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Autor: Kafi, Bijan.

Titel: Die Intimität des Fremden. Was Medien uns bedeuten.

Quelle: 2000.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Bijan Kafi

Die Intimität des Fremden
Was Medien uns bedeuten

"I read books to read myself."

Sven Birkerts



Der Philosoph Hilary Putnam gewinnt in einem seiner Aufsätze die Einsicht, dass es philosophische Traditionen gibt, die sich - trotz beharrlicher Kontroverse -, erstaunlich lange wegweisend behaupten können.1 Sie entpuppten sich über Jahrhunderte allen Angriffen zum trotz als dauerhaftes Fundament von manchmal zweifelhaftem wissenschaftlichem Wert. Diese Feststellung ist sicherlich nicht auf die Philosophie beschränkt. Zu diesen außerordentlich langlebigen Konzepten gehört auch die im Denken über die Natur der Medien überaus beliebte Vorgehensweise, diese mit Falschheit, Trug und Lüge. Der Prozess medialer Vermittlung wird mit Vorgängen des Absterbens, der Vernichtung und der Verfälschung in Verbindung gebracht. Medien und Tod, der fahle(re) Schein des Dargestellten und der demgegenüber authentische Glanz des Originals sind solche Begriffspaare, die das Denken über Medien bestimmen.

Das beginnt mit dem biblischen Bilderverbot und den ersten Betrachtungen über die Abbildfähigkeit der Kunst in dinglichem Artefakt, Schrift und Wort. So argumentiert schon Platon im Phaidros und in seinem siebten Brief.2 Im Abbild (Mimesis) der Natur ist deren vernichtete Authentizität alles, was bleibt. Seine Ästhetik berichtet von der Geringschätzung, die der Grieche dem Bildnis der Natur entgegen brachte.3 So ist es nur konsequent, wenn dann „die hohen Wahrheiten“ nur im „intimen Zusammensein" Bestand hätten. Und auch, rund 1500 Jahre später, im Zweifel Descartes, der nur dem „reinen" Denken vertraute, und in Immanuel Kants Ding an sich, findet sich das gleiche Unbehagen vor der Erscheinung der Welt verschlüsselt, hinter der ihre Wahrheit doch noch auffindbar sein muss. Kaum hundert Jahre ist auch das philosophische Nachsinnen über die Welt und ihre (Be)Greifbarkeit alt, das auf ihre spezifisch unvermittelte Reinheit zielte, die selbst frei von aller Trübung durch die Sinne sein müsse, so etwa zunächst bei Edmund Husserl, dann auch im Wiener Kreis. Das ungebrochene Interesse an der „Eigentlichkeit der Welt" kommt in der Philosophie eines Martin Heidegger oder den französischen Existenzialisten zum Ausdruck. Erst die analytische Sprachphilosophie hat dann die Kapitulation anhand der Einsicht von der „Welt als einer mediatisierten"4 mutig verkündet: „Die Welt ist, was der Fall ist" (Ludwig Wittgenstein), was letztlich nichts anderes ist als was wir über sie (aus-)sagen können. Ja, bis heute haben wir uns dieses Denken, dass Medien also in der Tat vernichten, was sie darstellen, nicht zuletzt in unserem Alltagsverständnis bewahrt. Gelegentliche optimistische Ausreißer zeigen sich „mit System" erst in der zeitgenössischen Medienphilosophie.

