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Autor: Hickethier, Knut.

Titel: Rezeptionsgeschichte des Fernsehens - ein Überblick.

Quelle: Walter Klingler/ Gunnar Rothers/ Maria Gerhards (Hrsg.): Medienrezeption seit 1945. Forschungsbilanz und Forschungsperspektiven. Baden-Baden 1999. S. 129-141.

Verlag: Nomos Verlagsgesellschaft.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Knut Hickethier

Rezeptionsgeschichte des
Fernsehens – ein Überblick

1. Vorbemerkung

Die Forderung nach einer Geschichte der Fernsehrezeption als einer Geschichte des Zuschauens wird in der Bundesrepublik zum ersten Mal in den siebziger Jahren erhoben, als die Frage diskutiert wurde, wie überhaupt Fernsehgeschichte zu schreiben sei und ob es neben den bis dahin vorhandenen Entwürfen zur Institutions- und Technikgeschichte nicht auch eine Programmgeschichte und eine Rezeptionsgeschichte des Fernsehens geben müsse.

Die Forderung begründete sich medienwissenschaftlich aus zwei Richtungen: zum einen aus der Systematik des Kommunikationsmodells „Kommunikator – Aussage – Medium – Rezipient”, dem sich historische Traditionsbildungen und damit Geschichtsschreibungen zuordnen ließen, zum anderen daraus, daß es für die anderen Medien bereits derartige Entwürfe gab. Für die Literatur haben zum Beispiel Rolf Engelsing1 und Rudolf Schenda2 Konzepte für eine Geschichte des Lesens vorgelegt, für das Theater hatte Heinz Kindermann eine unvollendet gebliebene Geschichte des Theaterpublikums zu schreiben begonnen.3 Für den Film ist das Zuschauen Teil kinogeschichtlicher Ansätze, wie sie die regionale Filmforschung, zum Beispiel Anne Paech,4 entwickelt hat.

Warum sollte es nicht dergleichen auch für das Fernsehen geben, das als Medium zumindest für die jüngere Zeit sehr viel einflußreicher als die anderen geworden ist? Nicht zuletzt ließ mit der neuen historischen Forschungsrichtung, Oral History, auch eine ganz andere Form einer Fernsehgeschichte von unten als Möglichkeit denkbar werden. Arbeiten zur medienbiografischen Forschung Anfang der achtziger Jahre zielten in die Richtung einer neuen Form von Rezeptionsgeschichte.5

Fernsehrezeptionsgeschichte geht heute davon aus, daß wir es beim Fernsehen mit einem spezifischen Dispositiv zu tun haben, das Wahrnehmung beeinflußt. Ich will dieses Modell des Dispositivs hier nicht weiter ausführen,6 soviel nur: Gemeint wird damit, daß die verschiedenen Faktoren des Mediums (gesetzliche Grundlagen, gesellschaftliche Vereinbarungen und Konventionen, Darstellungsmittel, Technik, ästhetische Standards und nicht zuletzt auch die Apparat-Mensch-Relation) ein sich gegenseitig bedingendes und beeinflussendes Geflecht ergeben, das bestimmt, was wir als Zuschauer wahrnehmen – in der Regel, ohne daß wir uns dessen bewußt werden.

Ein solches, die Wahrnehmung strukturierendes Mediendispositiv ist historisch veränderbar. Dabei können aus dem Zusammenspiel einiger veränderter Faktoren entscheidende Wandlungen des Zuschauens resultieren. Ein Beispiel: Die apparative Anordnung der Bedienungsknöpfe und ihre Verlagerung vom Empfangsgerät weg zum Zuschauer führte im Zusammenspiel mit der Vermehrung der Programmangebote zu einem völlig veränderten Zuschauverhalten: von der Betrachtung ganzer Sendungen zum Switchen quer durch viele Programme, wobei oft nur noch wenige Minuten, manchmal auch nur Sekunden bei einem Programmangebot verweilt wird. Nicht die Fernbedienung allein ist es, die zur Veränderung führt – es gibt sie in einer frühen Form bereits seit Ende der fünfziger Jahre – sondern erst die Kombination mit anderen Faktoren.

Die Geschichte des Zuschauens ist also nicht nur durch einen historischen Blick allein auf die Zuschauer zu gewinnen, sondern muß die allgemeine Fernsehentwicklung als Rahmen mit sehen, ohne daß das Zuschauen zum bloßen Reflex der Programmentwicklung wird.7 Geschichte des Zuschauens ist zu verstehen als eine Geschichte des Umgangs mit dem Fernsehen oder richtiger: der verschiedenen Umgangsformen und Praxen der Fernsehnutzung. Sie ist auch keine nur sich auf quantitative Daten stützende Geschichtsschreibung, sondern eine, die gerade die verschiedenen qualitativen Formen der Fernsehnutzung erfassen will.

2. Das TV-Dispositiv – die Anordnungsstruktur des Fernsehens

Im Modell der Fernsehkommunikation findet Fernsehen als Zuschauen im privaten, häuslichen Bereich statt. Intimität des Empfangs wird gegenüber der öffentlichen Rezeption des Theaters, des Kinos und anderer Veranstaltungsmedien zu einer besonderen Qualität des Fernsehens. Die Verschränkung von Privatheit und Öffentlichkeit, die auf diese Weise stattfindet, die sich in Strukturen des Alltagslebens der Zuschauer einschreibt und diese verändert, gehört mit zu ihren Grundbedingungen.

