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Autor: Hörburger, Christian.

Titel: Krieg im Fernsehen. Didaktische Materialien und Analysen für die Medienerziehung.

Quelle: Christian Hörburger: Krieg im Fernsehen. Didaktische Materialien und Analysen für die Medienerziehung. Tübingen 1996. S. 1-154, S. 177-189.

Verlag: Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V..

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Christian Hörburger

Krieg im Fernsehen

Didaktische Materialien und Analysen für die

Medienerziehung

Inhaltsverzeichnis

Einführung 3

Medienerziehung - Vorschläge für den Unterricht 6

Vom Ereignis zum Bericht 6

Didaktische Hinweise 6

Materialien 7

Der Korrespondent vor Ort 13

Didaktische,Hinweise 13

Materialien 14

Normen der Berichterstattung 27

Didaktische Hinweise 28

Materialien 28

Manipulation und Zensur 36

Didaktische Hinweise 37

Materialien 38

Die An- und Abmoderation im Fernsehen 41

Didaktische Hinweise 41

Materialien 42

Die Macht der Bilder: Krieg als Medienspektakel 51

Didaktische Hinweise 51

Materialien 52

Der »elektronische« Krieg 57

Didaktische Hinweise 57

Materialien 58

Der Krieg und die Opfer 65

Didaktische Hinweise 65

Materialien 66

Krisennachrichten für Kinder 69

Didaktische Hinweise 70

Materialien 70

Fernsehen hilft Helfen 75

Didaktische Hinweise 76

Materialien 77

Friedensarbeit im Krieg 83

Didaktische Hinweise 83

Materialien 84

Das andere Afrika - die anderen Medien 88

Didaktische Hinweise 89

Materialien 90

Methodische Filmanalyse 97

Beschreibung ausgewählter Filmsequenzen 105

1. »Die Welt im Griff «: Die An und Abmoderation 105

Ablauf der Filmsequenz 106

2. »Krieg als Medienspektakel«: Die Landung in Mogadischu 108

Ablauf der Filmsequenz 108

3. »Der elektronische Krieg«: Die NATO greift im Balkan ein 110

Ablauf der Filmsequenz 111

4. »Schrecken des Fremden«: Sharia und Fundamentalismus 113

Ablauf der Filmsequenz 114

5. »Betroffenheit und Ohnmacht«: Die Krüppel von Sarajevo 115

Ablauf der Filmsequenz 116

6. »Ästhetik des Greuels«: Tod in Slow Motion 118

Ablauf der Filmsequenz 118

7. »Krisennachrichten für Kinder«: Deutsche Soldaten in Somalia 119

Ablauf der Filmsequenz 119

8. »Die Sicht der Opfer«: Kinder im Krieg 120

Ablauf der Filmsequenz 121

9. »Fernsehen hilft Helfen«: Sarajevo soll leben 122

Ablauf der Filmsequenz 123

10. »Friedensarbeit im Krieg«: Die schwarzen Frauen von Belgrad 124

Ablauf der Filmsequenz 125

11. Afrika mit anderem Blick. Kritische Anmerkungen eines Korrespondenten 127

Ablauf der Filmsequenz 127

Analytische Nachbetrachtung 131

Gewalt in den Medien - Die Krise als Dauernachricht 131

Bad news is good news 131

Personale, strukturelle und kulturelle Gewalt 132

Die Katharsis- und die Inhibitionsthese 134

Der Imitationsansatz 135

Der bedingte Einfluß des Mediums 136

Medien und Kommunikation in internationalen Krisen 139

»Fiktive« Gewalt und »reale« Gewalt in den Nachrichten 140



Hinweis auf den Begleitfilm:

Zu diesem Buch ist ein Begleitfilm erschienen, dessen Einsatz bei der Unterrichtsgestaltung als Ergänzung zu dem vorliegenden Buch empfohlen wird. Der Videofilm (VHS, 34 min.) kann käuflich erworben oder ausgeliehen werden bei:

Verein für Friedenspädagogik Tübingen e.V. Bachgasse 22, 72070 Tübingen.

Telefon: 07071/(21312, FAX: 07071/21543 E-Mail: f-paed@gaia.de



Einführung

Der große Einfluß des Fernsehens auf die Meinungsbildung in der Öffentlichkeit ist unbestritten. Viele Menschen in der Bundesrepublik beziehen ihre Kenntnisse und Einschätzungen über Krisen und Kriege in der Welt aus den Informationskanälen der bewegten Bilder. Das elektronische Medium bestimmt damit maßgeblich den Blickwinkel und die Einschätzung, die man sich über nationale und internationale Konflikte angeeignet hat. Wie das Medium seine Informationen selektiert, filtert und journalistisch gestaltet, ist demgegenüber nur wenig und wenigen bekannt. Nicht zuletzt aus breiten der Unkenntnis über das Medium Fernsehen, seine Verfahrens- und Arbeitsweise im journalistischen Alltag, resultiert die hohe Akzeptanz und Glaubwürdigkeit, die eine breite Zuschauerschicht der politischen und gesellschaftlichen Information entgegenbringt. Dabei wäre es äußerst wichtig, mehr über die »Archetypen« der Fernsehberichterstattung in Erfahrung zu bringen, um sich eine Position als kritischer Fernsehnutzer zu eigen zu machen. Eine medienpädagogische Begleitung des Zuschauers, die diesem Anspruch gerecht werden könnte, ist erst in Ansätzen sichtbar.

Die hier vorliegende Handreichung beschreibt die Kriegs- und Krisenberichterstattung des Fernsehens in einigen wesentlichen Aspekten. Sie soll im Zusammenhang mit dem Begleitfilm »Krieg im Fernsehen« den Nutzer befähigen, sich ein eigenes, kritisches Bild über die Berichterstattung aus Ex-Jugoslawien und der sogenannten Dritten Welt zu schaffen. Das Material ist so geordnet, daß es Einblicke in den Produktionsprozeß des Fernsehens ermöglicht und darüber hinaus auch die übrigen Massenmedien hinreichend berücksichtigt. Die weitere Eingrenzung auf die Konfliktherde Ex-Jugoslawien und Somalia dient vor allem der Übersichtlichkeit und ermöglicht den Vergleich zwischen einer »Süd-Berichterstattung« im Fernsehen und der Reportage über Kriege, die direkt vor unserer Haustüre sich abspielen oder abgespielt haben. Der Berichtszeitraum 1991 - 1995 fand besondere Berücksichtigung. Buch und Film untersuchen nur Fernsehsendungen aus öffentlich-rechtlichen Anstalten (ARD und ZDF). Das private Fernsehen kennt bislang keine einschlägige eigene journalistische Auslandsberichterstattung, so daß hier keine Untersuchung in Betracht kam. Das Buch referiert und diskutiert an ausgewählten Beispielen Fragen der »Manipulation«, der »Information« und »Desinformation«, der Vermittlung von Gewalt und Ohnmacht im Fernsehen und gibt in einem ausführlichem Didaktik-Teil den Nutzern stets die Möglichkeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Die Kritik an der Kriegsberichterstattung des Fernsehens kann an ausgewählten Beispielen ebenso überprüft werden wie die Vorhaltung, ARD und ZDF bedienten in ihren Berichten aus der »Dritten Welt« weiterhin eurozentristische Vorurteile. Der notwendigen Kritik sind Beispiele gegenübergestellt, die durchaus Anlaß zur Ermutigung geben. Einige Auslandskorrespondenten haben in Originalbeiträgen ihre Erfahrungen und Einschätzungen mitgeteilt und für das Projekt zur Verfügung gestellt. Dies erleichtert den Einstieg in das Thema entscheidend.

Der Begleitfilm mit einer Spieldauer von 35 Minuten läßt sich vor allem im Schuluntericht der Sekundarstufe II und in der außerschulischen Bildungsarbeit einsetzen. In elf Sequenzen werden Ausschnitte aus Fernsehsendungen wie ZDF-Auslandsjournal, ARD-Brennpunkt, Weltspiegel, ZDF-logo und Tagesschau präsentiert, die das Kriegsgeschehen in Somalia oder in Ex-Jugoslawien zum Thema haben. Dabei können typische Bauformen der Krisenberichterstattung des Fernsehens deutlich werden. Blickwinkel wie Nachricht, Kommentar und Infotainment lassen sich ebenso besprechen und abhandeln wie die klassischen Fragen nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und Objektivität, nach Zensur und Manipulation. Den Sendeanstalten der ARD und dem ZDF, die das Projekt mit vielfältiger Hilfe unterstützt haben, sei hier ausdrücklich gedankt.

» Jeder Fernsehreporter weiß, daß er, wo immer er mit seiner Apparatur erscheint, auf die Störungen in der Gesellschaft und die unruhigen Kräfte, die als ihre Verstärker auftreten, eine nachgerade magnetische Anziehungskraft ausübt. Ganz ohne eigenes Zutun steht er plötzlich, für einen reibungslosen Betrieb bestens gerüstet, mitten in einer chaotischen Situation. Er ist gekommen, um über ein Geschehen zu berichten - und muß feststellen, daß er selbst plötzlich zu einem Bestandteil eben dieses Geschehens geworden ist. «

Klaus Kreimeier

Medienerziehung - Vorschläge für den Unterricht

Vom Ereignis zum Bericht

Die Arbeitsweise des Auslandskorrespondenten ist so unterschiedlich wie die Länder, die er zu betreuen hat. Die technische Ausstattung der Journalisten vor Ort variiert ganz erheblich. Auf alle Fälle sind im Ausland Kreativität und Anpassungsfähigkeit Grundvoraussetzungen für die Arbeit unter schwierigen Bedingungen. In der Medienpraxis kann nur das zum Medienereignis werden, wovon der Journalist Kenntnis erlangt und - worüber er berichtet. Umgekehrt fokussiert das Fernsehen Ereignisse und Dinge, die erst durch den Transfer in das Medium zum Gegenstand der Diskussion werden. In diesem Sinne findet eine »permanente Zensur« statt. Nach gängiger Definition darf sich als Journalist (Korrespondent) bezeichnen, »wer hauptberuflich, produktiv oder dispositiv, Informationen sammelt, auswertet und / oder prüft und unterhaltend, analysierend und / oder kommentierend aufbereitet, sie in Ton, Schrift und Bild über Medien an die Öffentlichkeit vermittelt oder den öffentlichen Medien zu dieser Übermittlung bereitstellt«.

Bundesanstalt für Arbeit (Hrsg.): Blätter zur Berufskunde. Journalist/Journalistin. Nürnberg 1989 (8.Auft.), S. 6.



Video-Empfehlung: Filmsequenz 2

siehe Seite 95



Didaktische Hinweise

  1. Die Schüler bereiten eine Reportage / Feature vor. Auftraggegeber ist je nach Interesse und Ausstattung der Schule die örtliche Zeitung, ein Rundfunksender oder eine Fernsehstation. Das Lernziel besteht in der Einschätzung und Vorbereitung zu einer möglichen Publikation in Zeitung, Radio oder Fernsehen. Bereiten Sie das geplante Feature so genau wie möglich vor. Erarbeiten Sie ein kleines Ton- oder Bildfeature (15 Minuten Länge) über die Bewohner eines Altenheims. Befragen Sie die BewohnerInnen nach ihren Erinnerungen an das Kriegsende 1945.

  1. Der ARD-Auslandskorrespondent Robert Hetkämper kritisiert bestimmte Aspekte des Fernsehens. Erstellen Sie eine Übersicht über die genannten Kritikpunkte. Welche Auffassung vertreten Sie (M 1)?

  2. Teilen Sie die Auffassung des WDR-Intendanten Fritz Pleitgen (M 4)? Nennen Sie weitere Gründe, warum von dem Inhalt der Nachrichten nur wenig im Gedächtnis haften bleibt.

  3. Formulieren Sie die dpa-Meldung (M 5) um, so daß sie leicht verständlich und übersichtlich wird.

  4. Machen Sie Vorschläge, welche Art von Bildmaterial Sie für eine Illustrierung der Meldung (M 5) als Fernsehnachricht einsetzen würden (Filmsequenzen aus Bosnien, den USA etc.).



Materialien



M 1

Der fremde Blick

Auslandskorrespondenten in einer sich wandelnden Welt

Stammeskriege, Hungersnöte und Despotismus hat es Tausende von Jahren auf dieser Erde gegeben. Sie gehören zur Lebenserfahrung aller Völker. Daß reiche Gesellschaften heute zumindest so etwas wie Mitleid mit den weniger Privilegierten empfinden, ist ein relativ junges Phänomen. Die Entwicklung der Massenmedien hat dazu einen gewaltigen Beitrag geleistet: durch die Verfügbarkeit eindrücklicher Bildberichte. Auf der Grundlage vermittelter Fakten und auf der Basis eines beispielsweise christlichen Weltbildes eine Verpflichtung reicher Industriestaaten gegenüber armen Agrargesellschaften zu erkennen, ist legitim. Auch der moralische Medien-Appell zum Handeln. Aber einen generellen Auftrag an »die Medien«, für die Belange der Dritten Welt zu »kämpfen«, halte ich für nicht akzeptabel. Es gibt weder in Deutschland, noch in Europa, noch in der Weit, einschließlich der Dritten, einen Konsens über ein eindeutiges Erklärungsmuster für die Misere, in der sich weite Teile dieser Erde heute ganz zweifellos befinden. Und es gibt keine unbezweifelbare Strategie zur Beseitigung dieser Misere.

Journalisten sind verpflichtet zu Wahrheit und Objektivität, zur Achtung und Wahrung demokratischer Prinzipien und der Würde des Menschen. Ich halte das für Grundsätze, die sich selbst dann nicht ändern dürfen, wenn es dafür keine gesellschaftlichen Mehrheiten mehr gäbe. Sich auf der Basis dieser Grundsätze publizistisch für -eine Sache« zu engagieren, ist journalistisch legitim: für den Einsatz von Kernenergie zum Beispiel. Oder dagegen. Der Grad der zulässigen Parteilichkeit hängt ab von der Funktion des jeweiligen publizistischen Organs. Zum Glück darf in der Bundesrepublik jeder äußern und auch publizieren, was er will, solange er damit nicht gegen Gesetze verstößt - auch wenn es sich um blanken Unsinn handelt.

Robert Hetkämper.- Der fremde Blick. In: ARD Jahrbuch 95. Frankfurt a. M. 1995, S. 126.



M2

Vom Drehort zur Sendung

1. Der Korrespondent 2. Die Redaktion über-

vor Ort macht einen mittelt dem Korrespon-

Vorschlag für die oder denten vor Ort einen

Redaktion in Deutsch- konkreten Vorschlag

land. für einen aktuellen

Bericht.


  1. Der Korrespondent liefert eine Ideenskizze. Die Redaktion soll daran die Intention des Beitrags erkennen können. Sie ist für die Redaktion eine Entscheidungshilfe.

  1. Zwischen Redaktion und Korrespondent kommt es zur endgültigen Absprache.

  1. Der Korrespondent stellt sein Team zusammen.

  1. In aller Regel besteht es aus dem verantwortlichen Redakteur, einem Kameramann, einem Techniker, gegebenenfalls kommt ein Übersetzer hinzu.

  1. Das Bildmaterial wird geprüft.

  1. Getextet wird während des Schnitts.

  1. Überspielung an den Sender.

  1. Der Sender prüft den Beitrag.

  1. Der Sender nimmt eventuell Kürzungen vor.

  2. Die Anmoderation wird erstellt.

  1. Der Beitrag wird ausgestrahlt.

M3

Vom Drehort zur Sendung: Die Technik



Die technische Ausrüstung umfaßt:



Mit Fly-away-Einheiten eröffnet sich der Fernsehberichterstattung eine neue Dimension: Dies ist eine mobile Erdfunkstation, die mit einer faltbaren Parabolantenne ausgerüstet ist, Es wird ein Fernsehsatellit im Orbit angepeilt, der seinerseits die Daten an die Sendeanstalt weiterleitet. Das Satellitentelefon gehört mittlerweile zur Grundausrüstung leistungsfähiger Fernsehteams.

M4

Fernsehen und Wirklichkeit



»Fernsehwelt und politische Wirklichkeit« - beide haben viel zu häufig wenig, oft sogar nichts miteinander zu tun. Wenn ich die Fernsehnachrichten betrachte, dann beschleicht mich nicht selten ein ungutes Gefühl. Strenggenommen müßten die Verantwortlichen mancher Sendungen wegen Irreführung und Verdunkelungsgefahr belangt werden. Daß das Publikum den größten Teil der Informationen bereits beim Abspann vergessen hat, ist inzwischen von der Medienforschung mehrfach nachgewiesen worden. »Selbst schuld« könnte man der verehrten Kundschaft vorhalten. Für ein paar Minuten sollte sie ihre Gedanken wohl beieinanderhalten können!

Doch die Ursache für das Dilemma ist beim Absender, nicht beim Empfänger zu suchen. Die Sprache wirkt oft unpräzise und abgegriffen, die Präsentation läßt gelegentlich die Sinne des Betrachters schwinden, und die dauernde Diskrepanz zwischen Bild und Text überfordert selbst die Konzentrationsfähigkeit von Top-Schachspielern. Es handelt sich nicht um aktuelle Entwicklungen! Diese Defizite werden schon seit langem beklagt, neu daran ist: sie haben sich verschärft.

Die Gründe für die unerfreuliche Entwicklung liegen im Wettbewerb und in der Technologie, Um nicht zu spät zu kommen, wird hastig geliefert. Außerdem macht die Technik Druck. Heute können Bilder ohne Verzug aus allen Weltecken direkt in die Sendung geliefert werden. Zeit zum Recherchieren oder zur Informationsüberprüfung gibt es nicht mehr. Der notwendige Gegencheck entfällt. So ist der Berichterstatter zumeist auf eine Quelle allein angewiesen. Da diese Quelle häufig auch noch ein Betroffener ist, fällt seine Information entsprechend einseitig aus. Wenn ehrlich mit dem Publikum umgegangen würde, müßte eigentlich regelmäßig eingeblendet werden: »Alles ohne Gewähr.«

Fritz Pleitgen: Fernsehen und Wirklichkeit. In: Wilhelm von Stemburg (Hrsg.): Tagesthema ARD. Der Streit um das Erste Programm. Frankfurt a.M. 1995, S. 54f.

M 5

dpa-Meldung 0095. 28. November 1995 USA/Bosnien Clinton ruft Amerikaner zur Unterstützung für Bosnien-Einsatz auf.



Washington (dpa) - US-Präsident Bill Clinton hat die skeptische amerikanische Öffentlichkeit eindringlich aufgerufen, die Entsendung von 20.000 US-Soldaten zur Friedenssicherung in Bosnien gutzuheißen.

In der nationalen Fernsehansprache an das Volk sagte Clinton am Montag abend (Ortszeit) in Washington, der Einsatz der US-Soldaten als Teil der NATO-Streitkräfte in Bosnien »kann den Unterschied zwischen Krieg und Frieden« ausmachen. »Nirgendwo ist heute der Bedarf an amerikanischer Führung umfassender und unmittelbarer als in Bosnien«, sagte er und forderte dazu auf, »den Frieden zu wählen.« »Wir können nicht alles machen, aber wir müssen tun, was wir können«, warb Clinton um Unterstützung für seine Bosnien-Politik. Die USA müßten mithelfen, »aus dem Augenblick der Hoffnung eine dauerhafte Wirklichkeit zu machen.« Die Mission werde »begrenzt, konzentriert und unter dem Kommando eines US-Generals« ablaufen.

Gleichzeitig warnte Clinton mögliche Angreifer in Bosnien, daß US-Truppen bei ihrem Dienst zurückschießen würden. Ein Einsatz von 20.000 Soldaten sei nicht risikolos, sagte er, »aber ich werde die volle Verantwortung für jeden Schaden übernehmen. «

Clinton hatte seine bevorstehende Europa-Reise wegen der Ansprache um einen Tag verschoben. Er läßt Außenminister Warren Christopher in Washington zurück, der Konsultationen mit dem zurückhaltenden Kongreß über dessen Zustimmung zu dem Bosnien-Einsatz führen soll.



Der Korrespondent vor Ort

Die Arbeitsweise der Korrespondenten vor Ort ist sehr unterschiedlich und von den jeweiligen Lebensmöglichkeiten in den Gastländern abhängig. Ein einheitliches Berufsprofil ist kaum zu erstellen, da die unterschiedlichen Krisenherde ein unterschiedliches Arbeiten der Journalisten zur Voraussetzung haben. Das hier abgedruckte Material, die Gespräche und Interviews, vermitteln etwas von dem aktuellen Selbstverständnis der Auslandskorrespondenten.



Video-Empfehlung: Filmsequenzen 2 und 11

Siehe Seite 95, 112



Didaktische,Hinweise

  1. Vergleichen Sie an einem bestimmten Abend die 19-Uhr-Nachrichten Ihres örtlichen Radio-Senders mit der ZDF-Sendung heute und der Tagesschau um 20 Uhr. Worüber sprechen jeweils die ersten drei Auslandsmeldungen? Was ist die letzte Meldung in den Nachrichten? Überlegen oder »erfinden« Sie sich eine zusätzliche »gute Nachricht«, die gemeldet werden sollte.

  2. Der Auslandskorrespondent Albrecht Reinhardt berichtet (M 2) von der Erschießung eines Somaliers und von dem Auftrag, den Vorfall vor Ort zu recherchieren. Welche Personen hätten Sie nach Möglichkeit zu dem Vorfall befragt und interviewt?

  3. ZDF-Korrespondent Peter Kunze berichtet von demselben Ereignis (M 3). Welche Eigenschaften der Somalier werden hervorgehoben, wie wird der afrikanische Kontinent charakterisiert?

  4. Nennen Sie vier Probleme aus der Arbeit der Südeuropa-Korrespondenten Verica Spasovska (M 1) und Detlef Kleinert (M 4). Als Fernsehdirektor kennen Sie die Nöte »Ihrer« Mitarbeiter. Welche konkreten Vorschläge zur Verbesserung der Arbeit vor Ort möchten Sie machen? Führen Sie ein entsprechendes Rollenspiel (Fernsehdirektion/Korrespondent) durch.

  5. Welche Perspektive betont Friedhelm Brebeck (M 5)? Können Sie das Gesagte anhand eigener Seherfahrung bestätigen? Vergleichen Sie Filmsequenz 5.

Materialien



M 1

Wie wirklich sind Kriegsberichte?

Wer als Reporter in einem Krisengebiet arbeitet und recherchiert wird zwangsläufig mit Ereignissen konfrontiert, deren Wahrheitsgehalt er überprüfen muß. Dabei stößt man häufig nicht auf die Unterstützung der beteiligten Konfliktparteien, die an der für sie günstigsten Version der Ereignisse interessiert sind. Ein Beispiel: Im Sommer 1995 hielt ich mich in Tuzla für Reportagen über die Situation der Flüchtlinge aus Srebrenica und Zepa auf. Plötzlich brachten die Nachrichtenagenturen Meldungen, es gäbe Satellitenphotos von Massengräbern. Meine Redaktion erteilte mir den Auftrag, diese Meldungen zu überprüfen. Aus der Sicht meiner Kollegen war ich ganz »nah am Geschehen«. Für mich war es indessen unmöglich, in das von Serben besetzte Srebrenica zu reisen - dazu brauchte man eine Akkreditierung aus Belgrad und Pale - und mich vor Ort mit eigenen Augen von den Massengräbern zu überzeugen. Ich berichtete also, was mir die Flüchtlinge über den Verbleib der vermißten Männer schilderten, bekam bei internationalen Organisationen die Auskunft, man könne nichts bestätigen, solange man die Situation in Srebrenica nicht in Augenschein genommen habe, und setzte aus diesen Informationen einen Bericht zusammen, der den Schluß zuließ, daß es mit großer Wahrscheinlichkeit zu Massenerschießungen gekommen ist. Beweise hatte ich nicht, mein Bericht war mit einem großen Fragezeichen versehen. Wiedergeben konnte ich lediglich einen Mosaikstein der Wirklichkeit.

Das Dilemma des Reporters vor Ort, an »harte« Informationen heranzukommen und gleichzeitig so aktuell und umfassend wie möglich zu berichten, die Forderung der Redaktionen, den Hörer / Zuschauer brandheiße News zu bringen, solange ein Konflikt in den Schlagzeilen ist, die Frage, was unter diesen Bedingungen an wirklichen Informationen geliefert wird - das sind Punkte, über die man kritisch diskutieren muß.

Verica Spasovska, Deutsche Welle, Südosteuropa-Redaktion; Originalbeitrag.



M2

Aus dem Tagebuch eines Korrespondenten



Freitag, 22. Januar 1994. 14.00 Uhr

» Pepo, Pepo -Wind, Wind, komm.«

Mit sehnsüchtigen Rufen beschwört Omar den Passat - auf Kisuaheli »Pepo« - mit ganzer Kraft in das Segel unserer Dau zu fahren.

Für die ARD-Sendung »Weltreisen« sind wir auf einem dieser traditionellen Segelschiffe unterwegs. Auf den Spuren von kühnen Entdeckern, wagemutigen Kaufleuten, finsteren Sklavenhändlern wollen wir mit unserer »Königin der Winde« die Wogen des Indischen Ozeans durchpflügen. So haben wir es uns wenigstens vorgestellt. Doch seit Stunden dümpeln wir vor der Hafenstadt Malindi und unsere Windsbraut läßt schlapp das Segel hängen.

16. 00 Uhr

Endlich. Pepo hat ein Einsehen gehabt. Unsere Dau macht jetzt gute Fahrt. Schon kommt das mächtige Vasco-da-Gama-Kreuz im Hafen Malindis in Sicht. Nach zwei Nächten unter freiem Himmel und nach verstohlenen Sitzungen auf einem an der Bordwand ausklappbaren Donnerbalken freuen wir uns auf ein weiches Hotelbett, eine heiße Dusche, ein ordentliches Klo und einen guten Drink. Am nächsten Morgen soll es auf unserer Dau nach Mombassa weitergehen.


Albrecht Reinhardt:»Unser Mann in Afrika«. WDR/arte: 5.10.1995



16.30 Uhr

Wir checken im Hotel ein. Der Empfangsherr überreicht mir eine eilige Nachricht.

»Urgent message. Please, Mister Reinhardt contact German Television.« Die Tagesschau in Hamburg. Deutsche Bundeswehrsoldaten haben in Belet Huen einen Somalier erschossen, erfahre ich von den Kollegen. Die Tagesschau und Tagesthemen erwarten für den nächsten Tag Berichte von uns aus dem somalischen Belet Huen.

17.30 Uhr

Meine Kollegin in Nairobi hat eine Chartermaschine organisiert. Sie soll uns am nächsten Morgen in Malindi abholen. Vom Segelschiff ins Turboprop-Flugzeug.

18.00 Uhr

Die Tagesschau-Kollegen in Hamburg haben unser Kommen beim deutschen Kommandeur in Belet Huen angekündigt. Solche Kontakte laufen über das Bonner Verteidigungsministerium. Unser Transport vom Militärflughafen in Belet Huen ins Bundeswehrcamp scheint gesichert zu sein.

20. 00 Uhr

Unsere Dau-Crew ist informiert, daß die Weiterfahrt nach Mombassa auf Sonntag verschoben ist. Über Malindi hat sich die tropische Nacht gesenkt. An der Bar unter dem Palmendach nehme ich einen sehr kurzen Drink. Das Team reinigt die Kamera und packt die Ausrüstung für den morgigen Tagestrip.

Samstag, 22. Januar 1994. 8.00 Uhr

Das Flugzeug aus Nairobi ist pünktlich gelandet. Wir können dennoch nicht starten. Der Zöllner, der die Ausfuhr der Kamera beglaubigen muß, ist nicht erschienen. Ohne die Ausfuhrgenehmigung aber dürfen wir die Kamera bei unserer Rückkehr nicht wieder nach Kenia reinbringen. Ein Flughafenangestellter ist in die Stadt gefahren, um den Zöllner zu suchen, Wir warten.

9.30 Uhr

Zoll erledigt. Wir sind in der Luft. 12.30 Uhr

Ankunft in Belet Huen. In einer halben Stunde würden wir mit der normalen Ablösung ins Camp gefahren, lautet die Auskunft des Flughafenkommandanten. Extratouren macht die Bundeswehr für Journalisten nicht.

Ich nütze die Wartezeit. Vor der Absperrung des Platzes stehen junge Somalier mit japanischen Geländewagen. Für 60 Dollar miete ich ein Fahrzeug mit Fahrer, für 40 Dollar heuere ich einen somalischen Übersetzer an. Beide brauche ich, weil ich in Belet Huen auch die Familie des Opfers besuchen will.

Unser Zeitrahmen ist eng. Ab jetzt zählt jede Minute, wenn wir heute abend noch in die Tagesschau und in die Tagesthemen mit unseren Berichten kommen wollen.

13.30 Uhr

Deutsches Militärcamp.

Unsere somalischen Begleiter müssen draußen warten. Der Presseoffizier erzählt, warum die deutschen Soldaten die tödlichen Schüsse abfeuerten. Zwei Somalier hätten gegen 2.00 Uhr nachts den Stacheldrahtzaun durchschnitten und sich dem Treibstofflager genähert. Warnrufe und -schüsse hätten einen Somalier verjagt, den zweiten aber nicht beeindruckt. Da hätten die deutschen Soldaten keine andere Wahl gehabt. Der Presseoffizier wörtlich: »Die Somalis haben eine eigene Meinung zu diesen Vorfällen. Nach ihren Vorstellungen, die vom Islam geprägt sind, ist es eben so: Wenn man fremdes Eigentum betritt, muß man damit rechnen, daß man zu Schaden kommt.« Kommandeur Oberst Kammerhoff, fügt er hinzu, habe mit den Clanältesten sofort die Lage beraten. Unseren Wunsch, mit dem Schützen zu sprechen, erfüllt die Bundeswehr nicht. Erlaubt sind lediglich noch Interviews mit Soldaten und Unteroffizieren der Presseabteilung. Im Camp selbst dürfen wir uns nur in Begleitung eines Presseoffiziers bewegen. 14.30 Uhr

Belet Huen. Wir haben das deutsche Lager verlassen und suchen in der Stadt das Haus des erschossenen Somaliers. Die von uns engagierten Somalier kennen aber die Familie nicht. Vielleicht haben wir am Flughafen die Leute vom falschen Clan gewählt. Schließlich erklären sie uns, daß wir nur mit dem Chef der Großfamilie sprechen können. Uns bleibt keine andere Wahl, denn die Zeit drängt. In einer guten halben Stunde müssen wir spätestens wieder starten. Chief Hassan Hussein klagt die Deutschen an.

»Selbst wenn Abdulei Farah« - so heißt der Getötete - »etwas stehlen wollte, ist das kein Grund, ihn zu töten. Einen Dieb verhaftet man, man schießt ihn nicht gleich tot.«

Der Großfamilienchef folgt ganz und gar nicht der Vorstellung, die der deutsche Presseoffizier als muslemische Rechtsauffassung bezeichnet.

Bisher habe ihm gegenüber kein Deutscher sein Bedauern über den Tod des jungen Mannes ausgedrückt, fügt Hassan Hussein noch hinzu.

15.15 Uhr

Abflug von Belet Huen. 16. 00 Uhr

Zwischenlandung in Mandera, einer Stadt in Dreiländereck von Kenia, Somalia und Äthiopien. Hier müssen wir nachtanken. Wir kreisen dreimal über der Stadt. Für den Treibstoffhändler ist es das Zeichen, daß Kundschaft kommt. Wenn wir Glück haben, macht er sich jetzt mit seinem Tankwagen auf den Weg zum Rollfeld. Wenn wir Pech haben, ist unsere Dienstfahrt in Mandera zunächst zu Ende. Dann wird es auch keine Berichte in Tagesschau und Tagesthemen aus Belet Huen geben.

