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Autoren: Steuernagel, Ulla / Janßen, Ulrich.

Titel: Die Kinder-Uni (zweites Semester): Warum bin ich ich?

Quelle: Janßen, Ulrich/Steuernagel, Ulla: Die Kinder-Uni, Forscher erklären die Rätsel der Welt; Zweites Semester München 2004. 15.

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt GmbH.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autoren und des Verlags.



Ulrich Janßen / Ulla Steuernagel

Warum bin ich ich?



Die Iche sind los. Daheim, in der Schule, auf der Straße, im Fernsehen. Überall sagen die Leute »Ich«. »Ich bin.« »Ich will.« »Ich brauche.« »Ich muss.« »Ich kann.« Auch Kinder haben überhaupt kein Problem mit dem Ich. »Ich will jetzt ein Eis haben, und zwar flott!« Sagen sie, und es fällt ihnen überhaupt nicht schwer. Trotzdem denken Philosophen seit vielen Jahrhunderten darüber nach, was es mit diesem »Ich« auf sich hat, das jeder Mensch hundertmal am Tag benutzt. Kann es sein, dass mehr dahinter steckt?


Philosophen denken über so komplizierte Sachen nach, dass Kinder es garantiert nicht verstehen. Denken viele Leute. Dabei haben Philosophen und Kinder vieles gemeinsam. Der Tübinger Philosoph Prof. Manfred Frank zeigte in der Kinder-Uni, dass die Philosophen den Kindern eine ganze Menge zu sagen haben. Mit Kritik und vielen Anregungen half er auch bei diesem Kapitel.





Unsere Suche nach dem Ich beginnt an einem Ort, an dem es nicht ein einziges Ich gibt: in einem Ameisenhaufen. Ein Ameisenhaufen ist ein kunstvolles Bauwerk. Die Ameisen formen ihn wie einen Berg, so dass er von der Sonne gut beschienen wird. Damit der Regen nicht eindringt, bedecken sie ihn mit Tannennadeln. Dadurch kann das Wasser abfließen wie auf einem Ziegeldach. Im Inneren des Baus gibt es zahlreiche Kammern, die durch Gänge miteinander verbunden sind. Sogar mit einer Klimaanlage statten die Ameisen ihr Haus aus. Und mit einem Friedhof.

Viele hunderttausend Ameisen können in einem einzigen Ameisenbau leben. Alle wissen genau, was sie zu tun haben, und streiten sich nicht. Die kleineren Ameisen kümmern sich um den Nachwuchs. Sie füttern die Larven und tragen sie, wenn sie sich verpuppt haben, in eine Puppenstube. Die mittelgroßen Ameisen beschaffen Nahrung für das gesamte Volk und bessern das Nest aus, und die großen Ameisen verteidigen den Bau gegen Eindringlinge.

Wenn sich zwei Ameisen begegnen, können sie sich miteinander verständigen. Sie erkennen sich am Geruch und beklopfen sich mit ihren Fühlern. Wenn sie Nahrung gefunden haben, hinterlassen sie für ihre Kollegen Duftspuren. So finden die Ameisen zu ihrer Nahrungsquelle und wieder zurück ins Nest, selbst im Dunkeln. Ameisen können riechen, wo es Wasser gibt oder wo besonders viel Kohlendioxid in der Luft hängt. Sie schleppen Krümel, die größer sind als sie selbst, in ihren Bau und halten sich Blattläuse, um sie zu melken. Einige Arten finden sich in komplizierten Labyrinthen zurecht, andere töten eindringende Schlangen. Ameisen haben Fähigkeiten, von denen Menschen nur träumen können, doch das Einfachste von der Welt beherrschen sie nicht. Sie können nicht »Nein« sagen. Keine Ameise kommt auf die Idee und ruft: »Schluss mit dem blöden Krümelschleppen, ich geh jetzt in die nächste Honigbar und genehmige mir eine doppelte Portion.« Keine Ameise sagt: »Sorry, Kollegen, aber heute bin ich zu faul zum Hausbauen, ich lege mich noch eine Runde aufs Ohr.« Ameisen können nicht faul sein, sie können nicht darüber nachdenken, ob die Honigbar vielleicht interessanter ist als Krümelschleppen. Ameisen tun immer, was sie tun müssen. Sie folgen einem Programm, das in ihren Erbanlagen steckt. Sie haben Augen, Ohren und andere Sensoren, mit denen sie mehr Gerüche wahrnehmen können als wir. Ihr kleines Gehirn kann Tausende von Reizen verarbeiten und darauf reagieren. Zur richtigen Zeit schickt es die richtigen Befehle an die sechs kleinen Beine oder die Giftdrüse. Trotzdem fehlt den Ameisen etwas: Sie haben kein Ich. Sie wissen nicht, dass sie etwas Besonderes sind.

