http://www.mediaculture-online.de

Autor: Kätsch-Hattendorf, Annette.

Titel: Formate im Fernsehen.

Quelle: Südwestrundfunk (Hrsg.): Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Deutschland. Stuttgart 2006, S. 20-26.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.



Annette Kätsch-Hattendorf

Formate im Fernsehen

4 formate im fernsehen

Zwischen Information, Kultur und Unterhaltung

Im Unterschied zu den Radioprogrammen, die heute weitgehend durchformatiert sind, das heißt die Bedürfnisse und Erwartungen einer bestimmten Zielgruppe erfüllen, sind die öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme in der Regel als Vollprogramme konzipiert. Entsprechend ihrem Grundversorgungsauftrag wollen sie ein abwechslungsreiches Programm mit einer Mischung aus Informations-, Bildungs- und Unterhaltungsanteilen bieten und ein möglichst breites Publikum erreichen, das in seinem konkreten Profil je nach Sendezeit variiert. Das trifft genauso für die Dritten Programme der ARD zu.

Formate findet man auch im Fernsehen, es handelt sich dabei aber nicht um Programmformate wie beim Radio, sondern um Sendeformate. Das Programmschema der ARD legt fest, mit welchen Formaten die Sendeplätze im Ersten zwischen den regelmäßigen Nachrichtensendungen gefüllt werden. Es wird immer wieder überarbeitet und optimiert, gibt dann aber den Programmplanern einen konkreten Rahmen vor. Das werktägliche Nachmittagsprogramm im Ersten beispielsweise bietet mit Familienserien, Tierfilmen und Talk etwas für die ganze Familie. Die Vorabend-Serien ab 17.50 Uhr sprechen dagegen besonders Jugendliche und junge Erwachsene an. Die Primetime nach der Tagesschau um 20 Uhr ist dann wieder als ausgesprochenes Familienfernsehen konzipiert. Der spätere Abend macht mit anspruchsvolleren Filmen, Kulturmagazinen, Dokumentationen sowie einer ausgeprägten Talkleiste Programmangebote für ein gezielt einschaltendes Publikum.

Spartenprogramme

Die deutsche Fernsehlandschaft verzeichnet seit einiger Zeit eine Zunahme von so genannten Spartenprogrammen. Sie haben sich auf bestimmte Themen und Zielgruppen spezialisiert. Neben privaten Spartenprogrammen, wie den Sportkanälen DSF und Eurosport oder den Musikkanälen MTV und VIVA, betreiben auch ARD und ZDF gemeinsam Programme, die das besondere Engagement der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten für Information und Kultur dokumentieren und Minderheitenprogramme sind. So gibt es seit 1992 in gemeinsamer Kooperation mit ARTE France den deutsch-französischen Kulturkanal ARTE. Er sendet täglich zweisprachig ab 14 Uhr. Das Kulturprogramm 3sat ist sein deutschsprachiges Pendant. Neben ARD und ZDF sitzen hier auch Österreichischer Rundfunk (ORF) und Schweizer Fernsehen (SF DRS) mit im Boot. Ebenso veranstalten ARD und ZDF seit 1997 den Kinderkanal KI.KA mit Sitz in Erfurt, das einzige werbe- und gewaltfreie Spartenangebot für Kinder und Jugendliche im deutschen Fernsehen. In der Akzeptanz der Drei- bis 13-Jährigen steht er hinter Super RTL auf dem zweiten Platz. Seit Anfang 2003 bietet der KI.KA auch in der Primetime bis 21 Uhr ein qualitativ hochwertiges Programm für seine Zielgruppe; mit logo strahlt er zum Beispiel eine eigens für Kinder gemachte Nachrichtensendung aus. Das Spartenprogramm PHOENIX ist ein öffentlich-rechtlich finanzierter Ereignis- und Dokumentationskanal, der rund um die Uhr über Politik und Zeitgeschehen berichtet und beispielsweise auch Bundestagsdebatten live überträgt.

