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Autor: Käßmann, Margot.
Titel: Das Gewissen schärfen. Werte als bestes Immunsystem in der neuen Medienwelt.
Quelle: Funkkorrespondenz, 56. Jahrgang, Nr. 18. Bonn 2008, S. 21-27.
Verlag: Deutsche Zeitung GmbH.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Funkkorrespondenz.
Margot Käßmann
Das Gewissen schärfen.
Als ich gestern Abend einem Kollegen sagte, dass ich heute zu dieser Tagung fahre, meinte der: „Das ist doch gar kein Thema für dich, Jugendmedienschutz!“ Und einige von Ihnen fragen sich vielleicht auch: Was haben die Kirchen nun hiermit zu tun? Es geht unseren Kirchen immer um Gott und die Menschen. Das höchste Gebot für uns lautet: Gott über alle Dinge lieben und den Nächsten wie sich selbst. Das ist für mich schon eine Grundstrategie der Immunisierung in drei Schritten:
Martin Luther hat gesagt, dein Gott ist, woran du dein Herz hängst. Das zeigt die Gefahr, die in durchschnittlich 220 Fernsehminuten pro Bundesbürger hängt. Eine virtuelle Welt erhält bestimmende, lebensprägende Bedeutung, wird zum Abgott. Das Internet, Computerspiele sind hier noch gar nicht gezählt.
Den Nächsten lieben, das ist die etwas altertümlich klingende Formel dafür, dass ich den anderen Menschen achte. Jeder Mensch hat demnach eine unverlierbare Würde, weil in jedem Menschen, so glauben wir, etwas von Gottes Ebenbild erkennbar ist. Wenn ich das akzeptiere, hat das Konsequenzen mit Blick auf die Bilder, die ich sehe, etwa mit Blick auf Pornografie oder beim Auftreten im Internet.
Und schließlich: Es geht auch darum, mich selbst zu lieben. Meine eigene Würde zu wahren. Das möchte ich manchem Menschen gern sagen, der sich in Mittagstalkshows lächerlich macht oder intime Details preisgibt, die ins Private gehören und nicht in die Öffentlichkeit. Hat der Philosoph Descartes das Zeitalter der Aufklärung eingeleitet mit dem Satz „Ich denke, also bin ich“, so scheint heute zu gelten: „Ich war im Fernsehen, also bin ich.“
Diese Dreiecksbeziehung stellt bereits ein Grundwertesystem von Beziehung und Verantwortung dar. Sie bedeutet gleichzeitig auch Kommunikation. Ich verantworte, was ich tue, vor Gott. Ich stehe in Beziehung mit anderen Menschen und zwar nicht nur virtuell.
Ein Mensch, der im Internet surfen kann, ist ja noch lange kein kommunikationsfähiger Mensch. Menschsein besteht in Verantwortung, Beziehungsfähigkeit, Kommunikation. Dazu wollen wir jungen Menschen Zugang geben, deshalb engagieren wir uns im Jugendmedienschutz. Wie hat Bettina Wegner gesungen: Menschen ohne Rückgrat haben wir schon zu viel ... Wie notwendig das ist, zeigen die Themen Ihrer Tagung vom Medienrausch bis zur Medienbildung.
Reichen aber nicht Jugendschutzgesetz, der Staatsvertrag zum Schutz der Menschenwürde (Jugendmedienschutz-Staatsvertrag/JMStV) und die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM)? Ich habe mir den Bericht der KJM für die Jahre 2005 bis 2007 angeschaut. Darin hat sich die KJM mit über 200 Rundfunkfällen befasst. Bei über 90 Fällen wurde ein Verstoß gegen die Bestimmungen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages festgestellt. Im Bereich der Telemedien hat sich die KJM mit über 240 Aufsichtsfällen befasst, in knapp 60 Fällen wurde ebenfalls ein Verstoß diagnostiziert. Außerdem hat die KJM bei rund 150 Telemedien die Aufnahme in die Liste der jugendgefährdenden Medien beantragt, „da sie geeignet sind, die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu gefährden.“
Allein diese Zahlen sind schon eine traurige Bilanz. Sie sind ja nicht das Ergebnis einer Regulierungswut, sondern schlicht der Versuch, das Allerschlimmste für Kinder und Jugendliche abzuwenden. Traurig ist vor allem, dass es Anbieter gibt, die so etwas produzieren. Wer denkt sich so was aus, frage ich mich manchmal, wer wagt es, mit so einem Schrott Geld zu verdienen? Von Werten und Verantwortung scheint da keine Rede, es geht um Gewinn und Quote allein. Und es ist ja nur die Spitze des Eisbergs, wenn etwa bis zum 14. Lebensjahr Kinder und Jugendliche 18 000 sterbende oder tote Menschen sehen. Virtuell wohlgemerkt. Gleichzeitig wird mir als Bischöfin gesagt, es sei nicht zumutbar, sie mitzunehmen zu einer Beerdigung auf dem Friedhof...
