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Autor: Hörburger, Christian.
Titel: Das Bürgermeisteramt oder Droben stehet die Kapelle. Ein schwäbischer Radiomonolog.
Quelle: Manuskript. Rottenburg 2008.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Christian Hörburger
Das Bürgermeisteramt oder
Droben stehet die Kapelle.
Ein schwäbischer Radiomonolog.
(Regie: Der Text darf − sparsam − mit einer Auswahl aus dem Silcher-Chöre-Repertoire, z.B., unterlegt werden. Reife Stimme des OB-Kandidaten.)
Elsbeth spielt beim Thema Standesamt auf stur. Sie mog nett, sie will nett – partout! Sie liest heimlich „Emma“-online, hott Anno 68 im Kopf und trällert ebbes von Selbstbestimmung und Emanzipazio. Dabei hämm mir scho seit rund zehn Johr die eheähnliche Gemeinschaft mit Tisch und Bett. Des hott die vom Arbeitsamt, Frau Schlichting, Zimmer 308, glei gmerkt und es war nett amol en Nachteil.
Die Kundeberaterin von derre Agentur näselt, kommt aus Jena – Globalisierung, ok, ok! – und hott’s au nett leicht bei uns am Necker. Die hoisst Schlichting und secht: eheähnlich plus Jonge isch nur von Vorteil, im Gegenteil, volles Alg römisch I und Zuschlag fürd Sabrina und der Peter, weil a Kind ganz im Sinne des § 32 Abs. 1, Ziffer 3 bis 5 Einkommensteuergesetz vorliegt. Isch des nix? Do muss mer erscht mol druff komme, als Alg-Kunde − und nix gege Beamte, aber holla!
Mei Maschinefabrik, der Boley in Esslinge, hott sich a japanische Heuschreck g’holt. Personalabbau, Abfindung zum Lache: „Wir wünschen Ihnen für Ihren weiteren beruflichen Lebensweg alles erdenklich Gute, MfG“. Theodor-Heuss-Gümmi in Oberesslinge, Berufsakademie, 12 Johr Assistent der Geschäftsführung mit tolle Versprechungen – älles fürd Katz.
Jetzt lauf i d’Innere Brück nauf ond nonder, Maille kreuz und quer, Schokolade-Heesch, „Fehlts am Aug’ – geh zu Haug“, „Das Beste an der Esslinger Luft ist Schneider-Mayers Kaffeeduft“. Kommsch na end Katharinestroß hoim, standet die von der GEZ, die Gebühreneinzugszentrale für der Radio, scho da: „Guten Tag, dürfen wir einmal bei Ihnen reinschauen?“ Des hott grad no gfehlt! Ja, ja: Wer schwarz in Ätherwellen fischt, wird eines Tages doch erwischt, so hoisst’s im Radio-GEZ.
Die sollet ruhig nomal komme. Morge ben i sowieso länger in der Maille oder am Necker. Außerdem bin i au nächtens beim Breuninger in Stuttgart: gedeckter Anzug (vielleicht doch zwoi?), passende Krawatt oder Flieg, Schuh schwarz, 8 1/2, Socke uni. Aber dass d’Elsbeth immer no nett mitspielt, jetzt, wo mir grad in de kommende drei Monat’ ganz eng z’samme schaffe sottet. Herschaftsechser aber au! Es goht jo au nett bloß oms Standesamt. Es steht wirklich mee auf em Spiel.
Mit Trauschein plus onsere beide Jonge wär’s halt scho gschickter: der Kandidat für die Große Kreisstadt Rotteburg. Frau, Familie, Kinder, mein Foto in der Mitte – des wär’s halt. Letzte Woch ben i wieder nohgfahre: Plochinge, Wendlinge, Reutlinge, Tübinge, Bühl, Kiebinge, Rotteburg. I hann mei Sonnebrill uff d’ Noos gsetzt, damit mi niemand kennt, fürs Erschte. Der Bahnhof, na ja, kein Wartesaal zum Glück, Kippe-Paradies, dann Eberle-Brick rüber, Metzelplatz, Redaktion „Rotteburger Post“, ́s Rathaus antik.