Formate im Bereich Information, Bildung und Service

Zentraler Bestandteil des Ersten ist ein gut recherchiertes, unabhängiges, journalistisch solides und ausgewogenes Informationsangebot. In ihren Leitlinien für das Programmangebot verpflichtet sich die ARD auf einen Informationsanteil von mindestens 40 Prozent (ohne Sport). In den Dritten Programmen liegt es sogar noch deutlich höher. Unterschiedliche Sendeformate befriedigen das Bedürfnis nach Information über die Tagesaktualität, geben Hintergrundberichte, Analysen oder vertiefen Themen im politischen Gespräch.

Anteil der Informationen im Ersten und den Dritten Programmen





Auswertung: SWR Medienforschung; Produktion: März 2004
(Quelle: AGF/GfK Fernsehforschung; Fernsehpanel (D))



Nachrichtenformate

Die meistgesehene Nachrichtensendung in der deutschen Fernsehlandschaft ist nach wie vor die 20 Uhr-Tagesschau, die seit 1961 täglich ausgestrahlt wird. Sie erreicht durchschnittlich knapp zehn Millionen Menschen. Über den Tag verteilt strahlt die ARD fast stündlich weitere Tagesschau-Ausgaben aus und sichert so die größtmögliche Aktualität der Information. Bei den kommerziellen Sendern ist das Nachrichtenangebot hingegen sehr reduziert und zielgruppenspezifisch selektiert, nur RTL macht da eine gewisse Ausnahme.

Während bei der klassischen Nachrichtensendung ein Sprecher schriftliche Nachrichten vom Blatt (wie bei der ARD) oder vom Teleprompter (wie bei den meisten anderen Sendeanstalten) abliest, die von kurzen Filmbeiträgen ergänzt werden, bietet das Nachrichtenmagazin mehr Raum für ausführliche Hintergrundinformationen. Dem Moderator des Magazins kommt dabei eine aktive journalistische Rolle zu, etwa wenn er vertiefende Live-Interviews führt. In Nachrichtenmagazinen wie Tagesthemen oder heute-journal kann aufgrund der späten Sendezeit die Tagesaktualität journalistisch aufgearbeitet werden.





ARD/NDR Harry Belefonte und Sabine Christiansen
(Bild: NDR/face to face/Tjaberg)



Magazinsendungen

Charakteristisch für das Magazinformat ist, dass ein Moderator mehrere kürzere Filmbeiträge zu unterschiedlichen Themen innerhalb einer Sendung präsentiert. Magazine sind meist 30 oder 45 Minuten lang. Zwar gibt es auch Magazine, die ohne Zwischenmoderationen auskommen (wie das Kulturmagazin Metropolis auf ARTE), sie sind aber bis heute deutlich in der Minderheit geblieben. Der inhaltlichen Bandbreite von Magazinsendungen sind kaum Grenzen gesetzt. Das politische Magazin wurde 1957 mit der Sendung Panorama geboren, in den 1960er Jahren folgten Report und Monitor. Diese Sendungen, die die Jahrzehnte erfolgreich überdauert haben und zweistellige Einschaltquoten erreichen, stehen für einen offensiven, investigativen Journalismus, der neben der Hintergrundinformation auch Meinung bietet und vor kontroversen Themen nicht zurückschreckt. Neben diesen innenpolitischen Magazinen gibt es Sendungen mit dem Schwerpunkt Ausland, Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft und Reise. Hinzu treten eine ganze Reihe von Ratgeber-Magazinen zu Spezial-Themen wie Bauen und Wohnen, Gesundheit, Recht, die Lebens- und Orientierungshilfe für unterschiedliche Zielgruppen leisten wollen. Bunte Service-Magazine wie das ARD-Buffet verbinden Alltagsinformation mit unterhaltenden Elementen und zielen auf breite Zuschauerschichten. Das gilt auch für das Boulevard-Magazin Brisant. Mit dem Lifestyle-Magazin Polylux spricht das Erste zu später Stunde ein jüngeres, urban orientiertes Publikum an.