Der Zuschauer sitzt vor einem Apparat mit einer Bildfläche, diese Bildfläche besitzt ein unveränderbares Format, auf ihr sind audiovisuelle Sendungen zu sehen, die über Antenne oder Kabel empfangen und zuvor von einer Sendeanstalt ausgestrahlt wurden. Diese bleibt aber für den Zuschauer unsichtbar und deshalb auch weitgehend unbekannt. Die Mehrheit der Zuschauer interessiert sich nicht für die Technik, sondern nur für durch den Apparat gelieferte Information. Die technische Apparatur wird letztlich zu einem Transparent, es entsteht der Eindruck von Unmittelbarkeit des Gezeigten innerhalb der Technik, von Natürlichkeit. Daß wir heute stärker als in den fünfziger Jahren das Inszenierte – selbst im Dokumentarischen – sehen, ist Resultat eines sehr langsam stattfindenden Wandels der medialen Wahrnehmung.

Die feste, unverrückbare Apparatur des Empfängers steht in Korrespondenz zur Flüchtigkeit der Bilder. Die Festigkeit des Rahmens gestattet Vorstellungen von einem „Fenster zur Welt”, vermittelt innerhalb der Wahrnehmung die Sicherheit der Unveränderbarkeit dieser Distanz zwischen Zuschauer und dem im Bild Gezeigten, schafft auch die Gewißheit weitgehender Folgenlosigkeit des Zuschauens.

Um optimal sehen zu können, muß der Zuschauer in einem bestimmten Winkel zum Apparat sitzen (anders als beim Radio). Der sich so ergebende Blick auf das Bild, der mit den Relationen perspektivischer Abbildungen korrespondiert, steht in einer großen Tradition abendländischer Bildentwicklung und kultureller Wahrnehmungstradition, die sich in diese Anordnungsstruktur eingeschrieben hat.

Es gibt mehr als bloße Analogien zwischen dem Fernsehzuschauenden und dem Gläubigen in der Kirche, in Andacht vor dem Altar: Fernsehen steht in der großen Tradition der Säkularisierung religiöser Dispositive, und stellt in ihr sicherlich nur einen Entwicklungsschritt dar, der auf andere aufbaut.

Die Einbettung des Fernsehens in den familiären Zusammenhang überlagert und verdeckt diesen Traditionszusammenhang, dennoch ist er noch in den Anfängen des Fernsehens im publizistischen Diskurs über das Fernsehen präsent. So ist in den fünfziger Jahren in Deutschland oft die Rede von einer speziellen „Liturgie des Fernsehens”.8

Hinter dem Empfangsgerät als Apparatur verschwindet der zu diesem Kommunikationsvorgang gehörende Produzent, er ist mit seiner gesamten Institution nicht sichtbar, mit der Ausnahme der Sprecher, Moderatoren und Ansager, die oft eher wie Priester für eine übergeordnete Institution stehen.

Darin liegt ein ganz wesentliches Moment des Fernsehens, daß diese institutionelle Macht dem Zuschauer nicht wirklich präsent ist, auch nicht die Verflechtung der Anstalten und Medienkonzernen mit anderen gesellschaftlichen Machtgruppen. In den endsechziger und siebziger Jahren wurde versucht, diese Strukturen ins öffentliche Bewußtsein zu heben. Es ist nicht dauerhaft gelungen, weil das Dispositiv gerade die Verschleierung nahelegt, weil sie diesen institutionellen Zusammenhang hinter dem Apparat als Empfänger verschwinden läßt.

Der Zuschauer ist mit seiner „Kulturmaschine” (so ein Begriff der fünfziger Jahre) allein in seinem privaten Raum, und was er auf dem Bildschirm sieht, ist wie eine Illumination einer anderen Welt, die hinter seiner eigenen Realität sichtbar wird. Es scheint ein ganz individuelles und persönliches Verhältnis zu sein, in dem er das Gerät nutzt. Daß sich darin kollektive Verhaltensweisen formulieren, ist jedoch evident.

Wenn ich jetzt versuche, den historischen Prozeß der Veränderung des Zuschauens zu skizzieren, sind diese notwendigerweise auf idealtypische beziehungsweise epochentypische Merkmale verkürzt.

3. Die fünfziger und die dreißiger Jahre: Bestaunen des Neuen

Die fünfziger Jahre stellen die entscheidende Phase der Installation des Dispositivs „Fernsehen” in der Bundesrepublik dar. Zwar gab es zwischen 1935 und 1943 in Deutschland bereits Fernsehen, doch erfolgt die Einführung als Massenmedium erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das Fernsehen unter dem Nationalsozialismus war auf wenige Empfangsgeräte beschränkt. Neben einer Zahl von nicht mehr als einigen hundert Fernsehapparaten, die es für den Einzelempfang bei Parteileuten, Programmachern und zwei Fernsehkritikern gab, wurde in sogenannten öffentlichen Fernsehstuben kollektiv ferngesehen.

In diesen „Fernsehstuben”, meist in Postämtern untergebracht, konnten sich in der Regel zwischen zwanzig und dreißig Zuschauer das Programm ansehen. Entsprechend war das Programm wie eine Kinoveranstaltung aufgebaut, werktags von 20.00 bis 22.00 Uhr. Zeitweise wurde auch nur ein einstündiges Programm gesendet und im Anschluß noch einmal wiederholt. Einzelne Sendungen, insbesondere Fernsehspiele, wurden mehrfach gezeigt, bis zu 22mal in einem Jahr. Man ging also davon aus, daß sich der einzelne Zuschauer das Programm nicht täglich, sondern eher nur einmal wöchentlich ansah.

