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Autor: Jung, Hans.

Titel: Der Weg zur wirkungsvollen Rede in der Öffentlichkeit.

Quelle: Hans Jung: Handbuch der kommunalen Redepraxis. Köln, 8. Aufl., 1994. S. 1-84.

Verlag: Kohlhammer Verlag.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Hans Jung

Der Weg zur wirkungsvollen Rede
in der Öffentlichkeit

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3

Wert und Bedeutung der Redekunst 3

Redner werden nicht geboren 5

Der Weg zum erfolgreichen Redner 7

Die Schule des Redners - ein 10-Punkte-Lernprogramm 9

Die Rede des leitenden Gemeindebeamten 11

2. Atem- und Sprechtechnik 12

Auch richtiges Atmen muß gelernt sein 12

Erst sprechen und dann reden lernen 14

Die Ausbildung der Stimme 18

Die Betonung in der öffentlichen Rede 19

Rhetorische Hilfs- und Darstellungsmittel 20

Die Überwindung der Redeangst 28

3. Vorbereitung der öffentlichen Rede 31

Sammlung und Ordnung des Redestoffes 31

Gliederung und Aufbau der Rede 34

Dispositionsschema für die Rede eines Gemeindebeamten vor der Gemeindevertretung über das Thema "Der Neubau unserer Volksschule" 42

Schriftliche Ausarbeitung, Stichwortzettel oder freie Rede 43

Redekonzept 45

Redetext 45

Redekonzept 45

Redetext 45

Gegenüberstellung von Stichwortkonzept und Redetext 47

Stichwortkonzept 47

Redetext 48

Schlußsätze 48

4. Der Redner in der Öffentlichkeit 48

Auftreten und Haltung des Redners 48

Anpassung an die räumlichen Verhältnisse 51

Das Verhältnis des Redners zu seinen Hörern 53

Ein kleines Kapitel Massenpsychologie 54

5. Arten der öffentlichen Rede 56

Die Rede im Gemeindeparlament 56

Die Festrede 59

Die Gelegenheitsrede 61

6. Versammlungsleitung und Diskussion 65

Die Leitung von Versammlungen und Sitzungen 65

Checkliste für den erfolgreichen Sitzungsleiter 73

Grundsätze und Formen der Diskussion 74

Die Diskussionsleitung 75

Der Diskussionsredner 80

Das Mitarbeitergespräch 88

7. Der erfolgreiche Redner 89

10 Goldene Regeln des erfolgreichen Redners 89

Checkliste für den erfolgreichen Redner 90

Die Fort- und Weiterbildung des Redners 92

1. Einleitung

Wert und Bedeutung der Redekunst

Nicht zu Unrecht spricht man von der Macht des Wortes. Das rechte Wort, das am rechten Ort und zur rechten Zeit den rechten Ausdruck findet, ist der Schlüssel zum Erfolg. Diese Erkenntnis hat schon der berühmte Humanist Erasmus von Rotterdam in einer beachtenswerten Lebensregel festgehalten: "Von der Zunge hängt des Menschen Würde und Glück ab."

Wer sich auf eine solide Bibelkenntnis berufen kann, wird sich sicherlich der bekannten Worte aus dem Johannes-Evangelium erinnern: "Am Anfang war das Wort." Und das Wort, das Sprache und Rede formt, blieb durch Jahrhunderte hindurch die bewegende Kraft im Leben und in der Entwicklung der Menschheit. So galt in der antiken Welt die Beherrschung der Redekunst als Ausdruck der Kunst und der Kultur schlechthin, als die "allerumfassendste Kunst". In den nachfolgenden Jahrhunderten blieb die überzeugende Kraft des Wortes und der Rede die Triebfeder der großen Ereignisse und Vorgänge, die im Buch der Geschichte verzeichnet sind. Wenn schon Jean Paul zu Beginn des 19. Jahrhunderts feststellen konnte, daß "die Stimme alle großen Revolutionen machte", so gilt dies um vieles mehr in der neueren Zeit der parlamentarisch-demokratischen Staatsformen, in der die politischen Machtkämpfe in der rednerischen Arena der Volksversammlungen ausgetragen werden. Hier ist das Wort unangefochten zur schärfsten und wirksamsten Waffe des politischen Geschehens geworden, zu einer Waffe der Regierung und Opposition. Denn die parlamentarische Regierungsform ist, um mit den Worten des englischen Historikers Macaulay zu sprechen, zu einer "Regierung durch die Rede" geworden.

Wer jedoch die Macht des Wortes zu erfassen sucht, braucht nicht auf historische Vorgänge und Vorbilder zurückzugreifen. Noch viel mehr und viel anschaulicher wird sie sichtbar im politischen, öffentlichen, gesellschaftlichen und auch im privaten Leben der Gegenwart. Denn das gesprochene Wort lebt mit uns, es begleitet uns bei all den großen und kleinen Ereignissen unserer Zeit. Es ist ein sicherer und unbestechlicher Maßstab der Persönlichkeit.

Wie gerne erinnern wir uns an einen guten Redner, der sich in einer parlamentarischen Redeschlacht, einer politischen Versammlung, einer Vereinsfeier oder aber in einer Werbeveranstaltung unserer Wirtschaftswunderzeit als ein Meister des Wortes erweist und mit der bezwingenden Kraft seiner Rede die ungeteilte Sympathie seiner Zuhörer erwirbt. Immer wieder ist es ein befriedigendes und beglückendes Erlebnis, eine überzeugende, vollendete und eindrucksvolle Rede auf sich wirken zu lassen. Eine solche Rede ruft Beachtung, Anerkennung und Bewunderung hervor. Wie langweilig und quälend empfinden wir dagegen einen Vortrag, dem es an diesen Eigenschaften mangelt und den wir ohne Befriedigung und ohne Gewinn über uns ergehen lassen müssen.

Vielleicht wird bei dieser Gelegenheit mancher von uns an seine eigenen rhetorischen Gehversuche erinnert, die einen mehr oder minder mißglückten Verlauf nahmen, an die langen und mühevollen Stunden der Vorbereitung, an die quälende Sorge des "Nichtreden-könnens", an das bedrückende Gefühl beim Gang an das Rednerpult, an die Angst, steckenzubleiben, an den Katzenjammer" nach dem rednerischen Debüt, gerade die schönsten und wichtigsten Stellen der wohlvorbereiteten und auswendig gelernten Rede vergessen zu haben, und an die entmutigende Erkenntnis, daß der Erfolg deshalb versagt geblieben ist, weil man zur richtigen Zeit nicht das richtige Wort und das richtige Verhältnis zu dem Hörerkreis gefunden hat.

Diese und ähnliche Erlebnisse positiver und negativer Art zeigen uns immer wieder den Wert und die Bedeutung des Redenkönnens. Wer im öffentlichen Leben steht, kann auf die Dauer nur dann Erfolg haben, wenn er seine Meinung im entscheidenden Augenblick frei und überzeugend vor der Öffentlichkeit zu vertreten vermag. Nichts sichert uns mehr das Vertrauen und die Anerkennung unserer Mitmenschen als die Fähigkeit, wirksam und eindrucksvoll reden zu können. Denn das rechte Wort ist immer eine Brücke von Mensch zu Mensch.

Diese Brücke kann nicht nur durch die Rede in der Öffentlichkeit, sondern in gleicher Weise auch bei all den mannigfachen Begebenheiten des täglichen Lebens geschlagen werden. Täglich gibt es Situationen und Vorkommnisse, die durch das rechte und treffende Wort gemeistert werden können. Man denke nur an die Begegnung mit einem Menschen, dem das Schicksal eine schwere Last aufgebürdet hat. Hier ist das ermutigende und trostreiche Wort oft ein wahres Heilmittel. Wer in einem Kreis weilt, in dem Zwietracht, persönliche Differenzen und Feindschaften bestehen, kann allein schon durch ein versöhnliches Wort Ordnung und Ausgleich schaffen. In gleicher Weise vermag ein geschicktes Wort des Lobes, der Anerkennung oder der Klarstellung all die Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten zu überwinden, die das Zusammenleben von Mensch zu Mensch erschweren. Diese täglich wiederkehrenden Begebenheiten des Lebens sind ein wirkliches und lohnendes Tätigkeitsfeld für den, der Wort und Rede beherrscht.

Schließlich hat die Beherrschung des Wortes und der Rede auch eine ideelle Seite. Sie schafft Selbstvertrauen, Ausgeglichenheit, Sicherheit und damit eine optimistische Lebensauffassung. Das Bewußtsein, reden zu können, beseitigt Hemmungen und Befangenheit und ebnet damit den Weg zu einer in sich ausgeglichenen und gefestigten Persönlichkeit, die den Anforderungen des Lebens gewachsen ist und sich auf Grund ihrer natürlichen Überlegenheit in allen Situationen des Lebens zu behaupten vermag. So hat der stolze Ausspruch Quintilians, eines der großen Redner Roms, bis in unsere Zeit uneingeschränkte Geltung behalten: "Nur der Redner ist der wahre Mensch."

Redner werden nicht geboren

Nach der Lektüre der vorstehenden Ausführungen über den Wert und die Bedeutung des Redenkönnens wird vielleicht mancher Leser- mit einer gewissen Resignation feststellen: Eine solch bewundernswerte Kunst ist doch nur den Menschen zugänglich, die von Natur aus mit einer Rednergabe ausgestattet sind. Denn reden kann nur der, der dazu veranlagt ist. Da mich jedoch die Natur insoweit etwas stiefmütterlich behandelt hat, wird mir diese Gabe und damit auch der mit Hilfe der Redekunst zu erzielende Lebenserfolg für alle Zeiten verschlossen bleiben.

Dieser Pessimismus und das daraus abgeleitete untätige Verharren im Nicht-reden-können sind, das muß mit allem Nachdruck gesagt werden, unbegründet. Denn Reden ist erlernbar. Das haben bereits die alten Römer erkannt. "Poeta nascitur, orator fit." (Ein Dichter wird geboren, ein Redner dagegen wird gemacht.)

Zwar wird kaum jemand ohne ein naturgegebenes Redetalent allein durch Üben und Lernen in die Phalanx der großen Volksredner aufrücken. Aber der Weg zu einem freien und überzeugenden Redner, der den Anforderungen des Lebens genügt, steht jedem offen, der sich ernsthaft und strebend bemüht. Mit der Fähigkeit des Redens hat es die gleiche Bewandtnis wie mit allen anderen Fähigkeiten, die wir im Leben erwerben. Jeder trägt den Keim und die natürliche Veranlagung in sich. Dieser Keim muß nur entfaltet, gehegt und gepflegt werden, wenn aus ihm ein vollkommenes Gebilde werden soll. So verhält es sich mit der Sprache, die aus der naturgegebenen Anlage des Sprechenkönnens im Laufe der Jahre durch entsprechende Unterrichtung erlangt, beherrscht und vervollkommnet wird. Und so verhält es sich auch mit der Rede, dem Grad besonderer Vollkommenheit im Sprachgebrauch.

Damit kann allen Zaghaften und Unentschlossenen zugerufen werden: "Die Kunst der Rede, das heißt die Kunst, das Notwendige im richtigen Augenblick zu sagen, ist kein Privileg besonders Redebegabter. Wer reden will, kann es auch erlernen."

Die Rede ist auch kein Vorrecht solcher Menschen, die mit einem besonderen Maß von Intelligenz oder Wissen ausgestattet sind. Es gibt Wissenschaftler und Forscher, die Jahre hindurch hinter Büchern gesessen, studiert und sich mit Wissen beladen haben. Wenn sie jedoch einmal vor einem größeren Zuhörerkreis sprechen sollen, scheitern sie kläglich trotz ihres aufgespeicherten Wissens und bestätigen damit den Ausspruch Peter Roseggers:

"Wissen ist Macht,
Wie schief gedacht,
Wissen ist wenig,
Können ist König."

Dieses Können, das allein zu überzeugen vermag und die Grundlage der freien Rede bildet, kann jeder erwerben, gleich ob Handwerker, Beamter, Angestellter oder Arbeiter. So kommt es auch nicht von ungefähr, daß es eine ganze Reihe bekannter und berühmter Redner gibt, die keine wissenschaftliche Vorbildung aufweisen können. Man denke nur an Demosthenes und August Bebel. Die Erkenntnis, daß das Reden erlernbar ist, findet schließlich eine Bestätigung in den zahlreichen Rednerschulen, die es zu allen Zeiten gegeben hat. Schon die Antike kannte Rednerschulen, deren Ruf noch in unserer Zeit lebendig ist. Auch im Mittelalter finden wir die Rhetorik als ein besonderes Lehrfach, das insbesondere in der Schule der Jesuiten gepflegt wurde. In jüngster Zeit sind es die Parteien und Gewerkschaften, die in eigenen Rednerschulen ihren Mitgliedern und Funktionären das Rüstzeug für die praktische Rednertätigkeit vermitteln. Auch unsere Volkshochschulen bemühen sich mit zunehmendem Erfolg um die rhetorische Ausbildung ihrer Hörer, die leider in unseren Schulen und Universitäten noch immer vernachlässigt wird.

Der Weg zum erfolgreichen Redner

Die Feststellung, daß die Kunst der Rede erlernbar ist, wirft zwangsläufig die Frage auf, welcher Weg den werdenden und erfolgsuchenden Redner zum Ziele führt. Es mag vorweggenommen werden und nicht entmutigen, daß der Weg zum erfolgreichen Redner recht mühevoll ist und oftmals erst auf Umwegen zum Ziel gelangt. Aber aller Anfang ist schwer, und kein Erfolg ist ohne Mühe. Selbst die bedeutendsten Redner unserer Zeit waren keine geborenen Redner. Sie sind es erst geworden. Winston Churchill war in jungen Jahren alles andere als ein guter Redner, Charles de Gaulle arbeitete jahrelang an seinen Reden und seiner Ausdrucksfähigkeit, und François Mitterrand hat wegen seines Lampenfiebers die mündliche Abiturprüfung nicht bestanden.

Kaum jemand wird sich heute noch der Mühen und Strapazen unterziehen, denen sich der große Redner Demosthenes zur Vervollkommnung seiner rhetorischen Fähigkeiten unterwarf. Um seine Stimme zu kräftigen, ging er zum Meer und sprach im Brausen der Meeresbrandung. Um seine Atemkraft zu erhöhen, marschierte er stundenlang bergauf. Um sich das angewöhnte Zucken mit den Schultern abzugewöhnen, stellte er sich mit nackten Schultern unter zwei Schwerter. Um der einseitigen Brustatmung entgegenzuwirken, beschwerte er seine Brust mit Bleiplatten. Um sich das Lispeln abzugewöhnen, sprach er täglich mit einem Kieselstein im Mund. Und gefragt, was die wichtigste Übung für einen Redner sei, antwortete er ohne Zögern: Der Vortrag, der Vortrag und nochmals der Vortrag.

Diese außergewöhnliche und auch recht strapaziöse Übungsmethode kann dem werdenden Redner ebensowenig als Geheimrezept empfohlen werden wie die Fülle der Redelehrgänge und Redeanleitungen, die im Laufe der Jahre und Jahrhunderte erschienen sind. Und doch läßt sich aus den zahllosen Übungsmöglichkeiten und Ratschlägen eine Reihe von wertvollen Hinweisen und Anleitungen entnehmen, die gewissermaßen als Wegweiser den Weg zum erfolgreichen Redner markieren und zu dem erstrebten Ziele hinführen.

  1. Die Rede ist ein Ausdruck der gereiften und in sich ausgeglichenen Persönlichkeit, die in der Rede hörbar und sichtbar wird. Für den Redner ist es daher unerläßlich, den inneren Gleichgewichtszustand herzustellen. Eine solche gefestigte Persönlichkeit darf weder Erregungszustände noch Minderwertigkeitskomplexe aufkommen lassen. Sie müssen durch die innere Ruhe, das Selbstvertrauen und die Überzeugung, den Anforderungen des täglichen Lebens gewachsen zu sein, abgelöst werden. Dadurch schaffen Sie einen rhetorischen Bereitschaftszustand, der Selbstwertgefühle vermittelt und Konfliktsituationen vermeidet.

  2. Die Ausbildung zum Redner beginnt mit der genauen Beobachtung und Kritik anderer Redner. Eine solche Beobachtung läßt die Fehler und die nachahmenswerten Vorzüge eines Redners erkennen und für die eigene Bildungspraxis verwerten. Die kritische Analyse anderer Redner und ihres Auftretens ist immer ein nützlicher Anschauungsunterricht, zumal er nur Aufmerksamkeit und keine Kosten erfordert.

  3. Nach Möglichkeit sollte der Redebeflissene an einem Redekursus teilnehmen, wie er bei nahezu allen Volkshochschulen durchgeführt wird. Auch kann man sich im Kreise Gleichgesinnter und an der führenden Hand eines erfahrenen Kursleiters am einfachsten die für die Rede erforderlichen Grundlagen erarbeiten und all die Hemmungen ablegen, die das Auftreten in der Öffentlichkeit erschweren.

  4. Erst muß man sprechen und dann reden lernen. Diese Forderung kann nicht mit dem Hinweis auf die alltägliche Umgangssprache ausgeräumt werden. Die wirkungsvolle Rede erfordert eine klare, verständliche und entschiedene Ausdrucksweise. Lese und Sprechübungen sind für den werdenden Redner unerläßlich.

  5. Die Aussprache muß so oft als möglich kontrolliert, und bestehende Mängel müssen ausgemerzt werden. Eine unbestechliche Selbstkontrolle garantiert die Verwendung des Tonbandes. Auch das Zuhören eines Freundes leistet wertvolle Hilfe, wenn man nicht seine Ehefrau mit dieser kleinen Sonderaufgabe betrauen will.

  6. Die Gelegenheit zu Diskussionsübungen ist unter allen Umständen wahrzunehmen. Solche Diskussionen ermöglichen die ersten Gehversuche des werdenden Redners.

  7. Sobald sich eine Gelegenheit dazu bietet, sollte man mit einer kleinen Ansprache im Familien- oder Freundeskreis den Übergang zur freien Rede wagen. Mit der Ablegung dieser "geistigen Mutprobe" ist oft der entscheidende Schritt zur Überwindung der bestehenden Redehemmungen getan. Rhetorische Trockenübungen reichen für den erfolgsuchenden Redner nicht aus.

  8. Üben und immer wieder üben. Die rednerische Leistung, die später überzeugen soll, muß in allen Einzelheiten geübt, vorbereitet und erarbeitet werden.

  9. Nicht entmutigen lassen. Auch aus Fehlschlägen und Mißerfolgen kann man lernen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Entscheidend ist, daß man rechtzeitig anfängt und nicht zu früh müde wird.

  10. Der werdende Redner muß immer das Ziel im Auge behalten, die Grundsätze der Redekunst zu praktizieren und seinen Worten kraftvolle Überzeugung zu geben. Der Entschluß, reden zu lernen, und die ersten rhetorischen Gehversuche, für die im folgenden Abschnitt ein bewährtes 10-Punkte-Lern-Programm vorgestellt wird (vgl. dazu auch Lemmermann aaO. S. 20 ff.), müssen daher durch eine ständige Motivation und Selbstkontrolle ergänzt und vertieft werden. Nur wer ständig an sich arbeitet, vorhandene Schwachstellen beseitigt und das Erlernte in seiner praktischen Wirkung überprüft, wird am Rednerpult und am Verhandlungstisch überzeugen und gewinnen.

Die Schule des Redners – ein 10-Punkte-Lernprogramm

  1. Am Anfang steht die einfachste rhetorische Übung: Das Ablesen eines kurzen, unkomplizierten Textes aus einer Zeitung vor der "vorgestellten" Hörerschaft. (Auch die Bild-Zeitung schadet dabei nicht!).

  2. Es folgt die Inhaltswiedergabe des gelesenen Textes mit eigenen Worten.

  3. Das Sprechdenken, das gewissermaßen in Form des lauten Denkens die eigenen Überlegungen zu dem gelesenen Text wiedergibt. L'idee vient en parlant, sagt treffend ein französisches Sprichwort. Dieses Sprechdenken ist der Ansatz zu einer eigenen Gedankenproduktion, die zum freien Sprechen überleitet.

  4. Eine kurze Erzählung von maximal drei Minuten über ein bekanntes Ereignis oder Erlebnis.

  5. Ein kurzer Sachbericht hat die gleiche Zielrichtung: Einige Sätze in ruhigem, gleichmäßigem Redefluß bedeuten schon einen großen Fortschritt und dienen der Kontrolle, ob und inwieweit wir einen Sachverhalt sprachlich einwandfrei und überzeugend formulieren können.

  6. Die Meinungsrede in Form einer kurzen "Miniatur-Rede" bildet den Übergang zur freien Rede. Von dem preußischen Feldmarschall von Schwerin wird berichtet, daß er jede Zusammenkunft seines Generalstabes mit einer solchen kleinen Redeübung eröffnete. Zu Beginn seiner Besprechungen hatte jeweils ein anderer Teilnehmer ein kleines Los zu ziehen, auf dem ein Redethema verzeichnet war. Nach einer kurzen Vorbereitung folgte sodann eine ebenso kurze Meinungsrede, um das Sprech- und Redevermögen zu schulen. Dieses preußische Vorbild ist so wirkungsvoll und überzeugend, daß es auch den bayerischen Lesern ohne Bedenken zur Nachahmung empfohlen werden kann.

  7. Das Rednerstudium, zu dem überall Gelegenheit und Möglichkeit gegeben ist. Ob im persönlichen Bereich, im beruflichen Leben oder im Fernsehen, immer begegnen uns Redner, deren Auftritt man kritisch unter die Lupe nehmen sollte. Was wird gesagt? Wie wird es gesagt? Ausstrahlung und Charme, Haltung und Bewegung, Sprache und Dialekt, Pausentechnik, Sprechtempo, Sicherheit oder Hemmungen, äußeres Auftreten, Wert und Inhalt der Rede sind es, die darüber entscheiden, ob der Redner ankommt, ob er sympathisch oder unsympathisch empfunden wird. Und genau so, wie Sie den fremden Redner der Kontrolle unterziehen und sein Auftreten bewerten, werden Sie bei Ihrem eigenen Auftritt vom Publikum kontrolliert und getestet. Mit dieser Übung werden nicht nur bisher nutzlos verlaufene Stunden, die wir bei Gesprächen und Reden verbringen mußten, sinnvoll und gewinnbringend ausgefüllt. Damit können wir auch ohne besonderen Zeitaufwand ein wichtiges Kapitel der rhetorischen Ausbildung absolvieren. Diese Möglichkeit, durch eine laufende Rednerkontrolle sich selbst fortzubilden, sollte sich kein Redner entgehen lassen. Schauen Sie dem Volk, dem Redner, Sprecher, Referenten und Vortragenden aufmerksam aufs Maul. Was Sie auch immer beobachten, Sie werden immer Einzelheiten feststellen können, die Sie in Ihrer eigenen rednerischen Praxis beachten oder besser lassen sollten. Diese Arbeit können Sie durch Anfertigung einer Checkliste, welche die wichtigsten Bewertungspunkte für positiv-negative Wirkungen enthält, noch wesentlich in ihrer Wirkung steigern.

    Dabei empfiehlt sich die Anwendung der sogenannten SS-Formel, die schlagwortartig das zusammenfaßt, worauf es bei der Rede und beim Redner ankommt Sprache. Substanz, Sprechstil, Sympathie und Schlagfertigkeit. Wer diese 5 S der Redekunst beachtet und beherrscht, braucht um den Erfolg seiner Rede nicht zu fürchten.

  8. Das Studium von Redeanalysen gibt dem Redebeflissenen nicht nur die Gewißheit, daß selbst beim Aufbau der größten Reden die rhetorischen Grundsätze beachtet und berücksichtigt werden, sondern zeigt auch mit oft eindrucksvoller Deutlichkeit, wie die rhetorischen Grundregeln wirkungsvoll und überzeugend in die Tat umgesetzt werden können.

  9. Die Teilnahme an Diskussionsveranstaltungen, die mehr sind als eine Art Klein-Rhetorik des Alltags. Die Diskussion ist und bleibt eine der wirksamsten Schulungsmöglichkeiten für den Redner.

  10. Der Entschluß zu einer kleinen Rede, für die sich im familiären und beruflichen Bereich mannigfache Möglichkeiten ergeben. Überall dort, wo ein paar passende Worte erwartet werden, sollte der werdende Redner nicht versäumen, das Gelernte unter Beweis zu stellen. Von der kleinen Gelegenheitsrede bis zum großen Redeauftritt ist der Weg oft weniger beschwerlich als die Anlaufphase zwischen Redeangst und Jungfernrede.

Wer sich diesem Lernprogramm unterzieht, wird recht bald feststellen können, welche Punkte für ihn abgehakt werden können und wo das weitere Studium einsetzen muß. Dieses Studium wird immer dann zum Ziele führen, wenn man sich nicht beirren läßt und zielstrebig weiterarbeitet. Wer zu schnell müde wird und sich entmutigen läßt, wird meist das Ziel verpassen und bei Diskussionen oder Redeschlachten seinen Gegnern das Feld überlassen müssen. Selbst Fehler, die am Anfang der Rednerschulung unvermeidbar und entschuldbar sind, geben keinen Anlaß zur Resignation. Hier gilt der treffende Satz des Philosophen Friedrich Theodor Vischer, mit dem er schon im 19. Jahrhundert seinen Rhetorikschülern Mut und Selbstvertrauen zugesprochen hat: "Es kommt auf ein paar Wärzchen nicht an, wenn nur der Satz rote Backen hat!" Der Selbsterlebnisprozeß führt immer zur Verhaltensverbesserung. Auch Fehler, vor denen kein Redner frei ist, sind nützlich und lehrreich.

Die Rede des leitenden Gemeindebeamten

"Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand", lautet ein altes und vielzitiertes Sprichwort. Ob dieses Sprichwort in allen Fällen zutrifft, wird sich schwerlich beweisen lassen, zumal zur Messung der Verstandes- und Geisteskräfte noch keine allgemein anerkannten Methoden entwickelt werden konnten. Wie dem auch sei, das vorgenannte Sprichwort läßt sich sicherlich nicht in der Weise variieren, daß derjenige, dem ein Amt verliehen wird, auch gleichzeitig mit der erforderlichen Redegabe ausgestattet ist. Das wird vornehmlich von all jenen Amtsträgern beklagt, die in der Öffentlichkeit auftreten, reden und repräsentieren müssen. Zu den mit einer solchen Bürde belasteten Amtsträgern gehören insbesondere die Bürgermeister, leitende Kommunalbeamte und Kommunalpolitiker, die während ihrer Amtszeit unausgesetzt im Kreuzfeuer der öffentlichen Meinung stehen.

Wenn es den Vertretern dieses Personenkreises der Fähigkeit, frei und überzeugend in der Öffentlichkeit zu reden, ermangelt, kann die vielbegehrte Würde eines solchen Amtes bald zu einer lästigen Bürde werden. Gerade deshalb ist es für den Bürgermeister, den Kommunalbeamten und den Kommunalpolitiker von grundsätzlicher Bedeutung, sich mit den Grundlagen der freien Rede und damit mit einer Tätigkeit vertraut zu machen, die mit seinem Amt untrennbar verbunden ist. Dies gilt um so mehr, als der Bürger gerade von seinem Bürgermeister oder dem leitenden Kommunalbeamten besondere Fähigkeiten, menschliche Wärme, Verständnis und Aufgeschlossenheit für die verschiedensten Wünsche und Interessen, Neutralität und umfassende Sachkenntnis, erwartet. Denn der leitende Gemeindebeamte soll ja auch nach außen hin bekunden, daß er wirklich der Meister der Bürger, das heißt der Beste oder zumindest einer der Besten aus dem großen Kreis der Bürger ist.

Die Skala der öffentlichen Verpflichtungen, die einem leitenden Kommunalbeamten oder Kommunalpolitiker obliegen, sind in aller Regel äußerst vielgestaltig. Sie beginnen mit der Leitung der Gemeinderatssitzungen, die besonderes Geschick, Verhandlungsführung und Wortgewandtheit erfordert. Bereits hier, im Widerstreit der politischen Kräfte, muß der im kommunalen Leben stehende Amtsträger immer wieder aufs neue beweisen, daß er durch die Macht des Wortes seine führende Position behaupten kann. In treffender Weise hat einmal ein rheinischer Bürgermeister in Abwandlung eines bekannten Bibelwortes darauf hingewiesen, daß das Leben eines Bürgermeisters zwölf Jahre währet, und wenn es köstlich war, dann war es Harmonie mit Stadtverordneten, Interessenvertretungen und der Presse. Und ob es wirklich köstlich war, darüber entscheidet in vielen Fällen die Kunst der Rede und des Wortes.

Mit der Leitung der Sitzungen und Ausschüsse der Gemeindevertretung ist jedoch die Redetätigkeit des Gemeindevorstandes keineswegs erschöpft. Sie führt in der heutigen Zeit der Tagungen und Kongresse über Diskussionsbeiträge und Grußworte bis zur großen Rede in Bürgerversammlungen, Vereinsfeiern und bei sonstigen öffentlichen Anlässen. Nicht zu reden von dem laufenden Amtsbetrieb, den großen und kleinen Rathaussorgen, die ständig eine kluge und vorsichtige Auswahl des Wortes und der Rede erfordern. Bei all diesen Begebenheiten steht der leitende Gemeindebeamte im Blickfeld der Öffentlichkeit. Und bei all diesen Begebenheiten ist seine Rede Maßstab und Ausgangspunkt der Kritik. Seine Rede ist nicht nur, wie es einmal ausgedrückt wurde, ein Werkzeug der Macht, das gemeinschaftsbildenden Wert besitzt. Sie ist auch gleichzeitig ein Bindeglied zu den einzelnen Bürgern der Gemeinde und den örtlichen und überörtlichen Institutionen. Damit diese Brücke von Mensch zu Mensch, von Behörde zu Behörde geschlagen werden kann, mögen Bürgermeister, Kommunalbeamte und Kommunalpolitiker in Ausübung ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit recht oft zu dem vorliegenden Leitfaden der Redekunst und den einzelnen Redebeispielen greifen.

2. Atem- und Sprechtechnik

Auch richtiges Atmen muß gelernt sein

"Sprechen ist, physiologisch gesehen, Ausatmen. Zweckmäßig sprechen heißt also zunächst: "Richtig atmen!" Dieser Satz von Erich Drach, einem der bekanntesten Sprecherzieher unserer Zeit, veranschaulicht die Notwendigkeit richtigen und zweckmäßigen Atmens für den Redner. Wer laut und ausdrucksvoll reden will, muß zunächst die Atemtechnik in ihren wichtigsten Grundzügen beherrschen. Denn jedes Wort und jeder Satz ist ein Erzeugnis des Atemvorganges, der Atem ist das Benzin der menschlichen Dynamik.