Nicht vergessen werden soll auch, dass Sport häufig im Magazinformat präsentiert wird. Das gilt zum Beispiel für die Sportschau mit ihrer seit August 2003 wieder bei der

ARD beheimateten Bundesliga-Berichterstattung am Samstag (für die keine Gebührengelder eingesetzt werden, da sie durch Werbung refinanziert werden kann), aber auch für viele regional orientierte Sportmagazine in den Dritten Programmen,wie Sport im Dritten (für Baden-Württemberg) oder die parallel im WDR laufende Sendung Sport im Westen. Das Magazin hat sich übrigens auch als Form für Kindersendungen etabliert: Man denke nur an den Klassiker Die Sendung mit der Maus mit seiner gelungenen Mischung aus Information und Unterhaltung.

Dokumentarische Formate:
Reportage, Dokumentation, Feature und Dokumentarfilm

Reportage, Dokumentation und Feature sind im Fernsehen Langformen von meist 30 oder 45 (seltener 60) Minuten, die mit unterschiedlichen formalen Mitteln und Zielen Wirklichkeit abbilden, damit also schwerpunktmäßig informieren. Die Dokumentation widmet sich unter Verwendung von Archivmaterial häufig historischen oder zeitgeschichtlichen Themen; auch Reise- und Tierfilme laufen oft unter diesem Etikett. Die Grenze zwischen Dokumentation und Feature ist fließend, hinzu kommt aber, dass ausgesprochene Features in Programmzeitschriften oder in der Öffentlichkeitsarbeit der Fernsehanstalten häufig als Dokumentation bezeichnet werden, da der journalistische Fachbegriff Feature im breiten Sprachgebrauch zu unbekannt ist. Dokumentation ist also auch ein Ober- und Sammelbegriff. Der Begriff Feature (engl.: Gestalt, Form) ist präziser, er meint den breit angelegten Hintergrundbericht zu Themen von gesellschaftlicher Relevanz, der aus unterschiedlichen journalistischen Elementen zusammengesetzt ist und Handschrift und Formwillen seines Autors erkennen lässt. Der Wechsel zwischen Schilderung und Schlussfolgerung, zwischen Anschauung und Abstraktion ist für das Feature charakteristisch. Auch Reportage-Elemente haben im Feature durchaus ihren Platz.

Die Fernsehreportage ist längst nicht auf die Live-Berichterstattung (ein Reporter mit Mikro in der Hand berichtet vom Ort des Geschehens) beschränkt. Auch die lange Reportage wie etwa in der Reihe ARD-exclusiv oder im ZDF bei 37 Grad zeichnet sich dadurch aus, dass sie relativ aktuell, handlungsbetont und tatsachenorientiert ist; sie vermittelt dem Zuschauer den Eindruck, er sei bei einem Ereignis dabei gewesen. Während der Reporter also den Ereignissen folgt und nah an den Menschen bleibt, geht der Autor eines Features von einer These aus, die er dann in seiner filmischen Spurensuche zu belegen versucht.

Die ARD-Sender engagieren sich mit jährlich rund 600 Ausstrahlungen im Ersten nachhaltig für die genannten dokumentarischen Formate. Als Einzelstücke oder in verschiedenen Reihen, wie Die großen Kriminalfälle, Legenden, die story usw., liefern sie den »zweiten Blick« jenseits der aktuellen Berichterstattung, der Hintergrundwissen vermittelt und gesellschaftliche Zusammenhänge aufzeigt. Auch der »große« Dokumentarfilm hat neben den oben vorgestellten, eher journalistischen Formaten im öffentlich-rechtlichen Fernsehen einen Partner gefunden. Diese künstlerisch-freie Langform, die sich als nichtfiktionales Pendant des Spielfilms sieht, wäre heute ohne das Fernsehen als Koproduzenten in der Regel nicht mehr finanzierbar. 90-minütige Dokumentarfilme wie etwa Pepe Danquarts Höllenfahrt über die Tour de France kommen so nach ihrer Kinoauswertung im Spätabendprogramm zur Ausstrahlung.