In dem Titel „Jugendmedienschutz 2.0“ ist nun angedeutet, dass die bekannten und bewährten Schutzmaßnahmen nicht mehr ausreichen, um Kinder und Jugendliche vor schädlichen Einflüssen der neuen Medienwelt zu schützen. Das ist so verwunderlich nun auch nicht. Denn die Generation heutiger Eltern ist überwiegend noch in einer vergleichsweise harmlosen Medienwelt aufgewachsen - mit wenigen Fernsehprogrammen, ohne Handy und SMS, ohne gewalttätige Computerspiele, ohne Chat-Erfahrung, ohne Pornografie auf einen Klick, ohne virtuelle Welten, in denen sie sich verlieren konnten.
Ich selbst werde in diesem Jahr 50, da beginnt der Mensch nostalgisch zu werden. Mein Vater hat 1969 zur Mondlandung den ersten Fernseher angeschafft. Es gab zwei Programme, und die endeten spätestens um 24.00 Uhr mit dem Ton der Nationalhymne. Nein, es war nicht alles besser! Aber „Computersucht“ gab es noch nicht, unvorstellbar war die große Zahl von Menschen, die alles dafür tun, um im Fernsehen zu erscheinen. Erst Jahre später setzte der Kampf um die Fernbedienung ein, und auch der ist nicht zu vergleichen mit heutigen Kindern und Jugendlichen, die einen Fernseher und Computer mit Internet-Zugang in ihrem eigenen Zimmer haben und medialen Welten ausgesetzt sind, die die Eltern oft überhaupt nicht kennen!
Aufgeklärt werden müssen heutzutage meist die Eltern, damit sie wissen, welchen Einflüssen ihre Kinder ausgesetzt sind. Und sie müssen ihre eigene Wertebasis klären, um ein eigenes Urteilsvermögen zu haben. Hier machen wir als Kirchen ein Angebot mit Glaube und Tradition, Menschenbild und Geboten. Wirklich hilfreich finde ich auf dieser Grundlage beispielsweise die Initiative „Schau hin! Was Deine Kinder machen“ (www.schau-hin.info), die mit Hilfe von Elternratgebern diese mediale Aufklärung leisten will. „Schau hin!“, so heißt es im Vorwort des Ratgebers, „verfolgt das Ziel, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und Eltern über elektronische Medienangebote und den kindgerechten Umgang mit ihnen zu informieren.“
Das ist offensichtlich der Stand der Dinge: Wir müssen erst mal lernen, mit den Medien umzugehen, um dann zu überlegen, mit welcher Pädagogik wir Kinder und Jugendliche in die Medienwelt einführen - falls wir überhaupt den Einstiegspunkt dazu finden. Dazu aber brauchen wir eigene Standpunkte, um urteilen zu können.
Ein aktuelles Beispiel, das zur Zeit Hannover bewegt, zeigt, wie komplex die Lage ist: „Lehrer im Internet beleidigt - Schulverweis“, so hieß die Überschrift in einer hannoverschen Zeitung („Neue Presse“, 5.4.08). Auf der Internet-Plattform „Schüler-VZ“ („Schüler-Verzeichnis“) haben mehrere Schüler, um die 14 Jahre alt, zwei Lehrer beleidigt. Sie hatten unter dem Namen der Lehrer wirklich üble Seiten ins Netz gestellt. Auf einem Steckbrief haben sie den einen als Nazi mit Hakenkreuz dargestellt, den anderen als angeblichen Liebhaber eines Schülers. Die Lehrer haben das irgendwann mitbekommen und Anzeige erstattet, die Schüler wurden inzwischen von der Schule verwiesen - die Aufregung ist also groß.
