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Autor: Hüther, Jürgen.
Titel: Neue Medien.
Quelle: Jürgen Hüther/ Bernd Schorb (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. 4., vollständig neu konzipierte Auflage. München 2005. S. 345-351.
Verlag: kopaed verlagsgmbh.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Jürgen Hüther
Neue Medien
Bei dem Bemühen, ihre Kommunikationsmöglichkeiten untereinander zu verbessern, haben die Menschen immer schon versucht, sich apparativer Hilfen in Form von Medien zu bedienen. Neue Medien haben zu allen Zeiten entscheidenden Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen. Kultureller, sozialer und technologischer Fortschritt hängen in hohem Maß von der Qualität und vom Gebrauchswert der Kommunikationsmittel ab, die der Mensch sich im Verlauf seiner Geschichte geschaffen hat. Aber wohl noch nie vorher verlief der medientechnologische Fortschritt so rasant und war von so zentraler Bedeutung für Wirtschaft, Politik und Kultur, für die gesamte Organisation des beruflichen und privaten Alltags überhaupt, wie dies momentan der Fall ist. Nicht von ungefähr wird die Gegenwart gern und plakativ als Medien- und Informationszeitalter bezeichnet, in dem die „Neuen Medien" in Analogie zu früheren, z.B. durch Nutzbarmachung der Dampfkraft und Elektrizität bewirkten Entwicklungsschüben als neue Basis und Innovationstechnologie gelten. Damit kommt zum Ausdruck, welch außergewöhnliche und einschneidende Funktion heute der medialen, d.h. der technisch realisierter Kommunikation zugesprochen wird und wie tiefgreifend unsere Gesellschaft von dieser Neuen Medien bestimmt wird und abhängig ist.
Allerdings zeigt der in der öffentlichen wie wissenschaftlichen Diskussion schlagwort. artig gebrauchte Begriff der Neuen Medien bis heute keine festen Konturen, denn au diesem Gebiet ist noch zu vieles in Fluss, und auch nur vorläufige Endpunkte in dei medientechnologischen Entwicklung sind nicht absehbar. Als feststehende Bezeich. nung kommt der Terminus in den 70er Jahren auf, und zwar als Oberbegriff für alle Verfahren und technischen Mittel, die mithilfe innovativer oder erweiterter Technologien neuartige, also in dieser Art bis dahin nicht gebräuchliche Nutzungsformen bereits vorhandener Massen- und Speichermedien wie Kabel- u. Satellitenfernsehen, Bildschirmtext, Videografie oder Bildplatte ermöglichten. Vor allem war der Terminus „Neue Medien" in dieser Zeit ein Reizwort in der heftig geführten politischen Debatte über die zukünftige deutsche Medienlandschaft, bei der es hauptsächlich um die Frage der Kommerzialisierung des bisher öffentlich-rechtlich ausgerichteten Rundfunks und der staatlich monopolisierten Telekommunikation sowie um die unterschiedlich eingeschätzten Auswirkungen dieser Strukturveränderungen ging .
Aktuell steht der Begriff vor allem als Bezeichnung für die auf digitaler computertechnischer Basis arbeitenden vernetzten Multimediatechnologien. (>Multimedia) Gerade der Computer als inzwischen allgemein zugängliches Arbeits-, Unterhaltungs- sowie Lehr- und Lernmittel hat als wesentlicher Bestandteil der heutigen neuen Informations- und Kommunikationstechniken den traditionellen Medienbegriff erheblich erweitert. Zum einen sind Computer als Rechner, Datenbanken, Steuerungszentralen und als Instrumente audiovisueller Informationsbearbeitung (z.B. bei der Videoerstellung) unerlässlich für Organisation, Betrieb oder Produktion von Funk-, Speicher- und Telekommunikationsmedien, zum anderen sind sie selbst eigenständige Medien, die durch ihre Vernetzung neue Formen der Kommunikation erlauben. (z.B. >Internet)
Bei der gängigen Begriffstimmung Neue Medien stehen bisher vor allem technische Aspekte und die dadurch neu erschlossenen Nutzungsbereiche sowie ihr alltagsrelevanter Gebrauchswert im Vordergrund. Der Begriff verlangt aber nach einer Bestimmung, die die Peripherie der vordergründigen technischen und anwendungsbezogenen Definitionsebene durchstößt und die dahinter liegenden kommunikativen und sozialen Implikationen ebenso sichtbar macht wie die ökonomischen und medienpolitischen Bedingungen, unter denen die Neuen Medien entstehen und funktionieren. Im wesentlichen lassen sich die neuen Medien durch folgende Kennzeichen charakterisieren: Digitalität, Vernetzung, Globalität, Mobilität, Konvergenz, Interaktivität.