Live-Sportberichterstattung

Sportliche Events auf nationaler und internationaler Ebene versprechen neben dem großen Prestige auch hohe Einschaltquoten und sind unter den Fernsehsendern heiß umkämpft. Da die Kosten für die Übertragungsrechte in den letzten 20 Jahren explodiert sind, lassen sie sich heute auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nur noch über Werbeeinnahmen und Sponsoring finanzieren. Eine Vielzahl von Sportsondersendungen erlaubt es dem Zuschauer, zu beinahe jeder Tages- und Nachtzeit live am Ereignis teilzunehmen und Atmosphäre und Spannung direkt mitzuempfinden, ob bei Fußball, Boxen, Wintersport oder anderen Sportarten. Neben dem bildbegleitenden Live-Kommentar liefern die Reporter vor Ort auch Interviews mit Sportlern und Betreuern direkt vom Schauplatz. Als zusätzlichen Service bei sportlichen Großereignissen gibt es Zusammenschnittemit den Highlights des Tages.

Der politische Talk

Den politischen Talk gab es schon lange, bevor der Siegeszug der Talk-Show als Medium der Unterhaltung im deutschen Fernsehen begann. Letztlich handelt es sich um eine Diskussionsrunde, in der aktuelle politische und gesellschaftliche Probleme vertiefend erörtert und aus verschiedenen politischen Perspektiven beleuchtet werden. Der politische Talk dient somit der Information und Meinungsbildung, hat aber durch die Dynamik der Gespräche ohne Zweifel auch unterhaltende Züge. Seit 1953 diskutierte Werner Höfer im Internationalen Frühschoppen mit geladenen Journalisten über aktuelle politische Themen, die Nachfolgesendung, der Presseclub, wird wie eh und je in der ARD am Sonntagmittag ausgestrahlt. Inzwischen sind viele weitere politische Talk-Sendungen hinzugekommen, allen voran die Sonntagabend-Runde Sabine Christiansen mit Prominenz aus Politik, Wirtschaft und den Medien (Marktanteil 2005: durchschnittlich 16 Prozent). Im ZDF talkt Maybritt Illner am Donnerstagabend in Berlin Mitte; auch die Dritten Programme pflegen die politischen Talk-Formate mit Sendungen wie Quergefragt (SWR) und Hart aber fair (WDR).

Unterhaltungsformate

Fernsehfilm

Bevor es das Fernsehen gab, hatte der Film seinen Platz allein im Kino. Das ist heute anders. Filme, ob amerikanische Hochglanzproduktionen, unabhängiges Autorenkino oder originär für die Ausstrahlung am heimischen Bildschirm geschaffene Fernsehfilme, sind aus den Programmen der großen Sender nicht mehr wegzudenken. Es gibt sie nicht nur zur Hauptsendezeit, sondern auch am Vormittag und am späten Abend, im Feiertagsprogramm, anlässlich von Jubiläen usw. Damit ist ihr Anteil an der Gesamtsendezeit in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen.

Wenn das Kino das Fernsehen anfangs als großen Konkurrenten und Ursache seiner Krise empfinden musste, dann hat sich die Lage heute ins Gegenteil verkehrt: Die meisten europäischen Kinoproduktionen wären ohne die Unterstützung des Fernsehens gar nicht mehr denkbar. ARD und ZDF, in geringerem Maße auch die kommerziellen Anbieter, sind Geldgeber der deutschen Filmförderungsanstalt (FFA), unterstützen die deutsche Filmindustrie aber auch durch Beteiligung an Kinoproduktionen, Lizenzankäufe und die Vergabe von Auftragsproduktionen. Kinofilme wie Lola rennt, Bella Martha, Good bye, Lenin!, Gegen die Wand, Die fetten Jahre sind vorbei, Heimat 3, Der Untergang, Sophie Scholl und andere sind auf diese Art nicht nur vom Fernsehen mitfinanziert worden, sondern werden durch die Ausstrahlung im Fernsehen auch Zuschauern zugänglich gemacht, die den Weg ins Kino vielleicht nicht finden würden.