Hier kann man die Frage stellen: Sind diese Jugendlichen das Opfer der modernen Medien oder ist in diesem Fall das Internet das Opfer der Jugendlichen? Interessant sind die Reaktionen. Der Vater meint, das Ganze sei „aus Jux und Dollerei mit anderen in der Gruppe“ passiert. Und er regt sich darüber auf, dass die private katholische Schule, um die es hier geht, keine Milde zeige. Er sagte gegenüber der Zeitung: „Ich habe meinen Sohn auf die Schule geschickt wegen der christlichen Werte. Aber die habe ich hier jetzt nicht gefunden. Schließlich gehört auch das Vergeben dazu.“ Eine Mutter aus der Klasse sagte: „Die Jungen haben nicht kapiert, dass 'Schüler-VZ' wirklich eine große Öffentlichkeit hat.“
Die niedersächsische Kultusministerin vergleicht den Vorfall mit Lästern auf dem Schulhof. Der Kommentator der Zeitung schreibt: „Absurde Kommentare oder peinliche Fotos - alles ist sichtbar, alles ist für immer auffindbar; das weltweite Netz vergisst nichts. Umso wichtiger, dass jene, die sich in Netzwerken wie 'Studi-VZ', 'Schüler-VZ', 'Xing' oder 'Facebook' tummeln, nachhaltig aufgeklärt werden. Sie müssen begreifen, welche Konsequenz ihr digitaler Exhibitionismus hat. Es bedarf gewissermaßen einer 'Nachhilfe 2.0'.“ Diese „Nachhilfe 2.0“, der Erwerb von Medienkompetenz und der Einsatz von Medienpädagogik, ist das richtige Stichwort. Die Lehrerinnen und Lehrer der katholischen Privatschule haben wahrscheinlich ihr Bestes gegeben, um den Schülern christliche Werte zu vermitteln, der Vater des einen Jungen appelliert an den Wert „Vergebung“ - wir sind mitten drin im Thema „Werte als bestes Immunsystem in der neuen Medienwelt“.
Eine hannoversche Zeitung hat sich das „Schüler-Verzeichnis“ näher angeschaut. Die mehr als drei Millionen registrierten Nutzer - Eltern und Lehrer haben übrigens keinen Zugang - können dort virtuelle Gemeinschaften bilden. Nicht verwunderlich, dass es zum Beispiel die Gruppe „Scheiß Lehrer kotzt mich alle an“ gibt und dass insgesamt 300 Gruppen die Worte „Scheiß Lehrer“ in ihrem Namen tragen, dito „Anti-Lehrer“, „Ich hasse Lehrer“ und vieles andere. Ist das nun einfach nur ein guter Ort, an dem Kinder und Jugendliche ordentlich Dampf ablassen können? Oder ist das ein Fall für den Jugendmedienschutz? Kann so etwas wie ein Werte-Immunsystem hier wirken? Welche Werte werden eigentlich in der neuen Medienwelt tangiert?
Beginnen wir mit einem scheinbar harmlosen Thema: E-Mails. Ich kenne niemanden, der komplett auf E-Mails verzichten könnte oder wollte. Trotz allen Ärgers, den die Spam-Flut verursacht. Was ich manchen jedoch wünschen würde, ist ein Kurs, eben „Nachhilfe 2.0“, und zwar in Sachen „In welchem Stil schreibe ich eine E-Mail“. Das ist schon verwunderlich, was ich da immer wieder auf den virtuellen Schreibtisch bekomme.
E-Mails begünstigen alleine schon durch die schnellen Antwortzeiten eine Form der Kommunikation, die schnell verletzend sein kann. Es ist diese Mischung aus Sprechen und Schreiben, die gefährlich werden kann. Denn es ist eben doch ein großer Unterschied, ob ich jemandem etwas von Angesicht zu Angesicht sage oder mit Blick auf einen Bildschirm schreibe. Es kommt immer wieder vor, dass fundamentale Werte wie gegenseitige Achtung, in schweren Fällen bis zur Achtung der Menschenwürde, in E-Mails verletzt werden - und zwar oft, ohne dass die Absender das wirklich beabsichtigen. Sie lassen sich durch die Form verführen. Sie löschen nicht die Texte, die in früheren Papierzeiten zerknüllt im Papierkorb gelandet wären. Es fehlt der Abstand. In E-Mail-Knigges ist oft der schöne Satz zu lesen, man solle eine ärgerliche E-Mail nicht gleich beantworten, sondern erst einmal eine Nacht darüber schlafen. Ich habe von einer Firma gelesen, die regelmäßig ihren Büros einen nicht-elektronischen Kommunikationstag verordnet - ohne Telefon, ohne Mails. Wenn jemand etwas von einem anderen will, muss er oder sie tatsächlich hingehen und den Wert der persönlichen direkten Kommunikation wieder neu kennen lernen.