Ungeschulten Rednern bereitet die Ein- und Ausatmung während des Sprechens unverkennbare Schwierigkeiten. Die übliche Mundatmung trocknet die Kehle und führt zum rauhen und krächzenden Sprechen. Fehlerhafte Atemführung hat zwangsläufig ein unangenehmes und störendes Reden zur Folge, das den Fluß der Rede stört und an die Atemnot eines Asthmatikers erinnert. Die Kunst der Rede setzt deshalb zunächst richtiges Atmen voraus. Das erfordert einmal die sogenannte Nasenatmung die den Atmungsstrom auch bei längerem und lauterem Sprechen möglichst durch die Nase einleitet. Zum anderen aber auch die Ausbildung der Lungen durch die sogenannte Zwerchfellatmung, die allein eine volle Ausnutzung des Atmungssystems ermöglicht.

Die meisten Menschen begnügen sich mit der Brustatmung, bei der die Einatmung mit einer Hebung des Brustkorbes verbunden ist. Diese Atmungsweise läßt nur einen Teil der Lungen in Bewegung treten und ist für die freie Rede unzureichend.

Bei der Zwerchfellatmung erfolgt die Atmung durch ein Heben und Senken des Zwerchfelles, das die Brusthöhle und Bauchhöhle voneinander trennt. Diese Atmung ist äußerlich durch eine Bewegung des Brustkorbes erkennbar. Die Zwerchfellatmung, die von dem Grundsatz des kleinsten Kraftmaßes ausgeht, wird allein den Anforderungen der Rede gerecht. Sie gestattet durch eine volle Ausnützung der Lungen ein kunstgerechtes Atmen und eine Einhaltung der Atempausen, die nur dann eingelegt werden dürfen, wenn es der Sinn und Zusammenhang der Rede gestattet.

Um die durch die übliche Brustatmung verkümmerten Lungen wieder in vollem Umfange gebrauchsfähig zu machen, sind tägliche Atemübungen für den werdenden Redner unerläßlich. Bei diesen Übungen, die nach Möglichkeit am geöffneten Fenster vorgenommen werden sollten, gewöhne man sich an eine ruhige und tiefe Einatmung, indem man die Luft mehrere Male durch die Nase einströmen läßt und nach vollständigem Auffüllen der Lungen durch den geöffneten Mund ausatmet. Diese Atemübungen, die über mehrere Wochen ausgedehnt werden sollten, sind nicht nur eine notwendige Vorarbeit für die gute und wohlklingende Rede. Sie haben auch eine günstige Auswirkung auf den allgemeinen Gesundheitszustand, indem sie Herz und Kreislauf anregen und der inneren Erregung wirksam vorbeugen, wodurch die nachlässige und nervöse Sprechweise ;durch die Ruhe und Abgeklärtheit der ausgeglichenen Persönlichkeit gelöst wird.

Atemübungen sind deshalb in doppelter Hinsicht für den Redner von Bedeutung. Vor der Rede führt das tiefe Durchatmen, gewissermaßen als "Aufwärmen", zur Beseitigung von psychischen Spannungen und zu dem rhetorischen Bereitschaftszustand. Während der Rede versetzt die gute und ausreichende Atemwirtschaft den Redner in die Lage, die Satzzeichen im Sprechgefüge zu beachten und auch längere Satzperioden ohne Schwierigkeiten zu Ende zu sprechen. Wissenschaftler haben dazu festgestellt, daß die Vollatmung die Lungen mit einem Vorrat von 4000 ccm versorgt, während die allgemein übliche Atmung nur 2000 bis 2500 ccm Luft in die Lungen pumpt.

Eine gute Kontrolle für die ausreichende Atemwirtschaft ist das in diesem Zusammenhang immer wieder herangezogene kleine Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe:

"Im Atemholen ist zweierlei Gnaden,
Luft einholen, sich ihrer entladen.
Jenes bedrängt, dieses erfrischt.
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Drum danke Gott, wenn er dich preßt,
Und danke ihm, wenn er dich wieder entläßt!"

Nur mit einer richtigen Atemtechnik, das heißt mit der Zwerchfellatmung, wird der Redner diese Übungssätze in einem Atemzug durchsprechen können.

Erst sprechen und dann reden lernen

Wer reden will, muß zunächst einmal sprechen gelernt haben. Die Verbesserung und Vervollkommnung der Aussprache bedarf einer eingehenden und gründlichen Schulung, denn "alle Kunst muß ihre Schule haben". So enthalten alle Redeanleitungen ein besonderes Kapitel über die Sprechbildung und Sprechtechnik des Redners.

Viele Leser werden diesen Hinweis als überflüssig erachten und darauf Bezug nehmen, daß sie bereits vor vielen Jahren sprechen gelernt haben und das Sprechenkönnen täglich im Umgang mit anderen Menschen unter Beweis stellen. Das ist zweifellos richtig, soweit von der üblichen Umgangssprache die Rede ist. Dies gilt jedoch nicht für die wirkungsvolle Sprache, die die Grundlage einer überzeugenden Vortragsrede bilden soll.

Der Entschluß, sprechen zu lernen, ist in erster Linie eine Kampfansage gegen die verbreiteten Fehler und Mängel der Umgangssprache.

Wer reden will, maß unnachgiebig die oberflächliche und vernachlässigte Umgangssprache bekämpfen und sich einer korrekten, prägnanten und in allen Einzelheiten verständlichen Aussprache befleißigen. Das ist der Sinn des Sprechenlernens, dem sich jeder Redebeflissene unterziehen muß.

Zweifellos ist dieses Sprechenlernen keine leichte Aufgabe. Es erfordert Ausdauer und zielbewußte Arbeit, zumal die Nachlässigkeiten der Umgangssprache längst zu einer liebgewordenen und geradezu selbstverständlichen Gewohnheit geworden sind. Von dieser Aufgabe kann jedoch niemand entbunden werden, der sich ernsthaft um die Kunst der Rede bemüht. Am wenigsten der, der mit persönlichen Sprechschwierigkeiten zu kämpfen oder sich an einen schwerverständlichen und durch besondere Eigentümlichkeiten gefärbten Dialekt gewöhnt hat. Hier hilft nur das konsequente und ausdauernde Üben einer einwandfreien Aussprache.

Das Studium der Sprechtechnik ist nicht nur eine Kampfansage gegen die nachlässige Umgangssprache, sondern auch gegen die sehr verbreiteten sprechtechnischen Fehler. Sprachwissenschaftler haben festgestellt, daß der Durchschnittsmensch im normalen Sprachgebrauch zwischen 100 und 150 sprechtechnische Fehler erkennen läßt. Die verbreitesten Fehler, die unter allen Umständen verbessert und ausgeräumt werden müssen, sind

Zur Schulung der Aussprache empfiehlt es sich, mit einfachen Leseübungen, die langsam und deutlich gesprochen werden, zu beginnen. Nach und nach kann man dann zu freien Sprechübungen übergehen. Wichtig und unerläßlich ist jedoch die stete Kontrolle der Aussprache, die durch den Gebrauch eines Tonbandes erleichtert wird und die jeden Fortschritt in der Sprechpraxis registrieren sollte. Bei all diesen Redeübungen sind insbesondere die nachstehenden Grundsätze einer freien und einwandfreien Aussprache zu beachten:

  1. Jedes Wort und jede Silbe müssen mit Sicherheit und Klarheit ausgesprochen werden, damit sie ohne Mühen verstanden werden.

  2. Jede Silbe, die geschrieben steht, sollte auch ausgesprochen werden. Obgleich die Sprachwissenschaftler ermittelt haben, daß in der Regel bereits eine Silbenverständlichkeit von siebzig Prozent genügt, um einen zusammenhängenden Text zu verstehen, sollte man seine Zuhörer unter allen Umständen vor einem solchen Redefragment verschonen.

  3. Die Schönheit unserer Sprache beruht auf dem richtigen und ausgeglichenen Verhältnis zwischen reinen Vokalen und scharfen Konsonanten. Die Vokale müssen daher stets rein und lautecht, die Konsonanten kurz und artikuliert zum Ausdruck kommen. Denn Vokale sind die Farbe, Konsonanten dagegen die Kontur der Sprache.

Zum Schluß dieses Kapitels seien noch ein paar Worte zum Verhältnis "Schriftsprache und Mundart" erlaubt. Es gibt eine alte und bekannte Rednerweisheit: "Sprich, wie dir der Schnabel gewachsen ist." Folgt daraus, daß sich der dialektgewohnte Redner bei einer Ansprache auch der Mundart bedienen darf? Diese immer wiederkehrende Frage kann nicht für alle Fälle verbindlich mit Ja oder Nein beantwortet werden. In der Regel ist davon auszugehen, daß nur die Schriftsprache den Anforderungen der wirklichen Rede gerecht wird. Die feierliche Ansprache, eine Festrede, ein geschäftlicher oder rein sachlicher Bericht oder gar eine wissenschaftliche Darlegung wird zweifellos durch die Einstreuung mundartlicher Elemente in ihrer Wirkung beeinträchtigt. In solchen Fällen fordert die Situation, Anlaß und Zweck der Rede den ausschließlichen Gebrauch der Schriftsprache, während der Dialekteinschlag als störend empfunden wird. Zutreffend weist Weller in seinem "Buch der Redekunst" darauf hin, daß der Redner, der es sich zu Hause im Schlafrock und Pantoffeln bequem machen kann, nicht in einem solchen Aufzug ans Rednerpodium gehen darf. Was aber für den Anzug des Redners gilt, muß auch für das sprachliche Gewand seiner Rede gefordert werden. Dagegen wird es einem ländlichen Bürgermeister (Gemeindedirektor) niemand verübeln, wenn er sich in einem kleineren und vertrauten Kreise, ja selbst bei einer dörflichen Veranstaltung mit einem größeren Zuhörerkreis, der geliebten Mundart bedient, da diese Sprache im engeren und weiteren Kreise der "Familie" das übliche Verständigungsmittel ist. Es bleibt in all diesen Fällen dem Fingerspitzengefühl des Redners überlassen, die Grenze zwischen familiären und offiziellen Veranstaltungen zu ziehen und sich entsprechend der getroffenen Entscheidung der Dialekt- oder der Schriftsprache zu bedienen, wobei im Zweifel stets der letzteren der Vorzug zu geben ist. Deshalb gilt die allgemeine Regel: "Hochsprache, wenn möglich. Dialekt, wenn nötig!" Denn der Dialekt ist nun einmal vergleichbar mit der Alltagswäsche des Menschen, Hochdeutsch aber mit der Konfektion, die er bei besonderen Anlässen trägt.

Zwei Warnmarken sind beim Umgang mit der Dialektsprache jedoch in allen Fällen zu beachten: Einmal darf die Verständlichkeit nicht leiden und zum anderen ist sie niemals eine Entschuldigung für eine Gassen- oder Gossensprache, die verletzend und unsympathisch wirkt.

Die Ausbildung der Stimme

Nicht jede Stimme ist von Natur aus geeignet für die freie und wirkungsvolle Rede. In vielen Fällen ist die Stimme belastet mit gewissen Fehlern und Mängeln, die in der Regel auf Gewohnheit oder Nachahmung und nur ausnahmsweise auf körperliche und organische Ursachen zurückzuführen sind. Man denke nur an das Lispeln, Sich-versprechen und an zu hohes oder zu lautes Sprechen. Aber auch denjenigen, der an solchen stimmlichen Abarten leidet, ist die Tür zum eindrucksvollen und vollendeten Reden nicht verschlossen. Denn jede Stimme, die nicht mit einem organischen Fehler behaftet ist, kann auf methodischem Wege ausgebildet, entwickelt und von störenden Begleiterscheinungen befreit werden. Allerdings erfordert eine solche Ausbildung ein besonderes Maß von Selbstkontrolle, Ausdauer und Fleiß.

Wer sich um die Ausbildung seiner Stimme als Vorarbeit für die freie Rede kümmert, muß zunächst darauf achten, daß er bei der Stimmbildung von dem rednerischen Grundton, d. h. von der natürlichen Stimmlage und Stimmhöhe, ausgeht, der ebenso wie in der Musik den Tonansatz für die richtige Tonfindung bildet. Wer eine zu hohe Tonlage wählt, wird sich bei der Rede immer wieder "überschlagen". Wer zu tief spricht, wird allzu leicht in die bei Trauerreden übliche Tonlage verfallen.

Wenn der richtige Grundton gefunden ist, richtet sich die Ausbildung in erster Linie auf die Stärkung der Stimme. Denn diese muß so beschaffen sein, daß sie jeden Raum ausfüllen kann, ohne ihren Wohlklang zu verlieren. In diesem Zusammenhang muß insbesondere vor allzu lautem Sprechen gewarnt werden, das der eigenen Stimme schadet und von den Zuhörern immer als störend empfunden wird. Denn Vernehmbarkeit und Verständlichkeit dürfen nicht mit Lautheit verwechselt werden und eine Stentorstimme gar, die fünfzig wilde Krieger übertönt, wird man kaum als wohlklingend bezeichnen können.

Allerdings muß der Redner selbst in großen Rederäumen darauf achten, daß Verständigungsschwierigkeiten vermieden werden. Jeder Redner sollte sich daher so ausdrücken, daß es für jeden Zuhörer möglich ist, ihn zu verstehen und unmöglich ist, ihn nicht zu verstehen. Sogar dem mit halbem Ohr Zuhörenden muß die Rede verständlich sein. Dies läßt sich mit einer wirksamen Stimmbildung ohne weiteres erreichen. Jedes "Bitte" aus der Zuhörerschaft ist für den Redner eine Aufforderung zu deutlicherem Sprechen.

Besondere Sorgfalt muß der Ausbildung der Stimme gewidmet werden, wenn sich der werdende Redner im Laufe der Zeit störende Angewohnheiten zugelegt hat, wie z. B. Lispeln oder einen rednerischen "Verlegenheitslaut". Hier hilft nur ein klarer und entschiedener Tonansatz, der bei ausreichender und genügender Übung über diese Ansatzfehler hinweghilft.

In der Regel kann die Stimme allein schon durch ein konsequentes Üben für die Rede gebrauchsfähig gemacht werden. Dagegen hüte man sich vor künstlichen Hilfsmitteln wie Tabletten, Alkohol oder dem ständigen Gebrauch von Trinkwasser. Diese Mittel, die in der Öffentlichkeit nur als störend empfunden werden, vermögen die natürliche Stimmausbildung nicht zu ersetzen und sind ebenso schädlich wie überflüssig.

Die Betonung in der öffentlichen Rede

Nichts ist einschläfernder als eine lange, monotone Rede. Diese Erkenntnis, in dem treffenden Satz "Was ist das für Unterricht, alles schläft und einer spricht" zusammengefaßt, haben die meisten von uns bereits in ihrer Schulzeit gewonnen. Sie soll auch allen Rednern ins Gedächtnis gerufen werden, denn "Monotonie ist des Redners Tod".

Entscheidend für die Wirkung einer Rede ist nicht allein, was der Redner spricht. Es kommt auch darauf an, wie er spricht. Nur wenn die Rede in Form und Inhalt in gleicher Weise überzeugt, kann sie zu einem Erfolg werden.

Das einfachste Mittel, der Rede Farbe und Gestalt zu geben, ist die Betonung. Die richtige und wirksame Betonung sollte daher zu einem selbstverständlichen Werkzeug eines jeden Redners werden. Auch deshalb, weil sich Sinn und Inhalt einer Rede durch eine verschiedene Betonung ändern können. Man nehme nur einmal den lapidaren Satz: "Der fremde Mann hat dem kleinen Hans einen Apfel geschenkt." Je nachdem, welches Wort betont wird, erhält dieser Satz bei gleichen Worten einen völlig anderen Sinn.

Man hüte sich davor, jeweils nur bestimmte Worte oder bestimmte Silben zu betonen (z. B. die Endsilben). Die Betonung muß sich vielmehr nach der Empfindung des Redners oder der Bedeutung einer Redestelle richten. So wird man bei einer Trauerrede langsam und gedämpft sprechen, bei einem freudigen Ereignis dagegen heller und beschwingt. Sollen besonders nachhaltige Worte ausgesprochen werden, so müssen gerade diese durch langsames und lautes Sprechen unterstrichen werden. In der Praxis kann der Redner auf drei verschiedene Arten die gewünschte Hervorhebung einer Redestelle erreichen. Die übliche Form der Betonung besteht in der Verstärkung der normalen Stimmlage. Die gleiche Wirkung kann durch eine Erhöhung des normalen Sprechtones erzielt werden. Schließlich verbleibt die Möglichkeit, bestimmte und besonders wichtige Redestellen durch langsames und bedachtes Sprechen hervorzuheben, wobei die Aufmerksamkeit der Zuhörer durch eine Verstärkung oder Abschwächung der Stimme oder durch die Betonung bestimmter Wörter (Wortbetonung) noch erhöht werden kann.

Eine besondere Wirkung der Betonung läßt sich außerdem durch die Steigerung (schneller und lauter sprechen) oder durch die Rücksteigerung (langsamer und leiser sprechen) erreichen, die bewährte Mittel und Ausdrucksformen der Tonmalerei sind. Ein seit Jahrhunderten bewährtes Betonungsinstrument ist auch die sog. Triade, die aus drei aneinandergefügten Worten besteht, von denen das letzte Wort besonders betont wird (z. B. Freunde, Römer, Landsleute! Ein Volk, ein Reich, ein Führer!).

Von diesen einfachen Mitteln der rhetorischen Ausdruckssteigerung sollte jeder Gebrauch machen, insbesondere dann, wenn es sich um eine längere Rede oder einen an sich trockenen Redestoff handelt. Zweckmäßigerweise wird man dabei die hervorzuhebenden Redeteile bereits auf dem Redekonzept oder den Redenotizen durch Unterstreichen kennzeichnen, um den gewünschten Effekt zur rechten Zeit und an der richtigen Stelle auch wirklich zu erzielen.

Rhetorische Hilfs- und Darstellungsmittel

Die Wirkung einer Rede hängt nicht nur davon ab, was der Redner sagt, sondern auch davon, wie er es sagt. Da selbst die inhaltsreiche Rede nur dann die gewünschte Wirkung auf die Zuhörer erzielt, wenn sie in eine ansprechende Form gekleidet ist, entscheidet die rhetorische Darstellung in aller Regel über den Erfolg oder Nichterfolg einer Rede. Es ist deshalb für den erfolgsuchenden Redner von entscheidender Bedeutung, sich all der verfügbaren und geeigneten Mittel zu bedienen, um den Vortrag lebendig, eindrucksvoll und wirksam zu gestalten. Dabei ist es beruhigend zu wissen, daß für die Redepraxis eine Reihe solcher Mittel zur Verfügung stehen, die sich in der Praxis unzählige Male bewährt haben und die man als rhetorische Hilfs- und Darstellungsmittel bezeichnen kann.

Der Kreis dieser Darstellungsmittel bezieht sich zunächst auf den richtigen Ausdruck und den geeigneten Stil der Rede. Hierbei ist die Klarheit der Gedanken und der Ausdrucksweise hervorzuheben. Eine Rede soll auch inhaltlich stets so beschaffen sein, daß ihr jeder Zuhörer ohne Mühe und störende Rückfragen folgen kann. Dies wird am einfachsten dadurch erreicht, daß man für jeden neuen Gedanken einen neuen Satz verwendet. Daß sogenannte Bandwurmsätze dem Verständnis nicht besonders dienlich sind, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Um diesem verbreiteten Übel abzuhelfen, braucht man nur der von Ludwig Reiners gegebenen Anregung zu folgen: "Beim Bandwurmstil sind die Sätze zu lang, man muß sie daher zerschneiden."

Die konsequente Anwendung dieser Regel ist auch deshalb geboten weil erfahrungsgemäß bei Sätzen mit mehr als 25 Wörtern die Verständlichkeitsgrenze für den Zuhörer überschritten wird. Nach den von der Deutschen Presse-Agentur erarbeiteten Richtlinien sollen Sätze im Hinblick auf die gewünschte Verständlichkeit nicht mehr als 20 Wörter enthalten. Dieser Grundsatz gilt nicht nur für Redakteure und Reporter, er ist auch für den Redner beachtenswert. Da die Schachtelsätze der vergangenen Jahrzehnte außer Mode gekommen sind und der Redner seine Zuhörer mit der sprachlichen Ausdrucksweise nicht überfordern sollte, ist es besser, sich an Tucholsky zu halten, der dem Redner für die Formulierung seiner Rede den guten Ratschlag gibt: "Hauptsätze, Hauptsätze und nochmals Hauptsätze!"

Die Klarheit der Gedanken, die zum Gebrauch einfacher und verständlicher Worte zwingt, wird in besonderem Maße durch die Anwendung der Bildersprache und bildlicher Vergleiche gefördert. So schrieb schon im Jahre 1895 der berühmte Psychologe Le Bon: "Die Massen können nur in Bildern denken und lassen sich nur durch Bilder beeinflussen." Eine solche Bildersprache wird sich je nach der Zusammensetzung des Hörerkreises auch bildlicher Umschreibungen bedienen (z. B. Strom der Zeit, Herbst des Lebens, Zahn der Zeit, der rote Faden, der rote Hahn, mit einem Fuß im Grabe stehen, Unkraut, das nicht verdirbt).

Daß solche Vergleiche wenn sie geschickt und treffend ausgesucht werden, ihre Wirkung nicht verfehlen, bewies schon Otto v. Bismarck, der seine berühmt gewordene Reichstagsrede mit der bildhaften Darstellung schloß: "Setzen wir Deutschland sozusagen in den Sattel. Reiten wird es schon können."

Neben der Klarheit der Gedanken ist auf eine gute Formulierung der Rede zu achten. Eine gute und geistreiche Formulierung, die nicht unbedingt von dem Redner selbst stammen muß, kann über manche Hürde hinweghelfen. So hat schon Lichtenberg im 18. Jahrhundert festgestellt, daß "ein guter Ausdruck fast so viel wert ist wie ein guter Gedanke". Bei der Auswahl einer treffenden Formulierung kann der Humor ein guter Helfer sein, der insbesondere bei längeren Reden und bei trockenem Redestoff öfters einmal zu Worte kommen sollte. Anekdoten und andere heitere Redewendungen sind immer wirkungsvoll. Das bewies vor kurzem wieder einmal ein bekannter Parlamentarier, der sich beim Anblick eines reichgedeckten Tisches einer kleinen Tischrede nicht enthalten konnte. Er erhob sich und sprach in Abänderung des bekannten Gebetsanfanges nur den einen Satz: "Unser heutig Brot gib uns täglich." Dieser Tischrede, geradezu ein Musterbeispiel der kurzen und erfolgreichen Rede, blieb die ungeteilte Anerkennung der Zuhörer nicht versagt.

Den gleichen Erfolg konnte ein Gastgeber verbuchen, der nach einer langen Reihe geistvoller und zum Teil recht umfangreicher Tischreden zum Abschluß der Rednerliste das Wort ergriff. Er beschränkte sich im Hinblick auf das bevorstehende und von allen Teilnehmern erwartete Essen auf ein bekanntes Zitat, für dessen Anpassung an die gegebene Situation er die Nachsicht seiner Zuhörer fand: "Der Worte sind genug gewechselt, und laßt uns endlich Essen sehen!" In ähnlich launiger und treffender Weise leitete der langjährige französische Botschafter in Bonn, François-Poncet, ein Meister der geistvollen Rede, eine Tischrede ein, die er am 2. Juni 1950 bei einem Empfang deutscher und französischer Bürgermeister zu halten hatte: "Also, programmgemäß komme ich nach den Pastetchen an die Reihe, und solange Sie mich nicht angehört haben, bekommen Sie keinen zweiten Gang. Sie sind so gewissermaßen in meiner Macht..."

Überhaupt sollte der Redner so oft wie möglich und soweit es die gegebenen Verhältnisse erlauben, seine Ansprache mit ein paar launigen Worten und Zwischenbemerkungen auflockern. Ein Schmunzeln oder ein befreiendes Lachen seiner Zuhörer ist der beste Beweis für eine Rede, die ''angekommen" ist. So schloß ein Bürgermeister unter dem Beifall der Zuhörer die Glückwünsche zu einem Geschäftsjubiläum mit den vielsagenden Worten: "Ihr Umsatz wachse ungeheuer, dann wächst auch die Gewerbesteuer!" Bei der Veranstaltung der Damenschneiderinnung verfehlte eine kleine Anpassung des bekannten Zitates "Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper" an den besonderen Zweck der Zusammenkunft nicht ihre Wirkung, als der Redner zum Schluß seiner Ausführungen ausrief: "Und auch heute noch gilt der Satz, der aus dem alten Rom überliefert ist: Nur in einem neuen Kleid kann ein gesunder Körper wohnen!

"Nachdem ein Referent mit einer langen, leider auch etwas langweilenden und die Zuhörer nicht ganz befriedigenden Rede das Thema ebenso erschöpft hatte wie seine Hörer, hatte der erste Diskussionsredner die Lacher auf seiner Seite, als er einen Redebeitrag mit einem wenig schmeichelnden aber zutreffenden Vergleich einleitete: "Die Ausführungen des Redners erinnern mich an einen Bikini. Sie zeigen alles, und lassen dennoch die Hauptsache verdeckt... "

Solche Beispiele, in denen Redner mit Hilfe launiger und heiterer Redewendungen die Sympathien ihrer Zuhörer erwerben konnten, ließen sich beliebig vermehren. Denn der Humor, zur rechten Zeit, am rechten Ort und in rechter Weise dargeboten, ist ein sicheres Erfolgsrezept des Redners. Diese Erkenntnis gilt selbst für Reden bei offiziellen Anlässen. So überraschte der frühere Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett bei einer Eröffnungsfeier für eine Filiale des bekannten Kaufhauses Horten die zahlreich erschienenen Festgäste mit einem selbstverfaßten Gedicht folgenden Inhalts:

"Glück und Heil dem Kaufhaus Horten!/ Mögen Käufer in Rekorden,/ Daß sie drängend sich fast morden,/ Aus dem Süden, aus dem Norden/ Unserer Stadt, aus Nachbarorten,/ Treten durch die offenen Pforten,/ Um zu kaufen, um zu horten,/ Was es gibt bei Helmut Horten:/ Kleider, Schmuck, Papier und Borten/ Und was dienlich in Aborten,/ Fleisch und Wurst, Gebäck und Torten/ Und sonst alle Horten-Sorten,/ Ob verpackt, ob in Retorten,/ Mögen in beredten Worten,/ Wenn's gar sein muß in Akkorden,/ Kunden loben Helmut Horten,/ Der berühmt an allen Orten,/ Wie im Film einst Henny Porten!"

Dieser launige Einfall war selbst im feierlichen Rahmen der anderen Eröffnungsreden ein vollwertiger Ersatz für die bei solchen Anlässen obligate Rede eines Stadtoberhauptes, das den Mißerfolg seiner "Rede" ebenso wenig zu fürchten brauchte wie die Kritik seiner Zuhörer an diesem außergewöhnlichen Ritt des Pegasus im Dienst der kommunalen Repräsentation.

In den amerikanischen Rednerschulen wird dem Redner empfohlen, in jedem Vortrag mindestens zwei bis drei Mal eine nette Pointe oder eine kleine Anekdote einzublenden (Traueransprachen sind von dieser Regel allerdings ausgenommen!). Kein Redner sollte mit einem Reklamationsgesicht umherlaufen und den Humor als Weichmacher der Seele vernachlässigen. Die Erfahrung der Redepraxis bestätigt immer wieder, daß ein gelöstes Lachen der Hörer meist wirkungsvoller ist als eine lange und tiefschürfende Rede. In der Tat besteht kein Zweifel, daß jeder Hörer, der schmunzelt als ein sichtbares Zeichen des Erfolges für den Redner gewertet werden kann. Dies gilt selbst dann, wenn sich der Redner einmal selbst zum besten hält, was noch niemandem geschadet hat. Denn Lachen und Lächeln sind immer die eleganteste Art, seinem Gegner und Zuhörer die Zähne zu zeigen. Der erfolgsuchende Redner sollte sich recht oft an diese bewährte Regel erinnern.

Mit der guten Formulierung aufs engste verwandt ist die Ausschmückung der Rede mit geeigneten Zitaten, die jeder Redner in dem Zitatenschatz von Büchmann "Geflügelte Worte" nachschlagen kann. Zitate sind, insbesondere wenn sie am Anfang oder am Schluß einer Rede gebracht werden, in aller Regel ein wirksames und erfolgreiches Ausdrucksmittel. Denn so ein paar grundgelehrte Zitate zieren den ganzen Menschen (Heinrich Heine). Doch auch hier gilt der Satz: Was zu viel ist, ist von Übel. Man sollte nicht unter allen Umständen versuchen, einen "Goethe" oder "Schiller" an den Mann zu bringen, nur weil man das Zitat zufällig mit sich herumträgt.

Noch mehr Vorsicht ist bei der Anwendung von Sprichwörtern geboten, da es sehr viele gegensätzliche Redewendungen gibt, die den Erfolg eines Sprichwortes in Frage stellen können (z. B. Unkraut verdirbt nicht – Gute Ware hält sich! Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht – Einmal ist keinmal!). Auch beim Gebrauch von sogenannten "Schlagwörtern" ist äußerste Vorsicht geboten, obgleich Schlagwörter ein "notwendiges Werkzeug des rednerischen Handwerks sind". Oft kann mit Hilfe eines Schlagwortes ein Gedanke treffend und prägnant ausgedrückt werden. Man denke zum Beispiel an Bismarcks Schlagworte vom "ehrlichen Makler" und von der "Politik der freien Hand". Solche Schlagworte können jedoch, wie die Geschichte bewiesen hat, manches Mal zu einer verhängnisvollen Verallgemeinerung führen.

Zu warnen ist dagegen vor dem Gebrauch sogenannter Modewörter wie prima, toll, fantastisch clever usw. Derartige Modewörter gehören ebensowenig in den Wortschatz des Redners wie weniger geläufige Abkürzungen, die in unserer Zeit des Abkürzungsunwesens immer häufiger werden. Auch der "steile Zahn", der "angemacht" wird, oder der Zuruf "Penner, du nervst mich" mögen im Wortschatz der Teenager durchaus "in" sein, ganz gleich, ob man einen "Bock" oder aber einen "Null-Bock" darauf hat. Im Wortschatz des Redners ist dafür ebensowenig Platz wie für die sich immer mehr verbreitenden Amerikanismen. Wenn jemand auf Draht ist, muß er nicht unbedingt "heavy on the wire" sein, und wer im Bilde ist, ist nicht immer "in the picture". Auf den Luxus solcher Gags und Sprachplatitüden kann der Redner getrost verzichten. Er ist zweifellos besser beraten, wenn er dem Ratschlag Tucholsky's folgt: "Man gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge!"