Harald Schmidt dirigiert den Freischütz
(Bild: Fulvio Zanetti)



Was sich ebenfalls geändert hat, ist die Ästhetik der fiktionalen Großform im Fernsehen. In den 1950er und 1960er Jahren hatte sich mit dem Fernsehspiel ein Genre entwickelt, das seinen eigenen, fernsehspezifischen Gesetzen folgte. Es wurde im Studio anfangs sogar unter Live-Bedingungen gedreht, wobei oft ein kammerspielartiger Charakter vorherrschte. Ganz bewusst suchte es häufig das Kunstvoll-Künstliche, um sich vom Kinofilm abzugrenzen. In den 1970er Jahren kamen mit vielen amerikanischen Serien und Spielfilmen im deutschen Fernsehprogramm auch neue Sehgewohnheiten auf: Das Fernsehspiel wirkte so zunehmend antiquiert. In der Folge wurden die einheimischen Fernsehproduktionen aufwendiger in Kameraführung, Schnitt und Bild. Man verließ die Studios, drehte mit Filmmaterial. Filmische Standards hielten auch deswegen Einzug,weil Kinoregisseure wie Edgar Reitz, Rainer Werner Fassbinder und Volker Schlöndorff fürs Fernsehen zu arbeiten begannen.

Anfang der 1990er Jahre beschleunigten die Eigenproduktionen der privaten Fernsehsender (die so genannten TV-Movies) durch ihre Konkurrenz die Entwicklung. Nach und nach haben sich die Fernsehspiel-Abteilungen der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten in Fernsehfilm-Abteilungen umbenannt: die »Filmisierung« des Fernsehspiels kann damit als abgeschlossen angesehen werden.

Das Programmschema der ARD zeigt, dass fiktionale Formate die Primetime nach der Tagesschau beherrschen. Zur Hauptsendezeit möchte das Erste mehrheitsfähig sein und ein breites Publikum unterhalten. Das trifft vor allem auf den seit 1970 etablierten Tatort am Sonntagabend zu. Bis heute ist er die meistgesehene Krimireihe im deutschen Fernsehen; die Spitzenwerte lagen 2004 bei über neun Millionen Zuschauern. Die 90-Minuten-Krimis stehen zwar in einem reihenähnlichen Zusammenhang, haben aber durch ihre Länge und den hohen Produktionsstandard den Charakter von abendfüllenden Spielfilmen. Für diese wie alle anderen Fernsehfilme in der ARD gilt, dass Gewalt nur gezeigt werden darf, wenn sie dramaturgisch begründet ist.

Die Strittmatter-Literaturverfilmung Der Laden, Mehrteiler wie Die Manns und Klemperer und aufwendig inszenierte zeitgeschichtliche Stoffe wie Stauffenberg sind Beispiele für thematisch anspruchsvolle Fernsehfilme im Hauptabendprogramm der ARD, die zu TV-Ereignissen geworden sind. Ihr Sendeplatz ist der »FilmMittwoch«, während die ARD am Freitagabend meist leichtere Kost zeigt, die so genannten Degeto-Filme (benannt nach der Degeto Film GmbH).





Stauffenberg – ein Film von Jo Baier; mit Sebastian Koch als Claus Graf von Stauffenberg und
Hardy Krüger junior als Werner von Haeften
(Bild: SWR/Cornelia Klein)



Künstlerisch ambitionierte Filme haben ihren Sendeplatz am späten Abend, wo sie auf ein cineastisch interessiertes Publikum zielen. Insbesondere der Südwestrundfunk fördert mit Debüt im Dritten den filmischen Nachwuchs: Seit 20 Jahren laufen in dieser Reihe Erstlingswerke, unter anderem viele Abschlussfilme von Absolventen der Filmhochschulen. Herausragenden Produktionen gelingt auch der Sprung in die ARD (Debüt im Ersten).