Die kloine Kirch hoisst mer in Rotteburg Dom, des isch a bißle hoffärtig, weil übertriebe, aber laut derf mer des nett sage, weil’s viele Katholische gibt. Wemm mer me fragt, sag i halt, i hett nix gege Weihrauch und Ewiges Licht, bin weder gege die Katholische, noch gege die Evangelische. I ben oifach tolerant, ja fundamental-tolerant. Außerdem spendet d’ Elsbeth seit fünf Johr au no emma Waisekindle in Kabul 5 € im Monet. Was send se dort? Hindu am Hindukusch oder halt Mohamedaner. Wichtig isch: Offenheit in der Religion zeige. Deshalb hann i au jetzt grad zur Wahl en Bebber für mein Golf kauft: Motiv Walfisch. Do kosch de in Rotteburg zeige, au in der Tiefgarasch.
Rotteburg sucht jetzt halt, so hoisst’s in der „Stuttgarter Zeitung“, im „Tagblatt“ und im „Südkurier“, eine so wörtlich: „kreative, zielstrebige, verantwortungsbewusste und entscheidungsfreudige Persönlichkeit.“ Des klingt nett schlecht und passt auf mi. „Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt Rottenburg am Neckar“ tät noh auf em Briefpapier stande, Dienschtwage inklusive.’S Gehalt stemmt. Besoldungsgruppe B 6, des passt, 9000 brutto.
Do lacht d’Elsbeth und i no über Alg I! En Urlaub mit Kend ond Kegel auf den Malediven isch no sowieso zwoi mol im Johr drin. Je nachdem. I bin glei zum kommissarische Oberbürgermeischter gange. Sie, der isch so was von höflich und nett gwä. Er hott mi förmlich ermutigt, sofort zu kandidiere und die Formblätter für meine Onderstützer in d’Hand druckt. 50 Onderschriften von Leut, die nix gege mi hänn, hann i braucht. Aber den Packe hann i in nullkommajosef voll kriegt. A jedes hott an Kiwi kriegt, wenn se unterschriebe hänn. Jetzt kommet Se, Bestechung war des nett! Des derff mer scho so zwischenei mache. Obscht isch jo nix Orechts, oder?
Die Frau Schlichting, 308, von der Agentur, der hann i des natürlich gsagt von meiner Bewerbung als OB in der Große Kreisstadt mit 42.000 Einwohner. Sie, die hott des prima gfonde:
„Sie zeigen Engagement und Eigeninitiative und leisten damit einen erfreulichen Beitrag zu einer möglicherweise zeitnahen Vermittlung in ein neues Beschäftigungsverhältnis, wiewohl Sie dann als Beamter auf Zeit keinen Beitrag zur Arbeitslosenversicherung leisten würden, was die Agentur zwar bedauern, aber nicht verhindern könnte.“ (Des älles auf Jena, aber des hann i scho gsaggt.)
Und jetzt kommt’s: Sämtliche Ausgabe für den Wahlkampf, hott Madame Agentur gmoint, kann i bei der Steuer dann gältend mache, absetze, secht mer do. Also zomm Beispiel: Zug- oder Autofahrte von Esslinge nach Rotteburg, Wahlplakat, Sticker, Werbegschenkle im kloine Omfang (Kiwi), notwendige Kleidung (Boss und Breuninger), Telefonate (au zur Elsbeth, ΄s merkt jo’s Finanzamt nett glei!), Internet, Wegstreckeentschädigung für Hausbesuche in Baisingen, Frommehausen, Weiler, Hemmendorf, Wurmlingen, Oberndorf, Bad Niedernau, Wendelsheim, Hailfingen, Seebronn, Obernau, Schwalldorf, Eckenweiler, Dettingen, Kiebingen, Ergenzigen und Bieringen. Ja, in Rotteburg, do kommt was zsamme: eine Kernstadt und 17 Flecke mit Teilorte. Des isch no Wahlkampf pur und do brauch’sch au Dein Sprit fürs Finanzamt.