16.30 Uhr

Wir haben aufgetankt und starten wieder. 18.30 Uhr

Ankunft auf dem Wilson-Airport in Nairobi. 19. 00 Uhr

Schnittbeginn im Studio. 20. 00 Uhr

Der Tagesschau-Beitrag ist fertig. Unser Techniker bringt ihn zum kenianischen Fernsehen. Fahrtzeit circa 25 Minuten. Wir müssen immer eine halbe Stunde vor der Überspielung beim kenianischen Fernsehen sein.

21.30 Uhr

Überspielung nach Hamburg. In Deutschland ist es jetzt 19.30. Ohne den Zeitunterschied von zwei Stunden zwischen Kenia und Deutschland hätten wir es gar nicht geschafft.

22.30 Uhr

Fertigstellung des Beitrags für Tagesthemen. Erneut macht sich unser Techniker zum kenianischen Fernsehen auf.

Sonntag, 23. Januar 1994. 10.00 Uhr Abflug von Nairobi nach Malindi.

P.S.: Am gestrigen Tag waren wir gut 16 Stunden auf den Beinen und haben etwa 2.300 Kilometer zurückgelegt. Die Ausbeute betrug knapp vier Sendeminuten, der Einsatz hat um die 7.000 Mark gekostet.

Albrecht Reinhardt, Auslandskorrespondent des WDR, Originalbeitrag.



M3

Das ZDF in Somalia

Von Farah Mohamed und seinem toten Sohn Abdullah



Farah Mohameds Sohn starb in der Nacht und in Schande. Sein Brustkorb wurde von einer Kugel aus einem deutschen Gewehr durchbohrt. Abdullah Mohamed war ein Dieb. Sein Tod im Bundeswehr Belet Huen vielleicht ein Unglücksfall.

In Belet Huen sind die Wände zum Nachbarzelt dünn. Die Zweifel im Gespräch zwischen Soldaten bleiben nicht verborgen. Hätte man den tödlichen Schuß vermeiden können? Auf ihren staubigen Pritschen diskutieren Bürger in Uniform bis tief in die Nacht.

Am Journalistentisch unter der verblichenen olivgrünen Plane streiten sich Offiziere und Kollegen einen Abend lang. Darf die Bundeswehr ein Menschenleben kaufen, indem sie für einen toten Somali - das erste Opfer während ihres Hilfseinsatzes in Afrika - bezahlt? Ist es ein Schuldeingeständnis, wenn man sich auf die traditionelle Kompensation für einen gewaltsamen Tod einläßt?

Der junge Mann war ein Eindringling, angelockt vom Materialüberfluß im Lager des deutschen Afrikacorps. Die Wachtposten schossen auf der Grundlage von Gesetz und Befehl. Für die Somalis allerdings ist Sühne wichtiger als die Rechtslage.

Unsere Kamera hat Somalia einen über den anderen Abend in deutsche Wohnzimmer transportiert. Soviel Aufmerksamkeit hat Afrika jahrelang nicht erfahren. Auch wenn die Innensicht, der politische Streit um die Stationierung deutscher Soldaten, die Somalis oft nur zu Statisten degradiert hat: Wir haben die Gelegenheit genutzt, in unseren Berichten die afrikanische Welt näher zu beschreiben. Das geht am besten, wo sich Kulturen aneinander reiben.

Ein deutscher Soldat schickt mit der »Feldpost« Belet Huen einen kunstvoll verzierten Gehstock nach Hause. Er hat ihn auf dem für die fremden Helfer errichteten Andenkenmarkt gekauft. Vielleicht haben die Verwandten daheim durch Presse und Fernsehberichte schon begriffen, daß dieser Stock mehr ist als ein Mitbringsel, Er symbolisiert ein Stück somalischer Kultur, drückt Einfluß und moralische Integrität der Clanältesten aus.


ZDF-Korrespondent Peter Kunz. ZDF-Jahrbuch 93. Mainz 1994, S. 119.

Freilich, Lebensweise und Moralvorstellungen der Somalis haben mit unserer wenig gemein. Deswegen wartet Farah Mohamed, der Kameltreiber, drei Wochen nach dem Tod seines Sohnes Abdullah immer noch auf das Totengeld. Zu verschieden sind die Vorstellungswelten. Später werden die Deutschen widerwillig zahlen.

Aus Ahnungslosigkeit hat die Bundeswehr einen Teil ihrer gutgemeinten und preußisch organisierten Hilfe in Somalia sprichwörtlich in den Sand gesetzt. Ein Wasserhahn in der Wüste macht Sinn. Solange er funktioniert. Danach gibt es keinen Klempner.

Die Welt ist, wo wir sie zu kennen glaubten, so unübersichtlich geworden, daß sie aufs neue erklärt werden will. Flüchtige Modelle taugen dafür wenig. Geschichten sind wieder wichtig. Geschichten aus Afrika erzählt das Team im Studio Nairobi; von einem Kontinent, der sich Nachrichtensplittern und austauschbaren Bild- und Tonfragmenten verweigert. Noch arbeiten wir dabei für einen Sender, der die Wirklichkeit nicht ausschließlich in 1 Minute 30 preßt.

Im Wettrennen um technische Zivilisation ist Afrika abgedrängt worden, schnappt ökonomisch nach Luft, liegt zwischen Krieg und Verzweiflung im Fieber. [..,]

In Afrika, wo Chaos und Anarchie vielfach Ordnung und Tradition abgelöst haben, bewegt sich ein ausländisches, weißes Fernsehteam auf schmalem Grat. Herzlichkeit und Wärme wechseln mit Brutalität und Menschenverachtung. 100 Millionen Menschen werden in Afrika am Ende dieses Jahrhunderts noch ärmer sein, als sie es jetzt schon sind. Armut und Überlebenskampf verschütten die Menschlichkeit im Umgang miteinander.

In der kleinen Nomadenhütte von Farah Mohamed in Somalia, zwischen den Abfallbergen der kamerunischen Hauptstadt Yaoundö, vor einem verkohlten Leichenberg im bürgerkriegserschütterten Burundi: Überall geht es um nackte Existenz. Weit weg von Börsenkursen an der Wall Street und doch eng damit verbunden, Und überall beschäftigen die Menschen die fundamentalen Fragen wie Selbstverwirklichung, Freiheit und Liebe.

Auch Afrika erlebt nach den politischen Erdbeben zwischen Ost und West seine Umbruchphase. Die Saat für eine demokratische Entwicklung liegt in vielen Ländern aus, geht aber noch nicht auf. Solidarität orientiert sich an Clangrenzen und an den Zweigen des Familienstammbaums. Staatswesen auf der Grundlage gemeinschaftlicher Verantwortung bleiben beängstigend konturlos. Die Idee Demokratie steht auf dem Prüfstand.

Wenn wir aktuell und schnell aus Afrika berichten, dann stellt uns das vor immense technische und logistische Probleme. Während Kollegen in der lateinamerikanischen Provinz schon vor Jahren auf ein Telefon oder ein Minimum an Infrastruktur zurückgreifen konnten, bedient man sich südlich der Sahara weiterhin aus den Baukästen Zufall und Improvisation.

Für die Berichterstattung aus Somalia wurde im letzten Jahr ein halbes Dutzend Mal teure Satellitentechnik aus Deutschland herbeigeschafft, für ausführliche Berichte in heute, heute-joumal oder auslandsjoumal. Wie sehr Ausrüstung und Personal dabei durch Hitze, Sand, Ungeziefer oder andere afrikanische Alltäglichkeiten zermürbt werden, weist die Statistik nicht aus.

Das ZDF unterhält ein Studio in Nairobi, um aus einer der unwirtlichsten Regionen der Erde zu berichten. Unser Arbeitsgebiet ist bald 30mal so groß wie die neue Bundesrepublik. Reportieren aus Afrika bleibt Abenteuer, Entdeckung, Mühsal.[ ... ]

Peter Kunz: Geschichten aus Afrika. In: ZDF-Jahrbuch 93. Mainz 1994, S. 1 18f.



M4

Der Südosteuropa-Korrespondent Detlef Kleinert im Gespräch

Ich bin Anfang 1991 in das ARD-Studio nach Wien gekommen. Ich war 1989/90 schon einmal dort, aber nur für eine kurzfristige Abordnungen, weil ich im Bayerischen Rundfunk als Jugoslawienspezialist bekannt war. Ich betreute dann hauptberuflich, dieses Konfliktfeld. Damals war ich natürlich auch noch voller Idealismus. Und als der Krieg dann ausbrach, als ich die ersten schlimmen Bilder zu übermitteln hatte - ich kann mich noch erinnern an dieses grauenhafte Massaker in Borovo Selo (Mai 1991, C.H.), wo 12 kroatische Polizisten von den serbischen Leuten auf die schlimmste Weise massakriert worden sind, mit ausgestochenen Augen und abgehackten Hälsen - da entwickelte sich bei mir die Idee: Du mußt diese furchtbaren Dinge schon deshalb reportieren, um die Menschen, und natürlich auch die Politiker, in Deutschland aufzurütteln, damit sie etwas tun, dies zu unterbinden. Menschen können doch nicht tatenlos zuschauen, so meine naive Vorstellung, wenn du solche Bilder übermittelst. Ich habe dies dann wirklich in der, wie ich finde, angemessenen Deutlichkeit getan.

C.H.: Wie der Kollege Friedhelm Brebeck?

So ungefähr, Aber nicht mit dem Kriegston, den er drauf hat. Er spielt ja ganz bewußt den Haudegen. Ich versuche, mich etwas gepflegter auszudrücken, denn die Sprache des Frontsoldaten, das ist nicht meine Art. Aber ich sage schon auch sehr deutlich, was ich meine. Im Laufe des Krieges, besonders des Bosnien-Krieges, entstand dann bei mir eine große Depression dadurch, daß ich gesehen habe, was auch immer man versucht zu übermitteln, die Öffentlichkeit und besonders auch die Politiker legen eine Ignoranz an den Tag, so daß jedes Wort eigentlich überflüssig ist. In einigen Phasen dieses Krieges hatte ich den fatalen Eindruck, wir vom Fernsehen haben sogar ein bißchen was dazu beigetragen, daß sich dieser Krieg verschärft hat. Die Bilder, die wir notgedrungen liefern mußten, waren angetan, die serbische Seite in ihrem Siegesrausch zu bestärken, und damit natürlich auch der serbischen Bevölkerung den Eindruck zu vermitteln, Serbien sei die unbesiegbare Macht hier. Ich hatte zunächst gehofft, daß unsere Arbeit kriegsmindernd wirken könnte. Diese Hoffnung hab ich inzwischen überhaupt nicht mehr.


ARD-Osteuropa-Korrespondent Deltlef Kleinert.

Man bekommt viele Briefe, man bekommt Anrufe. Im wesentlichen natürlich von Menschen, die in diesen Krieg selber involviert sind, Flüchtlinge, die jetzt in Deutschland leben. Nur ein Beispiel: Kürzlich, als die Belagerung von Bihac aufgebrochen worden ist, da rief mich jemand an, bei dem hatte ich vor anderthalb Jahren mal übernachtet als ich in Bihac war, und der erzählte mir dann, daß sein kleines Hotel inzwischen verwüstet worden ist. Und natürlich wollte er - ein Abdic Anhänger - mich instrumentalisieren, gegen die Regierungstruppen aufhetzen. Es sind zumeist Reaktionen von Betroffenen, die uns erreichen, Reaktionen der »Normal«-Zuschauer sind eher selten. Ein weiteres Beispiel: Ich habe ein Buch geschrieben über meine Erfahrungen in diesem Balkankrieg, Dieses Buch wird von allen Kritikern in den höchsten Tönen gelobt, aber es verkauft sich ausgesprochen schlecht. Man sieht, die Öffentlichkeit hat diesen Krieg entweder nie in der ganzen Konsequenz zur Kenntnis genommen, was auch wieder ein Grund ist für uns Fernsehmacher zu überlegen, ob wir alles richtig gemacht haben, oder aber in der Gesellschaft war eine Grundstimmung vorhanden, die wir nicht durchbrechen konnten, weil verschiedene Institutionen - Parteien, Kirchen, Gewerkschaften, Friedensgruppen usw. - diesem Krieg zu wenig Beachtung geschenkt haben.

Ich erinnere mich an den Golfkrieg, da hat man gemeint, die deutschen Städte seien unmittelbar bedroht, damals gingen die Menschen auf die Straße mit Lichterketten und so weiter. Der Fasching mußte ausfallen, das war 1991. Wir stehen jetzt vor einem Krieg, der uns viel unmittelbarer betrifft und bedroht, nicht nur durch diese grauenhaften Bilder, sondern auch durch das Flüchtlingselend. Und zwar in doppelter Weise: Durch das Flüchtlingselend dort, das wir mitfinanzieren müssen, und durch die Flüchtlingsströme, die zu uns kommen und die in Deutschland ein unglaubliches Gewaltpotential bedeuten. Das sind Menschen, die haben die letzten Jahre gelernt, daß man Konflikte nur mit der Waffe, oder mindestens mit dem Messer oder mit der Faust austrägt. Und mit diesem Gewaltpotential kommen diese Menschen nach Deutschland. Auch dies hat man bisher meiner Ansicht nach viel zu wenig gesehen. Dazu noch eine Anmerkung: Wie wir jetzt sehen, ging es den Friedensgruppen damals beim Golfkrieg offenbar weniger um den Frieden als um die Polemik gegen die Amerikaner.

C.H.: Wie kommen Sie an Ihr Bildmaterial?

In aller Regel arbeiten wir mit den internationalen Teams eng zusammen, auch mit den Agenturen. In vielen Fällen ist es nun so, daß man da überhaupt nicht mehr fragen kann, was für ein Bild nehme ich. Da sind so wenige Bilder vorhanden, daß man das nehmen muß, was überhaupt da ist. Das ist das zentrale Problem unseres Mediums, des Fernsehens, daß wir immer Bilder brauchen, um unsere Nachricht zu transportieren. Wir können nicht sagen, o.k., jetzt nehm' ich ein Foto, und auf dieses Standfoto erzähl' ich jetzt in 1. 30 meinen Beitrag. Wir brauchen Bilder, und wo es keine Bilder gibt, bzw. was nicht in Bilder zu pressen ist, das existiert für uns nur am Rande. Dann gibt's diese berühmte Bild-Text-Schere, die gute Reporter vermeiden und deshalb ist man in vielen aktuellen Fällen froh, wenn man eigene Bilder hat. Für Brennpunkt oder Weltspiegel, da gehen wir schon mit dem eigenen Team raus, um eine ganz eigene Story, möglicherweise sogar abseits der Aktualität, zu finden. Bei den Aktualitäten dagegen, also bei Tagesschau oder Tagesthemen kann es eng werden. Wunderbar, wenn man da eigene Bilder hat. Nur wenn man die nicht hat, dann geht man in den Pool und sagt zu den Kollegen: »Was habt ihr denn heute gedreht?« Und wenn's dann 1.30 hergibt, dann ist man manchmal heilfroh. Ich finde das überhaupt nicht ehrenrührig, wenn ich Ihnen das sage, aber es ist nun mal die Praxis.

C.H.: Es ist ja auch die Frage, was kann ein Team riskieren?

Ich will uns da nicht besser machen, als wir sind. Ja, das sag ich Ihnen ganz offen. Ich habe jedem meiner Teams gesagt: Im Zweifelsfall ein Schritt zurück. Kein Bild der Weit ist ein Leben wert. « Da bin ich ganz cool. Mich hat noch niemand auf ein Defizit angesprochen, im Gegenteil. Von unserer Seite, von der Seite der Fernseh-Gewaltigen aus, hab ich da für diese Haltung immer großes Verständnis gezeigt bekommen.

C. H.: Wo arbeiten Sie, wenn Sie von einem Krisenpunkt berichten? Wie sind da die Arbeitsbedingungen?

In Sarajevo haben wir eine Art Studio, da steht eine Schneideeinheit. Wir haben in Zagreb einen Raum angemjetet beim kroatischen Fernsehen. In diesen Raum wird dann eine mobile Schnitteinheit gebracht. Dann haben wir seit einem dreiviertel Jahr noch die Möglichkeit, mitten in der Prärie zu schneiden und zu senden. Ich hab' beispielsweise Direktübertragungen aus Bihac gemacht, oder eine Direktübertragung, da waren wir an der Front. Damals existierte noch die Krajna, und da haben uns die Kroaten so ein bißchen gezeigt, was sie alles an Militär inzwischen aufzufahren haben, und da haben wir also live aus diesem Frontgebiet Berichte gemacht. Das sind journalistische Highlights.

Detlef Kleinert im Gespräch mit dem Autor.



M5

Friedhelm Drebeck - Ein Portrait

Die Beiträge werden über die Sendeanlagen der European Broadcasting Union (EBU) abgesetzt, eine Zensur findet nicht statt, was laut Brebeck daran liegt, daß die bosnische Regierung genau wisse, daß die EBU ihre Anlagen bei Zensurmaßnahmen stillegen würde. Wenn aber keine Bilder mehr aus Sarajevo nach Mitteleuropa und Amerika kämen, verflüchtigte sich das internationale Interesse am Bosnienkrieg und an einer Lösung des Konflikts rasch. »Wenn wir Pech haben, liefern wir an einem Tag Beiträge für das Morgenmagazin, das Mittagsmagazin, für die Tagesschau, die Rundschau, für den Brennpunkt und die Tagesthernen. Dazu kommen diverse Hörfunkgeschichten.

Der Tag beginnt oft vor sechs Uhr morgens, er endet zwischen Mitternacht und zwei Uhr früh. Das fünfköpfige Team arbeitet, kocht und schläft im Studio; die Hälfte der Zeit und Energie wird gebraucht, um für das tägliche Leben zu sorgen. Brot muß besorgt werden, Kartoffeln und Kohl zu akzeptablen Preisen, Diesel für den Ofen und das Stromaggregat, Ersatzteile für die technischen Geräte und den Wagen wollen gefunden, Mechaniker ausfindig gemacht und bezahlt werden, selbst Kugelschreiber und Papier sind nur mit viel Mühe aufzutreiben. Thomas Roth, ARD-Korrespondent in Moskau, schilderte im Presseclub, daß sich in den vergangenen Jahren das Risiko für Kamerateams und Reporter in den Kriegsgebieten vervielfacht hat, weil das Bildmaterial, das im Frühstücksfernsehen gezeigt wird, am Mittag bereits verbraucht sei und von den Reportern frische Bilder erwartet würden. Brebeck teilt diese Einschätzung, er selbst aber zeigt sich in dieser Hinsicht dickfellig. -Wenn ich keine Bilder habe, gib's keine. Und es gibt kein Bild, das es wert wäre, mein Leben oder das meiner Leute zu riskieren.«

Brebeck bemängelt eine gewisse Unehrlichkeit der ARD-Redaktionen im Umgang mit drastischem Bildmaterial. »Hinter den blutigen Bildern von Massakern und anderen Dingen ist die ARD genauso her wie die anderen auch.« Das sei auch legitim, nur solle »man dann nicht so tun, als sei man besonders sorgfältig und wäge sorgsam ab.« Allerdings werde seine Art, den Tod zu filmen, von der Tagesschau und den Tagesthemen verstanden und respektiert. Er vermeidet bekanntlich allzu nahe Aufnahmen der Opfer, verzichtet im Angesicht des Sterbens auch auf Text, schwenkt die Kamera und versucht, Zusammenhänge herzustellen. Ihm scheint das weniger eine moralische als vielmehr eine handwerkliche Qualität zu sein. Über die formal plumpen Berichte der amerikanischen Kollegen - Sekundenschritte, nur frontale Bilder, nie ein Schwenk - kann er sich denn auch heftig ärgern. Das Grauen angesichts zerfetzter und verstümmelter Leichen, hat Brebeck einem Reporter der Süddeutschen Zeitung gegenüber erzählt, bekommt er nicht mit, wenn er filmt. Erst später am Schneidetisch im Studio sieht er genau hin. Als Gradmesser des Erträglichen dienen ihm dann sein Cutter und sein Kameramann: »Wenn die sich die Hände vors Gesicht schlagen, weiß ich: Das ist die Grenze.« Sich selbst sieht er abgeklärter. Er habe schon mit elf Jahren im Ruhrpott verbrannte Kriegsopfer wegräumen müssen, »das macht mir alles viel weniger aus als meinen jüngeren Kollegen.«

Klaus Haas: Friedheim Brebeck. In: Medium Magazin 2 / 95.


ARD-Osteuropa-Korrespondent Friedhelm Brebeck in Sarajevo

Normen der Berichterstattung

Bis heute gibt‘s kein einheitliches Bundes-Presserahmengesetz, wohl aber Pressegesetze der Bundesländer. Im Grundgesetz Artikel 5 sind die Grundlagen der Presse- und Meinungsfreiheit, auf die sich auch die Fernsehberichterstattung beruft, geregelt. Das Gesetz sichert formal die Freiheit der Berichterstattung und schließt eine Zensur ausdrücklich aus. Die Freiheit der Berichterstattung findet freilich ihre Grenzen im Schutz der Jugend und der individuellen Persönlichkeit. In den verschiedenen Rundfunkgesetzen der Bundesrepublik (WDR, SDR, SR, ZDF u.a.) sind die Aufgaben und Grenzen der journalistischen Berichterstattung näher beschrieben. Der Deutsche Presserat hat darüber hinaus einen Pressekodex erlassen, der der fairen journalistischen Berichterstattung dienen soll. Die Organisation Media Watch fördert zudem die kritische und vorurteilsfreie Berichterstattung über die »Dritte Welt« und wendet sich gegen eine rassistische oder eurozentristische Berichterstattung. Ähnliche Ziele verfolgt der Verhaltenskodex des Bensheimer Kreises. Zu einem konstruktiven Dialog zwischen den öffentlich-rechtlichen Institutionen und diesen privaten Verbänden ist es indessen noch nicht gekommen.



Video-Empfehlung: Filmsequenz 6

Siehe Seite 104

Didaktische Hinweise

  1. Szenario: Mit Ihrem Fernsehteam, das sich in einem Kriegsgebiet befindet, machen Sie die Entdeckung von einem Massengrab. Wie würden Sie entscheiden?

  1. Erstellen Sie mit Hilfe der Materialien (M 1 bis M 6) Richtlinien für die journalistische Arbeit in einem privaten Fernsehsender. Weiche Richtlinien würden Sie am höchsten bewerten, welche am wenigsten?

  2. Untersuchen Sie den Filmbeitrag »Ästhetik des Greuels« (6) unter den Gesichtspunkten des Deutschen Presserats (M 2).

  3. Suchen Sie in der Tagespresse nach Überschriften, die sich Ihrer Meinung nach nicht mit den Richtlinien des Presserats decken. Vergleichen Sie M 3.

  4. Entwickeln Sie eigene Grundsätze für die Berichterstattung über die »Dritte Welt«. Was sollte stärker beachtet werden (Vgl. M 4 und M 6)?

  5. Was kritisiert die Karikatur M 5?



Materialien

M 1

Vorschriften für das Fernsehprogramm des ZDF (Auszug)



§ 5 Gestaltung der Sendungen

  1. In den Sendungen des ZDF soll den Fernsehteilnehmern in Deutschland ein objektiver Überblick über das Weltgeschehen, insbesondere ein umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit vermittelt werden. Die Sendungen sollen eine freie individuelle Meinungsbildung fördern.

  2. Das Geschehen in den einzelnen Ländern und die kulturelle Vielfalt Deutschlands sind angemessen im Programm darzustellen.

  3. Das ZDF hat in seinen Sendungen die Würde des Menschen zu achten und zu schützen. Es soll dazu beitragen, die Achtung vor Leben, Freiheit und körperlicher Unversehrtheit, vor Glauben und Meinung anderer zu stärken. Die sittlichen und religiösen Überzeugungen der Bevölkerung sind zu achten. Die Sendungen sollen dabei vor allem die Zusammengehörigkeit im vereinten Deutschland fördern sowie der gesamtgesellschaftlichen Integration in Frieden und Freiheit und der Verständigung unter den Völkern dienen.



§ 6 Berichterstattung

  1. Die Berichterstattung soll umfassend, wahrheitsgetreu und sachlich sein. Herkunft und Inhalt der zur Veröffentlichung bestimmten Berichte sind sorgfältig zu prüfen.

  2. Nachrichten und Kommentare sind zu trennen; Kommentare sind als persönliche Stellungnahme zu kennzeichnen. j



§ 8 Unzulässige Sendungen, Jugendschutz

(1) Sendungen sind unzulässig, wenn sie

  1. zum Rassenhaß aufstacheln oder grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen in einer Art schildern, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung ausdrückt oder die das Grausame oder Unmenschliche des Vorgangs in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellt (§ 131 StGB),

  2. den Krieg verherrlichen,

  3. pornographisch sind (§ 184 StGB),

  4. offensichtlich geeignet sind, Kinder oder Jugendliche sittlich schwer zu gefährden,

  5. Menschen, die sterben oder schweren körperlichen oder seelischen Leiden ausgesetzt sind oder waren, in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellen und ein tatsächliches Geschehen wiedergeben, ohne daß ein überwiegendes berechtigtes Interesse gerade an dieser Form der Berichterstattung vorliegt; eine Einwilligung ist unbeachtlich.



§ 15 Eingaben, Beschwerden

  1. Jedermann hat das Recht, sich mit Eingaben und Anregungen zum Programm an das ZDF zu wenden.

  2. Das ZDF stellt sicher, daß Programmbeschwerden, in denen die Verletzung von Programmgrundsätzen behauptet wird, innerhalb angemessener Frist schriftlich beschieden werden. Das Nähere regelt die Satzung. [ ... ]



§ 20 Aufgaben des Fernsehrates

  1. Der Fernsehrat hat die Aufgabe, für die Sendungen des ZDF Richtlinien aufzustellen und den Intendanten in Programmfragen zu beraten. Er überwacht die Einhaltung der Richtlinien und der in den §§ 5,6,8 bis 11 und 15 dieses Staatsvertrages aufgestellten Grundsätze. Zitiert in: Rechtsvorschriften für das ZDF, Mainz 1995, S. 30 ff.



M2

Die publizistischen Grundsätze des deutschen Presserats (Pressekodex)

Beim Deutschen Presserat (gegründet 1959) kann sich jeder über Veröffentlichungen in deutschen Zeitungen und Zeitschriften beschweren und einen Verstoß gegen den Pressekodex geltend machen. Im Beschwerdeausschuß sitzen je zur Hälfte Mitglieder der IG Medien, des DJV und der Verlegerverbände. Die Wirksamkeit des Presserates, ein Instrument der freiwilligen Selbstkontrolle, ist allerdings umstritten. Adresse: Deutscher Presserat, Thomas-Mann-Straße 54,53111 Bonn.

Die im Grundgesetz der Bundesrepublik verbürgte Pressefreiheit schließt die Unabhängigkeit und Freiheit der Information, der Meinungsäußerung und der Kritik ein. Verleger, Herausgeber und Journalisten müssen sich bei ihrer Arbeit der Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit und ihrer Verpflichtung für das Ansehen der Presse bewußt sein. Sie nehmen ihre publizistische Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen, unbeeinflußt von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen, wahr. Diese publizistischen Grundsätze dienen der Wahrung der Berufsethik; sie stellen keine rechtlichen Haftungsgründe dar.

  1. Achtung vor der Wahrheit und wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.

  2. Zur Veröffentlichung bestimmte Nachrichten und Informationen in Wort und Bild sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden. Dokumente müssen sinngetreu wiedergegeben werden. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen. Bei Wiedergabe von symbolischen Fotos muß aus der Unterschrift hervorgehen, daß es sich nicht um dokumentarische Bilder handelt.

  3. Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, die sich nachträglich als falsch erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtigzustellen.

  4. Bei der Beschaffung von Nachrichten, Informationsmaterial und Bildern dürfen keine unlauteren Methoden angewandt werden.

  5. Die bei einem Informations- oder Hintergrundgespräch vereinbarte Vertraulichkeit ist grundsätzlich zu wahren.

  6. Jede in der Presse tätige Person wahrt das Berufsgeheimnis, macht vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch und gibt Informanten ohne deren ausdrückliche Zustimmung nicht preis.

  7. Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, daß redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter beeinflußt werden. Verleger und Redakteure wehren derartige Versuche ab und achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken. Werbetexte, Werbefotos und Werbezeichnungen sind als solche kenntlich zu machen.

  8. Die Presse achtet das Privatleben und die Intimsphäre des Menschen. Berührt jedoch das private Verhalten eines Menschen öffentliche Interessen, so kann es auch in der Presse erörtert werden. Dabei ist zu prüfen, ob durch eine Veröffentlichung Persönlichkeitsrechte Unbeteiligter verletzt werden.

  9. Es widerspricht journalistischem Anstand, unbegründete Beschuldigungen, insbesondere ehrverletzender Natur, zu veröffentlichen.

  10. Veröffentlichungen in Wort und Bild, die das sittliche oder religiöse Empfinden einer Personengruppe nach Form und Inhalt wesentlich verletzen können, sind mit der Verantwortung der Presse nicht zu vereinbaren.

  11. Auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt und Brutalität soll verzichtet werden. Der Schutz der Jugend ist in der Berichterstattung zu berücksichtigen.

  12. Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer rassischen, ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.

  13. Die Berichterstattung über schwebende Ermittlungs- und Gerichtsverfahren muß frei von Vorurteilen erfolgen. Die Presse vermeidet deshalb vor Beginn und während der Dauer eines solchen Verfahrens in Darstellung und Überschrift jede einseitige oder präjudizierende Stellungnahme. Ein Verdächtiger darf vor einem gerichtlichen Urteil nicht als Schuldiger hingestellt werden. Bei Straftaten Jugendlicher sind mit Rücksicht auf die Zukunft der Jugendlichen möglichst Namensnennung und identifizierende Bildveröffentlichungen zu unterlassen, sofern es sich nicht um schwere Verbrechen handelt, Über Entscheidungen von Gerichten soll nicht ohne schwerwiegende Rechtfertigungsgründe vor deren offizieller Bekanntgabe berichtet werden.

  14. Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessene sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim Leser erwecken könnte. Forschungserkenntnisse, die sich in einem frühen Stadium befinden, sollten nicht als abgeschlossen dargestellt werden.

  15. Die Annahme und Gewährung von Vorteilen jeder Art, die geeignet sein könnten, die Entscheidungsfreiheit von Verlag und Redaktion zu beeinträchtigen, sind mit dem Ansehen, der Unabhängigkeit und der Aufgabe der Presse unvereinbar. Wer sich für die Verbreitung oder Unterdrückung von Nachrichten bestechen läßt, handelt unehrenhaft und berufswidrig.

  16. Es entspricht fairer Berichterstattung, vom Deutschen Presserat öffentlich ausgesprochene Rügen abzudrucken, insbesondere in den betroffenen Publikationsorganen.

Zitiert nach: Deutscher Presserat: Jahrbuch 1994, Bonn 1995, S. 195ff.



M3

Der Deutsche Presserat entscheidet

Eine Boulevardzeitung berichtet über die Explosion einer serbischen Granate auf dem Marktplatz von Sarajevo. Dabei wurden mindestens 68 Menschen getötet. In dem Bericht kommen verschiedene Politiker mit ihren Meinungen zu dem tragischen Vorfall zu Wort. Als Überschrift wählen die Autoren folgende Formulierung:

»Empörung über Sarajevo-Blutbad: Bombt die Mörder nieder!«

Ein Leser des Blattes wendet sich an den Deutschen Presserat. Die Schlagzeile appelliere an niedere Instinkte. Wer mit Waffengewalt einschreiten wolle, um das fürchterliche Geschehen zu stoppen, dürfe den vermeintlichen Gegner bekämpfen, besiegen, entwaffnen, vor ein ordentliches Gericht bringen, aber er selbst dürfe nicht bestrafen oder rächen. Die Zeitung entgegnet, sie habe in griffiger Form die Meinung hochgestellter Politiker wiedergegeben. Damit spiegele die Forderung nicht die Meinung der Zeitung, sondern die der Weltöffentlichkeit wider (1994).