Serie

Der Anteil von Serien am deutschen Fernsehprogramm ist nach Aufkommen der kommerziellen Sender sprunghaft gestiegen. Kein Wunder: Im Kampf um Einschaltquoten spielen Formate, die täglich (Dailys) oder wöchentlich (Weeklys) fortgeführt werden, eine große Rolle. Wiedererkennbarkeit (das heißt gleiche Sendung oder doch wenigstens gleiche Formate zur gleichen Sendezeit) ist im unübersichtlichen Programmdschungel heutzutage ein wichtiges Kriterium, das dem Publikum den Griff zur Fernsehzeitung erspart. Die Trivialität vieler Serienstoffe macht sie zur Massenunterhaltung, vergleichbar den Arzt- oder Krimiheftchen bei den Printmedien. Mit ihrem gleich bleibenden, zur Identifikation einladenden Personal eignen sich Serien zudem hervorragend zur Publikumsbindung. Hohe Einschaltquoten machen das Umfeld von Serien wiederum für Werbekunden interessant und sichern den Sendern Einnahmen.

Die amerikanischen Soap Operas (»Seifenopern«) verdanken diesem kommerziellen Entstehungskontext ihren Namen: Es handelt sich um täglich ausgestrahlte fiktionale Kurzformate mit einfacher, häufig realitätsferner und kitschiger Handlung, die von Seifenherstellern gesponsert wurden, um ihre Werbeblöcke platzieren zu können. Die Seifenopern gehörten daher ursprünglich ins Tagesprogramm, wo sie vor allem von Hausfrauen rezipiert werden sollten. Von Amerika ist bekannt, dass der Konzern Procter & Gamble selbst Serien produziert hat, um sie den Sendern kostenlos anzubieten – inklusive Werbespots natürlich.

Der Begriff Sitcom bezeichnet eine komödiantische Serie, die potenziell endlos fortgesetzt werden kann, in der aber jeder Teil bei gleichem inhaltlichen Erzählmuster in sich abgeschlossen ist. Das Genre der Telenovelas stammt ursprünglich aus dem südamerikanischen Fernsehen. Es handelt sich um triviale Geschichten, die in epischer Breite und oft über 200 Folgen erzählt werden.

Während das Programm der kommerziellen Sender ständig Quote bringen muss, um für Werbekunden attraktiv zu sein, unterliegen bei den öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland nur die Vorabendsendungen diesem erhöhten Quotendruck. Denn nur zwischen 18 und 20 Uhr (und maximal 20 Minuten am Tag) dürfen ARD und ZDF Werbung ausstrahlen. Das Vorabendprogramm wird deswegen als Werberahmenprogramm von der ARD-Werbung in Auftrag gegeben und finanziert. Die begleitende Marktforschung stellt sicher, dass es genau auf die werberelevante Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen hin zugeschnitten ist. Solche Daily Soaps wie Verbotene Liebe, Marienhof und St. Angela sind mit einem Minutenpreis unter 5000 Euro relativ billig zu produzieren. Hin und wieder machen anspruchsvollere »Hochglanzproduktionen« wie Berlin Berlin (ARD, 2002) eine Ausnahme.

Die mit 25 Sendeminuten sehr kurzen Vorabendserien sind ideal für die Einbettung von Werbeblöcken. Die Hauptabendserien der ARD sind meist doppelt so lang und wollen ein möglichst breites Familienpublikum erreichen.

Obwohl viele Serien von ihrer Konzeption her endlos sind und die Fernsehlandschaft oft über Jahrzehnte prägen (die 1985 gestartete Lindenstraße der ARD kam im Januar 2005 auf ihre 1000. Folge) und mit ihrem Publikum zusammen älter werden, gibt es doch immer wieder Neuentwicklungen auf dem Serienmarkt.