Den Wahlkampf hann i ganz auf das aktuelle Thema „Demografischer Wandel im Aufbruch“ g’stellt. Sie, do fahret die Leut drauf ab. Mei lieber Schieber!
Und die Kendergarteschließerei im ländlichen Raum, die gibt’s bei mir fei nett. Bloß weil’s bei de Fraue momentan a bissle klemmt und weil die Männer lieber in d’ Toskana fahret wie anstatt a Butzewargele zomm fabriziere.
Des kann sich aber schlagartig ändre und do drauf setz i: Überraschender nächtlicher Stromausfall im örtlichen Netz am Wochenende über mehr wie zwei Stonde, Zsammebruch der europafinanzierten Wasserkraftstromanlage am Oberlauf des Neckars beim Preussischen, ein neuer „Lothar“ über Wald und Flur und im Rammert. Kuhschwarze Nacht… und no, a Johr später hott mer koine Krippe und Kendergärte me! Liebe Leut, wo semmer denn! Im Bad Cafe in Niedernau hann i des au g’sagt. Die Mütter, die wo komme send (Stucker acht oder zehn), dene hann i mein Flyer mit
„Werner Hummel, Ihr Oberbürgermeister für Rottenburg“
signiert.
Jo, die Stimmung isch wahnsinnig gut, Wahlkampf: des isch mir a gmähts Wiesle.
Des spürt mer in der Mehrzweckhall’, im Kaiser, im Rössle, im Drei König, im Adler oder in der Zehntscheuer. „Ein Ruck“ muss jetzt durch Rotteburg und seine Teilorte gange, ond no klappt des. Übrigens: Mei e-mail-Adress, ganz oifach:
werner-hummel@oberbuergermeister-rottenburg.de.
Des ko mer sich merke, des flutscht, brennt sich ei und lauft wie gschmiert.
I hann au scho zwoi Froge kriegt: Herr Hummel, was halten Sie von der B28 durch Kiebingen? und Was gedenken Sie für den Erhalt der Streuobstwiesen in der Raumschaft Rottenburg zu tun, wenn Sie Oberbürgermeister werden? Des isch natürlich für mi koi Problem: Kiebingen wird durch die Tunnellösung saniert (8 Millione aus Berlin und Stuttgart) und die Streuobstwiese, koi Thema, die werdet planfestgestellt und ausgwiese, isch des so schwierig? Du musch entscheidungsfreudig sei, zukunftsorientiert, dynamisch ond teilortverbunden.
Setze im Wahlkampf genügend Schwerpunkte, zum Beispiel:
Sanfter Erlebnistourismus mit Kanu, Rad und Nordic Walking,
ein neues Ärztehaus am Puls der Römermetropole,
Klimaschutz und Kampf dem CO2-Ausstoß,
Parkplatzerschließung im römischen Ambiente
Projektierung der Generationen-Terrassenanlage im Rammert für Jung und Alt,
Bildung für alle und Erhalt der Hauptschule,
Rottenburg − die Nische im UNESCO-Kulturerbe,
Entwicklung eines Masterplans der Mitmenschlichkeit
…das alles musch Du anspreche, au beim Interview auf SWR4 oder bei de Private.
Nur, die Sach mit der Elsbeth und ihrer Sturheit, da krieg i no en Kropf! Die schafft zwor auf der Gynäkologische im Klinikum Esslinge. Hebamme seit acht Johr. Aber heirate will se ums Verrecke nett. I werd’ in Rotteburg dauernd gfrogt, ob i jemand dohoim hann. Läbensabschnittsgfährtin, des langt oifach nett. Sabrina ond Peter, des geht klar. Aber die Frau braucht en Ring in Rotteburg ond dr Vadder a Stammbuch, in dem se drenne stoht, mit Brief ond Siegel, mit Stempel ond Wappe. Dass mer des in die Frau nett reibringt! Des könnt mer scho no arrangiere bis zur Wahl. Aber bald wird’s eng. Der Flyer retuschiere in letzter Minutt, des wär halt au bleed ond ogschickt.