Es gibt eine Reihe von Berichten darüber, wie die Rezeption abgelaufen ist. Wiederkehrendes Merkmal ist die Begeisterung für die neue Technik, die das eher dürftige Programmangebot übersehen ließ. Man ging hin, um sich ein technisches Wunder anzusehen – mit einer großen Ausnahme: die Live-Übertragung der Olympischen Spiele von 1936, hier war das Moment der Teilhabe entscheidend.

Das Fernsehen erprobte in dieser Zeit Anordnungsformen verschiedener anderer Mediendispositive. So wie in der Inszenierungspraxis der Fernsehspiele das Theater als Orientierung diente, wurde der Hörfunk in der aktuellen Berichterstattung zum Vorbild und in der Programmgestaltung zunächst das Kino. Auch lag von der Rezeptionssituation her die Nähe zum Kino auf der Hand: Ein dunkler Zuschauerraum, ein gemeinsames Betrachten des Angebots, eine Anordnungsstruktur, in der die Zuschauer zentral auf das Bild ausgerichtet waren.

Die Programmstrukturierung lehnte sich ebenfalls an der des Kinos an, die Programmfolge von Wochenschau, Kulturfilm und Spielfilm wurde ins Fernsehen übernommen, von den Spielfilmen der Ufa und Tobis wurden in diesem Fernsehkino jedoch nur Kurzfassungen gezeigt.

Wie im Kino sahen die Zuschauer auch im frühen Fernsehen das gesamte Programm von Anfang bis Ende. Fernsehen als zu klein geratenes Kino war für viele Zuschauer jedoch auf Dauer nicht sonderlich attraktiv. Kurt Wagenführ schrieb 1937, daß das Besondere des Fernsehens allzu schnell „verzittere”. Man konnte nicht fortwährend nur das technische Wunder bestaunen, andere kommunikative Nutzen waren notwendig.

Diese Vorstellung vom Programm bestimmte auch noch die Anfänge des Fernsehens in den fünfziger Jahren. Zwar wurde jetzt der grundsätzliche Wechsel in der Anordnung vorgenommen und das Fernsehen, ähnlich dem Hörfunk, im privaten Bereich etabliert. Doch die Programmstruktur nach dem Vorbild des Kinos bleibt zumindest am Anfang beim NWDR teilweise erhalten. Die Form des kollektiven Empfangs in Gaststätten (in kleinerem Umfang auch bei Freunden und Verwandten) war die fünfziger Jahre hindurch weiter existent.

In der DDR gab es ebenfalls bis Ende der fünfziger Jahre noch einen auch durch die SED empfohlenen Kollektivempfang, weil die Partei hoffte, das Medium durch eine ideologische Nachbereitung für sich einspannen zu können. Auch hier lassen sich Rezeptionszeugnisse solcher Kollektivsituationen beibringen – das ist historisch nicht uninteressant, weil die heute selbstverständliche Form des privaten, ja vereinzelten Empfangs anfangs überhaupt nicht selbstverständlich war.

Langfristig setzte sich jedoch in der DDR der private Empfang ebenfalls durch – und in Relationen zur Zahl der Haushalte – etwa im gleichen Tempo wie in der Bundesrepublik.

Bis Ende der fünfziger Jahre gab es im Westen auch eine längere Auseinandersetzung zwischen den Kinotheaterbetreibern und dem Fernsehen darüber, ob im Kino nicht Fernsehsendungen gezeigt werden könnten (also zum Beispiel spektakuläre Live-Übertragungen). Dagegen wehrten sich die Fernsehanstalten allerdings heftig.

Der Individualempfang – und darum geht’s – war also durchaus nicht von Anfang an selbstverständlich.

Das Zuschauerinteresse der fünfziger Jahre war zum einen weiterhin bestimmt durch die Neugier auf technisch bedingte Programmereignisse: Vor allem die Live-Technik spielte eine zentrale Rolle (Übertragung der Krönung von Elizabeth II., Weltmeisterschaften, aber auch Unterwasseraufnahmen, Mikroskopaufnahmen).

Feststellbar ist, daß nach umfangreicheren Sportübertragungsreihen durch das Fernsehen (etwa zu Fußballweltmeisterschaften, aber auch zu anderen Ereignissen) die Zahl der Fernsehteilnehmer stärker anstieg als zu anderen Zeiten.

Wichtig waren auch Beschleunigungsaspekte, galt es doch hier wie bei den Live-Übertragungen immer neue Höchstleistungen vorzuweisen – bis hin zur Direkt-Übertragung der Mondlandung 1969. Die Simultaneität von Ereignis, medialer Übertragung und Zuschauererlebnis erwies sich als besonderes Faszinosum. Doch gerade dieses vielfach als fernsehspezifisch empfundene Live-Erlebnis war weitgehend ein Produkt des Dispositivs.

Denn der Zuschauer mußte wissen, daß es sich bei einer Fernsehsendung um eine Live-Übertragung handelte. Allein aus den Bildern konnte er es spätestens mit der Einführung der Magnetaufzeichnung ab 1958/59 nicht entnehmen, ob es sich nicht doch um eine Aufzeichnung handelte.