Der Presserat erklärt die Beschwerde für begründet (Ziffer 11 des Pressekodex) und erteilt der Zeitung einen Hinweis. Die Formulierung -Bombt die Mörder nieder! « ist eine Aufforderung zur Gewalt. Gerade in zugespitzten Kriegszeiten muß in der Berichterstattung der Medien ein Höchstmaß an Sensibilität gelten. Der Presserat hält es nicht für förderlich, wenn in derart angespannten Situationen durch eine solche Wortwahl bei den Lesern zusätzliche Emotionen geschürt werden. Er empfiehlt der Redaktion, künftig genauer auf die Wortwahl in Überschriften zu achten.

Deutscher Presserat (Hrsg.): Jahrbuch 1994, Bonn 1995, S. 49.



M4

Die Ziele von Media Watch

Fehlinformationen und Irreführungen in den Medien versetzen Leser-, Hörer- und ZuschauerInnen mit dem stereotypen Bild der Bedrohung des Nordens durch den Süden zusehends in Angst und Schrecken. Das führt oftmals zu Fremdenfeindlichkeit.

Sie machen einer siebenköpfigen Jury Vorschläge, wo und wie Media Watch mit seiner Kritik bei den Medien und in der Öffentlichkeit vorstellig werden soll. Um Einseitigkeiten zu vermeiden, wird die Jury zu einzelnen Fällen noch ergänzende »Schlechtachten« von Experten einholen. Auch größere Recherchen sind geplant, bei denen Medienwissenschaftler beteiligt werden. Alle aufgegriffenen Fälle und »Schlechtachten« werden in einem medienkritischen Jahrbuch veröffentlicht.

Media Watch: Informationsbroschüre 1995.






Karrikatur aus: Industriegewerkschaft Medien (Hrsg.): Ausbildungswege zum Journalismus, Stuttgart 1993, S. 54.



M 6

Verhaltenskodex des »Bensheimer Kreis«

  1. Allzu idyllische oder Katastrophenstimmung verbreitende Bilder und Inhalte, die nur Mitleid erregen und letztlich der Gewissensberuhigung dienen, anstatt zum Nachdenken über Ursachen aufzufordern, sollten vermieden werden.

  2. Menschen sollten immer im Kontext ihres sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Umfeldes dargestellt werden, damit ihre kulturelle Identität und Würde bewahrt bleibt. Die gewachsene Kultur eines Landes sollte als integraler Bestandteil einer jeden Entwicklung betrachtet und präsentiert werden.

  3. Berichten Betroffener sollte stets der Vorzug gegeben werden vor Darstellungen Dritter.

  4. Die Fähigkeit der Menschen, ihr Leben in eigener Verantwortung selbst gestalten zu können, sollte hervorgehoben werden.

  5. Inhalte sollten so formuliert werden, daß sie Verallgemeinerungen im Bewußtsein der Öffentlichkeit vermeiden.

  6. Die internen und externen Hindernisse, die Entwicklung erschweren oder unmöglich machen, sollten aufgezeigt werden.

  7. Das Geflecht der gegenseitigen Abhängigkeit und daher die gemeinsame Verantwortung zur Überwindung von Unterentwicklung sollten hervorgehoben werden.

  8. Die (politischen, strukturellen oder natürlichen) Ursachen von Armut sollten deutlich gemacht werden, so daß in der Öffentlichkeit ein Bewußtsein entstehen kann von der heutigen Situation der Dritten Welt, aber auch von der Geschichte und dem strukturellen Gefüge dieser Länder vor der Kolonialisierung. Ausgehend von der Situation heute und im Wissen um den historischen Kontext müssen mögliche Wege der Überwindung von extremer Armut und Unterdrückung gefunden werden. Machtkämpfe und opportunistisch verfolgte Eigeninteressen sollten bloßgestellt und Ungerechtigkeit angeprangert werden.

  9. Inhalte oder Formulierungen, die in irgendeiner Hinsicht, sei es kulturell, religiös, ethnisch, sexuell, sozioökonomisch oder in anderer Weise als diskriminierend verstanden werden könnten, sollten vermieden werden.

  10. Die Vorstellung von den armen, abhängigen und machtlosen Menschen der Dritten Welt wird vor allem auf die Frauen dort angewendet, die stereotyp als abhängige Opfer dargestellt werden, oder schlimmer noch, überhaupt nicht in den Blick kommen. Wo also bestimmte Darstellungen in Materialien zur Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit der Korrektur bedürfen, muß vor allem auch das von den Frauen in der Dritten Welt gezeichnete Bild verändert werden.

  11. Bei der Formulierung von Texten für die Bewußtseinsbildung und Öffentlichkeitsarbeit sollten Partner aus den Ländern des Südens zu Rate gezogen werden.

Bilder und Botschaften, Praktische Leitlinien. Herausgegeben von dem Bensheimer Kreis, einem Zusammenschluß verschiedener Nichtregierungsorganisationen der Entwicktungszusammenarbeit, Bensheim 1991.



Manipulation und Zensur

In Massenmedien kann in vielfältiger Weise manipuliert werden. Anders als bei der rein technischen und handwerklichen »Manipulation« dient das Weglassen oder hinzufügen von Bildern und Informationen im politischen Medienalltag nur zu oft der Durchsetzung partikularer politischer Interessen. Durch Manipulation in Bild und Ton sind Kriege legitimiert oder verharmlost worden. Die moderne Computertechnik der virtuellen Bildanimation hat hier der Manipulation und Verschleierung ganz neue Wege und Möglichkeiten eröffnet.



Video-Empfehlung: Filmsequenz 3

Siehe Seite 97



Didaktische Hinweise

  1. Lesen Sie die Pentagon-Vorschriften (M 3). Anschließend wird das Papier in einer Pro-und-Kontra-Runde verteidigt oder kritisiert. Ein Diskussionsleiter und maximal 2 x 5 Personen beteiligen sich daran.

  2. Analysieren Sie das »Manipulationsraster« (M 1). Fügen Sie weitere Möglichkeiten hinzu,

  3. Erörtern Sie die Definition von »Zensur« in M 2. Nennen Sie Beispiele von Zensur in Politik und Kunst.

  4. Unterlegen Sie das Bild (M 4) nacheinander mit einer »serbischen« und einer »kroatischen« Unterschrift. Das Bild wurde im Februar 1995 in Sarajevo aufgenommen.

Materialien

M 1

»Manipulationsraster«

Manipulation im Fernsehen entsteht durch ...



M2

Was heißt »Zensur«?

Zensur ist die mit Machtmitteln versehene Kontrolle menschlicher Äußerungen. Sie führt bei Bedarf zu rechtsförmigen und außerrechtlichen Sanktionen. Beispielsweise zur Behinderung, Verfälschung oder Unterdrückung von Äußerungen vor oder nach ihrer Publizierung.

Durch die Bedrohung der beruflichen/bürgerlichen Existenzen zielt Zensur auf die Internalisierung von Herrschaftsansprüchen. Selbstzensur ist das Resultat erfolgreicher Zensur. Zensurmaßnahmen sollen die öffentliche Meinung vor Äußerungen schützen, welche die bestehende Ordnung gefährden könnten: die Herrschafts-, Autoritäts- und vor allem Eigentumsverhältnisse. Dabei wird die Unmündigkeit und das Schutzbedürfnis bestimmter gesellschaftlicher Gruppen gegenüber solchen Äußerungen unterstellt. Von dieser Vorstellung ausgehend, zielt Zensur auf die Entmündigung der Mehrheit der Bevölkerung. Zensurmaßnahmen sollen die öffentliche Erörterung von Konflikten einschränken, um Autoritäts- und Loyalitätsverluste einzudämmen und rückgängig zu machen.

Michael Kienzle / Dirk Mende: Zensur in der BRD. München1Wien 1980, S.231.



M3

Pentagon-Vorschriften zur »Operation Wüstensturm«

beim Zweiten Golfkrieg 1991



Grundregeln

Über Nachfolgendes darf nicht berichtet werden, da eine Veröffentlichung oder Sendung Operationen aufs Spiel setzen oder Menschenleben gefährden könnte:

  1. Bei US-Streitkräften oder Einheiten der Verbündeten Zahlenangaben über Truppenstärke, Flugzeuge, Waffensysteme, Vorräte oder Versorgungsgüter (z.B. Artillerie, Tanks, Radar, Raketen, Lastwagen, Wasser) sowie die Menge der zu Verfügung stehenden oder vorrätigen Munition oder des Kraftstoffes bei Versorgungs- und Kampfeinheiten. Die Truppenstärke sollte allgemein beschrieben werden mit »Kompaniestärke«, »Multibataillon«, »Multidivision«, »Marinesondereinheit« und »Transporttruppe«. Genaue Zahlen und Mengenangaben über Ausrüstung und Vorräte sollen allgemein beschrieben werden mit »reichlich«, »wenig« oder »viel«.

  2. Jegliche Information über Einzelheiten künftiger Pläne, Operationen oder Luftangriffe einschließlich abgesagter Operationen.

  3. Informationen, Fotografien oder Bilder, auf denen die Stellungen der Militärstreitkräfte erkennbar wären oder die den Sicherheitsstandard von Militäreinrichtungen und Lagern zeigen würden. Stellungen können wie folgt beschrieben werden:

Berichte über die Kriegsmarine können den Namen des Schiffes enthalten, dem sich der Bericht widmet, und angeben, daß der Bericht vom »Persischen Golf-, vom »Roten Meer« oder vom »Nordarabischen Meer« kommt. Berichte aus Saudi-Arabien können eingegrenzt werden mit »Östliches Saudiarabien«, »in der Nähe der kuwaitischen Grenze« usw. Für spezielle Länder außerhalb Saudi-Arabiens gilt, daß der Bericht aus der Region des Persischen Golfes kommt, es sei denn, das Land hat seine Teilnahme bestätigt.



Richtlinien

Informationen über Verluste, die die nächsten Angehörigen betreffen, sind als höchst sensibel zu betrachten. Die nächsten Angehörigen der Soldaten bei sämtlichen militärischen Einrichtungen müssen persönlich von einem uniformierten Mitglied der entsprechenden Einrichtung unterrichtet werden. Es ist schon vorgekommen, daß die nächsten Verwandten vom Tod oder von der Verwundung eines Angehörigen zuerst durch die Medien erfahren haben.

Das Problem ist besonders schwierig für visuelle Medien. Fotografien von Verwundeten, auf denen man ein Gesicht, Namensschild oder ein anderes Identifikationsmerkmal erkennen kann, sollten nicht veröffentlicht werden, bevor die nächsten Angehörigen verständigt wurden. Den großen Schmerz, den ein plötzliches Wiedererkennen bei den Angehörigen auslösen kann, wiegt den Nachrichtenwert der Fotografie, des Films oder Videobands bei weitem nicht auf.

Die Berichterstattung über Verwundete in medizinischen Einrichtungen erfolgt streng nach Anweisung der Ärzte und der Verantwortlichen in diesem Bereich.

Für Einzelpersonen der Medien, die sich Zutritt zum US-Kampfgebiet verschaffen möchten, gilt folgende Regel: Vor oder bei Beginn von Kampfhandlungen werden Medienpools eingerichtet, um Vorsorge für eine erste Kampfberichterstattung der US-Streitkräfte zu treffen.

Zitiert in: Heimo Schwilk: Was man uns verschwieg. Der Goltkrieg in der Zensur. Berlin 199 1, S. 69ff. - Hervorhebung C. H.




Foto dpa. Sarajevo – »Schuljungen spielen Fußball«



Die An- und Abmoderation im Fernsehen

Die Moderatorin oder der Moderator sind im aktuellen Fernsehprogramm »Verkäufer« der Ware Nachricht, Feature oder Information. Sie sitzen während der Sendung meist live im Studio und führen den Zuschauer in die einzelnen Berichte, stellen Zusammenhänge her, deuten auf Hintergründe der folgenden Berichte. Im Falle des Weltspiegels oder des Auslandjournals sind die Moderatoren der Sendung sehr oft auch selbst Auslandskorrespondenten gewesen und kennen damit die journalistische Arbeit vor Ort. Der Moderator ist Mittler zwischen Publikum und dem Medium Fernsehen.



Video-Empfehlung: Filmsequenz 1

Siehe Seite 93



Didaktische Hinweise

  1. Die Materialien M 4 und M 5 enthalten Beispiele von An- bzw. Abmoderationen. Die Texte werden in der Klasse vorgelesen. Die Schüler sollen danach versuchen, das Gehörte so genau wie möglich schriftlich wiederzugeben. Was ist »hängengeblieben«, was nicht?

    Vergleichen Sie die beiden Moderationen. Was ist gelungen, was ist zu kritisieren?

    Benennen Sie sprachliche Besonderheiten.

  1. Erstellen Sie das Idealprofil eines Moderators, welche Eigenschaften muß er haben (M 1).

  2. Welche Moderatorinnen und Moderatoren, Korrespondentinnen und Korrespondenten haben Sie schon einmal auf dem Bildschirm gesehen? Versuchen Sie, die auf Seite 56 abgebildeten Korrespondenten und Moderatoren zu identifizieren.

  3. Vergleichen Sie die Aussagen von Kurt Stenzel und Nikolaus Brender und unterstreichen Sie die Kritikpunkte der »Macher« (M 6 und 7). 5. Erstellen Sie eine eigene Anmoderation zum Filmausschnitt »Ästhetik des Greuels« (Filmsequenz 6).

Materialien



M 1

Der Moderator



Die Moderation im Kommunikationsprozeß läßt sich schematisch wie folgt darstellen:

Zeichnung aus: Jürg Häusermann/Heiner Käppeli: Rhetorik für Radio und Fernsehen. Aarau/Frankfurt a.M. 1986, S.154.

Das gängige Modell der Kommunikation geht von einem Sender-Empfänger-Modell aus, es hat Einbahnstraßencharakter. Beim Moderieren politischer Magazine geht man heute von einer differenzierteren Vorstellung aus, die im Idealfall zur Interaktion der Rezipienten führt. Der Moderator versucht die Welt »begehbar« zu machen und lädt den Zuschauer zur Interaktion ein. Die rein sachliche Mitteilung des Moderators wäre demnach aufgehoben zugunsten des persönlichen Kommentars, der handlungsorientiert sein kann, in dem z.B. Änderungen oder Verbesserungen angemahnt werden. Die gelungene Moderation schafft Orientierung, motiviert zum Zuschauen, macht komplexe Vorgänge transparent, schafft den persönlichen Kontakt zwischen dem Sender und dem Publikum.

M2

Der ideale Moderator

Der »ideale« Moderator ist ein Übermensch, heißt es. Er ist ein Profi, der zudem noch die Eigenschaft besitzen muß, daß man es ihm nicht anmerkt, sondern ihn als vertrauten, klugen Freund empfindet. Das bedeutet: Den idealen Moderator gibt es allenfalls annäherungsweise: Er soll entspannt, aber nicht lässig wirken; ruhig, aber nicht langweilig sein, überlegen, aber nicht arrogant: sprachgewandt, aber nicht maniriert, gut gekleidet, aber nicht geckenhaft. Kurz: ein Mensch (ob männlich oder weiblich), den man gern neben sich auf der Wohnzimmercouch wüßte.

Wie ein Programm beim Publikum ankommt, steht in direktem Zusammenhang mit der Aufnahme des Moderators. Zuschriften in großer Zahl belegen, daß die Sendung mitsamt ihren in Form und Inhalt sehr unterschiedlichen Beiträgen akzeptiert wird, wenn der Moderator anerkannt wird. Wird er dagegen - aus welchen Gründen auch immer abgelehnt, haben es auch noch so gute Beiträge schwer, »überzukommen«.

Gerhard Schult/Axel Buchholz (Hrsg.): Femsehjoumalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. München 1993, S. 300.



M3

Auslandskorrespondenten (ARD)

Algier: .................................. Gerd Böhmer (SWF)

Amman: ............................... Jörg Kaminski (WDR)

Ankara: ................................ Michael Matting (SWF)

Brüssel: ............................... Rolf-Dieter Krause (WDR)

.............................................. Udo Lielischkies (WDR)

.............................................. Helga Märthesheimer (WDR)

.............................................. Peter Pistorius (SFB)

.............................................. Irmtraud Richardson (BR)

.............................................. Hans Linketscher (SWF) u.a.

Buenos Aires: ...................... Jochen Nuhn (SWF)

Genf: .................................... Gerhard Irmler (SWF)

Istanbul: .............................. Dieter Sauter(BR)

Johannesburg: ..................... Veit Lennartz (SDR)

Kairo: ................................... Andreas Chichowicz (SDR)

London: ................................ Rolf Seelmann-Eggebert (NDR)

.............................................. Johanna Hüsch (NDR)

Madrid: ................................ Fritz Pfeiffer (HR)

Mexico-City: ........................ Peter Puhlmann (SWF)

Moskau: ............................... Sonia Mikich (WDR)

.............................................. Ina Ruck (WDR)

Nairobi: ............................... Hans-Josef Dreckmann (WDR)

.............................................. Hans Max Hübner (WDR)

Neu Delhi: ........................... Matthias Woestmann (MDR)

.............................................. Harald Händel (MDR)

New York: ........................... Petra Lidschreiber (WDR)

Paris: ................................... Heiko Engelkes (WDR)

.............................................. Tina Hassel (WDR)

Peking: ................................ Marcus Lesch (NDR)

Prag: .................................... Thomas Baumann (MDR)

Riga: .................................... Michael Kipp-Thomas (NDR)

Rom: .................................... Michael Mandlik (BR)

Singappur: .......................... Patricia Schlesinger (NDR)

Tel Aviv: .............................. Friedrich Schreiber (BR)

Tokio: .................................. Robert Hetkämper (NDR)

Warschau: ........................... Hardy Kühnrich (ORB)

Washington: ........................ Jochen Schweizer (WDR)

.............................................. Werner Sonne (WDR)

.............................................. Claus Kleber (WDR)

.............................................. Tom Buhrow (WDR)

Wien (Südosteuropa): ........ Peter M. Dudzik (BR)

.............................................. Detlef Kleinert (BR)



Stand des Überblicks: Dezember 1995.



M4

Anmoderation (1)

»Wer Beirut gemocht hat, wird Mogadischu lieben.« - Mit diesem Satz ist ein amerikanischer Botschafter im Nahen Osten berühmt geworden. Wie recht er doch hatte! Der Libanon und Somalia sind Länder, wo man mit kurzatmigen Militäraktionen nur scheitern kann. Am 18. März hat der letzte deutsche Blauhelm-Soldat Mogadischu verlassen. Unsere Beteiligung war immer umstritten, politisch wie juristisch. Am 12. Juli wird das Bundesverfassungsgericht entscheiden, ob der Einsatz verfassungskonform war. Was rechtens ist, muß noch lang nicht politisch klug sein, kann es aber selbstverständlich. Uns interessiert heute die schlichte Frage, was der Bundeswehreinsatz den Menschen vor Ort gebracht hat. Christoph Maria Fröhder aus Belet Huen.



Abmoderation

Traurig, aber wahr. Wieviele gute Vorsätze sind in Somalia regelrecht versandet!

Kurt Stenzel, SDR-Weitspiegel vom 3. 7. 1994.



Fotos:Nikolaus Brender, Friedhelm Brebeck, Rolf Seelmann-Eggebert, Johanna Hüsch

M 5

Anmoderation (2)

Szenenwechsel. Unser Dauerthema Bosnien. Die einzige Konstante in dieser Tragödie ist die Ungewißheit, wie es weitergeht. Wie oft haben wir in den letzten Jahren das Wort entscheidend gehört. Der entscheidende Durchbruch, die entscheidende Schlacht, die entscheidende Konferenz. Allen Entscheidungen gemeinsam war dann allerdings die späte Erkenntnis, daß die Lage nachher noch verworrener war als vorher. Wir stehen wieder vor einem derartig entscheidenden Schritt. Die Kontakt-Gruppe, bestehend aus den USA, Rußland, Frankreich, Großbritannien und Deutschland, hat einen Friedensplan vorgelegt, der Bosnien - und das ist der Knackpunkt - im Verhältnis 51 zu 49 Prozent zwischen der muslimisch-kroatischen Föderation und den Serben aufteilt. Das heißt konkret: Die bosnischen Serben, die heute 70 Prozent kontrollieren, müssen erobertes Land zurückgeben, und das wollen sie unter keinen Umständen. Da ihre serbischen Brüder in Belgrad, als letzte Verbündete, einen radikalen Kurswechsel vollzogen und gegenüber den Serben in Bosnien ein Embargo verhängt haben, stehen sie hier mit dem Rücken zur Wand. Allein gegen den Rest der Welt. Bunkermentalität macht sich breit. Ulrich Schramm berichtet. [,,.]



Abmoderation

In Bosnien wurde in den letzten Jahren so viel getrickst, getäuscht, gelogen und betrogen, daß jedes Urteil einem Va-banque-Spiel gleicht. Ist der Riß zwischen Belgrad und Pale, zwischen Milosevic und Karadzic echt oder doch nur wieder eine neue Variante in einer raffinierten Doppelstrategie? Ich glaube, es gibt Konflikte, die kann man außen kaum verstehen, die kann man vielleicht nur verstehen, wenn man dort lebt. Der Bürgerkrieg in Bosnien gehört dazu, ebenso der Krieg in Nordirland [ ... ].

Kurt Stenzel, SDR-Weitspiegel vom 14. 8. 1994.



M 6

Nikolaus Brender über Moderation

Das Anmoderieren gehört zum Schwierigsten, was es gibt. Und ich muß Ihnen sagen, als ich den Weltspiegel abgegeben habe, da hat es mir auf der einen Seite Leid getan, weil ich die Sendung sehr mochte und auch die Themen mochte. Auf der anderen Seite war ich auch ganz froh, weil nach einer 30-Sekunden-Anmoderation können Sie sich immer sagen: Ich habe den größten Mist erzählt. Die Verdichtung auf 30 Sekunden ist im Grunde nicht zu schaffen. Das heißt, Sie können im Grunde dann nur mit Ihren eigenen Erfahrungen operieren. Sie können auch mit sich selbst »hausieren« gehen, um den Versuch zu machen, den Leuten, die Sie als Weltspiegel-Gemeinde vor sich haben, etwas so zu verkaufen, daß sie Ihnen das abnehmen. Das wird sicher immer in die Hosen gehen, und das merkt man auch an den Zuschauern, Zuschauerbriefen und Reaktionen, wenn die Leute das Gefühl haben, der hat das Problem sowieso nicht kapiert oder hat es persönlich auch gar nicht erfahren, und der erzählt dann irgendwelche angelesenen und dann einfach selbst übersetzte Dinge. Das ist schwierig, aber der Moderator ist im Grunde in dem Bereich ein Verkäufer. Das Wichtigste ist der Film, und der Moderator muß vielleicht mit seinem Gesicht und seiner Persönlichkeit so überzeugend wirken, daß er so die Rutschbahn zu diesem Beitrag schafft und die Zuschauer darauf einstimmt. Und er hat natürlich auch eine technische Funktion. Er muß unterschiedliche Beiträge, die ja - wenn man keine Schwerpunktsendung macht - aus allen Ecken der Welt kommen, so zusammenbinden, daß es noch ein organisches Produkt ergibt. Für mich war der beste Weltspiegel-Moderator Dagobert Lindlau, obwohl er ja nie Auslandskorrespondent war. Er hat sich völlig freigemacht von gängigen Klischees, die er in den Zeitungen hätte finden können. Er hat sich die Stücke wirklich angeguckt und damit intensiv beschäftigt. Danach hat er das, was er unmittelbar empfand, dem Zuschauer vermittelt. Seine persönlichen Zweifel und Fragen hat er immer mitvermittelt. Und das, denk ich, ist auch in der gesamten Auslandsberichterstattung zunehmend wichtiger.

Nikolaus Brender im Gespräch mit dem Autor.



M7

Kurt Stenzel über Moderation

Die Anmoderation der einzelnen Weltspiegel-Beiträge ist für mich nicht nur einfaches Reinplaudern. Sie soll den folgenden Film einordnen und den geistigen, kulturellen und politischen Hintergrund vermitteln, in dem man den Bericht sehen muß.

Ich lese mich vor jeder Sendung gründlich in die Thematik der Filme ein. Diese Zeit nehme ich mir, das ist notwendig. Das heißt auch, daß ich jedesmal mit dem Korrespondenten spreche, der den Film gemacht hat. Von ihm erhalte ich weitere Einzelheiten zum Thema. Durch die vier Weltspiegel-Redaktionen und die zahlreichen verschiedenen Korrespondenten ergibt sich eine Pluralität, die ich sehr interessant finde. Also wie gesagt, ich bereite mich gründlich auf jede Moderation vor.

Für die Anmoderation habe ich durchschnittlich etwas mehr als eine Minute Zeit. Das bringt Probleme mit sich und fordert den Moderator heraus. Er muß in dieser Minute Zusammenhänge herstellen, das Interesse der Zuschauer wecken und den historischen und internationalen Hintergrund vermitteln. Dies muß freilich so geschehen, daß sich möglichst viele Menschen angesprochen fühlen und daß es von ihnen verstanden wird. Die damit verbundene Verkürzung ist nicht einfach und hat ihre Tücken.

Bei der Abmoderation geht man aus naheliegenden Zeitgründen entweder gleich zum nächsten Film über oder man kann von Fall zu Fall das Thema noch erweitern. Das haben wir in jüngster Zeit aus aktuellem Anlaß auch getan. Es war ein Beitrag über islamische Probleme. Wir hatten viel über Terror und Fundamentalismus berichtet. Ich dachte sagen zu müssen, daß Fundamentalismus keine islamische Spezialität ist. Ich wollte damit dem Neuaufkommen eines Feindbildes ein bißchen entgegensteuern. Es wird immer stärker, wir müssen da aufpassen. Sicher, es gibt Eiferer und Terroristen. Aber der Moderator muß sich dann eben auch bemühen zu erklären, warum der Fundamentalismus überhaupt eine Chance hat. Ich habe in meiner Abmoderation versucht zu differenzieren. Bei dem fraglichen Bericht ging es um Niger, wo islamischer Fundamentalismus einen sehr negativen Touch hat. Ich habe in der Tat das Gefühl, daß in unserer Gesellschaft der Islam in eine Rolle gedrängt wird, die falsch ist, Der Islam ist an sich eine sanfte Religion, über Jahrhunderte, und ist es in überwältigender Mehrheit heute noch. Wo Terrorismus mit dem Islam allzu salopp verbunden wird, da versuche ich z.B. in der Abmoderation entgegenzusteuern. Ich glätte nicht, aber unter Umständen gewichte ich in der Abmoderation neu.

Kurt Stenzel im Gespräch mit dem Autor.



Die Macht der Bilder: Krieg als Medienspektakel

Die Kriegsberichterstattung im Bild und mit Bildern läuft nahezu parallel zur Filmgeschichte. Das Bild, so will es scheinen, duldet zunächst keinen Widerspruch. Es hat absoluten Charakter und gibt sich zunächst immer »objektiv«, weil es über seine Entstehung, Auswahl und Arrangement nur sehr wenig »erzählt«. Das zwanzigste Jahrhundert gilt zu Recht als durch die Optik geprägt. Wir leben heute in einer extrem visualisierten Gesellschaft, die sich in starkem Maß auf den bildlichen Eindruck verläßt. Die moderne Fernsehgesellschaft hat diesen allgemeinen Trend nochmals erheblich verschärft. Die Krisen- und Kriegsberichterstattung ist ein ganz wesentlicher Bestandteil des Fernsehens geworden. Das belegte nicht nur die Berichterstattung über den Zweiten Golfkrieg, auch der Somalia-Einsatz der UNO und die Bilderflut aus dem ehemaligen Jugoslawien bestätigen dies. Die Bilder bedienen allzu oft sensationelle Bedürfnisse und signalisieren den knallharten Wettbewerb des Fernsehens um die blutigsten Bilder von den Schlachtfeldern. Der Krieg hat sich für den Zuschauer zumindest tendenziell - auf den Bildschirm verflüchtigt. Konflikte degenerieren zum Reality-Spektakel. Der behutsame Hintergrundbericht hat es da schwer, die Analyse, die hinter die Oberfläche leuchtet, ist die Ausnahme.

Empfehlung: Filmsequenzen 2 und 3

Siehe Seite 95, 97



Didaktische Hinweise

  1. Die Materialien M 1 und M 2 enthalten Bilderfolgen aus zwei Fernsehberichten über Somalia. Unter den - jeweils sechs - Bildern stehen die Originalzitate aus den Fernsehsendungen.

  1. Erläutern Sie in freier Rede (1 Minute) den Somalia-Einsatz der UNO. Was waren die Gründe? Nennen Sie kritische Aspekte des Einsatzes.

  2. Was bewirkt die Bilderflut des Fernsehens im Extremfall (M 3 / M 4)?



Materialien



M 1

Bilder von der Landung der US-Soldaten in Somalla

(ZDF-spezial, 9.12.1992)







»Sie sitzen da wie Models ...


...zum Abschuß für die Fotografen.«


»Drei Clanmitglieder...«


»Scheinbare Routine in Mogadischu, als ginge ein ganz gewöhnlicher Soldatentag zuende.«




»Ratlosigkeit verbindet die amerikanischen Soldaten mit den Somalis.«

(Alle 5 Bilder aus ZDF-spezial: 9.12.1992)



M 2

Bilder aus Somalia (NDR-Weltspiegel, 23.5.1993)


»Der Chef des Ostclans empfängt uns«


»Niemals zuvor traf ich einen somalischen Führer, der sich ohne bewaffnete Leibgarde bewegte«


»Für die Bewässerung brauchen wir Pumpen und Generatoren.«


»So viele Fremde, so viele Vertreter der Hilfsorganisationen sind gekommen und haben uns so viel versprochen.«


»Den Schwangeren und Gebärenden fehlen Ärzte und Medizin.«


»Wenn der Regen Hiiran ergrünen läßt, haben die Clans hier keine Probleme. Es gibt keinen Streit zwischen ihnen.«



Alle 6 Fotos: Weltspiegel: 23.5.1993.



M3

Schwarze Statisten

Nach dem Desaster in Somalia stürzten sich die westlichen Medien auf die Verhältnisse in Ruanda. Alle denkbaren menschlichen Tragödien, die sich in beiden Ländern abspielten, wurden bis ins kleinste Detail ausgeschlachtet. Die Berichte waren mit Zahlen von blutigen Opfern vollgestopft. Bis auf ganz wenige Ausnahmen blieben die Opfer anonym. Über die Europäer, die in Gefahr waren, erfuhr man Genaueres. Der bekannte Dritte-Welt-Journalist Walter Michler hat verbittert festgestellt: »Schwarze Tote zählen weniger. «

Informationen und Nachrichten über Afrika widersprechen sich häufig. Je nach Haltung und Sympathie des Korrespondenten werden Systeme und Regimes gerechtfertigt oder verdammt. Politische Konflikte oder bewaffnete Auseinandersetzungen, deren historische Zusammenhänge ein Journalist nicht begreifen kann, werden als »sinnlos« bezeichnet. Die eigene Unwissenheit kaschiert sich dabei häufig hinter Zynismus. Der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe hat es frühzeitig erkannt: »Das erste Beispiel für den Fluchtversuch der Weißen vor einem wahrhaften Dialog ist der Auslandskorrespondent.«

Man muß lange nach Berichten und Reportagen über Afrika suchen, die nicht mit Begriffen wie »Bürgerkrieg«, »Stammesfehde«, »Armut«, »Flucht«, »Seuchen« und »Aids« übersät sind. Formulierungen wie »Bevölkerungsexplosion«, »Flüchtlingsstrom« oder »Schwärme« suggerieren Bedrohung. Überfall, Angst. Viele Journalisten messen die Menschenwürde mit zweierlei Maß. Allzu häufig fehlt es an Respekt und Toleranz gegenüber anderen Kulturen, Nationalitäten, hautfarben. Die Diskriminierung findet gleichermaßen in Wort, Ton und Bild statt. Journalisten und Journalistinnen müssen sich die Frage gefallen lassen, wieviel ihre Berichterstattung zum Fremdenhaß und Rassismus der Deutschen beiträgt.