Damit kommen sie gut zurecht. Seit 130 Millionen Jahren leben Ameisen auf der Erde, und nie hat eine einzige Ameise je ein Ich vermisst. Alles, was sie wissen müssen, sagt ihnen ihr Programm: dass sie Nahrung brauchen, sich vermehren müssen, dass ein Käfer zu vertreiben ist, wenn er in den Bau eindringt, und natürlich auch, dass sie ihr Leben erhalten müssen. Doch das Leben selbst ist ihnen ganz egal. Wenn eine andere Ameise stirbt, sind sie nicht traurig und legen keine Blumen auf ihr Grab. Ameisen haben keine Angst zu sterben. Sie wissen nicht einmal, dass sie leben. Sie tun, was sie tun müssen.


FRAU OHNE ANGST

Der Nervenarzt Prof. Antonio R. Damasio beschreibt in seinem Buch »Ich fühle, also bin ich« eine Frau, in deren Gehirn eine bestimmte Region verkalkt ist. Diese Frau wusste nicht, was Angst ist. Sie war intelligent, eine gute Mutter und hatte viele Freunde. Doch weil sie keine Angst und kein Misstrauen kannte, wurde sie immer wieder von anderen Menschen ausgenutzt und enttäuscht.


Hilfe, ich habe ein Ich!

Auch Menschen tun, was sie tun müssen. Sie spüren Hunger und essen ein Brot, sie merken, dass die Blase drückt, und gehen aufs Klo, sie schlafen, wenn sie müde sind, und abends, beim Spaziergang durch eine dunkle Straße, bekommen sie Angst. Angst ist ein Gefühl, gegen das sich Menschen nicht wehren können, weil es in ihren Körper eingebaut ist. Angst können sie nicht abschalten. Aber sie können etwas, was Tiere nicht können. Menschen können sich sagen: »Ich habe zwar Angst, aber ich gehe trotzdem weiter.« Sie müssen ihrem Programm nicht folgen. Sie können tun, was sie tun wollen. Denn sie haben ein Ich.

Das Ich ist eine der seltsamsten Erfindungen der Natur. Fast alle Lebewesen der Erde müssen ohne Ich auskommen. Apfelbäume, Maulwürfe, Regenwürmer, Bakterien, Wellensittiche: Sie alle leben ohne das kleinste bisschen Ich. Außer dem Menschen gibt es nur noch ganz wenige Lebewesen, die über so etwas Ähnliches wie ein Ich verfügen. Es sind Schimpansen und Delphine. Doch keine andere Art hat so viel aus ihrem Ich gemacht wie der Mensch.

Mit ihrem Ich schreiben Menschen Romane, sie drehen Filme, erfinden Computerspiele und komponieren Symphonien. Sie fliegen zum Mond und bauen Atomkraftwerke. Sie lesen, schreiben, lernen und entdecken ständig Neues. Mit ihrem Ich haben sie die ganze Welt erobert. Trotzdem denken die Menschen selten über ihr Ich nach. »Hilfe, ich habe ein Ich!« Das sagt niemand. Die meisten Leute haben sich an ihr Ich gewöhnt und glauben, dass sie alles darüber wissen. Wenn einen jemand fragt,

dann sagt man: »Ich? Wer ich bin, willst du wissen? Das ist doch ganz einfach. Ich bin der Konrad.« Und das Rätsel ist gelöst. Andere sagen: »Ich bin der Niklas.« »Ich bin die Marlene.« »Ich bin die Sophie.« Und schon ist klar, wer all diese Iche sind.

Ist die Frage nach dem Ich damit wirklich gelöst? Ist das Ich einfach nur ein Name? Dann hätten die Kinder heute viele Iche, schließlich haben sie auch viele Namen. »Mäusezähnchen« zum Beispiel oder »Atze«. Das sind Spitznamen. Andere Kinder haben einen Namen fürs Internet: »netcat32@web. de«. Oder »pusteblume@gmx.net«. Es gibt sogar Leute, die ihren Namen ändern. Die deutsche Sängerin Sarah Lewe aus Delmenhorst beschloss eines Tages, sich »Sarah Connor« zu nennen, wie eine Figur aus einem Terminator-Film. Unter diesem Namen wurde sie berühmt. Andere Iche lassen ihren Namen auf dem Standesamt ändern, weil sie unter ihm leiden. Jemand, der »Helmut Hosenscheißer« heißt, darf einen anderen Namen annehmen. Auch den Namen »Hitler« muss niemand mehr tragen, weil alle Leute dann sofort an den schrecklichen

Diktator denken. Aber kann man auf dem Standesamt mit dem Namen auch sein Ich ändern?

