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Autor: Hörburger, Christian.

Titel: Sternstunden für Günter Eich.

Quelle: Rezension vom 9. Febraur 2007 anlässlich Hermann Bohlens ARD-Radioabend: Günter Eich 100 – „Ich bin gar nicht gegen die Realität, im Gegenteil“ (ARD-Kulturradios). Gemeinschaftssendung aller ARD-Kulturradios am 1. Februar 2007, 20.05 bis 0.00 Uhr. Funkkorrespondenz 6/2007.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Christian Hörburger

Sternstunden für Günter Eich

Den ganzen Januar hindurch schon hatten mehrere ARD-Radios das Schaffen des Hörspielgiganten Günter Eich (1907-1972) gewürdigt. Sein großes Hörspielrepertoire wurde in diesen Wochen in repräsentativen Ansätzen aufgefächert und kam in breiten Ausschnitten nochmals zu Gehör. Das Programm SWR 2 präsentierte in diesen Tagen „Ein Traum am Edsin-Gol“ (SDR 1950), „Fis mit Obertönen“ (SDR 1951), „Träume“ (NWDR 1951), „Blick auf Venedig“ (SWF 1952), „Die Andere und ich“ (SDR 1952), „Die Mädchen aus Viterbo“ (SWF/BR/RB 1953), „Das Jahr Lazertis“ (SWF 1954), „Sabeth oder Die Gäste im schwarzen Rock“ (SWF 1954), „Zinngeschrei“ (SDR 1955), „Die Glücksschuhe“ (SDR 1974) sowie, in einer SWR-Neuproduktion von 2006, „Zeit und Kartoffeln“.

Die Retrospektive war überaus verdienstvoll und brachte vor allem das zu Gehör, was in den Jahren nach 1945 den Meister des Rätselhaften und der Aussparung in den Zenit der Radiokunst katapultiert hatte. Technisch war jedoch wahrzunehmen, dass bei manchen historischen Aufnahmen die Archivierung Spuren auf den Bändern hinterlassen haben muss. Da hat man in den vergangenen Jahrzehnten wohl bei der Lagerung nicht immer die Sorgfalt walten lassen (und die finanziellen Mittel eingesetzt), die dem Rang von Günter Eich und seiner Hörspielproduktion eigentlich angemessen wäre. Aufnahmen wie „Blick auf Venedig“, „Die Mädchen aus Viterbo“ und „Die Andere und ich“ rauschen und knistern jedenfalls heftig. Die Sendeanstalten und Dramaturgen sollten sich bald einmal zusammensetzen, um zu prüfen, ob doch noch Abhilfe geschaffen werden kann. Eichs Hörspiele hätten dies nun wahrlich verdient.

Die „Werkbesichtigung des Poeten und Hörspielklassikers“ Günter Eich, die Hermann Bohlen am 1. Februar in der Zeit von 20.05 Uhr bis Mitternacht ARD-weit, also in allen neun Kulturradios, vorgenommen hat, war für mich eine Sternstunde des Features oder des Radio-Essays überhaupt. Die respektlos-respektvolle Annäherung an Günter Eichs Biografie und sein Schaffen war schon für sich genommen ein Meisterwerk von Nähe und Abstand, von Hochachtung und von feiner Kritik am Leben eines Menschen, der sich dem NS-Regime nicht verweigerte und sich auch in seinem künstlerischen Schaffen vom Dritten Reich vereinnahmen ließ. Das hinterlässt inzwischen Spuren in der Wirkungsgeschichte. Es war vor allem Axel Vieregg, der 1993 in der Nachfolge von Glenn R. Cuomo auf die problematische Verflechtung Eichs mit dem NS-Rundfunk verwies und feststellte: „Mit Sicherheit belegen die Dokumente, dass Eich am 1. Mai 1933 den Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP stellte, am selben Tag übrigens wie Herbert von Karajan und Martin Heidegger.“ Doch aus bis heute nie ganz geklärten Gründen wurde die Mitgliedschaft nie vollzogen.