Digitalität, Vernetzung, Globalität: Aus technologischer Sicht stellen Computerisierung bzw. Digitalisierung die eine Seite der Neuerungen im derzeitigen Medienbereich dar; die Anschlussmöglichkeiten an externe, global arbeitende Datennetze, aber auch die interne Vernetzung im Betrieb sowie die Verkoppelung von Einzelmedien zu Multimedia-Systemen, bilden die andere Seite der Innovation bei dieser - wenn man so will - zweiten Generation neuer Medien im Verlauf der jüngeren Mediengeschichte. Digitalisierung und Vernetzung liefern die elementaren Grundlagen für die Vielfalt der innovativen Einsatz- und Nutzungsvariationen Neuer Medien. Durch Digitalisierung werden die unterschiedlichen analogen Ausgangssignale verschiedener Medien in ein einheitliches binäres Zeichensystem umgewandelt. Dies ist die technische Voraussetzung für ihre mikroelektronische Weiterverarbeitung und Kombination durch den Computer. Erst die Digitalisierung erlaubt die konvergente Verbundnutzung verschiedener Präsentationsmodi wie Bild, Text, Grafik, Animation, Film, Sprache und Musik über ein- und dieselbe Medienkonfiguration. Weltweite Digitalverbindungen mit bidirektionalem Datenfluss über Kabel und Satellit ermöglichen den schnellen und globalen Zugriff auf Informationen sowie eine zeit- und raumunabhängige, dialoghafte Medienkommunikation.
Mobilität: Digitalisierte Informationen haben einen weiteren Vorteil: Sie lassen sich komprimieren. D.h. der besonders für grafische Darstellungen und vor allem für Bewegtbilder benötigte hohe Speicheraufwand lässt sich durch Datenkompression erheblich reduzieren, wodurch ihr kapazitätsaufwändiger Transport durch die weltweiten Datennetze auch im Gegenverkehr in akzeptabler Geschwindigkeit erst ermöglicht wird. Insofern erscheint das oft gebrauchte Bild von der Datenautobahn einleuchtend, auf der sich Massen von Informationskolonnen zügig und überwiegend störungsfrei zwischen ihren Zielen bewegen. Dabei gibt es, wenn man im Bild bleibt, einen entscheidenden Unterschied: Die Auto-Autobahn dient dem Nutzer dazu, durch eigene Mobilität an wechselnden Orten Informationen einzuholen bzw. zu vermitteln; die Daten-Autobahn hingegen erlaubt ihm, ohne Ortswechsel Informationen sowohl mit den nächsten als auch mit den entferntesten Partnern auszutauschen. Die Vernetzung im Bereich der neuen Medien versetzt den Nutzer gewissermaßen in die Lage „stationärer Mobilität": Diese ermöglicht ihm vom Schreibtisch aus mediale Kommunikation mit dem Arbeitskollegen im Nachbarbüro, ohne größere Schwierigkeiten aber auch mit dem Geschäftspartner in Übersee; sie lässt ihn an weltweit organisierten Online-Diensten partizipieren und mit Hilfe entsprechender Groupware mit Experten über Kontinente hinweg in Teamarbeit Projekte entwickeln und Problemlösungen finden.