Die Verbindung zwischen dem »Ich« und dem Namen ist wacklig, das merken wir, je länger wir darüber nachdenken. Und sie kann sogar ganz zerbrechen. Wir müssen uns nur daran erinnern, dass ab und zu Babys kurz nach der Geburt vertauscht werden. Ein Baby, das eigentlich »Lilly Luder« heißt, könnte plötzlich den Namen »Lisbeth Lautenschläger« bekommen, nur weil eine zerstreute Krankenschwester aus Versehen das falsche Schild ans Bettchen hängt. Sein ganzes Leben lang würde das vertauschte Baby denken: »Ich bin Lisbeth Lautenschläger.« Und nie würde das Kind erfahren, dass es eigentlich »Lilly Luder« heißt. Es könnte sich, anders als Sarah Connor oder Helmut Hosenscheißer, nicht einmal daran erinnern, wie sein erster Name war. Wäre das Ich des Kindes in Wirklichkeit Lisbeth? Oder doch Lilly?

Schon ist es passiert: Dinge, die zuerst ganz einfach erscheinen, werden kompliziert. Und je länger man über sie nachdenkt, desto rätselhafter werden sie. Das Ich ist schon jetzt ziemlich rätselhaft, aber es ist noch lange nicht rätselhaft genug. Deshalb ist es Zeit für ein Experiment.



Wer hat die Macht im Bein?

Für das Experiment wird ein kleiner Bruder, eine kleine Schwester, eine gute Freundin oder ein Freund benötigt. Wer auch immer es ist, er oder sie bekommt die Augen verbunden. Die Versuchsleiterin sagt: »Liebe Versuchsperson, bitte entspann dich, es geht um ein wissenschaftliches Experiment«, und dann kneift sie die Versuchsperson plötzlich sehr kräftig ins Bein. Manchen Versuchsleiterinnen fällt es schwer, ihre Versuchsperson zu kneifen. Sie sollten daran denken, dass für die Wissenschaft manchmal Opfer gebracht werden müssen.

Das Ergebnis des Experiments ist, dass die Versuchsperson einen deutlichen Schmerz fühlt und »Aua« sagt. Die Versuchsleiterin spürt dagegen nichts (außer Mitleid selbstverständlich). Sie beruhigt die Versuchsperson, bietet ihr einen Keks an und startet dann Runde zwei. Jetzt kneift die Versuchsleiterin in ihr eigenes Bein. Und zwar wieder kräftig. Ergebnis: »Aua«. Die Versuchsleiterin stellt fest: Wenn man sich selbst ins Bein kneift, ist es anders, als wenn man den kleinen Bruder ins Bein kneift. Es tut weh, weil das gekniffene Bein zu ihr gehört. Es ist mit ihrem Ich verbunden.

Das Experiment hat gezeigt, dass ein normales Ich bis an die Grenzen des Körpers reicht. Beine und Arme, Zehen und Finger, Bauch und Po: alles ist mit dem Ich verbunden. Ist das ich also einfach der Körper? Und das Rätsel gelöst? Natürlich nicht, denn das wäre immer noch viel zu einfach. Schließlich ist das Ich ein großes Rätsel und nicht ein kleines. Deshalb erinnern wir uns noch einmal an das zweite Experiment, bei dem die Versuchsleiterin das eigene Bein gekniffen hat, und stellen die Frage: Wer genau hat in diesem Fall das Bein der Versuchsleiterin gekniffen? Die Antwort ist einfach: Es war das Ich der Versuchsleiterin. Und damit wird die Sache kompliziert, denn wir haben jetzt ein Ich, das mehr ist als ein Bein und vor allen Dingen auch mächtiger ist als ein Bein. Jedenfalls kann es Beine und andere Körperteile kneifen, während andererseits noch nie ein Bein oder ein anderes Körperteil beobachtet wurde, das sein Ich gekniffen hätte.

Was ist das für ein Ich? Versuchen wir einmal, uns ganz stark auf unser Ich zu konzentrieren. Wir betrachten unsere Finger, bewegen sie und stellen wahrscheinlich als Erstes fest, dass unser Ich mit unseren Augen verbunden ist. Doch dann schließen wir die Augen ganz fest, konzentrieren uns wieder aufs Ich und fühlen: Wir sind es immer noch, das Ich gibt es auch ohne Augen. Wir können nicht genau sagen, wo unser Ich steckt, aber wir haben das Gefühl, als würde es irgendwie in unserem Kopf herumgeistern wie ein kleines Gespenst.



Wohnt das Ich im Gehirn?

