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Autor: Mörike, Eduard / Jobst, Manfred.

Titel: Eduard Mörike: 'Septembermorgen'. Sehnsucht in der Kunst - Die Kunst der Sehnsucht.

Quelle: Marburger Forum. Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart, Heft 4, 2001. Im Internet: http://www.philosophia-online.de/mafo/heft2001-04/gedichte6.htm [01.04.2004]. Marburg 2001.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Manfred Jobst

Eduard Mörike: “Septembermorgen”
Sehnsucht in der Kunst –
Die Kunst der Sehnsucht

Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

Dieses kleine Gedicht von Eduard Mörike ist in Aussage und Form, im Zusammenspiel von beiden, ein vollkommenes Kunstgebilde, ein – mit Mörike selbst zu reden – “Kunstgebild der echten Art.” Und, fragt Mörike in einem Gedicht “Auf eine Lampe” weiter: “Wer achtet sein?” Für mich ist es ein Gedicht über Sehnsucht. Es enthält – in der Art, wie und im Sujet, von dem es spricht – ein Versprechen, löst es nicht und doch ein, hält es in der Schwebe.

In der Schwebe gehalten wird der “wenn”-Satz: “wenn der Schleier fällt”: Das ist zeitliche Folge (nach dem ‘Ruhen’, nach dem ‘Träumen’) und zeitliches Vorausgehen (vor dem Sichtbarwerden des ‘blauen Himmels’), Bedingung und Auflösung der Bedingung (‘wenn ... dann siehst du den blauen Himmel’), Konditionalsatz und Temporalsatz. Das Schwebende dieses Satzes wiederholt sich, setzt sich fort in einem stillschweigenden, unausgesprochenen und dennoch vorhandenen ‘aber’: “noch” ‘ruht die Welt im Nebel, ‘aber’ “bald” siehst du sie “unverstellt”. ‘Aber bald’ ist nun zwar ein ‘noch nicht’, zugleich ist es ein ‘jetzt’ durch die Präsenz der heraufbeschworenen Bilder vom fallenden Schleier, vom blauen Himmel, vom warmen Gold, in dem die Welt fließt. Und auch hier wieder das Schwebende in der leisen Spannung zwischen ‘gedämpft’ und ‘herbstkräftig’. In der Synästhesie beider Worte ist der ‘ganze’ Herbst dezent sinnlich da, mit seinen Farben, Düften, seinem Luftdruck, dem ‘Nebelschleier’ am Morgen, dem klaren, weiten, ‘unverstellten’ Blick am Nachmittag, eine zeitlose, schwebende Präsenz. Seine Eindringlichkeit und zugleich Sanftheit, Unaufdringlichkeit gewinnt das Herbstbild durch zwei – ‘gewöhnliche’ – (Herbst)Farben, die durch ‘leicht-gewichtige’ Nuancen (das ‘Blau’ des Himmels zeigt sich “unverstellt” – endlich darf der blaue Himmel ganz da sein! –, das ‘Gold’ ist ‘warm’, in dieses ‘warme Gold’ ist die Welt eingetaucht) aller Gewöhnlichkeit enthoben; gewinnt es durch das den Gefühlssinn ansprechende ‘warm’ und durch die die Natur vermenschlichenden Verben ‘ruhen’ und ‘träumen’, gewissermaßen klassische, deshalb altvertraute und ganz neue, eingängige, eindringliche und zugleich unaufdringliche Metaphern. Die Stimmung des Ruhigen, Schwebenden im gesamten Gedicht ist auch den Verben geschuldet: ‘ruhen’, ‘träumen’, ‘fließen’; auch ‘Fallen’ wird im Zusammenhang mit ‘Schleier’ eine ruhige, sanfte – schwebende – Bewegung. Die Präsenz und die Zeitlosigkeit des Bildes sind im letzten Wort im Gedicht nochmals verdichtet: “fließen” – kann beim ersten Hören, beim ersten Lesen als Präsens wahrgenommen werden; es ist aber ein Infinitiv, eine Form, die keine Zeit ausdrückt, die keiner Zeit zuzuordnen ist.

So wird durch Mörikes Kunst das Erleben des Septembermorgens ein zeitloses. Und so wird das (unausgesprochene) ‘aber’ vor dem dritten Vers ‘aber unter der Bedingung, dass ... siehst du bald’ – auch wieder aufgehoben, für das zeitlose Erleben eines Septembermorgens gibt es kein ‘aber’, gibt es keine Einschränkung, keine Bedingung. Und doch gehört es zur Bedingung, zur Bedingtheit menschlichen Lebens, zur conditio humana, dass jedem zeitlosen Erleben eines glücklichen Augenblicks ein ‘aber’ entgegensteht, zur Seite steht, ein ‘aber’, das die menschliche Sehnsucht nach einem glücklichen, erfüllten Augenblick mit leiser Trauer erfüllt, bereichert, ein ‘aber’, das die Sehnsucht wach hält, ein ‘aber’, das verhindert, dass menschliches Leben zum wohltemperierten, langweiligen, erstarrten wird, ein ‘aber’, das lebendiges ‘Fließen’ bewahrt.