„Rebellion in der Goldstadt“ (Ursendung: 4. Mai 1940), jenes Propagandahörspiel aus der Feder von Günter Eich, war es dann schließlich, das eine heftige posthume Diskussion über diesen Autor und seine Verstrickung in den braunen Propagandaapparat ausgelöst hatte (vgl. FK 16-17/00). Der Autor und Sprecher Hermann Bohlen kommentierte dieses neuere Wissen um Eichs Zuarbeit für den NS-Rundfunk wunderbar lakonisch und nur scheinbar flapsig, wenn er den betroffenen Bildungsbürger und Radiohörer mimte und gewissermaßen entsetzt ins Mikro stotterte: „Ach du Schreck! Was für eine Enttäuschung! Dabei hat er (Eich, die Red.) doch in seinen Reden und in ‘Träume‘ immer so eindringlich gemahnt und gewarnt: Achtung-Achtung, die Apparate! Vorsicht Leute, Sprachlenkung! Die Mächte … Seid wachsam, wir sind umzingelt! Also immer Sand ins Getriebe, immer rein da, mit beiden Händen. Kein Öl […].“ Solche Einschübe, die auch mit der Selbstgefälligkeit ganzer Lehrergenerationen spielen, waren wohltuend und herzerfrischend. Politur am Radiomonument Günter Eich ist nicht Sache von Hermann Bohlen, und gefeiert wird da schon gar nicht, oder zumindest nicht in verklärender Art und Weise.

Wunderbares förderte die Nachkriegs-Korrespondenz zwischen Eich und dem SWF-Dramaturgen Manfred Häberlen zutage. Zunächst war der Verwalter der öffentlich-rechtlichen Radiokunst gegenüber Günter Eich ziemlich patzig und mochte das Manuskript „Geh nicht nach El Kuwehd“ für eine Produktion in Baden-Baden nicht annehmen. Dann aber, als dessen glänzender Hörspielruf unüberhörbar wurde, besann sich auch Häberlen eines Besseren und betrieb devote Avancen in Richtung Radiodichter. An dieser Stelle wurden von Bohlen sprechende Dokumente ausgegraben und Briefe eingewoben, die das gelegentlich erhebliche Abhängigkeitsgefälle zwischen Radioanstalt und Radiodichter mit feinen satirischen Seitenhieben belegten.

Als wichtige Kronzeugen zu Günter Eichs Radioschaffen wurden unter anderem die Eich-Experten Karl Karst und Hans-Ulrich Wagner befragt, und auch hier war es durch kluge Schnitte gelungen, dass es keine akademische Debatte um die Kunstfertigkeit des Dichters wurde. Zudem kamen weitere Zeitzeugen wie Fritz Schröder-Jahn, Heinz Schwitzke, Ilse Aichinger, Friedrich Knilli, Klaus Schöning, Dieter Wellershof sowie Schülerinnen und Schüler einer Berliner Schule zu Wort. Norbert Schaeffer, der für die Realisation des Radioabends mitverantwortlich zeichnete, gab der langen Soiree immer wieder musikalische Akzente und Zäsuren bei, die den Jubilar nochmals entmythisierten (auf die geniale Idee, den Titelsong des Italo-Western „Spiel mir das Lied vom Tod“ in diesen Essay einzubinden, muss man erst einmal kommen!).

Für den Eich-Abend wurden die „Träume“ eigens neu inszeniert und in fünf Abschnitten in das Programm integriert. In dieser neuen NDR-Produktion (Ursendung: NDR Kultur, 31. Januar 2007) führten Alexander Schuhmacher, Simona Ryser, Beate Andres, Sven Stricker, Bernadette Sonnenbichler und Norbert Schaeffer die Regie. Ob damit der NWDR-Produktion von 1951 eine neue und tragfähige Radiohandschrift entgegen gesetzt wurde, kann an dieser Stelle nicht entschieden werden. Viele Fragen taten sich da auf, die aber im Rahmen dieser Besprechung nicht vertieft werden können. Die musikalische Aufarbeitung der Original-Telefonproteste von 1951 gegen „Träume“ (Musik und Komposition: Hans Schüttler, Jo Ambros, Philipp Schaufelberger, Thomas Leboeg und Martina Esenreich), die abschließend zu Gehör gebracht wurde, wirkte indessen präzise arrangiert und medial klug disponiert unter Verwendung weiterer Zitate aus der NWDR-Produktion der „Träume“.

Abschließend sei hier freimütig eingestanden, dass sich der Rezensent den großen und stilbildenden Radioabend, eine Koproduktion von WDR 3, NDR Kultur und SWR 2, nicht in einem Stück zu Gemüte führen musste. Das hätte ihn wahrscheinlich physisch überfordert. Die freundliche Kooperation mit Hörspieldramaturg Götz Schmedes vom WDR ermöglichte eine hörtechnisch angenehme Lösung im CD-Format. Ich habe – nach und nach – die vier Eich-Radiostunden in vollen Zügen genossen. Diese waren superb und facettenreich arrangiert, auf der Höhe der Eich-Forschung, mit Liebe und großem Sachverstand komponiert, und sie ermöglichten einen kritischen Kunstgenuss. Hermann Bohlen verdient hierfür allergrößten Respekt und Anerkennung.

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