D’ Elsbeth isch übrigens gege a Flieg mit Schwarzrotgold für mi. Vielleicht hott se Recht. Dezente Krawatte in Rotweiß, wie Rotteburg, wirkt bodeständig, sieht me nach Vorderösterreich aus. Oder ganz ohne? Also Obacht ond nett hudle, mei lieber Herr Gesangsverein! Es kommt immer auf das Detail an.
Frau Dr. Stimpfenbecher von de Grüne in Rotteburg hat mi gestern nach der Tagesschau no agrufe. A ganz a Nette. Ihre Fraktion im Gemeinderat will prüfen, ob es eine Wahlempfehlung für mi gäbe ko. Sie will mir einen Fragenkatalog schicke mit den Komplexen: Perspektiven der Grasdachbebauung in Rotteburg, Fotovoltaik ganz allgemein, Biovernetzung der Neckarauen, Gefahrguttransport auf der B 28, verkaufsoffene Sonntage im November, Fahrradwegeverbund oberes Neckartal. Frau Dr. will bis Montag a Antwort, damit die Fraktion „umgehend“ entscheide ko. Es pressiert also!
Aber da hann i ganz klare Zielvorgaben und nachhaltige Visionen, die mir niemand streitig mache ko – nett der Kandidat und Heilpraktiker Werner Hübner aus der Sprollstroß, nett der Bundeswehroberscht aus Konstanz (parteilos), aber au nett die Lotte Fuhringer (Mutter von drei Kender, Verwaltungsangestellte im Landratsamt Tübingen), Freie Wählergemeinschaft. Die sollet mi scho no kenne lerne!
Übrigens: Wenn du in einer Mehrzweckhalle auftrittsch, bloß als Beispiel, no muscht du erscht amol die Zuhörerinnen und Zuhörer freundlich fixiere, Sitz der Krawatte dezent korrigiere. Dann wandert der Blick – lento, lento – von links nach rechts und wieder in d’ Mitt. Erkunde nonverbal und von Afang an, wo die Störer und Besserwisser sitzett. Mit Ihnen muscht Du Dich nachher auseinandersetze. D’ Elsbeth platziere i mit Sabrina und Peter immer in d’ zwoite Roih (auf koin Fall in d’ erschte!). Des wirkt familienfreundlich und isch bescheide. Um halb zehne kommet die Kender ins Auto: Ha, Jugendschutzgesetz, aufpasse! Darauf wartet dein Gegenkandidat ja bloß!
Auf alle Fälle sprech i Hochdeutsch, verberge aber meine Herkunft aus Esslingen am Neckar mit keiner Silbe. I verzeel dann:
(Regie: Melodramatisch) Ja, meine Jugend isch nett ganz einfach gwä, au der Vadder hott sein Arbeitsplatz beim Boley aufgrund eines tragischen Arbeitsunfalls an der Fräse schon früh, allzu früh, verlore. Da isch dohoim oft Schmalhans Küchenmeischter gwä. Von wägen wöchentlich Linse, mit Spätzle und Saite! Aber i hann mi durchgeboxt: Berufsakademie usw, Sie wisset jo.
Dann zeig i immer auf d’Elsbeth und die Kender in der zwoite Reih. Sie des funktioniert! Freundliches Lächeln, positives Nicken. Dann spreche i über die Zukunftsperspektiven für die Stadt unter dem Motto:
„Nachhaltiges Rottenburg – der Zukunft eine Chance“.
