungen Schiller in dem Landsmann der interessanten, doch gefährlichen Paradoxien, Schubart, begegnet war.
Schwabens Gräzist war Hölderlin. Beiden, deren Geburtsorte nur ein paar Wegstunden getrennt sind, war das Neckar-Ufer frühe Kinderheimat: Der Tiber wird nach kurzem Weiterlauf zum Alphaios. Es ist den Empfindungen der Schwaben immer ein leiser Schmerz beigemischt, daß die menschliche Begegnung der beiden nicht zu jener Fruchtbarkeit gedieh, die das Schicksal in ihrem Wesen angelegt zu haben schien. Die Verschwärmtheit des zarten und verehrenden Jünglings stand vor einem Manne, der in den Zwang der geistigen Selbstdisziplinierung getreten war. Aber davon ist jetzt nicht breiter zu handeln. Hölderlin blieb für Schiller eine mit Freundwilligkeit begonnene und dann doch wohl zur Ungeduld führende Episode. Denn nun war die Auseinandersetzung, die Freundschaft mit Goethe zur Mitte geworden.
Goethe, ganz Auge, ganz Anschauung, hat jenen Weg Schillers zur geistigen Abstraktion, zur theoretisierenden Spekulation mit Mißbehagen gesehen – er schien ihm ein Irrweg zu sein, an dem keine die Frucht des Schönen versprechenden Bäume aufblühen und zur Reife kommen. Und ähnliches galt und gilt für viele, die in den »Gesammelten Werken« an die Prosabände geraten. Warum nicht noch ein paar Dramen, da so viele geplant waren? Warum die Ansätze zur Erzählung, zum Roman nur Stückwerk? Das ist, glaube ich, die falsche Schau.
Dieser »Irrweg« war gar keiner, es war auch nicht Ehrgeiz des gelernten Medikus, sich als Historiker, als philosophischer Denker darzutun. Er ist, biographisch und psychologisch genommen, ein Training der menschlichen Redlichkeit, im Sicherwerden-Wollen vor sich selbst, auch ein öffentliches Rechenschaftlegen über das eigene Werden – er durfte durch das Schicksal, durch das Echo, das die Nation seinen frühen Werken gab, sich selber schon als Element des breiteren Bewußtseins spüren und die eigene Arbeit im geistesgeschichtlichen Ablauf betrachten. Dadurch konnte dieses Denken und Reflektieren und Spekulieren nicht bloß ein privater Vorgang der Selbstklärung sein, sondern es gewann einen pädagogisch gedachten Wirkungssinn. So die »Briefe über die ästhetische Erziehung« an den wohltätigen Retter aus arger Not, den Augustenburger in Kopenhagen, so die geistvollen Betrachtungen über »naive und sentimentale Dichtung«. So auch die Geschichtswerke über den Abfall der Niederlande, über den Dreißigjährigen Krieg – daß sie thematisch den großen Dramen benachbart sind, führt zu dem Ernst, womit er in seiner dichterischen Thematik, wenn auch nur atmosphärisch, sicher werden wollte oder mußte.
War er denn eigentlich ein »Historiker«? Er saß nie in einem Archiv, um Dokumente zu exzerpieren; er saß nie über einem Nachlaß, um das Wesentliche von Beiläufigem zu scheiden – Leopold Ranke, der Meister und Lehrmeister in solchem Verfahren werden sollte, war bei Schillers Tod ein Knabe von zehn Jahren. Aber dieser »Dilettant«, solches Wort aus der Sprachwelt der Gelehrtenzunft genommen, besaß den »Griff«, und er war nebenbei ein großartiger und geistreicher Schriftsteller.
