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Autor: Hoffmann, Dagmar/ Krauß, Florian/ Gäbel, Maren.

Titel: Erotische Körperinszenierungen. Lesarten von 16- bis 18-jährigen Jugendlichen.

Quelle: Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (Hrsg.): tv diskurs - Verantwortung in audiovisuellen Medien. 9. Jahrgang, Heft 34, 4/2005. Baden-Baden 2005, S. 26-32.

Verlag: Nomos Verlagsgesellschaft.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorinnen und Autoren.



Dagmar Hoffmann/ Florian Krauß/ Maren Gäbel

Erotische Körperinszenierungen

Lesarten von 16- bis 18-jährigen Jugendlichen

„Nicht nur zu Hause still und heimlich wird Sex konsumiert. Pornographie ist überall“, heißt es in der Zeitschrift NEON im Juli/August 2005 zum Thema „Prima Porno“ (S. 70). Berichtet wird über den selbstverständlichen Konsum von Pornofilmen durch Twens, die Pornofilmrezeption für unverzichtbar halten. Da man Pornofilme häufig als frauenfeindlich einstufe, diffamiere man diejenigen, die sie gucken. Das Bedürfnis und der Konsum von Pornografie sei nicht verwerflich, bedauerlich - so die Autoren - ist vielmehr die schlechte Qualität und das fehlende Niveau. Schade sei, dass man in Deutschland so wenig Pornos im Fernsehen zu sehen bekäme und der Jugendschutz so streng gehandhabt werde1. Mit diesen Aussagen ist im Prinzip die Forderung nach der Veralltäglichung von Pornografie verknüpft, die aber vielleicht doch nicht von allen jungen Menschen so geteilt wird. Insbesondere ist fraglich, ob Jugendliche tatsächlich Darstellungen von Sexualität im Fernsehprogramm sehen möchten. Vielleicht macht es auch einen Unterschied, ob Sex über das Internet geordert, über DVD oder im Kino gesehen oder aber über das Fernsehen distribuiert wird (vgl. Eckert u. a. 1991). Sexualität ist im Jugendalter trotz aller Kommerzialisierung und Entmystifizierung (vgl. Schmidt 2005; Sigusch 2005) eine sehr persönliche Angelegenheit, und Jugendliche zeigen sich auch recht empfindsam, wenn es um Intimitäten, um ihre Geschlechtsidentität und ihr Körperselbstkonzept geht (vgl. Hoffmann 2005). Die folgende Untersuchung geht der Frage nach, ob Jugendliche einen verschärften Blick auf mediale Inszenierungen von Sexualität haben und wie sie das, was im Spätabend- und Nachtprogramm des Fernsehens an Erotik und Sex zu sehen ist, erleben und bewerten. Insbesondere interessieren wir uns für die Einstellungen von Jugendlichen zu den Körperpräsentationen und -inszenierungen in Werbespots bzw. Dauerwerbesendungen sowie in Erotikfilmen.



Fokussierte Interviews mit 16- bis 18-jährigen Jugendlichen

Für unsere Untersuchung, die in einen komplexen mediensoziologischen Forschungszusammenhang eingebettet ist, befragten wir in 30 fokussierten Einzelinterviews in der Zeit von November 2004 bis März 2005 an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) »Konrad Wolf« in Potsdam-Babelsberg 15 weibliche und 15 männliche Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren. Den Jugendlichen wurden insgesamt zwölf verschiedene Filmsequenzen präsentiert, darunter ein Musikvideo, Werbung sowie Ausschnitte aus Boulevardmagazinen2, auch Ausschnitte aus Studentenfilmen, verschiedene Szenen aus Kinofilmen sowie ein Mitschnitt aus einer Live-Brust-Operation. Ziel war es, ein möglichst breites Spektrum an Genres und Stilen den Jugendlichen zu präsentieren. Die hier zu thematisierenden Sequenzen der Werbesendungen und eine Sequenz aus dem Spielfilm Show Girls wurden den Jugendlichen zum Ende des Interviews vorgeführt. Die Jugendlichen aus dem Raum Berlin-Brandenburg waren thematisch nicht auf das Gezeigte vorbereitet worden. Allerdings ahnten einige, was auf sie zukommen würde, da die unter 18-Jährigen eine Einverständniserklärung der Eltern mitbringen mussten. In dieser wurde darauf hingewiesen, dass die Teilnehmenden Filmsequenzen zu sehen bekämen, die eine Altersfreigabe ab 16 Jahren bekommen hätten.