Ein besonderer Absatz muß in diesem Zusammenhang dem Gebrauch von Fremdwörtern gewidmet werden. Fremdwörter sind bekanntlich Glückssache, sowohl für den Redner, der sie, hoffentlich richtig, gebraucht, als auch für den Hörer, der sie, das bleibt ebenso zu hoffen, richtig versteht. deshalb kann der Gebrauch von Fremdwörtern zu äußerst peinlichen Situationen führen, wie für jenen Veranstaltungsleiter, der zur Abwehr der zahlreichen Autogrammjäger, die einen prominenten Gast belagerten, erzürnt in die Menge rief: "Schluß jetzt mit den Monogrammen!" Fremdwörter sollten auf das unbedingt notwendige und vermeidbare Maß beschränkt werden, es sei denn, daß sie sich als allgemeingültige und verständliche Fachausdrücke eingebürgert haben. Diese weise Vorsicht ist auch bei der Anwendung fremdsprachiger, insbesondere der vornehmlich von nicht humanistisch gebildeten Rednern beliebten lateinischen Zitate geboten. Die Mißachtung dieser Vorsichtsregel brachte einmal einem kleinen Landbürgermeister das schallende Gelächter seiner Zuhörer ein, als er seine Rede mit dem "klassischen" Zitat: "Sum, sum quiqe" (anstatt suum cuique – Jedem das Seine) beendete. Nicht besser wird es dem Redner ergehen, der von einer schwierigen Syphilisarbeit (anstatt Sisyphusarbeit) oder von einem Casanovagang (anstatt Gang nach Canossa) spricht öder auf sonstige Weise mit den Fremdwörtern Schiffbruch erleidet.

Schließlich sind auch Versprecher, die selbst dem erfahrenen Redner unterlaufen, ein besonderes Problem der Redepraxis, zumal sie erfahrungsgemäß mit besonderer Aufmerksamkeit und meist auch mit Heiterkeit der Zuhörer registriert werden. Schon bei der Anrede können sich solche Redepannen einschleichen: Liebe Reste anstatt liebe Gäste, liebe Flüchtlinge anstatt liebe Prüflinge, Sozialisten anstatt Solisten u.ä.m.

Auch im Verlauf der Rede können Versprecher heikle Situationen für den Redner heraufbeschwören. Wer Elemente mit Alimenten, konform mit Kondom, ein Gremium mit einem Krematorium verwechselt, wird kaum ein höhnisches Lachen oder Schmunzeln seiner Zuhörer vermeiden können. Auch der frühere Bundespräsident Heinrich Lübke, bekannt als Meister der negativen Rhetorik, rief ein schallendes Gelächter seiner Zuhörer hervor, als er die Bürger von Okasa anstelle der Bürger von Osaka begrüßte. Selbst beim Schluß der Rede ist die Versprecher-Gefahr noch nicht gebannt, wie das Beispiel des früheren Bundestagspräsidenten Thomas Dehler beweist, der eine Sitzung des Bundestages mit den Worten "Ich sitze die Schließung" -anstatt "Ich schließe die Sitzung" -abschloß.

Trotz aller damit verbundenen Gefahren sollte der Redner keine übertriebene Angst vor Versprechern haben. Versprecher sind menschlich und kein Grund zur Panik. Wem das Mißgeschick eines Versprechers und die dadurch hervorgerufene Heiterkeit seines Auditoriums widerfahren ist, sollte sich einfach dem Lachen seiner Zuhörer kurz anschließen, dann den Lapsus korrigieren und weiterreden, selbst wenn das Mißgeschick vor einem größeren Zuhörerkreis passiert ist. Noch wirksamer ist es, wenn der Redner nach seinem die Heiterkeit seiner Zuhörer auslösenden Versprecher die Situation dadurch meistert, daß er Ruhe bewahrt und zu erkennen gibt, daß ihn solche kleine Fehltritte nicht aus der Fassung bringen können. Dies ist jenem Redner meisterlich gelungen, der sein Mißgeschick mit der launigen Bemerkung einräumte und zur Tagesordnung überging: Jetzt habe ich endlich den Versprecher gemacht, auf den sie den ganzen Abend gewartet haben. Ich habe mich deshalb bemüht, sie nicht zu enttäuschen.

Wichtig ist, daß sich der Redner durch kleine Redepannen wie Versprecher nicht aus der Ruhe und aus seinem Konzept bringen läßt. Ein Versprecher ist das Mißgeschick eines Moments, es lohnt sich weder für den Redner noch für seine Zuhörer, sich dabei aufzuhalten.

Wenn von den rhetorischen Darstellungsmitteln die Rede ist, müssen andererseits auch diejenigen Kunstmittel erwähnt werden, die sich im Laufe der Zeit als besondere Formen der rednerischen Ausdrucksweise entwickelt und bewährt haben. Daß die Ausdrucksweise nicht andauernd durch eine angewöhnte Nebensilbe wie "also, nun, nichtwahr, eh" oder dergleichen durchbrochen werden darf, versteht sich eigentlich von selbst. Und doch muß an dieser Stelle einmal auf diese verbreitete Unsitte hingewiesen werden, die die Wirkung mancher Rede vereitelt. So stellte kürzlich ein Versammlungsteilnehmer am Schluß einer Veranstaltung fest, daß ein Redner nicht weniger als 165 mal das Wort "nun" gebraucht hatte. Dieser Redner darf sich sicher glücklich schätzen, wenn er recht bald einen guten Freund findet, der ihn auf diese störende Angewohnheit aufmerksam macht.

Von den eigentlichen Kunstmitteln der rednerischen Darstellung, die einen Vortrag beleben und abwechslungsreich gestalten, ist zunächst die Form des Ausrufes zu erwähnen. Ausrufe wie: – "Denken wir daran!" "Hier wollen wir fest zusammenstehen!" – "Das dürfen wir nicht vergessen!" – sprechen die Zuhörer mit besonderer Eindringlichkeit an. Ebenso beliebt wie wirkungsvoll ist es, die Ausführungen von Zeit zu Zeit mit rhetorischen Fragen aufzulockern. Redewendungen wie: – "Glauben sie dem Gegner mehr als uns?" – "Haben wir kein Recht darauf, glücklich zu sein?" – "Wie sieht aber die Wahrheit aus?" – "Kommen wir endlich einmal zu Wort?" – sind stets geeignet, eine Rede lebendig zu gestalten. Das gilt auch für die absichtliche Wiederholung eines besonders prägnanten Wortes oder Satzes, was schon der römische Redner Cato mit seinem berühmt gewordenen "Ceterum censeo" (im übrigen bin ich der Meinung) demonstrierte. Solche Wiederholungen geben dem Redner auch die Möglichkeit zu einer kleinen Denkpause, die sich oft als recht nützlich erweisen kann.

Schließlich können die Redepausen, an der richtigen Stelle eingeflochten, wirksame Steigerungsmittel für den Redeeffekt sein. Wenn der Redner eine Pause einlegt, so heißt das nicht, daß der Motor abgestellt wird, sondern nur, daß an dieser Stelle "ausgekuppelt" werden soll. Dieses Auskuppeln sollte der Redner insbesondere bei drei Gelegenheiten vornehmen, nämlich bei

  1. der Nachwirkungspause, die sich besonders wichtigen Aussagen anschließen soll,

  2. der Vorbereitungspause, die immer dann eingeschoben wird, wenn der Redner eine wichtige Passage seiner Ausführungen vorbereiten will
    und schließlich

  3. der Reflektions- oder Denkpause, die der Redner selbst benötigt, um seinen Standort während der Rede einzuloten. Mit etwas Geschick läßt sich dabei auch die Zeit gewinnen, die der Redner braucht, um wieder zu dem gedanklichen Dispositionsschema und dem roten Faden der Gedankenfolge zurückzufinden.

Solche Pausen, die jedoch nicht zu spürbaren Verlegenheits- oder Konkurspausen ausarten sollen, sind auch für die Zuhörer vonnöten, die selbst Verlauf der packendsten Rede dann und wann eine kleine Verschnaufpause verdient haben.

Der rechte Gebrauch dieser rhetorischen Darstellungsmittel, die noch durch die später zu behandelnde Gestik des Redners unterstrichen werden können, ist stets ein Beweis für die Vortragsgewandtheit des Redners. Allerdings dürfen diese rednerischen Hilfsmittel nicht übertrieben werden. Denn auch hier zeigt gerade die Beschränkung, wer ein Meister ist. Und zuviel Würze kann auch die beste Suppe verderben.

Die Überwindung der Redeangst

Die Redeangst ist die schwierigste Hürde für den werdenden Redner, der ebenso wie der Schauspieler, der im Licht der Bühnenscheinwerfer steht, mit seinem "Lampenfieber" zu kämpfen hat. Redeangst ist keineswegs ein Zeichen der mangelnden Begabung oder mangelnden Eignung des Redners. Sie ist auch kein Ausnahmezustand, unter dem nur einzelne Menschen zu leiden haben. Sie ist ein normales und natürliches "Durchgangsstadium" des Redners, unabhängig von der sozialen und gesellschaftlichen Stellung, dem Bildungsstand oder Alter des Redners. Es gibt keinen Redner in Vergangenheit und Gegenwart, der nicht am Anfang seiner Laufbahn von Angstzuständen, Aufregung und Hemmungen, den bekannten Symptomen der Redeangst, geplagt worden wäre. Das zeigen die Bekenntnisse berühmter Redner, wie Demosthenes, Goethe, Rousseau, Lassalle, Bebel, Bismarck und Churchill.

Aber sie alle haben die Redeangst überwunden. Und was diesen Männern möglich war, ist jedem Menschen möglich. Denn die Redeangst ist heilbar, und dafür gibt es eine Reihe bewährter Heilmittel.

Die Überwindung der Redeangst erfordert in erster Linie eine ausgeglichene Persönlichkeit, Selbstvertrauen und den unbeirrbaren Willen, zu reden. Wer der Suggestion, zerfahren, aufgeregt und nervös zu sein, unterliegt, kann sich auch mit Erfolg suggerieren: "Ich will und kann reden." Dafür muß nur die Kraft der Autosuggestion im positiven und nützlichen Sinne eingesetzt werden.

Ein weiteres Mittel, die Redeangst zu überwinden, ist die gründliche und richtige Vorbereitung der Rede in Gedanken und in der schriftlichen Fixierung. Wer das Gerüst der Rede in Form von Stichworten und Notizen vor sich liegen hat, wird bald das beruhigende Gefühl erlangen, den Themenstoff behandeln und in treffende Worte kleiden zu können.

Darüber hinaus ist dem werdenden Redner zu empfehlen, sich vor dem Beginn seiner Rede zu entspannen und sich dadurch gewissermaßen in einen rednerischen Bereitschaftszustand zu versetzen. Mehrere tiefe Atemzüge beim Gang an das Rednerpult können vielfach die innere Ruhe und das Gleichgewicht herstellen. Wer zudem zu Beginn der Rede betont langsam und ruhig spricht, ein Wort bedachtsam an das andere reiht, wird sich bald aus der Verkrampfung lösen und das richtige Verhältnis zu seinen Hörern finden. Oft werden Redehemmungen durch bestimmte Umstände, etwa durch die Anwesenheit hochgestellter Persönlichkeiten oder einen größeren Zuhörerkreis, hervorgerufen. Wer sich dadurch gehemmt fühlt, sollte den Blick zunächst ruhig auf einen Freund oder Bekannten im Hörerkreis richten und sich so verhalten, wie wenn er nur zu diesem sprechen würde. Auf keinen Fall sollte man versuchen, die Rede auf eine höhere geistige Stufe zu stellen, um besonders intelligent zu wirken. Die einfache und natürliche Ausdrucksweise überzeugt immer, schafft das richtige Verhältnis von Mensch zu Mensch und damit auch die rechte Beziehung zwischen dem Redner und seinen Hörern.

Wenn die Redehemmung auf den räumlichen Abstand zwischen Redner und Zuhörer zurückzuführen ist, darf der Redner seine Hörer ohne Bedenken bitten, auch die vorderen und "besseren" Plätze zu belegen. Schließlich sollte es, insbesondere bei öffentlichen Veranstaltungen, nicht versäumt werden, sich rechtzeitig auf anwesende Gegner und bekannte Zwischenrufer einzustellen, indem man von vornherein alle Angriffsflächen vermeidet und besondere Vorsicht walten läßt.

Der Redner, der unter Beachtung dieser Ratschläge die erste Hürde seines Vortrages genommen hat, wird oft noch von einer weiteren Zwangsvorstellung geplagt, der Furcht "steckenzubleiben". Jetzt kommt das Wichtigste, sagte der Pfarrer und blieb stecken!

Der Gedanke, daß man während der Rede den Faden verlieren könnte, treibt manchem Redner den Angstschweiß auf die Stirn. Und doch ist diese Situation, die auch durch ein tückisches Verhalten der Stichwortzettel hervorgerufen werden kann, viel harmloser, als es auf den ersten Blick erscheint. Sie muß nicht unbedingt zu einer verlegenen Pause und einem entschuldigenden Wortgestammel führen, wie es Wilhelm Busch beschrieben hat: "Das Reden kommt dem Menschen gut, wenn man es nämlich selber tut. Von Angstprodukten abgesehen, denn so etwas bekommt nicht schön."

In einer solchen Situation kommt es in erster Linie darauf an, daß man überhaupt etwas sagt und keine Verlegenheitspause eintreten läßt (eine Verlegenheitspause von mehr als 7 Sekunden wird von den Zuhörern in ,der Regel als peinlich empfunden). Vielfach genügt es schon, das Redetempo etwas zu verlangsamen und die natürlichen Redepausen auszudehnen. Sofern zum Sammeln der Gedanken noch mehr Zeit benötigt wird, kann man unbesorgt mit anderen Worten nochmals das wiederholen, was zuletzt gesagt wurde, oder eine der bereits besprochenen Redefiguren einfügen. Nach Redewendungen wie "Lassen sie mich diese Ausführungen doch einmal zusammenfassen" – "Vielleicht kann man dies auch anders ausdrücken" kann dann ruhig weitergesprochen werden. Falls auch dieses Mittel versagt, sollte der Redner unbekümmert zu dem nächsten Teil der Rede übergehen, zumal den Hörern die genaue Disposition des Vortrages nicht bekannt ist. Von diesem neuen Abschnitt kann mit einem geeigneten Hinweis später immer noch auf das Versäumte zurückgeblendet werden, sobald sich die Gedanken wieder einstellen. Schließlich verbleibt als "ultima ratio" die Möglichkeit, einen rednerischen Mißerfolg dadurch abzuwenden, daß man ohne ein äußerlich erkennbares Zeichen der Verlegenheit und Unruhe zum Schluß der Rede überleitet, den der Redner von vornherein in seinen Redenotizen wörtlich festhalten sollte. Auf diese Weise kann selbst der völlig aus der Fassung geratene Redner seine Ausführungen zu Ende führen, ohne daß das ihm widerfahrene Mißgeschick von seinen Zuhörern bemerkt und belächelt wird. Das Bewußtsein, daß der rednerische Schiffbruch selbst unter widrigsten Umständen vermeidbar ist, wird dem Redner Ruhe und Sicherheit verleihen, das Lampenfieber beseitigen und zu einem guten Gelingen der Rede führen. Im übrigen ist noch kein Redner deshalb ausgepfiffen worden, weil er seine Rede vor Ablauf der vorgesehenen Redezeit kurz und prägnant abgeschlossen hat.

3. Vorbereitung der öffentlichen Rede

Sammlung und Ordnung des Redestoffes

Die Vorbereitung einer Rede beginnt mit der Sammlung des Redestoffes. Sobald über das Thema und die Redezeit Klarheit besteht, muß sich der Redner ausreichend Zeit nehmen, um sich dieser schöpferischen und vorbereitenden Tätigkeit zu widmen. Dabei taucht immer wieder die Frage auf, wie und wo der erforderliche Vortragsstoff beschafft werden kann.

Hat der Redner ein Thema aus seinem eigenen Berufs- oder Tätigkeitsgebiet zu behandeln oder ausschließlich eigene Gedanken und Erkenntnisse darzulegen, wird die Materialbeschaffung keine Schwierigkeiten bereiten. Die Schwierigkeiten der Materialbeschaffung treten dagegen dann zutage, wenn dem Redner ein Thema gestellt ist, mit dem er weniger vertraut ist und dem er verhältnismäßig fremd gegenübersteht. Das ist insbesondere bei Politikern, Bürgermeistern und sonstigen im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeiten der Fall, die in Ausübung ihrer Repräsentationspflichten bei den verschiedensten Anlässen des politischen und gesellschaftlichen Lebens ans Rednerpult treten müssen. Nicht immer wird sich der Redner in der glücklichen Lage befinden, die Mühe der Materialbeschaffung auf einen Mitarbeiter, einen Referenten oder Sachbearbeiter abzuwälzen. So bleibt meistens nur der Ausweg, sich auch bei der Stoffbeschaffung der zuverlässigen Lebensregel "Selbst ist der Mann" zu erinnern.

Für den erfahrenen Redner ist die Sammlung des Redestoffes kein Problem. Er hat längst erkannt, daß eine gute und umfassende Stoffsammlung nicht nur das Wissen und die Allgemeinbildung erweitert, sondern auch ein unentbehrliches Werkzeug des Redners ist. Er wird daher keine Gelegenheit auslassen, um im Laufe der Zeit aus Büchern und Zeitungen eine kleine Redekartei zusammenzutragen, auf die er im geeigneten Augenblick zurückgreifen kann. So berichtet Carlo Schmid von Kurt Schumacher, daß er sich unermüdlich beim Lesen, beim Gespräch mit anderen und im Selbstgespräch Notizen machte, diese Notizen zum Rohmaterial seiner Rede verarbeitete und aus diesem Rohstoff sein Manuskript formte.

Wo eine solche allgemeine "Redekartei" nicht vorhanden oder für die Behandlung eines speziellen Themas nicht ausreichend ist, muß sich der Redner das erforderliche Material von Fall zu Fall beschaffen. Die erste Auskunft gibt in der Regel eines der gebräuchlichen Konversationslexiken. Hier wird der Redner ebenso wie in den einschlägigen Fachzeitschriften auch die Fundstelle für ein das Thema näher behandelndes Handbuch finden. Gebildet ist, wer weiß, wo er findet, was er nicht weiß. Zutreffend weist der Engländer William Hamilton darauf hin, "daß es kein noch so spezielles und ausgefallenes Thema gibt, zu dem man nicht ein Buch fände, das Stoff dazu liefert".

Auch Tages- und Wochenzeitungen erweisen sich als gute Stofflieferanten. So sollte der Redner nicht versäumen, gleich nach der Übernahme des Redethemas alle einschlägigen Berichte und Artikel aus Zeitungen, Zeitschriften und Werbeschriften zu sammeln. Daneben können Zitatensammlungen wertvolle Helfer bei der Stoffsammlung sein, zumal die Aussprüche großer Männer nicht nur den Vortrag schmücken, sondern auch den Redestoff bereichern. Gewissermaßen als eine "rednerische Kurzinformation" können bei der Stoffsammlung auch die im zweiten Teil dieses Buches zusammengestellten Redebeispiele zu Rate gezogen werden, was denen insbesondere der angehende Redner manche Anregungen und verwertbare Gedankengange oder Formulierungen entnehmen kann.

Wer seine Materialbeschaffung neben dieser "literarischen Orientierung" noch durch die Auskunft einer Behörde, des zuständigen Sachbearbeiters und des dort verfügbaren Aufklärungsmaterials ergänzt, wird sich kaum über den Mangel an geeignetem Redestoff beklagen können, auch wenn man, einer bewährten Regel folgend, stets etwas mehr Stoff zusammentragen sollte, als man später unbedingt für die Rede benötigt.

Selbst die fleißigste Stoffsammlung ist jedoch nur dann von Nutzen, wenn der zusammengetragene Redestoff auch systematisch geordnet und verwertet wird. Denn "nicht die Menge des Stoffes bringt den Erfolg sondern die Durcharbeitung" (Friedrich Naumann). Die Sichtung und Ordnung des gesammelten Redestoffes geschieht am zweckmäßigsten in der Weise, daß man das zu verwendende Material auf Zettel oder Karteikarten überträgt. Wenn diese Notizzettel einseitig und gut leserlich beschrieben und durch Unterstreichen, durch Farbstifte und Merkworte übersichtlich gestaltet werden, kann die anschließende Verwertung und Sichtung des Materials reibungslos vonstatten gehen. Wenn sich der Redner zudem Schon bei der Anlage dieser Stichwortzettel bereits über den Grundgehalt, das heißt den leitenden Grundgedanken der Rede und die mit ihr zu verfolgende Absicht, klar geworden ist, wird sich schon bei der Materialbeschaffung das gedankliche Gerüst und die zweckmäßige Gliederung der Rede erkennen lassen.

Da die Rede ebenso wie eine Erfindung nur zu 1 Prozent aus Inspiration, zu 99 Prozent aber aus Transpiration besteht, ist die folgende Ordnung des gesammelten Redestoffes nur eine Frage der logischen und zielstrebigen Arbeit. Dabei hat der Redner, gewissermaßen als Überleitungsbrücke zur folgenden Disposition, drei Kernfragen zu beantworten, nämlich

  1. Worüber will ich sprechen?

  2. Zu welchem Ziel will ich meine Hörer führen?

  3. Wie muß ich das Thema behandeln, um dieses Ziel zu erreichen?

Diese Fragen sind Bestandteil der modernen und rationellen Arbeitstechnik, die von der Managementlehre entwickelt und als SQRRR-Methode bekannt geworden ist. Diese Methode führt bei der Vorbereitung der Rede ohne Umwege und Zeitvergeudung zu einem optimalen Ergebnis. Die einzelnen und aufeinanderfolgenden Arbeitsphasen sind dabei

S

(Survey), d. h. man sollte sich zunächst einen allgemeinen Überblick über das zu behandelnde Thema verschaffen.

Q

(Question), d. h. mit der Beantwortung der drei vorgenannten Fragen geht der Redner bereits direkt auf das zu behandelnde Thema ein. Es folgt

R

(Read), d. h. lesen und auswerten der verfügbaren Quellen.

R

(Recite), d. h. das Aufzählen und Kontrollieren der einzelnen Redeteile. Dies geschieht am zweckmäßigsten durch die fünf W-Kontrollfragen: Wer, Was, Womit, Wie und Wann?

R

(Review), d. h. Nachprüfung und Abschlußkontrolle, mit der man festhält, ob auch alle wichtigen, zur Vorbereitung des Themas gehörenden Punkte zusammengetragen und berücksichtigt worden sind.

Mit dieser rationellen Arbeitsmethode, die sich sowohl für die mündliche als auch für die schriftliche Kommunikation empfiehlt, kann die zeitraubende Vorbereitungsarbeit wesentlich verkürzt und gestrafft werden. Die in manchen Redekursen zur zeitlichen Selbstkontrolle aufgestellte Formel

Vorbereitungszeit = Redezeit x 15

kann dadurch in den meisten Fällen unterschritten werden.

Gliederung und Aufbau der Rede

Mit der Sammlung und Ordnung des Redestoffes hat der Redner diejenigen Bausteine zusammengetragen, die er zum Aufbau seiner Rede benötigt. Ebenso wie der Bau eines Hauses kann auch der Aufbau der Rede nur nach einem bestimmten und wohldurchdachten Plan erfolgen. Dieser "Bauplan" des Redners ist die nach logischen Gesichtspunkten ausgerichtete Gliederung und Einteilung der Rede, auf deren Bedeutung Herder mit dem treffenden Satz hingewiesen hat: "Alle Fehler verzeih' ich gern, nur nicht Fehler in der Disposition."

Schon die bekannten Redelehrer der Antike haben sich um die zweckmäßigste Gliederung der Rede bemüht. Ohne ihre Verdienste um die Redekunst zu schmälern, können die damals angestellten tiefgründigen Betrachtungen hier unbesorgt außer acht gelassen werden. Die zweckmäßigste Gliederung der Rede entspricht der bereits im Deutschunterricht für den Aufbau eines Aufsatzes empfohlenen Dreiteilung in Einleitung; Hauptteil und Schluß. Diese Dreiteilung ist auch für die Gliederung der Rede ein durchaus brauchbares und bewährtes Ordnungsprinzip. Wer dieses Gliederungsschema befolgt und sich außerdem daran erinnert, daß Einfachheit, Klarheit und Kürze das beste Fundament der wirkungsvollen Rede bilden, wird seinen Vortrag stets im rechten Sinne aufbauen.

Das bestätigt auch Richard Wittsack, der in seinem 1935 erschienenen Buch "Lerne reden" die nachfolgende und nachahmenswerte Übersicht für die zweckmäßige Gliederung einer Rede zusammengestellt hat:

"Die Einleitung berührt die Frage: Warum spreche ich, was veranlaßt mich dazu?

Der Hauptteil geht

  1. auf die Zustände ein, die herrschten und augenblicklich zu beobachten sind, also auf das, was war und was ist, man setzt dann auseinander,

  2. was sein müßte,

    schlägt

  3. praktisch vor, wie die herrschenden Zustände geändert werden können.

Der Schluß fordert zur Tat auf, den vom Redner gewiesenen Weg zu beschreiten und so die Zustände zu ändern."

Die Disposition der Rede bedeutet Einteilung des gesamten Redestoffes in Einleitung, Hauptteil und Schluß. Bevor jedoch die wesentlichen Grundzüge dieser Redeteile, die man als die tragenden Säulen der logisch aufgebauten und wirkungsvollen Rede bezeichnen kann, im einzelnen behandelt und erörtert werden, sei es gestattet, auf zwei weitere Voraussetzungen für die Wirksamkeit einer Rede aufmerksam zu machen, die leider nicht immer die ihr gebührende Beachtung finden: Die Formulierung des Titels und der Anrede.

Ein ansprechender und werbekräftiger Titel ist eine unerläßliche Voraussetzung für die Wirkung der Rede. Deshalb sollte der Redner bei der Vorbereitung seiner Rede der Formulierung des Titels besondere Aufmerksamkeit widmen, zumal gerade der ausgewählte Titel oft darüber entscheidet, ob der Redner den Weg zu dem gewünschten Hörerkreis findet. Trotz aller werbepsychologischen Gesichtspunkte, die bei der Themenwahl im Vordergrund stehen, darf der Titel jedoch keine falschen Vorstellungen der Hörer erwecken. Der Hörer, dessen durch das Thema hervorgerufene Erwartungen nicht erfüllt werden, wird auch die beste Rede als Enttäuschung empfinden.

Für die Themenwahl, der besonders bei Parteiversammlungen, Bürgerversammlungen und ähnlichen Veranstaltungen eine entscheidende Bedeutung zukommt, ist ein kurzer, möglichst in die Form des Ausrufes oder der Fragestellung gekleideter Titel zu bevorzugen. So mag zum Beispiel das Vortragsthema "Schulhausneubau" sachlich nicht zu beanstanden sein. Wirkungsvoller wird dieses Thema zweifellos, wenn man die Form des Ausrufes wählt: "Mehr Schulen in unserer Gemeinde!" Noch werbekräftiger wird dagegen die Fragestellung: "Braucht unsere Gemeinde eine neue Schule?" Eine solche Frage wird den Hörer unmittelbar ansprechen und ihn für die Antwort des Redners interessieren.

Wahre Fundgruben für die richtige Themenauswahl liefern unsere Wahlkämpfe, da gerade in Wahlzeiten alle Register zur Erringung der Gunst der Wähler gezogen werden. Das zeigen die nachfolgenden Themenbeispiele:

"Warum X-Partei? – Was will die X-Partei? – Voran mit der X-Partei! Wir wählen X-Partei! – Die X-Partei ruft Altdorf! -Altdorf bleibt in guten Händen! – Altdorf – heute und morgen."

Besondere Sorgfalt sollte der Redner auch auf die Formulierung der Anrede verwenden, wobei auf die Zusammensetzung des Hörerkreises ebenso zu achten ist wie auf das Verhältnis des Redners zu seinem Publikum. Hat der Redner vor fremden Personen oder einem ihm nicht besonders nahestehenden Hörerkreis zu sprechen, so ist eine formelle Anrede zu wählen, wie: "Sehr verehrte Damen und Herren!" -"Geehrte oder verehrte Anwesende!" – "Meine Damen und Herren!".

Wird oder muß der Redner außerdem bestimmte Persönlichkeiten oder Gäste besonders begrüßen, so sollte er sie auch bei der Anrede vorweg namentlich ansprechen (z. B.: "Herr Minister, Herr Landrat, meine Damen und Herren!"). Ist der Kreis dieser Personen größer, so empfiehlt es sich die Namen der im einzelnen zu begrüßenden Gäste zu notieren oder aber zumindest allgemein mit einem höflichen Wort der Entschuldigung um Nachsicht für das Unterlassen einer namentlichen Begrüßung zu bitten. Man erspart dadurch manchen Ärger und die peinliche Situation, gerade die wichtigsten und bedeutsamsten (ganz zu schweigen von den empfindlichsten) Persönlichkeiten zu vergessen. Oscar Wilde hat einmal darauf hingewiesen, daß die Menschen nichts so sehr ärgert, wie wenn sie bei einer Einladung übergangen werden. Dies gilt auch für die Begrüßung, wenn hierbei bestimmte Personen übergangen werden. Nach dem sarkastischen Wort eines Kritikers erwarten die Zuhörer, wenn der Redner schon nicht reden kann, zumindest, daß er wenigstens anreden kann.

In der Reihenfolge der Begrüßung ist nach der sog. Behördenhierarchie im weltlichen und geistlichen Bereich vorzugehen, anwesende Abgeordnete des Bundestages oder der Landtage sind jedoch in jedem Falle vorweg zu erwähnen und zu begrüßen. Hat man trotz äußerster Sorgfalt jemanden aus dem Kreis der namentlich zu begrüßenden Gäste vergessen, so kann dies im Verlauf der Rede mit einer persönlichen Bemerkung nachgeholt werden (sog. verzögerte Anrede und Begrüßung). Der Hinweis, daß man sich im Leben häufig das Beste (in diesem Falle "die Besten") bis zum Schluß aufhebt, wird in aller Regel den anscheinend Vergessenen wieder aussöhnen. Auch eine vorsorgliche Entschuldigung kann sich durchaus als nützlich und wirksam erweisen: "Alle, die ich vergessen haben sollte, wollte ich eigentlich ganz besonders erwähnen."

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Ergebnis einer Repräsentativumfrage des Allensbacher Institutes für Demoskopie. Nach dem Ergebnis dieser Umfrage gefällt den Bundesdeutschen am besten die Anrede "Liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen", sie wird von nicht weniger als 54% der Befragten bevorzugt. Nur 4% haben sich dagegen für die Anrede "Bundesdeutsche" oder "Genossen" entschieden, wahrend gerade 1% gerne mit dem Wort "Volksgenosse" angesprochen werden möchte.