Das ist für mich große Kunst, das Erscheinenlassen des erfüllten, geglückten Augenblicks wie das Aufzeigen des Utopischen, Unmöglichen im Glauben an die Möglichkeit eines solchen Augenblicks. Solche Spannung zeigt und hält Kunst aus.

Diese Kunst ist auch in der Form des Gedichtes aufbewahrt, von der – und nicht nur von den Inhalten – ich die ganze Zeit bereits gesprochen habe. Einen Spannungsbogen über drei Verse hinweg schlägt der Reim (“Wiesen” – “fließen”) und fügt zusammen, was (eigentlich) nicht zusammengehört: das ‘noch Träumen’ im Nebel und das ‘bald’ Sichtbarwerden des blauen Himmels, des goldenen Fließens der Welt. Im Gedicht gehört das Nicht-Zusammengehörige – fraglos, mühelos – zusammen. Das, was nach der Bedingung steht, ist – durch Mörikes Kunst und gegen die Logik der Grammatik – längst kein Bedingtes, kein bloß Gewünschtes, Herbeigesehntes mehr , es ist Gegenwart. Kunstvoll darin eingewoben ist ein weiterer Spannungsbogen: Ein Satz erstreckt sich von Vers drei bis Vers sechs (“Bald siehst du ... fließen”). Der Konditionalsatz, nur ein halber Vers innerhalb dieses vierversigen Satzgefüges, hebt, in einem Beiseite-Sprechen, sich selber auf. Und der natürliche, lebendige, fließende (Sprech-)Rhythmus der Verse erfordert gegen das feste metrische Gerüst des Jambus eine Betonung des Anfangs des zweiten, dritten und fünften Verses (“Noch.. Bald.. Herbst..”). Wieder entsteht, korrespondierend mit dem Inhalt, ein Spannungsbogen, spielt die Form mit dem und um den Inhalt.

Solche Korrespondenz gilt für den Gesamtaufbau. Zur Statik der ‘ruhenden Welt’ und des ‘Traumes’ von “Wald und Wiesen” gehört pro Vers jeweils ein einfacher Satz – der so ‘einfach’ nicht ist. In der Prosa des Alltags wären die einfachen Sätze: ‘Die Welt ruht noch im Nebel’ und ‘Wald und Wiesen träumen noch’. Mörikes Kunst nimmt den Subjekten das Gewicht, bringt die “Welt zur ‘Ruhe’, “Wald und Wiesen” zum ‘Träumen’ – zum Schweben. Mit dem Aufbruch zur ‘fließenden Welt’ verlassen wir die strenge Zuordnung von Vers und Satz; das Weiterfließen des Satzes von Vers fünf zu Vers sechs, das Enjambement, kündigt das ‘Fließen’ an, lässt es im Rhythmus (lesend, sprechend) körperlich spürbar werden.

Das – erst – ‘bald’ zu Sehende, wider die grammatikalische Vernunft schon Sichtbare, erhält mehr Raum (drei Verse), mehr Gewicht als das ‘Jetzt Noch’ (zwei Verse). Dazwischen steht die zu erfüllende, zugleich bereits erfüllte, ins Schweben gebrachte Bedingung. Der Vers, der diese Bedingung nennt, die Ankündigung enthält, das Versprechen einleitend formuliert, hat am Ende einen unreinen Reim (“fällt”); ein Rest von Unreinheit, ein ‘Nebelschleier’, schiebt sich ( ‘noch’) zwischen das Versprechen und dessen reine, ‘unverstellte’ Erfüllung. Dieser unreine Reim bürstet die Vollkommenheit des Kunstgebildes sanft gegen den Strich, bringt es selbst zum Schweben.

Ein Versprechen wird angekündigt, eingelöst und nicht eingelöst, wird in der Schwebe gehalten. Vielleicht beherrscht Sehnsucht die Kunst, die grammatikalische Vernunft des Konditionalsatzes zum Schweben zu bringen. Vielleicht ist Sehnsucht die Kunst, die Spannung zwischen dem ‘Noch’ und dem ‘Bald’, dem Noch-Nicht und dem Gewünschten aufzuheben, und vielleicht ist Kunst der Ort, Sehnsucht aufzuheben, in dem berühmten dreifachen Sinn von auflösen, auf eine andere Ebene heben und aufbewahren.

Und für einen Moment – zwischen “noch” und (‘aber’) “bald” – kann im Gedicht – mit Helmuth Plessner zu reden – unsere “konstitutive Gleichgewichtslosigkeit” in eine ‘kunstvolle’ Balance gebracht, kann unsere ‘konstitutive Heimatlosigkeit’ zur ‘seligen Fremde’ werden, die ‘utopischer Standort’ bleibt.

Das letzte Wort lasse ich Eduard Mörike – ein Vers aus seinem Gedicht “An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang”.

Es ist ein Augenblick, und alles wird verwehn!”

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