Die Jugendlichen wurden jeweils von einem gleichgeschlechtlichen Interviewer in einer der Videovorführungen der Hochschule befragt. Die Interviewerin war zum Befragungszeitpunkt sieben bzw. maximal neun Jahre älter als die befragten Mädchen, der Interviewer neun bis maximal elf Jahre älter als die Jungen. Von ihren Erfahrungen, von der Ansprache und vom Sprachjargon schienen beide ausreichend nah an der Alltags- und Lebenswelt der Jugendlichen zu sein, was sich auch bewahrheitete, indem nur wenige Befragte im Interview auf Distanz gingen. Die gleichgeschlechtliche Befragungssituation hielten wir für vorteilhaft, weil die meisten Heranwachsenden über Fragen des eigenen sexuellen Erlebens und Empfindens lieber mit gleichermaßen „Betroffenen“ sprechen und dies ungern mit Personen des anderen Geschlechts verhandeln. Dies zeigte sich auch in den Antworten der Jungen, die bei Szenen mit explizit sexuellem Inhalt angaben, dass sie sich diese eher nicht mit Mädchen ansehen würden.

Die drei Sequenzen, die den Jugendlichen gegen Ende des Interviews, das zwischen 60 und 100 Minuten dauerte, gezeigt wurden, werden im Folgenden kurz beschrieben:



0190

Beiden sogenannten „0190-Nummern“ handelt es sich um Werbesendungen für verschiedene Telefonsex-Hotlines, die nach 22.00 Uhr in den privaten Fernsehprogrammen geschaltet werden. Dabei werden meist frech-frivole Mädchen bzw. Frauen in eindeutigen Posen gezeigt. Wir führten den Jugendlichen eine 53 Sekunden dauernde Sequenz vor, in der sich eine junge Frau (etwa Anfang 20), nur mit einem weißen String bekleidet, auf einem Sofa räkelt. Sie flirtet quasi mit dem Zuschauer durch die Kamera hindurch, lächelt ihn an, berührt und streichelt dabei ihren Körper. Im weiteren Verlauf des Spots bewegt sie sich lasziv auf dem Sofa, indem sie ihr Becken leicht vor- und zurückschiebt und damit einen Geschlechtsakt andeutet. Im Off wird der folgende Text gesprochen: „Hier gibt es Spaß mit süßen Girls, ruf an [...]. Du darfst auch nur lauschen [... ].Verführe schüchterne Girls [... ]“.



DSF-Sportclip

Das Deutsche Sportfernsehen präsentiert ab 24.00 Uhr sogenannte Sportclips, in denen sich Frauen (eine oder mehrere) an vermeintlichen Sportgeräten oder in einem sportlichen Umfeld meist entkleiden bzw. autoerotisch zu populärer Musik bewegen. Ein Clip dauert wenige Minuten, die Sendung zwischen 30 und 45 Minuten. In der gezeigten Sequenz von 1:45 Minuten sieht man eine dunkelhäutige, kaum bekleidete Frau, die sich auf einem Abschlagplatz eines Baseballfelds rhythmisch zur Musik bewegt. Im Laufe des Spots zieht sie ihre Hot Pants aus, unter denen sich ein weißer String befindet. Sie benutzt beim Tanzen einen Baseballschläger, um sich darauf zu stützen und um ihn herumzutanzen. Die Sequenz endet in dem Moment, wo die Tänzerin den BH-Träger abstreift und eine Brust zu sehen ist, die sie zärtlich streichelt. Die Kamera ist ständig in Bewegung und zeigt auch Detailaufnahmen von Po und Brust.