Tatsächlich braucht ein Ich auch einen Kopf, genauer gesagt: ein Gehirn. Menschen, deren Gehirn zerstört ist, wissen nicht mehr, dass es sie gibt, sie haben kein Ich mehr. Muss man sich also nur das Gehirn gut anschauen, wenn man etwas über das Ich lernen will? Einige Hirnforscher glauben das. Sie sind davon überzeugt, dass man herausfinden kann, was es mit dem Ich auf sich hat, wenn man die Vorgänge im Hirn studiert. Tatsächlich wissen die Forscher schon eine ganze Menge darüber, was im Gehirn passiert, wie es Geräusche verarbeitet und Bilder, wie die Erinnerung funktioniert, wie es die Bewegung der Arme und Beine steuert und sogar, wie es denkt.


Die Hirnforscher untersuchen das Gehirn ungefähr so, wie man einen besonders komplizierten Computer studiert. Es interessiert sie, wie im Körper Daten verschickt und wo diese Daten gespeichert werden. Tatsächlich sind das Herz, der Magen, die Muskeln, die Sinne und die anderen Organe mit dem Gehirn verbunden wie mit einem zentralen Rechner und schicken ihm ständig Nachrichten. Die Nachrichten werden im Gehirn empfangen und verarbeitet. Melden beispielsweise die Augen: »Kleines graues Etwas mit Fell wird größer« und das Ohr: »Etwas schnurrt«, dann sorgt das Gehirn dafür, dass diese beiden verschiedenen Botschaften im Nu verbunden werden. Winzige elektrische Ströme rasen dabei durch die Nervenzellen, hüpfen von einer zur anderen. Bis schließlich die Hand die Katze krault.

Die Nervenzellen sind die Arbeiter in unserem Gehirn. Es gibt Milliarden von ihnen, die so dicht zusammengepackt sind und so winzig, dass sie wie eine große feste wulstige Masse aussehen. Um die ganze Arbeit zu schaffen, haben sich die Nervenzellen in Teams zusammengeschlossen. Die Hirnforscher können heute ziemlich genau sagen, welche Teams in welchem Bereich des Gehirns für das Hören, welche für das Sehen, welche für das Gedächtnis und welche für andere Aufgaben zuständig sind. Wenn ein Mensch nichts sehen kann, obwohl seine Augen einwandfrei funktionieren, können die Forscher sagen, wo in seinem Gehirn ein Schaden aufgetreten ist. Es gibt Menschen, die sich Dinge nur noch für dreißig Sekunden merken können, weil eine Hirnregion gestört ist. Wenn sie ein Zimmer verlassen, wissen sie schon nicht mehr, wer darin gesessen hat. Solche Krankheiten entstehen, weil im Gehirn Blut ausgetreten ist oder ein Tumor sich ausgebreitet hat.

Könnte es sein, dass es auch ein paar Teams im Hirn gibt, die das Ich machen? Und dass es eine Region gibt, in der spezielle Ich-Informationen gespeichert sind? Um das herauszufinden, messen die Forscher mit raffinierten Methoden, welche Teams bei welcher Aufgabe aktiv sind und wie die unzähligen elektrischen Ströme in unserem Gehirn von einem Ende zum anderen flitzen. Eines Tages, so hoffen sie, werden sie verstehen, wie das Gehirn mit all den herumflitzenden Energieströmen ein Ich baut. Aber wie müssen wir uns dieses Ich dann vorstellen? Werden wir vor einem Computer-Monitor stehen mit vielen Zahlen und bunten Diagrammen darauf, und ein Wissenschaftler sagt uns: »Das ist dein Ich.«?

Das ist keine wirklich gute Vorstellung. Aber sie führt zu einer anderen, sehr wichtigen Frage: Kann man überhaupt etwas über das Ich herausfinden, wenn man sich das menschliche Gehirn anschaut und elektrische Ströme misst? Ist es nicht das Gleiche, als würde man in einem besonders raffinierten Super-Roboter nach dem Ich schauen?

Über Fragen wie diese denken Philosophen nach. Vor 2400 Jahren hat Platon, einer der wichtigsten Philosophen, der je gelebt hat, das Buch »Phaidon« geschrieben. Er erzählt darin, wie Sokrates, sein Lehrer, im Gefängnis sitzt. Seine Freunde fragen sich, warum er nicht flieht. Sokrates gibt zwei Antworten. Einerseits bleibt er in seiner Zelle sitzen, weil seine Knochen und Sehnen sich nicht bewegen und seinen Körper nicht hinausbefördern. Es ist also sein Körper, der ihn in der Zelle hält. Andererseits aber bleibt er im Gefängnis, weil er gar nicht fliehen will. Er sei vom Staat verurteilt worden, im Gefängnis zu sitzen, sagt er, und er wolle die Gesetze des Staates befolgen. Also ist es sein Wille, der ihn an der Flucht hindert.

