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Autor: Hörburger, Christian.

Titel: Rotstift und Wiedergutmachung – Die lange Geschichte eines Hörspiels: Alfred Döblins „Franz Biberkopf“.

Quelle: Funk-Korrespondenz, 54. Jahrgang, Nr. 26/2007. Bonn 2007.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Christian Hörburger

Rotstift und Wiedergutmachung – Die lange Geschichte eines Hörspiels: Alfred Döblins „Franz Biberkopf“

Noch bis in das Jahr 1980 hinein ging die Hörspielforschung einmütig davon aus, dass die Ursendung des Hörspiels „Die Geschichte vom Franz Biberkopf“ aus der Feder von Alfred Döblin tatsächlich, wie damals in den Rundfunkzeitschriften angekündigt, von der „Berliner Funkstunde“ am Montag, den 30. September 1930, in der Zeit von 20.35 bis 22.15 Uhr ausgestrahlt worden sei. Man durfte sich dabei zunächst umso sicherer fühlen, als tatsächlich 20 Metallmatrizen von der Produktion über alle Zeitwirrnisse hinweg erhalten blieben und nach dem Zweiten Weltkrieg im Deutschen Rundfunkarchiv zur Verfügung standen. Hätte man nach 1945 etwas akribischer in den alten Rundfunkzeitschriften geblättert und zum Beispiel nach einer Rezension zu dem Döblin-Hörspiel gefahndet, man wäre sogar fündig geworden.

In der renommierten Radio-Illustrierten „Der Deutsche Rundfunk“ steht im Heft 41, Seite 62, des Jahres 1930 eine kleine Notiz, die manches zur Erhellung des Vorgangs beiträgt. Es heißt dort nachgerade verärgert: „Seit einem halben Jahr wird die Hörspielbearbeitung des Alexanderplatz-Romans von Döblin angekündigt. Endlich war es für Montag [30.9.] angesetzt. Dann auf Dienstag verschoben. Schon acht Tage vor dieser nennenswerten Hörspielveranstaltung in diesem Winter verschwand der Name Alfred Braun [als des Regieführenden] aus dem Programm. Und vier Stunden vor der Aufführung wurde sie abgesagt.“

Um die Absetzung des Döblin-Hörspiels in seiner ganzen Tragweite richtig einzuordnen, ist zu berücksichtigen, dass den Rundfunksendern in der Weimarer Republik jeweils sogenannte Kulturelle Beiräte und Politische Überwachungsausschüsse vorgestanden haben. Ihre Aufgabe war es – ganz offiziell und juristisch abgesichert –, das Rundfunkprogramm im Sinn einer Vorzensur zu steuern und zu lenken. Diese Möglichkeit des staatlichen Eingriffs in das Rundfunkprogramm war unter den Radiodichtern natürlich nicht beliebt, aber doch geduldet. Der durchaus kompromissbereite Arnold Zweig verwahrte sich freilich 1929 auf der Kasseler Tagung „Dichtung und Rundfunk“ gegen eine Rundfunkzensur „hinter den Kulissen“. Er spielte damit auf die Praktiken der genannten Gremien an, in denen vor allem bestellte Landesbeamte und anderweitige Staatsdiener das letzte Wort über eine geplante Sendung fällten. Immerhin räumte Zweig ein: „Wir wenden uns nicht gegen jegliche Zensur, wir wollen aber nicht, dass beliebige Leute ohne Kontrolle solche Zensur ausüben.“

Auch Alfred Döblin musste mit derartigen Zensurpraktiken rechnen, und tatsächlich verhandelte der Politische Überwachungsausschuss der „Berliner Funkstunde“ nochmals im nachhinein über die Absetzung des Döblin-Hörspiels, das wenige Tage nach dem Erdrutsch-Durchbruch der Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 zur Sendung anstand. Im Sitzungsprotokoll des Politischen Überwachungsausschusses vom 1. Oktober 1930 heißt es lapidar: „Herr Oswald Riedel [er vertrat im Politischen Überwachungsausschuss die Interessen der SPD im Preußischen Landtag] erkundigt sich, aus welchen Gründen gestern die Aufführung des Hörspiels ‘Die Geschichte vom Franz Biberkopf‘ unterblieben sei. Intendant Dr. Hans Flesch erklärte, sie im Einverständnis mit dem Autor Döblin angesichts der jetzigen aufgeregten Zeiten verschoben zu haben, um sie später als Hörfilm auf Schallplatten vorzunehmen.“