Für Chats gilt Ähnliches. Wer zum ersten Mal an einem Chat teilnimmt, sitzt meist erst einmal mit offenem Mund vor dem Bildschirm angesichts des Umgangstons, der in Chats üblich ist, und der ungewohnten sprachlichen Formen, die weit vom Schriftdeutsch entfernt sind. Die Distanz, die durch die Kommunikation von Bildschirm und Tastatur zu Bildschirm und Tastatur gegeben ist, also vor allem durch das Nicht-Hören und Nicht-Sehen, ist in den Chat-Texten offensichtlich aufgehoben: Alle duzen sich und „reden“ sehr direkt miteinander, die Chat-Teilnehmer sind scheinbar sehr vertraut miteinander, reden über intimste Geheimnisse - gerade weil sie so weit auseinander sind.
In der Chat-Szene sind die Probleme dieser Kommunikationsform bekannt. Deshalb gibt es für Chats eine sogenannte „Chatikette“, zusammengesetzt aus Chat + Etikette, ich kann auch sagen: einen Wertekatalog. Chatiketten gibt es selbstverständlich in vielen Varianten. In vielen Varianten gibt es auch die Hauptregel jeder Chatikette: „Begegne anderen Chattern mit Respekt und Höflichkeit. Dann werden auch sie Dich respektieren und höflich behandeln.“ Oder: „Sei nett zu den anderen Chat-Teilnehmern, denn du möchtest bestimmt auch, dass die anderen nett zu dir sind, oder?“ Sie mögen sagen, das ist doch selbstverständlich - aber offensichtlich ist es nötig, daran zu erinnern und sich darauf zu beziehen. Werden die für eine respektvolle und würdevolle Kommunikation nötigen Werte eingehalten, ist Chat auf hohem Niveau möglich. In meiner Landeskirche gibt es nun seit fünf Jahren die Chat-Seelsorge. An zwei Abenden pro Woche chatten Seelsorgerinnen und Seelsorger im offenen Chat und im Zweier-Chat mit Hilfe- und Ratsuchenden. Hier werden Menschen ernst genommen, ihre Würde wird respektiert.
Wie Sie wissen, ist eines der größten Probleme im Chat, dass die User unter einer anderen Identität agieren können. Auf jeden Fall ist das dann verwerflich, wenn es in krimineller Absicht geschieht, wobei der pädophile Missbrauch an erster Stelle steht.
Auf der anderen Seite wirbt die virtuelle Welt „Second Life“ ja gerade damit, dass die User hier jemand anderes sein können, ein zweites Leben führen können, in dem sie die Mängel des ersten kompensieren oder ihre unerfüllbaren Wünsche ausleben können. Ich bin noch unsicher, wie der spielerische Wechsel der Identität zu beurteilen ist. „Wahrheit“ und „Wahrhaftigkeit“ sind für mich gewichtige Werte. Begeben wir uns mit der Flucht in andere Identitäten nicht in einen Nebel, in dem wir überhaupt nicht mehr unterscheiden können, was „echt“ und nur gespielt ist? Ich kann mir als Wert der neuen Medienwelt vorstellen: „Bleib bei deiner Identität! “
Für die E-Mail-Kommunikation, den Chat und auch alle Messenger-Programme ist der zentrale Wert das Achte Gebot. Martin Luther sagt im Kleinen Katechismus in der Auslegung zum Achten Gebot „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“: „Wir sollen unseren Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“
Die Rolle von Gewalt in Computerspielen ist in letzter Zeit wieder viel diskutiert worden. Welche Werte dadurch tangiert werden, muss ich nicht weiter ausführen. Hier in Erfurt gibt es natürlich einen besonderen Bezug zu diesem Thema. Der 19-jährige Amokläufer im Gutenberg-Gymnasium (April 2002) besaß einige Gewalt darstellende Videofilme und sogenannte „Ego-Shooter“. Die Diskussionen beschleunigten die Arbeit an dem neuen Jugendschutzgesetz, welches wenige Wochen später verabschiedet wurde, und trugen dazu bei, dass es verschärfte Regelungen enthält. Und wie uns inzwischen klar geworden ist: Es geht nicht nur um die aufsehenerregenden Taten - die Gewalttaten sind ganz allgemein angestiegen.