Dann kommt Powerpoint, unterlegt mit leisen und feinen Silcher-Chören. I zeig mit dem Laser-Pointer auf die Brennpunkte der Großen Kreisstadt: Autobahnzubringer, Verkehrswegeplanung Baden-Württemberg, innerstädtischer Kaufkraftschwund und meine dezentralen Lösungsansätze im Verbund mit dem örtlichen Handels- und Gewerbeverein, Kampf dem unkontrollierten Flächefraß in der Kernstadt, verdichtetes Baue ja! Aber au in de Teilorte gilt die Überschrift „weniger isch mehr!“
I setz mi für den Erhalt aller Kindergärten ei („kleine Füße – kleine Wege!“ –) und verlange die Rettung der Hauptschule in der Raumschaft Rotteburg. Pisa rutsch mir der Buckel ronder! Sie, des zieht! Motto aber auch hier: Der Mensch steht im Mittelpunkt.
Allerdings bitt’ i die junge Elternschaft im Saal und die zeugungsfähige und gebärfähige Paare die Hände nett in den Schoß zu lege. Denn nur mit bürgerschaftlichem Engagement lassen sich die Dinge lösen und das demografische Ruder noch einmal rumreisse. Ja, do geht natürlich ein Raunen durch das Publikum, aber des isch von mir auch so gewollt und kalkuliert.
Beim Thema Investitione: do setz i mi für den Bau einer öffentlichen Stadtbücherrei ei. Denn des fehlt in Rotteburg schon seit der Maria Theresia.
Bei de Lehrer ond andre Gscheitle lässt sich damit in der Domstadt saumäßig gut punkte. Stadt ohne Buch − nicht mit mir!
Beim Thema Überschwemmung am oberen Neckar, Sie da wird’s dann immer ganz still im Saal. Ein weiteres Jahrhundert-Hochwasser, des kann und wird sich Rottenburg am Neckar nicht mehr leisten können, nicht mit Werner Hummel! (Dabei ziehe ich die Stirn immer ganz sacht in Falten und spreche dabei sehr, sehr langsam, betone die Vokale in den Wörtern wie „Waaaasser“ oder „Fluuut“ (aa-uu, Sie verstehn?), um schließlich die Konsonanten in „Katastrophenschutz“, oder Wasserschutzpolizei“ knallen zu lassen). Sie merket: so ein Rhetorik-Kurs bei der Volkshochschule isch scho sei Geld wert
Aber weiter: Schutzwälle gegen Hochwasser, das isch das eine und die beliebten Retentionsflächen, die Sammelbecken vom Wasser in den Auen das andere. Aber wir dürfen es mit diesen Ökomaßnahmen – die übrigens keine Erfindung der Grünen sind! – nicht übertreiben. Der mäandernde Neckar (höret Se no amol: ä-a-e-e-e-a! des klingt eifach altmodisch ), das isch Vergangenheit. Wir müssen, so erkläre ich mein entsprechendes Power-Point-Schaubild aus der Perspektive des Jahres 2055, den Neckar ganz behutsam, aber doch konsequent begradigen. Selbstverständlich nur dort, wo es sinnvoll ist. Das Wasser muss weg, ganz schnell und unbürokratisch! Da sind vielleicht schmerzliche Eingriffe notwendig, die heute noch nicht jeder verstehen und mittragen will, aber Rottenburg muss sich dem Schutz, dem Hochwasserschutz einfach stellen. Wir können das Neckarhochwasser nicht unseren Enkeln überlassen. Das sitzt, und der Wähler merkt, dass ich es ernst meine und keine leeren Versprechungen machen kann und will. Das jährliche Neckarfest in Rotteburg mit 40-50 Tausend Besucher duldet nun einmal kein Hochwasser, kein Jahrhunderthochwasser, kein sonst was.
Ich schließe immer mit einer Aufmunterung an die Jugend im Saal und die fleißigen Mitarbeiter in der Stadtverwaltung und danke für das bisher geleistete bürgerliche Engagement in allen Vereinen und Institutionen. Dann zitiere ich meinen Vater, den verstorbenen Metaller, mit den Worten:
Lerne, spare, leiste was,
bist Du hast Du, kannst Du was.