Politisch entschärft

Inwieweit Alfred Döblin die Absetzung des Hörspiels tatsächlich mitgetragen hat, ist heute nicht mehr zu ermitteln. Von einer Billigung der Absetzung des Hörspiels durch Döblin ging übrigens auch Marion Ammicht in ihrem dreistündigen Sonntagsfeuilleton „Alfred und Alex. Ein Schriftsteller und sein Platz“ aus (SWR 2, 24.6.07). Es bleiben immer noch viele Fragen offen, denn der erhaltene – und damals nicht gesendete – Plattensatz weist erhebliche Streichungen und Auslassungen auf. Wie auch immer, das kuriose und kostbare akustische Fragment mit den Stimmen von Heinrich George, Hilde Körber und Hans-Heinrich von Twardowski verfolgt den Lebensweg von Franz Biberkopf vom schemenhaft angedeuteten Zuhälter bis zum wieder auf bessere Zeiten hoffenden Kleinbürger, der am Schluss in eine ungewisse, aber doch heroische Zukunft aufbricht. Daher darf der auf den Untertitel des Romans „Berlin Alexanderplatz“ reduzierte Hörspieltitel „Die Geschichte vom Franz Biberkopf“ als konsequenter Ausdruck des Bearbeitungsduktus verstanden werden.

Das wieder aufgefundene Sendemanuskript von 1930 enthält zunächst am Anfang des Hörspiels eine bemerkenswerte Hiob-Szene, die dem Rotstift zum Opfer fallen sollte, obwohl Döblin mit dem Hiob-Motiv im Hörspiel leitmotivisch arbeitete. Heinz Schwitzke ist dieser und anderen Auslassungen und Streichungen nachgegangen und vermutet nicht unbegründet eine „Art politische Entschärfung des Hörspiels.“ Zu den Formulierungen, die aus dem Hörspiel gestrichen wurden, gehörten unter anderem auch die folgenden:

Die von Döblin verwendete Formulierung „Wir ziehen in den Krieg“ ist in der überlieferten akustischen Aufzeichnung abgeändert in „Wir ziehen in die Welt“. Die auffällige „Entpolitisierung“ des bis in die 1960er Jahre ungesendet gebliebenen Hörspiels, die Franz Biberkopf im übrigen auch einmal explizit verbalisiert, wenn er feststellt: „Politik geht mir nischt an. Solln sich ihren Kopp alleene zerbrechen“, entspricht durchaus der zugespitzten Intimisierung und Privatisierung einer Fabel, die im Roman noch kräftige Attacken gegen kommunistische Agitation (besonders im 6. Buch) einschloss. Das Hörspiel enthält diese und vergleichbare Ansätze der Kritik an der organisierten Arbeiterschaft nicht mehr.

Daraus könnte mit einem gewissen Recht geschlossen werden, Döblin habe sich dem Primat der Überparteilichkeit im Rundfunk verpflichtet. Diese Möglichkeit ist in der Tat nicht ganz auszuschließen, sie bietet aber keine hinreichende Begründung. Es scheint dagegen eher so zu sein, dass in der akustischen Komprimierung des Romans die Strukturen einer – so Walter Benjamin – Education sentimentale des Ganoven, die in der Romanvorlage vorherrschten, sich hier noch rigider als im Roman aus dem Gesellschaftszusammenhang ablösten. Das heißt, der medienbedingte Zwang zur Straffung und Verkürzung forderte von den Bearbeitern eine Entscheidung dahingehend, ob der Duktus des Romans nur quantitativ zu raffen sei, oder ob ein eher biografisches Biberkopf-Destillat im Mittelpunkt stehen sollte. Man entschied sich für Letzteres, und das sicher auch aus guten hörspielästhetischen Gründen. Möglicherweise hätte es die zeitgenössische Regie unter Alfred Braun oder Max Bing überfordert, wenn sie den Alexanderplatz als akustischen Mitspieler noch stärker hätte einbinden müssen. Freilich holen beispielsweise die beiden „Autostimmen“ von Opel und Fiat akustisch etwas vom Berliner Alexanderplatz und damit von dem Großstadtflair zurück, das stimmungsmäßig den Roman so prägnant markierte.