Steht der Redner mit seinen Hörern in einem vertrauten, kollegialen oder gar freundschaftlichen Verhältnis, wird in der Regel die Anrede "Meine lieben Freunde" oder "Liebe Kolleginnen und Kollegen" die richtige sein. Ebenso kann sich der Bürgermeister oder Gemeindedirektor unbesorgt die; Anrede "Meine lieben Bürger" bedienen, da diese Anrede im kommunalen Leben gebräuchlich und angebracht ist. Nicht zuletzt ist bei der Anrede, die man von Zeit zu Zeit auch einmal in die Rede einflechten sollte, zu beachten, daß sich bei besonderen Veranstaltungen wie Festreden oder Traueransprachen bestimmte Anreden eingebürgert haben (z. B. "Verehrte Versammlung", "Werte oder liebe Trauergemeinde") von denen bei solchen Anlässen stets Gebrauch gemacht werden kann.

Mit der Begrüßung der Anwesenden ist der Redner bei dem ersten wichtigen Teil der Rede, der Einleitung, angekommen, mit der sich der Redner seinen Hörern vorstellt und die in kurzen Sätzen, ruhig und verhalten gesprochen werden sollte. Auf der Suche nach den ersten Worten wird gerne das Wetter als Anknüpfungspunkt verwendet: "Ich freue mich, daß Sie trotz des kalten Winterwetters. . ." oder ". . . trotz des herrlichen Frühlingsabends der Einladung gefolgt sind". Manche Redner ziehen einen Hinweis auf das abendliche und versäumte Fernsehprogramm vor, insbesondere wenn zur gleichen Zeit ein aktuelles und interessantes Programm gesendet wird (man denke nur an die Kriminalfolgen von Francis Durbridge!). Diese gebräuchlichen Redewendungen sind jedoch für den erfahrenen Redner durchaus entbehrlich. Dies gilt auch für die in amerikanischen Redeschulen immer wieder empfohlene Regel, daß am Anfang einer Rede nach Möglichkeit ein Witz stehen sollte.

Es genügt vollauf, nach der Anrede einen sachlichen Ausgangspunkt in den Vordergrund zu stellen, wobei man nach Möglichkeit an ein aktuelles, mit dem Redethema in Verbindung stehenden Ereignis anknüpfen sollte. Wer Presse und Rundfunk aufmerksam verfolgt, wird einen solchen Ausgangspunkt ohne besondere Mühe finden. Oft kann schon eine kurze Unterhaltung mit einem Zuhörer oder, bei einem Vortrag in einem fremden Orte, ein kleiner Spaziergang vor der Rede wertvolle Anregungen vermitteln. So pflegte ein bekannter Versammlungsredner vor jedem Auftritt in der Öffentlichkeit kurze Zeit durch die Straßen der Stadt zu gehen, um die dabei gewonnenen Eindrücke am Beginn seiner Rede zu verwerten. Wenn sich trotz dieser Bemühungen ein aktueller Ausgangspunkt nicht finden läßt und auf ein persönliches Erlebnis oder gar eine passende Anekdote nicht zurückgegriffen werden kann, verbleibt immer noch die Möglichkeit, von allgemeinen Betrachtungen auszugehen und damit auf das eigentliche Thema überzuleiten.

Die Rhetoriklehre hat zur Vermeidung abgegriffener Einleitungsfloskeln vier wirkungsvolle Einleitungsmethoden herausgearbeitet, die ohne Einschränkung empfohlen werden können und in allen Fällen einen geeigneten Einstieg in das Thema ermöglichen:

  1. Die Vorspanntechnik: Sie besteht darin, daß man eine nette Anekdote, ein Erlebnis oder eine Pointe an den Anfang der Rede stellt. Sie entspricht dem amerikanischen "Hallo-Effekt".

  2. Die Aufhängertechnik: Sie besteht darin, daß der Vorspann unmittelbar zu dem Hauptthema überleitet und mit ihm in Verbindung gebracht wird.

  3. Die Denkreiztechnik: Diese Technik, die oft am wirksamsten ist, beginnt mit einer oder mehreren provozierenden Fragen an die Zuhörer. Dabei kann man den Themenkreis gleichzeitig durch zwei entgegengesetzte Fragen umreißen, indem man für jede der möglichen Meinungen eine gezielte Frage aufwirft.

  4. Die Direkttechnik, die darin besteht, daß man direkt zum Thema überleitet. Diese einfachste Form der Einleitung ist allerdings nur dann zu empfehlen, wenn das Thema allgemein bekannt ist und keiner weiteren Einführung bedarf.

Obgleich die Einleitung in erster Linie der Ankündigung des Redethemas dient, sollte der Redner niemals übersehen, daß die einleitenden Worte auch für die Kontaktaufnahme zu dem Hörerkreis eine besondere Bedeutung haben. Schon Damaschke hat in seiner Anleitung zur Redekunst an den Ausspruch Goethes erinnert: "Wenn man das erste Knopfloch verfehlt, kommt man mit dem ganzen Zuknöpfen nicht zustande." Wer zu seinem Hörerkreis das rechte Verhältnis gewinnen will, muß daher schon bei der Einleitung das Wohlwollen und die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu gewinnen suchen.

Die Einleitung ist gewissermaßen ein Kopplungsmanöver, mit dem sich der Redner Vertrauen auf Vorschuß erwirbt und auf sich aufmerksam macht. Damit hat die Einleitung auch einen psychologischen Effekt, da sie Atmosphäre schaffen soll. In den Redeschulen der Werbebranche wird dabei die Anwendung der sog. AAA-Technik (Anders-Als-Andere) zur wirksamen Auftrittstechnik empfohlen. Dies ist für die Redepraxis im politischen Bereich nicht unbedingt erforderlich. Dagegen sollte man auch hier eine "negative" Einleitung vermeiden. Ein Negativ-Attest (ich bin kein Redner) ist ebenso ungeeignet wie die Verärgerung über den schwachen Besuch der Veranstaltung, die sich bei den erschienenen Zuhörern zudem an die falsche Adresse richtet. Deshalb sollte man bei der Einleitung unter allen Umständen vermeiden, das atmosphärische Vorfeld einer Rede mit Negativ-Effekten zu belasten, die Entkränkungskur der davon betroffenen Zuhörer dauert in aller Regel recht lange und kann den Redner von vornherein um den Erfolg seiner Rede bringen.

Das Thema, das der Redner mit der Einleitung angekündigt hat, muß in dem Hauptteil klar und folgerichtig behandelt werden. Dieser Aufgabe kann der Redner aber nur dann gerecht werden, wenn auch der Hauptteil in sich übersichtlich geordnet und gegliedert ist. Manche Redner weisen ihre Zuhörer ausdrücklich auf die gewählte Gliederung des Redestoffes hin, was sich zwar bei der Behandlung eines schwierigen und umfangreichen Themenkreises empfehlen kann, im übrigen jedoch nicht unbedingt erforderlich ist. So kann auch das Beispiel von Ludwig Thoma nicht zur Nachahmung empfohlen werden, der eine seiner berühmten Reden damit begann, daß sich seine Rede in 12 Teile aufgliedert und er zunächst mit dem Teil 1 beginnen wird.

Die zweckmäßige Gliederung des Hauptteiles wird sich bei bestimmten Themen von selbst ergeben. Hat zum Beispiel der Redner über das "Für und Wider" einer kommunalen Einrichtung zu referieren, wird er zunächst für und gegen die Einrichtung sprechenden Gründe aufzeigen, sodann einzelnen Argumente und Gegenargumente gegeneinander abwägen und schließlich die gewichtigeren Gründe hervorheben, um auf diese Weise zu einem abschließenden Ergebnis zu gelangen. Auch bei der zeitlichen Betrachtung eines Redethemas treten in der Regel keine besonderen Schwierigkeiten auf. So führt das Thema "Unsere Stadt – gestern und heute" zwangsläufig zu einer Gliederung des Redestoffes in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wobei der Ausblick in die zukünftige Entwicklung den die Rede beherrschenden Zwecksatz aufzeigen soll. Wo sich Herausstellen des Gegensatzes oder der zeitliche Ablauf zur Aufgliederung des Redestoffes als ungeeignet erweist, muß der Hauptteil nach den Grundsätzen der Logik aufgebaut und geordnet werden. Ein allgemeiner Grundsatz der Logik ist die aus dem Kausalzusammenhang abgeleitete Gedankenkenkette von Erscheinungsbild, Ursache und Zweck. Wer die gegenwärtige Situation richtig zu erfassen vermag, wird auch die Ursachen dieser Erscheinungsformen erkennen und daraus den Zweck, das heißt den zu erstrebenden Endzustand, ableiten können. Diese Glieder der Gedankenkette ergeben, folgerichtig aneinandergereiht, eine für den Hauptteil der Rede brauchbare und geeignete Disposition, wie auch das am Schluß dieses Abschnittes dargestellte Redeschema veranschaulicht.

Aus der Anwendung dieser logischen Aufbauregel ergibt sich die sog. "Redepartitur", die für den Aufbau und die Gliederung des Hauptteiles der Rede folgendes Schema festlegt:

  1. Erscheinungsbild oder Ist-Zustand:

    An dieser Stelle sollte der Redner all das darlegen, was ihm Verstand, Gefühl und Wissen zu dem vorgegebenen Thema liefern.

  2. Ursachen:

    Hier hat der Redner eine Antwort darauf zu geben, was zu dem Erscheinungsbild geführt hat und warum es dazu gekommen ist.

  3. Zweck und Ziel:

    An dieser Stelle wird zum Abschluß des Hauptteiles von dem Redner eine Antwort darauf erwartet, was nach seiner Ansicht zur Änderung der Verhältnisse oder zur Lösung der Problematik getan werden muß und wie dies im einzelnen nach seiner Auffassung geschehen kann.

Dem Grundsatz der Logik entspricht es auch, wenn der Redner bei der Disposition des Hauptteiles zunächst von einer umfassenden Betrachtung des Redestoffes ausgeht. Nach diesem zweiten Ordnungsschema das in der einschlägigen Literatur vereinzelt empfohlen wird, schließt sich an den Gesamtüberblick eine Zergliederung des Redestoffes an, wobei die wesentlichsten Einzelheiten nach und nach behandelt und herausgestellt werden. Diese Einzelheiten werden sodann zu einem Ergebnis und der von dem Redner beabsichtigten Beweisführung zusammengefaßt.

Üblich und durchaus empfehlenswert ist schließlich die sog. 5-SatzMethode, die von vielen Rednern angewendet wird. Nach der möglichst interessanten Formulierung des Themas wird den Hörern zunächst eine Tatsache vorgelegt, die das Thema veranschaulicht und aus der sich die verschiedenen Meinungen, auch Teilsätze oder Teilzwecksätze genannt, entwickeln lassen. Danach führt der Redner aus, was aus der Tatsache folgt, wobei sich in der Regel zwei Folgerungen, gewissermaßen als These und Antithese, ergeben. Dieser Gegenüberstellung folgt sodann der Zielsatz oder das Fazit als wesentlicher Punkt der Rede. Diese Methode hat den Vorteil, daß der Redner seine Meinung nicht zu beweisen braucht, er kann sich darauf beschränken, die Gegenargumente aufzuzeigen und zu widerlegen. Deshalb wird die 5-Satz-Methode von vielen Rednern und Redeanleitungen bevorzugt und zur praktischen Anwendung empfohlen.

Unabhängig von der Wahl des Ordnungsschemas muß der Hauptteil stets erkennen lassen, welchen Zweck der Redner mit seinen Ausführungen verfolgt. Die Frage "Was will der Redner erreichen?" muß das eigentliche Leitmotiv jeden Vortrages bilden. Der Redner, dem es zudem noch gelingt, durch eine ständige Steigerung der einzelnen Argumente und Redephasen die Aufmerksamkeit und die Spannung der Zuhörer bis zum Schluß seiner Ausführungen zu erhalten und zu steigern, wird den Hauptteil zu einem wirklichen und eindrucksvollen Kernstück seiner Rede gestalten, um deren Erfolg er nicht zu bangen braucht.

Wenn auch der Hauptteil das Kernstück einer Rede bildet, so darf der nachfolgende Schlußteil, der gewissermaßen die Verabschiedung des Redners darstellt, unter keinen Umständen vernachlässigt werden. Er ist von entscheidender Bedeutung für den Erfolg einer Rede, da er den Hörern die letzten, bestimmenden und nachhaltigsten Eindrücke vermittelt. Schon oft hat ein wirkungsvoller Schluß eine mäßige Rede aufgewertet, während ein schlechter Schluß den Erfolg einer an sich recht brauchbaren Redeleistung in Frage stellen kann. Aus diesem Grunde wird der Schlußteil von manchen Lehrern der Redekunst als der wichtigste Redeteil angesehen.

Der von dem Hauptteil klar abzugrenzende Schluß, zu dem der Redner mit einer entsprechenden Redewendung überleiten sollte, muß stets kurz, prägnant und nachhaltig gestaltet werden. Er muß sich unmittelbar an den Hörer wenden und eine klare, eindringliche Aussage enthalten. Vielfach kann die beabsichtigte Wirkung mit Hilfe eines einprägsamen Schlagwortes erzielt werden. Daneben hat sich der mit dem Wort "Möge..." eingeleitete Schlußsatz in der Praxis ebenso bewährt wie der Abschluß in Form eines Appelles an die Zuhörer, in Zukunft in einem bestimmten Sinne zu handeln. Zweifellos kann auch ein passendes Zitat zu einem wirkungsvollen Abschluß der Rede verwendet werden, wenn es geschickt ausgewählt, treffend und nicht allzu abgegriffen ist.

Um die nachhaltige Wirkung des Schlusses unter allen Umständen zu gewährleisten empfiehlt es sich, selbst bei der freigesprochenen Rede den Schlußsatz oder gar die letzten Sätze der Rede wörtlich festzulegen. Diese Vorsichtsmaßnahme hat nicht nur nervösen oder abgespannten Rednern, sondern auch manchem bewährten Redepraktiker zu einem erfolgreichen Abschluß einer "Redeschlacht" verholfen.

Im Zusammenhang mit dem Schluß der Rede muß noch auf zwei immer wiedevorkommende Fehler hingewiesen werden. So gibt es Redner, die ihren Vortrag, gewissermaßen ohne sich von ihren Hörern zu verabschieden, abrupt und unvermittelt abschließen. Ein solch bestürzender Redeabschluß ist ebensowenig zu empfehlen wie der "Schluß ohne Ende". "Ein Ende ohne Schluß ist nicht gut, aber ein Schluß ohne Ende ist entsetzlich", sagt Hans Patocka in seinem bekannten Buch "Die Kunst der Rede". Das gilt nicht nur für den am Ende seiner Beherrschung angelangten Zuhörer, sondern in gleicher Weise auch für den Redner, der sich durch ein solches Verhalten um die Gunst der Hörer und damit um den Erfolg seiner Rede bringen kann.

Dispositionsschema1 für die Rede eines Gemeindebeamten vor der Gemeindevertretung über das Thema "Der Neubau unserer Volksschule"

Anrede:

Herr Bürgermeister (Herr Gemeindedirektor), meine Damen und Herren!

Einleitung:

Kurze Schilderung eines Besuches in der alten Volksschule und der dabei festgestellten Mängel und Verhältnisse.

Hauptteil:

  1. Erscheinungsbild:

    1. Verwaltungsmäßige Vorbehandlung des Bauprojektes

    2. Der Stand der Planungsarbeiten

    3. Städtebauliche Probleme, Standortfrage

    4. Schwierigkeiten der Grundstücksbeschaffung

    5. Finanzierung mit Zuschuß des Landes

  2. Ursachen:

    1. Schulraumnot, wachsende Schülerzahlen

    2. Unzulänglichkeiten der bestehenden Verhältnisse

    3. Notwendigkeit moderner Schuleinrichtungen

    4. Vergleich mit den Bildungsstätten in den Nachbargemeinden

    5. Schulpolitische Forderungen unserer Zeit

  3. Zweck:

    1. Behebung der Schulraumnot

    2. Kulturelles Ansehen der Stadt

    3. Wert neuzeitlicher pädagogischer Einrichtungen

    4. Verantwortung gegenüber der heranwachsenden Generation

Schluß

Schulbau als zwingende Notwendigkeit.

Verantwortung und Aufgeschlossenheit der Gemeinderäte

Schlußzitat: "Geld in Schulen angelegt, ist Geld, das die besten Zinsen trägt."

Schriftliche Ausarbeitung, Stichwortzettel oder freie Rede

"Eine Rede ist keine Schreibe". Dieses bekannte Wort des deutschen Philosophen Friedrich Theodor Vischer gilt nicht nur für den Inhalt einer Rede. Es gilt auch für die rhetorische Darstellung, denn ein mehr oder minder guter Vorleser ist noch lange kein guter Redner. Wohl ein jeder von uns kennt aus eigenem Erleben die bedrückende Atmosphäre, die ein an einem dicken Manuskript klebender Redner heraufbeschwört. Eine solche Vorlesung ist für den Redner nur in den seltensten Fällen ein Gewinn. Sie wirkt störend, leblos, unpersönlich und langweilig. Sie wird deshalb auch von den meisten Hörern abgelehnt. Das hat schon Kurt Tucholsky mit beißender Ironie charakterisiert, indem er dem vermeintlichen Redekünstler empfiehlt: "Am besten ist es, du liest deine Rede ab. Das ist sicher, zuverlässig! Auch freut es jedermann, wenn der lesende Redner nach jedem viertel Satz mißtrauisch hochblickt, ob auch noch alle da sind."

Zudem sollte kein Redner außer acht lassen, daß Manuskriptblätter recht heimtückisch sein können. Schon mancher Redner hat mit "fliegenden Blättern" oder vergessenen und vertauschten Seiten schlechte Erfahrungen gemacht, zumal am Rednerpult keine Zeit zum Suchen oder Ordnen der Manuskriptseiten verbleibt.

Abgesehen von den seltenen Anlässen, bei denen jedes Wort einer wissenschaftlichen oder politischen Rede auf die Goldwaage gelegt werden muß, sollte das Ablesen möglichst vermieden und selbst das sorgfältig ausgearbeitete Referat durch die freie Redeweise belebt werden. Damit wird auch von dem weniger erfahrenen Redner nichts Unmögliches verlangt. Denn die gründliche Vorbereitung einer Rede gibt genug Sicherheit und Freiheit, einen auf einem Merkzettel notierten Gedanken in Worte zu kleiden und frei und überzeugend zu äußern.

Diese zweite Form der öffentlichen Rede, der Vortrag nach dem Stichwortkonzept, wird den Bedürfnissen der Redepraxis am besten gerecht. Sie läßt dem Redner die erforderliche Freiheit und gibt ihm trotzdem ein beruhigendes Gefühl der Sicherheit, das durch den Umfang der Stichwortnotizen je nach Bedarf und nach dem Reifegrad des Redners dosiert werden kann. So wird der angehende Redner sein Stichwortkonzept möglichst lückenlos gestalten. Mit zunehmender Redeerfahrung wird er sich dagegen auf das Festhalten der wesentlichsten Gedankengänge beschränken. Ein anschauliches Beispiel für die meisterliche Handhabung der Stichwortrede ist die bekannte Düsseldorfer Verteidigungsrede von Ferdinand Lassalle aus dem Jahre 1864, die sowohl in dem 21 Merkzettel umfassenden Konzept als auch in ihrem endgültigen Wortlaut erhalten ist. Die Gegenüberstellung zweier Redephasen aus dem ausführlichen Anfangsteil und dem kürzer gehaltenen Schlußteil mag den Unterschied zwischen einem Stichwortkonzept und dem endgültigen Redetext verdeutlichen:

Redekonzept

Richter nicht der polit. Leidenschaft. Schwer, in polit. angeregter Zeit. Immer Mensch. Wenn ich also auch milde und menschlich genug, um es wenigstens entschuldbar zu finden, wenn der Richter der polit. Stimmg. und Leidenschaft gewissen Raum in seiner Brust nicht entziehen kann, so gibt es doch hierfür Grenzen.

Redetext

Die politische Leidenschaft soll diesen Räumen nicht nahen, der Richter soll – diese Forderung stellt das Gesetz an ihr Amt, an Sie – keinen Raum geben in seiner Brust der politischen Stimmung. Es ist dies schwer in einer politisch angeregten Zeit, denn der Richter bleibt immer ein Mensch. Wenn ich also auch milde und menschlich genug bin, um es wenigstens entschuldbar zu finden, wenn der Richter der politischen Stimmung und Leidenschaft in seiner Brust einen gewissen Raum nicht entziehen kann, so gibt es doch hierfür Grenzen.

Redekonzept

Eulenberg (Buchdrucker) "tritt diese wichtige Frage an uns heran".

Redetext

Der Minister Graf zu Eulenberg hat vor kurzem einer Buchdruckerdeputation, die um das Koalitionsrecht petitionierend bei ihm war, gesagt: "Von allen Seiten tritt die so wichtige Arbeiterfrage an uns heran", und es werde nichts übrig bleiben, als durch Gesetzesvorschläge an den gesetzgebenden Körper ihre Lösung zu versuchen.

Bei der Anfertigung der Stichwortzettel, die das Ergebnis der Stoffsammlung und damit den Grundriß der Rede enthalten, sind einige technische Hinweise zu beachten, die sich in der Praxis vielfach bewährt haben. Zunächst empfiehlt es sich, für die Stichwortnotizen einzelne Merkzettel zu verwenden, die in jeder Tasche untergebracht werden können. Von diesen Blättern, die man durchgehend numeriert, wird zur Vermeidung des Umblätterns nur die Vorderseite beschrieben. Die gewünschte und erforderliche Übersichtlichkeit kann durch Unterstreichen, Einrücken oder Verwendung von Buntstiften erreicht werden.

Auf diesen Merkzetteln sind jedoch die Einleitungs- und Schlußsätze wörtlich festzulegen, wodurch die Sorge, den rechten Anfang oder Abschluß zu finden, von vornherein ausgeschlossen wird. Die eigentliche Rede wird dagegen in bloßen Stichworten notiert, indem man von jedem Satz oder Abschnitt das wichtigste Wort festhält. Diese Stichwortvorbereitung läßt dem Redner für die endgültige Formulierung freie Hand, ohne daß das gedankliche Gerüst der Rede in Gefahr gerät. Schon nach dem ersten Versuch, die durch die Stichworte skizzierten Sätze sprachlich einwandfrei zu gestalten, wird der Redner die zunehmende Beherrschung der Gedankengänge feststellen können. Aber auch dann bleibt das sorgfältig vorbereitete Stichwortkonzept ein bewährtes Beruhigungsmittel, das allein durch seine Existenz dem Redner das Gefühl der absoluten Sicherheit verleiht. So berichtet Carlo Schmid von dem langjährigen SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher: "Er hatte immer ein Manuskript vor sich liegen, aber ich habe es nie erlebt, daß er abgelesen hätte. Immer sprach er über das Geschriebene hinweg, aus der Eingebung des Augenblicks heraus, aber diese Eingebung war nie freischwebend und war nie unkontrolliert: Sie war gewissermaßen die Melodie auf dem Akkord, der auf dem Manuskript verzeichnet stand."

Die Krönung der Redekunst ist zweifellos die freie Rede. Bei größeren Reden werden jedoch selbst erfahrene Redner nur selten gänzlich ohne Stichworte auskommen, auch wenn diese nicht oder nur selten zu Rate gezogen werden. Das Stichwortkonzept ist mit dem Souffleur vergleichbar, der für besondere Situationen und Engpässe das geeignete Stichwort bereithält. Dagegen bedeutet es für den geübten Redner geradezu eine Selbstverständlichkeit, die verschiedenen Redeanlässe des täglichen Lebens mit der freien und überzeugenden Rede zu meistern. Dafür genügt in der Regel schon eine kurze gedankliche Vorbereitung und die rechte Einstellung zu dem Hörerkreis. Die passenden Worte ergeben sich dann von selbst. Sie sind ein Ausfluß der mit den Grundzügen der Redekunst vertrauten Persönlichkeit. Wer auf diese Weise anfänglich nur eine kurze Rede zustande bringt, sollte sich dadurch nicht entmutigen lassen. Mit zunehmender Übung und Erfahrung wächst auch die Fähigkeit, umfangreichere Redestoffe in Form der freien Rede zu behandeln, denn, um es mit den Worten des englischen Staatsmannes William Pitt auszudrücken: "Wenn mein Geist von einer Sache voll ist, so läuft er sicher über, sobald ich auf meinen Füßen stehe."

So wird der geübte Redner auch ohne Schwierigkeiten in der Lage sein, zu passenden Anlässen eine sog. Stegreifrede, d. h. eine Rede ohne besondere Vorbereitung und aus der Augenblickssituation, zu halten. Solche Stegreifreden können besonders wirkungsvoll sein, da der Redner damit anzeigt, wortgewandt, schlagkräftig und geistesgegenwärtig zu sein. Aus diesem Grunde versuchen manche Redner den Eindruck zu erwecken, daß sie völlig unvorbereitet ans Rednerpult treten, selbst wenn sie sich auf ihren Auftritt sorgfältig vorbereitet haben. Winston Churchill hat offen und ehrlich eingeräumt, daß gerade seine spontan gehaltenen improvisierten Reden am meisten Vorbereitung gekostet haben.

Dieser kleine Show-Effekt mag dem Redner nachgesehen werden, denn entscheidend für den Redner und die Rede ist immer der Erfolg. Dies gilt auch für das sog. Statement, einer besonderen Form der Stegreifrede, bei dem der Redner seinen Standpunkt zu einem bestimmten Sachverhalt zu vertreten hat. Mit den drei folgenden Bausteinen und Aufbau-Elementen des Statements

ist der geübte Redner immer in der Lage, ein passendes und wirkungsvolles Statement prägnant und überzeugend abzugeben.

Die gedankliche Vorbereitung, die auch der freien Rede vorhergeht, darf jedoch nicht mit dem Auswendiglernen einer Rede verwechselt werden. Das mühevolle Auswendiglernen einer Rede ist nicht nur des wahren Redners unwürdig, es führt auch zur Unsicherheit und ist damit die häufigste Ursache für das peinliche Steckenbleiben des Redners. Wer glaubt, der Furcht, den Faden zu verlieren, nicht Herr werden zu können, bemühe sich unermüdlich um die Überwindung der Redeangst. Bis dieses Ziel erreicht ist, sollte der Redner vertrauensvoll zum Stichwortzettel greifen, der selbst bei vorsorglicher Aufbewahrung in der Rocktasche vor einem rednerischen Schiffbruch bewahrt.

Gegenüberstellung von Stichwortkonzept und Redetext

(dargestellt an dem Schlußteil des Vortrages "Der Neubau unserer Volksschule")

Stichwortkonzept

Schulbau ist zwingende Notwendigkeit,

Forderung unserer Zeit, Bedeutung einer guten Ausbildung,

Verantwortung und Aufgeschlossenheit des Gemeinderates.

Redetext

Der Neubau einer Volksschule ist zu einer zwingenden Notwendigkeit für unsere Stadt und ihre Bürger geworden. Auch in unserer Stadt entspricht der Bau neuer Schulen einer unabdingbaren Forderung unserer Zeit. Eine gute Ausbildung, die nun einmal moderne Bildungsstätten erfordert, ist eine unerläßliche Vorarbeit für eine gedeihliche Zukunft unseres Volkes. Denn der Fortschritt eines Volkes ist nur insoweit gegeben, als der Fortschritt in der Bildung, Heranbildung und Ausbildung der heranwachsenden Generation reicht. Ich bin überzeugt, daß Sie sich, meine Damen und Herrn des Rates, auch bei der Entscheidung in der Frage des Volksschulneubaues Ihrer besonderen Verantwortung für unsere Jugend bewußt sein werden und sich ihr nicht entziehen. Wenn es um die Zukunft unserer Jugend geht, müssen alle Bedenken und Schwierigkeiten zurücktreten.

Schlußsätze

(werden wörtlich im Stichwortkonzept festgehalten):

"Denn die Jugend von heute sind unsere Bürger von morgen, in deren Hände wir das Schicksal unseres Volkes und unserer Stadt legen. Lassen Sie uns dafür sorgen, daß auch unsere Zukunft in guten Händen liegt, und erinnern wir uns der weisen Worte: 'Geld, für Schulen angelegt, ist Geld, das die besten Zinsen trägt'."

4. Der Redner in der Öffentlichkeit

Auftreten und Haltung des Redners

Der Redner wirkt nicht nur durch seine Rede, sondern auch durch sein Auftreten. In gewissem Sinne ist jede Rede ein Show-Geschäft, jeder Redner ein Augenmensch, der durch sein äußeres Erscheinungsbild vor den kritischen Blicken seiner Zuhörer bestehen muß.

Deshalb muß zur Redekunst auch die Beredsamkeit des Körpers hinzutreten, die zu einer besonderen Wissenschaft, der Kinesik (d. h. das Sprechen ohne Worte), geworden ist. Wer seinen Zuhörern mit einem ständigen Griff zum Wasserglas eine Brunnenkur demonstriert, mit einem ängstlichen Blick zur Decke die Funktionsfähigkeit des Kronleuchters kontrolliert oder auf andere Weise ständig seine Unsicherheit offenbart, vermag mit seiner Haltung kaum zu überzeugen und Sympathie zu gewinnen.

Gar mancher Redner tritt so schüchtern und zaghaft an das Rednerpult, daß man ihm mit den Worten Martin Luthers zurufen möchte: "Tritt fest auf, mach's Maul auf, hör' bald auf."