War nicht gerade die Umwelt seiner Lebensfrist der Nährboden dieses Sinns für das Politische? Die Zeit seiner Mannesjahre war wahrhaftig angefüllt von großer geschichtlicher Dramatik. Aber es ist anmerkenswert: Jene Dramatik, für die er mit herrlich fordernder, herausfordernder Diktion die Schaubühne in großartiger Überhöhung als moralische Anstalt beansprucht, liegt in den Jahren, bevor es, deutlich ausgesprochen, geschichtlich erst »losging«, vor 1789. Das mildert nicht den dichterischen oder gar ethischen Rang der Frühwerke mit ihrem moralischen, ihrem sozialen, ihrem staatsbürgerlichen Bekenntnisdrang – ich habe einmal gesagt, bei der Uraufführung der »Räuber« sei Rousseau im Souffleurkasten gesessen, beim »Carlos« mag er durch Montesquieu abgelöst gewesen sein. Kaum in einem anderen deutschen Dichter ist so der betrachtende Sinn für die psychologische, die menschliche Spannung in der politischen Entscheidung vorhanden wie bei ihm – die Kleist'sche Situation mit ihrer aktuellen Bezogenheit ist anderer Natur. Schiller, dessen geographischer Lebens- und Erlebensraum von dem verschobenen Viereck Stuttgart-Mannheim-Berlin-Dresden umfaßt wird, der nichts, gar nichts von der Fremde kennt, greift in italienische, spanische, englische, deutsche, französische Staatsaktionen sehr großen Ranges, auch in die Schweizer Legende und stirbt darüber weg, da er dem polnisch-russischen Verhältnis in dem »Demetrius« ein Kernstück seiner Geschichte gestalten will.
Er ist von der Dynamik des Politisch-Historischen im staatlichen Raum schier besessen, es gibt auch Stellen in seinen Briefen, da er nach eigener Aktivität auszuschauen scheint, und dann – er distanziert sich von dieser seiner Gegenwart. Der große Geschichtsumbruch in Frankreich mußte ihn, etwa wenn er die Reden des Comte de Mirabeau las, aufs äußerste ergreifen – hatte nicht er selbst diesem durch Prosa die Stichworte geliefert? Aber sein Verhältnis zu der in heillose Gruppenkämpfe anschwellenden Revolution war viel problematischer als die Männer in Paris wissen konnten, die ihn, etwa neben Pestalozzi, mit dem Bürgerrecht Frankreichs bedacht hatten. Bewegt ihn doch – er ist aus der Schule des Gesellschaftskritikers Rousseau in die des Staatsdenkers Montesquieu hinübergewechselt – der Plan, für den in Thron und Leben gefährdeten sechzehnten Ludwig eine Schutzschrift zu publizieren!
Man weiß, der Mann, dessen Jünglingsjahre das herrliche Medium einer rebellischen Gesinnung gegen staatlichen Zwang und gesellschaftliche Konvention, gegen Absolutismus und Feudalismus gewesen, reflektiert über die Frage, die er sich selber stellt: Soll der Dichter, um seinem schöpferischen Auftrag zu genügen, nicht Abkehr vollziehen von Kämpfen und Krämpfen seiner Gegenwart? Und Schillers Gegenwart war, historisch-politisch, turbulent genug. Sie erlebt den Aufstieg des kleinen korsischen Leutnants Bonaparte, über Schlachtenruhm und politisches Machtspiel hinweg, zum Schicksals-träger einer Weltstunde, prall angefüllt mit dramatischer Spannung. Und nun in einem Brief Schillers der höchst erstaunliche Satz: »Wenn ich mich nur für ihn interessieren könnte.« War denn der Gestalter des Philipp, des Wallenstein, der Elisabeth geschichtsblind geworden? Er fährt fort: »Dieser Charakter ist mir durchaus zuwider. – Die Menschheit hat von ihm nichts Gutes zu erwarten.« »Nichts Gutes« – also geht es um »das Gute«. In der Tat, darum geht es bei Schiller, denn er ist ein Moralist. Man möge das nicht falsch verstehen, als ob ich einen nach Wunsch braven Bürger aus ihm präparieren wollte. Ein »Untertan« war er ja nie, er ging durch »Sturm und Drang« und vielerlei Fährnis, er hat sein Leben als Abenteuer außerhalb der Norm gewagt, er wurde zum Fachmann in Not, Hunger und Krankheit. Aber er wagte auch die Treue zu sich selbst, das heißt, auch zu seiner Entwicklung.