Wenn es um negative Beschreibungen von Afrikanern geht, sind westliche Reporter und Korrespondenten mit den Superlativen gar nicht sparsam. Doch wenn es gilt, Stärken und Erfolge dieser Menschen hervorzuheben, scheinen die wortgewaltigen Europäer plötzlich sprachlos zu sein. Es ist nicht zu leugnen, daß man aus Afrika kaum wirtschaftliche Erfolgsstories vermelden kann und wenn, dann sind europäische Journalisten meist auf einem Auge blind. In einem Bericht der Frankfurter Rundschau über Eritrea, in dem konsequent und minutiös das Image des Landes demontiert wird, erfahren die Leser ausführlich, was Weiße für die Schwarzen tun und nicht tun. Dagegen werden die durchaus vorzeigbaren Aufbaubemühungen und –erfolge der Eritreer in ihrem vom Krieg zerstörten Land verschwiegen oder ignoriert.

Mekonnen Mesghena: Schwarze Statisten. In: journalist 1195, S. 20f.



M4

Kriegsbilder - Bilderkrieg

Im Wettbewerb hat die Nase vorn, der den Krieg zum reality tv verharmlost, mit 70 cm Diagonale und dann Stopp. Den Schrecken an die Wand, d.h., auf den Bildschirm, zu malen heißt, ihn dort zu bannen und zu lassen. Die immer wiederholten gleichen Bilder von verschiedenen Schauplätzen erfüllen ihre Funktion nicht mehr. Daher der Zwang zum exceptionellen, exklusiven Bild, weil andernfalls in der ersten Reihe zum Konkurrenzkanal hinübergezappt wird. Es braucht die Nahaufnahme, um glauben zu machen, direkt dabeizusein. Dies birgt ein doppeltes Risiko, sagt der Regisseur Franco Giraldi, nämlich hypnotisiert zu werden vom »Reiz des Schreckens« und den Kontext zu verlieren. In beiden Fällen besteht das »Risiko der Unwirklichkeit«. Die nahe, manchmal intime Aufnahme kann Bände sprechen; im kommerziell erzwungenen Übermaß jedoch läßt sie Zusammenhang und Übersicht verlorengehen.

Schlichter: Da, wo geschossen wird, ist nur ein Ausschnitt des Krieges zu sehen. Der fängt lange vorher in den Köpfen an und kann in seinen Auswirkungen, die über Generationen Gewicht haben, am allerbesten bei den Opfern erkannt werden. Sie und ihre Schicksale sollten im Zentrum der Berichterstattung und jedweden politischen Kalküls stehen. Das könnte die Ratlosigkeit brechen, jedenfalls das fürchterliche und gefährliche Nichtstun überwinden und gleichzeitig blinden Aktionismus vermeiden helfen - ein Ansatz für Friedensarbeit, wie sie von vielerlei gesellschaftlichen Gruppen probiert wird. [ ... ] Schon in vielen Fällen hat allein die Anwesenheit von Journalisten Kriegshandlungen, Mord und Leid ausgelöst, weil die Täter auf Multiplizierung der propagandistischen Wirkung zählten. Bei dem balkanischen Massaker gibt es keine unschuldigen Zuschauer mehr; auch keinen Freispruch für die professionellen Beobachter. Medien spielten eine üble Rolle schon vor dem offenen Krieg, der wohl ohne die systematische Aufhetzung von Volksgruppen nicht ausgebrochen oder schnell zu Ende wäre: in Bosnien keine Bombe ohne Medienkrieg.

Zwischen Krieg und Medien herrscht eine ambivalente, manchmal obszöne Beziehung. Ob mit Selbstkontrolle und manchen Korrekturen ein verhängnisvolles Verhältnis vermieden werden kann?

Roman Arens: Kriegsbilder - Bilderkrieg. In: Frankfurter Rundschau, 1. 2. 1994.



Der »elektronische« Krieg

Spätestens seit dem Zweiten Golfkrieg von 1991 wissen wir um die großen Gefahren der Manipulation am Bildschirm. Es gab zwar nach Hundertausenden zählende Opfer, doch der Krieg wurde dem Zuschauer als ein makabres »Videospiel« präsentiert, als ein asept: sches Bildschirmereignis, das die Opfer weitgehend verschwieg. Möglich war dieser »virtuelle« Krieg am häuslichen Bildschirm freilich erst durch die Integration perfekter Zensurtechniken in den Medien. Was mit den Menschen geschah, wurde nicht zur Kenntnis genommen oder bewußt verschwiegen. Beim NATO-Einsatz im ehemaligen Jugoslawien Ende August 1995 gab es ganz ähnliche Fernsehbilder wie im Golfkrieg. Auch hier dominierte Technikeuphorie in den Nachrichtensendungen. Nach den Opfern fragte das Fernsehen nur ganz am Rande.



Empfehlung: Filmsequenz 3

Siehe Seite 97



Didaktische Hinweise

  1. Was zeigen die Fernsehbilder, was verschweigen sie (M 1)?

  2. Analysieren Sie die Karikatur M 2 anhand des Analysebogens (M 3).

  3. Welche Kritik äußert Nikolaus Brender am deutschen Fernsehen? Unterstreichen Sie Kernaussagen (M 4).

  4. Untersuchen Sie die Nachrichtensprache der Tagesschau. Gibt es Anzeichen für eine »parteiliche« Sichtweise; was spricht für einen »objektiven« Standpunkt (M 5)?

  5. Diskutieren Sie Glosse aus der Süddeutschen Zeitung (M 6). Was prangert sie an?

  6. Gewichten Sie die Wörter (M 7) und deuten Sie ihre sprachliche Funktion.



Materialien

M 1

Bilder vom NATO-Luftangriff

(Tagesschau, 31. 8. 1995)

Tagesschau: 31.8.1995.


M 2



Karikatur: Der Nebelspalter



M3

Frageraster für die Analyse von Karikaturen

Was sieht man? Welches Problem / Ereignis ist dargestellt? Welche Personen sind zu erkennen? In welchen Lebenssituationen? Welcher Widerspruch wird aufgedeckt?

Was fällt besonders auf? Welche Mittel verwendet der Karikaturist? Auf weiche Weise spricht er uns an? Wie werden Personen dargestellt? Welche Typisierungen werden verwendet?

Wer hat die Karikatur gezeichnet? In wessen Diensten? Was ist überden Karikaturisten bzw. seinen Auftraggeber bekannt? Welche Ziele verfolgt der Karikaturist? Welche bzw. wessen Partei ergreift er?

Wann ist die Karikatur entstanden? Wo ist sie entstanden? Was wissen wir aus anderen Quellen über diese Zeit?

Was will der Karikaturist erreichen? Wen (was) greift er an und warum tut er das?

Welche Emotionen löst die Karikatur aus?

Wie wirkt die Karikatur



Vgl. H. Uppendahl: Die Karikatur im historisch-politischen Unterricht. Freiburgl Würzburg 1978.



M4

Nikolaus Brender über Realität und Fiktionalität im Fernsehen im Golf-Krieg

Wir stellten am 17. Januar 1991 fest: Da ist Krieg, und es gibt keine Bilder. Also: Was muß das für ein schlimmer Krieg sein, der keine Bilder liefert. Von allen Kriegen der Welt hatten wir ja zumindest Bilder. Man konnte sie einschätzen.

Wieso sind Sie der Faszination der Bilder vom Krieg so erlegen?

Sie haben die Bilder ja selber gesehen: eine völlig neue elektronisch gesteuerte Technik: die fernlasergesteuerten Bomben, was mit den Menschen direkt nichts mehr zu tun hatte, von irgendwoher gelenkt war und ein Ziel traf, das sie nicht kannten. Es war kein Erster oder Zweiter Weltkrieg mehr, wo man den Soldaten sah, der schoß, und den Menschen, der starb. Das war eine Faszination. Auch die Sprache im Fernsehen gab das wieder. Die Korrespondenten sprachen - als die ersten Bomben ins Ziel trafen - nicht mehr über die furchtbaren Ereignisse, sondern waren nur noch fasziniert und fast gelähmt von dieser neuen Technik. An Kriegen war in unserer Redaktion niemand beteiligt. Wir wußten nicht, was Krieg ist. Wir waren eingebunden in das Spektakel Deutsche Einheit - ein Livespektakel. Die vielen Kriege, über die wir berichtet haben, das Massaker an den Kurden oder der Krieg in Kambodscha waren sehr viel weiter weg. Der einzige Krieg, der uns tangierte, war der Kalte Krieg. Aber der zeigte ja keine Bomben, der zeigte keine Verletzten, der zeigte keine Toten.

Es gibt den Vorwurf an die Medien, zu sehr aus der Sicht der Täter berichtet zu haben.

Das ist richtig. Bei allen Kriegen gab es eine Pressezensur, nur das wollte man jetzt nicht mehr wahrhaben. Das Medium Fernsehen, so wie es sich jetzt manifestiert, gibt sowohl dem Zuschauer als auch dem Journalisten eine Art von Eigeneinschätzung der Virtualität. Ich kann alles recherchieren, ich kann alles durchblicken, ich kann alles vernünftig abwägen und überlegen, und ich kann alles zur Sendung bringen. Alles stimmt nicht. Ich konnte nicht recherchieren, ich konnte nicht abwägen, ich konnte nicht vernünftig nachdenken und ich habe alles, was ich nicht konnte, zur Sendung gebracht. Es war totales Fernsehen mit null Informationen und trotzdem haben wir mitgemacht, Wir waren von den Einschaltquoten fasziniert. Die Leute haben alles gesehen, haben geguckt wie die Verrückten. Obwohl jeder wußte, da kommt nicht viel an Information. Es wurde unglaublich oft wiederholt, Bilder wurden wiederholt, Aussagen wurden wiederholt, und trotzdem haben die Leute geguckt.

Interview mit Nikolaus Brender.- » Wir haben unseren eigenen Krieg ausgefochten«. In: Martin Löffelholz (Hrsg.): Krieg als Medienereignis. Opladen 1993, S. 172f.



M 5

Tagesschau vom 30.8.1995 (Auszug)

Im Hintergrund eine Karte von Bosnien-Herzegowina. Schrift-Einblendung: »Militärschläge gegen Serben« und »Sprecher- Joachim Braune«..

Guten Abend, meine Damen und Herren! Die Vereinten Nationen und die NATO haben in Abkehr von ihrer bisherigen Bosnienpolitik jetzt massiv militärisch eingegriffen. Kampfflugzeuge der westlichen Allianz fliegen im UN-Auftrag seit der vergangenen Nacht Angriffe gegen serbische Stellungen. Hauptziel sind Stützpunkte im Raum Sarajevo. In der Stadt, die UN-Schutzzone ist, hatten die Serben am Montag ein Blutbad unter der Zivilbevölkerung angerichtet.

Schnitt auf eine weitere Landkarte mit den Städten Sarajevo, Pale, Gorazde und TüzIa. Der Bergzug Igman bei Sarajevo ist im Schaubild besonders markiert. Serbische Gebiete und die moslemisch-kroatische Föderation sind farblich unterschieden,

An der Militäraktion beteiligt sich die Schnelle Eingreiftruppe, die an den Igman-Bergen stationiert ist. Bombardiert wurden auch serbische Stützpunkte in der Nähe der Schutzzonen Gorazde und Tuzla sowie in der Umgebung des Serben-Hauptquartiers Pale. Deutsche Tornados sind bislang offenbar bislang nicht angefordert worden.

Schnitt: Himmel im Feuerschein. Geschütze donnern.

Es war etwa zwei Stunden nach Mitternacht, als eine gewaltige Explosion die Menschen in Sarajevo weckte.

Schnitt: Grün erleuchteter Himmel. Schrift: »Bericht: Peter Dudzik.«

Dann ein riesiger Feuerball im Norden. NATO-Kampfflugzeuge hatten ein serbisches Munitionsdepot in die Luft gejagt. Im Morgengrauen dann eine zweite Angriffswelle, ihr Ziel: Radaranlagen, Luftabwehrstellungen, Kommandoposten der Serben.

Die Kamera verfolgt zwei Kampfflugzeuge, die ein Luftmanöver vollziehen. Im Gegenschnitt zwei Kinder, die in den Himmel sehen, Der Schnitt suggeriert, daß die Kinder die gezeigten Jets im Auge haben.

Freude sicher bei vielen Bewohnern der Stadt, aber auch Nachdenklichkeit und Angst. Man fürchtet, daß die Serben noch gewaltiger zurückschlagen werden, als in den vergangenen vierzig Monaten.

Kamera verfolgt auf der Straße fliehende Menschen, Sirene heult.

Nur wenige Menschen verlassen die Häuser. Die Serben nehmen verstärkt die Altstadt mit Granaten unter Beschuß. Über Rundfunk werden die Bewohner von Sarajevo aufgefordert, die Häuser nicht zu verlassen. Bei den Blauhelmen der UN wird die höchste der Alarmstufen »Rot« ausgerufen, und als Vergeltung feuern die Serben mehrere Granaten auf mehrere Stellungen der UN, Und auch die Schnelle Eingreiftruppe schießt zurück. 600 bis 700 Granaten werden von französischen, britischen und niederländischen Soldaten abgefeuert. Fünfzehn Ziele haben sie im Visier. In Sarajevo wird es ruhiger. Erster militärischer Erfolg: die serbische Artillerie rund um Sarajevo ist ernsthaft reduziert. Bis zum Abend sind die NATO-Flugzeuge zum fünften Mal über Bosnien im Einsatz, 60 Maschinen insgesamt. Und um 17 Uhr 15 wird eine französische Maschine von einer Boden-Luft-Rakete der Serben getroffen, in der Nähe der Serben-Hochburg Pale.



M 6

Haßwort der Woche: »Hochburg«

Was unterscheidet den Serben denn nun wirklich von seinen balkanischen Gegnern? Ganz recht, sein Heim ist's, nicht der Glaube oder die Politik. Denn der Serbe wohnt offensichtlich recht gern in Burgen. Zugig mögen sie sein und kalt - Hauptsache, sie sind hoch gelegen, des besseren Überblicks halber. Von der Zwingburg aus blickt der Serbe des Hochmuts voll herab aufs einfache Völkchen der von ihm geknechteten Muslime und Kroaten. Sie haben keine Hochburg und müssen deshalb - der Schluß drängt sich auf - in geduckten Katen hausen. Ergreifend schlicht und übersichtlich wird die Welt gestaltet: Überall verschanzt allein das Böse sich in der Hochburg - ob es nun Serben sind, Fundamentalisten oder Rebellen. Sie ziehen die Zugbrücke hoch und stellen sich taub und stur. Ein Glück, daß man die Hochburg stürmen, nehmen, schleifen kann. Da schwingt ein wenig Bastille-Romantik mit, und auch bei Banja Luka drückt kein schlechtes Gewissen.

Anonym. In: Süddeutsche Zeitung, 23. 9. 1995.



M 7

Begriffe aus der Mediensprache


Wie werden die Begriffe im Lexikon erklärt?

Was verschleiern die Wörter in den Medien?

Wer verwendet sie?

Welche Synonyme gibt es?

Bevölkerungsexplosion



Clan



Freischärler



Heckenschütze



Hochburg



Islamist



Fundamentalist



Kalter Krieg



Kampfgeschwader



Säuberung



Separatisten



Tarnkappenbomber



Terrorist



Vielvölkerstaat





Der Krieg und die Opfer

Das Fernsehen zeigt in seiner Kriegs- und Krisenberichterstattung häufig Bilder von Opfern der Kriege und der Hungersnöte. Dieses Bildmaterial kann die Zuschauer affektiv berühren und ansprechen. Es kommt dabei sehr darauf an, in welchem Kontext diese Bilder und Impressionen gezeigt werden. Der Zuschauer muß die Frage stellen, inwieweit die Sequenzen über Tod, Hunger und Elend nur dazu dienen, voyeuristische Interessen zu bedienen oder sich ein echtes und unmittelbares Interesse an den Opfern daran ablesen läßt. Weiter ist die Frage nach der Perspektive zu stellen. Zeigt die Kamera auch Bilder und Sequenzen von der »anderen« Seite oder wird solches wenigstens angesprochen? Was wäre eine »serbische«, eine »kroatische« oder »somalische« Sicht auf die Opfer?



Empfehlung: Filmsequenzen 5,6,7

Siehe Seite 101, 104, 105

Achtung: Bei Einsatz des Filmbeitrags 6 (»Ästhetik des Greuel) der unter anderem auf die Technik der Slow Motion abhebt, ist wegen des extremen Bildmaterials eine besonders sorgfältige Abwägung durch die Pädagoginnen angezeigt.



Didaktische Hinweise

  1. Wie verhalten sich Text und Bild in M 1 zueinander?

  2. Schreiben Sie der elfjährigen Zlata aus Sarajevo einen Brief (M 2). Stellen Sie dar, wie Sie den fernen Krieg über Radio und Fernsehen erleben, erlebt haben (25 Zeilen).

  3. Was haben Sie über Vergewaltigungen im ehemaligen Jugoslawien gehört? Wie spricht die Redakteurin über die Verbrechen? Wie informiert die Sendung (der Ausschnitt) M 3?

Materialien



M 1

»Die Krüppel von Sarajevo« (Weltspiegel, 15. 5.1994)






»Achmed aus Mostar. 32 Jahre, eine Mine. In Sarajevo krückt er sich durch die Strassen.«





»Und auch die da sind Beschädigte einer Elitegesellschaft: junge Vorzeigekrüppel, die auch rauskommen ins Ausland zur Therapie, und immer haben sie moderene Krücken.«



M2

Tagebuch der Zlata Fillpovic



Donnerstag, 5. März 1992

Mein Gott! Jetzt ist es auch in Sarajevo losgegangen. Am Sonntag hat eine kleine Gruppe bewaffneter Zivilisten (laut Fernsehen) bei einer Hochzeit einen serbischen Gast getötet und einen Priester verletzt. Am 2. März waren überall in der Stadt Barrikaden aufgebaut. Es sollen »Tausende« gewesen sein. Wir hatten kein Brot. Um sechs Uhr hatten die Leute genug von der Ungewißheit und sind auf die Straßen gegangen. In einem Zug sind sie von der Kathedrale aus losgezogen. Sie sind an der Nationalversammlung vorbeigekommen. Dann sind sie durch die ganze Stadt gelaufen. In der Nähe der Kaserne »Marschall Tito« sind einige Menschen verletzt worden. Die Leute sangen und schrieen »Bosnien, Bosnien«, »Sarajevo, Sarajevo«, »Wir werden zusammenleben« und »Haut endlich ab«. Zdravko Grebo hat im Radio gesagt, das wäre ein historischer Augenblick.

Gegen acht Uhr haben wir gehört, wie eine Straßenbahnglocke bimmelte. Die erste Straßenbahn, die wieder durch die Stadt fuhr. Sie brachte das Leben zurück, und die Leute sind massenweise auf die Straße gegangen und haben gehofft 'daß so etwas nicht wieder passiert'. Wir haben uns dem Friedensmarsch auch angeschlossen. Als wir nach Hause kamen, haben wir ruhig schlafen können, Am nächsten Tag war alles wie immer. Die Schule, die Musik ... Am Abend haben wir jedoch erfahren, daß 3000 Tschetniks aus Pale unterwegs wären, um Sarajevo anzugreifen, vor allem die Bascarsija, das alte türkische Viertel, Melica hat erzählt, daß vor ihrem Haus neue Barrikaden gebaut worden sind, und daß sie diese Nacht nicht zu Hause schlafen werden. Sie sind zum alten Nedjad gegangen. Später dann gab es ein Chaos im »JUTEL« [jugoslawisches Fernsehprogramm]. Radovan Karadzic und Alija Izetbegovic haben beide geredet und sich gestritten.

Ziata Filipovic: Ich bin ein Mädchen aus Sarajevo. Bergisch Gladbach 1994, S.28f.



M3

Protokoll der Mona-Lisa-Sendung vom 15. November 1992

Maria von Weiser

ML Mona Lisa heute aus unserem Bonner Studio. Guten Abend. Dabei stocke ich aber eigentlich schon, denn ein guter Abend wird es sicherlich nicht werden, wenn Sie diese Sendung angesehen haben. Bei den Vorarbeiten zu unserer ursprünglich vorgesehenen Sendung »Asylgrund Frau« entdeckten wir nämlich, daß sich hinter dem Drama im ehemaligen Jugoslawien ein schreckliches Horrorszenario für Frauen verbirgt: die ständige systematische Vergewaltigung von Frauen, geplant von perfiden Kriegsführern mit dem Kriegsziel, die muslimischen Frauen zu erniedrigen, ihre Persönlichkeit zu zerstören, und eine klare Botschaft von Mann zu Mann, von Sieger zu Besiegtem: »Deine Frau ist jetzt auch mein Besitz!« Die Frau also als Kriegsbeute. Von zigtausend Frauen ist da die Rede, interniert in sogenannten Vergewaltigungslagern - jeden Alters, aller Nationen. Dreißigtausend dieser Frauen seien schwanger. Ja, und jetzt werden Sie vielleicht zu Hause sagen, dieses Grauen ist bis jetzt nur Behauptung, noch nie bewiesen. Wir können es in Mona Lisa jetzt beweisen - leider oder Gott sei Dank.

[...]

Sibylle Bassler hatte durch die Unterstützung der bosnischen Muslimin Aniza erstmals für das Fernsehen die Möglichkeit, mit vergewaltigten muslimischen Frauen vor laufender Kamera zu sprechen. Eines möchte ich aber noch sagen: Die Aussagen der Frauen sind nicht unbedingt etwas für Kinder, auch wenn schon zwölfjährige Mädchen zu den Opfern gehören.

Aniza:

Es ist egal, ob ich schweige oder nicht. Ich mußte ihn oral befriedigen. Vier oder fünf Stunden lang. Und ich kann sagen, es war wirklich fürchterlich, weil, wenn ich es nicht schaffte, daß er steif wird, und wenn ich es nicht schaffte, daß er zum Höhepunkt kam und ich es schluckte, habe ich Prügel am Kopf und am Rücken bekommen und Ohrfeigen, so daß mein Mund am nächsten Morgen durch diese Qualen geschwollen war. Psychisch und alles, ich wußte nicht, was ich tun soll. Vierzehn Tage dauerte es, Tag und Nacht, so daß mir von vierundzwanzig Stunden zwei bis drei Stunden zum Schlafen blieben.

Zagreb, 9. November 1992. Eine Flugstunde von München entfernt. Mitten in Europa. Wir gehen den Meldungen nach, daß fünfzigtausend Frauen von Serben systematisch vergewaltigt, mißhandelt, physisch und psychisch zerstört werden. In diesem Flüchtlingslager sagt uns Aniza, vierunddreißig Jahre:

Aniza:

Manchmal passierte es, daß er zum Höhepunkt kam und mein Magen würgte und ich das Sperma nicht schlucken konnte. Es rann aus meinem Mund. Dann hat er mich wieder geprügelt und mir befohlen, es aufzulecken.

Aniza war neun Monate in serbischer Gefangenschaft, in einem Lager in Begeda, danach im Militärgefängnis in Belgrad. Ein grauenhaftes Einzelschicksal oder ein Beweis für systematische Massenvergewaltigung? Wir treffen Sorica und Asja. Es sind zwei Frauen, die sich in Eigeninitiative um Frauen kümmern, die in serbischen Gefangenenlagern festgehalten und mißhandelt wurden.

Sibylle Bassler:

Sorica, sind die Vergewaltigungen Einzelaktionen von ein paar betrunkenen Tschetniks, oder was ist es?



Sorica:

Es sind sehr oft bzw. fast immer Vergewaltigungen auf Befehl. Es sind Massenvergewaltigungen bzw. massenhafte Vergewaltigungen. Es gibt auch Einzelfälle, das will ich gar nicht bestreiten, Aber es sind Vergewaltigungen auf Befehl. Auf Befehl von oben nach unten bzw. Befehl vom Oberst nach unten.

[...]

Maria von Weisen Am Ende wünschst du dir nur noch den Tod. Die Massenvergewaltigungen im Krieg auf dem Balkan. München 1993, S. 67ff.



Krisennachrichten für Kinder

Kinder sind bekanntlich neugierig und wissenshungrig, doch nimmt das Fernsehen im allgemeinen nur unzureichend auf die Interessen der Kinder und Jugendlichen Rücksicht. Die Nachrichten- und Informationssendungen für Erwachsene werden gleichwohl von Kindern angesehen, weil sie wie die Großen am Außergewöhnlichen und Spektakulären teilhaben möchten. Das Gesehene kann nur in seltenen Fällen von den Kindern selbständig verarbeitet werden. Die Bilderflut über Kriege, Entführungen und Katastrophen stürzt auf die Kinder ungeordnet ein. Es gelingt dem jungen Fernsehklientel nur schwer, Ordnung in Bild- und Höreindrücke zu bekommen. Auch Kinder mit günstiger Sozialisation und breitem Vorwissen, das belegen neueste Untersuchungen, können die Weltnachrichten nur unvollkommen verstehen, zumal die drastischen Bilder die persönliche Einschätzung der Nachricht stark behindert. Kinder mit ungünstigen Dispositionen sind fast nur dem Bildmaterial ausgeliefert. Es ist das primäre Angebot, das von ihnen genutzt wird.

Eine kindgerechte Medienpädagogik hat darauf zu achten, daß im Fernsehen selbst mehr Informationsangebote für Kinder und Jugendliche zur Ausstrahlung kommen. Ein »Kinderfernsehkanal«, der in der Diskussion ist, könnte hier Abhilfe schaffen, auch die ZDF-Kindernachrichten am Nachmittag unter dem Sendetitel logo bemühen sich um die spezifische Ansprache des jungen Publikums mit unterschiedlichem Erfolg.



Empfehlung: Filmsequenz 7

Siehe Seite 105



Didaktische Hinweise

  1. Die Materialien M 2 und M 3 enthalten Informationen über die Kindernachrichten-sendung logo.

  1. Weichen Stellenwert räumt der inzwischen verstorbene Pädagoge Bruno Bettelheim dem Fernsehen ein (M 6)? Teilen Sie diese Meinung?



Materialien



M 1

Profil für Kinder-/ Jugendnachrichten



- Wortanteil: Gering?  Hoch? 

- Schnittfolge: Rasch?  Langsam? 

- Themen: Vielfältig?  Begrenzt? 

- Schaubilder: Viele?  Wenige? 

- Musikanteil: Hoch?  Niedrig? 

- Identifikationsmuster: Viele?  Wenige? 

- Fremdwörter: Viele?  Wenige? 

- Erklärende Hinweise: Viele?  Wenige? 



M2

ZDF-logo im Spiegel der Redaktion

Daß auch im nachmittäglichen Kinderprogramm die jüngsten Zuschauer durch kindgerecht aufbereitete Nachrichten an die Geschehens- und Erlebniswelt unserer Zeit herangeführt werden, gehört zu denjenigen Aufgaben einer öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalt, die mit am sensibelsten zu handhaben sind. In einer Zeit des aggressiven Medienwettbewerbs, da selbst Kinder für kommerzielle Programme und deren Werbestrategien instrumentalisiert werden, versucht das ZDF mit logo, Kinder - im wörtlichen Verständnis von »Pädagogik« verantwortungsbewußt zu führen, nicht sie durch die Suggestivkraft des Mediums zu verführen. Dies bedeutet auch, ihnen mit angemessenen Mitteln die selten rosarote Realität der Erwachsenenwelt behutsam näherzubringen. Kinder dürfen nicht unvorbereitet und unvermittelt mit den wirklichen, nicht einmal mit den fiktionalen Realitäten des Mediums - Stichwort Gewaltdarstellung - konfrontiert werden. Noch mehr als bei Erwachsenen muß Kindern eine dunkle, undurchsichtige und verwirrende Realität möglichst verstehbar erschlossen werden. Informieren bedeutet hier nicht: Angst machen, sondern vor allem: erklärend Angst nehmen - Kindernachrichten als Informationen gegen Angst. Denn je größer die Geheimnisse, desto unvermeidbarer auch die Angst vor dem Ungewissen, desto ungeheurer die damit verbundenen Vorstellungen, Träume und Alpträume derer, die unsere Hoffnung für die Zukunft sind.

Das Problem gilt im übrigen aber nicht nur für Kinder, sondern für alle: Junge wie alte Zuschauer wollen von den Programmachern ernst genommen werden, um auch ihrerseits das Programm ernst nehmen zu können. Eine ständig neu auszubalancierende Gratwanderung zwischen Ernst und Leichtigkeit gilt für das Gesamtprogramm des ZDF. Es muß einerseits bunt und locker sein, darf aber andererseits nicht oberflächlich und seicht werden; es muß einfach, aber anspruchsvoll, beruhigend und dennoch herausfordernd, ermutigend und trotzdem realitätsgerecht sein. Fernsehen, zumindest im öffentlich-rechtlichen Verständnis, ist primär kein fiktionales Heimkino, sondern ein Fenster zur Welt. Es gibt nicht nur Einblicke in die bestehende Welt, sondern zeigt auch Perspektiven auf, wie diese Weit zu gestalten und zu erhalten ist, wie düstere Realitäten uns nicht abschrecken, sondern auffordern sollen, möglichst von klein auf mitzuarbeiten an einer besseren, zumindest aber lebenswerten Welt von morgen.

Anonymus: logo. in: ZDF-Schriftenreihe. Heft 47. Mainz 1994, S. 24.



M3

logo berichtet über die Heimkehr der deutschen Soldaten aus Somalia

Kommentar (Frauenstimme):

In Somalia gab es kaum etwas zu essen, als die UNO-Soldaten kamen. Die Menschen verhungerten, weil die verschiedenen Stämme sich einen schlimmen Bürgerkrieg lieferten und es nicht genug Nahrung gab. Deshalb schickte die UNO-Truppen nach Somalia, die Nahrungsmittel verteilten und für Ordnung sorgen sollten. Deutschland schickte auch Soldaten für die UNO-Mission. Die Bundeswehr Soldaten waren in Belet Huen, im Süden Somalias, stationiert. Dort bauten sie Straßen und bohrten sie Brunnen. Jetzt ist die Mission für die deutschen Soldaten beendet. Die letzten von ihnen sind heute mittag nach Deutschland zurückgekehrt. In Somalia aber geht der Bürgerkrieg immer noch weiter, denn den konnten auch die UNO-Truppen, zu denen auch die deutschen Soldaten gehörten, nicht stoppen.

ZDF-logo vom 23. 3. 1994.



M4

Kinder und Fernsehinformation

Zu einem Problem gerät Fernsehinformation insbesondere für die Kinder, deren Eltern einen unkritischen und undifferenzierten Zugang zu den Informationsangeboten bzw. ein eingeschränktes Welt- und Menschenbild haben, was zwei Seiten der gleichen Münze darstellt. Sie nehmen die angebotenen Pseudoinformationen an und erliegen dem Schein, das Infotainment und das Reality-TV bildeten die reale Welt ab. Diese Haltung geben sie an ihre Kinder weiter, was diesen die Möglichkeit versperrt, die Realität mit einem weiteren Blick zu erfassen und deren mediale Vermittlung zu diskriminieren. Ihr Gesichtsfeld wird eingeengt auf Bedrohungen und Gefahren.

[...]

Kinder sind neugierig und interessiert an der Welt und sie haben Fragen, auf die sie die Antworten suchen. Die Informationsangebote des Fernsehens helfen ihnen kaum, ihren Horizont zu erweitern. Im Gegenteil, sie sind für die meisten kontraproduktiv, weil zu komplex, zu drastisch oder zu banal. Die Nachrichten bleiben den meisten Kindern unverständlich oder verschrecken sie. Infotainment und Reality-TV bieten ihnen vordergründig Verständliches; das aber ist letztlich inhaltsleere Information über eine spektakuläre und gewaltdurchsetzte Welt, die die Kinder verwirrt und ihnen falsche Vorstellungen andient.