Dieser volkstümliche Ausspruch enthält zwei elementare Grundsätze der Redetechnik: Die Kürze und Bestimmtheit des Vortrages. Diese beiden Grundsätze gelten aber nicht nur für die Redeweise, sondern in gleicher Weise auch für das Auftreten des Redners. Wer als Redner in der Öffentlichkeit auftritt, muß sich stets bewußt sein, daß er nicht nur Zuhörer, sondern auch Zuschauer hat. Deshalb darf die äußere Erscheinung des Redners nicht vernachlässigt werden. Eine sorgfältige, korrekte und unauffällige Kleidung sollten eigentlich für den Redner ebenso eine Selbstverständlichkeit sein wie eine aufrechte und ungezwungene Haltung. Dennoch wird gerade die letztgenannte Forderung häufig mißachtet. Viele Redner scheinen an "rednerischen Haltungsschäden" zu leiden. Während der eine durch Aufstützen der Ellenbogen die Haltbarkeit des Rednerpultes erprobt, bleibt der andere unablässig bemüht, durch das Spielen mit einem Gegenstand, dem Klappern mit dem Hausschlüssel, durch ständiges Achselzucken oder andere nervöse Körperbewegungen seine Verlegenheit kundzutun. Ein Dritter erblickt die bestimmungsgemäße Verwendung seiner Brille in einem dauernden Auf- und Absetzen. Und schließlich bleiben die Hände, deren Unterbringung unüberwindbare Schwierigkeiten bereitet, es sei denn, daß sie schon zu Beginn des Vortrages in den Hosentaschen verschwunden sind. All diese Angewohnheiten lassen sich vermeiden, wenn man sich bewußt ist und erkannt hat, daß auch die Haltung des Redners für den Erfolg der Rede entscheidend ist. Derjenige Redner, der durch die Haltung auf seine Hörer einwirken will, steht frei am Rednerpult, läßt die Hände ungezwungen herabhängen und den Blick durch den Raum gleiten, wobei sich jeder Zuhörer angesehen fühlen soll. Wer seine Hände dabei nicht unter Kontrolle zu bringen vermag, lege sie am besten leicht auf das Rednerpult. Auch wer sie ungezwungen in die seitliche Jackentasche schiebt, wird, ebenso wie der frühere amerikanische Präsident J.F. Kennedy, mit der Nachsicht seiner Zuhörer rechnen dürfen.

Wenn auch der Redner in der Regel während seines Vortrages mit seinen Händen nichts Rechtes anzufangen weiß, so sind doch gerade die Hände für die Vortragsgestaltung nicht gänzlich überflüssig. Sie sind neben den Augen das wichtigste Hilfsmittel für die Gestik, das heißt für die "körperliche Beredsamkeit", mit der der gute Redner seine Argumente unterstreicht und damit den Vortrag lebendig gestaltet. Für die Gestik gilt der allgemeine Grundsatz, daß sie nur dann ihre volle Wirkung entfaltet, wenn sie sparsam und unaufdringlich angewendet wird. Wer mit besonderer Vitalität und Temperament gesegnet ist, sollte wenigstens nach außen hin die Ruhe bewahren. Denn der Redner ist kein Schauspieler. Und ebensowenig wie Chruschtschow bei seiner Rede vor der UNO mit dem Trommeln seines Schuhes auf dem Podium seine Hörer überzeugen konnte, wird eine allzu lebhafte Gestik die fehlende Überzeugungskraft der Argumente ersetzen. Dagegen verfehlt die nicht übertriebene und einfache Geste selten ihre Wirkung auf den Zuhörer, was schon Shakespeare mit den treffenden Worten ausgedrückt hat: "Paßt die Gebärde dem Wort, das Wort der Gebärde an, wobei ihr sonderlich darauf achten müßt, niemals die Bescheidenheit der Natur zu mißachten."

Für Gestik und Mimik sind daher drei Grundsätze zu beachten: Gepflegte Unauffälligkeit, gesundes Selbstbewußtsein und mitreißende Aktivität. Dagegen ist eine Schauspiel- oder Theateratmosphäre ebenso zu vermeiden wie das stereotype und gewohnheitsmäßige Lächeln, das viele Redner nach der Regel "keep smiling" zur Schau tragen. Mit Hilfe der Spiegelkontrolle, die kein werdender Redner versäumen sollte, lassen sich störende Angewohnheiten ohne große Mühe beseitigen.

Dabei sollte der Redner im besonderen auf drei immer wiederkehrende Fehler achten, die den wirkungsvollen Einsatz der Gestik gefährden:

  1. Die Gestik darf sich in keinem Falle auf bloße Sprach-Rhythmus-Bewegungen beschränken. Die Betonung einzelner Vor- oder Nachsilben ist ebenso zu vermeiden wie das Unterstreichen bestimmter Wörter oder Satzteile durch unkontrollierte Gestik. Solche Bewegungen werden vom Zuhörer nicht als Körpermotorik, sondern allenfalls als Verlegenheit und Nervosität gewertet.

  2. Die Gestik muß den Wörtern und Aussagen, die man besonders unterstreichen will, stets vorlaufen oder zumindest synchron mit der Aussage verlaufen. Ein Nachziehen der Gestik verfehlt seine Wirkung und wirkt lächerlich. Wenn der Mund schweigt, bedeutet dies gleichzeitig ein Pausezeichen für Mimik und Gestik.

  3. Die Gestik ist als Botschaft des Körpers nur dann wirkungsvoll, wenn die Hände und Arme oberhalb der Hüfte agieren. Deshalb darf die Gestik nicht mit herabhängenden Armen eingesetzt werden. Die Körpermotorik vermittelt nur dann wirksame Botschaften, wenn sich das Sprechen ohne Worte im Gesichtskreis von Redner und Zuhörer abspielt.

Diese gebräuchlichen Unarten der körperlichen Beredsamkeit sollten unter allen Umständen unterbleiben, da sie, wie man mit der Spiegelkontrolle unschwer erkennen kann, ungeeignet sind, die gewollte Wirkung zu erzielen.

Die Körpersprache ist nicht nur ein wichtiger Teil der Rednerschulung und ein unverzichtbares Hilfsmittel für den überzeugenden Redner, sie hat als Ausdrucksmittel der nicht verbalen Kommunikation auch besondere Bedeutung im Begegnungsfeld von Mensch zu Mensch. Mit den Verhaltensmustern der Körpersprache hat sich gerade in jüngster Zeit die sog. Kinesik als Wissenschaft der nicht verbalen Kommunikation beschäftigt und zu wichtigen Erkenntnissen geführt. Für eine erfolgreiche Gesprächsführung ist es unerläßlich, sich mit den Grundlagen der Kinesik, die den Körper als Ausdrucksfeld und Instrument der Kommunikation entdeckt hat und die Verhaltensbeobachtung als Teil der Gesprächsstrategie analysiert, zu beschäftigen. Sie bieten dem erfahrenen Redner nicht nur eine Fülle neuer und wirksamer Ausdrucksmöglichkeiten, sie erleichtern auch die Gesprächsführung durch das bessere Erkennen und Bewerten der Partnersignale. Denn Worte können lügen, Botschaften und Signale des Körpers können dies nicht. Auch deshalb ist das Studium der Körpersprache, für das eine Reihe fundierter Sachbücher auf dem Büchermarkt erschienen sind (s. Literaturverzeichnis), ein wichtiger Teilbereich der rhetorischen Schulung und Praxis.

Anpassung an die räumlichen Verhältnisse

Eine Rede soll stets so vorgetragen werden, daß sie von allen Hörern vollständig und ohne Mühe verstanden wird. Diesem Grundsatz zu genügen, wird dem sprechgeübten Redner bei normalen Anlässen und einem nicht allzu großen Hörerkreis ohne besondere Schwierigkeiten möglich sein. Ausnahmsweise auftretende akustische Mängel können meist schon durch eine Umstellung des Rednerpultes und die Herstellung eines von diesem ausgehenden normalen Schallkegels behoben werden. Die eigentlichen Schwierigkeiten ergeben sich meist erst dann, wenn der Redner größere Rederäume erfassen und ausfüllen soll. Vielfach haben Redner eine Scheu vor großen Räumen. Während sie in kleinen Räumen klar und verständlich sprechen können, werden ihre Worte in größeren Räumen undeutlich und unverständlich. Die Nichtbeherrschung größerer Rederäume beruht in erster Linie auf einer mangelhaften Sprechtechnik, die durch eine Ausbildung der Stimme behoben werden kann. Die ausgebildete und geübte Stimme ist jederzeit in der Lage, auch größere Räume voll auszufüllen. Allerdings sind dabei einige Besonderheiten zu beachten, die sich in zwei Grundsätzen zusammenfassen lassen:

  1. Je größer die Zahl der Zuhörer, je größer der Raum und je schlechter die Akustik ist, um so lauter, langsamer und deutlicher muß der Redner sprechen.

  2. Bei der Rede in großen Räumen hat der Redner die Stärke seiner Stimme auf die am weitesten entfernten Zuhörer einzustellen, da nur auf diese Weise die Aufmerksamkeit des gesamten Hörerkreises erreicht werden kann.

Da die menschliche Stimme in der Regel jeden Rederaum zu erfassen vermag, sollte man nur in den seltensten Fällen ein Mikrophon zu Hilfe nehmen, zumal dieses technische Hilfsmittel vielfach den Ton verzerrt und die unmittelbare Verbindung zu der Hörerschaft beeinträchtigt. Wer sich jedoch dieses Hilfsmittels bedient, darf nicht außer acht lassen, daß das Sprechen durch ein Mikrophon anderen Regeln unterliegt als das normale Sprechen in größeren Räumen. Dies gilt vor allem für die Lautstärke, die der ein Mikrophon benützende Redner unbesorgt dem Lautsprecher überlassen kann. Um dieses nicht "zu erzürnen", spreche man stets mit normaler Stimme in das Mikrophon, zu dem zweckmäßigerweise während des Sprechens eine Entfernung von zwanzig bis dreißig Zentimeter eingehalten wird.

Die für größere Räume aufgestellte Forderung, laut, artikuliert und in verlangsamtem Sprechtempo zu reden, gilt auch für die Rede im Freien. Solche Reden sind heute zu einer Seltenheit geworden, da die "Redeschlachten" auch bei gutem Wetter gemeinhin im Saale stattfinden. Lediglich bei Trauerfeiern, Feierstunden, Massenkundgebungen und Sportfesten wird der Ort der Rede gelegentlich noch ins Freie verlagert. All diesen Anlässen, bei denen eine Rede im Freien gehalten wird, ist gemeinsam, daß die Worte stärker vom Gefühl als vom Verstand bestimmt sind, ein Umstand, dem der Redner durch eine vorwiegend vom Gefühl betonte und sich an das Gefühl der Zuhörer wendende Redeweise Rechnung tragen sollte.

Besondere Verhältnisse findet der Redner schließlich auch bei Lichtbildervorträgen vor, die sich in unserer Zeit zunehmender Beliebtheit erfreuen. Bei solchen demonstrativen Vorträgen sei sich der Vortragende stets bewußt, daß im Gegensatz zur normalen Rede nicht das Wort, sondern das Bild im Mittelpunkt der Darstellungen steht, da die optischen Eindrücke erfahrungsgemäß überwiegen. Wenn der Vortragende etwas Grundsätzliches zu sagen hat, so sollte dies vor dem Beginn der Vorführungen und vor dem Ausschalten der Beleuchtung geschehen. Im übrigen sollte sich der Redner auf eine Kommentierung der einzelnen Bilder oder Bilderserien beschränken, wobei einem leichten, verbindenden und amüsant gestalteten Text der Vorzug zu geben ist. Denn ein Bild spricht mehr als tausend Worte.

Das Verhältnis des Redners zu seinen Hörern

Der griechische Philosoph Aristoteles hat die Rede als eine Kunst, Glauben zu erwecken, bezeichnet. Wer Glauben erwecken, wer überzeugen will, muß aber selbst von dem überzeugt sein, was er spricht, und dieser inneren Überzeugung unter Einschaltung aller Mittel der rednerischen Vortragskunst Ausdruck verleihen. Denn nicht nur das, was der Redner spricht, sondern auch, wie er es spricht, ist entscheidend.

Die Wirkung einer Rede setzt das richtige Verhältnis, das heißt eine lebendige und von gegenseitiger Sympathie getragene Wechselwirkung zwischen Redner und Hörer voraus. Das erfordert einmal ein freies, sicheres und ungezwungenes Auftreten des Redners, der sich damit die rechte Plattform für den Erfolg seiner Rede schafft. Daneben vermeide man alles, was das Verhältnis zu der Hörerschaft zu trüben vermag. Der müde und nachlässige Redner wird ebensowenig wie der überhebliche den Weg zu seinen Hörern finden. Dem Lehrer mag der erhobene Zeigefinger und das Besserwissen noch nachgesehen werden, der Redner wird damit keine Sympathie erwerben. Auch der vielleicht begründete Ärger darüber, daß so wenige Zuhörer erschienen sind, ist keine Rechtfertigung für unfreundliche und vorwurfsvolle Worte. Oft wird der Redner gerade bei einem kleinen Zuhörerkreis, bei einem "andächtig lauschenden Häuflein Menschen" eine umso nachhaltigere und eindrucksvollere Wirkung erzielen. Ebensowenig darf die Anwesenheit politischer oder persönlicher Gegner zu Unfreundlichkeiten und Unsachlichkeiten verleiten. Die Achtung seiner Hörer ist ein zwingendes Gebot für jeden Redner, das auch in Ausnahmesituationen nicht außer Kraft treten darf.

Andererseits ist es für den Redner unerläßlich, sich schon vor Beginn seiner Rede über die Zusammensetzung des Hörerkreises zu informieren. Sowohl beim Sachvortrag wie bei der Meinungsrede muß sich der Redner auf den Bildungsstand und das geistige Fassungsvermögen seiner Hörer einstellen, um die rechte Darstellungsform zu finden. Während ein "intelligenter" Hörerkreis vom Redner ein Mitdenkenkönnen verlangt und auf geistreiche und brillante Formulierungen Wert legt, werden weniger gebildete Zuhörer eine anschauliche, kräftige und leicht verdaubare Redekost bevorzugen. Auch bei Beachtung dieser Unterschiede darf jedoch der Redner den festen Boden einer natürlichen Ausdrucksweise nicht verlassen, da diese den erfahrenen Redner stets die richtigen Worte finden läßt. Denn die klare und einfache Rede von Mensch zu Mensch ist die Brücke zu jedem Hörerkreis.

Wer die lebendige Wechselwirkung zwischen Redner und Hörer sucht, wird immer wieder feststellen können, daß die Hörerschaft oft die beste Lehrmeisterin des Redners ist. Deshalb gewöhne man sich daran, seine Zuhörer während des Vortrages aufmerksam zu beobachten. Wenn die Hörer ständig auf die Uhr schauen, wenn eine allgemeine Unaufmerksamkeit, Ungeduld und Unruhe festzustellen ist, dann ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, daß der Vortrag nicht mehr das genügende Interesse findet. In einem solchen Stadium der Rede sollte der Vortragende seinen Zuhörern zumindest mit einer humorvollen Redewendung Gelegenheit zu einem befreienden und erlösenden Lachen geben. Wenn dieses Aufmunterungsmittel versagt, wenn ein Hörer seine Uhr zur Überprüfung, ob sie in der Zwischenzeit nicht stehen geblieben ist, ans Ohr hält oder gar seinem Unbehagen auf andere Weise sichtbar und hörbar Ausdruck verleiht, ist es höchste Zeit für den Redner, sich kürzer zu fassen und ohne Verzögerung zum Schlusse zu kommen. Denn ohne die Aufmerksamkeit und Geduld der Hörer bleibt auch die beste Rede ohne Erfolg.

Ein kleines Kapitel Massenpsychologie

Wir leben in einem Zeitalter der Massen. Die kollektivistischen Regierungssysteme der östlichen Welt haben ebenso wie die Raumenge unseres Volkes das Massenzeitalter zu einer unbestreitbaren historischen Tatsache werden lassen. In einer solchen Zeit kann der Mensch nicht nur als Einzelwesen erfaßt und begriffen werden. Er ist zugleich Teil einer größeren Einheit, der Menschenmasse.

In der Masse verhält sich der Mensch anders als in seiner individuellen Sphäre oder in einem kleineren Kreise. Fußballspiele oder sonstige Massenveranstaltungen liefern hierfür anschauliche Beweise. Mit diesem besonderen Verhalten des Massenmenschen beschäftigt sich die Massenpsychologie, die Gustav Le Bon mit seinem berühmten Werk "Psychologie der Massen" im Jahre 1895 als ein Zweig der modernen Psychologie begründet hat.

Die Kenntnis der wesentlichsten Grundzüge der modernen Massenpsychologie, die auch heute noch von den Erkenntnissen und Thesen Le Bons geprägt und bestimmt wird, ist nicht nur "ein unentbehrliches Requisit aller modernen Volksführer", sondern auch die unabdingbare Voraussetzung der wirkungsvollen Massenrede. Jeder Redner, der eine Masse ansprechen und beeinflussen will, sollte sich daher mit den wichtigsten Problemen der Massenpsychologie auseinandersetzen, über die das vorgenannte Standardwerk von Gustav Le Bon und das bekannte Buch "Aufstand der Massen" des spanischen Philosophen Ortega y Gasset, der die grundlegenden Einsichten Le Bons im Erscheinungsbild der modernen Zeit beleuchtet, informieren.

Wer sich um das Studium der Massenpsychologie bemüht, wird insbesondere auf zwei von Le Bon aufgestellte Grundsätze stoßen, die bei jeder Massenrede zu beachten sind:

  1. Die Massen sprechen in erster Linie auf Gemütsbewegungen und Gemütserregungen an.

  2. Die Masse zeigt eine intellektuelle Hemmung. Sie führt zu einer "geistigen Pegelsenkung" der in die Masse abgeglittenen Menschen:

    "Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig, sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf draus!" (Friedrich von Schiller)

Nichts anderes bringt auch der Volksmund zum Ausdruck: Einer ist ein Mensch, mehrere sind schon Leute, aber viele sich oft Viecher.

Der Redner, der auf die Masse einwirken will, muß daher auf das Niveau der Masse herabsteigen und die in ihr vorherrschenden Triebkräfte erregen. Dies erfordert eine einfache anschauliche und volkstümliche Ausdrucksweise, die zwingender Logik und intellektueller Feinarbeit durchaus entbehren kann. Mit Recht weist Le Bon darauf hin, daß der Massenredner vor allem den bezaubernden Einfluß der Worte, Bilder und Redewendungen kennen muß. Er muß eine besondere Beredsamkeit besitzen, die aus energischen Behauptungen, die nicht unbedingt zu beweisen sind, und eindrucksvollen, vor. ganz allgemeinen Urteilen umrahmten Bildern zusammengesetzt ist.

Nur wer diesen Ausdrucksstil der modernen Massenrhetorik beherrscht, wird bei der Masse "ankommen", sie in eine aufnahmebereite Stimmung versetzen und mit der suggestiven Kraft seiner Worte maßgebenden Eindruck gewinnen. Denn auch in unserer Zeit, in der sich der Erfolg nach der durch die Mittel der modernen Massensuggestion beeinflußten öffentlichen Meinung richtet, ist "die Kunst, die Einbildungskraft der Massen zu erregen, gleichzeitig die Kunst, sie zu regieren."

5. Arten der öffentlichen Rede

Die Rede im Gemeindeparlament

Das Gemeindeparlament und seine Ausschüsse sind das wichtigste Betätigungsfeld der kommunalen Redepraxis. Wer sich als Bürgermeister, Gemeindebeamter oder Kommunalpolitiker behaupten will, muß vor allem die Bewährungsprobe der parlamentarischen Arbeit bestehen. Diese Bewährung setzt nicht nur die Kunst der Verhandlungs- und Diskussionsführung voraus. Sie fordert auch die Fähigkeit, die eigene Meinung frei und überzeugend zu vertreten.

Hauptakteur auf der Bühne des Gemeindeparlaments ist der Bürgermeister oder leitende Gemeindebeamte. Sein Repertoire umfaßt die Rede bei festlichen Anlässen des kommunalen Lebens, die sachliche Berichterstattung und das Rededuell in der politischen Auseinandersetzung der Parteien. Bei all diesen verschiedenartigen Anlässen hat der leitende Gemeindebeamte in erster Linie die Würde der parlamentarischen Institution zu achten und zu wahren. Die Achtung vor dem Parlament verbietet Rechthaberei, Überheblichkeit, Selbstgefälligkeit und Geltungssucht. Auch persönliche Fehden, Auseinandersetzungen und Diffamierungen sind eines leitenden Gemeindebeamten unwürdig. Denn sein Verhalten als höchster Repräsentant der Gemeinde sollte stets ein mitreißendes und überzeugendes Beispiel sein für eine echte und aufrechte demokratische Gesinnung, die damit zur Richtschnur für die gesamte Arbeitsweise des Kommunalparlamentes wird.

Festliche Anlässe gebieten eine würdige, auf den besonderen Charakter der Veranstaltung abgestellte Ausdrucksweise. Dabei sollte sich der leitende Gemeindebeamte daran erinnern, daß er als Oberhaupt der Gemeinde gewissermaßen die Stellung eines Vaters im großen Kreis der Bürgerfamilie einnimmt. Diese Repräsentationspflicht darf selbst von dem Bürgermeister der kleineren Landgemeinde nicht als Nebensächlichkeit behandelt werden. Wer sich dieser Position im kommunalen Leben bewußt ist, wird bei den kleineren und größeren Festen seiner Gemeinde in erster Linie Herz und Gemüt sprechen lassen und damit auch das richtige, vom örtlichen Kolorit gefärbte, vertraute und menschlich verbindende Wort finden. Allerdings darf auch bei diesen Redeanlässen der Gedankeninhalt der Rede nicht allzu sehr vernachlässigt werden. Denn "jedem kann es passieren, daß er einmal Unsinn redet; schlimm wird es erst, wenn er es feierlich tut" (Montaigne).

Bei der sachlichen Berichterstattung im Gemeindeparlament hat sich der Redner stets auf eine kurze, die wesentlichsten Gesichtspunkte aufzeigende Darstellung zu beschränken, die die Grundlage und das Material für den anschließenden Meinungsaustausch der Mitglieder des Gemeinderates liefert. Wer zu oft und zu lange spricht, gibt sich nicht nur verlorene Mühe, sondern verdrießt auch seine Zuhörer. Unter allen Umständen sollte man vermeiden, das Thema bereits bei der Berichterstattung zu "zerreden", indem alle nur denkbaren Gesichtspunkte und Argumente angeführt werden. Das Für und Wider muß der anschließenden Diskussion vorbehalten bleiben, zumal sich gerade im parlamentarischen Meinungsaustausch immer wieder bestätigt, daß keiner allein so viel weiß wie alle zusammen. Wer diesem Grundsatz zuwiderhandelt, braucht nicht überrascht zu sein, wenn sich das Verhandlungsklima bereits zu Beginn der parlamentarischen Erörterung verdüstert und die Sitzung mit einem Mißerfolg endet.

Im Rededuell der politischen Parteien ist für den leitenden Gemeindebeamten eine vornehme Zurückhaltung das oberste Gebot. Damit soll dem leitenden Gemeindebeamten das Recht, seine eigene politische Überzeugung klar und entschieden zu vertreten, nicht abgesprochen werden. Er hat jedoch darüber hinaus auf einen Ausgleich der verschiedenen Interessen hinzuwirken. Das Wort vom "ehrlichen Makler" hat gerade für den Bürgermeister eine besondere Bedeutung. Seine Arbeit wird auf die Dauer nur dann Erfolg haben, wenn es ihm gelingt, eine Gemeinsamkeit der verschiedenen Anschauungen und Meinungen zu erzielen. Auch dort, wo an Stelle der sachlichen Debatte persönliche Dinge oder der persönliche Meinungsstreit in den Vordergrund gestellt werden, muß der Gemeindevorstand immer wieder bemüht sein, die Kluft der widerstreitenden Meinungen durch eine verbindende und versöhnende Gesinnung zu überbrücken. Die Kraft und die Beherrschung des ausgleichenden Wortes ist nicht nur das Fundament einer gedeihlichen parlamentarischen Zusammenarbeit, sondern auch ein untrüglicher Maßstab für die Eignung und die Befähigung des leitenden Gemeindebeamten, der mit seinen Amtspflichten auch die Pflicht zur würdigen Vertretung der Gemeinde bei allen Anlässen des kommunalen Lebens übernommen hat.

Die weiteren Hauptrollen in der politischen Arbeit des Gemeindeparlamentes werden von den Sprechern der einzelnen Fraktionen und Wählergruppen besetzt. Ihre Stellungnahmen zum Etat, den wichtigsten Problemen der Gemeindepolitik und den kommunalen Tagesfragen sind ein wesentlicher Bestandteil des parlamentarischen Spiels der Kräfte. Obgleich in der Kommunalpolitik politische Grundsatzfragen und Grundsatzentscheidungen nicht so sehr im Vordergrund stehen wie in der Bundes- und Landespolitik, können ihre Ausführungen mehr oder minder von der jeweiligen politischen Einstellung gefärbt sein. Dafür wird der Fraktionssprecher auch in aller Regel das Verständnis seiner Zuhörer finden. Allerdings darf die Sitzung des Gemeindeparlaments nicht mit einer Wahlversammlung verwechselt werden. Während es bei einer Wahlversammlung darauf ankommt, die Zuhörer von der Richtigkeit einer politischen Auffassung zu überzeugen, dienen die Parlamentssitzungen dazu, im sachlichen Meinungsaustausch die beste Lösung für das Wohl der Allgemeinheit zu finden. Dieses Bemühen um die sachgerechteste Lösung fordert auch eine geziemende Achtung und Rücksichtnahme vor der Meinung des politischen Gegners. Nur wer erkannt hat, daß auch die Meinung des Gegners zumindest des Anhörens und Abwägens wert ist, kann für seine Ausführungen Verständnis und Aufnahmebereitschaft erwarten. Deshalb bemühe sich jeder politische Redner, auch in der heißesten Gefechtsphase des Rededuells, Ruhe und Takt zu bewahren. Mit ihrer Hilfe wird der Redner selbst bei störenden Zwischenrufen, bei oppositioneller Atmosphäre und persönlichen Angriffen Herr der Situation bleiben, seine Gegner schließlich überzeugen und für seine Meinung gewinnen können. Denn die Ruhe ist nicht nur eine Bürgerpflicht, sondern auch die erste Pflicht des Redners.

Eine weitere Warnung soll an dieser Stelle nicht unausgesprochen bleiben, die Warnung vor der Vielrederei. Von dem chinesischen Philosophen Konfutse ist der weise Ausspruch überliefert: "Wer viel schießt, ist noch kein Schütze. Wer viel spricht, ist noch kein Redner." Ausgehend von dieser Erkenntnis hat auch Adolf Damaschke darauf hingewiesen, daß die Hörerschaft ein feines Gefühl dafür hat, "ob die Redemühle wirklich Korn mit sich führt oder ob sie nur deshalb klappert, weil sie leer ist". Deshalb bewahre man sich und seine Zuhörer vor der Vielrederei, die das Parlament zu einer "Quasselbude" degradiert. Dieser Hinweis sollte vor allem von denjenigen Ratsherrn beachtet werden, die die Redefreiheit nicht als ein Recht, sondern als eine ständige Verpflichtung ansehen.

Das Ensemble des Gemeindeparlaments wird schließlich vervollständigt durch die im Plenum mehr oder minder in Erscheinung tretenden Ratsmitglieder, die sich nicht selten auf eine bloße Statistenrolle beschränken. Solche Ratsmitglieder sind nicht unbedingt die schlechtesten, zumal sie oft in der Ausschuß- und Vorbereitungstätigkeit für die Parlamentssitzungen eine stille, aber nicht minder bedeutsame Arbeit leisten. Da die öffentliche Meinung gemeinhin nach dem Wort Ciceros "Wie der Mensch, so seine Rede" urteilt, sollte jedoch auch der bescheidenste Gemeinderat nicht versäumen, sich bei passender Gelegenheit mit einem kleinen rhetorischen Beitrag in Erinnerung zu bringen. Ein Mitglied der Gemeindevertretung, das das parlamentarische Geschehen schweigend und ohne ein äußeres Zeichen der aktiven Mitarbeit über sich ergehen läßt, wird auf die Dauer ebensowenig Anerkennung finden wie jener oft zitierte Ratsherr, der in der Legislaturperiode nur einmal mit dem zaghaften Hinweis, das Fenster zu schließen, hervorgetreten ist.

Die Festrede

Jede öffentliche Veranstaltung ernster oder heiterer Natur erhält durch die festliche Rede ihr besonderes Gepräge. Auch der Bürgermeister der kleinsten Landgemeinde wird sich eines Tages nicht der Mühe entziehen können, einen besonderen Anlaß des örtlichen Geschehens mit ein paar festlichen Worten zu bereichern, da ihm die Pflicht zur Repräsentation und damit die Pflicht zur würdigen Vertretung der Gemeinde übertragen worden ist. Die Einweihung eines Schulhauses, die Übergabe einer Sportstätte, die Auszeichnung verdienter Gemeindebürger, Vereinsfeiern und Heimatfeste, Betriebsjubiläen und Gedenkfeiern, all dies sind Begebenheiten, bei denen der Bürgermeister zu einer kleinen "Festrede" an das Rednerpult treten sollte.

Wie bereits im vorhergehenden Kapitel hervorgehoben wurde, darf die Festrede weder der Länge noch ihrem Inhalt nach zu einem Sachvortrag werden. Sie ist vielmehr eine vorwiegend vom Gefühl betonte Ansprache, die kurz zusammenfassend den Anlaß und den Sinn der feierlichen Begebenheit zum Ausdruck bringen soll. Deshalb frage sich der Redner schon bei der Vorbereitung und dem Aufbau seiner Ansprache, die sich nach dem üblichen Dispositionsschema in Einleitung, Hauptteil und Schluß gliedern sollte, was die Herzen der Zuhörer in dieser Feierstunde besonders bewegt. Wenn er diese Frage im rechten Sinne beantwortet, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Anwesenden und ihre gemeinsamen Belange und Interessen hervorhebt und mit der Überbringung eines Geschenkes oder einem herzlichen Hochruf auf das festliche Ereignis für einen unfallfreien Abschluß seiner Ansprache sorgt, wird auch die kürzeste Festrede zu einem Erfolg werden. Dafür ist nicht eine gefrorene Feierlichkeit, sondern die Wärme des Herzens entscheidend.

Geeignete und zeitsparende Anregungen für die Ausgestaltung der Festrede können den in diesem Buch zusammengestellten Musteransprachen für die verschiedensten Anlässe des kommunalen Lebens entnommen werden, die insbesondere den weniger sprechgewandten und sprechgeübten Rednern zu empfehlen sind. Allerdings sind diese Redebeispiele keine rhetorischen Fertiggerichte, die man dem Zuhörer einfach durch Auswendiglernen oder Ablesen servieren kann. Alle Musteransprachen sind nur als Anregungen und Schablonen für die Rede in der Öffentlichkeit zu betrachten, die erst noch durch die geschickte Einblendung persönlicher, örtlicher oder gar humorvoller Details auf die gegebenen Verhältnisse zugeschnitten werden müssen. Auf diese Weise kann der Redner mit Hilfe und durch die Auswertung der Musteransprachen ohne besondere Mühe zu einer wirkungsvollen und lebendigen Ansprache gelangen, die sich trotz fehlender eigener Gedankenarbeit durch eine persönliche Note auszeichnet und so zu einer wirkungsvollen Rede wird.

Eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg der Festrede ist schließlich die Wahl des richtigen Zeitpunktes im Rahmen der Veranstaltung. Deshalb ist bei jeder festlichen Veranstaltung zu empfehlen, von vornherein für einen reibungslosen Programmablauf zu sorgen. Dazu gehört in erster Linie die Festlegung der zeitlichen Reihenfolge für die im einzelnen vorgesehenen Ansprachen. Zweifellos läßt sich diese Reihenfolge nicht für alle Fälle allgemeingültig und verbindlich festlegen, zumal wenn der Kreis der Festredner vor Beginn der Veranstaltung noch nicht endgültig bestimmt ist. Für den Regelfall haben sich jedoch in der Redepraxis einige Programmgrundsätze bewährt, die nach Möglichkeit beachtet werden sollten. Die beiden nachfolgenden, diesen Erfahrungsregeln entsprechenden Beispiele für eine zweckmäßige Redefolge können auch für ähnliche Veranstaltungen als nachahmenswerte und richtungsweisende Anregungen übernommen werden.

  1. Redefolge bei einer Vereinsversammlung

    1. Begrüßung durch den Vereinsvorsitzenden mit Hinweis auf den Anlaß und Zweck der Zusammenkunft

    2. Grußworte der Vertreter von Behörden und befreundeten Organisationen

    3. Festrede

    4. Dankes- und Schlußworte des Vereinsvorsitzenden.

  2. Redefolge bei einer Schulhauseinweihung

    1. Begrüßung durch den Bürgermeister (Gemeindedirektor)

    2. Grußworte des Landrates und sonstiger Behördenvertreter

    3. Bericht des Architekten oder Vorsitzenden des Bauausschusses über die Bauausführung und das Bauprojekt

    4. Festrede

    5. Schlüsselübergabe an den Leiter der Schule durch den Architekten oder den Bürgermeister (Gemeindedirektor)

    6. Dankesworte eines Schülers oder eines Lehrers

    7. Schlußworte des leitenden Gemeindebeamten mit dem Dank an alle, die zum Gelingen des Bauvorhabens und der Einweihungsfeier beigetragen haben.

Die Gelegenheitsrede

Zahlreiche Gegebenheiten des öffentlichen, politischen und gesellschaftlichen Lebens können durch kleinere Redebeiträge geschmückt und bereichert werden. Solche Redebeiträge, die nur gelegentlich eines besonderen Ereignisses gehalten werden, bezeichnet man gemeinhin als Gelegenheitsreden. Der Gelegenheitsrede kommt gerade im kommunalen Leben eine besondere Bedeutung zu. In der Vielfalt des kommunalen Geschehens und seiner Erscheinungsformen gibt es eine Unzahl von Begebenheiten, bei denen von dem Vertreter des örtlichen Gemeinwesens ein paar passende und geeignete Worte erwartet werden. Man denke nur an das Grußwort des Gemeindevertreters bei Tagungen und Veranstaltungen, an die Überbringung von Glückwünschen zu den verschiedensten Jubiläen, an Trauerfeiern, Beileidsbesuche, Trinksprüche oder sonstige Redeeinlagen bei geselligen Veranstaltungen.

Um der Gefahr vorzubeugen, daß solche Gelegenheitsreden zu Verlegenheitsreden werden, ist dem Redner vor allem die Beachtung zweier in der Redepraxis bewährter Grundsätze zu empfehlen:

  1. Die Gelegenheitsrede soll möglichst kurz sein. Je kürzer und prägnanter eine solche Rede ist, desto wirkungsvoller ist sie.

  2. Für die Gelegenheitsrede muß der geeignetste Augenblick ausgesucht – und ausgewählt werden.

Diese beiden Erfahrungssätze gelten für alle Arten der Gelegenheitsrede, die man in drei Kategorien einteilen kann:

  1. Die sogenannte Rahmenrede

  2. Die Trauerrede und

  3. Die Gesellschaftsrede.

Die Rahmenrede hat die Aufgabe, eine Veranstaltung durch einen rhetorischen Eröffnungs- oder Schlußbeitrag zu umrahmen. Ein solcher Beitrag ist auf einige kurze und persönlich gehaltene Worte zu beschränken. Wem die Eröffnung einer Veranstaltung übertragen ist, hat sich auf die Begrüßung der Zuhörer und des Referenten, die Vorstellung des Redners und die Worterteilung zu beschränken. Eine humorvolle Redewendung, ein paar erläuternde Worte zur Person des Redners und die Bitte an die Zuhörer, dem Redner ihre Aufmerksamkeit zu schenken, sind das bewährte Rezept einer wirkungsvollen Eröffnungsrede. Alles weitere besorgt der Hauptredner, der ebenso wie die Zuhörer erwartet, daß ihm nicht ein allzu eifriger und gesprächiger Begrüßungsredner einen Teil seiner Ausführungen vorwegnimmt.

So hat sich in der Praxis die Befolgung der aus sechs Punkten bestehenden Eröffnungsformel bewährt:

  1. Anrede

  2. Eröffnung der Versammlung

  3. Begrüßung der Teilnehmer

  4. Begrüßung und Vorstellung des Referenten

  5. Angabe des Themas

  6. Worterteilung an den Referenten

Mit diesen kurzen Angaben hat der Versammlungsleiter alles angesprochen, was zur Eröffnung einer Veranstaltung gesagt werden muß. Auf alles andere kann er getrost verzichten, insbesondere auf die üblichen Vorschußlorbeeren für den Redner, der sich Zustimmung und Anerkennung seiner Hörer durch seine nachfolgende Rede selbst verdienen will.

Vielfach ist es üblich, dem Vertreter der gastgebenden Gemeinde oder dem Hausherrn nach der Eröffnungsansprache Gelegenheit zu einem Grußwort zu geben. Auch dieses Grußwort soll sich gleich dem Grußwort in einer Fest- oder Jubiläumsschrift durch eine gebotene und wohltuende Kürze auszeichnen. Meist genügen schon ein paar herzliche Worte, um die Freude des Gastgebers glaubhaft zum Ausdruck zu bringen, das Gemeinsame und Verbindende zu der Veranstaltung hervorzuheben und den Wunsch, daß die Zusammenkunft einen guten Verlauf nehmen möge, auszusprechen. Was darüber hinaus zuviel gesagt wird, ist in der Regel von Übel. Dies gilt in gleicher Weise auch für das Schlußwort, das nicht zur Verlängerung einer Veranstaltung, sondern allein dazu dient, um dem Redner den kurz zu begründenden Dank abzustatten und die Zusammenkunft in angemessener Weise zu beschließen.

Auch hier hat sich eine brauchbare und vollauf genügende Schlußformel eingebürgert, die aus vier Punkten besteht:

  1. Anrede

  2. Hinweis auf den Schluß der Veranstaltung

  3. Dank an den Referenten und die Versammlungsteilnehmer

  4. Schließung der Veranstaltung

Was darüber ist, ist von Übel.

Bei der Traueransprache gebietet schon der ernste Anlaß des Abschiednehmens eine würdige und schlichte Redeform. Daß sich der Redner dabei aller nachteiligen Äußerungen zu enthalten hat, lehrt schon der lateinische Spruch: "De mortuis nihil nisi bene" (d. h. über Tote soll man nur Gutes sagen). Dies geschieht am besten durch eine kurze, anerkennende, aber frei von Übertreibungen gehaltene Würdigung der Verdienste des Verstorbenen, an die man ein Bibelwort oder ein passendes Zitat anfügt. Theodor Heuss hat dem Grabredner den Rat gegeben, stets so zu reden, als ob der Tote selbst zuhöre. Wem diese Kraft des schlichten, menschlichen Wortes nicht gegeben ist oder wer sich der Situation am offenen Grabe nicht gewachsen fühlt, sollte unbesorgt zu einigen schriftlich vorbereiteten Abschiedsworten greifen oder den Kranz in aller Stille niederlegen. Ein stummer, kräftiger Händedruck ist besser und eindrucksvoller als ein Wortgestammel oder gar ein rednerisches Mißgeschick, für das bei einem solch ernsten Anlaß am wenigsten Platz ist.

Für die Praxis ist es ratsam, sich bei Grabreden auf drei Gedanken zu beschränken, die man in der gebotenen Kürze zum Ausdruck bringt:

Was war der Tote uns? Was war er mir? Wie kann ich zum Abschluß den Trauernden Trost spenden?

Ein abschließendes Zitat oder ein Bibelspruch verfehlen selten ihre Wirkung.

Auch für die Gesellschaftsrede, für die sich im öffentlichen und geselligen Leben zahlreiche Gelegenheiten bieten, ist die Kürze des Redebeitrages das erste und wichtigste Gebot. Meist kann mit wenigen humorvollen, launigen und der jeweiligen Situation entsprechenden Worten alles Erforderliche gesagt werden. Zwar kann das oft geschilderte Verhalten des Komponisten Humperdinck, der nach der Aufforderung zu einer Tischrede aufstand, freundlich in die Runde blickte und sich nach einem bedächtigen Räuspern wortlos auf seinen Platz zurückzog, dem Redner nicht zur allgemeinen Nachahmung empfohlen werden. Wenn es jedoch bei einer Tischrede gelingt, nicht nur den Koch, sondern auch die hungrigen Zuhörer zu erzürnen und ihre Geduld über Gebühr zu strapazieren, braucht sich nicht mehr nach der Wirkung seiner Worte zu erkundigen. Für die Gesellschaftsrede genügt es nicht, daß der Redner selbst Gefallen an seinen Worten findet. Das Urteil über einen Redebeitrag wird vielmehr von den Zuhörern gesprochen, die nun einmal, und das findet immer wieder eine Bestätigung, lange Gesellschaftsreden nicht als einen besonderen Genuß empfinden. Die Aufforderung "Fasse Dich kurz" steht nicht nur in jeder Telephonzelle, sie gilt auch für den Produzenten von Gesellschaftsreden, von dem die Zuhörer keinen lustvollen Selbstvollzug erwarten. Gesellschaftsreden sind vielmehr wie alle anderen Reden, die insoweit mit der Liebe vergleichbar sind, eine Form des kooperativen Egoismus bei der es auch auf den anderen ankommt. Jeder Sender braucht zur Akzeptanz auch eine Antenne.

6. Versammlungsleitung und Diskussion

Die Leitung von Versammlungen und Sitzungen

Versammlungen, Tagungen und Sitzungen dienen der Meinungs- und Willensbildung einer Mehrzahl von Personen und sind damit notwendige Bestandteile unserer demokratischen Lebensform. Auch im kommunalen Bereich sind Zusammenkünfte der Bürger oder ihrer Vertreter zur allgemeinen Unterrichtung oder zur gemeinsamen Aussprache, Beratung und Abstimmung nicht entbehrlich. Dabei stehen Kommunalbeamte und Kommunalpolitiker immer wieder vor der Aufgabe, die Leitung einer Versammlung zu übernehmen.

Versammlungen können je nach dem Kreis der Teilnehmer öffentliche oder geschlossene Veranstaltungen sein. Die wichtigsten öffentlichen Veranstaltungen, zu denen jedermann Zutritt hat, sind im kommunalen Bereich die politischen Veranstaltungen und Bürgerversammlungen, wobei gerade den letzteren zur Aktivierung der bürgerschaftlichen Mitarbeit eine besondere Bedeutung zukommt. Wer zur Leitung einer solchen öffentlichen Veranstaltung berufen ist, wird diese Funktion bei Beachtung der wesentlichsten Grundsätze der Verhandlungsführung ohne erhebliche Schwierigkeiten ausüben können. Die Aufgabe des Versammlungsleiters, dessen Rechte und Pflichten in dem Versammlungsgesetz vom 24. Juli 1953 (BGBI. III 2180-4) im einzelnen umschrieben sind, besteht in diesem Falle zunächst darin, die Veranstaltung zu eröffnen, womit er das für die Aufrechterhaltung der Ordnung im Versammlungsraum wichtige und durch die Strafvorschrift des Hausfriedensbruches (§ 123 Strafgesetzbuch) geschützte Hausrecht übernimmt. Bei der Eröffnung wird der gute Versammlungsleiter nach der Begrüßung der Zuhörer und der namentlich zu erwähnenden Gäste den Sinn und Zweck der Zusammenkunft in wenigen Sätzen umreißen, auf die besondere Bedeutung oder Aktualität des zu behandelnden Themas hinweisen, den Redner, falls er dem Hörerkreis nicht bekannt ist, mit einigen kurzen und verbindlichen Worten vorstellen und sodann dem Redner das Wort zu seinen Ausführungen erteilen. Mit der Eröffnung, deren Vorzug in der Kürze und der geschickten Auswahl der treffenden Worte liegt, ist die erste Arbeit des Veranstaltungsleiters getan. Die nächsten Aufgaben erwarten den Versammlungsleiter erst nach Beendigung der Rede. Ist eine Aussprache vorgesehen, so hat er unter Beachtung der für den Diskussionsleiter geltenden und im folgenden Abschnitt behandelten Grundsätze für einen reibungslosen Ablauf der Diskussion zu sorgen. Im anderen Falle, zum Beispiel bei öffentlichen Kundgebungen, muß sich der Versammlungsleiter ebenso wie nach Beendigung der Diskussion darauf beschränken, die Versammlung mit einem Dank an den Redner, für den sich bei aufmerksamem Zuhören des Versammlungsleiters immer einige persönliche und von den üblichen Redefloskeln abweichende Schlußworte finden lassen, zu schließen. Mit dieser abschließenden Tätigkeit des Veranstaltungsleiters erlischt gleichzeitig sein Hausrecht über die Versammlung.

Umfangreicher und auch etwas mühevoller ist die Leitung geschlossener Veranstaltungen, an denen nur ein bestimmter Personenkreis teilnehmen darf. Insbesondere die Leitung von Tagungen, Sitzungen, Konferenzen, Kongressen oder ähnlichen Zusammenkünften erfordert eine genaue Kenntnis der in der Tagesordnung festgelegten Themen und der in der Geschäftsordnung geregelten Verfahrensweise, die beim Versammlungsablauf zur "Freiheit in bedingten Bahnen" anhält. In den meisten Fällen wird der Versammlungsleiter zur Beantwortung der den formellen Ablauf der Zusammenkunft betreffenden Fragen auf eine vorliegende Geschäftsordnung (z. B. eine Orts- oder Vereinssatzung) zurückgreifen können. Wo dies nicht der Fall ist, treten an die Stelle der speziellen und schriftlich fixierten Geschäftsordnung die in der Versammlungspraxis erarbeiteten und bewährten Geschäftsordnungsgrundsätze, deren Kenntnis und Beherrschung zum unentbehrlichen Rüstzeug jeder Verhandlungsführung gehören.

Sobald der Versammlungsleiter mit der in der Versammlungspraxis immer wiederkehrenden und auch geeigneten Redewendung "Die Versammlung (Sitzung) ist eröffnet" den Beginn der Zusammenkunft angezeigt hat, ist nach der Feststellung der Beschlußfähigkeit des Gremiums zuerst die das Arbeitsprogramm der Veranstaltung enthaltende Tagesordnung laut und deutlich zu verlesen und festzustellen, ob dagegen von einem Versammlungsteilnehmer Einwände erhoben oder aber Änderungswünsche vorgebracht werden. Ist dies nicht der Fall, so gilt die Tagesordnung als genehmigt und damit als verbindliche Ordnung und Reihenfolge des Beratungsstoffes, die auch nicht durch eine allzu großzügige Auslegung des am Schluß der meisten Tagesordnungen stehenden Punktes "Verschiedenes" nachträglich korrigiert oder gar aufgehoben werden können. Aus diesem Grunde empfiehlt es sich, den Punkt "Verschiedenes" in Abweichung von der üblichen Praxis durch eine zweckmäßigere Formulierung (z. B. Wünsche und Anträge, organisatorische Fragen oder dgl.) zu begrenzen, um von vornherein einer uferlosen Ausdehnung der Debatte oder einem unzulässigen Rückgriff auf bereits erledigte Punkte der Tagesordnung vorzubeugen.

Nach dem Aufruf der einzelnen Punkte der Tagesordnung hat der Versammlungsleiter, ein von ihm bestimmter Berichterstatter oder der Antragsteller selbst Gelegenheit, den Gegenstand der Beratung aufzuzeigen und in seinen wesentlichsten Grundzügen darzulegen. Die eigentliche Erörterung des Beratungsstoffes bleibt sodann der sachlichen Aussprache vorbehalten, an der sich jeder Versammlungsteilnehmer in der Reihenfolge der eingegangenen Wortmeldungen beteiligen kann.

Zur Steuerung und Konzentrierung der Aussprache und der Beratung kann die Geschäftsordnung oder die Versammlung eine Beschränkung der Redezeit oder der Zahl der Redebeiträge für die einzelnen Versammlungsteilnehmer beschließen. Falls eine solche Beschränkung beschlossen worden ist, hat der Versammlungsleiter auf ihre strikte Einhaltung hinzuwirken und zuwiderhandelnden Dauerrednern erforderlichenfalls nach vorheriger Mahnung das Wort zu entziehen.

Der Grundsatz, daß sich die Teilnahme an der Beratung nach der Reihenfolge der Wortmeldungen richtet, wird durch einige in der Versammlungspraxis allgemein anerkannte Ausnahmen durchbrochen. So kann der Versammlungsleiter jederzeit außer der Reihe eine sachliche Erklärung abgeben, wenn dies zur Beseitigung oder Vermeidung von Mißverständnissen erforderlich und zweckmäßig erscheint. Auch Zwischenrufe der Versammlungsteilnehmer und notwendige Ordnungsrufe des Versammlungsleiters sind grundsätzlich in jeder Phase der Beratung erlaubt. Persönliche Erklärungen, die ein Versammlungsteilnehmer abzugeben wünscht, können dagegen erst nach Abschluß der Aussprache vorgetragen werden. Derartige persönliche Erklärungen dürfen jedoch in keinem Falle zu einem erneuten Diskussionsbeitrag und zu einer nochmaligen sachlichen Stellungnahme mißbraucht werden.

Die wichtigste Ausnahme von dem Grundsatz, daß sich die Teilnahme an der Beratung und Aussprache nach der Reihenfolge der Wortmeldungen richtet, bilden die sog. Geschäftsordnungsanträge. Diese Anträge, die sich nur auf den formellen Ablauf der Versammlung beziehen können, dürfen jederzeit und außer der Reihe von einem Versammlungsteilnehmer gestellt werden. Da ein Geschäftsordnungsantrag Vorrang vor allen anderen Wortmeldungen und Diskussionsbeiträgen hat, muß der Versammlungsleiter auf den Antrag "Zur Geschäftsordnung" unverzüglich eingehen, sobald der gerade sprechende Redner seine Ausführungen beendet hat. Dies geschieht in der Weise, daß der Antragsteller oder ein anderer Versammlungsteilnehmer außer der Reihe das Wort zur Begründung des gestellten Geschäftsordnungsantrages erhält. Wenn die Begründung des Antrages erfolgt und einem anderen Versammlungsteilnehmer Gelegenheit gegeben worden ist, seine gegen den Geschäftsordnungsantrag sprechende Auffassung vorzutragen, muß der Antrag ohne Rücksicht auf den Stand der sachlichen Aussprache zur Abstimmung gestellt werden, soweit dies nach dem Wortlaut und dem Inhalt des Geschäftsordnungsantrages erforderlich ist. Dies gilt insbesondere für den in der Praxis am häufigsten vorkommenden Geschäftsordnungsantrag auf "Schluß der Debatte". Ist einem solchen Antrag stattgegeben worden, so muß der Versammlungsleiter ohne weitere sachliche Aussprache zur Abstimmung, oder, wenn eine solche nicht vorgesehen ist, zum nächsten Punkt der Tagesordnung übergehen. Nicht zu verwechseln mit dem Antrag auf Schluß der Debatte ist der ebenfalls gebräuchliche Geschäftsordnungsantrag auf "Schluß der Rednerliste". Dieser Antrag bezweckt lediglich eine Beschränkung der Diskussionsbeiträge in der Weise, daß nach dem Antrag über den Schluß der Rednerliste eingegangene Wortmeldungen nicht mehr berücksichtigt werden dürfen.

Die Beratung eines Tagesordnungspunktes dient in aller Regel dazu, einen bestimmten Antrag in sachlicher Rede und Gegenrede zu erörtern und der Entscheidung durch die Versammlungsteilnehmer zuzuführen. Sobald die sachliche Aufklärung des Verhandlungsstoffes in ausreichender Weise erfolgt ist, hat der Versammlungsleiter daher die Aussprache zu schließen und den beschlußreifen Antrag zur Abstimmung zu stellen. Vor der Abstimmung empfiehlt es sich, den Antrag nochmals klar und prägnant zu formulieren, um Mißverständnisse, Unklarheiten und Zweifelsfragen der Versammlungsteilnehmer auszuräumen.

Wenn nach Abschluß der Sachdebatte nur ein Antrag zur Entscheidung ansteht, so ist über diesen Antrag abzustimmen. Schwieriger wird es dagegen für den Sitzungsleiter, wenn mehrere Anträge zur Entscheidung anstehen. Für diesen Fall bestimmen viele Geschäftsordnungen, in welcher Reihenfolge über die einzelnen Anträge abzustimmen ist. So enthalten z. B. die meisten Geschäftsordnungen der Gemeindevertretungen die verbindliche Festlegung, daß bei mehreren Anträgen in folgender Reihenfolge abzustimmen ist:

Enthält die Geschäftsordnung keine verbindliche Festlegung für die Reihenfolge der Abstimmungen, so hat der Sitzungsleiter bei der Abstimmung über die vorliegenden Anträge nach den allgemeinen Geschäftsordnungsgrundsätzen zu verfahren. Hierbei ist zu beachten, daß es neben dem Hauptantrag acht verschiedene Gruppen von Sach- und Verfahrensanträgen gibt. Für die Behandlung dieser Antragsarten gelten besondere Verfahrensregeln, die es dem Sitzungsleiter ermöglichen, den Abstimmungsmodus im Einklang mit den allgemeinen parlamentarischen Gepflogenheiten festzulegen und einzuhalten.

  1. Weitergehende Anträge. Für sie gilt der Grundsatz, daß zuerst über den weitestgehenden Antrag abzustimmen ist. Nur bei Ablehnung dieses Antrages müssen die anderen, nicht so weit gehenden Anträge zur Entscheidung gestellt werden, da die Annahme des ersten Antrages eine nochmalige Abstimmung erübrigt.

    Beispiel: Bei den folgenden Beispielen ist davon auszugehen, daß unter dem Tagesordnungspunkt "Zuschuß an Sportvereine" über den Antrag auf einen Zuschuß in Höhe von 10.000 DM an den Sportverein A zu entscheiden ist (Hauptantrag).

    Aus dem Kreis der Sitzungsteilnehmer werden zusätzliche Anträge gestellt, die auf 20.000 DM und 5.000 DM lauten. In diesem Falle wird zunächst über den 20.000-DM-Antrag abgestimmt. Findet dieser Antrag Zustimmung, so ist die Bereitstellung von 20.000 DM beschlossen. Nur bei Ablehnung dieses Antrages ist über den zweiten Antrag (10.000 DM) und bei Ablehnung über 5.000 DM abzustimmen.

  2. Gleichweit gehende Anträge in verschiedener Reihenfolge. Für sie gilt der Grundsatz, daß über den zuerst eingebrachten Antrag auch zuerst abzustimmen ist.

    Beispiel: Ein Sitzungsteilnehmer beantragt, die 10.000 DM nicht dem Sportverein A, sondern dem Sportverein B zur Verfügung zu stellen. Da beide Anträge gleich weit gehen, ist über den zuerst eingebrachten Antrag zunächst abzustimmen.

  3. Verfahrensanträge, die stets vor den Anträgen zur Sache zu behandeln und zur Abstimmung zu stellen sind.

    Beispiel: Aus dem Kreis der Sitzungsteilnehmer wird beantragt, die Angelegenheit nochmals in die Fraktion zu verweisen, einen Sachverständigen einzuschalten oder zusätzliche Unterlagen vor der Beschlußfassung einzuholen. Über solche Anträge ist stets vor der Entscheidung über den eigentlichen Sachantrag abzustimmen.

  4. Änderungsanträge, die auf eine Annahme des Hauptantrages in abgeänderter Form hinzielen, sind vor der Entscheidung über den Hauptantrag zur Abstimmung zu stellen.

    Beispiel: Von einem Sitzungsteilnehmer wird beantragt, dem Sportverein A keine Geldzuwendungen, sondern Sachleistungen in der beantragten Höhe zu bewilligen.

    Über derartige Anträge, die auf eine Änderung des gesamten Antrages zielen, ist stets zuerst abzustimmen.

  5. Ergänzungsanträge können sowohl Änderungs- als auch weitergehende Anträge sein. Je nach dem sind sie auch in der zeitlichen Reihenfolge zur Abstimmung zu stellen.

    Beispiel: Ein Sitzungsteilnehmer beantragt, dem Sportverein A neben dem Betrag von 10.000 DM noch Sportgeräte zur Verfügung zu stellen. Hier ist es eine von dem Sitzungsteilnehmer zu entscheidende Auslegungsfrage, wie der Antrag zu behandeln ist. In dem vorliegenden Falle dürften sich gegen die Behandlung als weitergehender Antrag kaum Bedenken ergeben.

  6. Durchführungsanträge sind Anträge, welche die Durchführung eines zu fassenden Beschlusses zum Gegenstand haben. Solche Durchführungsanträge sind stets erst nach der Entscheidung über den Hauptantrag zu behandeln.

    Beispiel: Ein Sitzungsteilnehmer beantragt, den zu beschließenden Geldbetrag nur gegen Rechnungslegung oder Festlegung einer bestimmten Kontrollmöglichkeit auszuzahlen. Da ein solcher Antrag die Entscheidung in der Hauptsache voraussetzt, folgt die Entscheidung darüber der Beschlußfassung in der Hauptsache.

  7. Gegenanträge zielen auf die Ablehnung des gestellten Antrages. Gegenanträge sind im Interesse der eindeutigen Willensbildung der Sitzungsteilnehmer grundsätzlich abzulehnen. Ein Sitzungsteilnehmer, der eine dem Antrag widersprechende Meinung vertritt, kann diese im Rahmen der Abstimmung durch Abgabe einer Gegenstimme zum Ausdruck bringen, ohne daß es eines besonderen Abstimmungsverfahrens bedarf.

    Beispiel: Ein Sitzungsteilnehmer beantragt, die Geldzuwendung abzulehnen, da ihm die ordnungsgemäße Verwendung des Betrages nicht gesichert erscheint. Seine ablehnende Haltung kann er ohne weiteres durch seine Gegenstimme bekunden.

  8. Spontananträge sind Anträge, die außerhalb der festgelegten Tagesordnung stehen. Sie sind ebenfalls abzulehnen, da sich mit der Annahme der Tagesordnung jeder Sitzungsteilnehmer der festgelegten Tagesordnung und den einzelnen Tagesordnungspunkten unterworfen hat.

    Beispiel: Ein Sitzungsteilnehmer beantragt, den in Frage stehenden Geldbetrag nicht einem Sportverein, sondern einem Altersheim zur Betreuung betagter Bürger zuzuwenden. Da der Tagesordnungspunkt ausdrücklich die Zuwendung an einen Sportverein festgelegt hat, ist für die Beratung über die Mittelzuteilung an andere Institutionen kein Raum. Ein solcher Spontanantrag liegt außerhalb der Tagesordnung und ist von dem Sitzungsleiter abzulehnen.

Bei allen Arten von Sitzungen lassen sich die gestellten Anträge einer der acht vorstehend genannten Antragsarten zuordnen. Mit den vorgenannten Grundsätzen hat damit jeder Sitzungsleiter die erforderlichen Ordnungsprinzipien zur Hand, um bei einer Mehrzahl von Anträgen den richtigen Abstimmungsmodus zu bestimmen. Der Sitzungsleiter, der die Reihenfolge der einzelnen Abstimmungen nach diesem allgemein anerkannten Ordnungsschema vornimmt, wird in der Praxis bei Kenntnis und Beachtung der vorgenannten Regeln keine Schwierigkeiten haben, das Abstimmungsverfahren selbst in schwierigen Fällen und Situationen zu einem guten und zweifelsfreien Abschluß zu bringen.

Auch für die Abstimmung, d. h. die nach dem Mehrheitsprinzip erfolgende Willensbildung der Sitzungsteilnehmer, kann auf in der Praxis übliche und bewährte Gepflogenheiten zurückgegriffen werden. Nachdem der Beschlußvorschlag eindeutig formuliert ist, leitet der Sitzungsleiter zum Abstimmungsverfahren über, für das sich die Anwendung der üblichen Abstimmungsformel empfiehlt, nämlich

Bei einfachen Abstimmungen, die eine klare Mehrheit erwarten lassen, ist es unschädlich, wenn der Sitzungsleiter in umgekehrter Reihenfolge verfährt und zunächst feststellt, ob Gegenstimmen oder Stimmenthaltungen bestehen. Ist die Entscheidung klar zu erkennen, was bei einfacher Mehrheit häufig der Fall sein wird, brauchen die Gegenstimmen nicht festgestellt und ausgezählt zu werden. Erhebt jedoch ein Sitzungsteilnehmer Einspruch gegen die Feststellung einer angeblichen Mehrheit durch den Sitzungsleiter, so muß eine Gegenprobe erfolgen, die grundsätzlich in der gleichen Abstimmungsart durchgeführt wird. Für die Durchführung der Abstimmung kommen nach der Geschäftsordnungspraxis drei verschiedene Abstimmungsarten in Betracht:

  1. Die offene Abstimmung durch Zuruf (Akklamation), durch Handzeichen oder durch Erheben der Abstimmungsteilnehmer von ihren Sitzen. Eine besondere Form dieser Abstimmungsart ist der sog. Hammelsprung, bei dem die Abstimmenden durch drei verschiedene Türen (Tür 1- Ja-Stimmen, Tür 2 – Nein-Stimmen, Tür 3 – Stimmenthaltungen) gehen müssen. Diese Abstimmungsart ist durch das Verfahren im Bundestag bekannt geworden.

    Die offene Abstimmung ist die normale Abstimmungsart, die stets dann Platz greift, wenn keine namentliche oder geheime Abstimmung beantragt oder durch Gesetz und Geschäftsordnung vorgeschrieben ist.

  2. Die namentliche Abstimmung wird bei besonders wichtigen Entscheidungen angewandt. Bei dieser Abstimmung, die aus dem Kreis der Sitzungsteilnehmer beantragt werden muß, wird im Protokoll namentlich festgehalten, wer für und wer gegen einen Antrag gestimmt oder sich der Stimme enthalten hat.

  3. Die geheime Abstimmung, die mit Hilfe von Stimmzetteln erfolgt und grundsätzlich dann durchgeführt werden muß, wenn sie entweder durch Gesetz oder Geschäftsordnung vorgeschrieben ist oder aber von einem Versammlungsteilnehmer beantragt wird. In der Praxis sind geheime Abstimmungen insbesondere bei Wahlen vorzunehmen, wobei zu beachten ist, daß nach dem Parteiengesetz alle Wahlen zu Parteiorganen grundsätzlich geheim und schriftlich erfolgen müssen.