Und hier war – ich will nicht als Schwabenlob agieren – fernwirkendes Geschenk der Heimat, die er hätte hassen können und die er lieben mußte – ich sage etwas leicht Verwegenes: Der Pfarrer Moser aus Lorch ist nie ganz in ihm untergegangen. Dies religiöse Element der Jugendeindrücke begleitet ihn.
In der von mir sehr geliebten Elegie »Der Spaziergang«, geliebt nicht nur deshalb, weil ich als junger Kerl am Heilbronner Gymnasium beim »Schlußakt« acht Distichen zu »deklamieren« hatte, stehen, da Schiller von Glück und Gefahr der Freiheit, von »Vernunft« und »wilder Begierde« spricht, die Zeilen:
Seine Fesseln zerbricht der Mensch. Der Beglückte! Zerriss' er
Mit den Fesseln der Furcht nur nicht die Zügel der Scham!
In diesen zwei beiläufigen Zeilen ist gewiß nicht der ganze Schiller, aber das Wesenhafte.
Es war schön, daß und wie vorher Thomas Mann in Schiller das Kindhafte aufstehen ließ, das »Naive« bei dem Manne, der im »Sentimentalen«, man mag das Wort auch durch das »Reflektierende« ersetzen, seine Art zu der Goethes abgrenzte, und damit der Nachwelt zwar nicht mit der Losung die Lösung, aber den ewigen Reiz der Besinnung gab. Ich denke, Thomas Mann ist mit mir auch einig, daß das ewige erneute Gerede – es wird heute und morgen vieltausendfach überall wiederholt werden – Schiller sei der »Dichter für die Jugend« nun durch die ehrwürdige Jahresziffer der ermunternden Mitteilung nicht richtiger geworden ist. Natürlich bleibt es eine herrliche Sache, daß ein Neunzehnjähriger so etwas wie die »Räuber« unternimmt, aber ein aufbrechendes Genie ist kein Modell. Und das im Bewußtsein nicht der Nation, aber das in der Lieferanten literarischer Bewertungen schwankende Schicksal Schillers war die Wirkung eines sowohl pathetisch wie pädagogisch überbetonten Epigonentums. Ich will das nicht breiter ausführen. Denken Sie aber nur, wie wir etwa den Mut verloren zu haben scheinen, das Wort »erhaben« auszusprechen – es ist Papier, es ist beliebiger Slogan für Vereinsfeierlichkeiten, es ist schier trivial –, und in Schillers Mund besaß es immer, besitzt es stets erneut Rang, Größe, Würde, dankende Ehrfurcht. Die einschränkende Bemerkung möchte nicht falsch verstanden werden: Die Jugend soll gewiß an Schiller herangehen, und glücklich ist jene, die zwischen dem Sachverstand für technische »Errungenschaften« und der fachmännischen Beurteilung von Fußballvereinen sich etwas auskennt in den Bezüglichkeiten der »Götter Griechenlands« – aber Schiller ist kein »Jugendschriftsteller«, den man einmal »gehabt« hat, um dann sagen zu können, er sei einem vergällt worden. Die Begegnung mit seiner Reife ist ein Männergespräch.
Ich habe mit einer Variation über Schillers politische Fernwirkung von 1859 begonnen. Und nun bedrängt dieser heutige Tag unsere Empfindung – er ist ja nicht bloß der Vorabend von Schillers Todestag, sondern 10. Wiederkehr des Tages, da der furchtbarste Krieg durch einige Unterschriften sich sein Ende bestätigen ließ.
Es wäre unredlich, dieser Assoziation der Gedanken und Gefühle auszuweichen: Der Tag, den wir völlig illusionslos, aber mit heftigem Wunsch erwarteten, da das von Anbeginn sinnlos gewesene, aber seit Jahr und Monat in der Sinnlosigkeit gesteigerte Gewalt-Sterben und Sterben von Menschen ein Ende nehme; der Tag mit seiner schmerzhaft tragischen Paradoxie, da unser Staaten- und Volksschicksal vernichtet, unsere Seele aber befreit war, freilich mit dem Auftrag, nun auch mit der Last der Scham fertig zu werden.