Show Girls

Die dritte Sequenz stammt aus dem Erotikfilm Show Girls von Paul Verhoeven (1995) mit einer Altersfreigabe ab 16 Jahren. Er wurde hier stellvertretend für Filme gewählt, die erst ab 22.00 Uhr im Fernsehen gezeigt werden dürfen. Erzählt wird die Geschichte der attraktiven, jungen Nomi, die vor ihrer Vergangenheit flüchtet und ihre Chance am Las Vegas Strip sucht. Sie nimmt einen Job als erotische Tänzerin bzw. „Lap Dancer“ an. Die Sequenz (2:40 Minuten) zeigt die Tänzerin, wie sie, ausschließlich mit einem String und High Heels bekleidet, einen im Sessel sitzenden Mann durch ihren Tanz sexuell erregt. Der Lap Dance wird von einer Frau - vermutlich der des Mannes - beobachtet, die die Leistung auch letztlich bezahlt. Im Laufe ihrer „Arbeit“ lässt die Tänzerin ihren String fallen. Man sieht, wie sie im Genitalbereich rasiert ist. Die Tänzerin hat ein vielfältiges Repertoire von Stimulanzen, leckt z. B. an ihrer Brustwarze, bewegt ihr Becken auf dem Schoß des bekleideten Mannes, reibt sich an ihm, um ihn so zum Höhepunkt zu bringen.



Lesarten und Reflexionen der weiblichen Interviewteilnehmer

Die Interviewteilnehmerinnen zeigten sich überwiegend recht aufgeschlossen dem Thema gegenüber. Insgesamt bewerteten die Schülerinnen die gezeigten Beiträge jedoch recht unterschiedlich. Die Beurteilungen reichten von stimulierend bis ekelerregend. Die Auswertungen der Interviews lassen erkennen, dass weniger das Alter der weiblichen Teilnehmer ausschlaggebend ist für ihre Beredsamkeit und Reflektiertheit. Vielmehr macht sich an der sexuellen Erfahrung der Schülerinnen fest, inwieweit sie bereit sind, sich auf das Thema einzulassen. So zeigte sich eine 16-jährige Jugendliche, die bereits seit zwei Jahren eine Beziehung hat, toleranter in ihren Antworten als eine 18-jährige Jugendliche, die sich offensichtlich für ihr Singledasein schämte. Im Gegensatz zu den Jungen antworteten die Mädchen recht emotional. Sie äußerten im Interview neben ihrer Meinung auch offen ihre Gefühle und Ängste. Es ist zu vermuten, dass der anonyme Rahmen zu ihrer Aufgeschlossenheit beigetragen hat. Primär nahmen die Teilnehmerinnen einen persönlichen Standpunkt ein, aber es beschäftigte sie auch die Frage, wie andere Jugendliche darüber denken und fühlen könnten. Teilweise zeigten sich die Mädchen besorgt über eine von ihnen wahrgenommene „Enttabuisierung“ und „Erotisierung“ des Lebensalltags. So wurde beispielsweise kritisiert, dass nackte Haut in immer mehr Musikvideos eine wichtige Rolle spielt. Auch dass erotische Darstellungen verkaufsfördernd wirken, wurde verurteilt. Dass Frauen in den Medien als Sex- und Lustobjekte präsentiert und darauf reduziert werden, empörte einige Mädchen. Überhaupt wird die Tatsache moniert, dass es meistens Frauen sind, die sich entblößen und zu viel Haut zeigen. Leicht bekleidete Frauen oder eine Kameraeinstellung hingegen, die noch Raum für Fantasie lässt, wurden begrüßt.