Das televisuelle Teilhaben an einem Ereignis war und ist an das Wissen gebunden, daß das Ereignis gerade in diesem Augenblick auch tatsächlich anderswo stattfindet. Dieses Wissen entsteht durch Informationen, die außerhalb des Bildes gegeben werden. Jedes zeitversetzte Abspielen einer Aufzeichnung ist vom Zuschauer als solches, ohne derartige Zusatzinformationen oder durch andere Hilfskonstruktionen (zum Beispiel eine Uhr im Bild et cetera), nicht zu erkennen.

In der Anfangszeit sahen die Zuschauer das Programmangebot überwiegend zusammenhängend und ganz. Noch wollte man nichts verpassen.

Mit der Gewöhnung an das neue Wohnzimmermöbel und seine Inhalte setzte ein langsam wachsendes Desinteresse ein, dem die Programmacher durch immer neue Innovationen entgegenzuarbeiten suchten.

Das Hauptinteresse am Fernsehen wurde durch den Programmfluß mit seinem Versprechen ständig neuer Bilder und Informationen, durch den Wechsel der Formen, Inhalte und Gratifikationen der Zuschauer stimuliert. In der Mischung des Verschiedenen und in der Teilhabe an den Ereignissen lag der Gestus, die gesamte Welt im Fernsehen zu repräsentieren. Die Struktur des Programms orientierte sich am Modell der konzentrischen Anordnung, in dessen Mitte sich idealerweise ein Fernsehspiel als künstlerische Verdichtung von Welt befinden sollte.

Beides: Mischung des Programms aus ganz Verschiedenem und konzentrische Anordnung in einem bildeten die typische Programmvorstellung des Fernsehens der fünfziger Jahre. Fernsehen erhob damit den Anspruch, die Welt auf dem Bildschirm zu organisieren und zu harmonisieren – und sie damit auch konsumierbar zu machen für die Menschen.

Das Publikum näherte sich in seiner sozialen Zusammensetzung von einer Mehrheit Selbständiger und besser verdienender Schichten am Anfang der fünfziger Jahre relativ rasch der allgemeinen Bevölkerungsschichtung entsprechenden Zuschauerschaft. Bereits Anfang der sechziger Jahre ist dieser Zustand erreicht, nur die Landbevölkerung bildet noch eine davon abweichende Ausnahme. Doch diese Abweichung schwindet in den sechziger Jahren. Damit wurde ein gesellschaftlicher Integrationseffekt begünstigt.

Dem Fernsehen kommt hier im Langzeiteffekt eine wesentliche Rolle im Ausgleich des Stadt-Land-Gegensatzes zu. Als ein letztlich urbanes Medium hat das Fernsehen mit zur mentalen Verstädterung der Bundesrepublik beigetragen. Eine ähnliche Rolle hat es bei der Vereinheitlichung der Sprache gehabt – auch wenn es in den siebziger Jahren scheinbar gegenläufige Tendenzen mit der neuen Betonung des Dialekts gegeben hat. Diese Entwicklung ist jedoch vor dem Hintergrund der in den Medien stattfindenden Vereinheitlichung des Sprachgebrauchs zu sehen.

Anfang der sechziger Jahre erreicht diese Entwicklung kultureller Angleichungen und Vereinheitlichungen ihren Höhepunkt: Das Fernsehen wurde mit großen, meist mehrteiligen Produktionen zum „Straßenfeger” der Nation: die Bevölkerungsmehrheit versammelte sich abends vor den Fernsehern, um ein und dieselbe Sendung zu sehen. Damit schuf das Fernsehen – zumindest in speziellen Teilbereichen – eine von der Mehrheit der Bevölkerung auch lustvoll akzeptierte Gemeinschaft. Das Programmangebot – und darin besondere Sendungen – bildeten eine gemeinsame kommunikative Basis für die Gesellschaft, wie sie bis dahin nicht (auch nicht durch den Hörfunk) gegeben war.

4. Zuschauen in den sechziger Jahren

In den sechziger Jahren gab es mit der Einführung eines zweiten Programms (ZDF) und später der Dritten Programme eine Zäsur. Zwar wurde der Diskurs über das Medium und seine Inhalte beziehungsweise Kommunikationsanlässe nicht aufgegeben, doch hatte das Fernsehen durch das Nebeneinander der vielen Programme seine Verbindlichkeit als Kommunikationsanlaß verloren. Eine mögliche Konkurrenz der beiden Programme wurde abgeschwächt, in dem diese zum Kontrast verpflichtet wurden.

Hintergrund ist eine Entwicklung, die man als ein Zusammenspiel von wachsender Angebotsdifferenzierung und Differenzierung der Zuschauerinteressen bezeichnen kann. Diese Ausdifferenzierung des Fernsehens steht im Zusammenhang mit allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungen. Kurz gesagt: Fernsehen wurde zu einem Begleitmedium gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse. Die Ausdifferenzierung der Angebote und der Nutzungsweisen korrespondieren mit komplexer werdenden gesellschaftlichen Arbeits- und Lebensprozessen.

Die Programmdauer der beiden Hauptprogramme betrug 1964 bereits täglich etwa zwölf Stunden zusammen. Die durchschnittliche Sehdauer pro Tag lag 1964 jedoch bei nur einer Stunde und zehn Minuten.