Helga Theunert und Bernd Schorb: »Mordsbilder«: Kinder und Fernsehinformation. Berlin 1995, S. 215 und 217.





M 5

Ein SPIEGEL-Gespräch mit dem Medienpädagogen Stefan Aufenanger



Spiegel:

Und was ist mit jenen Filmen, in denen Gewalt als Lust präsentiert wird? Immerhin sind im deutschen Fernsehen pro Tag 70 Morde zu sehen...

Aufenanger:

Problematisch ist aus unserer Sicht eher die Gewalt im realen Kontext. Etwa in Nachrichtensendungen, in denen die grausamen Bilder aus dem ehemaligen Jugoslawien gezeigt werden. Davon sind Kinder wirklich geschockt, Ich finde, solche Bilder mit echtem Blut und echten Leichen dürften in der Tagesschau nicht gezeigt werden.

Spiegel:

Ausgerechnet wenn das Fernsehen seinem Informationsauftrag nachkommt, würden Sie den Jugendschutz bemühen?

Aufenanger:

Ist es wirklich eine Information, eine Kinderleiche in einer Blutlache zu zeigen? Das geht doch viel mehr aufs Emotionale, man versucht ein Erlebnis zu schaffen. Die Frage ist, wie Kinder damit umgehen, und wir wissen, daß sie Angst davor haben. Das ist richtiggehend ein traumatisches Erlebnis, Der Informationswert solcher Bilder ist geringer als der Schaden für die Kinder.[...]

Gerade in sozialen Problemlagen fehlt leider häufig die Auseinandersetzung über das Gesehene. Da wird das Fernsehen dann zum Teufelskreis, weil die Kleinen immer mehr schauen, um sich aus der Realität zu flüchten. Und dann hilft ihnen niemand mehr, das Gesehene zu verarbeiten.

Spiegel.

Wäre es nicht Aufgabe der Schule, sich damit auseinanderzusetzen?

Aufenanger:

Leider wird die Medienerziehung in den Schulen und Kindergärten ziemlich vernachlässigt, nicht zuletzt wegen der medienfeindlichen Einstellung vieler Lehrerinnen und Lehrer, die sich damit der Medienwelt verschließen. Wenn da einer ankommt und sagt: »Eh, boah, ich hab' Rambo angeguckt«, dann heißt es gleich: »Was, so'n Mist schaust du an, darüber wollen wir gar nichts hören. «

Spiegel-Special-Interview mit Stefan Aufenanger, Nr. 811995, S. 131f.



M 6

Bruno Bettelheim: Kinder und Fernsehen

Es gibt kaum eine Sendung, aus der ein Kind nicht vieles lernen könnte, sofern ein verantwortungsbewußter Erwachsener die notwendigen Instruktionen gibt. Selbst Sendungen mit gewalttätigen Szenen sind keine Ausnahme, doch darf das Kind nicht so verängstigt oder so wütend sein, daß es vom Geschehen völlig überwältigt wird. Es ist für Kinder sehr wichtig, daß sie die richtigen Einstellungen zur Gewalt entwickeln; die Augen vor existierender Gewalt zu verschließen, kann wohl kaum als konstruktive Haltung gelten. Jedes Kind muß lernen, was an der Gewaltanwendung falsch ist und aus welchem Grund, warum es Gewalt gibt und wie man mit ihr bei sich selbst und bei anderen umgehen soll.

Bruno Bettelheim: Kinder und Fernsehen. In: Ders.: Zeiten mit Kindern. Freiburg 1994 (2.Aufl.), S. 75f.



Fernsehen hilft Helfen

Das Fernsehen ist ein Medium, das sich von Anbeginn der tätigen sozialen Hilfe verpflichtet hat. Zahllose Lotterien, Glücksspiralen und Benefizveranstaltungen legen ein beredtes Zeugnis für dieses Engagement ab. Das ZDF zum Beispiel erwirtschaftete den Trägern gemeinnütziger Einrichtungen in der Bundesrepublik im Verlauf von 30 Fernsehjahren rund 2,19 Milliarden Mark an Einkünften. Auch auf dem Sektor der internationalen Katastrophenhilfe hat sich das Medium oft eingeschaltet, sei es bei der Unterstützung Hilfsbedürftiger bei Überschwemmungen oder Erdbeben, sei es bei caritativen Aktionen für die Eingeschlossenen von Sarajevo. Ein solches Hilfs-Programm startete beispielsweise das ZDF im Winter 1993. Die Instrumentalisierung der Kriegsnot im Dienste der Unterhaltung kann dabei nicht immer exakt von der real geleisteten materiellen Hilfe unterschieden werden. Das Fernsehen macht hier oft eine Gratwanderung zwischen inszeniertem Reality-TV und objektiver Hilfe. Das Medium provoziert dabei oft Mitleid, wobei nicht immer sicher ist, ob die menschliche Teilhabe im Vordergrund steht oder die nackte Fernsehshow, die Sensation als Einschaltquotenfänger. Der Zuschauer hat dieses Spannungsfeld zu durchmessen, um dann zum eigenen Urteil zu gelangen. Die ZDFspezial-Sendung »Sarajevo soll leben!« vom 12. 12. 1993 führte diese heikle Problematik vor Augen.



Empfehlung: Filmsequenz 9

Siehe Seite 108



Didaktische Hinweise

  1. Die Materialien M 2 bis M 4 enthalten Informationen über die ZDF-Sendung »Sarajevo soll leben«.

  1. Was beklagt der Journalist Zeljko Vulkovic in seinem Bericht (M 6)? Können Sie die Kritik nachvollziehen? Welche Konsequenzen sollten aus der Kritik für die Live-Berichte aus Kriegsgebieten gezogen werden?



Materialien



M 1

Programmvorschläge für eine Sondersendung

  1. Interviews mit Eingeschlossenen.

  2. Musik.

  3. Gespräch mit UN-Soldaten.

  4. Telefonaktion mit aktuellem Spendenkonto.

  5. Streitgespräch zwischen einem »Pazifisten« und einem »Bellizsten« - militärisches Eingreifen ja oder nein?

  6. Sportler äußern ihre Meinung.

  7. Direktschaltung zum UN-Generalsekretär.

  8. Zuschauerbefragung.

  9. Diskussion mit deutschen und betroffenen ausländischen Bürge über eine Friedensordnung.

  10. Patenschaften werden vermittelt.

  11. Musik.

  12. Weitere Vorschläge.

ZDF-spezial: 12.12.1993



M2

Pressemittellung (1)

Zur Hilfsaktion »Sarajevo soll leben« rufen ZDF und DRK auf, um mit Spenden das Elend in Bosnien zu lindern. »Wir wollen nicht nur berichten, wir wollen »Helfen«, so begründete Chefredakteur Klaus Bresser die Aktion. Zahlreiche Prominente, Politiker und Künstler setzen sich dafür ein. Es sei nicht das erste Mal, erklärt Bresser, daß sich das ZDF für eine solche Aktion entscheide. Neben der ständigen »Aktion Sorgenkind- war es im Winter 1990/91 »Helft Rußland« sowie zwei Jahre später »Menschen in Not« für die Bürgerkriegsopfer im ehemaligen Jugoslawien.

ZDF-Jahrbuch 1993, S. 37.



M3

Pressemittellung (2)

Sendung »Sarajevo soll leben« am 12.12.1993

Seit einer Woche läuft die Hilfsaktion, am Sonntag werden die Zuschauer in zwei Sendungen direkt aus Sarajevo noch einmal zu Spenden aufgerufen werden - in Ruprecht Esers Gesprächsrunde »halb 12« um 11.30 Uhr und in der Sondersendung »Sarajevo soll leben« um 18.15 Uhr, die von Maria von Welser und Eser moderiert wird.

»Wer diesen Krieg, die Brutalität und das Elend solange schon verfolgt«, so Bresser, »der muß sich über die tägliche Berichterstattung hinaus engagieren. Wir versuchen das mit dieser Aktion.«

Eine große Zahl von Prominenten, Politikern und Künstlern setzen sich für die gemeinsame Hilfsaktion von ZDF und Deutschem Roten Kreuz ein. In kurzen Spots werben sie seit einigen Tagen für Spenden.

Bundeskanzler Helmut Kohl, Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth, Außenminister Klaus Kinkei und Arbeitsminister Norbert Blüm unterstützen die Aktion ebenso wie der SPD-Parteivorsitzende Rudolf Scharping und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Johannes Rau.

Künstler aus dem Osten wie aus dem Westen Deutschlands rufen zur Hilfe auf, darunter Inge Meysel, Gunther Emmerlich, Horst Tappert, Fritz Wepper, Carolin Reiber, Max Schautzer, Ron Williams, Claus-Theo Gärtner und Brigitte Mira. Sowohl die Industriegewerkschaft Bau-Steine-Erden, als auch der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes spendeten bereits je 50.000 Mark für die Opfer in Bosnien, die dem DRK im Rahmen der WISO-Sendung am 16. Dezember übergeben werden sollen.



M4

Interview aus Sarajevo mit Ruprecht Eser

Das ZDF widmet zwei Sendungen am kommenden Sonntag, 12. Dezember 1993, der gemeinsamen Hilfsaktion mit dem Deutschen Roten Kreuz »Sarajevo soll leben«. Zur Vorbereitung der Sendungen »halb 12 - Eser und Gäste« und »ZDF-spezial: Sarajevo soll leben« halten sich derzeit die ZDF-Moderatorin Maria von Welser und Ruprecht Eser in der bosnischen Hauptstadt auf. Die folgenden Antworten übermittelte Ruprecht Eser auf Fragen der Leipziger Volkszeitung. Mit deren Einverständnis stellte das ZDF das folgende Interview der Presse allgemein zur Verfügung (Nennung der Leipziger Volkszeitung erwünscht).

1. Zunächst bitte eine kurze Beschreibung der aktuellen Situation Wasser, Strom und Temperaturen et cetera, was gehört zur Sicherheitsausrüstung, wie wohnen Sie im Hotel wenige hundert Meter entfernt von der Frontlinie?

Eser:

Manchmal gibt es Wasser - zur Zeit gibt es keines, auch in unserem Hotel nicht. Ich hatte nach Ankunft einen 10-Liter-Kanister im Keller organisiert, und Maria von Welser hat sich am nächsten Morgen eine Feldflasche voll geholt.

Strom gibt es im Augenblick - sicher ist nur, daß er bald wieder ausfällt, und die Temperaturen sind nicht ganz so schlimm wie sie schon waren. Aber wer hinter zerschossenen Fenstern in naßkalten Betten liegt, der findet auch keinen Schlaf, und dieser Winter wird noch Opfer fordern, die erfrieren.

Die täglichen Toten gibt es sowieso, Feuer von Heckenschützen, Granateinschläge - das klingt lapidar, und viele Menschen nehmen es so - äußerlich. heute waren wir auf einem Friedhof, da waren neue Gräber ausgehoben, auch wenn noch keiner weiß, wer hier liegen wird. Die Opfer leben noch, die Gräber gibt es schon. Die Frontlinie ist 200 Meter vom Hotel entfernt, wir wohnen auf der Rückseite, vorn ist alles zerschossen.

2. Wie fühlt man sich als Journalist in solch einer Situation? Was überwiegt - allein Angst oder etwa doch das Gefühl, in seinem Job endlich mal das Optimale tun zu können?

Eser:

Wie fühlt man sich? Man fühlt jeden Augenblick. Es überfällt einen heulendes Elend in einem Klassenzimmer, das von einer Granate getroffen wurde - drei Kinder und die Lehrerin wurden getötet. Dann geht man trotz des Feuers der Heckenschützen und Granateinschägen durch die Stadt und hat kaum ein Gefühl der Bedrohung, weil es so unglaublicher Wahnsinn ist, daß man für Sekunden hofft, das alles sei nicht wahr.

3. Gab es in Ihrem Berufsleben vergleichbare Einsätze?

Eser:

Es gab sie nicht, noch nie habe ich soviel Leid, soviel stille Würde und soviele tote Gesichter von Lebenden gesehen. Die Menschen schreien nicht mehr, und die Stille macht den Hilfeschrei für uns Journalisten nur noch lauter, die wir doch nur Zaungäste dieses Krieges sind.

4. War das allein Ihre Entscheidung, nach Sarajevo zu gehen? Was sagt ihre Familie dazu?

Eser:

Jeder von uns - die Kameramänner Baldur Freek und Hermann Engel, die Kolleginnen Maria von Welser und Anja Stoy, Producer Klaus Schneller und die anderen Kollegen -jeder weiß, warum er hier ist und redet nicht groß darüber. Ich habe zuhause mit meiner Frau gesprochen. Ihr ist nicht wohl (wie mir auch), aber sie weiß, warum ich hier bin.

5. Darf man sich solch einen Einsatz zumuten? Wie weit darf der persönliche Ehrgeiz gehen - Sie setzen ja trotz aller vermeintlichen hundertprozentigen Sicherheit Ihr Leben aufs Spiel?

Eser:

Es ist für keinen von uns persönlicher Ehrgeiz, schon gar nicht für unseren Wiener Korrespondenten Bernhard Lichte, der ständig hier ist. Zwar gibt es Helm und kugelsichere Westen, aber eine Lebensversicherung ist das nicht, und manchmal schämen wir uns vor den Menschen, die in Hemd und Jacke unterwegs sind.

6. Journalisten begeben sich an die Front - vermissen Sie solches Engagement bei den Politikern? Sind deren Statements aus dem sicheren Heimatstudio nicht viel zuwenig?

Eser:

Wir sind nicht besser als Politiker. Wir machen unseren Job, und wir versuchen, ihn ordentlich zu machen. Aber manchmal wäre es schon gut, wenn Politiker das hier sehen würden - man wird wortlos und darf trotzdem nicht schweigen. Deshalb sind wir hier, denn »Sarajevo soll leben«, es muß überleben.

Leipziger Volkszeitung. Dezember 1993.



M 5

Das Potemkinsche Sarajevo

Wer wenigstens einmal für ein paar Stunden während des Krieges in Sarajevo gewesen ist, müßte wissen, daß es zwei Sarajevos gibt. (Diese Information ist zwingend, weil sich der uninformierte Gast sonst unversehens an der Frontlinie wiederfinden könnte, die durch das Zentrum der Stadt verläuft...) Der eine Teil Sarajevos ist unter der Kontrolle der Truppen Izetbegovics, der andere wird von Karadzics Armee kontrolliert. Warum ist es wichtig zu wissen, daß es zwei Sarajevos gibt? Weil dieses andere Sarajevo, das verschwiegen wird, genauso von Granaten zerstört worden ist, weil auch in diesem Sarajevo Zivilisten durch Heckenschützen, Handgranaten oder andere Waffen starben und immer noch sterben. Über diese Opfer schweigt man, obwohl sie genauso unschuldig sind wie jene aus dem »bekannten« Sarajevo. Warum schweigt man? Weil es das Bild über Sarajevo zerstören würde, jene Darstellung, die von der Stadt und ihren Bewohnern als den Opfern von nur einer Kriegspartei berichtet. Damit aber wird ein Verbrechen durch ein anderes amnestiert. Das bedeutet - es wird auch unterstützt! Eine Rechtfertigung dafür kann es auch dann nicht geben, wenn man auf die Qualität der Verbrechen verweist bzw. auf die Tatsache, daß Karadzics Armee das viel größere Verbrechen begangen hat. Denn für beide Armeen sind die Stadt und ihre Zivilbevölkerung bewußte Ziele gewesen. Somit kann vom Töten zum Zwecke der Selbstverteidigung keine Rede sein.

Über die Existenz des anderen Sarajevos, das - was die Lebensumstände anbelangt - das gleiche Schicksal teilt wie jenes erste, bekannte, spricht man auch deshalb nicht, weil es die allenthalben etablierte Vorstellung zerstören würde, die Bewohner der Stadt würden gegen »Barbaren, die aus anderen Gegenden kommen« Krieg führen. Wenn

man über das andere Sarajevo spräche, würde deutlich werden, daß auch dort Einheimische leben und kämpfen. [...]

Zeljko Vukovic: das Potemkinsche Sarajevo. In: Klaus Bittermann (Hrsg.): Serbien muß sterbien, Berlin 1994, 2. Aufl., S. 167f.



Friedensarbeit im Krieg

Über die friedliche Beilegung von Konflikten berichtet das Fernsehen nur selten, es sei denn, diese Aktivitäten sind von den Eliten und Politikern vorbereitet worden. Dies kann daran liegen, daß es in der Tat weniger Friedensprozesse im Vergleich mit kriegerischen Auseinandersetzungen zu verzeichnen gibt; es mag aber auch sein, daß das Medium die unspektakulären Friedensbemühungen von Gruppen, Sektionen und Initiativen allzu leicht übersieht und in die eigene Berichterstattung nur selten miteinbezieht.



Empfehlung: Filmsequenz 10 und 11

Siehe Seite 110, 112



Didaktische Hinweise

  1. Versuchen Sie einen aktuellen Bericht aus dem auslandsjournal oder dem Weltspiegel nach den Kriterien M 1 zu überprüfen. Prüfen Sie in dieser Hinsicht auch die Filmausschnitte 10 und 11.

  2. Was erfährt der Zuschauer im Filmausschnitt 10 über die Frauen in Schwarz. Verwenden Sie ergänzend M 2. Sind die Informationen ausreichend?

  3. Ergänzen Sie die Vorschläge M 3 um wenigstens drei weitere Punkte.

  4. Überprüfen Sie die »Acht Prinzipien für eine Konfliktlösung« (M 4) für die Praxis der Fernsehberichterstattung. Wo wird es Schwierigkeiten bei der Umsetzung geben? Weiche der genannten »Prinzipien« können mit einfachen Mitteln umgesetzt werden?

  5. M 5 schildert den (erfolgreichen) Versuch einer friedlichen Konfliktbearbeitung im Krieg durch das Engagement betroffener Bürger im ehemaligen Jugoslawien. Wie könnte diese Story in einem Filmbeitrag umgesetzt werden? Erstellen Sie einen Drehbuch. Was muß im Bild gezeigt werden? Wer sind die Interviewpartner? Welche Hintergrundinformationen müssen geliefert werden?



Materialien



M 1

Fragen zum Umgang mit im Fernsehen gezeigten Konflikten

M2

Demonstrierende Frauen in Belgrad

Weltspiegel: 28.2.1993



M3

Zehn Vorschläge für eine andere Kriegsberichterstattung

  1. In jedem Krieg sollte der Journalist sich bemühen, seine Story von allen Seiten zu beleuchten.

  2. Im Krieg sollten die Medien darauf drängen, Zugang zu Ereignissen, Menschen und Themen zu bekommen.

  3. Um eine umfassende Berichterstattung zu gewährleisten, sollten Journalisten Eliten nicht übermäßig als Quellen nutzen, sondern bestrebt sein, verschiedene »Autoritäten« und »Experten« ausfindig zu machen.

  4. Es wäre vernünftig, wenn die Medien in ihrer Kriegsberichterstattung eine Glorifizierung der Technologie vermeiden würden.

  5. So inhuman es auch scheinen mag, die Medien sollten nicht darauf verzichten, auch drastisch-anschauliches Material (»blood-and-guts« Stories) zu verwenden, nur weil einige so etwas als abstoßend empfinden.

  6. Die Medien sollten sinnvolle und gut geschriebene Berichte über »normale Leute« anbieten. Denn damit können sie eine personalisierte Darstellung des Krieges präsentieren, die auch angebracht ist.

  7. Die Medien können eine Vielzahl von Stories anbieten - und das schließt Hintergrundberichte ausdrücklich ein.

  8. Die Medien müssen sich bewußt sein, daß »Nachrichtenmacher« versuchen, sie zu manipulieren.

  9. Es ist eine Gefahr, wenn Medien oder Journalisten selbst zur Nachricht werden. Das Problem liegt in der Ablenkung der öffentlichen Aufmerksamkeit von den wahren Problemen des Krieges.

  10. Es ist wichtig, daß Nachrichtenmedien in ihrer Berichterstattung Friedensinitiativen thematisieren und fördern. Die Presse kann eine zentrale Rolle bei Konfliktlösungsversuchen spielen und friedliche Lösungen fördern.

Nach Richard C. Vincent/Johan Galtung: Krisenkommunikation morgen. Zehn Vorschläge für eine andere Kriegsberichterstattung. In: Martin Löffelholz (Hrsg.): Krieg als Medienereignis, Grundlagen und Perspektiven der Krisenkommunikation. Opladen 1993, S. 177 ff.



M4

Acht Prinzipien für eine Konfliktlösung

MitarbeiterInnen der Stiftung für Friedens- und Zukunftsforschung in Schweden haben angesichts des Krieges im ehemaligen Jugoslawien acht Prinzipien entwickelt, um Konflikte zu verstehen und zu lernen, gewaltfreie Lösungsmöglichkeiten zu finden.

  1. Interessen: Versuche Interessen zu erkennen und begnüge Dich nicht mit offiziellen Erklärungen!

  2. Menschen: Unterscheide zwischen den Menschen und den Problemen!

  3. Optionen: Überlege Dir viele Handlungsmöglichkeiten, bevor Du Dich entscheidest, was zu tun ist. Durchdenke nicht nur Deinen eigenen Schritt, sondern eine Reihe von möglichen Schritten und Gegenbewegungen!

  4. Kriterien: Achte darauf, daß das Ergebnis allgemein verbindlichen Kriterien genügt!

  5. Wahrheit: Es gibt mehrere Wahrheiten: Deine, ihre und vielleicht eine weitergehende.

  6. Mittel: Beachte die Einheit von Mittel und Ziel!

  7. Prämissen: Halte Dich an Prinzipien und baue darauf Deine eigene Strategie auf. Verfolge nur solche Ziele, die sowohl für Dich wie für die andere Seite gut sind, auch wenn die andere Seite sich nicht entsprechend verhält!

  8. Macht: Macht ist die Fähigkeit, die eigenen Ziele zu erreichen, nicht andere zu bestrafen!

Marta Henricson-Cullberg u.a.: After Jugoslavia what? Report by a Conflict-Mitigation Mission to Croatia, Slovenia and Serbia. o. O. 1991.



M 5

Franjo Starevie, Gemeindevorsteher des kroatischen Dorfes Mrkopalj, erinnert sich

Im November oder Dezember 1991, als der Krieg in Kroatien voll im Gang war, habe ich mich entschieden, in unser Nachbardorf Jasenak zu gehen, welches ganz serbisch ist und sich auf der anderen Seite eines Berges, der Bjelolasica, befindet. Zwischen den beiden Dörfern, die rund 30 km von einander entfernt sind, besteht eine traditionelle Freundschaft. Es gab früher viele kroatische und serbische Dörfer, die eng verbunden waren, aber diese Freundschaft ist zerbrochen, und zwar sehr brutal zerbrochen. In Jasenak ist unsere dreiköpfige Delegation wie immer sehr gastfreundlich empfangen worden. Gastfreundschaft ist eine nationale Eigenschaft der Serben. Ich habe den Leuten aus dem Gemeinderat gesagt, daß es sehr dumm ist, jetzt im 20. Jahrhundert mit Waffen gegeneinander zu kämpfen.

In diesem Gespräch war natürlich die Schwierigkeit, daß es schon auf beiden Seiten Barrikaden gab. Wir haben damit angefangen, weil wir eine Offensive der Jugoslawischen Volksarmee befürchteten. Wir hatten zehn Bäume auf die drei Verbindungsstraßen Richtung Jasenak gelegt. Darauf haben die Serben auch auf ihrer Seite Straßensperren errichtet. Und sie hatten viel mehr Waffen als wir. Aber ich habe versprochen, daß wir unsere Barrikaden wegräumen.

Als ich zurückgekommen bin, habe ich alles das unserem Bürgermeister erzählt und auch in unserer Provinzstadt Delnice darüber berichtet. Und wir waren uns einig, daß diese Aktion richtig war und daß man sie ausweiten muß. Vorher waren meine Leute sehr skeptisch und dagegen, daß ich nach Jasenak fahre. Sie hatten geglaubt, daß es gefährlich und unsinnig ist, zu den Serben zu gehen. Aber jetzt sahen alle, daß es erfolgreich war.

Nach etwa zwei Monaten, zu Beginn des Jahres 1992, bin ich ein zweites Mal nach Jasenak gefahren. Diesmal war ich alleine unterwegs. Vorher haben wir unsere Barrikaden weggeräumt, um ihnen zu demonstrieren, daß wir es ehrlich meinen. Ich muß gestehen, daß die Stimmung gespannter war und die Leute sich mißtrauischer als früher zeigten. Wir sprachen wieder über Frieden, Vertrauen, davon, daß wir nicht von den Waffen Gebrauch machen sollten und von wechselseitigen Besuchen. Es waren schwierige Gespräche, und diesmal bin ich länger geblieben. Wir sind als Freunde geschieden. Und dann, vielleicht nach einem Monat, haben auch die Serben ihre Barrikaden weggeräumt. Und unsere Beziehungen sind besser und besser geworden. Im Mai war ihre Delegation bei uns, und jetzt können wir diese guten Beziehungen fortsetzen.

Auf unserer Seite des Berges gibt es auch Serben, und wir haben sie auch besucht, und jetzt besteht zwischen uns Frieden. Als Symbol für diesen Frieden wollen wir auf dem Berg zwischen unseren Dörfern, auf der Bjelolasica, ein Denkmal bauen. Niemals mehr soll zwischen uns Haß und Feindschaft sein.

Zit. nach: Werner Wintersteiner: Zusammenleben ist möglich: Serben und Kroaten in Gorski Kotar. In: Jahrbuch Frieden 1994, München 1993, S. 225f.



Das andere Afrika - die anderen Medien

Die Einseitigkeit, die bei der Afrikaberichterstattung auch im öffentlich-rechtlichen Bereich immer wieder zu beobachten ist, wird von vielen Medienkritikern, Entwicklungsdiensten und den Kirchen beklagt. In diesem Zusammenhang startete die katholische Kirche im Herbst 1995 die Aktion »Good News From Africa« und machte auf die Schieflage der Fernsehberichte aus der »Dritten Welt« aufmerksam, Die kritische Auseinandersetzung mit der Afrikaberichterstattung ist vielfach begründet und läßt sich unschwer untermauern. Um so wichtiger scheint es freilich, jene journalistischen Arbeiten im Fernsehen auch zu verfolgen, die sich selbstkritisch zum Thema der Afrikaberichterstattung äußern. Es gibt gelegentlich erfreuliche Nischen, die im Alltag des Massenmediums allzu rasch übersehen werden, sie differenzieren den alten Manipulationsverdacht, den Verdacht planvoller und gesteuerter Desinformation im Fernsehen.



Empfehlung Filmsequenz 11

Siehe Seite 112



Didaktische Hinweise

  1. In einer gemeinsamen Aktion kritisieren die katholische Jugendorganisation Bund Deutscher Katholischer Jugend (BDKJ) und das Hilfswerk Misereor die Berichterstattung des Fernsehens über Afrika.

  1. Schreiben Sie eine Pressemitteilung (10 Zeilen) über Intention und Absicht des Films von Albrecht Reinhardt »Unser Mann in Afrika«.

  2. Übersetzen Sie das »andere Gedicht« (M 4) und gestalten Sie in der Gruppe einen Rap (rhythmisierter Sprechgesang).

  3. Erstellen Sie einen konkreten 10-Punkte-Plan für Fernsehnachrichten und die Berichterstattung über »Dritte Welt«. Was soll sich ändern, was muß sich ändern (M 5)?



Materialien



M 1

Aktionsplakat vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend (ODKJ) und von Misereor

Plakat zur Misereor/BDKJ Jugendaktion 1995 »Du sollst nicht nur vom Töten berichten«. Gestaltung: Werbe Neun, Essen. © 1995, Misereor Medienproduktion und Vertriebsgesellschaft mbH, Achen



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Kritik des BDKJ an der Afrikaberichterstattung



Du

Sollst

Nicht

Nur vom

Töten

Berichten!


GOOD NEWS

FROM AFRICA

MISEREOR-BDKJ

Jugendaktion 1995



Aktion zur Afrika-Berichterstattung in ARD und ZDF

Wer die Afrika-Berichterstattung der deutschen Medien kritisch beleuchtet, kommt zu dem Ergebnis, daß ein äußerst negatives Bild dieses Kontinents verbreitet wird: Hunger, Bürgerkriege, Korruption und Flüchtlingsströme liefern nicht nur Schlagzeilen, sondern sind Ausgangspunkt für eine oft undifferenzierte Berichterstattung. »Afrika = Chaos und Gewalt« - dieses Vorurteil wird durch einen vielfach anzutreffenden »Katastrophen-Journalismus« weiter verstärkt.

Auch in den Fernsehprogrammen von ARD und ZDF kommt eine differenzierte Berichterstattung, die den unterschiedlichen Ländern und Regionen Afrikas gerecht wird, viel zu kurz.

Mit dieser Unterschriftenaktion an den Vorsitzenden der ARD und den ZDF-Intendanten will der BDKJ dazu beitragen, daß insbesondere in den Fernsehnachrichten eine umfassendere, differenziertere, Ursachen und Folgen von Problemen beschreibende Berichterstattung wesentlich verstärkt wird.

Eine vornehmlich an Katastrophen orientierte Informationspolitik muß geändert werden. Dies bedeutet nicht, Katastrophen zu verschweigen oder Probleme zu verniedlichen: Vielmehr sollen Aufbrüche und Rückschläge, positive und negative Entwicklungen differenziert dargestellt werden. Dies gilt auch und gerade für die Nachrichtensendungen Tagesschau und heute.

Wie läuft die Aktion?

Nach entsprechender inhaltlicher Diskussion und Vorbereitung zum Thema Afrika-Berichterstattung wird entschieden, ob Ihr Euch bei dieser Unterschriftenaktion beteiligen wollt. In der hier abgedruckten Unterschriftenliste können sich alle Unterzeichner bzw. Unterzeichnerinnen mit Vor- und Zuname, Anschrift und Unterschrift eintragen. Gegebenenfalls könnt Ihr auch weitere Listen in der BDKJ-Bundesstelle anfordern. [ ... ]

Macht also mit bei dieser Aktion - zeigt den Fernsehverantwortlichen, daß viele Jugendliche und junge Erwachsene in Gruppen, Verbänden, Gemeinden und Schulen eine andere Afrika-Berichterstattung fordern! Nach Abschluß der Aktion werden wir über die Beteiligung an dieser Aktion und die Reaktionen der ARD- und ZDF-Verantwortlichen informieren.



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Afrika-Berichterstattung: ZDF lehnt Gespräch mit Kritikern ab

Auf große positive Resonanz ist die diesjährige Jugendaktion »Good news from Africa« gestoßen, die das bischöfliche Hilfswerk Misereor und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im März starteten: 15.224 Menschen hatten bis Ende Juni eine Unterschriftenliste unterzeichnet, mit der die Organisatoren von ARD und ZDF umfassendere und differenziertere Nachrichten über Afrika forderten, die auch über positive Entwicklungen informieren.

Über 90 Prozent der Unterschriften seien aus Kirchengemeinden gekommen, berichtete Karl-Heinz Feldbaum, Referent für Entwicklungsfragen beim BDKJ. Aber auch in Schulen, Gewerkschaften und von kritischen Journalisten sei die Aktion positiv aufgenommen worden. Viele Pastoren und Lehrer hätten den Unterschriftenlisten Begleitbriefe beigelegt, in denen sie begrüßten, daß endlich einmal »die menschenunwürdige Afrika-Berichterstattung« kritisiert werde. Verschiedene Jugendgruppen und Schulklassen haben die Berichterstattung ihrer Lokalzeitung analysiert. Junge Katholiken aus der Diözese Speyer drehten einen Videofilm »Hallo, Afrika«, in dem sie zeigen, wie man gute Nachrichten über den Kontinent zusammenstellen und präsentieren kann.