Beide Antworten stimmen. Tatsächlich flieht Sokrates nicht, weil seine Beine sich nicht bewegen, die Muskeln sich nicht spannen und die Sehnen die Knochen nicht anziehen. Doch eine gute Antwort auf die Frage nach der Flucht ist das nicht gerade. Dann könnte man ja auch die Frage, warum der Lehrer einem in der Klassenarbeit eine Sechs gibt, so beantworten: weil seine Finger einen runden Kringel mit einem Häkchen unter die Arbeit malen. Das Problem mit diesen Antworten ist, dass sie nur den Körper von Sokrates und dem Lehrer betreffen, und nicht seinen Geist.

Auch auf die Frage: »Warum bin ich Ich?« könnte man eine solche einfache Antwort geben. Man könnte sagen: »Du bist ein Ich, weil in deinem Gehirn eine Menge elektrischer Ströme zwischen verschiedenen Bereichen fließen und eine Vorstellung erzeugen, die du >Ich< nennst.« Dieser Satz ist zweifellos richtig: Ohne die Aktivitäten unseres Gehirns könnten wir nicht denken, nicht sprechen und nicht einmal träumen vom Ich.

Doch wüssten wir dann mehr über unser Ich? Viele Philosophen sind davon überzeugt, dass man mit dem Betrachten von Gehirnströmen das Ich nicht erklären kann. Für sie ist das Ich etwas viel Tieferes.




LERNEN, WENN MAN JUNG IST

Mit elf oder zwölf Jahren, wenn Kinder in die Kinder-Uni gehen, ist ihr Gehirn auf Neuigkeiten besonders gut vorbereitet. Jede Nervenzelle in ihrem Gehirn ist dann mit etwa 50000 anderen Nervenzellen verbunden. In den folgenden Jahren werden die Verbindungen, die nicht benötigt werden, wieder gekappt. Die Nervenzellen von Erwachsenen sind nur noch mit 10000 anderen Zellen verbunden.




Was haben uns rosa Sonnenbrillen zu sagen?

Gute Philosophen erkennt man daran, dass sie gute Fragen stellen. Fragen, die mit Warum anfangen. Viele Kinder sind deshalb ziemlich gut in Philosophie. Sie haben eine Menge Warum-Fragen auf Lager.

Guten Philosophen und klugen Kindern fällt immer etwas auf. Ständig fangen sie an zu grübeln, was es wohl bedeuten könnte. Sie setzen zum Beispiel eine rosa Sonnenbrille auf und sehen alles rosa. Schon fragen sie sich, wie es wäre, wenn sie mit einer rosa Augenlinse geboren wären. Die ganze Welt wäre dann rosa, aber sie wüssten es nicht, weil sie die normale Welt gar nicht kennen. Und dann fragen sie sich: Haben wir vielleicht schon alle rosa Augenlinsen und merken es nicht? Und die Welt ist ganz anders, als wir sie sehen?

Die ersten Philosophen, von denen wir wissen, haben sich diese Fragen vor 2 600 Jahren gestellt. Sie wollten wissen, wie die Welt wirklich ist, woraus sie tief in ihrem Innersten besteht. Aus Wasser, meinte einer. Aus Feuer ein anderer. Heute ist klar, dass diese Antworten nicht richtig sind. Aber die Fragen sind immer noch aktuell. Die Frage nach der Welt und woraus sie besteht und die Frage nach dem Menschen mit seinem Ich, der über diese Welt nachdenkt. Das »Ich« oder das »Selbstbewusstsein« sind Begriffe, mit denen sich die Philosophen beschäftigen, genau wie mit Seele, Gerechtigkeit oder Vernunft. Fragen nach der Seele, der Vernunft oder dem Ich lassen sich nicht so einfach beantworten wie die Frage nach der Uhrzeit. Auf philosophische Fragen gibt es immer viele Antworten, und welche die richtigen sind, kann man nicht mit einem Experiment und einem Metermaß herausfinden.

Es gibt eine lustige Geschichte von dem Philosophen John Perry, der in einem Supermarkt plötzlich eine Zuckerspur entdeckt. Da hat wohl jemand ein Paket Zucker mit einem Loch erwischt, denkt er und macht sich auf die Suche nach dem Kunden. Er folgt der Spur um das Regal herum und stellt fest, dass sie breiter wird. Er folgt der Spur noch mal um das Regal herum und merkt, dass die Spur noch breiter wird. So dreht er ein paar Runden, bis er plötzlich entdeckt: »Das bin ja ich! Ich selbst bin der Kunde mit dem zerrissenen Paket.«

Normalerweise weiß der Philosoph Perry natürlich, dass er der Philosoph Perry ist. Doch im Super-markt erkennt er sich plötzlich nicht mehr, weil er nur eine Zuckerspur sieht, eine Spur, die er zwar verursacht hat, die er aber nicht selbst ist. Man könnte fast sagen, dass sich die Zuckerspur zwischen ihm und seinem Ich befindet. Es braucht deshalb ein bisschen Zeit, bis er erkennt, dass er selbst die Zuckerspur gelegt hat und die Verbindung zu sich selbst wieder herstellen kann.