Des versteht a Jedes.
Die anschließende Diskussion lass i dann ganz kommod von der Elsbeth moderiere. Des hot no ebbes Familiäres und kommt gut an. Stichwort Betreutes Wohnen, Ganztagsschule, Arbeitsplatzsicherheit, Spielplatzangebot, Juschtizvollzugsanstalt, Hochschule für Forstwirtschaft, Parken in Rotteburg, Verschönerung der Container für Asylbewerber auf dem Gelände der JVA, Ausbau der Neckarpromenade, Tourismusinitiative Oberes Neckartal, Harmonisierung der Strompreise, da bin i fit, da bringt mi niemand aus der Ruh’. Mein Flyer zur Wahl wird am Schluss verteilt:
Werner Hummel – Oberbürgermeister für Rottenburg
· Gemeinsam bilden wir Zukunft
· kreativ
· nachhaltig
· kinderfreundlich
· und dynamisch
· Rottenburg, Domstadt zwischen Rammert, Neckar und Kapelle
Wählen Sie Zukunft mit Verlass: am 18. Oktober Werner Hummel
Der Bischof von Rotteburg-Stuttgart hat den Termin mit mir am Freitag leider abgsagt. Wäge dringender Gespräche in Sache Ökumene isch der Bischof Pius Laureatus zum Bischof Gabriel nach Rom gfloge. Ein unaufschiebbares interkonfessionelles Symposion zwischen Kirche und transnationalen Sekten, hott’s g’hoissa. Und da sieht halt auch der OB-Kandidat Hummel aus Esslinge, Katharinestroß 15, Haltestelle Stadtfriedhof, alt aus. Aber immerhin i bin wenigschtens zum Pressesprecher, Dr. Störker, ins Bischöfliche Palais zur Audienz komme.
(Die Möbel, die die dõ hänn: nett von schlechte Eltern!)
Mir hänn no ganz allgemein über Rotteburg und den Glauben in der Stadt g’sproche. Was mer halt so frogt, was mer halt so sagt! Dass i nemme in der Kirch bin, in seinere, des hott der sowieso scho gwisst. I sag bloß: Kirchesteuer. Kosch älles über d’ EDV nochläse! Der gläserne Mensch, der gläserne Computer, der gläserne Kirchgänger, RFID, wenn Sie wisset, was i moin.
Mein künftiges Verhältnis als Oberbürgermeischter zur Kirche hann i als weltoffe, konstruktiv und freundlich beschriebe. (Mer derf jo nix hee mache!) Diplomatesproch isch gfrogt. Die Bergpredigt, aber auch Moses mit seine zehn Gebote sind Rahmenbedingungen, die ich im kommunalen Bereich gemeinsam mit dem Gemeinderat beherzige will – so in der Richtung… Sprach’s und Dr. Störker nickte. In Grundstücksangelegenheiten hann i ein Geben und Nehmen versproche, so wie in der Vergangenheit scho beim Alt-OB: gäbt dem Kaiser, was des Kaisers isch und Gott, was Gottes isch. Die Wiederbelebung des verwaisten katholischen Sanatoriums und die Heilquellen in Bad Niedernau will i gemeinsam mit der Diözese auf die Agenda setze, des hann e gsagt. Ein internationales Recreations-Center Rotteburg (RCR) könne man dort auch mit EU-Mitteln angehen und gemeinsam mit den dort ansässigen Schwestern von den Heiligen Wässern umsetzen.
Do sind Dr. Störkers Auge glasig gworre und er hott mir nomal Bad Niedernauer Sprudel, kochsalzarm, eig’schenkt. Letzte Frage: Was i, Werner Hummel, von der Fronleichnamsprozession in Rotteburg halte, wollt er no wisse. Aber do hann i schnell auf überkonfessionell gschaltet und bloß gsagt: „Ein interessanter und wichtiger Brauch!“
(Regie: resumierend) Kurz und gut: D’ Kirch hann i zwor nett hinter, aber doch nebe mir und des brauchsch in Rotteburg obedingt.