Die Darstellungen von Körperlichkeiten mit eindeutigen Posen in einem kommerziellen Kontext wurden allgemein negativ bewertet. So fand die 18-jährige Kathrin3 den 0190-Spot „obszön“, vor allem „das Mädchen auf der Couch, wie sie sich ausgezogen hat, ihre Unterwäsche, ihre Geräusche. Also für mich ist das immer so, dass es mir zu weit geht, dass ich das von anderen wissen will. Das will ich vielleicht selber erleben oder ... aber ich will das von anderen einfach nicht sehen, das finde ich befremdlich und das möchte ich ... nicht wissen. [... ] Also, dass der Sex so extrem angedeutet wird, dass die da fast auf der Couch so mit sich selber Freude hatte, also [...] das war mir irgendwie zu viel. Also man sollte ja sehen, dass die so völlig aus sich rausgeht und sich fast nicht mehr unter Kontrolle hat vor Erregung, und das ist mir ... das finde ich viel zu viel.“ Ohne Ausnahme stieß die erste Sequenz bei den Mädchen auf Ablehnung. Einige Schülerinnen spekulierten darüber, was Männern wohl an diesem Werbespot gefällt. Denn dass diese Spots nicht für Frauen produziert würden, darüber waren sich alle einig. Solveig, 17 Jahre, distanziert sich zu 0190-Spots, gibt aber zu, sich diese anzusehen: „Wenn ich im Fernsehen durchschalte und ich sehe so was, dann gucke ich mir das eigentlich nur an, weil ich es einfach total dämlich finde! Weil ich es nicht fassen kann, wie man so einen Scheiß machen kann! Also für mich war das kein bisschen erotisch, im Gegenteil. Ich mache mich über so was immer eher lustig. Ich kann auch die Frau nicht verstehen - wie kann die nur so was machen?“ Offensichtlich verhandeln weibliche Jugendliche in der Auseinandersetzung mit den Clips von Sex-Hotlines einen Teil ihrer Geschlechtsidentität, indem sie die junge „Darstellerin“ noch ihrer eigenen Altersstufe zurechnen und ihren Job und ihre Rolle als Frau stark in Frage stellen. So auch Marie, ebenfalls 17 Jahre: „Also, ich persönlich, ähm, find's, ähm, nicht so toll, dass sich junge Mädels da vor die Kamera stellen und für so was Werbung machen und... [...] Also ich könnt's mir gar nicht vorstellen, so was zu machen. Einfach aus dem Grund, die sind ein bisschen älter als ich und die geben sich für so was her, wirklich halbnackt vor der Kamera zu posieren, um da halt irgendwelchen Männern da, ähm, diese, ähm, Sex-Hotline schmackhaft zu machen.“

Die Sendung DSF-Sportclip war den wenigsten Teilnehmerinnen bekannt. Der Clip fand insgesamt eine größere Akzeptanz als der 0190-Spot, weil nach Ansicht der Befragten Sex hier nicht so sehr kommerzialisiert würde. So meinte z. B. Kathrin: „[ ... ] die Betonung lag erst mal auf ihrem schönen Körper, dass der gezeigt wurde, was ich auch nicht unästhetisch fand, der sah wirklich schön aus.“ Die meisten Mädchen sind auch hier der Meinung, dass diese Art von Clips für das männliche Publikum gemacht ist und Männer das gut finden: „Ist ja nicht so das Alltägliche, dass man eine Frau auf einem Baseballplatz sieht, die sich da so bewegt und sich auszieht und selbst, wenn man selbst eine Freundin hat oder eine Frau, die macht das ja sicherlich auch nicht täglich. Also, da ist dann mehr vielleicht der Alltag drin und dann ist so was mal Abwechslung, so eine Frau auf dem Sportplatz“ (Sabrina, 18 Jahre). Die 17-jährige Alina beschreibt die Situation der männlichen Rezipienten so: „Jeder Mensch hat seine Schwächen. Und Männer haben die Schwäche, dass sie sich gerne schöne nackte Frauen angucken. Das wird hier ausgenutzt. Und das finde ich von den Medien in dieser Art und Weise nicht okay.“ Auf die Frage, ob Männer durch solche Beiträge im Fernsehen stimuliert werden, antwortet die 16jährige Sibylle: „Ich selbst kann's mir immer nicht vorstellen, dass man jetzt nur von Bildern oder irgendwie so... Ja, dass einen das antörnt oder irgendwie so, aber... Ich denke, aus Gesprächen, die ich geführt habe, glaube ich schon, dass es so ist bei den Männern.“ Ihr passiert das eher selten, dass sie durch solche Darstellungen erregt wird, lediglich wenn eine zwischenmenschliche Beziehung dargestellt wird [...] dass man da vielleicht denkt, oh, das sieht schön aus oder so, aber so einer alleine, nee.“