Deutlich traten nun Programmangebotszeit und Nutzungszeit auseinander. Die hier bereits erkennbare Schere sollte sich in den folgenden Jahrzehnten noch weiter öffnen.

Damit war für den Zuschauer die Selektion des Angebots zum Prinzip der Nutzung erklärt worden: Er mußte sich zwischen den Programmen entscheiden. Das Angebot überstieg im Umfang die Zeit, die der Zuschauer durchschnittlich dem Fernsehen widmen konnte. Es verstärkten sich damit bei ihm die Präferenzen für einzelne Genres und Gattungen.

Sie führten dazu, daß sich Zuschauer entlang der präferierten Sendungen durch die verschiedenen Programme zu schalten begannen, sie also in der Regel einen „Unterhaltungsslalom” betrieben.

Sicherlich wird es auch einen „Informationsslalom” gegeben haben – nur war er bezeichnenderweise kein Thema für den gesellschaftlichen Diskurs. Statt wünschenswerte Nutzungsmuster zu diskutieren, wurden die weniger wünschenswerten erörtert – und damit auch verbreitet.

Das Zuschauen entwickelte sich in der Folgezeit in zwei Richtungen: zum einen die Orientierung an der Aktualität der Berichterstattung als Weltvermittlung aus dem Interesse an einem Informiertsein; zum anderen die Ausprägung von Zuschauerinteressen, die sich an unterhaltenden Sendungen im weitesten Sinne festmachten. Dort vor allem kam es zu immer stärkeren Differenzierungen, zum Beispiel im künstlerischen Anspruch, dem Entertainment, der Wettkampforientierung, Sportlichkeit et cetera.

Gegen das wachsende Angebot gerichtet etablierten sich bereits in den sechziger Jahren auch andere Nutzungsarten: Routinisierungen und Ritualisierungen.

Bei den Ritualisierungen des Zuschauens kam es immer weniger auf die Inhalte einer Sendung als vielmehr darauf an, inwieweit sich Fernsehen als soziales Handeln in Beziehung setzen ließ zu anderen lebensweltlichen Vorgängen der Zuschauer. Die Einbettung des Fernsehens in den innerfamiliären Kommunikationsraum führte dazu, regelmäßig wiederkehrenden Sendungen besondere Bedeutung beizumessen, zum Beispiel dem Beginn der Hauptnachrichtensendung, dem wöchentlichen Freitagabend-Krimi, der sonnabendlichen Unterhaltungsshow.

Die Ritualisierung des Fernsehens, häufig verstärkt durch Zusammenlegung des Zuschauens mit schon vorhandenen Ritualen des Alltags (zum Beispiel gemeinsamen Mahlzeiten), führte neuen Akzentsetzungen im individuellen Leben.

Bekannt sind die „Tagesschau-Rituale”, die man bei Bekannten nicht stören durfte, andere Rituale entstanden um die Ratgeberreihen, Serien wie die „Schölermanns” oder später „Die Lindenstraße”, dann auch der „Sportschau”, „Panorama” und so weiter. Wiederkehrende Sendungen also eigneten sich dafür besonders.

Eine weitere Form des Fernsehen stellte das Regenerationsfernsehen dar. Bei diesem kam es nun gar nicht mehr auf die Inhalte an: Nach anstrengenden Arbeitstagen setzten sich viele Zuschauer vor den Apparat, um zu dösen, oder um sogar richtig zu schlafen. Wichtig war auch beim bloßen Dösen der Moment des Austauschs: Was man an Arbeitskonflikten und Frust im Kopf mitgebracht hatte, wurde nun per Ablenkung durch Fernsehereignisse ersetzt und damit zumindest verdrängt.

Regelmäßiges Fernsehen gewann eine eigenständige Funktion innerhalb des individuellen Interaktionshaushaltes. An der „Tagesschau”-Rezeption läßt sich die Ritualisierung besonders gut erkennen. Es ging vielen Zuschauern vor allem um das Gefühl, informiert zu sein, weniger um die wirkliche Auseinandersetzung mit Themen des Weltgeschehens. Das Informationsinteresse erschöpfte sich häufig darin, zu erfahren, daß „nichts Bedeutsames passiert sei”.

Es fand und findet also eine Art von „Kontrollsehen” statt. Das auffallend starke Vergessen der „Tagesschau”-Inhalte unmittelbar nach der Sendung, mehrfach nachgewiesen durch Rezeptionsstudien, steht für solche ritualisierte Wahrnehmung.

Fernsehrituale sind jedoch gebunden an konstante und immer wiederkehrende Angebote. Mit der Verschiebung oder Einstellung von Sendereihen wurden vorhandene Ritualisierungen aufgebrochen oder in Frage gestellt.

Zum Beispiel wurde der in den sechziger Jahren etablierte Krimiserientermin am Freitagabend in der ARD als ein vielfach rituell wahrgenommener Termin in den siebziger Jahren abgebaut, dann jedoch durch das ZDF wieder neu installiert. Die bis in die neunziger Jahre anhaltend hohen Einschaltquoten der ZDF-Krimiserien hängen auch damit (und mit der langen Laufzeit von „Derrick” und „Der Alte”) zusammen.