Aber die Entwicklung geht weiter: Die neuen Medien bieten heute nicht nur stationäre Kommunikationsmobilität, die von der heimischen oder betrieblichen Computerstation aus globale Kommunikation gestattet, sondern mit der Einführung von UMTS (Universal
Mobile Telecommunications System) kommt der mobile Internetzugang, der es erlaub als Sender und Empfänger überall und zu jeder Zeit am Netz zu sein und mit jede jederzeit und überall kommunizieren zu können. (>Internet, >Mobile Kommunikation)
Konvergenz: Vernetzung, Digitalisierung und Kommerzialisierung selbst im öffentlich rechtlichen Bereich sorgen für ein weiteres Charakteristikum der neuen Medien, da' unter dem Begriff der Medienkonvergenz immer mehr ins Blickfeld der Medienpädago, gik rückt. >Konvergenz charakterisiert hier den nachhaltigen Wandel der medialerr Strukturen, bei dem die Grenzen zwischen den einzelnen Medien zunehmend verwischen und vielfältige Mischformen und Neukombinationen alter und neuer Angebote entstehen. Konvergenz bedeutet also zunächst einmal das bereits erwähnte strukturelle Zusammenwachsen von Einzelmedien und -diensten zu technischen und ökonomischen Multimedia-Arrangements, im eigentlichen aber - zumindest aus pädagogischer Perspektive - die Verknüpfung der unterschiedlichen Medien über die Inhalte zu einer vor allem auch kommerziell lukrativen Cross-Medialität: Der Web-Auftritt zur TV-Sendung, das Computerspiel zur Fernsehserie, die Zeitschrift zur Daily Soap, der Soundtrack zum Kinohit, das Bundesligageschehen auf dem Handydisplay - die Neuen Medien bieten eine breite Palette konvergenter Mischangebote, „denn die Verwertung von Geschichten und Figuren auf verschiedenartigen medialen Wegen, die Verzahnung und wechselseitige Bewerbung der Angebote ist gewinnträchtig." (Theunert/Wagner 2002)
Die multimediale Vermischung rechnet sich also für die Macher, schließlich wirkt der bunte Medienmix auf den Nutzer konsumstimulierend. Die Multifunktonalität ihrer Inhalte und die Breite ihres Nutzungsspektrums sind wesentliche Gründe für die Attrakti- 13 vität und steigende Akzeptanz der Neuen Medien. Außerdem eröffnen die konvergenten Nutzungsmöglichkeiten den klassischen Medienfunktionen der Information, Unterhaltung und Bildung etwa in Form des so genannten Info- oder Edutainments neue Dimensionen, sie stimulieren den kreativen, nicht nur rezipierenden Umgang mit Medien und bieten darüber hinaus z.B. mit Homebanking oder Teleshopping Hilfen zur Bewältigung bzw. Erleichterung des privaten und beruflichen Alltags. Medienpädagogik steht hier vor der Frage, welche Veränderungen der Kommunikation sich im Zeichen konvergierender Medienumgebungen einstellen d.h. „wie die Nutzer verschiedene alte und neue Medienangebote für sich kombinieren und welchen Gebrauch sie von neuen Möglichkeiten der Interaktivität und Cross-Medialität machen." (Hasebrink u.a. 2004)
Interaktivität: Ein Großteil der neuen Medien reklamiert für sich, die Einwegkommunikation bisheriger Medien überwunden zu haben und einen aktiven Mediengebrauch zu ermöglichen, ja zu fördern, der aus dem rezipierenden Nutzer einen interagierenden Kommunikationspartner macht. Der Begriff der Interaktivität hat in der Diskussion um die neuen Medien einen hohen Stellenwert. Interaktivität wird dabei in Absetzung von den traditionellen Medien zum charakteristischen Spezifikum der neuen multimedialen Kommunikation erhoben; für nicht wenige Protagonisten vor allem auf Seiten der Medienanbieter stellt er geradezu die Inkarnation des Neuen an den neuen Medien dar. Dabei wird dieser arg strapazierte Terminus sehr undifferenziert, plakativ und letztlich wohl auch mit manifesten verkaufsfördernden Zielen eingesetzt.
Die Verwendung des Begriffs „Interaktivität" in Zusammenhang mit den neuen Medien erscheint vor allem insofern problematisch, als er allzu oft im Sinne sozialer Handlungs- und Interaktionstheorien gebraucht wird und damit dem Mensch-Maschine-Verhältnis Qualitäten zugeschrieben werden, die zumindest aus geistes- und sozialwissenschaftlicher Sicht nicht einlösbar sind. Für soziale, zwischenmenschliche Interaktion ist es wesentlich, dass sich durch die aufeinander beziehenden Beiträge der einzelnen Beteiligten erst im Verlauf des Handlungsprozesses ein gemeinsam definiertes und erarbeitetes Ergebnis einstellt, das sich nicht in einem Rahmen vorgegebener Lösungen bewegt. Auch wenn sich bei der Nutzung „interaktiver" Computerprogramme oder Webangebote zumindest auf formaler Ebene ähnliche Dialogformen mit inhaltlich zusammenhängenden Fragen und Antworten vollziehen, kommt es hier allenfalls zu Simulationen interaktiven Geschehens, das lediglich formal am Modell zwischenmenschlicher Kommunikation ausgerichtet ist.