Der Philosoph Manfred Frank glaubt, dass Menschen von ihrem Ich ganz direkt wissen müssen, damit sie eine Zuckerspur oder ihr Bild im Spiegel auf sich beziehen können. Das Ich liegt vor allen Erscheinungen. Wer nicht ganz unmittelbar von sich weiß, kann jahrelang in einen Spiegel schauen und wird nie darauf kommen, dass die Figur darin er selbst ist. Hätte der Philosoph Perry nicht von sich gewusst, hätte er viele Runden um das Regel drehen müssen. Nur sein Ich rettete ihn vor dem Kreislaufkollaps.

Natürlich fühlt man sich manchmal, als sei das Ich auch etwas, was man anfassen kann, etwas, was hübsch oder hässlich ist, wächst oder schrumpft. Zum Beispiel wenn man wegen einer eingeworfenen Glasscheibe zur Direktorin muss oder wenn einem bei der Klassenarbeit partout nicht einfällt, wie bei einer Pflanze die Photosynthese funktioniert. Da hat man das Gefühl, als würde das Ich ganz schön klein werden oder sich sogar in einen längeren Urlaub verabschieden. In Wahrheit aber hat dieses Gefühl mit dem wirklichen Ich nichts zu tun. Was in solchen Fällen schrumpft, ist nur der Mut und die große Klappe, nicht das Ich.



Das Ich im Spiegel

Kleine Babys kennen ihr Ich noch nicht. Sie können zwischen sich und ihrer Umwelt noch nicht genau unterscheiden. Die Brust der Mutter oder der Arm des Vaters gehören genauso zu ihnen wie ihr Daumen. Erst wenn die Kinder ungefähr zwei Jahre alt sind, erkennen sie, dass sie etwas Besonderes sind, dass sie einen eigenen Körper haben mit Grenzen nach außen. Eltern sind immer mächtig stolz, wenn ihre Kinder gehen oder sprechen können. Dabei ist es eigentlich viel wichtiger, wenn Kinder sich selbst erkennen.

Ob ein Kind ein Ich hat, weiß man, wenn es vor einem Spiegel steht. Ein Kind, das schon von seinem Ich weiß, sieht das Bild darin und erkennt sich. Vielleicht hebt es den Arm und freut sich, dass sein Bild im Spiegel auch den Arm hebt. Oder es lächelt und betrachtet sein eigenes Lächeln. Viele Eltern bekommen gar nicht mit, wenn ihr Kind sich zum ersten Mal im Spiegel erkennt. Das ist kein Wunder. Denn das Ich schleicht sich heran wie ein Indianer: Plötzlich ist es da. Auch als Kind bemerkt man nicht, wie es näher kommt. Man lernt vielleicht, dass sich die eigene Haut anders anfühlt als die der Mutter, aus deren Bauch man gekommen ist. Man lernt, dass man sich plötzlich streiten muss mit der Mutter, wenn man etwas nicht bekommt. Und man lernt, dass man Hände hat, um die Dinge zu greifen, die man haben will. Aber was das alles mit dem Ich zu tun hat, weiß man als Kind noch nicht.


Wenn ein Mensch erst einmal weiß, dass er ein Ich ist, hat das eine große Bedeutung in seinem Leben. Er wird noch vieles lernen über die Welt, wird Freunde kennen lernen, traurig sein, Spaß haben und manchmal eins auf die Mütze bekommen. Er wird unterschiedliche Meinungen vertreten, mal laute Musik mögen, mal leise, mal Kakao zum Frühstück trinken, mal Kaffee. Aber bei all dem wird er immer von dem gleichen Ich begleitet. Es wird immer wissen, das bin ich, der da trinkt.

Kinder freuen sich, wenn sie ein neues Skateboard bekommen oder den neuen Harry-Potter-Band oder eine Barbie-Puppe. Über ihr Ich freuen sie sich komischerweise nicht besonders. Dabei verändert das Ich die ganze Welt. Man kann sogar sagen, dass die Welt in gewisser Weise erst da ist, seit es das Ich gibt.