5. Zuschauen in den siebziger Jahren

Am Ende der sechziger Jahre hatte das Fernsehen seine Sättigungsgrenze fast erreicht, und die Bevölkerung war bis zu neunzig Prozent zum Fernsehpublikum geworden. Damit war das Fernsehen das zentrale Mediendispositiv. Im kulturellen Umbruch der späten sechziger Jahre wurden im Fernsehen viele langlaufende Angebote abgesetzt und inhaltliche Schwerpunkte verändert. Zwar kam es immer wieder zu neuen Ritualisierungen des Fernsehens, doch wurden nun auch andere Zuschauerverhaltensweisen propagiert: Das Fernsehen des kritischen, wachen Bürgers setzte konzentrierte Aufmerksamkeit voraus. Mit den veränderten Zielkonzepten gab es eine neue Angebotsdifferenzierung.

Der Politisierung des Fernsehens der frühen siebziger Jahre steht eine Entpolitisierung der späten siebziger Jahre gegenüber. Anders formuliert: In der spezifischen privat-öffentlichen Konstruktion des Komnmunikationsraums „Fernsehen” verschob sich Anfang der siebziger Jahre dieser Raum stärker zur Öffentlichkeit hin.

Die Privatsphäre wurde zum Austragungsort öffentlicher Konflikte, auch wurde sie selbst verstärkt – im Medium, das in dieser Privatsphäre stand – öffentlich diskutiert (zum Beispiel in der Thematisierung von Erziehung, Beziehungsproblemen, Sexualität). Am Ende der siebziger Jahre reduzierten sich die öffentlichen Konfliktthemen in den Programmen, eine verstärkte neue „Innerlichkeit” setzte sich durch.

In der Fernsehnutzung ist auffällig, daß es parallel dazu zu einer weitgehenden Stagnation der Nutzungszeiten kam. Von 1970 bis 1985 stieg die durchschnittliche Sehdauer nur von einer Stunde 58 Minuten auf zwei Stunden vier Minuten, stagnierte also bei etwa zwei Stunden, obwohl das Angebot weiter ausgebaut wurde. Wenn angenommen werden kann, daß in den gesellschaftlichen Prozessen in dieser Zeit die Komplexität weiter zugenommen hat, blieb das Fernsehen mit seiner Angebotsdifferenzierung hinter den dadurch entstandenen Anforderungen an das Begleitmedium der Modernisierung zurück.

Man kann die Debatten Ende der siebziger Jahre, die um eine verstärkte Unterhaltungsorientierung der öffentlich-rechtlichen Programme geführt wurden, als ein Ergebnis der Tatsache sehen, daß sich die Rezeptionsanforderungen an das Medium verschoben hatten. Gerade weil die komplizierter werdenden gesellschaftlichen Verhältnisse neue mediale Antworten brauchten, wurden vom Fernsehen neue Vereinfachungen verlangt. Die Soziologie spricht von notwendiger Komplexitätsreduktion. Orientierungsangebote wurden weiterhin verlangt – aber sie sollten eben möglichst nicht anstrengend, sondern unterhaltend sein.

6. Die achtziger Jahre: Umbau des Dispositivs

Die Einführung kommerzieller Programme führte erst zu einer zögernden, dann beschleunigten Reaktion des Publikums: Auffällig ist im langen Vorfeld der Einführung kommerzieller Programme, daß die Mehrheit des Publikums an dem Streit darüber eher desinteressiert war, ja daß nach der Politisierung und Entpolitisierung der Programme eine wachsende Gleichgültigkeit gegenüber den Fernsehangeboten bestand.

Die Bereitschaft, sich verkabeln und an die neuen Programme anschließen zu lassen, blieb drastisch hinter den erwarteten Zahlen zurück. Die dann Ende der achtziger, vor allem Anfang der neunziger Jahre verstärkt einsetzende Zuwendung zu den kommerziellen Anbietern läßt sich zum einen zurückführen auf eine stetige Gewöhnung, zum anderen auf gezielte Strategien der Angebotsdifferenzierung mit Hilfe neuer Angebotsnischen (Softpornos, Gewaltfilme), neuer Formate (Daily Soaps, Reality TV, TV-Movies) neuer Programmstrukturen und nicht zuletzt herausragender Medienereignisse (Fall der Mauer, Golfkrieg, et cetera).

Offenbar bis dahin eher vernachlässigte Zuschauergruppen (zum Beispiel Jugendliche mit den Daily Soaps und den Musikprogrammen) wurde mit einer neuen Differenzierung der Angebote bedient.

Daneben haben sich neue Formen des Zuschauens etabliert: Schon Mitte der achtziger Jahre wies Peter Christian Hall auf eine Nutzung des Fernsehens als eine Restzeitnutzung hin: Fernsehen wird – gerade weil es inzwischen permanent angeboten wird – zwischen anderen Tätigkeiten genutzt. Man schaut mal rein, um sich gleich wieder für andere Dinge herauszuziehen. Damit verbunden ist eine tendenzielle Gleichgültigkeit den einzelnen Inhalten gegenüber: Wichtiger wurde es, sich überhaupt ans Fernsehprogramm anzukoppeln und das Gefühl zu haben, mit dem was anderswo – in der Medienwelt – gerade läuft, Anschluß zu halten. Dazu reicht auch ein kurzes Hinsehen.

Möglich wurde auch das zeitversetzte Fernsehen mit der Durchsetzung des Videorecorders. Mehr als sechzig Prozent aller Haushalte besitzen heute bereits einen Recorder, mit dem zeitversetzt Programme gesehen werden können, die zuvor gespeichert wurden, und zusätzliche geliehene oder gekaufte Filme gesehen werden können.