Mit den vielen Arbeiten aus den Gruppen, die sich an der Jugendaktion beteiligten, und den kritischen Analysen anderer Organisationen zur Afrika-Berichterstattung wollen BDKJ und Misereor ZDF-Intendant Dieter Stolte und den ARD-Vorsitzenden Albert Scharf konfrontieren. Scharf hat sich bereit erklärt, die Unterschriftenlisten entgegenzunehmen und mit dem BDKJ zu diskutieren. Stolte ließ dagegen mitteilen, das ZDF sehe dafür keine Notwendigkeit. Der Sender berichte sehr »umfangreich und problemorientiert« über Afrika. BDKJ-Bundespräses Rolf-Peter Cremer sprach darauf von einem »Affront gegen die Willensbildung der Bürgerinnnen und Bürger« und rügte den »schlechten und arroganten Stil« des ZDF.

epd-Entwicklungspolitik 14/15/95 (Juli).



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Das »andere Gedicht«

When I'm born, I'm black

When I grow up, I'm black

When I'm sick, I'm black

When I go out in the sun, I'm black

When I'm cold, I'm black

When I die, I'm black.


But you!


When you are born, you're pink

When you grow up, you're white

When you're sick, you're green

When you go out in the sun, you're red

When you're cold, you go blue

When you die, you're purple


and you have the fucking nerve to call me coloured!!!


Anonym: In: DED-Brief 1/ 1994.

M 5

Forderungskatalog an alle Meinungsführer



1. An die Medien:

Wir Journalisten müssen endlich lernen, der Verlockung des Sensationellen zu widerstehen; gerade im Falle Schwarzafrikas müssen wir damit aufhören, unsere Arbeit mit Katastrophenmeldungen zu betreiben. Die in der Tat sehr schwierige Entwicklungssituation dieses Kontinents erfordert mehr Seriosität. Katastrophenmeldungen dürfen nicht, nur weil sie einmal gedruckt worden sind, zu Selbstläufern werden. Im Bewußtsein unserer Öffentlichkeit ist Schwarzafrika zu einem Synonym für Chaos und Unterentwicklung geworden. Weil uns allen nur die Katastrophe und das Außergewöhnliche eine Schlagzeile wert ist, wurde diese ohnehin vorhandene Vorurteilshaltung anstatt abgebaut perpetuiert.



2. An alle, die Berichte verfassen:

Wir sind hörig geworden gegenüber den Meldungen von UN-Organisationen; wir müssen deren Zahlen und Behauptungen mehr als bisher prüfen und sie gegebenenfalls als Fehlmeldungen entlarven; das dient den wirklichen Bedürfnissen der Masse der Bevölkerung in Schwarzafrika. Das heißt aber auch: Weg davon, Verlautbarungen afrikanischer Regierungen und Organisationen als Tatsachen zu melden. Wir müssen in diesem Zusammenhang ferner begreifen, daß die Übertreibung ebenso unverantwortlich ist wie die Untertreibung.



3. An die Verantwortungsträger der Medien:

Es müssen mehr finanzielle Mittel als bisher für die Recherche vor Ort zu Verfügung gestellt werden. Millionenhohe Investitionen in moderne Kommunikationsnetze bleiben sinnlos, wenn die Qualität der eingespeisten Information nicht ebenfalls verbessert wird. Das derzeitige Mißverhältnis zwischen Technologie- und Rechercheausgaben ist unerträglich.



4. An die Intendanten der ARD und des ZDF:

Bei der dringend notwendigen Image-Korrektur über Afrika und der Beschaffung besseren Datenmaterials haben die öffentlich-rechtlichen Anstalten eine besondere Aufgabe und Verpflichtung. Private Medien verfügen jedenfalls derzeit nicht über die finanziell notwendigen Mittel, die Berichterstattung über die Dritte Welt auf breiter Front zu verbessern. Das Korrespondentennetz bedarf einer Ausweitung. Warum müssen ARD und ZDF in Südafrika jeweils eigene Korrespondenten unterhalten (und der Hörfunk noch einen weiteren), wenn es in Westafrika (wo ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents lebt) nicht einen einzigen mit festem Sitz und Büro gibt. Ferner: Kein Korrespondent ist in der Lage, zwanzig und mehr Staaten abzudecken, was bei manchen allerdings ihr Auftrag ist. Trotzdem glaubt der Fernsehzuschauer, seine Anstalten seien auch über die Vorgänge in diesen Großregionen bestens informiert.



5. An die Hilfswerke:

Sie müssen lernen, den Medien zu widersprechen, müssen deren Sensationshunger widerstehen, selbst auf die Gefahr hin, wegen einer nicht gemeldeten Katastrophe auf zusätzliche Spenden verzichten zu müssen. Außerdem müssen sie ihre eigene Informationspolitik verbessern. Anstatt ihren Eigenbröteleien zu frönen, sollten sie den vorhandenen Sachverstand in gemeinsam erstellten Dokumentationen über zentrale Probleme zusammentragen.



6. An die afrikanischen Politiker:

Sie sollten endlich damit aufhören, mit falschen Zahlen und Daten ihren Kontinent und die Anstrengungen ihrer Bevölkerung zu verleumden.



7. An unsere Politiker:

Sie beteiligen sich am Geschäft mit der Katastrophe; sie stimmen Nahrungshilfelieferungen zu, auch wenn diese nicht unbedingt benötigt werden. Sie müssen damit aufhören, mit kurativen Mitteln zu helfen, wo langfristige Strukturveränderungen erforderlich sind und wo außerdem eine Korrektur unserer Außenwirtschaftspolitik geboten ist.



8. An Schulbuchautoren und Bildungsverantwortliche:

500 Jahre nach dem Anbruch des Kolonialzeitalters sollten sie endlich in der Lage sein, die kolonialistische Brille abzulegen. Daß Afrikaner in unseren Schulbüchern immer noch als »Eingeborene« bezeichnet werden, ist nicht mehr zu entschuldigen. Außerdem sollten sie begreifen, daß die »Dritte Welt« drei Viertel der Welt umfaßt und daß ihr deshalb mehr Platz in den Schulbüchern und der universitären Ausbildung gebührt. Wenn Afrika in etlichen Unterrichtswerken nur auf einer Seite oder kaum mehr auftaucht, dann ist dies nur mit unserer eurozentristischen Überheblichkeit zu erklären, deren Ergebnis eine bruchstückhafte Information oder genauer eine Verbildung ist.



9. An den Bürger und Leser:

Nein, Sie sind nicht ohnmächtig. Sie müssen die Medien und Hilfswerke unter Druck setzen. Schreiben Sie! Stornieren Sie Gebühren, wenn weiterhin so schlecht recherchiert berichtet wird. Und die Hilfswerke werden ohne Druck des Spenders nie zu größerer Gemeinsamkeit in den zentralen Bereichen ihrer Öffentlichkeitsarbeit kommen.

Walter Michler Weißbuch Afrika. Bonn 1991 (2. Aufl), S. 36f.



Methodische Filmanalyse

Die Stellung der Kamera

Sie ist entscheidend für die Perspektive und die Aussage des Bildes. Man unterscheidet1:

Ein jeweils gleicher Gegenstand oder ein Mensch erfahren durch die unterschiedliche Perspektive eine unterschiedliche Akzentuierung. Die Froschperspektive kann einen großen Mann ins Lächerliche ziehen und dient oft der Karikierung. Andererseits wirken aus der Froschperspektive gezeigte Bilder von Soldaten oft monströs oder auch überhöht. Der Mensch verliert sein »Normalmaß«, die Kamera »manipuliert« die durchs Objektiv erfaßte Weit nachdrücklich. Die Aufsicht verkleinert das Gezeigte und wird gelegentlich bei Schwenks über viele Menschen (Bilder von Flüchtlingslagern) genutzt. Die Augenhöhe bietet in aller Regel ein optisches »Normalmaß«.

Zeichnung: Rolf Pausch:Materialien zur Film- und Fernsehanalyse. Köln 1993, S. 44.

Einstellungsgrößen

Bei der Kameraeinstellung unterscheidet man weiter zwischen:



Detail

Aufnahme aus kurzer Distanz; Gesichtsausschnitt, Detail eines Gewehres, Fliegen auf einem Körper etc. Die natürliche Sicht ist aufgehoben, es wird stark akzentuiert.

Auf dem Fernsehschirm kommt das Detail gut zur Geltung. Es erzeugt Intimität, unter Umständen auch suggestive Nähe.



Groß

Die Aufnahme zeigt einen Ausschnitt, der bei Personenaufnahmen an ein Paßbild-Ausschnitt erinnert (Schulter aufwärts). Die Großaufnahme wird beim Fernsehen gerne zur Auflockerung in einem Interview verwendet. Da das Bild sehr direkt und suggestiv wirkt, wird diese Technik nur zeitweise eingesetzt. Auf Dauer wirkt das Bild »zudringlich«, es durchbricht gewissermaßen die persönliche Aura. Bei Diskussionsrunden wird das Verfahren zur Auflockerung eingesetzt.



Nah

Es entspricht einem Brustbild. Der Hintergrund ist noch erkennbar. Die Mimik ist noch gut zu erkennen.



Halbnah

Diese Einstellung zeigt die Menschen etwa ab den Knien aufwärts. Der räumliche Kontext ist nicht ausdifferenziert.



Halbtotale

Die Einstellung zeigt die Menschen in ihrem Umfeld. Sie ermöglicht dem Zuschauer eine örtliche Orientierung. Im Fernsehehen ist sie wichtig weil, der »kleine« Bildschirm hier, auf dem Weg zur Totalen, eine ästhetische Grenzziehung markiert. Darüberhinaus geht die Intimität des Fernsehens verloren oder wandelt sich doch ganz entscheidend.



Totale

Sie ermöglicht den Überblick über eine ganze Szene oder Situation. Vieles läßt sich erkennen und auch - dank eigener Erfahrung - einordnen. Die Totale erlaubt ein »Vor-Urteil«, doch unterschlägt sie auch notwendigerweise viele Einzelheiten. Die Totale aus dem Hubschrauber über einem Flüchtlingscamp deutet nur grob etwas an. Das Leid wird dabei nicht »hautnah« sichtbar. Unangenehmes läßt sich aus dieser Distanz diskreter einfangen, der Schrecken wird so entschärft. Im Fernsehen ist die Totale wegen geringer Auflösung auf kleinem Bildschirm stets ein Kompromiß.



Weit

Die Einstellung läßt sich mit einem Weitwinkelobjektiv erreichen. Es ist eine Optik mit kurzer Brennweite, die einen besonders »weiten« Blickwinkel auf Landschaften, Städte etc. eröffnet. Die Tiefenwahrnehmung ist verstärkt, die Ränder sind jedoch verzerrt. Für Eigenproduktionen des Fernsehens ist das Verfahren nicht geeignet. Umgekehrt verlieren Spielfilme, die mit weiten Einstellungen operieren bei Abspielung über den Bildschirm.



Kamerabewegungen

Die stationäre Kamera kann sich um drei Achsen bewegen und damit das Bild bestimmen



Kameraposition

Die unterschiedliche Kameraposition erfaßt jeweils einen unterschiedlichen Wirklichkeitsausschnitt und setzt sich zu dem Gezeigten in ein bestimmtes Verhältnis, Die getroffene Entscheidung des Kameramannes ist damit keine »beliebige« und manipuliert ganz absichtsvoll..



Kamerafahrt (echte Fahrt)

Die Kamerafahrt auf dem Schlitten (Auto, Kran, Dolly) vermittelt die Vorstellung von einer Bewegung im Raum. Diese Technik ermöglicht u.a. konstante Nähe zu einer Person. Für die dokumentarische Filmarbeit ist das Verfahren jedoch in aller Regel zu aufwendig. Stattdessen wird die optische Fahrt mit dem Zoom realisiert.

Vgl. James Monaco: Film verstehen. Reinbekc bei Hamburg 1980, S. 90.



Zoom (optische Fahrt)

Durch stufenlose Veränderung der Brennweite entsteht eine scheinbare Fahrt vor- oder rückwärts. Die perspektivische Wirkung ist eine andere als bei der echten Fahrt: Im Zoom verändert sich das Verhältnis von Hintergrund zur Person.



Freie Kamera

Sie wird bei der aktuellen Berichterstattung häufig verwendet, weil der technische Aufwand gering ist. Frei geschultert wird die Kamera zum engagierten Beobachter, der seinen Gegenstand verfolgt. Das möglicherweise unscharfe Bild durch Verwackeln ist dabei gleichzeitig ein Zeugnis vermeintlicher oder tatsächlicher Aktualität. Die freie Kamera ist die Grundlage der aktuellen Reportage.



Bildschnitt und Montage

»Erst wenn man im Schneideraum ist, erkennt man die Bedeutung genauer Überlegungen während der Dreharbeiten. Denn bevor man sein Material nicht von innen heraus verstanden hat, kann man nicht hoffen, daß man es zum Leben erwecken wird. Kein noch so großer Aufwand beim Schnitt wird Einstellungen Bewegung einhauchen, wenn man nicht während des Drehens auf seine Bilder geachtet hat.« (Paul Rotha)2

Mit der Bearbeitung des filmischen Rohmaterials, dem Aussondern und Selektieren, greift das technische Produktionsteam aktiv in den filmischen Interpretationsprozeß ein. Überflüssiges oder störendes Filmmaterial wird ausgesondert. Dabei dient der Schnitt auch der Zeitverkürzung und greift »ordnend« in den Produktionsprozeß ein. Der Wechsel von Bildgröße und Bildwinkel konstituiert das filmische Ergebnis und interpretiert das Gezeigte aus einem ganz spezifischen Blickwinkel.



Ton-, Sprech- und Sprachmaterial

Die Reportage lebt in vielfacher Hinsicht von dem Zusammenspiel der optischen Botschaft mit dem akustischen Klangteppich. Dieser wird in aller Regel aus Originaltönen (O-Ton) vom Drehort bestehen (Straßenlärm, Kinder spielen, Kriegslärm). Unter Umständen muß der O-Ton vom Drehort nachvertont werden, was im allgemeinen für den unterlegten Kommentar ohnehin gilt. Durch die Wahl der akustischen Mittel können emotionale Aspekte betont werden. Der erst im Studio unterlegte populäre Drina-Marsch oder Musik aus Somalia suggerieren sicherlich eine affektive Nähe zu den Themen Krieg in Ex-Jugoslawien oder Hunger am Horn von Afrika. Der nonverbale musikalische Zugriff kann ein ausdrucksstarkes Mittel im Kontext der Reportage sein. Mit Musik schafft man insbesondere3

Im zeitgenössischen Dokumentarfilm wird Musik jedoch sparsam umgegangen. Die Gefahr der falschen Akzentuierung oder der Parteilichkeit ist gegeben.



Sehen und Hören

»Bild oder Ton - das ist nicht die Frage. Je nach Inhalt und Darstellungsform hat zuweilen das Bild, zuweilen der Ton die größere Aussagekraft. Grundsätzlich stehen beide gleichberechtigt nebeneinander. Nur das sinnvolle Zusammenführen von Bild und Ton ergibt das, was gutes Fernsehen ausmacht.

Auf dem Gebiet der Vertonung sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt. Die Ambivalenz ihrer Einsatzmöglichkeit erschwert das Festlegen von Regeln, Intuition, Gespür für das Wesentliche und Subtilität in der Handhabung sind gefragt. Wer das erkennt und bereit ist, auch mit dem »Ton« bewußt und gezielt umzugehen, hat ein hervorragendes Mittel an der Hand, seinen Beiträgen die gebührende Akzeptanz zu verschaffen. «4



Der Kommentar in der Reportage

Der Kommentar in einer Reportage, Feature oder aktuellem Bericht steht immer in Konkurrenz zur vermittelten Bildersprache. Es kann gefragt werden:

In großer Strenge könnte man folgern, daß die Reportage kein Kommentar sei und umgekehrt. In der Praxis läßt sich freilich die Trennung kaum aufrechterhalten. Der Auslandskorrespondent vor Ort kommentiert fast immer indem er berichtet oder reportiert. Er ordnet ein, interpretiert und gibt Meinungen wieder. Das Publikum, das Tausende von Kilometern vom Brennpunkt des Geschehens lebt, erwartet mit Fug und Recht den »ordnenden« Kommentar, die Hilfestellung des Journalisten bei der Einschätzung von Konflikten. Das Sozialprestige der Auslandskorrespondenten ist ganz erheblich. Dem einsamen Journalisten am Horn von Afrika oder auf dem Balkan hat das Publikum idealtypisch die Meinungsführerschaft übertragen. Daher ist es notwendig, sich immer wieder nach den rhetorischen Implikationen der Berichte zu fragen, ihre Strukturen zu beschreiben. Nedad Pejic, der ehemalige bosnische Fernsehdirektor, erklärte, es sei unmöglich, in Kroatien oder Serbien ohne Fernsehen Krieg zu führen. »Wenn man einen Krieg will, dann braucht man Fernsehen, braucht man ein Beeinflussungsinstrument«.5 Auch der umgekehrte Fall der humanitären Hilfe, ausgelöst durch das Fernsehen, ist denkbar, wie in Somalia. Aber immer steht das Fernsehen mit seinen Bildern und seiner Sprache dazwischen.



Anmerkungen

1 Vgl. James Monaco: Film verstehen. Reinbek bei Hamburg 1980; Karel Reisz / Gavin Millar: Geschichte und Technik der Filmmontage. München 1988; Werner Faulstich / Hans-Werner Ludwig (Hrsg.): Einführung in die Filmanalyse. Tübingen 1980.

2 Paul Rotha: Documentary Film. London 1936, S. 198.

3 Vgl. Gerhard Schult/ Axel Buchholz (Hrsg.): Fernsehjournalismus. München / Leipzig 1993, S. 101f.

4 Ebd., S. 106.

5 Zitiert in: Detlef Kleinert: Inside Balkan, Opfer und Täter, Wien und München 1993, S. 45.



Beschreibung ausgewählter Filmsequenzen



Hinweis

Die in diesem Kapitel beschriebenen Filmsequenzen sind in dem Videofilm »Krieg im Fernsehen- enthalten (siehe S. 3).



1. »Die Welt im Griff «: Die An und Abmoderation



SDR-Weltspiegel (3.7. 1994)

Anmoderation

Im Studio: Kurt Stenzel


SDR-Weltspiegel (28.3. 1993)

Anmoderation

Im Studio: Ernst Elitz


SDR-Weltspiegel (14. 8.1994)

Abmoderation

Im Studio: Kurt Stenzel

Ausschnitt: 2:20 Min.



In beiden Anmoderationen dominiert der feuilletonistische Zugriff, auch das geflügelte Wort oder Zitat. Die Anmoderation versperrt sich auf diese Weise dem Thema, in das eingeführt wird. Die Moderatoren unterstreichen mit erheblichem rhetorischem Aufwand großes Fachwissen, das sie als Experten ausweisen soll.

Im zweiten Beispiel werden die Kriegsparteien - ganz nach europäischer Vorstellung - als wilde, undefinierbare Stammeshorden charakterisiert. »Chaos« und »Anarchie« in Somalia entfesseln auch die Sprache des Moderators. Auffallend auch die Wendung von den Kämpfenden, die sich »ineinander verbissen haben«. Das Bild ist aus dem Tierreich entlehnt und definiert unterschwellig die qualitative Abstufung zwischen Weiß und Schwarz. Ein latent rassistischer Einschlag - wie fern er auch immer dem Moderator gelegen haben mag - kommt zum Tragen. Die Abmoderation (3. Beispiel) signalisiert die Kapitulation des Moderators vor dem eben Gezeigten, der Zeitgeschichte und ihren Hintergründen. Orte, Namen und Fremdwörter stiften abschließend neuerliche Verwirrung. Widersprüchliches wird relativ beliebig feuilletonistisch zusammengewürfelt.



Ablauf der Filmsequenz

1. Beispiel: Anmoderation (03.07.94) mit Kurt Stenzel

»Wer Beirut gemocht hat, wird Mogadischu lieben. « - Mit diesem Satz ist ein amerikanischer Botschafter im Nahen Osten berühmt geworden. Wie recht er doch hatte! Der Libanon und Somalia sind Länder, wo man mit kurzatmigen Militäraktionen nur scheitern kann. Am 18. März hat der letzte deutsche Blauhelm-Soldat Mogadischu verlassen. Unsere Beteiligung war immer umstritten, politisch wie juristisch. Am 12. Juli wird der (verspricht sich) wird das Bundesverfassungsgericht entscheiden, ob der Einsatz verfassungskonform war. Was Rechtens ist, muß noch lang nicht politisch klug sein, kann es aber selbstverständlich. Uns interessiert heute die schlichte Frage, was der Bundeswehreinsatz den Menschen vor Ort gebracht hat. Christoph Maria Fröhder aus Belet Huen.



2. Beispieh Anmoderation (28.03.93) mit Ernst Elitz

[...] Bei uns im Weltspiegel aber geht es jetzt um Somalia. Heute haben sich die Anführer von 15, in Worten: fünfzehn,

Elitz hebt bedeutungsvoll den Zeigefinger.

Kriegsherren auf ein Ende der militärischen Auseinandersetzung geeinigt. Seit dem Sturz des korrupten Staatschefs Siyad Barre - vor zwei Jahren war das - versank das Land in Chaos und Anarchie, es gab keine Regierung mehr, und jeder kämpfte gegen jeden. Die Kriegsherren haben nun beschlossen, daß ihre Verbände innerhalb von 90 Tagen die Waffen niederlegen sollen, aber da ist Skepsis angebracht. Und gerade ein Blick auf die Hafenstadt Kismaayo, die unser Reporter Albrecht Reinhardt besucht hat, macht deutlich, wie sehr sich die Kämpfenden ineinander verbissen haben. Diese Stadt wird belagert von den Soldaten des Clanführers General Morgan. Seine Leute haben sich aber auch im Zentrum der Stadt, in der Polizeistation und im Krankenhaus verschanzt. Dazwischen aber

Elitz macht eine erläuternde Kreisbewegung mit den Fingern.

stehen die Trupps eines anderen Clans von Oma Jess. Die Frage ist nur: Wer erdrückt wen? Und wie lange können ein paar verlorene belgische UNO-Soldaten das Blutvergießen noch aufhalten?



3. Beispiel: Abmoderation (14. 8. 1994) mit Kurt Stenzel

In Bosnien wurde in den letzten Jahren so viel getrickst, getäuscht, gelogen und betrogen, daß jedes Urteil einem Va-banque-Spiel gleicht. Ist der Riß zwischen Belgrad und Pale, zwischen Milosevic und Karadzic echt oder doch nur wieder eine neue Variante in einer raffinierten Doppelstrategie? Ich glaube, es gibt Konflikte, die kann man von außen kaum verstehen, die kann man vielleicht nur verstehen, wenn man dort lebt [ ... ].



2. »Krieg als Medienspektakel«: Die Landung in Mogadischu

ZDF-spezial (9. 12. 1993)

Autor: Joachim Holtz

Ausschnitt 2:05 Min.



Nur um Stunden zeitversetzt mit dem realen Ereignis am Horn von Afrika berichtete das Fernsehen in Deutschland über die erwartete Landung der US-Soldaten am Morgen des 9. Dezembers 1992 in Somalia. Wie schon im Zweiten Golfkrieg spielten dabei die amerikanischen Medien eine entscheidende Rolle und inszenierten der Fernsehwelt mit hohem technischen Aufwand den Aufmarsch der amerikanischen Truppen in Somalia. Die meisten Bilder, die von der Landung zu sehen waren, wurden dem deutschen Fernsehen direkt von amerikanischen Agenturen angeboten. Die Reportage ist diktiert von spektakulären Einstellungen. Das amerikanische Militär mit seinen großen Gerätschaften steht im Mittelpunkt der Bilder, und es gibt keine Zeit, die Begründung der Aktion in Worten nachzuliefern. Dennoch gibt sich der deutsche Berichterstatter betont medienkritisch: Er kritisiert das Spektakel und seine militärischen »Darsteller«.

Das UNOSOM-Unternehmen von 1992 / 93 galt der Eindämmung der somalischen Hungerkatastrophe, der Errichtung geschützter Korridore für die Hilfslieferungen. Die Bilder von der Landung unterstreichen signifikant die militärische Überlegenheit der amerikanischen Helfer. Die gespenstische nächtliche Szenerie, ausgeleuchtet mit Scheinwerfern und zuckenden Blitzlichtern, betont fast ausschließlich die gigantische militärische Stärke der westlichen Führungsmacht.



Ablauf der Filmsequenz

Bild. Mond, Wolken fliegen an ihm vorbei. Musik. Dann Titel

»Die Landung in Mogadischu«

Bild: Nächtliche Szenerie, unscharf. Tower. Großaufnahme: Ein Mann mit Feldstecher blickt durch sein Glas.

Kommentar Gegen Null Uhr 30 vergangene Nacht ist der Tower am Flughafen von Mogadischu hell erleuchtet. Kamerascheinwerfer, die Presse hat den Ausguck besetzt.






ZDF-spezial:9.12.93



Bild: dunkle Schattenrisse.

Dann sind sie entdeckt. Camouflage, die Tarnung hilft den Gls des Vorauskommandos nichts mehr,

Bild, Soldaten nur halb ausgeleuchtet durch die Scheinwerfer.

sie sitzen da wie Models zum Abschuß für die Fotografen.

Bild: Pressefotografen schießen Blitzlichtbilder von den Soldaten.

O-Ton eines Fotografen in Englisch:

»Die armen Jungs müssen sich furchtbar fühlen. Das sind sicher gute Soldaten, und so wirken sie einfach lächerlich. Dieser Platz ist doch völlig sicher, sonst hätte man uns nicht hierher gelassen.«

Bild: Panzer fährt aus dem Wasser.

Die Landung der Amerikaner um 4 Uhr 30, ein Medienspektakei,

Bild: Blitzlichtgewitter bei der Anlandung des Panzers.

Rechtzeitig vor der Primetime, der Hauptnachrichtenzeit an der amerikanischen Ostküste, schieben sich die Amphibienfahrzeuge die Dünen zum Flughafen hoch - durch das Blitzlichtsperrfeuer der Journalisten. Der Vormarsch mit schwerem Gerät wird den ganzen Tag anhalten.

Bild: Landung weiter im Bild. Hubschrauber.

Unterstützung aus der Luft. Am Boden schwärmen Kommandos aus, zwischendurch Verkehrsstau am Landungspunkt für die Journalisten.

Bild / O-Ton: Zwei US-Soldaten bedrohen zwei am Boden liegende Schwarze. Ein GI ruft »Hands up! Hands up!«

Dann wird es dramatisch. Die Soldaten scheinen in dieser Situation überbewaffnet, wissen aber auch nicht, was sie erwartet. Die humanitäre Hilfsaktion bekommt rauhe Züge.

Bild/ Ton: Schreiende Gis, die die Schwarzen einschüchtern.



3. »Der elektronische Krieg«: Die NATO greift im Balkan ein

ARD-Tagesschau-Ausschnitte (30. und 31. 8. 1995)

Ausschnitt: 3:50 Min.



Der Zweite Golfkrieg von 1992 ist vielfach als eine Zäsur bei der Kriegsberichterstattung im Fernsehen verstanden worden. Die amerikanischen Militärs diktierten damals fast vollständig die Bedingungen des Medienmarktes und entschieden, was gesendet werden durfte oder nicht. Der Krieg wurde in Bildern abgelichtet, die in ihrer großen Abstraktion keinen Einblick in die tatsächliche Zerstörung und Vernichtung erlaubten. Faktisch wurde das Fernsehpublikum mit Bildern abgespeist, die den Krieg als ein »sauberes« Videospiel definierten. hinzu kam das neue Phänomen, den Krieg jetzt am Bildschirm in »Echtzeit« als Infotainment miterleben zu können. Bei dem Luftwaffeneinsatz der NATO im Spätsommer 1995 bei Sarajevo waren im deutschen Fernsehen nahezu identische Bild- und Sprachmuster in den Tagesschauen (30. und 31.8.95) zu verfolgen. Nochmals zeigten Fernsehbilder mit Raketen und lasergesteuerten Bomben ein aseptisches Szenario ohne Menschen und Kriegsopfer. Wie das Bildmaterial die Wahrnehmung steuern und im gewünschten Sinne manipulieren kann, belegen die Ausschnitte.



Ablauf der Filmsequenz

Tagesschau vom 30.8.1995

Bild: Grün erleuchteter Himmel. Schrift: »Bericht. Peter Dudzik«

Kommentar: Es war etwa zwei Stunden nach Mitternacht, als eine gewaltige Explosion die Menschen in Sarajevo weckte. Dann ein riesiger Feuerball im Norden. NATO-Kampfflugzeuge hatten ein serbisches Munitionsdepot in die Luft gejagt. Im Morgengrauen dann eine zweite Angriffswelle, ihr Ziel: Radaranlagen, Luftabwehrstellungen, Kommandoposten der Serben.

Bild, Die Kamera verfolgt zwei Kampfflugzeuge, die ein Luftmanöver machen. Im Gegenschnitt sind zwei Kinder, die in den Himmel sehen. Der Schnitt suggeriert, daß die Kinder die gezeigten Jets im Auge haben,

Freude sicher bei vielen Bewohnern der Stadt, aber auch Nachdenklichkeit und Angst. Man fürchtet, daß die Serben noch gewaltiger zurückschlagen werden, als in den vergangenen vierzig Monaten.

Bild: Kamera verfolgt auf der Straße fliehende Menschen, Sirene heult.

Nur wenige Menschen verlassen die Häuser. Die Serben nehmen verstärkt die Altstadt mit Granaten unter Beschuß. Über Rundfunk werden die Bewohner von Sarajevo aufgefordert, die Häuser nicht zu verlassen. Bei den Blauhelmen der UN wird die höchste der Alarmstufen »Rot« ausgerufen, und als Vergeltung feuern die Serben Granaten auf mehrere Stellungen der UN. Und auch die Schnelle Eingreiftruppe schießt zurück. 600 bis 700 Granaten werden von französischen, britischen und niederländischen Soldaten abgefeuert. Fünfzehn Ziele haben sie im Visier. In Sarajevo wird es ruhiger. Erster militärischer Erfolg: die serbische Artillerie rund um Sarajevo ist ernsthaft reduziert. Bis zum Abend sind die NATO-Flugzeuge zum fünften Mal über Bosnien im Einsatz, 60 Maschinen insgesamt. Und um 17 Uhr 15 wird eine französische Maschine von einer Boden-Luft-Rakete der Serben getroffen, in der Nähe der Serben-Hochburg Pale.



Tagesschau vom 31.08.95

Sprecher: Joachim Brauner



Bild: Hintergrund: Karte von Bosnien-Herzegowina mit Sarajevo.

Die NATO ist entschlossen, die Belagerung Sarajevos durch die Serben endgültig zu beenden. Die Angriffe gegen serbische Stellungen, so hieß es am Nachmittag in Brüssel, würden so lange weitergehen, bis der Flughafen und die Zufahrtstraßen der Stadt offen seien. Auch heute waren Kampfflugzeuge über Bosnien-Herzegowina in der Luft. Erst gegen Abend wurde bestätigt, daß sie wieder Ziele bombardiert hätten. Erstmals sind, wie vor wenigen Minuten aus Bonn bekannt wurde, auch deutsche Tornadokampfflugzeuge angefordert worden. Dieser erste Einsatz sei aber an technischen Problemen gescheitert. Eine Bilanz der Einsätze von gestern zog am Vormittag das NATO-Kommando Süd-Europa.

Bild: US-Admiral Smith im Bild. Mit englischem O-Ton. Es folgt die Übersetzung.