Überhaupt zeigt sich in diesem Zusammenhang eine grundsätzliche Schwierigkeit, die dann auftritt, wenn Begriffe, die ihre inhaltliche Besetzung aus humanwissenschaftlicher Denk- und Argumentationstradition beziehen, auf technische Sachverhalte angewandt werden, bzw. wenn technische Prozesse mit geistes- und sozialwissenschaftlichen Begrifflichkeiten interpretiert und bewertet werden. Das gilt exemplarisch etwa für den Bereich der Künstlichen Intelligenz, wo mit technisch-mathematischen Mitteln der Informatik versucht wird, Maschinen quasi-menschliche Fähigkeiten wie Sprachund Zeichenerkennung, logische Deduktion und eigenständige Informationsverarbeitung beizubringen. Es gilt insgesamt für das Gebiet der Bionik als Grenzwissenschaft zwischen Biologie und Technik, auf dem daran gearbeitet wird, menschliche Kognition und Computerlogik in Einklang zu bringen bzw. austauschbar zu machen.
In einer Zeit, in der die Kommunikations- und Informationstechnologie zu einem entscheidenden Faktor weltwirtschaftlicher Entwicklungen geworden ist und das Schicksal der Börse weitgehend vom Wohlergehen der IT-Industrie abhängt, in einer Zeit, in der in diesem Bereich die Rasanz technischer Neuerungen bisweilen größer ist als deren Notwendigkeit, drängen sich zwangsläufig ökonomische und technische Aspekte in Vordergrund der Diskussion um die Neuen Medien. Aber wirtschaftliche und technische Innovationen sind nur die Voraussetzungen für die aus medienpädagogischer Perspektive interessanteren sozialen und psychologischen Veränderungen sowie für die gesellschaftlichen und individuellen Folgen, die mit der Einführung der neuen Medien verbunden sind.
So haben die Neuen Medien in vielfacher Weise die Diskussion über Aufgaben unt Selbstverständnis der >Medienpädagogik beeinflusst und sie gezwungen, ihre Erkennt, nisinteressen zu überdenken und auszuweiten. Die Konzentration der Medienpädagogit auf ihre bisherigen Schwerpunkte, die Medien hauptsächlich als Wirkfaktoren in Schuld und Freizeit sahen, greift heute viel zu kurz. Längst beeinflussen und steuern dio' Neuen Medien unser gesamtes Alltagsleben in erheblichem Maße und das Spektrum der Positionen „gesellschaftlich relevanter Kräfte" aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft usw. den neuen Medien gegenüber reicht von euphorischer Befürwortung, kritischer Akzeptanz bis zu hilfloser Ambivalenz. Skepsis und kritische Distanz reduzieren sich auch in den Reihen der Medienpädagogen mit zunehmender Etablierung der Neuen Medien und der eigenen Abhängigkeit von ihnen. Aber es bleibt Aufgabe der MedienPädagogik, neben den sich eröffnenden vielseitigen Nutzungsmöglichkeiten der Neuen Medien gerade auch ihre Gefahren und möglichen Folgen zu thematisieren. So gilt es zu verdeutlichen, dass ihr Nutzen für den Bürger oft nicht so hoch ist wie der Gewinn für die Anbieter, denn die Einführung neuer Medien folgt in erster Linie wirtschaftlichen Interessen und der Profitgedanke zählt meist mehr als inhaltliche Qualität und medienethische Verantwortung (>Medienethik).