In Hannover sitzt ja das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen, dessen Direktor, Professor Christian Pfeiffer, diesen Zusammenhang zwischen Gewalt verherrlichenden Filmen und Computerspielen und tatsächlichen Gewalttaten betont und sich stark für den Jugendmedienschutz einsetzt. In einem offenen Brief an den Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages (3.5.07) schrieb Pfeiffer zum Thema „Gewalt in den Medien“: „Wir brauchen eine breit angelegte Öffentlichkeitskampagne zur Problematik der gewalthaltigen Computerspiele.“ Und er verwies auf einen Kongress in den USA zur Gewalt fördernden Wirkung von medialer Gewalt. Pfeiffer weiter: „Auch in den USA hat man inzwischen erkannt, dass es nicht ausreicht, gesetzliche Reformen zum Jugendmedienschutz durchzuführen. Mindestens ebenso wichtig erscheint, die Eltern dabei zu unterstützen, dass sie ihre Kinder vor einem exzessiven und gewaltorientierten Medienkonsum bewahren können und dass wir insbesondere über Schulen und Vereine ein Programm umsetzen, das nach dem Motto 'Lust auf Leben wecken' Kindern und Jugendlichen attraktive Angebote für Sport, Musik und gesellschaftliche Handlungsfelder eröffnete. Der Ausbau der Schulen zu Ganztagsschulen könnte hier eine zentrale Rolle spielen.“
Pfeiffer hat gerade erst nachgewiesen, dass der Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen aus sozial schwachen Familien deutlich höher ist als bei anderen. Ihnen fehlen die Alternativen vom Sportverein bis zur Musikschule! Gerade Kinder aus armen Familien haben eher einen Fernseher im eigenen Zimmer und damit noch weniger Chancen, sich zu bewegen, anderes kennen zu lernen, mit anderen anders als virtuell zu kommunizieren. Statt Familien, die ihre Kinder nicht in eine Kita schicken, 150 Euro bar auszuzahlen, sollten sie lieber Gutscheine erhalten für den Zoobesuch, für einen Tag im Schwimmbad, für den Sportverein, für Musikunterricht. Es gilt, die Alternativen zu den Medien stark zu machen.
Stichprobenartig habe ich versucht zu benennen, in welchen Bereichen und in welcher Weise in den neuen Medien Werte eine Rolle spielen. Damit ist aber noch nicht die Frage beantwortet, ob Werte ein Immunsystem bilden können, das Kinder und Jugendliche vor gefährlichen Einflüssen schützt.
Ein Immunsystem, das wissen wir, ist keine uneinnehmbare Burg. Es ist nicht statisch, sondern höchst dynamisch. Es ist ununterbrochen in Betrieb. „Es entfernt“, so heißt es in dem entsprechenden Wikipedia-Artikel, „in den Körper eingedrungene Mikroorganismen, fremde Substanzen und ist außerdem in der Lage, fehlerhaft gewordene körpereigene Zellen zu zerstören. Das Immunsystem ist ein komplexes Netzwerk aus verschiedenen Organen, Zelltypen und Molekülen.“ Dass die Abwehrkraft des Immunsystems nachlassen kann, wissen wir alle aus eigener Erfahrung. Interessant ist aber, dass es nicht nur zu schwach, sondern auch zu stark reagieren kann - was genauso fatale Folgen für den Körper haben kann! Allergische Reaktionen und rheumatoide Arthritis sind zum Beispiel Folgen dieser überschießenden Immunreaktion. Das Geheimnis eines gesunden Immunsystems besteht also in der guten Balance des komplexen Netzwerkes.
Ihre Tagung „Jugendmedienschutz 2.0“ vertritt ja schon in allen Ankündigungen die These, dass wir mit bloßen Verboten nicht weit kommen. In dem Info-Text auf der Website heißt es: „Muss Prävention vor Repression, Vorsorge vor Strafe gestellt werden? Muss die Förderung von Medienkompetenz viel stärker gewichtet und besser gesetzlich verankert werden?“
Es ist nicht schwer vorauszusehen, dass Sie mit dieser Fragestellung bei einer Bischöfin einer evangelischen Kirche offene Türen einrennen. Denn ein großer Teil unserer kirchlichen Arbeit hat die Werteentwicklung bei Kindern und Jugendlichen im Blick. Das fängt bei evangelischen Kindertagesstätten an, allein meine Landeskirche hat 586 in Trägerschaft. Das ist ein Thema im Kindergottesdienst und geht weiter in der evangelischen Jugendarbeit, im Konfirmanden- und im Religionsunterricht. Die Entwicklung der Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen ist das Ziel dieser Arbeit, wobei wir selbstverständlich davon ausgehen, dass die Beschäftigung mit dem und die Einübung des Glaubens dieser Entwicklung eine gute, lebensbejahende und an christlichen Werten orientierte Richtung geben. Das ist mit Sicherheit die allererste Voraussetzung, um sich in der Medienwelt zu orientieren.