Unsere NATO-Piloten haben 300 Einsätze auf 23 Zielobjekte geflogen, sagte Admiral Laton Smith im NATO-Hauptquartier in Neapel, und über 90 Einzelziele bekämpft. Videos wurden gezeigt

Bild: Einblendung von entsprechenden Aufnahmen mit Time-Code. Schrifteinblendung: »Bericht: Michael Mandlik. «

mit dem Hinweis, daß innerhalb der ersten 24 Stunden der NATO-Angriffe zahlreiche serbische Artillerie- und Raketenstellungen, aber auch Kommandobunker und Munitionsdepots von den NATO-Kampfjets zerstört worden seien. Auch die Artillerie der schnellen Eingreiftruppe auf dem Berg Igman bei Sarajevo habe 700 schwere Granaten auf die serbischen Stellungen abgefeuert, die wiederum auf NATO-Flugzeuge geschossen hätten.

Bild: Kamera zeigt Adria-Karte und Admiral Smith.

Die deutschen Tornados, so der Admiral, seien aufgrund der speziellen Vorgaben nicht beteiligt gewesen, aber jederzeit einsatzbereit, sollten es die Bedingungen künftig erfordern.

Bild. Schnitt auf Flugzeugträger. Startende Jets.

Unterdessen wurden noch den ganzen Tag über, wie hier vom US-Flugzeugträger »Theodore Roosevelt«, Kampf- und Überwachungseinsätze über bosnischem Gebiet geflogen. Wie schon zuvor werden die Maschinen auch weiterhin mit lasergesteuerten Raketen bestückt. Nach der Ankündigung des NATO-Generalsekretärs, die Militäroperationen eventuell sogar zu verstärken, war auch auf der »Roosevelt« gegen Abend wieder die uneingeschränkte Kampfbereitschaft hergestellt worden.

Bild: Jet hebt vom Flugzeugträger ab.

Auch künftige Lufteinsätze erfolgten in Abstimmung mit der Schnellen Eingreiftruppe in Bosnien. [...]



4. »Schrecken des Fremden«: Sharia und Fundamentalismus

WDR-Weitspiegel (9.10.1994)

Titel: »Die Richter Allahs«

Bericht von Klaus Werner

Ausschnitt:2:20 Min.



Dies ist ein persönlicher Erlebnisbericht aus Somalia nach Abzug der UN-Truppen. Der »Schrecken« einer fremden Weltreligion wird an einem Detail ins Bild gesetzt. Die Stichworte heißen Islam und Sharia, ihr Symbol eine blutige Gerichtsbarkeit und abgeschlagene Glieder. Der Kommentar wirkt emotionsfrei. Sachlichkeit bestimmt ihn, doch das Arrangement des Bildkontextes fördert eine weitere Aussage zutage: Schieres Entsetzen über den Islam und seine angeblich blutrünstigen Mahdis wird gefördert. Die im Bild tradierten »Vorurteile« gegenüber der fremden Kultur bedienen eine eurozentristische Weltsicht. Das Fremde ist suspekt. Der Beitrag läßt keinen Raum zur Diskussion und diskreditiert dadurch das islamische Selbstverständnis.



Ablauf der Filmsequenz

Bild: Die Kamera zeigt einen Deliquenten mit verbundenen Augen. Er wird ausgepeitscht.

Kommentar: Die Hiebe sind sehr schmerzhaft, am Ende platzt die Haut auf, der Rücken völlig zugeschwollen. Nach der Tortur ist ihm vergeben, er hat keine Schuld mehr. »Gerechte Buße für eine schlimme Buße«, so zitiert das Gericht den Koran.

Scheich Shariff Mohidin ist sicher, daß die Sharia mit all ihrer Härte die einzige Lösung für Somalia bedeutet. Politik hat keine Chance mehr. Nur die Besinnung auf islamische Werte, auf den Koran, bringt das somalische Volk wieder zusammen.

Bild: Verbundener Beinstumpf Großaufnahme.

Auch das gehört zur Sharia. Bei Raub mit der Waffe werden ohne Betäubung die rechte Hand und der linke Fuß abgeschnitten.

Bild: Ein Schwarzer ist auf dem Krankenbett in Halbtotale zu sehen.

Er hat mit vorgehaltener Maschinenpistole eine Uhr geraubt.

Bild: Werner interviewt den Arzt.

Auf die Frage, wie groß die Schmerzen seien, meint der Arzt:

»Er leidet nicht. Sicherlich hat er Wundschmerzen. Wir machen eine korrekte Nachbehandlung. Und wie Sie jetzt sehen, ist er jetzt glücklich. Das einzige, was er sich jetzt wünscht, sind Prothesen für seine verlorenen Glieder.« Ich frage nach, wie man in diesem Zustand glücklich sein kann.

»Er ist glücklich, weil er sich bewußt ist, daß er Schlechtes getan hat und dafür die gerechte Strafe bekommen hat. Er hat versprochen, so etwas nie wieder zu tun. Leider müssen wir ohne Narkose nachbehandeln. Das ist ein Problem. Die Glieder sind nicht korrekt abgetrennt, deshalb müssen wir noch einmal nachamputieren. «

Bild: Das verkürzte Bein, der Stumpf

Fühlen sich alle Täter gleich nach ihrer Amputation?, frage ich einen andern Arzt?

»Nur einer von ihnen fühlt sich nicht gut, weil er sich unschuldig glaubt, ob er recht hat, wissen wir nicht.«

Kann diese harte Bestrafung nach islamischen Gesetz wirklich zu einer friedlichen Lösung in Somalia führen?

» Ich glaube, das ist die beste Lösung für Somalia«



5. »Betroffenheit und Ohnmacht«: Die Krüppel von Sarajevo

WDR- Weltspiegel (15. 5. 1994)

Titel: »Die Krüppel von Sarajevo«

Ein Zwischenruf von Friedhelm Brebeck

Ausschnitt: 2:22 Min.



Der Film versteht sich als ein subjektiver Beitrag des Fernsehlkorrespondenten Friedhelm Brebeck und ist als »Zwischenruf« tituliert. Dieses könnte darauf hinweisen, daß die übliche Distanz im Bericht aufgegeben und pointiert formuliert werden soll. Wer dazwischenruft, verletzt die Spielregeln im allgemeinen und wird sehr leicht als Störenfriedangesehen - und das scheint hier beabsichtigt. In der Tat beginnt der Bericht mit der Durchbrechung eines sprachlichen Tabus. Brebeck spricht von »UNO-vergessenen Dörfern am Arsch der bosnischen Bergwelt«. Die Aufmerksamkeit des Zuschauers wird wachgerufen. Später heißt es von Achmed, einem Versehrten: »In Sarajevo krückt er sich durch die Nebenstraßen«. Auch diese ungewöhnliche Wendung läßt aufhorchen, schließlich spricht Brebeck vom »Waffenstillstandsrausch«, den er nicht stören will. Unklar bleibt dabei freilich, wie das gemeint ist, und was der Zuschauer sich darunter vorstellen soll.

Der Krieg selbst kommt nur eingangs ins Bild durch Schüsse, Rauch und Qualm und zerschossene Häuser. Dann wendet sich der Film den schrecklichen »zivilen« Folgen zu, den Krüppeln und ihrem Alltag in Sarajevo. Die Zusammenstellung der Bilder ist so arrangiert, daß der Zuschauer am Bildschirm zu Hause absichtsvoll geschockt wird. Der Einblick in die Prothesenfabrik, die Sicht auf Stümpfe und Kunstbeine zeigt eine furchtbare Facette des Krieges in Ex-Jugoslawien.

Schließlich setzt der Beitrag die »Überlebenden und die Kriegsschikkeria« ins Bild, die Reichen mit »Sonnenbrillen« werden gegen die Gesellschaft der Krüppel abgesetzt. Aber es gibt nach Brebeck auch »Vorzeigekrüppel«, die ins Ausland zur Therapie können und mit den »besten aller Kunstbeine« versorgt sind. Der polemisch akzentuierte Beitrag zeigt einen Ausschnitt aus dem Alltag in Sarajevo. Die Sprache ist über weite Strecken zynisch akzentuiert, die Kamera unterstreicht das Grauen.



Ablauf der Filmsequenz

Bild: Schüsse, Rauch und Qualm. Zerschossene Häuser. Ein Mann mit Gewehr bringt sich rennend in Deckung.

Kommentar: So war das zwei Jahre lang in Sarajevo, und so ist das immer noch in Bihac, in Bresco und in den UNO-vergessenen Dörfern am Arsch der bosnischen Bergwelt. Fast 144.000 Tote und Tausende ohne Arme und Beine.

Bild: Aus der Froschperspektive. Ein Krüppel. Im Bild nur die Krücken, das versehrte und das gesunde Bein, kein Körper, kein Gesicht.






Weltspiegel: 15.5.1994



Achmed aus Mostar. 32 Jahre, eine Mine. In Sarajevo krückt er sich durch Nebenstraßen. Ich will die Leute in ihrem Waffenstillstandsrausch nicht stören.

Bild: Mehrere Menschen mit und ohne Krücken stehen zusammen. Bild immer noch ohne Gesichter.

Zwei Krücken, sechs Beine und eines davon bis zur Hüfte aus Holz.

Bild: Jetzt sind die Gesichter der drei Männer zu sehen.

Sie waren in einer Brigade, halten noch ein bißchen zusammen. Mehr als zehntausend sind in diesem Krieg zu Krüppeln zerschossen. In Sarajevo liegen 200 in einer Grundschule auf Feldbetten. Keine Familien, keine Wohnung, Die Armee verweigert Dreherlaubnis und Interviews. Ihre monatliche Invalidenrente

Bild: Zwei Invalide geben sich Feuer.

verdampft in zwei Zigaretten. Alle drei Monate schickt ihre alte Einheit ein Paket, das von der Front abgespart wird.

Bild: Durch ein Fenster sind Kinder zu sehen.

Die Kinder vor der Prothesenfabrik.

Bego Kapo ist 32 und Bauingenieur und er weiß nicht, ob die Regierung seinen Arbeitsplatz garantiert. Das war eine Mine.

Bild: Die Prothese und das zerstörte Bein, das gesunde Bein im Bild angeschnitten.

Die Werkstatt für Kunstbeine ist primitiv, kein Material, keine moderne Technik. Die UN-Hilfe kümmert sich um Diesel für Abschleppfahrzeuge falsch geparkter Schwarzmarktautos. Kapitano V. ist die Prothese gebrochen, er versucht eine neue. Die meisten Beine müssen alle drei Monate gewechselt werden. Die miserable Ernährung schrumpft die Stümpfe immer mehr zusammen und so viele Kunstbeine gibt es nicht, und die Kriegskrüppel sind verbittert.

6. »Ästhetik des Greuels«: Tod in Slow Motion



ZDF-Reportage (15. 1. 1993)

Titel: »Der Wahnsinn. Die Gefangenen, die Kinder, die Frauen«

Redaktion: Claudia Ruete

Ausschnitt: 1:50 Min.



Es ist ein Film, der vor allem durch das Arrangement der Bilder und die Rhythmisierung des gezeigten Materials auffällt. Immer wieder gibt es lange wortlose Passagen, die in Slow Motion (Zeitlupe) das Kriegsgeschehen für Augenblicke retardieren, anhalten und zur Reflexion einladen. Die Verlangsamung zieht eine Intensivierung der Bildeindrücke mit sich. Der Kommentar ( im Videoausschnitt nicht enthalten) tritt immer wieder zurück hinter ein Bildmaterial, das dem Entsetzen durch die Tempiwechsel eine intensive nonverbale filmische Variante entlockt. Es entsteht durch diesen Kunstgriff eine filmische Metasprache, die über den üblichen »Krisenbericht« des Fernsehens hinausweist. Es hat den Anschein, als leuchte der Bericht durch seinen eindringlichen Schnitt in die verborgenen Nischen des Krieges. Die Verschränkung von Musik und Bild ist suggestiv und eindringlich. Die Reportage hat eine Gesamtsendelänge von 28:29 Minuten.



Ablauf der Filmsequenz

Bild: Ein Mensch liegt am Boden, Ein anderer beugt sich über ihn, hebt ihn hoch. Eindringliche Musik. Eine Blutlache wird sichtbar. Slow Motion. Blick auf weitere Verletzte oder Tote, Überblendungen, Zerschossene Autotür. Schnitt. Beerdigung, Trauernde, Musik weiter und Slow Motion. Weinende Frau mit gefalteten Händen. Großaufnahme auf einen Männerkopf. Der Mann wischt sich eine Träne weg, er raucht.. Frauenkopf, Tränen. Überblendung auf einen halbstarren, tot wirkenden Menschenkopf Die Hand greift nach Nahrung. Schnitt: Verwesende Leichen, Fliegen an Kopf und Körper. Schnitt: Ein Schuh; Kamera fährt den Körper hoch. Dieser liegt tot in einer Schubkarre zusammengefallen. Schnitt: Toter Mensch liegt mit dem Kopf im Wasser.



7. »Krisennachrichten für Kinder«: Deutsche Soldaten in Somalia

ZDF-logo (23. 3. 1994)

Im Studio Alexander Antoniadis

Ausschnitt: 0:55 Min.



logo ist eine ZDF-Nachrichtensendung, die sich, plaziert im Nachmittagsprogramm, speziell an Kinder und Jugendliche wendet. Die Sendung soll in leicht verständlicher Form auch über komplexe Geschehnisse in der Welt berichten. In der Sendung wird zur Veranschaulichung regelmäßig mit Schaubildern und Graphiken gearbeitet. Die Schaubilder dienen zur Verdeutlichung des Hungerproblems in Somalia, für das der Beitrag dann eine Einschätzung gibt. Der Bericht läßt Kritik an dem Somaliaeinsatz anklingen.



Ablauf der Filmsequenz

Bild: Hungernde Kinder, sie starren in die Kamera. Fliegen an einer leeren Schüssel.

Kommentar: In Somalia gab es kaum etwas zu essen, als die UNO-Soldaten kamen.

Bild: Es wird Essen an Kinder verteilt. Ein Kind trinkt aus einer Schüssel. Vorbeifahrender Sattelschlepper mit Hilfsgütem. Entladung des LKW Kinder tragen Säcke mit Nahrungsmittel. Bewaffnete Soldaten vertreiben Somali von LKW Gruppe deutscher Soldaten im Zelt. Somalia-Karte. Deutsche UN-LKWs und Planierfahrzeuge beim Straßenbau in Wüstengelände. Soldat trägt Ausrüstungsgegenstand, Soldaten verlassen das Flugzeug und steigen die Gangway herab. Begrüßung der Soldaten durch den Vorgesetzten mit Händedruck. Soldaten steigen in den Bus.

Die Menschen verhungerten, weil die verschiedenen Stämme sich einen schlimmen Bürgerkrieg lieferten und es nicht genug Nahrung gab. Deshalb schickte die UNO Truppen nach Somalia, die Nahrungsmittel verteilten und für Ordnung sorgen sollten. Deutschland schickte auch Soldaten für die UNO-Mission.

Bild: Somalia - Karte wird auf das Bild aus Somalia als Kontur eingeblendet.

Die Bundeswehr-Soldaten waren in Belet Huen, im Süden Somalias stationiert. Dort bauten sie Straßen und bohrten sie Brunnen. Jetzt ist die Mission für die deutschen Soldaten beendet. Die letzten von ihnen sind heute mittag nach Deutschland zurückgekehrt. In Somalia aber geht der Bürgerkrieg immer noch weiter, denn den konnten auch die UNO-Truppen, zu denen auch die deutschen Soldaten gehörten, nicht stoppen.


ZDF-logo:23.03.1994



8. »Die Sicht der Opfer«: Kinder im Krieg

WDR-Weltspiegel(2. 5. 1993)

Titel: »Bosnien. Kinder im Krieg«

Bericht von Paul Martin

Ausschnitt: 2:40 Min.



Der Krieg der Erwachsenen in Bosnien wird aus der Sicht der Kinder gezeigt, seine Folgen, seine Schrecken. Die Perspektive arbeitet in hohem Maße mit Identifikation und darf mit der Aufmerksamkeit des Zuschauers rechnen. Der Berichterstatter (Paul Martin) kann hier die übliche Zurückhaltung und ein Abwägen zwischen Parteien und Frontlinien vernachlässigen. Die subjektive Sicht der Kriegsfolgen ist die Stärke des Beitrags. Dabei werden mehrere Kinderschicksale verfolgt und kurz beschrieben. Der Film arbeitet bewußt affektiv und klammert kognitives Argumentieren und Abwägen aus.

Ablauf der Filmsequenz

Kommentar: Vom Balkon des Hotels aus kann man die Moscheen sehen, die die Bombardements der Serben überstanden haben. Die Kinder hier im Hotel wissen ganz genau, wo die serbischen Geschütze stehen: überall um sie herum.

Bild: Auf einem Tisch liegt ein Riesenhaufen mit Medaillen.

Diese Medaillen gehören der 14-jährigen Milena und ihren zwei Schwestern, Schwimmerinnen. Für Bosnien wollte Milena im Ausland an einem Wettbewerb teilnehmen. Sie galt als olympische Hoffnung. Auf dem Weg zum Flughafen geriet sie unter serbisches Kreuzfeuer, sie kann nicht mehr schwimmen.

Bild: Im Fotoalbum wird geblättert, Bilder von Wettkämpfen. Milena spricht Englisch.

»Ich saß hier mit vielen anderen Kindern, die haben gespielt, als die Schüsse fielen.«

Bild: Eine Ärztin hält ein Röntgenbild ins Licht:

»24 Granatsplitter haben ihren Körper getroffen, 3 davon sind noch in ihrer Brust.«

Ihre behandelnde Ärztin sagt, daß sie einen Teil der Lunge und die linke Brust verloren hat. Sie benötige dringend einen chiroplastischen Eingriff, den könne man aber hier in keinem Falle vornehmen.

Das olympische Dorf, oder das, was davon noch übriggeblieben ist. Vier Granaten sind hier eingeschlagen. Dabei wurden vier Kinder getötet. Eines davon starb in diesem Auto.

Bild: Durchsiebtes Auto. Dann: Foto: Helfer transportieren einen Schwerverletzten.

Der 15-jährige Alen starb 10 Minuten, nachdem er ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Am 5 April 1993, auf den Tag genau ein Jahr, nachdem der Krieg hier sein erstes Opfer forderte.

Alens Vater. Er hat an der Front gekämpft. Er steht immer noch unter Schock. Neben dem Foto von Alen hat er die Uhr angehalten, als er starb, um 17 Uhr 15.

Bild: Foto mit Trauerschleife, die Wanduhr.

Geburtstagsfeier für Victor. Er ist ein Jahr alt geworden, geboren als die ersten Schüsse in Sarajevo fielen. Die Eltern sind Serben, zwei von 8000, die hier in Sarajevo noch leben.

Bild: Kinder singen, - Bild von zwei toten Kindern.

»Helft Bosnien und den Bosnieren«, so der Text des Liedes der Kinder. Ein Hilfeschrei.



9. »Fernsehen hilft Helfen«: Sarajevo soll leben

ZDF-spezial(12. 12. 1993)

Titel: »Sarajevo soll leben«

Redaktion: Maria von Weiser und Joachim Holtz

Ausschnitt: 1:45 Min.



Die Sendung (Gesamtlänge: 43 Minuten) lief zur Weihnachtszeit und diente vor allem dazu, die Zuschauer zu einer regen Spendentätigkeit für die belagerte Stadt Sarajevo zu animieren. Die Moderatoren vor Ort (Eser und von Weiser) sind von der Situation der eingeschlossenen Stadt Sarajevo tief betroffen. Ihre Aussagen und persönlichen Einschätzungen sind im Kontext der Spendenaktion zu sehen. Die Sprache weist die Moderatoren als Profis aus, die vor allem ihr Publikum zu Hause im Auge haben. Die Hilfsaktion via elektronischem Medium intendiert gleichzeitig die positive Selbstdarstellung des Fernsehens, seiner Fähigkeit, auch in der Krisenregion tatkräftig zu helfen.

Der Bildausschnitt erfaßt die Schlußphase der Sendung und gibt ein Resüme aus Sicht der Moderatoren. Es hat den Anschein, als sei das Moderatorenpaar letztlich überfordert, das Leben in der belagerten Stadt argumentativ zu beschreiben. Stattdessen wird mit fragwürdigen sprachlichen Mitteln »Betroffenheit« inszeniert. Die Menschen selbst, ihr Leiden und Leben rücken zumindest in diesem Ausschnitt nicht mehr ins Blickfeld. Die »Fernsehsprache« verweigert sich hier den gemeinten Menschen und dient allenfalls einer unverbindlichen, zur Schau gestellten Traurigkeit. Ruprecht Eser überrascht mit dem Hinweis auf die unterschiedlichen Geräusche, die er in der Stadt wahrnimmt - die Stille einerseits und dann das »surrende Geräusch heranrauschender Granaten.« Die Ästhetisierung des Krieges ist hierbei evident. Auch seine Sprache bleibt der oberflächlichen Beschreibung verhaftet.



Ablauf der Filmsequenz

Bild: Konferenzschaltung mit Sarajevo. Links im Bild Ruprecht Eser und Maria von Weiser, rechts die ZDF-Redaktion und die Moderatorin.

In perspektivischer Großschrift der Titel der Sendung

»Sarajevo soll leben«

Moderatorin:

[ ... ] So seh ich Sie auch. hallo Maria, Sie können mich hören?

Maria von Weiser:

Ja, ich kann Sie wunderbar hören, Petra.

Moderatorin:

Maria, Sie können ja nun die eingekesselte Stadt bald wieder verlassen, die andern müssen dableiben. Was geht da in Ihnen vor, mit welchen Gefühlen verlassen Sie Sarajevo?

Bild: Maria von Weiser und Ruprecht Eser.




ZDF-spezial:12.12.1993

Maria von Weiser:

Ich verlasse Sarajevo mit einem sehr unguten, einem sehr mulmigen Gefühl und ich bin auch sehr, sehr traurig.

Bildunterschrift: »Maria von Weiser live in Sarajevo«.

Maria von Welser:

Sicherlich, heute war erstmals seit langen Wochen ein ruhigerer Tag. Die Serben haben anscheinend dritte Adventspause eingelegt. Es war ein wenig überzuckert, die Hügel, dann eine strahlende Sonne, eine Wintersonne glänzte über der Stadt. Es hätte alles so schön sein können. Aber ich habe auch gesehen, daß immer wieder Hunderte von Menschen angestanden sind, auch an diesem Sonntag, nur für ein paar Hilfsgüter. Daß die Menschen sehr, sehr traurig sind, deprimiert sind, daß es an Holz fehlt, an den wenigsten, geringsten Lebensmitteln, Nahrungsmitteln. Sie haben das ja in der Sendung gesehen, und ich gehe sehr, sehr traurig, und ich habe Angst um Sarajevo, um die Menschen hier.

Moderatorin:

Ruprecht Eser, was war für Sie das eindrucksvollste Bild dieser Woche?

Bild: Ruprecht Eser; Bildunterschrift,- »Ruprecht Eser live in Sarajevo«.

Ruprecht Eser:

Ja vielleicht waren's die Geräusche mehr als die Bilder, soweit man das in der Kürze sagen kann. Wenn man hier als Fremder in die Stadt kommt, dann ist es die Stille, die beeindruckt, wenn man Krieg erwartet, diese Stille, die dann plötzlich zerrissen wird durch das Geräusch, das surrende Geräusch heranrauschender Granaten, durch das Geratter, das die Nacht zerreißt der Maschinengewehre, woran man sich gewöhnen muß, damit man eben erst einmal lernt, wie die Gefahr ist, wie der Abstand ist derer, die hier als Heckenschützen auf die Menschen schießen. Vielleicht nur so viel als eine kleine letzte Impression. Wir möchten uns verabschieden aus Sarajevo mit Bildern unserer Kollegen aus dieser Woche.

Maria von Weiser:

Und auch mit einem sehr wehen Herzen.



10. »Friedensarbeit im Krieg«: Die schwarzen Frauen von Belgrad

NDR- Weltspiegel (28. 2. 1993)

Titel: »Kriegsopposition der Frauen«

Beitrag von Ulrich Fiedler

Ausschnitt: 3:10 Min.


Der Beitrag hat den Charakter eines Features, das heißt der Film gibt einem spezifischen Vorgang ein »Gesicht«, zeigt die persönliche Einschätzung des Journalisten in Belgrad. Der nackte Nachrichtenstil ist aufgegeben zugunsten pointenreicher Schilderung, die bewußt mit der Antithese in Bild und Wort arbeitet. Der vermeintliche Frieden in der Metropole wird mit raffinierten Schnitten als brüchig definiert. Das Thema ist u.a. die Opposition gegen den Krieg, die in einigen Aspekten beleuchtet werden kann. Die Frauen in Schwarz signalisieren einen wichtigen Protest im Innern der vermeintlich monolithischen Gesellschaft. Das Schlagwort von den serbischen »Kriegstreibern« wird indirekt Lügen gestraft.

Müllsäcke werden als Symbol des Wohlstandes in Belgrad gezeigt. Es wird betont, daß in Belgrad mit dem Krieg Geld zu verdienen ist. Teure Autos unterstreichen im Bild diese Vermutung, Das Arrangement der Bilder und Schnitte dient dazu, das »Serbische« zu charakterisieren. Es werden ganz allgemein der serbische Nationalismus und der Kriegsfanatismus benannt. Auf der anderen Seite nimmt die Kamera die stummen, gegen den Krieg protestierenden Frauen in den Blick. Hier wird ganz unvermutet Opposition gegen den Krieg gezeigt; ein wichtiges Bilddokument, das den Zusammenprall von Kriegszustand und Friedenssehnsucht belegt. Beide Komponenten sind in der Stadt Belgrad anzutreffen und stehen unvermittelt nebeneinander.



Ablauf der Filmsequenz

Kommentar wird von einer Männerstimme gesprochen.

Kommentar: Dunst liegt über Belgrad, zu deutsch: die weiße Stadt. Belgrad ist mittlerweile grau geworden.

Bild: Müllsäcke werden in ein Müllauto getragen

Spuren eines Arbeitstages, Abfall vor florierenden Geschäften. Weltstadt Belgrad, serbische Metropole. Der Krieg ist 100 Kilometer entfernt auf dem Land. In Belgrad wird damit kräftig Geld verdient - von einigen. Trotz des Embargos. Wegen des Embargos.

Bild: Ein Mercedes steht geparkt am Straßenrand; Schnitt in ein Cafe, mondäne Gäste im Blickfeld.

Ob schön, ob reich - sie drängen dahin, wo die Mächtigen sind. Sie arrangieren sich mit der Macht, um etwas abzubekommen vom großen Kuchen. Die neue Elite denkt positiv, das heißt serbisch. Das ist dem staatlichen Belgrader Fernsehen immer eine Nachricht wert. Und damit das so werden konnte, wurden über 1000 Mitarbeiter zwangsbeurlaubt.

Blick ins Aufnahmestudio des Fernsehens; Nachrichtensendung des Fernsehens.

Das serbische Weltbild muß sauber bleiben, die Tagesschau als Propagandainstrument. Fahnenappell serbischer Kämpfer. Heilige serbische Erde bedroht von Feinden. Die ganze Welt gegen Serbien. Der Krieg ist Verteidigung.

Bild: Ende des Fernsehens. Dann demonstrierende schwarz gekleidete Frauen

»Wer gegen diesen Krieg ist, ist eine Schande für das serbische Vollk«, sagt dieser junge Mann. »Wir sind dabei, bis zum Sieg zu kämpfen, und diese Frauen demonstrieren gegen den Krieg.« Jeden Mittwoch stehen diese Frauen in Schwarz hier. Opposition in Belgrad.

Bild: Ein älterer Mann mit Schiebermütze spricht.

»Warum gehen die nicht nach Zagreb, Sarajevo, nach Deutschland und Amerika und sagen dort, was sie zu sagen haben?«

Frauen in Schwarz gegen den Krieg, letzte sichtbare Opposition auf den Straßen gegen Milosevic. Nach den Wahlen vor zwei Monaten haben sich Resignation und Furcht breitgemacht in der Opposition.

Die Belgrader Universität im Griff von Milosevic. [ ... ]


Weltspiegel:28.2.1993

Die Frauen in Schwarz bleiben. Stummer Protest, einziger Protest.

Bild: Interview mit einem Passanten.

»Ich glaube diese Frauen sind in Gefahr. Wir müssen alle helfen, irgendwie. Aber wer bin ich schon? «

Bild: Ältere Frau - unmittelbar vor den Frauen in Schwarz.

»Mich erinnert das hier an Deutschland, als die Faschisten unter Hitler schon mit parlamentarischen Mitteln an die Macht gelangt waren. Die Menschen haben Angst, sind unfähig, sich zu widersetzen. Ich glaube, sie fühlen sich wie damals die Juden in Deutschland. Nicht protestieren, nicht auffallen. Vielleicht, wenn wir schweigen, werden wir verschont.«



11. Afrika mit anderem Blick. Kritische Anmerkungen eines Korrespondenten

Themenabend arte (5. 10. 1995)

Titel: »Unser Mann in Afrika«

Dokumentation von Albrecht Reinhardt. arte / WDR

Ausschnitt: 6:50 Min.



Eine öffentliche Selbstreflexion des Mediums über die eigene Berichterstattung aus der »Dritten-Welt« findet heute nur noch ganz am Rande statt. Das hängt u.a. auch mit dem neu entstandenen Konkurrenzdruck zu den privaten Anbietern zusammen. Selbstkritik scheint unter diesem Vorzeichen zur Ausnahme abzuflachen. Doch es gibt immer wieder einmal in den Nischenprogrammen für Minderheiten kleine Features zu entdecken, die der Frage nach dem Selbstverständnis des Mediums nachgehen. Der europäische Kulturkanal arte berichtete im Herbst 1995 im Rahmen eines Themenabends über die Entwicklung des Fernsehens in Afrika und über die europäische Afrikaberichterstattung. In der fraglichen Sendung diskutierte der WDR-Auslandskorrespondent Albrecht Reinhardt - vorsichtig und behutsam - die eigene Arbeit als Afrikakorrespondent, insbesondere während des UN-Einsatzes von 1992 / 93 in Somalia. Der Bericht wirft Fragen auf, die das Fernsehen ansonsten ausklammert



Ablauf der Filmsequenz

Bild: Landung der Amerikaner.

Als Korrespondent mußte man einfach bei dieser nächtlichen Strandparty in Mogadischu dabeisein. Und was gab das für Bilder! Die US-Marines zelebrierten ihren Auftritt als heroische Retter Somalias im Dezember 92. Vor dramatischem Bühnenbild mit schweren Requisiten. Afrikanische Bilder drehten wir hier nicht. Afrikaner kamen gar keine vor. Aber es waren an diesem Tag unsere Bilder aus und von Afrika. Andere hätte uns in Deutschland gar niemand abgenommen.

Bild: Somalier fassen Wasser.

Lange vor dem amerikanischen Militäreingriff hatten wir über die Hungerkatastrophe im Bürgerkrieg Somalias berichtet. Wir hatten Vertriebene gesucht, Flüchtende gezeigt, Tod und Sterben aufgenommen. Mit diesen Szenen wollten wir deutsche Zuschauer auf das Leiden in Somalia aufmerksam machen.

Hatten diese Bilder, hatten unsere Reportagen tatsächlich den Blick der Deutschen auf Somalia gelenkt? Ja, lautete die Antwort. hatte das aber auch den Somaliern geholfen? Eine Antwort darauf ist sehr viel schwieriger. Vor Ort bei der Arbeit stellte ich mir diese Frage nur selten. Vor allem wollten wir zeigen, was um uns herum geschah. Wie hier zum Beispiel, als Hungernde in ihrer Not versuchen, die Essensausgabe zu stürmen.

Bild: Einspielung aus einer alten Somalia-Reportage mit kurzem O-Ton.

Meine Kollegen und ich hatten alle Hände voll zu tun, unter einfachsten Bedingungen, in improvisierten Schneideräumen Tagesschau-Berichte herzustellen. Hotels gab es im Bürgerkrieg Mogadischus nicht. Somalier halfen uns die Widrigkeiten des ungewohnten Lebens zu bestehen. Sie besorgten Lebensmittel, sie kochten für uns. Immerhin die Duschen funktionierten in unserer angemieteten Dienstvilla. Ein bißchen Hygiene für weiße Berichterstatter, von denen dennoch viele krank wurden. Und immer wieder Termindruck. Der Satellit wartete nicht.