Ungeachtet der Abstimmungsart muß sich der Versammlungsteilnehmer stets vergewissern, ob für die zu treffende Entscheidung eine besondere Mehrheit vorgeschrieben ist. In der Regel genügt für die Annahme eines Antrages die sog. einfache Mehrheit, d. h. mehr als die Hälfte der Stimmen der anwesenden Stimmberechtigten. In besonderen Fällen, insbesondere bei Wahlen, ist dagegen die absolute Mehrheit, das heißt mehr als die Hälfte der Stimmen aller Stimmberechtigten notwendig. Schließlich kann auch, zum Beispiel bei Satzungsänderungen, eine sog. qualifizierte Mehrheit, das heißt Zweidrittel der Stimmen der Stimmberechtigten, erforderlich sein.

Beispiel: Von einer zweiundvierzig Mitglieder zählenden Gemeindevertretung sind dreißig Ratsmitglieder in der Sitzung anwesend.

Schwierigkeiten bereitet in der Praxis vielfach die Behandlung der Stimmenthaltungen. Falls Satzung oder Geschäftsordnung nichts anderes bestimmen, sind nach der neueren Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes Versammlungsteilnehmer, die sich der Stimme enthalten, wie nicht erschienene zu behandeln. Erforderlich, aber auch ausreichend, ist daher in aller Regel die Mehrheit der abgegebenen Stimmen (BGH 83, 35).

Checkliste für den erfolgreichen Sitzungsleiter

Grundsätze und Formen der Diskussion

Bei vielen Versammlungen und Sitzungen steht die Diskussion im Mittelpunkt oder ist gar einziger Punkt der Zusammenkunft. Die Diskussion, deren Begriff sich aus dem lateinischen Wort "discudio" (Auseinanderteilen) ergibt, entstand im Parlament und ist ein legitimes Kind der Demokratie. In unserer heutigen Zeit ist die Diskussion ein wichtiger Bestandteil unseres Zusammenlebens in den verschiedensten Bereichen. Als sogenanntes Gruppengespräch ist sie eine Sonderform des Gesprächs, das den verschiedensten Zwecken und Anlässen dienen kann. Diskussionen und Rundgespräche sind in unserer Zeit des demokratischen Zusammenlebens in vielen Lebensbereichen nicht mehr zu entbehren. In gleicher Weise folgt daraus, daß Diskussionen und Lehrgespräche auch zu einem wichtigen Bestandteil des modernen Rhetorikunterrichts geworden sind.

Wenn sich auch für die Diskussion in der Praxis die verschiedensten Bezeichnungen finden und eingebürgert haben, so bedeutet Diskutieren immer der Versuch, gemeinsam die Wahrheit und das richtige Ergebnis zu finden. Es geht dabei nicht um die Kunst, unter allen Umständen recht zu behalten. Mit der weisen Regel, die sich als Aufschrift an einer dänischen Rathaustür findet, wird Sinn und Notwendigkeit der Diskussion treffend umschrieben: "Keiner weiß so viel wie wir alle zusammen." Dieser Satz steht gewissermaßen als Leitspruch über jeder Diskussion. Denn wo alle dasselbe denken, wird nicht viel gedacht und schon deshalb müssen wir lernen, miteinander zu reden.

Die Diskussion stellt sich damit als eine echte Gemeinschaftsleistung dar, bei der jeder Gesprächsteilnehmer einen Beitrag leisten sollte. Das ist auch Sinn der die Diskussion ermöglichenden Konferenzen. Auch diese Bezeichnung, die aus dem lateinischen Wort "conferro" (Zusammentragen) entstanden ist, trifft schon nach der Wortbedeutung genau das, was das Gruppengespräch bezwecken und erreichen will. Wenn dies verkannt wird, bleibt jede Konferenz und damit auch die Diskussion eine Sitzung, bei der nach einem bekannten Wort des Humoristen Werner Finck viele hineingehen und wenig herauskommt.

Im weiten Feld der Diskussionspraxis gibt es verschiedene Diskussionsformen, die sich danach richten, wie das Gespräch abläuft und wer daran beteiligt ist. So unterscheidet man

  1. die Vortragsdiskussion, bei der sich die Diskussion an einen einführenden Vortrag anschließt,

  2. das Rundgespräch, bei dem die Diskussion ausschließlich aus einem Gespräch der Diskussionsteilnehmer über ein bestimmtes Diskussionsthema besteht,

  3. die Podiumsdiskussion, bei der mehrere Partner vor einem Publikum miteinander über das gestellte Thema diskutieren, ohne daß die Zuhörer an dem Gespräch teilnehmen können. Während öffentlicher Podiumsdiskussionen werden auf Wunsch des Publikums gelegentlich auch Zuhörer als Diskussionsteilnehmer zugelassen und tragen dann ihrerseits zum guten Ergebnis der Podiumsdiskussion bei.

  4. die Forumdiskussion, bei der sich auch die Zuhörer mit Fragen, Einwänden und Diskussionsbeiträgen an die Teilnehmer eines Diskussionsforums wenden können, und schließlich

  5. die Parlamentsdebatten, unter denen man die Diskussionen im parlamentarischen Bereich versteht.

In der modernen Managementpraxis, die auch im kommunalen Bereich immer mehr an Bedeutung gewinnt, hat sich noch eine besondere Form der Diskussion entwickelt, das sogenannte Brainstorming. Dieses Verfahren besteht aus einer zeitlich begrenzten Diskussion, in der sich eine Personenmehrheit um die Findung von Alternativlösungen durch assoziierte Ideensammlung bemüht (Ideenkonferenz). Dieses Brainstorming ist nichts anderes als eine konsequente und auf einen bestimmten Zweck ausgerichtete Sonderform der Diskussion.

Für die verschiedenen Formen der Diskussion gelten eine Reihe allgemeiner Grundsätze, die sich auf die Technik, den Ablauf und die Teilnahme an dem gemeinsamen Gespräch beziehen. Zum Teil sind diese Grundsätze bereits in dem Abschnitt "Sitzungen und ihre Leitung" behandelt worden, was insbesondere für diejenigen Diskussionen gilt, die mit einer Abstimmung über das Diskussionsthema enden. Diese mehr formellen Verfahrensregeln werden ergänzt durch eine Reihe spezieller Diskussionsgrundsätze, die für alle Teilnehmer an der Diskussion, nämlich für Diskussionsleiter, Vortrags- und Diskussionsredner wertvolle und nützliche Hinweise enthalten.

Die Diskussionsleitung

Versammlungen sind vielfach mit einer Diskussion der Versammlungsteilnehmer verbunden. In diesem Falle hat der Versammlungsleiter auch die Funktion eines Diskussionsleiters wahrzunehmen. Dafür braucht er kein Fachmann des Diskussionsthemas zu sein, es genügt, daß er die Regeln der Diskussionstechnik beherrscht.

Die Diskussion soll ein bestimmtes Thema durch Rede und Gegenrede vertiefen und auf diese Weise zu einer sachlichen Meinungsbildung der Diskussionsteilnehmer führen. Bei der rhetorischen Auseinandersetzung hat der Diskussionsleiter dafür zu sorgen, daß der gegenseitige Meinungsaustausch unter Einhaltung der demokratischen und parlamentarischen Spielregeln ruhig und sachlich ausgetragen wird und reibungslos zu dem mit der Aussprache erstrebten Ziel führt. Die erste und oft schwierigste Aufgabe des Diskussionsleiters besteht darin, die Versammlungsteilnehmer anzusprechen und das Feuer der Diskussion zu entfachen. Oft kann schon der Redner dem Diskussionsleiter eine wertvolle Hilfe gewähren, indem er in das zur Diskussion stehende Referat interessante Fragestellungen oder zum Widerspruch auffordernde Thesen einstreut. Wenn dieser Anreiz und der von dem Referenten dargebotene Wissensstoff für das Ingangsetzen der Diskussion nicht genügen, so ist dem Diskussionsleiter zu empfehlen, sich mit einigen vorbereiteten Fragen, Feststellungen oder zugespitzten Formulierungen als erster Diskussionsredner zu betätigen. Wenn erst einmal die rechte Atmosphäre für die Diskussion geschaffen ist, braucht der Diskussionsleiter um eine genügende Beteiligung an der Aussprache nicht mehr zu bangen.

Sobald sich der Zug der Diskussion in Bewegung gesetzt hat, sollte er nicht mehr als unbedingt nötig aufgehalten werden. Selbst wenn er vorübergehend einmal auf ein Nebengleis gerät und eine falsche Richtung einzunehmen scheint, braucht nicht sogleich die Notbremse gezogen zu werden. Auch hüte sich der Diskussionsleiter davor, den Diskussionsteilnehmern seine, wenn auch noch so gut vorbereitete Meinung aufzudrängen und sie "mit der Walze seiner eigenen Weisheit zu überrollen". Wenn er selbst einen längeren Diskussionsbeitrag beisteuern will, so sollte er für diese Zeit die Leitung der Diskussion niederlegen. Denn die Aufgabe des Diskussionsleiters besteht nicht im Gespräch, sondern in der Gesprächsführung, das heißt in einer überwachenden, anregenden und ausgleichenden Funktion, die auf Kohäsion (Zusammenhalt der Gruppe) und Lokomotion (Erreichen des Diskussionsziels) ausgerichtet ist.

Sachbeiträge des Diskussionsleiters sollten daher nur ausnahmsweise erfolgen, nämlich dann, wenn

Nicht immer ist der Diskussionsleiter in der glücklichen Lage, daß sich das Forum der Gesprächsteilnehmer nur aus ehrlichen, sachlichen und ordnungsliebenden Rednern rekrutiert. Oft wird der reibungslose Ablauf einer Diskussion durch Diskussionsteilnehmer gefährdet oder gestört, die sich aus Freude am Reden, aus Eitelkeit, Geltungsdrang oder aus unsachlichen Motiven zu Wort melden. In diesen Fällen sollte der Diskussionsleiter vor der Ausübung seiner Leitungs- und Ordnungsbefugnisse nicht zurückschrecken. Ein Redner, der die ihm gewährte Redezeit überschreitet oder allzu weit vom Thema abschweift, ist ebenso höflich wie unmißverständlich zur Ordnung zu ermahnen. Wenn solche Ermahnungen und Ordnungsrufe ohne Erfolg bleiben, so hat der Diskussionsleiter letztlich keine andere Wahl als dem renitenten Diskussionsteilnehmer das Wort zu entziehen. Selbstverständlich muß der Diskussionsleiter bei derartigen Maßnahmen Takt und Umsicht walten lassen, wobei ihm die persönliche Kenntnis der Diskussionsteilnehmer sehr zustatten kommt. Auf keinen Fall darf der Diskussionsleiter durch solche Eingriffe in die laufende Diskussion versuchen, sachliche Meinungsverschiedenheiten der Gesprächsteilnehmer auszugleichen oder seine Meinung in den Vordergrund zu stellen. Denn die Meinungsverschiedenheit ist eine lebensgesetzliche Notwendigkeit unserer Demokratie und gleichzeitig jeder echten und fruchtbaren Diskussion. So hat kein geringerer als Goethe bereits bekannt: "Das Gleiche läßt uns in Ruhe, aber der Widerspruch ist es, der uns produktiv macht".

Zum Abschluß der Diskussion ist dem Diskussionsleiter zu empfehlen, das Ergebnis der Aussprache in kurzen Worten prägnant und allgemeinverständlich zusammenzufassen, um die in dem Meinungsaustausch gewonnenen Erkenntnisse festzuhalten. Dazu bedarf es nur einiger klar und verständlich formulierter Sätze, insbesondere wenn dem Hauptredner nach Beendigung der Diskussion nochmals Gelegenheit zu einem, auch das Mosaik der Diskussionsbeiträge verwertenden Schlußwort gegeben wird.

Für die einzelnen Phasen der Diskussionsleitung kann der Diskussionsleiter auf einige Merkwörter zurückgreifen, die ihm sowohl für den Ablauf der Diskussion, als auch für die Kontrolle der Leitungsfunktion eine wertvolle Hilfestellung geben. Diese Merkwörter, die sich in der Praxis als Hilfs- und Orientierungsmittel bewährt haben, sind im einzelnen:

ANERBE-

dieses Merkwort gibt eine Hilfe für die Eröffnung der Diskussion und weist darauf hin, daß sich der Diskussionsleiter auf die ANrede, die ERöffnung und die BEgrüßung zu konzentrieren hat.

FRATHEWITZ-

dieses Merkwort gibt die wichtigsten Elemente der Diskussion wieder, auf die der Diskussionsleiter zu achten hat: Freundliche Atmosphäre, Thema, Wichtigkeit des Themas und Ziel der Diskussion.

Und schließlich das Merkwort:


ZOTTE-

das für die schriftliche Zusammenfassung des Diskussionsergebnisses beachtenswert ist. Nach diesem Merkwort muß die Diskussionsniederschrift wie jedes andere aussagekräftige Protokoll folgende Aussagen enthalten: Zeit, Ort, Teilnehmer, Tagesordnung und Ergebnis der Diskussion.

Diese Merkwörter sollten gerade die Diskussionsleiter beachten, die noch nicht genügend Diskussionspraxis und -erfahrung gesammelt haben. Sie erleichtern nicht nur die Erkenntnis des Aufgabenbereiches, sondern dienen auch zur wirksamen Selbstkontrolle selbst im heißen Wortgefecht der Diskussion.

Der Aufgabenbereich des Diskussionsleiters läßt sich somit in sechs verschiedenen und aufeinanderfolgenden Tätigkeiten stichwortartig zusammenfassen:

  1. Einleiten und Eröffnen (hierfür wird verschiedentlich eine "Einleitungsformel" als brauchbare Hilfe angeboten, die folgende Reihenfolge der Eröffnungsworte vorsieht: Anrede, Eröffnung, Begrüßung, Thema, Aufforderung zur Wortmeldung und Worterteilung).

  2. Anregen (der Diskussionsleiter muß in der Lage sein, ggf. mit einigen Startfragen, die Diskussion in Gang zu bringen und die Teilnehmer zu aktivieren).

  3. Übergänge schaffen (dies ist besonders dann erforderlich, wenn verschiedene Sachpunkte behandelt und in den Diskussionsablauf eingeordnet werden müssen).

  4. Ordnen (diese Tätigkeit erstreckt sich sowohl auf die äußere Ordnung der Diskussion als auch auf die gedankliche Ordnung des Beratungsstoffes und seiner Behandlung. Beides muß zielgerichtet, d. h. darauf ausgerichtet sein, daß das angestrebte Ziel in der zur Verfügung stehenden Zeit erreicht werden kann).

  5. Zusammenfassen (eine gute Diskussionsbilanz ist stets ein entscheidender Maßstab für den Erfolg der Diskussion. Erforderlichenfalls kann das Schlußergebnis später in einer Protokollnotiz festgehalten werden, die allen Diskussionsteilnehmern zugeleitet wird).

  6. Danken (der Dank an alle, die zum Gelingen der Diskussion beigetragen haben, ist mehr als eine bloße Geste der Höflichkeit. Er sichert auch dann, wenn die Meinungen im Rededuell hart aufeinander geprallt sind, einen versöhnlichen Ausgang der Diskussion).

Diese Aufgaben lassen erkennen, daß die Tätigkeit des Diskussionsleiters vorwiegend formaler Art ist. Sie läßt sich mit der Aufgabenstellung des "Speakers" im englischen Unterhaus vergleichen, der ebenfalls nur auf die Einhaltung der parlamentarischen Gepflogenheiten und Geschäftsordnungsgrundsätze zu achten hat. Eine geistreiche aber treffende Umschreibung der Aufgabenstellung des Diskussionsleiters gibt Korff in seinem Buch "Redetechnik als Führungsmittel". Hiernach soll der Diskussionsleiter stets

Im gleichen Buch ist auch ein Hinweis auf die Technik und Psychologie der Gesprächsführung zu finden, bei der die Aufgabenstellung des Diskussionsleiters mit dem Merkwort "OTHELLO" erläutert und umschrieben wird. Nach diesem Merkwort für den Diskussionsleiter hat dieser bei seiner Tätigkeit auf folgende Punkte zu achten:

O = Ordnung

(Achte auf Ordnung in Gliederung und Aufbau)

T = Thema

(Achte darauf, daß das Thema aktuell problematisch und attraktiv behandelt wird)

H = Haltung

(Achte auf die eigene Haltung sowie die der Diskussionsteilnehmer)

E = Einfühlung

(Achte auf die Eigenart und Besonderheit der Diskussionsteilnehmer)

L = Lampenfieber

(Achte darauf, daß sich das Lampenfieber, das sich bei den Diskussionsteilnehmern bemerkbar macht, in Dynamik umwandelt)

L = Leistung

(Achte darauf, daß die Leistung alle Teilnehmer zufriedenstellt)

O = Onkel Otto

(Achte nicht so sehr auf die Querulanten, als auf die sachlichen, interessierten und toleranten Teilnehmer. Denn bei manchen Diskussionsteilnehmern muß man sich fragen, ob sie bei der Lösung des Problems mithelfen oder zum Problem gehören).

Dieses Merkwort sollte sich jeder Diskussionsleiter in sein Notizbuch schreiben und, was noch wichtiger ist, in der Praxis befolgen. Wer zudem beachtet, daß der Diskussionsleiter für seine Redebeiträge unter keinen Umständen mehr als 1/10 der Diskussionszeit in Anspruch nehmen darf, wird dafür eine Bestätigung finden, daß er zu den guten Diskussionsleitern zählt, die im Urteil der Diskussionsteilnehmer bestehen können.

Der Diskussionsredner

(Technik und Strategie der erfolgreichen Verhandlungsführung)

Im Verlaufe dieser Ausführungen ist bereits mehrfach festgestellt worden, daß sich nur derjenige im öffentlichen Leben behaupten kann, der seine Meinung auch in der Öffentlichkeit frei und überzeugend zu vertreten vermag. Dazu bietet gerade die Teilnahme an Diskussionen eine gute und willkommene Gelegenheit, zumal die Diskussion die beste Schule für den werdenden Redner ist. Denn wer diskutieren kann, kann auch reden. Wer sich als Diskussionsredner zu Wort meldet, muß sich darüber im klaren sein, daß die Aufforderung zur Diskussion nicht als eine Verpflichtung zum Reden um jeden Preis gewertet werden darf. Deshalb sollte sich auch nur derjenige Versammlungsteilnehmer an der Diskussion beteiligen, der zu dem Thema wirklich einen sachlichen Diskussionsbeitrag beizusteuern vermag. In allen anderen Fällen liegt die Kunst der Rede im Schweigen, das, zur rechten Zeit angewandt, gar oft die Beredsamkeit übertrifft. Diese weise Erkenntnis bedeutet jedoch nicht, daß von einem Diskussionsbeitrag schon deshalb abzusehen ist, weil man auf dem zu erörternden Gebiet über keine besonderen Fachkenntnisse verfügt. Gerade der Laie kann oftmals einen Meinungsaustausch bereichern, weil er ein bestimmtes Thema oder einen völlig anderen und vermutlich bisher noch nicht beachteten Aspekt erblickt und behandelt.

Im weiten Feld der Diskussionspraxis zeigt sich immer wieder, daß die Kunst des Konferierens, des Diskutierens und Verhandelns selbst in unserer redseligen Zeit Mangelware ist. Nur wenige besitzen die Fähigkeit, das erworbene Wissen, Meinungen und Argumente durch die Kunst des Verhandelns überzeugend "an den Mann zu bringen." Hier liegt der Grund für viele Mißerfolge, da sich im Widerstreit der Meinungen nur derjenige durchzusetzen vermag, der geschickter und besser verhandelt als seine Gesprächspartner. Das ist das einfache Erfolgsrezept in der rhetorischen Auseinandersetzung.

Verhandlungstechnik ist Behandlungstechnik. Dieser treffende Satz besagt, daß es bei der Gesprächsführung entscheidend darauf ankommt, wie man die anderen Gesprächsteilnehmer behandelt und ob es gelingt, ein gutes Verhandlungsklima zu schaffen. Dies erfordert nicht nur den Einsatz der rhetorischen Kräfte und Möglichkeiten, sondern auch die Beachtung psychologischer Grundsätze und Verhaltensregeln.

So hat der Diskussionsredner zunächst auf eine positive Gesprächsatmosphäre hinzuwirken und diese während der Verhandlung aufrechtzuerhalten. Nur auf einer solchen Kontaktebene kann sich ein fairer, störungsfreier und für alle Teile befriedigender Meinungsaustausch entwickeln.

Da die Diskussion eine Gemeinschaftsleistung darstellt, genügt es nicht, nur dem eigenen Ich einen guten Platz im Verhandlungsfeld zu sichern. Auch der andere gehört in den Mittelpunkt des Gespräches. Entscheidend ist daher, was, für Sie und Ihren Partner, als gemeinsame Gesprächsbasis akzeptiert wird. Das erfordert gewissermaßen ein Kopplungsmanöver mit dem Gesprächsteilnehmer, bei dem der Ich-Standpunkt durch eine verbindende Partnerschaft ersetzt wird. Diesen gemeinsamen Standort kann man am einfachsten dadurch erreichen, daß man den Gesprächsteilnehmer bei seinen Wünschen, Interessen und Problemen anspricht und anpackt. Auf diese Weise bereitet man den Boden für die Aufnahmebereitschaft des anderen, man gewinnt Gesprächspartner und vermeidet Gesprächsgegner. Dazu gehört auch, daß man beim eigenen Vorgehen sich an den Vorteilen, die für den anderen Gesprächsteilnehmer erkennbar sind und im Vordergrund stehen, orientiert.

Selbstverständlich darf der Interessengegensatz, der naturgemäß am Anfang einer jeden Diskussion zwischen den Gesprächsteilnehmern besteht, nicht durch unnötige und gar absichtlich produzierte Spannungen verschärft werden. Solche Spannungsmomente stellen von vornherein den Erfolg der Verhandlung in Frage. Die Vermeidung persönlicher und verletzender Äußerungen, menschliches Verständnis und das erkennbare Bemühen, miteinander und nicht gegeneinander zu diskutieren, gehören eigentlich zur psychologischen Grundausstattung eines jeden auf Erfolg bedachten Diskussionsredners.

Unter Beachtung dieser Gesichtspunkte muß die Absicht des Diskussionsredners von Anfang an darauf abgestellt sein, die Versammlung zielsicher, elegant und positiv abzuschließen. Das ist das Leitmotiv jeder Verhandlung. Und insoweit ist Wilhelm Busch uneingeschränkt zuzustimmen, wenn er bemerkt: "Ob Minus oder Plus, zeigt immer erst der Schluß."

Der positive Verlauf einer jeden Diskussion erfordert damit zunächst die Beachtung der 5 vorgenannten psychologischen Grundregeln:

Wem bisher dennoch ein erfolgreiches Abschneiden in Verhandlungen und Diskussionen versagt geblieben ist, hat keineswegs Grund zur Resignation. Denn das rechte Diskutieren kann man erlernen. Es ist kein leichtes Studium, es erfordert Mühe, Übung und Routine. Dazu gibt es eine Reihe taktischer Regeln, die als bewährte Richtpunkte für die Diskussionspraxis gelten und zur Beherrschung der Diskussionsstrategie führen. Diese Regeln lassen sich in zehn Leitsätzen für den erfolgreichen Diskussionsredner zusammenfassen:

  1. Gute Vorbereitung für die Diskussion und Verhandlung

    Eine gute Vorbereitung ist die erste Voraussetzung für den erstrebten Verhandlungserfolg. Dazu gehört vor allem die Beherrschung des Diskussionsstoffes, das Erkennen des Verhandlungszieles, der zweckmäßige Aufbau und die geschickte Auswahl der Argumentation sowie die Einplanung des voraussichtlichen Verhandlungsablaufes.

    Um diese für die Diskussion notwendige Vorbereitungsarbeit zügig und ohne Umwege abzuwickeln, empfiehlt Elertsen in seinem Buch "Moderne Rhetorik", sich auf vier immer wieder vorkommende Fragen mit Hilfe der sog. "4-W-Formel" zu konzentrieren. Durch die Beantwortung der Fragen

ist der Diskussionsredner gehalten, von vornherein sein Verhandlungskonzept festzulegen. Eine solche Vorbereitungsarbeit erscheint selbst dann nicht umsonst, wenn der Ablauf der Diskussion zu einer Änderung oder Überprüfung des ursprünglichen Diskussionsstandpunktes zwingt. Denn die strategische Vorbereitung für die Diskussion wird stets die richtige Einschaltung in den Verhandlungsablauf erleichtern.

  1. Kürze des Diskussionsbeitrages

    Schon Wilhelm Busch weist treffend darauf hin: "Wer immer red't, den will man nicht, und wenn er auch was Gutes spricht!" Diskussionsbeiträge sollten deshalb kurz bemessen sein, denn in der Kürze liegt auch hier die Würze. Zu Recht wird immer wieder darauf hingewiesen, daß die Diskussionskunst aus den Worten besteht, die man sagt, aber auch aus denjenigen, die man besser nicht sagt. Deshalb sollte man nicht alles sagen, was man denkt, jedoch alles denken, was man sagt. Und was man in der bedachten Auswahl der Worte zurückhält, kann nicht falsch sein. Allerweltsredner werden dagegen selten die Zustimmung der Zuhörer finden, sie sollten die Mahnung des Predigers Salomon beherzigen: "Laß Deine Worte wenig sein!"

    So ist es am zweckmäßigsten, wenn man nach einer kurzen Einleitung, die eine positive Verhandlungsatmosphäre schafft, und der Hervorhebung der Gesprächspunkte, bei denen Einmütigkeit besteht, unmittelbar seine Argumente vorträgt, geschickt aufbaut und zielsicher abschließt. Was darüber ist, trägt in keinem Falle dazu bei, das Verhandlungsziel zu erreichen.

  1. Ruhe und Sachlichkeit

    Der Diskussionsredner, der Anerkennung und Zustimmung sucht, muß dies stets mit Ruhe und Sachlichkeit tun. Denn die Ruhe gilt als erste Rednerpflicht. Ungeduld ist immer ein Fehler beim Verhandeln, vor allem dann, wenn man sie seinen Gesprächspartnern zeigt. Wer im Recht ist, kann es sich immer leisten, die Ruhe zu bewahren und zu zeigen. Wer dagegen im Unrecht ist, sollte es sich um so weniger leisten, die Ruhe zu verlieren. Denn wer seine Entrüstung zeigt, läßt zu seinem eigenen Nachteil erkennen, daß man ihn treffen konnte und auch künftig treffen kann. Dies bedeutet stets eine Schwächung der Verhandlungsposition.

    Insoweit sind Diskussionen durchaus mit Sportveranstaltungen vergleichbar. Wer Treffer landet, kann des Beifalls sicher sein. Wer schreit, die Haltung verliert, sich beleidigt gibt, disqualifiziert sich selbst und wird zum Verlierer.

    Zutreffend weist Werner Rother darauf hin, daß "ein ruhiges Gesäß bei Verhandlungen genauso viel hilft wie ein geschwinder Kopf". Deshalb sollte man stets versuchen, mit Ruhe und Geduld unbequeme oder gar unhöfliche Gegner "leerlaufen" zu lassen. Schon manche Redeschlacht wurde allein dadurch gewonnen, daß man seinen Gegner durch ruhiges Anhören oder Überhören seiner Angriffe entwaffnete. Denn Diskussionen sind nicht zuletzt auch eine Frage der physischen und psychischen Kondition.

  1. Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart

    Auch die besten Argumente und Einfälle nützen nur dann, wenn sie zur rechten Zeit vorgetragen werden. Deshalb zählen Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit zu den wichtigsten, aber leider auch seltensten Fähigkeiten der Diskussionsredner. Die Geistesgegenwart ist gewissermaßen ein rednerischer Bereitschaftszustand, von dem Wilhelm Busch treffend sagt: "Nun zeigt besonders und apart, sich seine Geistesgegenwart!" Nur wer sich in diesem Bereitschaftszustand befindet, wird in der Lage sein, mit einer sachlichen Entgegnung oder einem geistreichen Bonmot schlagfertig zu kontern. Diese Eigenschaft laßt sich Zug um Zug erlernen und verbessern. Ein bewährtes Übungsmittel dafür ist die aufmerksame Verfolgung der Diskussion, wobei sich der Diskussionsredner stets fragen sollte, was er an dieser Stelle und auf diesen Beitrag wirksam entgegnet hätte. Wer sich dieser Mühe in aller Stille unterzieht, wird recht bald spürbare Erfolge registrieren können. Denn auch bei der Schlagfertigkeit gilt der Erfahrungssatz, daß man nur das aus dem Ärmel schütteln kann, was man vorher hinein getan hat.

  1. Man muß nicht nur reden, sondern auch zuhören können

    Das aufmerksame Zuhören ist eine sachliche Notwendigkeit und ein Gebot der Achtung gegenüber dem Gesprächspartner. Für den Diskussionsredner ist es daher unerläßlich, sich auch in der Kunst des Zuhörens zu üben. Wer ständig selber spricht, findet allenfalls Gesprächsgegner. Wer dagegen gut zuzuhören versteht, wird die Argumentation des Gesprächspartners richtig erfassen und seine Antwort danach ausrichten können. Da der gute Diskussionsredner auch danach beurteilt wird, ob er seinem Gesprächspartner ruhig und aufmerksam zuhören kann, sollte man stets vermeiden, mit der Zunge zu denken oder den Kehlkopf gar als Gehirn-Prothese zu verwenden. Nicht zuletzt gilt hier die weise Regel, daß vor den Menschen Vorsicht geboten ist, die einen unentwegt reden lassen. Rhetorische Selbstproduktion in Permanenz ist ebenso unklug wie gefährlich.

    So hat der frühere Bundeskanzler Dr. Adenauer dem amerikanischen Präsidenten Kennedy mit folgenden Worten die Eigenschaft eines guten Diskussionsredners bestätigt: "Er beherrscht auch die Kunst des Zuhörens, deshalb kann man so gut mit ihm diskutieren." Wer dagegen nur mit einem halben Ohr oder überhaupt nicht zuhört, ist mit einem Kraftfahrer vergleichbar, der im Leerlauf Vollgas gibt. Dabei wird Benzin verbraucht, ohne vorwärts zu kommen.