Mitte der 1990er Jahre kamen in Großbritannien die Doku-Soaps auf. Schon bald erfreuten sie sich auch in Deutschland großer Beliebtheit. Sie sind eine Spielart des Reality-TV, das nicht immer so banal, skandalumwittert und umstritten sein muss wie die Voyeurshows Big Brother, Dschungelcamp oder ähnliche Produktionen der privaten Anbieter. Das Publikumsinteresse am Schicksal tatsächlich lebender Menschen ist groß, ob sie abnehmen (Abnehmen in Essen, WDR 2000), für einen Marathon trainieren (Von Null auf 42, ARD 2004) oder eine Senioren-WG eröffnen (Silver Girls, ARTE 2005). Seit Anfang 2000 schon haben Doku-Soaps einen festen Sendeplatz im WDR-Fernsehen, selbst der Kultursender ARTE bringt seit Januar 2004 um 20.15 Uhr werktäglich Doku-Serien. Die Erkenntnis, dass Wirklichkeit so spannend sein kann wie Fiktion, ist dabei ein fernsehästhetischer Leitgedanke. Doku-Serien sind insofern innovativ, als sie die vorgefundene Realität in einer dramaturgischen Verpackung bieten, die die Rezeption durch jüngere Zuschauergruppen erleichtert. Ob und inwieweit diese »Constructed Documentaries« die dargestellte Wirklichkeit erst selbst herstellen oder zumindest verfälschen, wie Kritiker meinen, muss an jedem Beispiel neu überprüft werden.

Show

Für die meisten Zuschauer ist das Fernsehen zuallererst ein Mittel der Freizeitgestaltung, was sich nicht zuletzt in den hohen Einschaltquoten von Unterhaltungssendungen niederschlägt. Die Fernsehanstalten tragen diesem Grundbedürfnis nach Unterhaltung und Entspannung Rechnung, indem sie eine Vielzahl von unterschiedlichen Show-Angeboten machen. Eine lange Tradition haben die großen Samstagabend-Shows. Sie werden meist live übertragen und verursachen hohe Ausstattungs- und Produktionskosten. Diese aufwendigen Shows zeichnen sich durch ihren Event-Charakter aus, allen voran Wetten dass …?, Verstehen Sie Spaß?, große Musik-Galas, Preisverleihungen oder internationale Show-Wettbewerbe wie der Eurovision Song Contest.

Andere Show-Varianten wie Quiz- und Game-Shows sind in der Regel recht billig zu produzieren und rechnen sich daher für die Fernsehsender besonders. Das ist ein Aspekt, der sie vor allem für die privaten Anbieter interessant macht. Quiz-Shows standen jedoch schon am Beginn der deutschen Fernsehunterhaltung (Hätten Sie’s gewusst?, 1958–1969) und erleben seit einiger Zeit ein großes Comeback. Die Konzepte solcher Show-Formate werden oft weltweit vermarktet. So kommt es, dass die derzeit erfolgreichste Quizsendung auf dem deutschen Markt, Wer wird Millionär? (RTL), im Fernsehprogramm von über 100 weiteren Ländern zu finden ist. Die Rechte dafür liegen bei der niederländischen Firma Endemol, die zum Beispiel auch Big Brother produziert.





Sportschau-Moderatorin Monica Lierhaus präsentiert im Wechsel mit Gerhard Delling und Reinhold Beckmann die Fußball-Bundesliga
(Bild: WDR/Sachs)