Man möge das nicht als eine Erfindung des Hinterher nehmen; an diesem Tag, heute vor zehn Jahren, gingen immer wieder – Trost, Mahnung, Sicherung – drei Zeilen Schillers durch den Sinn:
Stürzte auch in Kriegesflammen
Deutsches Kaiserreich zusammen
Deutsche Größe bleibt bestehen.
Das finden Sie in keiner Ihrer traditionellen Schillerausgaben. Die Verse sind auf ein paar Fetzen Papier erst spät von Philologen gefunden worden. Eine schier unheimliche Sache: Schiller, der von den politischen Wirrnissen seiner Gegenwart doch nichts wissen wollte, ist innerlich aufgewühlt, als mit dem Frieden von Luneville die Liquidation des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation einsetzt. Er will ein großes Gedicht machen, Reimgruppen wechseln mit Prosa-Sentenzen: Was denn der Sinn der deutschen Geschichte ist, was Aufgabe und Auftrag des deutschen Geistes zwischen den Nationen? Alles Machtpolitische, das in den Dramen doch ein so parater Stoff ist, wird sublimiert. Der »Tag der Deutschen«, dieses aus aller Welt geistig sammelnden, klärenden und verwandelnden Volkes, wird Dienst an der Menschheit sein als ich vor über vierzig Jahren in einem kleinen Buch von diesem Nachlaß-Stück handelte, wagte ich das Wort, daß Schiller, der nicht in Waffen und nicht in Macht die Sinngebung der deutschen Existenz sah, den »Imperialismus der deutschen Seele« dargestellt habe. Bei der Empfindlichkeit der wachen Auguren würde ich diesen Begriff, von meiner Amtssituation abgesehen, heute nicht mehr verwenden.
Aber man begreift wohl, was hintergründig dabei wirkt: Dieser von politischen Aspekten der Geschichte umgetriebene Mann flieht in das Metapolitische, flieht und findet kein Ziel, reflektiert über Möglichkeiten, Aufgaben, Gewißheiten, Erfüllungen. Es bleibt alles Fragment, und man ist davon betroffen: Hat es Symbolgewalt der Entsprechung, daß das ewig Fragmentarische des deutschen Volks- und Staatenschicksals sich in diesem Fragmentarischen spiegelt, das dem großartigsten Versuch seiner geistig-universalen Deutung zum Schicksal wurde?
Vor fünfzig Jahren hat Hugo von Hofmannsthal ein Wort zu Schiller gesagt: Goethe der Gärtner, Schiller der Schiffer, beides Urberufe. Ich weiß nicht, ob Hofmannsthal wußte, daß in Schillers Plänen – er hat nie das Meer gesehen und es doch rauschen und brausen lassen – ein Drama über die Schiffahrt geplant war. Aber diese Antithese zwischen dem sorgsam pfleglichen, von der Betrachtung angeregten und aus der Einsicht des großen Erkennens bestimmten Manne und dem wagenden, immer, immer zum Abenteuer, aber auch zum Ziel bereiten Temperament, das fremde Ufer gewinnen will, nicht um sie zu berauben, sondern um sie zu bereichern, hat mich immer beeindruckt. Sie ist mehr als ein Literaten-Einfall, sie geht an die Dinge der tieferen Gründe.
Die Phrase, daß dieser Sohn der Aufklärung, der aus ihrem Vernunftglauben und ihrer so kräftigen, brauchbaren und nicht bloß »brauchbaren« Moral lebt, »fortschrittlich« gewesen sei – man kann, seit es neben einer in ihrer Aussagekraft in sich ruhenden Kunst eine »fortschrittliche« gibt, das Wort fast nur noch in Anführungszeichen benutzen –, streichen wir weg. Solche Formen und Formeln politischer Aktualisierung bleiben peinlich, denn sie verderben das Ethos, das in der Bildkraft des Dichters das Ewige anspricht, deutet, und zum Symbol hebt.