Bei der Suche danach, was aus medienpädagogischer Sicht das wirklich Neue an den Neuen Medien ist, können sicher folgende Feststellungen getroffen werden:
neu ist die zumindest teilweise Substituierung zwischenmenschlicher durch mediale Kommunikation in so wichtigen Tätigkeitsbereichen wie Arbeiten, Lernen, Informieren und Spielen und damit auch die weitere Verdrängung aktiver Freizeitbeschäftigungen;
neu sind die Veränderungen der Strukturen von Unterhaltung und Vergnügen, indem heute nahezu jede Form des Amüsements entweder als mediale Darbietung genießbar oder als gespeichertes Programm abrufbar ist;
neu sind die enormen Möglichkeiten zur Rationalisierung von Arbeitsvollzügen und eine Veränderung der Struktur von Arbeit, indem menschliches Wissen und Gestalten in vielen Bereichen durch mikroelektronisch-maschinelles ersetzt wird;
neu sind die Veränderungen im Bereich der Bildung, indem sich neue Medien die Speicherung und Verarbeitung von Wissen aneignen und es u.a. in Form von Lernprogrammen und über Datenbanken anbieten und kommerzialisieren;
neu ist der Einfluss auf die Konstruktion von Wirklichkeit, indem neue Medien die Nutzer in immaterielle, virtuelle Welten mit eigenen Realitätsqualitäten führen;
neu sind nicht nur Rezeptionsformen, sondern auch die Möglichkeiten der kreativen Gestaltung eigener Aussagen sowie deren technische Umsetzung und öffentliche Verbreitung.
Die letztgenannte Innovation erscheint aus medienpädagogischer Sicht wohl als die bedeutendste, denn sie beschreibt die Tatsache, dass sich der Nutzer bei den Neuen Medien (z.B. Internet) als aktive Größe in den medialen Kommunikationsprozess einbinden kann. Anders als bei den bisherigen Formen medialer Kommunikation wird es hier möglich, den sonst im medialen Kommunikationsprozess meist stummen Rezipienten aus seiner passiven Konsumentenrolle herauszulösen und ihn zum Kommunikator zu machen. Die Funktionen von Kommunikator und Rezipient werden prinzipiell austauschbar. Bert Brechts auf den Rundfunk bezogene Forderung aus den 30er Jahren, Medien zu wirklichen Kommunikationsapparaten für die Bürger zu machen, rückt damit erstmals genauso in greifbare Nähe wie Enzensbergers gleichlautendes emanzipatorisches Bestreben in den 70er Jahren, nämlich Medienkonsumenten zu Medienproduzenten zu befördern. (Brecht1932; Enzensberger 1970; Hüther 2002) Die klassischen Ziele >aktiver Medienarbeit scheinen mit den Neuen Medien zumindest von ihrer technischen Machbarkeit her erreichbarer denn je.
Nur: Eine Demokratisierung von Kommunikationsstrukturen im Sinne Brechts und Enzenbergers ist trotzdem kaum in Sicht, denn der aktive gestaltende Umgang erschließt sich dem Nutzer auch mit den Neuen Medien nicht so ohne weiteres wie etwa der rein auf Rezeption abgestellte Gebrauch des Konsummediums Fernsehen. Es fehlt weithin an der Vermittlung der notwendigen >Medienkompetenz als Voraussetzung für die Integration des Nutzers in die sich vielfältig anbietenden Multimediastrukturen.
Die Vorstellungen von Demokratisierung der Kommunikationsstrukturen durch die Möglichkeiten der neuen Medien werden also weitgehend Visionen bleiben. Es steht vielmehr zu erwarten, dass es bei der Nutzung der neuen Medien keine Chancengleichheit geben wird, denn die Zugriffsmöglichkeiten auf die neuen Medien und der Erwerb notwendiger Medienkompetenz sind in der Gesellschaft ungleich verteilt. Zudem geschieht die Teilnahme an den Segnungen der neuen Medien ja keinesfalls gratis und eine multimediafähige Ausrüstung, ihr ständiger Innovationsbedarf sowie laufende Netz- und Nutzungskosten überfordern die Budgets so mancher Normalhaushalte. Eher verursachen die heute ausschließlich kommerziell bestimmten Verhältnisse im Medienbereich eine weitere Ausdifferenzierung der Nutzer nach sozialschichtabhängigen Kommunikationsstilen und damit letztendlich die Forcierung einer medienbewirkten Segmentierung der Gesellschaft.
Hasebrink, U./Mikos, L./Prommer, E. (Hg.): Mediennutzung in konvergierenden Medienumgebungen. München 2004.
Hentig, H. von: Der technischen Zivilisation gewachsen bleiben. Nachdenken über die Neuen Medien und das gar nicht mehr allmähliche Verschwinden der Wirklichkeit. Weinheim 2002.
Treumann, K.-P. u.a.: Medienkompetenz im digitalen Zeitalter. Wie die neuen Medien das Leben und Lernen Erwachsener verändern. Opladen 2002.
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