Auf Grundlage von Transkriptionen des alten Plattensatzes versuchte sich zunächst im Jahr 1958 Fränze Roloff für den Hessischen Rundfunk an einer Neuproduktion. Hans Lietzau stellte sich 1962 mit Günter Pfitzmann als Franz Biberkopf (Produktion: SFB/NDR) nochmals der Aufgabe einer radiofonen Annäherung an das 1930 sträflich amputierte Sendemanuskript. Erwähnt sei auch eine Produktion des DDR-Rundfunks aus dem Jahr 1963 unter der Regie von Hans Knötzsch. Erst jetzt, aus Anlass des 50. Todestages von Alfred Döblin am 26. Juni, kam es mit der Koproduktion von SWR, BR, RBB und dem Patmos Verlag zu jener Urfassung des Biberkopf-Hörspiels, wie sie Alfred Döblin wohl intendiert haben mag (Bayern 2 Radio am 24.6. um 15.15 Uhr, SWR 2 am 24.6. um 18.20 Uhr, und RBB am 26.6. um 20.05 Uhr).

Meisterhafte Neuproduktion

Es sei vorweggenommen: Diese neue, sich streng an das Döblin-Manuskript haltende Alexanderplatz-Interpretation unter der Regie von Kai Grehn ist meisterhaft gelungen und stellt die überfällige Wiedergutmachung an einem durch den Zeitgeist verstümmelten Text dar (wir notieren dies auch bei allem Respekt vor den Stimmen von Heinrich George, Günter Pfitzmann oder Walter Richter). Die von Döblin ursprünglich vorgesehenen Rhythmisierungen kommen jetzt in glänzend arrangierten Großstadtminiaturen zum Tragen. Vor allem sind jetzt alle politischen Anspielungen und gesellschaftlichen Verweise erstmals im Radio zu hören. Der Hörer wird in das Großstadtgeschehen mit seiner Tragik, Komik und Unerbittlichkeit suggestiv hineingezogen. Natürlich tragen auch die exzellenten Stimmen von Andreas Leupold (Biberkopf), Jule Böwe (Mieze) und Otto Mellies (Sprecher) zum Kunstgenuss bei. Ausschlaggebend für die vibrierende und fiebernde Großstadt um den Alex ist freilich eine wunderbare Choreografie von cantabilen Stimmen und Geräuschen, wie sie vor allem in der Opel-Fiat-Szene, im Schlachthaus oder in den finalen Marschbildern („und Schritt gefasst und rechts und links …“) zu Gehör kommt.

Diese Biberkopf-Inszenierung für das Radio, etwas sophistisch und doch zu Recht als „Ursendung“ von SWR, BR und RBB gefeiert, dürfte zweifellos Geschichte schreiben, weil sie (endlich!) jenen Gestus ausstrahlt, der in allen bisherigen Radio-Annäherungen aus ganz unterschiedlichen Gründen fehlte. Der ganz neue Zugriff auf das Ur-Manuskript und die musikalische Animation der Stadt durch Bernd Bechtold (Ton) und das Glasharfenspiel, der einfühlsame Schnitt von Waltraud Gruber, das alles hat „Die Geschichte vom Franz Biberkopf“ im Radio des Jahres 2007 zu einem veritablen Geschenk an die Hörer und zum Vermächtnis für Alfred Döblin gemacht. Hier kamen ein Roman der Weltliteratur, eine Stadt und ihre Kunstfigur und eben Alfred Döblin meisterhaft zur Geltung.

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