Aber die Kirch, des isch nur die eine Seite der Medaille. Die andere, meine Damen und Herren, das isch das RP, das Regierungspräsidium, mit dem jeder Bürgermeister und Oberbürgermeister zusamme schaffe muss. In Tübingen, da besteht das Regierungspräsidium aus 10 Abteilunge: also zum Beispiel:
Abteilung Steuerung und Verwaltung,
oder Abteilung Wirtschaft, Raumordnung, Ländlicher Raum,
oder Straßenwesen und Verkehr,
oder Abteilung Umwelt,
oder Polizei, oder Schule und Bildung,
oder Forstdirektion oder Mess- und Eichwesen.
Oder, oder, oder…
Sie, da isch wirklich was los und die vom Regierungspräsidium, die saget jedem Bürgermeister, wo’s langeht, wenn’s amol brennt oder brenzelig wird. Do musch Du scho amol antichambriere, damit die dort au amol fünfe grad sei lasset. Das Regierungspräsidium hot zwar immer recht, aber der Bürgermeister muss halt gucke, dass er mit dene au amol wenigstens inkognito a Viertele trinkt oder zwoi. Betriebsklima isch da halt älles.
Und es klappt au ziemlich gut, hot mir oiner gsagt, ders wisse muss, im Radio kann ich aber net sage, wie der hoisst. Datenschutz, Sie verstehn.
Mer derf als OB das RP nur nicht reize – immer höflich und korrekt muss mer als OB sei. Aber des isch jo bei mir koi Problem. Deswege hann i jedem Abteilungsleiter im RP a Schächtele mit 10 Kiwi und den besten Empfehlungen vom OB-Kandidaten Werner Hummel (handsignierte Postkarte) gschickt. Fast alle Abteilungsleiter vom RP hänn sich bedankt und mir alles Gute für der Wahlkampf gewünscht. Beleidigt war koiner. Na also!
Aber no was: Mei Besuch in dene drei Seniore-Residenze in Rotteburg, der isch au scho gwä. Mit Erfolg und mit Presse. I hann der bettlägrige 85-jährige Elvira Sinner, geborne Zürn, fünf gelbe Rose mitbrocht und auf ihrem Lager arrangiert. Händedruck. Do machts Blitz und Klick. Am nächste Tag war’s im Blättle, Aufmacher fürs Lokale. Jo, so macht mer Politik mit Herz und Weitsicht! Kurze Ansprache auch vor dem medizinischen Personal, Thema: Gesundheit und altersgemischtes Wohnen im ländlichen Raum, und weiter: die Alterspyramide und ihre Lösungsansätze im urbanen Spannungsfeld. I glaub scho, des hott dene gfalle. Schweschter Clarissa, die war jedefall ganz enthousiasmiert. Au die woiß jetzt, wo’s Kreuzle noghört!
Ganz wichtig sind übrigens immer die Leserbriefe in der örtlichen Presse unter der Spalte „Hier spricht der Bürger!“ Als Kandidat derfsch do leider net schreibe, des hot a Gschmäckle. Aber Du kannst Dir einen Freundeskreis von Leser-Brief-Schreibern organisieren. Des han ich gmacht und es funktioniert prima. Aus der Kernstadt und den Teilorten gibt es dann jede Woch drei bis vier positive Stellungnahme zu mir, meiner Person und Familie und meinem fairen Wahlkampf. Der Herr Walter S. schreibt für die Kernstadt und wohnt im Karle-Hankh Weg, eine Gundula H. unterstützt mich mit Leserbriefen und Kommentaren aus Hailfingen, Anja P. aus Kiebinge unterstützt mi scho seit Wochen zünftig und forsch, sie will den Wechsel und verteilt au scho amol meine Werbeprospekte, Dr. W. aus der Bismarckstroß machts mit Lyrik und hot den Slogan in Zeitung gsetzt:
Ein Rathaus aus Gläsern,
aus Fairness die Tür,
den Werner vorndranne −
das wünsche ich mir!