Kinder und Jugendliche sollten so persönlich gestärkt und gebildet werden, dass sie selbst in der Lage sind, mit den medialen Angeboten verantwortungsvoll umzugehen. Das christliche Menschenbild ist sehr realistisch. Es weiß von der Verführbarkeit seit Adam und Eva, vom Hang zur Gewalt seit Kain und Abel und vom Größenwahn seit dem Turmbau zu Babel. Aber es weiß auch, dass der Mensch fähig ist zum Guten, zu Respekt, Solidarität und Toleranz. Und es weiß jeden Menschen gewünscht, gewollt. Weil er von Gott angesehen ist, ist jeder Mensch eine angesehene Person.
Ich stimme den Forderungen zu, Eltern zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den Medien und der Mediennutzung ihrer Kinder anzuleiten. Erziehung ist auch eine Leistung, die Eltern zu erbringen haben. Nun habe ich selbst vier Kinder, die inzwischen erwachsen sind. Aber ich kenne die Versuchung, sie eine halbe Stunde vor den Fernsehapparat zu setzen, um wenigstens einmal Ruhe zu finden. Doch auch da ist Verantwortung gefragt. Saßen sie zu viert beim Tigerentenclub, hatte ich wenig Sorge. Als eine meiner Töchter bei einer Freundin abends einen Horrorfilm geguckt hat, brauchten wir lange, um das zu bearbeiten. Das kostet Zeit und in der Tat Hinsehen. Eltern haben Verantwortung, wir müssen ihnen neu helfen, die auch wahrzunehmen. Um sie wahrzunehmen, brauchen - wie gesagt - auch die Eltern eine Wertebasis.
Als Kirchen sind wir auch in den neuen Medien selbst vertreten und versuchen, christlichen Glauben und die daraus resultierenden Werte zu vermitteln. Das Projekt www.kirche-entdecken.de etwa ist für Kinder im Grundschulalter entwickelt worden. Es wurde im Mai 2005 auf dem Kirchentag in Hannover gestartet. Kinder lernen hier spielerisch den Kirchenraum als Erlebnisraum kennen. Kreativität und Medienkompetenz werden gefördert, Wissen über den christlichen Glauben wird spielerisch vermittelt: Kinder können Geschichten aus der Bibel lesen oder hören, Wissenswertes über das Kirchenjahr und über andere Religionen erfahren, ein Bibelquiz lösen und vieles mehr.
Ein Immunsystem ist keine uneinnehmbare Burg - es muss kontinuierlich gestärkt und in der Balance gehalten werden. Es gibt keine Impfung, die uns garantiert, dass in Kindern und Jugendlichen dauerhaft die christlichen Werte wirksam sind. Denn auch den christlichen Glauben können wir ja nicht wie eine Impfung verabreichen. Es bedarf der beständigen Einübung des Glaubens und der christlichen Gemeinschaft - das halte ich für die beste Immunisierungsstrategie. Darum bemühen wir uns in dem Bewusstsein, dass wir nie einen endgültigen immunen Zustand erreichen. Dabei sind auch Vorbilder von großer Bedeutung, an denen sich Kinder und Jugendliche orientieren können. In den Familien, in den Kitas, in den Kirchengemeinden, in der Nachbarschaft.
Als Christinnen und Christen sind für uns Werte wie Nächstenliebe, die Zehn Gebote, Menschenwürde aufgrund der Gottebenbildlichkeit entscheidend. Wenn wir diese Werte unseren Kindern und Jugendlichen vermitteln und vorleben, sind die Grundbausteine für ein funktionierendes Immunsystem gelegt. Wir können die neue Medienwelt nur in ihren gesetzlich fassbaren Auswüchsen abblocken und müssen das auch tun. Die viel schwierigere Aufgabe liegt darin, Kindern und Jugendlichen die Verantwortung vor Gott und den Menschen in ihr mediales Immunsystem einzupflanzen. Ich kann auch gut protestantisch sagen: das Gewissen zu schärfen. Jedenfalls bin ich überzeugt, dass wir als Kirchen einen Beitrag dazu leisten können durch die Weitergabe des Glaubens, durch Einbindung in die Tradition, durch Offenheit, Zeit und Gesprächsbereitschaft.
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