Die Fernbedienung bekam bei der wachsenden Zahl der Programme eine neue Funktion: Die Zuschauer können sich nach Bedarf aus jeder Sendung umstandslos hinein- und herausbewegen, durch die Programme switchen, unabhängig von den Intentionen der Macher, den Dramaturgien und raffinierten Plotkonstruktionen.

Insgesamt sind diese Tendenzen als eine Flexibilisierung des Zuschauens zu verstehen.

Der Zuschauer wurde mit der Fernbedienung zum „Teleflaneur”,9 der durch die Fernsehwelten schweift, suchend nach aufregenden Ereignissen, aber auch gelangweilt, mit der wachsenden Lust an der nur punktuellen Betrachtung, des Verbindens von divergierenden Sinneindrücken, die sich im Switchen durch die Programme ergeben.

1991 stellte Michael Buß aufgrund von GfK-Daten fest, daß nur noch ein Prozent der Zuschauer an einem Abend mehrere Sendungen geschlossen hintereinander sahen.

Der Switcher wechselt an einem Vier-Stunden-Abend oft mehr als hundertmal die Kanäle. Er entritualisiert sein Zuschauen auf radikale Weise, weil er die eingeschliffenen Gewohnheiten, die Bindungen an bestimmte Reihen und Termine unterläuft und sich immer wieder quer dazu neue Augenreize sucht.

Beim Switchen haben sich ganz individuelle und angebotsspezifische Nutzungsformen entwickelt, wie sie Friedrich Krotz und Uwe Hasenbrink vor einiger Zeit beobachtet haben: Beim Switchen zwischen zwei gleichzeitig laufenden Softpornos entsteht für den Zuschauer in der Wahrnehmung ein dritter, kombiniert aus den beiden gezeigten.

Die neue Entritualisierung bedeutet keine verstärkte Aufmerksamkeit, keine Rückkehr zur gesteigerten Konzentration, wie sie die Frühzeit kennzeichnete, sondern ein anderes Sehen. Sie bedeutet, daß die Gewohnheitspublika abbröckeln und Programmacher immer weniger auf Kontinuitäten des Gebrauchs setzen können.

Das Switchen wird damit zu einem für die Programmplanung unkalkulierbaren neuen Ritual, welches das Hin- und Herwandern selbst zum „Fernsehen an sich” erklärt.

Die Fernbedienung hat den Zuschauer in einer neuen, nicht wieder rückholbaren Weise freigesetzt, ihn zu einem neuen, stärker von ihm selbst bestimmten Umgang mit dem Medium befähigt. Deshalb ist er jedoch noch nicht zu seinem eigenen „Programmdirektor” geworden, wie die kommerziellen Anbieter behaupten, denn er ist immer noch auf die vorgegebenen Programme angewiesen.

Freisetzung meint hier nur die Möglichkeit, sich jederzeit aus dem Programm herausnehmen und Inhalten und Präsentationsformen verweigern zu können. Von Manipulation im traditionellen Sinn kann deshalb im neuen Fernsehen nicht mehr die Rede sein.

Ich will Ihnen an dieser Stelle die historische Veränderung im Zuschauen an einem Beispiel deutlich machen: Meine Mutter ging als Heranwachsende Ende der dreißiger Jahre mit der Familie einmal pro Woche ins Kino, weiterhin besaß die Familie einen Volksempfänger in der Küche und meine Mutter las ab und an ein paar Unterhaltungshefte und viele Bücher. Mehr Medienkonsum war nicht gegeben. Heute sehen meine Kinder jede Woche mehrere Spielfilme und Serienfolgen im Fernsehen, von anderem zu schweigen, haben ihr jeweils eigenes Audiosystem mit CD, Musikkassette und Radio, gehen mit Freunden ins Kino, lesen viele Zeitschriften und Zeitungen, einige Bücher und benutzen den Computer. Es ist klar, daß bei den Enkeln meiner Mutter Medien in ganz anderer Weise ihre Wahrnehmung bestimmen, daß die Wirkung des einzelnen Produkts sehr viel geringer und die gewachsene Medienkompetenz sehr viel größer ist als bei den Jugendlichen vor sechzig Jahren.

Hinter der Angebotsvermehrung steht deshalb ein qualitativer Umschwung. Kultur umfaßt heute nicht mehr nur „auch” Medien, sondern ist vor allem Medienkultur. Indem immer mehr soziale Beziehungen durch Medien beeinflußt oder gar definiert werden, wird das Sich-Ankoppeln an die Medienangebote zur sozialen Selbstverständlichkeit.

Medienkultur als mediale Verdichtung bedeutet insgesamt einen ungeheuren Zuwachs an Angeboten. Wenn Sie nur bedenken, daß zwischen 1950 und 1995 die Zahl der jährlich neu veröffentlichten Buchtitel von 13.000 auf 74.000 gestiegen ist, die Zahl der Theaterbesuche sich von fünfzehn auf zwanzig Millionen erhöht hat, die Zahl der Radioteilnehmer von zehn auf 36 Millionen, der Fernsehzuschauer von null auf 32 Millionen gestiegen, die verkaufte Auflage der Tages- und Wochenzeitungen von zwölf auf 32 Millionen und der verkauften Publikumszeitschriften von 33 auf 125 Millionen verkaufte Auflage geklettert – dann wird deutlich, was mit dem Begriff der Medienkultur gemeint ist.