Ich des nett nett? In hann glei ein Bepper für Auto und Fahrrad (8000 Stück) mache lasse. Rotteburg kennt mi jetzt!
Drei Woche bis zur Wahl! Aber es lauft wie gschmiert und es lauft auf mi naus!
Am letzte Wocheend hann i zur Fahrrad-Ralley durch die Flecke eiglade.
Die Räder hann i vom Fahrrad-Kugler im Nonnegässle gholt. Lising-Gebühr 50 Euro, do kosch nix sage! Stukker 20 Fahrrädle, mir hänn älle braucht. Hailfinge, Oberndorf, Märchensee, Kurpark Bad Niedernau. A Jonge von de Grüne hot nach acht Kilometer schlapp gmacht. Sonsch hotts koine Zwischefäll gä.
Drobe, Mitte im Gottesacker, auf der Wurmlinger Kapell hot mi en frecher Sozi – oder war’s oiner von der FDP ? – aus der Kernstadt reilege welle. Er frogt, ob i des Uhland-Gedicht „Droben stehet die Kapelle“ auswendig ko. Freilich ko i des auswendig! Außerdem hott mi d’Elsbeth genau vor einer solchen möglichen Situation gewarnt und i hann fleißig glernt:
„droben bringt man sie zu Grabe, die sich freuten in dem Tal; Hirtenknabe, Hirtenknabe! Dir auch singt man dort einmal.“
Ja , so geht’s mit dem Uhland, genau so! Aber no hann i mit Blick auf Necker ond Weilerburg au no nochglegt und der Sebastian Blau brocht:
(Regie: die Rezitation wird durch das Klingeln einer ankommenden SMS leicht gestört)
Unte’ fließt durch Wies und Äcker
Unser lieber alter Necker.
Von seinem Berg rab glänzt ins Tal
S’Käppele im Sonnenstrahl.
Wißt ihr wo? Noh saget’s schnell!
Ja, descht d’ Wurmlinger Kapell
(Sebastian Blau)
Sie, mei Fahrradclub war ganz fertig und awegg, klatscht hänn se wie domm und Zeitung hot’s natürlich au brocht. Mer sagt jo au, wer in Rotteburg OB werde will, muss an der Fasnet sich in der Stadthall’ im Häs zeige – oder wenigstens a Versle vom Sebastian Blau parat hann. I hann also die Versle gnomme. So a Gedichtle isch au koschteneutral, wo der Wahlkampf doch sowieso a Heidegeld braucht.
(Regie: Handy weiter)
Und no kam’s Beschte, obe-dobe am Käpelle, Mitte an der Eifassung von em a schöne Doppel-Grab, schellt mei Handy. S’Handy schickt a SMS von dr Elsbeth:
Liebes Wernerle. I hann mers ueberlegt.
Mir heiratet jetzt doch, mir sind bald zu fuenft. Nothochzeit in 10 Tagen, Standesamt Esslinge. Weiteres muendlich heute Abend. I mog de, Elsbethle
I hann schiergar mei Rädle nemme bremse könne. Von der Kapell wie en gedopter Jan Ulrich abwärts und mit mir gings so was von aufwärts. Werner Hummel wird am 18. Oktober Oberbürgermeister von Rotteburg, des isch klar! Und wer’s nett glaubt, dem zoig i jetzt erscht recht, wo der Bartel der Moscht holt! Aber heirate muss d’Elsbeth mi in Rotteburg: Des bin i meine Wählerinnen und Wähler schuldig. Des verlangt der Ăstand.
(Regie: Das Glockenspiel vom Alten Rathaus in Esslingen geht über in das volle Domglockengeläut von Rottenburg. Absage)
– Ende –
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