Die interviewten Mädchen akzeptieren mediale Körperinszenierungen und Darstellungen von Sexualität am ehesten, wenn sie im Zusammenhang mit einer Liebesbeziehung stehen. Der Ausschnitt aus dem Film Show Girls wurde entsprechend positiv bewertet, weil die Szene offensichtlich in eine Dramaturgie eingebettet ist, die eine Beziehung zwischen Mann und Frau thematisiert. Mehrheitlich hat der Ausschnitt die jungen Frauen neugierig auf den Spielfilm gemacht. Die wenigsten würden allerdings den Film im Fernsehen weitergucken, wenn sich die Handlung des Films ausschließlich aus solchen Sexdarstellungen speisen würde. Für Sabrina war allerdings zu viel zu sehen: „Also ich finde, den Tanga hätte sie noch anlassen können. [...] Weil: Ist ja unten nun mal nicht viel Stoff und hätte dieselbe Wirkung gehabt, vielleicht eine bessere sogar, wenn man nicht so ganz weiß, was so alles da ist und ja, wie sie sich eben bewegt hat, wie sie auf ihm drauf saß und wirklich so hinten runter mit den Haaren so immer wieder auf den Boden geschlagen ... so wirklich heftig die Bewegungen eben, so doll, so extrem eben. Ein bisschen weniger hätte es auch getan, wäre glaub ich, auch erotisch.“ Gefragt danach, ob Jugendliche so etwas allgemein sehen wollen, antwortet Solveig mit Bezug auf die gesehene Sequenz: „Es kommt immer drauf an, wie man erzogen worden ist und wie man selber drauf ist. Ob man ein offener Mensch ist. Und manche gucken sich das ja auch an und sagen: ,O Gott!' Aber innerlich schauen sie doch noch hin, weil sie es irgendwie sehen wollen. Die sind total verklemmt und wollen nicht dazu stehen, dass sie so was gucken wollen.“



Lesarten und Reflexionen der männlichen Interviewteilnehmer

Die männlichen Jugendlichen äußerten sich z. T sehr indifferent zu den vorgeführten Film- und TV-Sequenzen, weshalb nur schwer allgemeine Tendenzen anhand ihrer Aussagen auszumachen sind. Nach Auswertung der 15 Interviews lässt sich festhalten, dass ein Altersunterschied von wenigen Jahren im Jugendalter für die Rezeption von inszenierten Körperlichkeiten und Sexualität eine große Rolle zu spielen scheint. Den älteren Jungen fiel es deutlich leichter, über das Thema „Sexualität“ zu sprechen als den jüngeren Jugendlichen. Ebenso schienen die Jungen offener und reflektierter, wenn sie bereits eigene sexuelle Erfahrungen gemacht hatten. Es war auch zu beobachten, dass viele Jungen sehr bemüht waren, „cool“, erwachsen und reif zu wirken. Entsprechend kommentierte etwa der 16-jährige Daniel die 0190-Sex-Hotline: „Wenn man jünger ist, hat man mehr Interesse daran. Wenn man 12, 13 oder vielleicht auch früher 11 so war, dann findet man das: Ah toll, nackte Frauen und so! Dann ist man neugierig, wie das aussieht und man interessiert sich mehr dafür. Ich habe jetzt meine Freundin, das reicht mir dann auch. Ich weiß Bescheid, was soll ich mir irgendwelche Frauen angucken, die sich für 10 Euro da mal ausziehen oder so.“ Die Werbung für die 0190-Nummer wurde von den Jungen fast durchgehend negativ bewertet (wie Sex-Hotlines im Allgemeinen). Oft wurde argumentiert, dass das ganze „Verarsche“ sei und das Mädchen gezwungen aussehe. Der 18-jährige Ralf findet, dass das Mädchen „billig und flittchenhaft“ wirkt: „Na, dieses In-die-Kamera-Lächeln und dieses ganze Drumherum, das hat mir das Gefühl gegeben, dass das nicht ehrlich war, dass das nur für diese Sendung und für dieses... für diesen Veranstalter dort gemacht wurde. Also für den Fernsehsender... Und überhaupt nur, um zu verkaufen.“