Natürlich gab es auch in der Ich-losen Zeit schon Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge, es haben große Tiere kleine Tiere gejagt, Dinosaurier liefen über die Erde, gigantische Vulkane brachen aus, und ganze Kontinente machten sich auf die Reise übers Meer. Nur hat es niemand gewusst. Es gab keine Ichs, die sagen konnten: »Boah ey.« Oder: »Ist das schön!« Und dann ihren Fotoapparat holten, um das Dinobaby aufzunehmen. Die Welt war da, aber es hat niemanden interessiert. Das heißt: War sie eigentlich da?


AFFEN IM SPIEGEL


Nicht nur Menschen, auch Schimpansen und einige andere Affen können sich selbst im Spiegel erkennen. Dies fand der amerikanische Psychologe Gordon Gallup im Jahr 1969 heraus. Er malte einem betäubten Schimpansen einen roten Fleck auf die Stirn. Der Affe versuchte daraufhin, den Fleck mit Hilfe eines Spiegels zu entfernen. Er hatte erkannt, dass irr Spiegel nicht ein anderer Affe zu sehen war, sondern er selbst. Anders als Kinder erkennen Affen sich aber nicht in einem Videofilm. Ihr Ich reicht nicht über die Gegenwart hinaus.


Ist die Welt von Monstern gemacht?

Dass die Welt existiert, wissen wir nur, weil es uns gibt, weil wir ein Ich haben. Wir können die Welt fühlen und riechen, wir können sie sehen, auf ihr herumlaufen. Wir können uns an erfreuliche oder unerfreuliche Ereignisse erinnern. Aber was war eigentlich, bevor es uns gab? War da überhaupt was? Wir kennen Leute, die uns sagen: Es gab einmal einen Zweiten Weltkrieg, und da musste jemand, den du Großvater nennst, in den Krieg ziehen. Und jemand, den du Großmutter nennst, hat in Opladen gewohnt, Blümchenkleider genäht und ein Kind bekommen, das du heute Vater nennst.

Aber niemand kann dir sagen, ob das nicht alles geflunkert ist. Es könnte sein, dass die ganze Welt erst mit deiner Geburt angefangen hat. Opladen, Großvater, Großmutter und Vater, all das gab es vorher nicht. Und all das wird wieder aufhören, wenn du stirbst. Sie zeigen dir Fotos, auf denen Mutter und Vater vor dem Schiefen Turm in Pisa stehen und sagen, das war unsere erste Urlaubsreise, da hat Mama das kleine schwarze Kleid gekauft, das sie manchmal anzieht. Aber gab es diese Fotos wirklich schon vor deiner Geburt? Oder hat vielleicht ein Dämon das alles für dich erfunden? Und alles ist nur ein Traum? Es hilft nichts, wir sind jetzt mittendrin im Philosophieren. Und die Gedanken, die wir haben, sind ein bisschen unheimlich. So wie die Geschichte mit den rosa Sonnenbrillen und der Frage, ob nicht die Welt in Wahrheit ganz rosa ist. Tatsächlich müssen wir uns damit anfreunden, dass die Welt nicht genauso ist, wie wir sie sehen, hören oder fühlen. Im Kapitel über das Hören lernen wir, dass unsere Ohren bestimmte Schallwellen gar nicht hören können. Ultraschall-Laute, wie sie die Fledermäuse ausstoßen, entgehen uns. Auch unser Geruchssinn ist nicht gerade Spitze. Jeder Dackel riecht besser als wir.

Dass die Welt nicht so ist, wie unser Ich sie sieht, können wir auch im Kapitel über das Hören nachlesen. Dort steht, dass ein Laut gar nicht laut ist, sondern erst von unseren Ohren und unserem Gehirn zu einem Laut gemacht wird. Es ist, als ob unser Gehirn die Welt nachbaut, so wie ein Computerspiel. Es könnte sein, dass die Welt in Wahrheit ganz anders aussieht. Rosa. Oder Blau. Oder Gjsdakjfr (eine Farbe, die wir gar nicht kennen). Was wir Baum nennen, ist in Wahrheit flüssige Lakritze. Was wir Eltern nennen, sind nur zwei winzige weiße Kaninchen. Und Schokolade schmeckt in Wahrheit nach Hundekacke. Es könnte sogar sein, dass ein paar Monster uns an Computer angeschlossen haben und die Welt in unser Gehirn überspielen. So wie wir am Computer ein neues Programm laden. Schrecklich, oder?

Es gibt einen Philosophen, der hat über all diese schrecklichen Vorstellungen schon vor 400 Jahren gründlich nachgedacht. Er heißt Rene Descartes und zweifelte an allem. Der Himmel, die Luft, die Erde, die Farben, die Menschen. All das, meinte er, könne auch ein Traum sein. Descartes traute nicht einmal den Gesetzen der Mathematik. Ein böser Geist hätte uns einreden können, dass 2 plus 2 immer gleich 4 sei. »In Wahrheit« ergäben 2 plus 2 aber 7.