Für unsere journalistische Arbeit unersetzlich: die somalischen Helfer.

Bild: Reinhardt mit Achmed Ibrahim auf einem offenen Wagen.

Achmed Ibrahim fing bei uns als Übersetzer an, bald wurde er zum wichtigsten Vertrauten und kundigen Führer durch die verwüstete Stadt. Mogadischu ein Heereslager Goliaths. Trotz ihrer gewaltigen Kampfmaschinen beherrschten die Fremden das Land und die Stadt nur scheinbar.

Bild: Kinder schlendern durch Trümmer.

David hätte Somalier gewesen sein können. Außerdem blühte hier die Kleinkriminalität. Achmed warnte uns: »Gangster sammeln sich an der sogenannten grünen Grenze zwischen Mogadischu-Nord und Mogadischu-Süd. Hier müßt ihr gut auf eure Kameras aufpassen.« Wir hatten auch dank Achmeds Hilfe mehr Glück als die 40 Teams, denen tatsächlich die Kameras geklaut wurden.

Welche Informationen lieferten wir nun mit unseren Beiträgen? Stellten wir die Somalier nicht nur als Bettler und Bittsteller dar, die sich auf fremde Hilfe verließen? Verstärkten wir, wenn auch ungewollt, rassistische Vorurteile? Wir suchten und fanden Beispiele somalischer Selbsthilfe.

Dahabo Issah, eine junge Somalierin, organisierte für das Rote Kreuz die öffentlichen Küchen in Mogadischu. »Nur dank Dahabos Arbeit können wir die Hungersnot wirksam bekämpfen«, sagten uns weiße Mitarbeiter internationaler hilfsorganisationen. Hatten wir den somalischen Engel von Mogadischu entdeckt? So erschien sie uns. Eine, die dem Verhungern nicht tatenlos zusah.

Bild: Dahabo Issah unter den Hungernden.

»We bring the people here to take care.« »Wir bringen die Leidenden hierher, denn nur hier bekommen sie zu essen. Wir wollen mit eigenen Augen sehen, daß sie auch wirklich etwas in den Bauch kriegen.« Erst essen dann lernen!

Ein halbes Jahr später besuchten wir Dahabo wieder. In der ehemaligen Küche hatte sie jetzt eine Schule eröffnet. Böse Zungen in Mogadischu behaupteten, daß sie mit all diesen Einrichtungen nur sich und ihrem Clan Vorteile verschaffte. Wahrheit oder Gerücht? Wie konnten wir das herausfinden?

Bild: Reinhardt im Studio.


Albrecht Reinhardt. »Unser Mann in Afrika« arte / WDR 5. 10. 1995

Tatsächlich weiß ich es bis heute nicht. Aber als Berichterstatter mußte ich mich für oder gegen Dahabo Issah entscheiden. Ich entschied mich für sie. Hatte ich doch mit eigenen Augen gesehen, welche Arbeit die junge Frau in den Lagern leistete. Ob sie sich dabei bereichert, Vetternwirtschaft betrieben oder Hilfsgüter verschoben hatte, ich konnte es nicht überprüfen. In Mogadischu arbeiteten damals viele mit Gerüchten und Anschuldigungen. Propaganda wurde im großen Stil betrieben, erst recht von den kämpfenden Parteien. [...]



Analytische Nachbetrachtung

Gewalt in den Medien - Die Krise als Dauernachricht

Bad news is good news

Das Fernsehen habe durch die Ablichtung der fiktionalen und nonfiktionalen Gewaltdarstellung im Sendeprogramm die Bereitschaft zu kriegerischen Konfliktlösungen in der Gesellschaft erheblich gesteigert. Dies ist eine populäre These über die Wirkungsweise des Fernsehens. Sie übersieht freilich die komplexen Wirkungsmechanismen, die einer linearen Wechselbeziehung zwischen Fernsehgesellschaft und Konfliktgesellschaft entgegenstehen. Die Suche nach simplen und handgreiflichen Erklärungsmustern ist verständlich, doch ist der Zusammenhang zwischen dem »Hunger«, des Mediums nach der gewaltigen und auch gewalttätigen Sensation und der zunehmenden Gewaltbereitschaft wesentlich differenzierter anzusetzen. Auf alle Fälle läßt sich aber die Katastrophe als Dauernachricht - sei es als Bericht oder Meldung über Regionen der ~>Dritten Welt-, als Schreckensbericht über das Blutbad in Ex-Jugoslawien - bestätigen. Um den Nachweis der Folgenlosigkeit der elektronisch produzierten Bilder sind andererseits immer wieder die Fernsehanstalten selbst bemüht. Gelingt ihnen - ob privater oder öffentlich-rechtlicher Veranstalter ist dabei zunächst sekundär - der Nachweis der strukturellen Harmlosigkeit des Fernsehens, dann wären alle Bemühungen um eine reflektierte und ergebnisorientierte Berichterstattung vergebens. Die »andere« von interessierter Seite propagierte These von der Arglosigkeit der Bilder und der Nachrichten setzt nicht ohne Grund auf den unreflektierten Erhalt des status quo. Dieser Weg ist der bequemste und läßt ganz nebenbei die außer acht, über die berichtet werden soll: die Kinder, Frauen, Hungernde und Kriegskrüppel, die ein oft voyeuristisches Kameraobjektiv im Namen der freien und demokratischen Presse häufig scham- und morallos abgelichtet hat. Was immer mehr zu zählen scheint, ist die vordergründige Bildsensation, arrangiert für die Atemlosigkeit der Fernsehsekunde, die nicht hinter die Faktoren der Fakten dringt. Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker bemerkte in diesem Zusammenhang: »Wie wir Gewalt heute wahrnehmen, wird wesentlich von den Medien bestimmt. Nachrichtensendungen und Magazine präsentieren uns eine beliebige Auswahl von Kriegsschauplätzen und Gewalttaten, oft ohne verständlichen Überblick über Ursachen und Folgen. Der Zuschauer bleibt mit dem Eindruck zurück, von sinnloser Gewalt umgeben zu sein. Man vermittelt uns diese Bilder und Nachrichten, übergangslos eingefügt zwischen Parteitagsberichten und den neuesten Sportergebnissen. Menschlichkeit kommt dabei eben oft zu kurz, Mitgefühl wird kein Raum gegeben.«1

Personale, strukturelle und kulturelle Gewalt

In der Diskussion um die Abbildung und Darstellung von Gewalt lohnt es sich, die grundlegenden Unterschiede für einen Moment vor Augen zu führen: Wir unterscheiden auch für das Medium Fernsehen drei wesentliche Aspekte der angewandten oder vermittelten Gewalt, die personale, strukturelle und kulturelle. Unter personaler Gewalt oder Aggression läßt sich im wissenschaftlichen Diskurs die beabsichtigte physische oder psychische Schädigung von Menschen, Sachen oder Lebewesen verstehen.2 Demnach wohnt den abgebildeten Kriegen und äußeren Konflikten immer auch der Aspekt einer »personalen Gewaltübermittlung« inne. Die Ursachen dieser Konflikte haben sehr unterschiedliche Gründe.

Sie allein auf Triebfaktoren, ethnische oder religiöse Hintergründe zu reduzieren, dürfte nicht ausreichend sein. Desweiteren transferieren die Bilder des Fernsehens vielfach Symptome der »strukturellen Gewalt«. Unter diesem Gewaltpotential versteht man eine »indirekte« Gewalt, die unabhängig von Personen existieren kann.3 Eingeschränkte Lebenschancen, wie sie durch Armut oder Hunger hervorgerufen werden, sind in diesem Sinne Ausdruck einer strukturellen Gewalt, die von den Opfern nicht einmal direkt so empfunden werden muß, weil die eingeschränkten Lebensnormen bereits internalisiert sein können. Das Fernsehen berichtet tagtäglich in einer breiten Palette über Erscheinungsformen der strukturellen Gewalt, ohne daß sich der Zuschauer freilich darüber Rechenschaft ablegt. Filmnachrichten über latente oder offene Ungleichstellung der Frau gehören hier ebenso dazu, wie Berichte über Kinderarbeit oder Prostitution. Allem gemeinsam ist das Abbild ungleicher Lebenschancen und ungleicher Machtverhältnisse. Darüber hinaus läßt sich mit Johan Galtung zusätzlich auch der Komplex einer »kulturellen Gewalt« unterscheiden. Darunter wird jede Eigenschaft einer Kultur bezeichnet, mit deren Hilfe direkte oder oder strukturelle Gewalt legitimiertwerden kann. Diese Form der Gewalt tötet nicht oder macht niemanden zum Krüppel, aber sie trägt zur ideologischen und kognitiven Rechtfertigung bei, Die nationalsozialistische Ideologie von der rassischen Vorherrschaft der Arier, dem »Herrenvolk«, ist ein solches Beispiel für kulturelle Gewaltherrschaft.4 Als ein weites Spektrum der kulturellen Gewalt im Medium Fernsehen ist an eine Vielzahl von Sportsendungen zu denken, in denen unter anderem der Sieg des einzelnen gegenüber seinen Konkurrenten mit durch und durch gewalttätigen Mustern ins Bild gesetzt wird. Solche Muster herrschen, zum Beispiel, traditionell in der Feier der audiovisuell übertragenen Formel-1-Rennen vor. Das Medium Fernsehen kalkuliert die Sensation, auch die blutige Karambolage auf der Rennstrecke mit ein und unterstreicht das Bild von einer Männergesellschaft, die im Namen des Sports zur Not auch Tote hinterläßt. Das Argument, es werde nur über Sport berichtet, ist in diesem Zusammenhang nicht korrekt. Das Fernsehen schafft sich hier die eigene elektronische Arena und bedient die Theoreme der kulturellen Gewalt, die ihrerseits für die Legitimation und Ausübung der strukturellen und personalen Gewalt dienen können. Immer ist dabei zu bedenken, daß die triadisch strukturierten Gewaltaspekte - strukturelle Gewalt, kulturelle Gewalt, direkte oder personale Gewalt - sich zur direkten (Gewalt-) Aktion transformieren können. Wenn strukturelle Gewalt institutionalisiert ist und kulturelle Gewalt verinnerlicht, dann steigt die Gefahr, daß sich auch die persönliche und direkte Gewalt verfestigen, unterstreicht Galtung.5

Kriegsberichterstattung oder Krisenberichterstattung hat im engeren oder weiteren Sinne mit der Abbildung der drei benannten Gewaltpotentiale zu tun. Freilich gibt sich der Zuschauer nur in Ausnahmen darüber Rechenschaft. Die Fernsehforschung, das kommt erschwerend hinzu, hat sich fast immer nur mit den Aspekten der personalen Gewalt in Fernsehsendungen (in fiktiven oder non-fiktiven Genres) beschäftigt. Der Medienforscher Jo Groelbel hat berechnet, daß in 48 Prozent aller Fernsehsendungen Aggression auftaucht. 70 Morde sind täglich auf dem Bildschirm zu sehen, 2745 Gewaltszenen flimmern in einer Woche über den Bildschirm, mit 14.000 Fernsehmorden ist ein Zwölfjähriger im Durchschnitt in seinem jungen Leben schon konfrontiert worden. Die Durchsetzung staatlicher, politischer und auch humanitärer Interessen durch nationale Polizisten, Soldaten oder supranationale Friedenstruppen wird landläufig nicht als die Ausübung von Gewalt verstanden. Immerhin spiegeln aber viele Berichte aus Afrika, der übrigen ~>Dritten Welt« und aus Ex-Jugoslawien die Allgegenwart einer latent gewalttätigen Welt. Ob diese Bilderwelt ihrerseits die Rezipienten zu gewalttätigen Handlungen stimulieren kann oder andererseits gegenüber dem Elend der Welt abstumpfen läßt, das ist weiterhin nicht gesichert. Es ist zu berücksichtigen, daß die Wissenschaftler in aller Regel die Wirkung fiktionaler Sendungen im Auge hatten, erst in zweiter Linie den Bereich der Nachrichtensendungen und politischer Magazine. Dennoch haben die Forschungsergebnisse grundsätzliche Bedeutung, auch für den non-fiktionalen Bereich der Nachrichten und die Krisenberichterstattung aus der »Dritten Welt«.



Die Katharsis- und die Inhibitionsthese

Sie besagt, es gebe im Sinne der Dramentheorie von Aristoteles kathartische und damit »reinigende« Prozesse beim Anblick von Bildern der Gewalt in den Medien. Durch das Nachvollziehen der Gewaltakte besonders im Bereich des Spielfilms - im fiktionalen Geschehen nehme die Bereitschaft des Zuschauers ab, selbst gewalttätig zu handeln. Die Behauptung freilich, jede Fantasieaggression habe auch eine kathartische Funktion läßt sich nach Michael Kunczik nicht länger aufrechterhalten6 »eine durch das Ansehen violenter Medieninhalte bewirkte Aggressivitätsminderung aufgrund des Abfließens des Aggressionstriebes erfolgt nicht«, betont der Medienexperte. Obwohl die Katharsisthese weitgehend widerlegt scheint, dient sie immer wieder zur Rechtfertigung von Gewaltdarstellung besonders im fiktionalen Bereich, »Violence is a catharsis for kids. It's no accident that there's violence in fairy tales and horror movie«, unterstreichen T.F. Balwin und C. Lewis. »It's a way they learn to deal with a portion of their environment.«7

Eng verbunden mit der Vorstellung einer kathartischen Wirkung des Fernsehens ist die Inhilbitionsthese. Sie besagt, daß violente Darstellungen im Medium in der Tat potentiell zu aggressiven Impulsen bei den Zuschauern führen können. Doch werde diese durch die Angst vor elterlicher Gewalt unterdrückt oder doch kanalisiert. Kriegsspiele der Kinder auf der Straße, durch das Fernsehen inspiriert und angeregt, können in diesem Kontext gesehen werden. Die aggressionshemmenden Faktoren sind jedoch weniger in der Fernsehdarstellung als in der Umweltreaktion des Zuschauers auf die dargestellten Gewaltszenen zu suchen.8 Bruno Bettelheim formulierte in diesem Zusammenhang eher optimistisch: »Es gibt kaum eine Sendung, aus der ein Kind nicht vieles lernen könnte, sofern ein verantwortungsbewußter Erwachsener die notwendigen Instruktionen gibt. Selbst Sendungen mit gewalttätigen Szenen sind keine Ausnahme, doch darf das Kind nicht so verängstigt oder so wütend sein, daß es vom Geschehen völlig überwältigt wird. Es ist für Kinder sehr wichtig, daß sie die richtige Einstellung zur Gewalt entwickeln; die Augen vor existierender Gewalt zu verschließen, kann wohl kaum als konstruktive Haltung gelten. Jedes Kind muß lernen, was an der Gewaltanwendung falsch ist und aus welchem Grund, warum es Gewalt gibt und wie man mit ihr bei sich selbst und bei anderen umgehen sollte.«9



Der Imitationsansatz

Dieser Ansatz geht auf die Untersuchungen von Albert Bandura zurück10 und unterstreicht den unmittelbaren Zusammenhang von Gewaltdarstellungen des Fernsehens und Nachfolgetaten von Jugendlichen. »Vor allem bei Kindern wurden entsprechende Handlungen beobachtet, und diese reine Imitation der Motorik aggressiven Verhaltens läßt sich bei Kleinkindern nach wie vor feststellen. Auf Erwachsene allerdings ist dieses Modell weniger gut anwendbar.«11 Nach Jo Groebel stellt das inzwischen weiterentwickelte Modell einen interessanten Ansatz dar, das heißt: »Wenn gehäuft aggressive Problemlösestrategien angeboten werden, nicht aggressive viel seltener vorkommen und gleichzeitig entsprechende Alltagserlebnisse fehlen, entwickeln besonders Vielseher ähnliche (aggressive) Wahrnehmungsmuster, die in entsprechenden Situationen auch in Verhalten umgesetzt werden können.«12 Doch Skepsis und Vorsicht ist geboten, denn einen linearer Zusammenhang zwischen Fernsehsendungen und Nachfolgelaten scheint nur ausnahmsweise gegeben, zum Beispiel bei Gewaltaktionen militanter Gewaltverbrecher. Michael Kunczik unterstreicht dabei: »Eins ist sicher: Die Beziehung zum Terrorismus, da kann man, auch wenn die Datenbasis häufig nicht so gut ist, doch sagen »the media are the terrorist' best friends«, weil terroristische Akte Medienspektakel sind. Und das ist sehr gut dokumentiert worden im Zusammenhang übrigens mit dem algerischen Befreiungskampf. Die FLN hat ihre Taktik geändert vom Wüstenkrieg hin zur Medienberichterstattung, wobei dann das Problem auftrat, dessen sich die CBS bewußt geworden ist, daß durch überzufällige Wahrscheinlichkeiten die Reporter immer gerade dann da waren waren, wenn irgendeine Bombe explodierte oder ein Anschlag auf französische Soldaten erfolgte. In diesem Zusammenhang ist es zweifellos so, daß auch die Anwesenheit von Reportern natürlich Gewaltakte stimulieren kann, und es ist sogar denkbar [ ... ], daß eine sich selbst erfüllende Prophezeiung erfolgen kann, wenn die Berichterstattung bestimmte Formen annimmt.«13



Der bedingte Einfluß des Mediums

Von einer bedingungslosen Folgenlosigkeit der Darstellung von Gewalt, Terror und Krieg im Medium Fernsehen wird heute nicht mehr ausgegangen. Fernsehen hat nicht nur eine Kurzzeitdimension, indem Gewaltdarstellungen beim Zuschauer verstärkt aggressive Tendenzen hervorrufen können, sondern auch eine Langzeitdimension, indem Bewußtseinsstrukturen geprägt werden und so gesellschaftliche Gewaltverhältnisse (personale, strukturelle und kulturelle) als immer vorhanden und deshalb als »normal<~ vermittelt werden. Die Verherrlichung der Gewalt im Fernsehen als Normalzustand hat gravierende Folgen auch für die non-fiktionalen Berichte und Reportagen:





Gewalt und Fernsehen: Wirkungsmodelle

These

Inhalt

Medienpädago­gische

Relevanz

Katharsis-

these

Durch das Mitvollziehen

fiktiver Gewaltakte vermindert

sich die Bereitschaft, selber

Gewalt auszuüben.

eher gering

Inhibitions-

these

Das Fernsehen regt zu Gewaltakten potentiell an; die Angst vor elterlicher Betrafung verhindert die

Umsetzung.

eher gering

Imitations-these

Das Fernsehen provoziert zu gewalttätigen Nachfolgetaten im privaten und politischen Bereich.

graduell gegeben

Habitualisie­rungsthese

Die Gewöhnung an reale oder fiktive Gewaltakte führt zu Abstumpfung des Zuschauers. Entscheidend ist die Sozialisation des Zuschauers.

graduell gegeben

Kultivations-these

Hoher Fernsehkonsum führt zu einer verzerrten Sicht der gesellschaftlichen Realität.

relativ plausibel und im Experiment nachweisbar

These

von der

bedingten

Wirkung des

Fernsehens

Nicht die direkte Nachfolgetat ist entscheidend, sondern die weitreichende Desensibilisierung des kritiklosen Vielsehers für humane und ethische Normen im gesellschaftlichen Kontext.

hoch und nachweisbar.




Medien und Kommunikation in internationalen Krisen

Nur wenn die Medien den Rezipienten andere Länder so zeigen, daß wir uns mit unseren Fähigkeiten in den anderen wiedererkennen können, werden internationale Konflikte eine andere, weniger tödliche Gestalt annehmen. Diese These über die Rolle der Medien als Friedensstifter hat Tradition: Sie basiert auf der Vermutung, daß mehr und andere Informationen übereinander dazu führen, daß Differenzen friedlich ausgetragen werden. Auf der anderen Seite wird jedoch auch vermutet, daß Medien in internationalen Krisen keineswegs friedenserhaltend, sondern wegen ihrer festen Verankerung in ein kybernetisches System der politischen und ökonomischen Machterhaltung eher als Verstärker zwischenstaatlicher Konflikte wirken. In der Informationsgesellschaft, die auch auf einer Globalisierung von Kommunikation beruht, verändert allein die Existenz eines globalen öffentlichen Kommunikationssytems die Qualität politischer Handlungen. Eine »Weltgesellschaft« hat sich konstituiert, ohne jedoch die für nationale Gesellschaften traditionelle Basis politischer und normativer Integration zu erreichen. Transnationale und transkulturelle Kommunikation haben transnationale Kulturen entstehen lassen, zu denen - neben politischen und ökonomischen Institutionen - auch die global orientierten Medien gehören. Internationale Kommunikation hat Außenpolitik damit um ein neues Konfliktfeld erweitert, neue Erwartungen über die Rolle von Kommunikation im Krieg und für den Frieden geschaffen sowie neue Erwartungsstrukturen in Form von Propagandaapparaten und Kriegsberichterstattung institutionalisiert.

Martin Löffelholz: Krisenkommunikation. In: Ders. (Hrsg.): Krieg als Medienereignis Opladen 1993, S. 25f.

»Fiktive« Gewalt und »reale« Gewalt in den Nachrichten

Jo Groebel und Uli Gleich haben in einer umfassenden Analyse des privaten und öffentlich-rechtlichen Fernsehens (Basisjahr: 1991) das Potential aggressiver oder gewalttätiger Sequenzen im Programmalltag untersucht und sind dabei zu dem Ergebnis gelangt, daß in Spielfilmen und Serien die reine Gewaltdarstellung - ohne Exposition und dramaturgische Zusammenhänge - zwischen 2,3 % (ARD-Programm) und 3,3% (Pro 7) der Spielzeit betragen kann.16 Beim Sendervergleich ergaben sich folgende Werte:



ARD 2,3%

ZDF 2,6%

ARD/ZDF (Vormittagsprogramm) 1,2%

SAT1 2,6%

RTL 3,1%

Tele 5 3,4%

PRO 7 3,3%



Die Medienwissenschaftler fanden im übrigen ihre These eindeutig bestätigt, daß in Spielfilmen und Serien aus den USA aggressive Szenen häufiger zu beobachten sind als in europäischen Produktionen. Im Verlauf einer Fernsehwoche zeigen die einschlägigen Fernsehsender nahezu 500 Mordszenen, das heißt im einzelnen und pro Tag:



In absoluten Wochenzahlen ergibt sich folgendes Schaubild

Am 30. Oktober 1938 strahlte der New Yorker Sender CBS den SF Roman »The War of the Worlds« nach einer Vorlage von H.G. Wells aus. Die realistische Inszenierung - sie besorgte Orson Welles machte Tausende von Menschen glauben, daß an diesem Abend geheimnisvolle Marsmenschen in Amerika gelandet seien. Eine Massenhysterie war die Folge, die zu Recht noch heute als einschlägiger Beleg für die Wirkung der Massenmedien dient . In dem Hörspiel war u.a. zu hören: »Der Feind ist jetzt in Sicht ... fünf gewaltige Maschinenmenschen ... Der erste kommt durch den Hudson auf New York zu ... Er durchwatet den Fluß wie ein Mensch einen Bach. Man reicht mir eine Meldung ... im ganzen Land gehen Marszylinder nieder. Jetzt steht der erste am Ufer ... blickt um sich ... Sein Kopf ist in Wolkenkratzerhöhe ... Er stößt Rauch aus ... Die Menschen fallen wie die Fliegen. Jetzt zieht der Rauch über die Sixth Avenue heran ... jetzt über die Fifth (Husten) ... noch hundert Meter ... noch fünfzehn.«17 Obwohl es zahlreiche Hinweise auf die Fiktionalität der Radiosendung gab, ließ sich die Massenhysterie zunächst nicht eindämmen. Die Menschen verließen panikartig die Häuser und verstopften auf ihrer »Flucht« die Straßen,"18 der Weltuntergang schien programmiert. Gewiß, die Glaubwürdigkeit der Massenmedien, auch ihre Suggestivkraft ist heute geringer einzuschätzen als vor sechzig Jahren. Immerhin signalisiert dieses fiktional Radioereignis die Potenzen und die dramatischen Möglichkeiten, die in den Medien stecken können. »Die Tatsache, daß etwas wirklich passiert oder passiert ist«, folgert Claudia Wegener, »der Verweis auf Authentizität bewirkt beim Zuhörer oder -seher anscheinend eine bestimmte Rezeptionshaltung und das wird sich bis heute nicht geändert haben.«19

Entgegen der landläufigen Erwartung, daß die Nachrichtensendungen des Fernsehens von Mitteilungen und Bildern über Mord und Totschlag nur so strotzten, ergeben neuere Untersuchungen ein entgegengesetztes Bild: Weniger als 10% aller im Fernsehprogramm vorkommender Gewaltakte - wobei das Problemfeld der strukturellen Gewalt freilich unberücksichtigt bleibt -entfallen auf den Bereich der Nachrichten, wobei vor allem kriegerische und politische Auseinandersetzungen dominieren.20 Schon 1965 hatten Marie Holmboe Ruge und Johan Galtung das Spektrum der Nachrichten, die über das Ausland verbreitet werden, untersucht.21 Dabei ergab sich:

  1. Negative Ereignisse entsprechen besser dem sogenannten Frequenz-Kriterium als positive Ereignisse. Die Frequenz ist die Zeitspanne, die ein Ereignis zu seiner publizistischen Ausbreitung benötigt.

  2. Je klarer und eindeutiger ein Ereignis ist, desto eher wird darüber berichtet.

  3. Je mehr Ereignisse den Erwartungen des Publikums entsprechen, desto eher kann daraus eine Nachricht formuliert werden.

  4. Negative Ereignisse treten im Vergleich zu positiven Ereignissen zumeist unerwartet und plötzlich ein, soweit es Ereignisse aus einem »eingeschliffenern« Erwartungshorizont betrifft.22

Der Tatbestand, daß in Nachrichtensendungen, Features und auch bei der direkten Auslandsberichterstattung, das Thema Aggression und Gewalt im Vergleich mit fiktionalen Sendungen eine untergeordnetere Rolle spielt, könnte zu dem Trugschluß ihrer »Harmlosigkeit« oder »Bedeutungslosigkeit« führen. Da gerade Informationssendungen des Fernsehens auf eine hohe Akzeptanz und auch Glaubwürdigkeit beim Zuschauer stoßen, ist die Wirkung der Informationssendungen und Nachrichten nicht zu unterschätzen.

Die allmähliche Identifizierung der »Dritten Welt « als Dauerkrisenherd von ausgehungerten Desperados, die in ihrem Unglück forsch, unbedacht und rücksichtslos zur Waffe greifen, solche Krimis in bewegten Fernsehbildern verzerren auf Dauer die politische und kognitive Urteilskraft des Fernsehzuschauers und haben möglicherweise Folgen für eigenes Intervenieren oder die Unterlassung von Handlungen. Die undifferenzierte Berichterstattung über kritische Brennpunkte läßt die Vermutung aufkommen, daß diese Elendsbilder zur Tatenlosigkeit abstumpfen und einen frustrierten und handlungsunwilligen Zuschauer zurücklassen. Gleiches läßt sich auch von einer mitteleuropäischen Kriegsberichterstattung (Ex-Jugoslawien, Tschetschenien) vermuten, in der das krude Faktum Tod, Blut und Krieg höher wiegt als ein Blick hinter die Ursachen entstellter Menschlichkeit. Eine durch das Fernsehen bewirkte oder gar institutionalisierte Gleichgültigkeit wäre nur auf den ersten Blick harmlos. Immerhin hätte dieses Zuschauerverhalten auch etwas mit »struktureller Gewalt« zu tun, weil es die Ungleichgewichte in der Welt in somnambuler Beschränkung stützte. Die direkte Nachahmung kriegerischer Auseindersetzung scheint auf den ersten Blick in der Tat nicht die zentrale Gefahr zu sein. Dagegen könnte ein gewalttätiges, bellizistisches und allein krisenorientiertes Weltbild, wie es das Fernsehen in Teilen seines Programms offeriert, unsere Einstellung zur Gestaltung der Welt doch auf Dauer beeinflussen. Solches könnte heißen: »Es ist also nicht in erster Linie das konkrete aggressive Verhalten in den Filmen zu fürchten als vielmehr der (Un)geist, der in Gewaltdarstellungen ausgestrahlt wird, mit seinen Zerrbildern vom Menschen. «23



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1Richard von Weizsäcker bei der Eröffnung des 73. Fürsorgetages in der Rheingoldhalle in Mainz am 20. Oktober 1993. In: Bulletin, 27.10.1993, S.1031.

2Vgl Michael Kunczik: Gewalt und Medien. Köln/Weimar/Wien (2, Auf 1.) 1994, S. 11 f.

3Vgl. Johan Galtung: Gewalt, Frieden und Friedensforschung. In: Dieter Senghaas (Hrsg.): Kritische Friedensforschung, Frankfurt a.M. 1971 (4. Aufl.), S. 55ff.

4Vgl. Johan Galtung: Cultural Violence. In: Journal of Peace Research, vol. 27, no.3/1990, S. 291ff. Deutsch: Johan Galtung: Kulturelle Gewalt. In: Der Bürger im Staat, 2/1993, S. 106 -112.

5Vgl. ebd.

6Vgl. Michael Kunczik: Gewalt und Medien, a.a.O., S. 59.

7T.F. Baldwin und C. Lewis: Violence in television. The industry looks at itself. In:Television an social behavior, Washington 1972, S. 342~

8Vgl. Günter Gugel: Erziehung und Gewalt. Waldkirch i, Br. 1983, S. 76.

9Bruno Bettelheim: Kinder und Fernsehen, In: B.B.: Zeiten mit Kindern. Freiburg/Basel/Wien 1994, S. 75f.

10Albert Bandura: Social learning through imitation, in: M.E. Jones (Hrsg.): Nebraska symposium on motivation, Lincoln 1962,

11Jo Groebel und Uli Gleich: Gewaltprofil des deutschen Fernsehprogramms. Opladen 1993, S. 21.

12Ebd.

13Michael Kunczik: Live in die Gewalt. Grenzen der Berichterstattung, In: Reinhold Kopp (Hrsg.) Politische Kultur und Fernsehen. Beiträge zu den 1. Saarbrücker Medientagen, Berlin 1991, S. 166f.

14Herbert Selg: Fördern Medien die Gewaltbereitschaft? In: Der Bürger im Staat, 43 (1993), H. 2, SA 16.

15Paul Virilio: Krieg und Fernsehen: München 1993, S. 16.

16Vgl. Jo Groebel und Uli Gleich: Gewaltprofil des deutschen Fernsehprogramms. Opladen 1993, S. 70.

17Zitiert in:Jean Harker Burns: Der Tag, an dem die Marsmenschen kamen. Wie ein Hörspiel vor dreißig Jahren in Amerika eine ungeheure Panik auslöste. In : Das Beste aus Reader's Digest, 1970, H. 2, S. 156.

18Vgl. Hadley Cantril: The Invasion from Mars. A Study in the Psychologie of Panic. With the complete script of the famous Orson Welles Broadcast, New York 1966 (Reprint der Ausgabe von 1940); desweiteren: Byron Haskin: »Kampf der Welten« / »War of the Worlds«. Transcript von Werner Faulstich. Tübingen 1982. Vgl. »Martialisches Märchen«. In: Der Spiegel 28 / 1976, S. 127~

19Claudia Wegener: Reality TV. Fernsehen zwischen Emotion und Information. Opladen 1994, S. 40f.

20Vgl. Jo Groebel und Uli Gleich a.a.O., S. 101.

21Johan Galtung und Marie Holmboe Ruge: The structure of foreign news, In: Journal of Peace Research, 2 / 1965.

22Vgl. Michael Kunczik: Gewalt und Medien, a.a.O., S. 197.

23Herbert Selg: Fördern Medien die Gewaltbereitschaft? a.a.O., S. 116.

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