Es scheint mir denn auch kein Zufall, daß die Soziologie heute feststellt, daß wir in unserer scheinbaren Ausdifferenzierung der Fernsehnutzung und des kulturellen Verhaltens wieder in sehr übersichtliche Milieus eingebunden sind – Milieus die durch Medienkonsum weitgehend definiert werden. Gerhard Schulze hat sie Anfang der neunziger Jahre schon in seinem Buch der „Erlebnisgesellschaft” beschrieben.

Ausdifferenzierung ja – aber gleichzeitig auch eine Entdifferenzierung, eine neue Vereinheitlichung durch den Medienkonsum.

7. Die neunziger Jahre: Befriedigungsinstrument in der Medienkultur

Zurück zur Fernsehrezeption. Zugenommen hat mit der Flexibilisierung des Zuschauens auch die Praxis des Vielsehens. Ich wundere mich immer wieder, daß die verstärkte Zunahme der durchschnittlichen Sehdauer seit etwa zehn Jahren von etwas mehr als zwei Stunden auf heute mehr als drei Stunden in der Medienwissenschaft nicht zu einer intensiveren Suche nach den Ursachen geführt hat.

Man könnte den Anstieg dadurch relativieren, daß man ihm die Angebotsmenge entgegen setzt, die notwendig ist, um diese Nutzungszeiten zu erzielen. Gegenwärtig wird für drei Stunden durchschnittliche Sehdauer ein Angebot von circa 400 Stunden Programm täglich aufgewendet, also mehr als das Hundertfache des tatsächlich Gesehenen. Es gibt die These, daß sich darin die Ermüdung des Mediums zeige, weil es den Zuschauer, der auf der Flucht vor dem Fernsehen sei, mit einem immer größerem Aufwand wieder einfangen müsse. Ich halte diese Erklärung für fraglich.

Mir scheint, daß dem Fernsehen auf eine eher versteckte Weise eine ganz neue Funktion zugewachsen ist: Die Absorbierung der Arbeitslosigkeit durch die Beschäftigung mit dem Fernseher. Es ist doch erstaunlich, daß wir in den öffentlichen Räumen bei viereinhalb Millionen Arbeitslosen nicht permanent auf größere Menschenansammlungen stoßen – wie bei vergleichbaren Zahlen in den endzwanziger Jahren.

Hier hat das Fernsehen mit seiner Tendenz zur Verhäuslichung des Lebens und der Privatisierung der Probleme eine eminente sozialpsychologische Funktion übernommen. Das Fernsehen stellt ein nicht zu unterschätzendes soziales Befriedigungsinstrument dar – auch und gerade, wenn es häufig nur Banales, nur Klamauk und Trash verbreitet.

Es mag sein, daß in der publizistischen Diskussion das Fernsehen seine Funktion, Leitmedium der Gesellschaft zu sein, an den Computer abgetreten hat – und in der Tat ist ja auch eine rasante Durchsetzung dieses neuen Mediums zu beobachten. Doch das Fernsehen hat eben noch nicht seine dominanten sozialen Funktionen verloren und gewinnt immer neue hinzu. Noch lassen sich große Publikumsmehrheiten ihre Rezeptionswünsche lieber von Fernsehbildern als von Hypertexten erfüllen. Aber das kann ja auch anders werden.

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1Engelsing, Rolf: Analphabetentum und Lektüre. Stuttgart 1973; ders.: Der Bürger als Leser. Stuttgart 1974.

2Schenda, Rudolf: Volk ohne Buch. Frankfurt/M. 1977.

3Kindermann, Heinz: Das Theaterpublikum der Antike. Salzburg 1979; ders.: Das Theaterpublikum des Mittelalters. Salzburg 1980; ders.: Das Theaterpublikum der Renaissance. Salzburg 1984/86.

4Paech, Anne: Kino zwischen Stadt und Land. Geschichte des Kinos in der Provinz: Osnabrück. Marburg 1985; auch: Steffen, Joachim/Jens Thiele/Bernd Poch (Hg.): Spurensuche. Film und Kino in der Region. Oldenburg 1993.

5Vgl. Hickethier, Knut: Medienbiographien – Bausteine für eine Rezeptionsgeschichte. In: medien+erziehung (1982), H. 4, S. 206-215.

6Hickethier, Knut: Apparat-Dispositiv-Programm. Skizze einer Programmtheorie am Beispiel des Fernsehens. In: Hickethier, K/S. Zielinski (Hg.): Medien/Kultur. Berlin 1991, S. 421-447; ders.: Aspekte der Programmtheorie des Fernsehens. In: Communications (1991), H. 3, S. 329-346; ders.: Dispositiv Fernsehen, Programm und Programmstrukturen in der Bundesrepublik Deutschland. In: Ders. (Hg.): Grundlagen und Voraussetzungen. a.a.0.

7Alle weiteren Zitate stammen aus: Hickethier, Knut: Die Geschichte des Fernsehens. Stuttgart, Weimar 1998.

8Vgl. Schwitzke, Heinz: Endlos in der rinnenden Zeit. In: epd/Kirche und Rundfunk (1950), H.1.

9Rath, Claus Dieter: Fernseh-Realität im Alltag: Metamorphosen der Heimat. In: Pross, Harry/ Claus Dieter Rath (Hg.): Rituale der Massenkommunikation. Berlin 1982, S.137.

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