Das ist der schier erregende Reiz jedes tieferen Versuches der Besinnung über Schiller: Ihn verstehen wollen aus den seltsamen Kräften seiner Natur, Temperament, Umwelt, sachlichen und geistigen Zeitbedingtheiten, mit denen ein phantasiestarker Erfinder, der zugleich Moralist, sich gestaltet, in diesen paar knappen Jahrzehnten seines Lebens, und dann angerührt sein von dem Vorgang der Wandlung, daß das so vielfach Bedingte in die Maße des Unbedingten hinübergeht.
Der Schiffer, im Hofmannsthal'schen Sinn, wagt es mit der Zeit, wagt es mit dem Raum; er will, er wird sie beide meistern, indem er sich selber bewährt. Und vielleicht, wahrscheinlich ist dieses, mit dem Kurs auf das gedachte Große, in der Beschränkung Sich-Selbst-Bewähren, das Vermächtnis dieses Mannes Schiller.
Über die Stuttgarter Feier zu Schillers 150. Todestag, zu der von der Schiller-Gesellschaft Theodor Heuss und Thomas Mann als Redner eingeladen worden waren, meinte Heuss im Jahr 1959 zu Manns Ansprache:
»Seine Rede wurde zu einem wahren Geschenk. Es konnte damals etwas verwegen erscheinen, von dem großen epischen Ironiker ein aufhellendes Wort über den großen Pathetiker zu erbitten – aber das erhellende Wort wurde dann ein bekennendes Wort, das auch zu den verborgenen lyrischen Elementen in Schillers Gedichten einen zart-enthüllenden Schein sandte. Diese Stunde, da das geistreiche Finden der konstitutiven Kräfte in des Dichters Werk durchwärmt war von liebendem Dank an den großgearteten Menschen, wird jedem unvergessen bleiben, der sie miterlebte. «
Den Versuch einer Einbindung Schillers in einen größeren historischen Zusammenhang hatte Heuss erstmals 1915 in der Broschüre »Schwaben und der deutsche Geist« unternommen, und noch 1959 meinte er: »Geistesgeschichtlich steht Schiller in der Epoche, die sich selber mit einigem Stolz – eine nächste Epoche fand den Unterton mißbilligender Nachsicht – >das Zeitalter der Aufklärung< genannt hat.« Heuss ist in diesem Zusammenhang ebenso auf die Bedeutung eingegangen, die Rousseau als geistiger Revolutionär, Montesquieu als Staatstheoretiker und Kant als Helfer zur Selbstdisziplin gehabt haben, wie auf die Wertschätzung Schillers im Frankreich der Großen Revolution und bei den deutschen Liberalen, die nach der 48er Revolution über den 1859 gegründeten Nationalverein die staatliche Vereinigung der deutschen Länder hatten beschleunigen wollen.
Daß das dichterische Werk Schillers in seinem Pathos auf spöttische Kritik der Romantiker und Friedrich Nietzsches stieß und Schiller im Schulunterricht zerredet worden ist, hat Heuss der Nachwelt angelastet: »Daß die Nachwelt sein >Pathos<, das heißt auf altdeutsch seine >Leidenschaft< in der Trivialisierung gefälscht hat, ist nicht seine Schuld, sondern deren Schuld.« Heuss griff auch die Verbote für Aufführungen des »Don Carlos« und schulische Behandlung des »Wilhelm Tell« in der NS-Zeit auf, da der Beifall für die Forderung nach Gedankenfreiheit und der Hinweis auf die ewigen Rechte, »die vom Himmel hängen und von den vergewaltigten Menschen herabgeholt werden durften«, unerwünscht gewesen waren, so daß »die nationalsozialistische Führerschicht lernte oder fast gezwungen wurde zu lernen, in diesem toten Mann eine Gegenkraft zu erkennen«.
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