In unseren Ohren klingt das verrückt, aber wenn wir uns an unsere Träume erinnern, wissen wir, dass die Welt darin ganz anders funktionieren kann. Wir können von riesigen Mäusen gejagt werden oder wie Engel über einem Land schweben. Nichts ist unmöglich. Und deshalb dachte Descartes, dass auch die ganze Welt ein Trugbild sein könnte, ein Traum. Selbst unser eigener Körper kann uns täuschen, denn auch von ihm wissen wir nur über unsere Sinne. Aus unseren Träumen allerdings wachen wir morgens wieder auf. Und sehen, dass die Welt noch ziemlich genauso ist wie am Abend zuvor. Auf dem Boden im Kinderzimmer ist sogar noch der Kakao zu sehen, den wir am Tag vorher dort umgekippt haben.



Das Ich - ein Freund fürs Leben

Wenn wir aufwachen, kehrt das Ich zu uns zurück, das sich am Abend vorher, beim Einschlafen, schlagartig von uns verabschiedet hat. Das Einschlafen ist ein merkwürdiges Ereignis. Man liegt im Bett, denkt noch ein wenig nach über die Mathe-Hausaufgabe oder die Käsefüße des Nachbarjungen, und plötzlich ist man weg. Der Körper liegt da wie verlassen. Er dreht sich manchmal um, atmet und kann sich sogar kratzen, wenn es juckt, nur das Ich macht Pause. Niemand weiß bis heute, warum es so plötzlich abtaucht. Von einem Moment auf den anderen ist das Ich weg, und der Schläfer weiß nichts mehr von sich. Es ist kein Wunder, dass viele Kinder mit dem Einschlafen abends gern noch etwas warten. Wer will schon gern verschwinden? Trotzdem schlafen alle irgendwann ein. Und wachen morgens wieder auf, um festzustellen: Hurra, das Ich ist wieder da. Das Ich ist deshalb wie ein guter Freund, auf den wir uns verlassen können und der uns nie verlässt. Auch für Descartes war das Ich sehr beruhigend. Die Sinne können mich täuschen, dachte er, aber nicht das Ich. »Ich denke, also bin ich.« So heißt sein berühmter Spruch.

Wenn man den Philosophen Descartes liest, könnte man denken, dass die Menschen außer ihrem Ich nicht viel haben. Der Welt können sie nicht trauen. Den Farben nicht. Den Tönen nicht. Den eigenen Gefühlen nicht. Doch zum Glück ist die Welt, wenn man sich nicht gerade philosophische Gedanken darüber macht, genauso vertrauenswürdig wie unser Ich.

Ob die Welt in Wahrheit von Monstern in unser Hirn gesendet wird oder rosa ist, kann uns nämlich ganz egal sein. Ein Fußballtor, das von Monstern in unser Gehirn gefunkt wird, bleibt trotzdem ein Fußballtor, und wer das nicht glaubt, liegt schnell 0:1 zurück.

Für unser Ich ist die Welt gerade richtig. Und zwar mit allem Drum und Dran: mit Eltern und Freunden, mit Spaghetti-Eis und Skateboards, mit spannenden Büchern und guter Musik, mit Apfelbäumen, Maulwürfen und Ameisen. Unser Ich sorgt dafür, dass wir diese Welt genießen können, dass wir etwas von ihr haben. Die Ameisen wissen nicht, wie toll ihr Bau ist, wir wissen es. Das Beste am Ich ist aber, dass es noch andere Iche gibt. Es ist schön, mit Meerschweinchen und Hasen zu spielen oder mit Puppen zu reden. Aber natürlich ist es viel schöner, mit Freundinnen und Freunden zu plaudern oder abends dem Vater zuzuhören, wenn er eine Geschichte vorliest. Mit den anderen Ichen können wir reden, wir können uns verstehen, uns helfen, gemeinsame Pläne schmieden und Riesenspaß haben. Es wird nie langweilig.

Halt! Das stimmt nicht ganz. Manchmal wird es doch langweilig, aber dann können wir einfach noch ein paar mehr Iche treffen. Wir hören Musik, lesen Bücher, sehen Filme oder gucken schöne Bilder an. Was immer wir auch tun, es steckt fast immer mindestens ein Ich dahinter, das sich die Sache ausgedacht hat. Auch hinter diesem Kapitel steckt ein Ich. Und zwar eines, das zum Schluss noch eine Frage stellt. Eine Frage für alle, die später mal Philosoph werden wollen. Eine fiese Frage, und sie geht so: Wenn ich über mein Ich nachdenke, ist das Ich, das nachdenkt, dann ein anderes Ich als das Ich, über das nachgedacht wird?



Zeichnungen: Klaus Ensikat



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