Im Gegensatz zu den Quiz-Shows verlangen die Game-Shows von ihren Kandidaten weniger Wissen als Geschicklichkeit, Reaktionsschnelligkeit und Kombinationsvermögen. Eine der beliebtesten amerikanischen Game-Shows, Wheel of Fortune, lief ab 1988 als Glücksrad täglich auf SAT.1, bis sie Mitte der 1990er Jahre abgesetzt wurde. Zu dieser Zeit hatten tägliche Talk-Shows die Quiz- und Game-Shows in der Zuschauergunst verdrängt. Abendliche Talk-Formate kannte man schon lange (Je später der Abend vom WDR war 1974 die erste deutsche Talk-Show), jetzt wurde aber auch den Nachmittag über getalkt (unter anderem Hans Meiser (RTL), Arabella (Pro7), Ilona Christen (RTL), Fliege (ARD). Zwischenmenschliches mit wirklichen oder eingebildeten Problemen des Normalbürgers und mehr und mehr auch Tabu-Themen hielten Einzug, und nicht selten wurde bei den privaten Sendern der Voyeurismus der Zuschauer mit exhibitionistisch sich outenden, heulenden, kreischenden oder gar prügelnden Gästen bedient, die zum Teil einen regelrechten Talk-Show-Tourismus betrieben. Die Medienkritik sprach von Schmuddel- und Krawalltalk. Heute sind die Nachmittags-Talk-Shows wieder seltener geworden. Stattdessen setzen die Privaten am Nachmittag, angeregt durch das amerikanische Court TV, unter anderem auf Gerichts-Shows.
Der Erfolg von Richterin Barbara Salesch (seit 1999 auf SAT.1) löste einen regelrechten Boom dieses Genres aus. Die seriöseren Talk-Formate wie zum Beispiel Boulevard Bio haben die Krise überdauert. Im ARD-Spätprogramm talken heute Reinhold Beckmann und Sandra Maischberger mit Prominenten, beim ZDF ist es Johannes B. Kerner. In der langjährigen SWR-Talk-Show Nachtcafé, moderiert von Wieland Backes, stehen hingegen Themen im Vordergrund: Familienprobleme, Schicksalsschläge, Alltagsbewältigung. Eine sehr unterhaltsame, da mit verschiedenen Game-Show-Elementen angereicherte Variante der Talk-Show stellt die Sendung Zimmer frei des WDR dar. Unter dem Vorwand, einen Prominenten als potenziellen WG-Mitbewohner zu testen, wird diesem von den Moderatoren Christine Westermann und Götz Alsmann nicht nur im lockeren Talk auf den Zahn gefühlt, er muss auch praktische Prüfungen bestehen.

Das Fazit: Kaum ein anderes Fernsehsegment zeichnet sich durch so schnelllebige Modeerscheinungen aus wie der Entertainment-Sektor. In rascher Folge haben in den letzten Jahren Real-Life-Shows (Big Brother, RTL2),Comedy-Shows (TV Total mit Stefan Raab, Pro7), Casting-Shows (Deutschland sucht den Superstar, RTL) und zuletzt Ekel-Shows (Dschungelcamp, RTL) für Aufsehen gesorgt, aber in vielen Fällen ebenso rasch den Höhepunkt ihrer Beliebtheit überschritten. Die öffentlich-rechtlichen Sender beteiligen sich bewusst nicht an dem oft zweifelhaften Wettrennen um die Aufmerksamkeit des Publikums um jeden Preis, das in manchen Fällen die Grenze der Menschenwürde missachtet, wie zum Beispiel bei Schönheits-Shows mit Live-Operationen, (The Swan, Pro7).

Literatur und Links

ARD-Jahrbuch 04/05. 36. Jahrgang, hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD), Hamburg 2004.

Klaudia Brunst: Leben und leben lassen. Die Realität im Unterhaltungsfernsehen. Essays, Analysen und Interviews, UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2003.

ABC der ARD. Hrsg. von der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD). 3., aktualisierte Auflage, Baden-Baden 2002.

Udo Michael Krüger: Programmprofile im dualen Fernsehsystem 1991–2000, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2001.

Robert Sturm/ Jürgen Zirbik (Hrsg.): Lexikon elektronische Medien. Radio – Fernsehen – Internet, UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2001.

Gunnar Roters/ Walter Klingler/ Maria Gerhard (Hrsg.): Unterhaltung und Unterhaltungsrezeption, Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2000.

Gerhard Schult/ Axel Buchholz (Hrsg.): Fernsehjournalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis (6. Auflage), List Verlag, München 2000.

Helmut Kreuzer/ Christian W. Thomsen (Hrsg.): Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland (5 Bände), Wilhelm Fink Verlag, München 1994.

www.ifem.de (IFEM = Institut für empirische Medienforschung GmbH)

www.ard-werbung.de/mp (Media Perspektiven, Medien-Fachzeitschrift)

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Rechteinhabers reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme weiterverarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

10