  1. Höfliches, freundliches und diplomatisches Verhalten

    Die Achtung des Gesprächspartners verbietet es, daß man seine Meinung als falsch, unrichtig, unlogisch oder undiskutabel abwertet. Der Diskussionsredner muß vielmehr stets versuchen, mit einer höflichen Redewendung eine Brücke zur Verständigung zu finden. Dabei sollte man das scharfe Wort, das einem vielleicht auf der Zunge liegt, ruhig dort liegen lassen. Persönliche und verletzende Bemerkungen sind in aller Regel fehl am Platz. Das bedeutet keine Aufforderung zur Unehrlichkeit des Diskussionsredners, sondern ein bewährtes Rezept erfolgreicher Verhandlungstechnik. Denn wer nicht höflich ist nach allen Seiten, hat doch nur Verdrießlichkeiten (Wilhelm Busch).

    Wenn der höfliche Diskussionsredner zudem ein diplomatisches Verhalten zeigt, das heißt Vorsicht und Geschicklichkeit erkennen läßt, wird er schon im voraus ein günstiges und aufnahmebereites Klima für seine eigene Argumentation schaffen. Denn Diplomatie besteht nach einem geistreichen Bonmot darin, den Hund so lange zu streicheln, bis man ihm den Maulkorb überziehen kann. Ähnliche Überlegungen sind auch bei Unterredungen, die eigentlich immer Überredungen sind, am Platze.

  1. Beherrschung der Argumentationstechnik

    Ein bewährtes Mittel der Argumentationstechnik ist die Dialektik, das heißt die Kunst, im Widerstreit der Meinungen durchschlagende Argumente zu finden, sie geschickt einzuplanen und überzeugend vorzutragen. Diese Technik wird sowohl von logischen als auch von psychologischen Merkmalen bestimmt und dient ausschließlich der Wahrheitsfindung. Sie muß deshalb scharf von einer bloßen Schein-Dialektik, auch unfaire Dialektik genannt, abgegrenzt werden, die insbesondere in vier Äußerungsformen auftritt:

    1. Das Debattieren, das soviel wie Niederschlagen bedeutet und nicht der Wahrheitsfindung, sondern der Behauptung der eigenen Meinung um jeden Preis dient. Debattanten sind weder für die sachliche noch für die politische Diskussion geeignete Gesprächspartner, wie der bekannte Redebeitrag aus dem Deutschen Reichstag mit aller Deutlichkeit zeigt: "Die Gründe der Regierung kenne ich nicht, aber ich bin dagegen."

    2. Die Sophistik, d. h. der Einsatz von Denkformen zu absichtlicher Täuschung. Da die Sophistik darauf abstellt, den Gesprächspartner zu täuschen, ist sie für die eigene Argumentation abzulehnen.

    3. Die Eristik, die durch rednerische Kunstgriffe den Gesprächspartner zu überrumpeln sucht. Schon Schopenhauer hat hierzu einen Katalog von 38 Kunstgriffen zusammengestellt, die davon ausgehen, daß Diskutierende ihre eigene Schlauheit und Schlechtigkeit besitzen. Auch auf solche Überrumpelungstaktiken sollte der faire Diskussionsteilnehmer verzichten, da sie nicht zum sachlichen Verhandlungserfolg führen.

    4. Die Polemik, die darin besteht, daß der Diskussionsteilnehmer aus bloßer Streitlust und ohne sachliche Grundlage gegen eine andere Auffassung zu Felde zieht. Da die Polemik zu bloßen rhetorischen Scheingefechten führt, ist sie ebenso wie die Sophistik für die Argumentationstechnik des Diskussionsredners ungeeignet.

  1. Beherrschung der Verhandlungstechnik

    "Verhandlungstechnik ist Behandlungstechnik". Mit diesem treffenden Satz hat Korff darauf hingewiesen, daß es für die Verhandlungstaktik entscheidend auf die Behandlung des Gesprächspartners ankommt. Dazu gehört vor allem die Einstellung auf den Gesprächspartner, die klare Abgrenzung des Diskussionsbeitrages sowie die geschickte Anordnung der Argumente. Auch die Wahl des richtigen Zeitpunktes für den einzelnen Diskussionsbeitrag kann von entscheidender Bedeutung sein. Ein Diskussionsredner sollte sich nicht danach drängen, unter allen Umständen das erste Wort zu bekommen. Viel besser ist es, zunächst die Ansichten anderer Gesprächsteilnehmer zu hören und sich auf ihre Diskussionsmeinung einzurichten. Dies ist auch deshalb ratsam, weil der Diskussionsredner für seinen ersten Diskussionsbeitrag die besondere Aufmerksamkeit der Gesprächspartner erwarten kann, die bei wiederholten Wortmeldungen nicht mehr im gleichen Maße gegeben ist.

    Zur Verhandlungstaktik gehört auch die geschickte Auswahl und Formulierung der Fragestellung. Denn wer fragt, der führt. So sollten die Fragen an den Gesprächspartner nach der bewährten Alternativtaktik ausgewählt sein, die stets eine von dem Fragenden zu akzeptierende Antwort erwarten läßt. Die Praxis der PR-Arbeit gibt dafür ebenso treffende Beispiele wie der politische Diskussionsbereich. Auch der kleine Unterschied in der Fragestellung "Darf ich beim Beten rauchen?" oder "Darf ich beim Rauchen beten?" läßt schon die Bedeutung der richtigen Fragestellung erkennen, mit der sich jeder Diskussionsteilnehmer einen echten Verhandlungsvorteil verschaffen kann.

    Zur Fragetechnik gehört auch die Anwendung der sog. Sokratischen Fragen, die auch als Bejahungs-Fragen bezeichnet werden. Bei dieser Technik werden die Fragen so ausgewählt, daß sie normalerweise nur in bejahendem Sinne beantwortet werden können. Folgende Beispiele mögen diese Form der Fragetechnik verdeutlichen:

    Ich bin sicher, daß sie mir insoweit zustimmen...

    Sie werden doch mit mir der Meinung sein ....

    Wir sind uns doch einig darin, daß...

    Sie wollen doch sicher auch . . .

    Zweifellos ist die Fragetechnik eine wirksame und bewährte Form der Verhandlungstechnik. Denn das Fragezeichen, das eine Frage kurz und bündig mit zwingendem Fragedruck abschließt, ist ein Haken, an dem immer etwas hängen bleibt. Als dies ein Diskussionsteilnehmer im Verlauf der Diskussion erkannte, versuchte er, sich der unbequemen Fragen mit einer provozierenden Gegenfrage zu erwehren: "Warum fragen Sie immer?" Die entwaffnende Antwort war schlicht und einfach wieder eine Frage: "Warum nicht?"

    Beachten Sie jedoch bitte: Klug zu fragen, ist oft schwieriger, als klug zu antworten.

  1. Erleichtern Sie die Zustimmung

    Verhandlungen beginnen in der Regel damit, daß die einzelnen Diskussionsteilnehmer verschiedene Standpunkte einnehmen und zu verteidigen suchen. Deshalb muß es das Verhandlungsziel eines jeden Diskussionsredners sein, die Nein-Stellung seiner Partner aufzuweichen und sie zu einer Ja-Stellung zu veranlassen. Das Finden dieser psychologischen Einbruchstelle kann oft recht schwierig sein und nur schrittweise mit viel Geschick, Umsicht und Einfühlungsvermögen erreicht werden. Deshalb sollte der Diskussionsredner nichts unversucht lassen den Vertretern der gegnerischen Meinung ihre Zustimmung zu erleichtern. Kein Gesprächsteilnehmer verliert gern sein Gesicht und niemand unterwirft sich gern einer fremden Ansicht, es sei denn, daß ihm dazu eine gute und die Meinungsverschiedenheit überbrückende Hilfestellung gewährt wird. Die in der Praxis bekannte Methode des "Ja, aber..." kann oftmals schon die hierfür erforderliche Brücke schlagen. So ist es niemals eine schlechte Einleitung, wenn man zuerst alle Punkte aufzählt, in denen man übereinstimmt, um dann zu zeigen, wie und wo die Abweichungen sind. Die Kunst der erfolgreichen dialektischen Argumentation besteht darin, den Gesprächspartner unter Verarbeitung seiner eigenen Argumente zu dem von Ihnen gewollten Ergebnis hinzuführen, ohne daß er den Eindruck erhält, er sei der Unterlegene.

  1. Versuchen Sie, zumindest einen tragbaren Kompromiß zu erzielen

    Jeder Diskussionsredner hat das verständliche Bestreben, mit der überzeugenden Kraft seiner Argumente ans Ziel zu gelangen. Doch nicht immer läßt sich in der Verhandlung alles erreichen, was ursprünglich beabsichtigt war. Deshalb sollte sich der Diskussionsredner zumindest um einen tragbaren und vertretbaren Kompromiß bemühen. Die sog. Kompensationstechnik, die darin besteht, daß man in einem Punkte nachgibt, um im anderen zu gewinnen und dadurch einen teilweisen Verhandlungserfolg zu erzielen, ist ebenso wenig eine schlechte Verhandlungstaktik wie ein guter Kompromiß ein schlechtes Verhandlungsergebnis darstellt. Dabei kann man sich ohne weiteres der Meinung des früheren italienischen Ministerpräsidenten Amintore Fanfani anschließen, der den Kompromiß einmal als die Kunst bezeichnete, einen Kuchen so aufzuteilen, daß jeder meint, er habe das größte Stück bekommen. Dies ist jedenfalls besser, als von dem Kuchen, der zum Abschluß der Verhandlung verteilt wird, überhaupt nichts zu behalten. So kennzeichnet der Kompromiß nicht nur das Wesen der Diplomatie und Politik, er ist auch ein Kernpunkt der Verhandlungsführung. Gerade deshalb zählt die Kompensationstechnik zu den "Goldenen Regeln der Diskussionsstrategie", die in der Praxis immer wieder über Erfolg oder Nichterfolg von Verhandlungen, Diskussionen und Konferenzen entscheiden.

Das Mitarbeitergespräch

In der modernen Führungspraxis hat sich mehr und mehr die Einsicht durchgesetzt, daß Führung und Leitung nicht nur eine Sache des jeweiligen Vorgesetzten sind, sondern nach Möglichkeit von allen verantwortlichen Mitarbeitern getragen werden sollen. Dies ist ein wesentlicher Bestandteil des sog. kooperativen Führungsstils, der erfreulicherweise in den meisten modernen Verwaltungen und Unternehmen praktiziert wird. Damit hat ein traditionelles Gruppenverständnis in die Führungspraxis Eingang gefunden, das die hierarchischen Formen der Befehlsgewalt durch einen Leiter oder Führer ersetzt.

Dieser kooperative Führungsstil hat nicht nur den Vorteil eines Synergie-Effektes in dem Zusammenwirken der verantwortlichen Mitarbeiter, sondern schafft auch für den Mitarbeiter selbst eine wesentliche Veränderung seiner Stellung im Betrieb. Er ist nicht mehr Untergebener, sondern Handlungs- und Verhandlungspartner.

Ein wesentlicher Aktionsbereich des kooperativen Führungsstils ist das Mitarbeitergespräch, das sowohl der Informationsvermittlung als auch der Zielfindung und -entscheidung dient. Da es sich dabei, ebenso wie bei dem Brainstorming, um eine Sonderform der Diskussion handelt können die Grundregeln der Diskussionstechnik ohne weiteres auf das Mitarbeitergespräch übertragen werden. Allerdings sind für das Mitarbeitergespräch einige zusätzliche Verhaltensrichtlinien für den Chef oder Verhandlungsleiter zu beachten, die in den folgenden fünf Leitsätzen für das erfolgreiche Mitarbeitergespräch aufgezeigt werden:

  1. Eine Kritik des Mitarbeiters sollte, auch wenn sie angebracht und begründet ist, nie im Kreis der Mitarbeiter geäußert werden. Eine Kritik im Kreis der Mitarbeiter führt nicht nur psychologisch zu atmosphärischen Störungen im Mitarbeiterverhältnis, sondern verletzt das Selbstwertgefühl und Persönlichkeitsbild des einzelnen Mitarbeiters. Kritische Äußerungen sollten daher, insbesondere wenn sie einen persönlichen Bezug haben, immer einem vertraulichen Gespräch zwischen dem Vorgesetzten und dem Mitarbeiter unter Ausschluß anderer Kollegen des Betroffenen vorbehalten bleiben.

  2. Grundlage des erfolgreichen Mitarbeitergespräches ist die Einbindung und Einbeziehung des Mitarbeiters in anstehende Entscheidungsvorgänge. Beim Mitarbeitergespräch sollte daher der einzelne Mitarbeiter nur mit einer Problemstellung konfrontiert werden. Auf keinen Fall darf diese Problemstellung durch eine vorzeitige Ansichtsfestlegung des Vorgesetzten blockiert werden, da damit ein freier Meinungsaustausch der Mitarbeiter, der für ein erfolgreiches Mitarbeitergespräch unerläßlich ist, von vornherein beeinträchtigt wird.

  3. Das aufmerksame Zuhören ist für den Gesprächsleiter nicht nur eine sachliche Notwendigkeit, sondern auch ein Gebot der Achtung vor dem Mitarbeiter. Zudem erleichtert ein analytisches Zuhören dem Vorgesetzten die Aufnahme und Verarbeitung der Redebeiträge seiner Mitarbeiter.

  4. Zum Abschluß des Mitarbeitergespräches sollte sich der Vorgesetzte auf ein Registrieren der einzelnen Meinungen beschränken, ohne eine Wertung vorzunehmen. Dafür genügt das Festhalten der gemachten Vorschläge und Meinungsäußerungen. Deren Bewertung kann und soll zu einem späteren Zeitpunkt und außerhalb des Mitarbeitergespräches vorgenommen werden. Insoweit gilt für das Mitarbeitergespräch das gleiche wie für das im Wirtschaftsleben übliche Brainstorming, bei dem die Bewertung von vorgetragenen Ideen ebenso wie sog. Killerbeiträge untersagt sind.

  5. Jedes Mitarbeitergespräch muß auf dem Grundsatz der Freiwilligkeit und Mitverantwortung aufgebaut werden. Deshalb ist ein Abfragen von Meinungen und Standpunkten nach Möglichkeit zu unterlassen, da dadurch eine Gemeinschaftsleistung der Mitarbeiter erschwert wird. Besser und zweckmäßiger ist es, wenn der Vorgesetzte das Problemfeld mit einer allgemeinen Fragestellung umreißt, um damit dem Mitarbeiter die Möglichkeit zu geben, seine Meinung frei und unvoreingenommen zu äußern.

Wenn der Vorgesetzte neben der geschickten Anwendung der Diskussionstechnik diese Sonderregeln des erfolgreichen Mitarbeitergesprächs beachtet, ist dieses ein wirksames Instrument für eine erfolgreiche Teamarbeit und Zusammenarbeit. Da solche Mitarbeitergespräche sachlich und atmosphärisch zu einer Interaktion der Mitarbeiter führen und der damit verbundene Synergie-Effekt dem kooperativen Führungsprozeß nur von Nutzen sein kann, sollte den Mitarbeitergesprächen auch in jeder modernen kommunalen Verwaltung ein fester Platz eingeräumt werden.

7. Der erfolgreiche Redner

10 Goldene Regeln des erfolgreichen Redners

  1. Erst sprechen, dann reden lernen! Die Sprechtechnik ist die Grundlage der erfolgreichen Rede.

  2. Keine Angst vor dem Lampenfieber! Selbstvertrauen ist ein sicheres Mittel gegen die Redeangst.

  3. Die gute Rede fordert eine gute Vorbereitung! Gründliches Vorbereiten bewahrt den Redner vor einem rednerischen Schiffbruch.

  4. Auf die äußere Erscheinung achten! "Am Rednerpult steht der Mensch nackter als im Sonnenbad" (Kurt Tucholsky).

  5. Auf das Thema konzentrieren! "Lästige Gedanken sind wie zudringliche Stechmücken" (Wilhelm Busch).

  6. Ruhig, überzeugend und deutlich reden. Es kommt nicht nur darauf an, was der Redner spricht, sondern auch darauf, wie er es spricht.

  7. Einfach und lebendig sprechen! Aktuelle Ereignisse, persönliche Erlebnisse und Humor steigern das Interesse der Zuhörer.

  8. Einleitung, Hauptteil und Schlußteil sind das bewährte Ordnungsschema für den logischen Aufbau der Rede. "Ein Haufen Steine ist noch kein Haus, ein Haufen Worte macht noch keine Rede" (Maximilian Weher).

  9. In der Kürze liegt die Würze! "Was gestrichen ist und weggelassen wird, kann nicht falsch sein" (Max Liebermann).

  10. "Tritt fest auf, mach's Maul auf, hör' bald auf!" (Martin Luther). Oder, jeder gute Redner muß 3 Bedingungen erfüllen:

Checkliste für den erfolgreichen Redner

(Redevorbereitung, Auftritt und Selbstkontrolle)

Einleitung:



Auswahl der Einleitungstechnik


Anekdote, Bonmot oder persönliches Erlebnis als "Hallo-Effekt" Sympathie, Wohlwollen und Vertrauensvorschuß schaffen

Hauptteil:

Logisch gliedern in


a) Erscheinungsbild (Darstellung der Tatsachen und des Problem-bereiches)


b) Ursachen (Was sind die Ursachen? Warum?)


c) Zweck (Was muß getan werden? Wie sollte es getan werden

Schluß:

Zusammenfassung, Aufforderung und Appell an die Zuhörer Zeit-plan und Steigerungseffekt (AIDA!) beachten

Die Fort- und Weiterbildung des Redners

Reden können bedeutet nicht nur Erfolg mit dem Wort beim Reden und Verhandeln. Es bedeutet auch die Verpflichtung, ständig an sich zu arbeiten; denn vor dem Erfolg steht immer die Arbeit für den Erfolg. Auch für den Redner gibt es keinen Preis ohne Fleiß.

So heißt die erste Aufforderung für den werdenden Redner, rechtzeitig aufzubrechen, Schluß zu machen mit der Vernachlässigung in der rednerischen Praxis und zielstrebig mit dem Studium der Redekunst zu beginnen. Manchem Redner wird es dabei ebenso ergehen wie Matthias Wieman, der freimütig bekannt hat: "Ich hatte die Zeit des Gackerns, Stotterns und Stammelns mit der seelischen Unfreiheit satt. Deswegen lernte ich reden, obwohl ich kein geborener Redner bin." Das notwendige Rüstzeug für das Rednerstudium vermitteln die vorhergehenden Anleitungen, die jeden Redner in die Lage versetzen, zur rechten Zeit, am rechten Ort, das rechte Wort zu finden. Doch die einmalige Beschäftigung mit dem Studium der Redekunst ist für den rednerischen Erfolg noch nicht ausreichend. Wer den erfolgversprechenden Entschluß gefaßt hat, Reden zu lernen, wird das Lernziel nur dann erreichen, wenn er bei dieser Arbeit nicht zu schnell müde wird. Dem Aufgalopp muß daher die Vertiefung folgen. Nur die beharrliche Arbeit an sich und mit sich selbst ist ein wirksames Erfolgsrezept für den Redner.

Für die Vertiefungsphase, d. h. für die notwendige Fort- und Weiterbildung des Redners, kann das folgende 10-Punkte-Programm eine wirksame Hilfe und Anleitung sein.

Dieses Programm ist jedoch nicht mehr als eine Aufforderung zum Selbsthandeln und Selbstgestalten, seine Nutzanwendung ist und bleibt die Sache des Redners. Rezepte und Medikamente können verschrieben und empfohlen werden, aber sie helfen nur dann, wenn man davon Gebrauch macht, die Dosierung beachtet und die Verhaltensregeln auch wirklich befolgt. Nicht anders ist es mit der Anleitung und den "Rezepten" zum vertiefenden Studium der Redekunst, für das sich folgende Arbeitsphasen und -methoden empfehlen:

  1. Der Redner muß sich stets als solcher motivieren. Dazu gehört die ständige Bereitschaft, Schwachstellen zu erkennen und den rednerischen Bereitschaftszustand herzustellen. Ohne Motivation entbehrt die Persönlichkeitsentfaltung des Redners der notwendigen Antriebs- und Schubkraft, die beim Willen zum Noch-Besser-Werden unerläßlich ist.

  2. Ohne Kontrolle geht es nicht. Lenins Grundsatz "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" ist für das Studium der Redekunst wenig geeignet. Denn hier gilt die These: Kontrolle ist alles. Sie ist ebenso wie die Selbstkritik eine Stufenleiter zum rednerischen Erfolg.

    Zur objektiven Kontrolle sollte sich der Redner ein Testblatt anlegen und zum Gebrauch für einen bestimmten Beurteilungs- und Kontrollzeitraum eine entsprechende Anzahl solcher Blätter zur Seite legen.

    Anhand eines solchen Testblattes kann die Bilanz der rednerischen Entwicklung gezogen und verfolgt werden. Fragen wie

    Wie habe ich auf andere gewirkt?

    Was habe ich falsch gemacht?

    Habe ich bei meinen heutigen Verhandlungen und Gesprächen Erfolg verbuchen können?

    Wie hätte ich mich verhalten müssen, um besser und erfolgreicher zu verhandeln und zu reden?

    geben, wenn sie für einen längeren Zeitraum schriftlich registriert und festgehalten werden, klare Auskunft und ein unbestechliches Spiegelbild über den Fortbildungs- und Entwicklungsstand des Redners.

  3. Nicht minder wichtig ist die subjektive Kontrolle. Persönliches Rückfragen bei der Sekretärin, der Ehefrau, Freunden oder sonstigen Teilnehmern der Zusammenkunft können wertvolle Hinweise für das weitere Studium liefern. Insbesondere dann, wenn sich der Redner bemüht, mit Hilfe eines Videorecorders oder eines Tonbandes seine rhetorischen Schwachstellen und die Ursachen seines Mißerfolgs zu beheben.

  4. Der Redner, der an Konzentrationsschwächen leidet, muß zielstrebig versuchen, seine Konzentrationskraft zu verbessern. Die einfachste und wirksamste Schulungsmethode besteht darin, Bilder, Plakate oder Personen in klarer und anschaulicher Sprache treffend zu beschreiben. Dies fördert nicht nur das Konzentrationsvermögen, sondern stärkt Zug um Zug die Fähigkeit, selbst komplexe Sachverhalte allgemeinverständlich und anschaulich zu analysieren. Versuchen Sie es auch bitte einmal mit der genauen Beschreibung und Schilderung von Gegenständen. Nur wenige Menschen sind bekanntlich in der Lage, ihre Uhr, die sie Tag für Tag unzählige Male zu Rate ziehen, genau zu beschreiben. Auch Definitionen (Wie fährt man Fahrrad? Wie lernt man Rauchen?) sind mehr als geistvolle und amüsante Denksportübungen, sie schärfen Geist, Beobachtungsgabe und Ausdrucksvermögen.

  5. Diejenigen Redner, denen es an einer lebendigen und mitreißenden Rednergabe mangelt, müssen dagegen zu Aktivierungsübungen greifen. Erlebnisberichte, Sportreportagen, die Kommentierung von Stummfilmen sind, zumal wenn sie vor dem Spiegel unter Einsatz von Mimik und Gestik gesprochen und einstudiert werden, wirksame Mittel zur Steigerung der rednerischen Aktivität. Der zündende Funke, der während der Rede überspringen soll, muß zunächst einmal in und vom Redner entfacht werden. Dies wurde schon von Augustinus erkannt, der dem Redner ans Herz legt: "In dir muß brennen, was du in anderen entzünden willst."

  6. Praktizieren Sie auch im Alltag immer und überall eine klare, einfache und überzeugende Ausdrucksweise.

    "Iß, was gar ist, trink, was klar ist, red, was wahr ist", ist eine alte Spruchweisheit. So sind alle großen Wahrheiten immer in kurzer Form klar und allgemeinverständlich gesagt worden.

    Dies gilt in gleicher Weise für die gewinnende Ausdrucksweise in der täglichen Redepraxis. Denn für den Redner gibt es zwei Dinge, mit der Sprache nicht fertig zu werden: Die Phrase (sie ist bekanntlich die Dirne unter den Lügen, denn sie schämt sich nicht) und die "Verschwierigung". So legt zu Recht auch die Deutsche Presseagentur bei der Schulung des journalistischen Nachwuchses besonderen Wert auf kurze, verständliche und klare Sätze, die nicht mehr als allenfalls 20 Wörter umfassen sollen (der Durchschnittssatz deutscher Zeitungen besteht aus 16 Wörtern!). Was darüber ist, ist von Übel. Verschonen Sie bitte Ihre Zuhörer vor Satzungetümen. Sie sind für eine gewinnende Rede ebenso ungeeignet wie das umständliche und oft sogar lächerlich wirkende Amtsdeutsch.

  7. Befassen Sie sich so oft wie möglich mit der Fragetechnik. Denn richtiges Fragen ist oft gleichbedeutend mit richtigem und zielrichtigem Verhandeln. Wer die Fragetechnik beherrscht und gelernt hat, die Verhandlungsführung durch geschickte Fragen fest in der Hand zu behalten, braucht um seine Verhandlungsposition nicht zu bangen. Der erfahrene und erfolgreiche Verhandlungsredner hat längst erkannt, daß das Fragezeichen ein Haken ist, an dem immer etwas hängen bleibt. Und wer fragt, der führt.

  8. Das Beobachten und aufmerksame Verfolgen von Diskussionen und Zwischenrufsituationen ist und bleibt eine wirksame Methode zur Verbesserung und Vervollkommnung der Rede- und Verhandlungskunst. Wer es in stiller und konsequenter Vorarbeit gelernt hat, Diskussionsbeiträge geschickt einzublenden und vorzutragen, wird auch im harten Wind des Redegefechtes bestehen können. In gleicher Weise kann man erlernen, Zwischenrufe geschickt zu parieren. Dabei sollte man sich stets die Fragen stellen: Muß ich reagieren? Kann ich reagieren? Wie kann ich den Zwischenrufer entwaffnen? Wer sich gewissenhaft auf solche Situationen vorbereitet und sein Reaktionsvermögen geschult hat, braucht im Ernstfall keinen Mißerfolg zu befürchten.

  9. Versäumen Sie nie, sich durch das Studium und die kritische Beurteilung anderer Redner in Ihrer eigenen Leistungsfähigkeit zu steigern. Wir leben heute in einer Zeit, in der durch Fernsehen und Rundfunk Rhetorik frei Haus und im Überfluß geliefert wird. Damit ist eine Lehr- und Übungsmöglichkeit gegeben, die an Quantität, wenn auch nicht immer an Qualität, kaum mehr zu überbieten ist.

    Nutzen Sie jede Möglichkeit, die sich beim täglichen Gespräch, bei Verhandlungen, Diskussionen und Vortragsveranstaltungen bietet. Die Rede- und Verhandlungskunst, die beeindruckt, überzeugt und gewinnt, ist eine gute Lehrmeisterin. Niemand ist schlecht beraten, wenn er sich an guten Vorbildern orientiert und sich bemüht, in gleicher Weise Gutes und Wirkungsvolles zu produzieren. Und die Feststellung von Schwachstellen bei anderen ist gleichzeitig eine Aufforderung und Herausforderung für den Redner, ähnliche Schwachstellen zu vermeiden und es besser zu machen. Ebenso wie Sie den anderen Redner und Verhandlungspartner durch Ihre kritische Brille betrachten und beurteilen, stehen Sie im Kreuzfeuer und hoffentlich nicht im Fegefeuer der Meinungsbildung Ihrer Mitmenschen. Und das mit allem, was Sie und wie Sie sich als rednerische Persönlichkeit "verkaufen". Schon ein kleiner Mangel in der Verpackung oder im Inhalt kann den gesamten rednerischen Erfolg in Frage stellen.

    Deshalb ist die sogenannte Fünf-S-Formel eine brauchbare Bewertungsskala für das Rednerstudium. Diese für die praktische Anwendung empfehlenswerte Formel faßt zusammen, was beim Rednerstudium und damit auch beim eigenen Auftritt zu beachten ist und worauf es ankommt, nämlich auf

    Sprache

    Sprechstil

    Substanz

    Sympathie

    Schlagfertigkeit

    Jede Schwachstelle in dieser Kette beeinträchtigt die Gesamtwirkung und den Wirkungsgrad der Rede; denn die erfolgreiche Rede ist die Summe überzeugender Detailleistungen.

  10. Fördern und entwickeln Sie unablässig Ihre Denktätigkeit. "Das: Reden ist nicht nur das Hauptmittel zur Gedankenmitteilung, sondern auch zur Gedankenentwicklung. Die Rede klettert an ihren eigenen Worten in die Höhe" (Max Dessoir). Und der Grund, warum nur wenige Leute öffentlich gut sprechen können, liegt in der Tat auch darin, daß nur wenige Leute privat gut denken können.

    Kein Redner kann auf die gute, reibungslose und kreative Arbeit seiner Gehirnganglien verzichten. Die Gleichung

    gute Gedanken und Argumente + gute Nerven = Erfolg

    stimmt immer.

    Sie sollte im Stammbuch eines jeden Redners stehen, ergänzt durch die weise Erkenntnis, die leider allzuoft übersehen und mißachtet wird:

    "Lieber Gott, gib mir, daß ich so lange den Mund

    halten kann, bis ich etwas zu sagen habe."

    Für das Studium der Denkfähigkeit als Grundlage der sprachlichen Kommunikation empfiehlt sich ganz besonders die Beschäftigung mit der Dialektik, d. h. der Kunst, zu überzeugen. Selbst dort, wo sie, das gilt politisch und überzeugungsmäßig völlig wertfrei, in der Verpackung des Marxismus geliefert wird, ist die Dialektik eine der aktivsten Geistesströmungen unserer Zeit. Praxisbezogen gibt sie jedem Redner wertvolle Argumentationshilfen und Strategien, die zur Behauptung der eigenen Position ebenso wichtig sind wie für die wirksame Abwehr von Gegenpositionen, zumal sie ebenso wie die Rhetorik auf den wichtigen Erkenntnissen der Logik, Psychologie und Taktik aufbaut.

Wer diese Möglichkeiten zur Vertiefung der Redekunst zielbewußt und konsequent nutzt, für den ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Lehr- und Bewährungsphase der Rhetorik zur persönlichen Erfolgsphase und zur Grundlage des Erfolges in der kommunalen Arbeit wird.

Bitte betrachten Sie die vorstehenden Ratschläge und Erfolgsrezepte als eine Aufforderung zum Selbsthandeln, das Ihnen niemand abnehmen kann. "Wer heute noch daran zweifelt, daß man Reden lernen kann, praktiziert menschlich Dummheit" (Winston Churchill). Besser ist es, klug und erfolgreich zu sein. Dazu kann Ihnen dieses Handbuch gute Ratschläge geben, aber nicht die Klugheit, danach zu handeln. Dafür sollten Sie selbst Sorge tragen.

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1U. U. kann bei der Disposition des Hauptteiles von den Ursachen ausgegangen und sodann auf das Erscheinungsbild und den Zweck übergeleitet werden. Auch ein solcher Aufbau entspricht den Grundsätzen der Logik.

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