Ebenso wie die weiblichen Jugendlichen bewerten auch die männlichen den DSF-Sportclip weitaus wohlwollender als die 0190-Werbung. Die Jungen sind sich bewusst, dass solche Clips explizit sie und ihre Geschlechtsgenossen ansprechen sollen. Sebastian, 17 Jahre, kommentiert den Ausschnitt wie folgt: „Es gibt ja diesen bekannten Werbespruch: Sex sells, und so wird es wahrscheinlich auch sein. Man ist darauf fixiert und dadurch zieht man halt schnell die Aufmerksamkeit auf sich oder auf das, was man halt zeigen will. Also wenn ich jetzt eine Cola-Dose hinstelle, dann guckt da wahrscheinlich keiner hin, und wenn ich da eine Cola-Dose hinstelle und dahinter noch eine nackte Frau, dann guckt man zuerst mal auf die nackte Frau und sieht dann noch die Cola-Dose [...]“. Auf die Frage, ob andere Jugendliche sich das wohl gerne ansehen, antwortet er: „[ ...] vielleicht, aber dann werden sie es nicht zugeben. Weil man ja dann auch gepiesackt wird und geoutet und dann häh und... Ja, ich denke, da gibt es etliche, die so was gut finden. [...] Mädchen gucken sich so etwas weniger an ... bis gar nicht. Weil die das nicht so interessant finden, irgendwie eine nackte Frau zu sehen, weil die wissen ja, wie sie selber aussehen, sehen sich jeden Tag. Und in solchen Filmen werden ja meistens nur Frauen gezeigt, weniger Männer, und da denke ich, steckt nicht das Interesse hinter.“ Gemeinsam mit seiner Freundin würde er sich den Clip nicht angucken: „Da ich ja dann meine Freundin neben mir habe [lacht], brauche ich mir ja keine nackten Personen irgendwie so anschauen.“

Viele Jungen sagten, dass sie der Ausschnitt aus Show Girls fasziniert habe. Sie betonten zugleich, dass es sich nicht um einen Porno-, sondern um einen Spielfilm handele. Sie verwiesen auf die Rahmenhandlung, die sie vermuteten. So äußert sich beispielsweise Daniel, 16 Jahre alt: „Der letzte Ausschnitt hat mir gefallen. Ich gucke mir gern so Spielfilme an, wo solche Szenen vorkommen, das war auch keine Billigproduktion. Würde ich mir ansehen, ist ja kein Pornofilm. Man sieht ja nicht alles.“ Auch der 16jährige Henning würde sich den Film gerne angucken: „Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ja, ich würd' mir so was angucken. Weil, es scheint ja aber auch mehr irgendwie ein Actionfilm oder so zu sein, weil da wirklich nicht weiter darauf eingegangen wurde, oder ein Thriller.“ Der 16 Jahre alte Tim hingegen bildet eher eine Ausnahme, wenn er den Sexismus der verschiedenen Ausschnitte kritisiert: „Na, ich fand's ein bisschen... geschmacklos. Weil: Manchmal werden Frauen dargestellt als... als, sag ich mal, Objekt... von Männern, die... als Spielzeuge dargestellt werden, wo die Männer sich dran erfreuen können und dann noch da anrufen und die dann genau das tun, was die wollen. Und da wird so der Wille aufgezwungen und das finde ich nicht gut, weil: Ich glaube manchmal, da werden doch die Rechte der Frauen manchmal doch verletzt, indem man so was zeigt. Sie werden ja als Marionetten dargestellt, da wird wirklich bloß der Körper betrachtet... und so eine Art Showobjekt, was ich nicht so toll finde.“ Seiner Ansicht nach sollte eine Frau so dargestellt werden, „wie sie es gerne haben möchte [...], dass zum Beispiel nicht bei einem Pornodreh der Regisseur sagt, du machst das und das und wenn nicht, fliegst du raus, sondern dass die Frau selber entscheiden kann, was sie macht und was nicht, dass sie ihren eigenen Willen da noch hat und selber sagen kann, das kommt mir nicht in die Tüte [... ] . Aber so weiß ich nicht... Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die sich dabei wohl fühlen, was die da machen.“ Den Filmausschnitt aus Show Girls findet er „pervers“, weil: „Das hat nicht mehr wirklich was mit Liebe zu tun, das ist einfach bloß so eine Show“.

Viele der Jungen gingen auch in den Interviews auf Distanz und redeten nicht unmittelbar über sich selbst, sondern verwendeten statt der ersten Person die Formulierung „man“ und sprachen mit Hilfe des Konjunktivs über Dinge, die möglicherweise der Fall sein könnten. Einigen männlichen Jugendlichen fiel es sichtlich schwer, sich klar zur Rezeption von erotischen Ausschnitten zu bekennen und relativierten Bemerkungen, die ausschließlich positiv gewertet werden könnten.

Fazit

Unsere Auswertungen weisen darauf hin, dass für viele Jugendliche mediale Inszenierungen von nackten Körpern und von Sexualität weitgehend normale Phänomene sind, die sie im Alltag wenig in Frage stellen. Viele der Interviewteilnehmerinnen und -teilnehmer sagten am Ende des Interviews, dass sie sich nie zuvor ernsthaft mit der Akzeptanz von Körperlichkeiten und Sexualität in Film und Fernsehen auseinander gesetzt hätten. Die 16-jährige Sibylle erklärt sich das so: „Irgendwie ist man schon durch die Medien... also irgendwie ist das schon so normal geworden [... ]... ist nichts mehr so der Schocker [...]. Also im Prinzip finde ich, in der heutigen Gesellschaft ist man schon so ziemlich vorbereitet auf alles [...] . Deshalb würde ich eigentlich sagen, könnte ich mir alles angucken irgendwie so.“ Das oftmals kritisierte „tägliche Bombardement der Sexualisierung“4 verwirrt eigentlich kaum jemanden und stößt auch nicht prinzipiell ab. Jungen stören sich weniger an der Quantität, sondern eher an der Qualität der Darstellungen. Mädchen kritisieren das ungleiche Geschlechterverhältnis, d. h. die Dominanz von weiblichen Körpern. Wenn also bei Jugendlichen mediale Körperinszenierungen ins Bewusstsein gerufen werden, dann differenzieren sie genau und wägen ab, was für sie akzeptabel, schambehaftet, was moralisch-ethisch grenzwertig und eventuell sexistisch ist. Die von uns befragten Jugendlichen akzeptieren den Jugendmedienschutz im Fernsehen weitgehend und melden keinen Mehrbedarf an sexuellen Inhalten an. Eher sorgen sich sowohl die Jungen als auch die Mädchen um die jüngeren Jugendlichen, die schon genug inszenierte Erotik und Sexualität zu sehen bekämen, wobei sie ihre eigene Rezeption in dem frühen Alter nicht problematisieren.



Literatur

Eckert, R./ Vogelsang, W./ Wetzstein, T.A./ Winter, R.: Grauen und Lust – die Inszenierung der Affekte. Eine Studie zum abweichenden Videokonsum. Pfaffenweiler 1991.

Hoffmann, D.: Körpererfahrungen, Sexualität und Geschlechtsidentität. - Jugendliche auf der Suche nach der Norm, dem Ideal und sich selbst. In: H. Merkens/ J. Zinnecker (Hrsg.): Jahrbuch Jugendforschung 2005/2005. Wiesbaden 2005, S. 199-218.

Schmidt, G.: DerDieDas. Über die Modernisierung des Sexuellen. Gießen 2005, 2. Auflage.

Sigusch, V.: Neosexualitäten. Über den kulturellen Wandel von Liebe und Perversion. Frankfurt am Main 2005.

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1Stolle, 0./ Wewer, A.: Prima Porno. In: NEON, Ausgabe Juli/August 2005, S. 68-74.

2Die Rezeption des Musikclips Call on me von Eric Pryzd und die Beiträge der Boulevardmagazine taff und Blitz sind nachzulesen in TelevIZlon, 18/2005/1, S. 55-59.

3Die Namen der Interviewteilnehmer und -teilnehmerinnen wurden geändert.

4Sigusch zitiert von Ira Schaible (dpa) in einem Beitrag „Asexualität im Trend“ vom 9. Juni 2005 bei n-tv anlässlich des Erscheinens des Buches Neosexualitäten Dokumentiert unter http://www.n-tv.de/541870.html [Zugriff 29.8.2005].

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