Wir vergessen dabei im Reden über die tatsächlichen und angeblichen Herausforderungen, vor die uns die Medien stellen, leicht die Unhintergehbarkeit unserer Lebenswelt, dass also eine Welt ohne Medien eine undenkbare wäre. Es gibt wohl kein „dahinter" und wenn doch, dann werden wir es nie erfahren, denn uns fehlen die Mittel es zu ergründen. Um sich dies zu vergegenwärtigen braucht nicht erst Jacques Derrida5 bemüht zu werden, der den Glauben an die Sprache als das jeder Macht zur Verfälschung bare Medium zerschlug. Es ist nicht so vermessen wie es scheint, festzustellen, dass wir nur sind was wir sind, weil es Medien gibt. Primäre Medien wie die menschliche Sprache begleiten uns von Geburt an. Das Buch kommt nicht viel später. Und auch diejenigen modernen „Mittler", deren Nutzung technisches Gerät erfordert (z.B. Telefon, Auto), lassen üblicherweise nicht lange auf sich warten. Freilich, wann wir selbst uns in welchem Maße eines Mediums bedienten, war nicht an uns zu entscheiden. Vielmehr gab es Menschen, die darauf achteten, welches Medium wir wofür und wie lange nutzen, zum Beispiel das Fernsehen. Vielen älteren Menschen mag das dennoch eine fremde Einsicht sein. Vor der durch die Massenverbreitung des Fernsehens und der erst beginnenden des Computers in den späten siebziger Jahren eingeläuteten Medienwende, gab es nicht viel zu entscheiden, obschon erste Vorahnungen gravierender sozialer Auswirkungen des Fernsehens bereits in den fünfziger Jahren deutlich wurden. So gaben schon mit der Entdeckung der Kindheit und Jugend als eigenständiger Entwicklungsphase z.B. Bedeutung und Wert des Lesens Anlass zum Disput. Dass wir Medienerziehung als einen bedeutenden Beitrag zu einer zeitgemäßen Pädagogik betrachten, ist eine Erfindung des späten 20. Jahrhunderts. Es brauchte nicht nur das Fernsehen, sondern auch die Videokonsole, den Videorekorder, das moderne Kino und nicht zuletzt die Computerspiele, bis das pädagogische Nachdenken über Medien zur akuten Forderung wurde. Die 70er, 80er und nicht zuletzt die 90er haben erst ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass wir nicht nur mit Atombomben, Umweltgiften und Waffen irreparable Schäden anrichten können, sondern dass auch Medien beträchtliche politische, wirtschaftliche, soziale, physiologische und psychologische Wirkungen entfalten können. Die richtige, mithin verantwortungsvolle Medienerziehung gehört seither zum Standardprogramm pädagogischer, soziologischer und philosophischer Diskussion. Dieses Bewusstsein beginnen wir erst zögerlich zu schärfen. Dass die Schule dabei in „vorgeschobener Reihe" beständig Attacken ausgesetzt ist, verwundert nicht. Nach dem heimatlichen Vorlesen muss sie als erste natürliche Instanz der „professionellen" Medienvermittlung gelten.

Vollkommene technische Abhängigkeit ist dabei längst Realität und, was wichtiger ist, ihr Gegenteil niemals Realität gewesen. Medien begleiten uns durchs Leben. Was, also, bedeuten uns Medien - ganz individuell? Erstaunlich viel. Fassen wir den Medienbegriff nicht allzu eng, dann erinnern wir uns leicht, wenn wir zurückschauen, an die Zeit in der wir besonders viel und intensiv lasen6, also die Zeit um unser 14. Lebensjahr. Zuvor denken wir wohl an die ersten Schuljahre, in denen wir herausgefordert waren, uns in der selbstständig zunächst mit größter Mühe anzufertigenden Schrift auszudrücken. Vielleicht dann später an Abschluss und Universität, die dann unsere Fähigkeiten zur geduldigen Auseinandersetzung mit „professioneller" Literatur forderte und von uns verlangte, uns in Vorträgen selbst einer „professionellen" Öffentlichkeit mitzuteilen. Nicht mehr die handwerkliche Produktion stand hier im Vordergrund, sonder geistige Fähigkeiten der Abstraktion und Inspiration.

Dies sind Markierungen medialer Erstkontakte, die sich sicher prägend für unsere Zukunft erwiesen. Wie genau, können wir nur erahnen. Was uns Medien heute bedeuten, wie wir sie nutzen und wie wir die Welt und uns durch sie verstehen, geht auf diese Zeit zurück. Dabei drehte sich die wohl nachhaltigste individuelle Medienerfahrung bei fast jedem um das Kulturgut der Moderne schlechthin, das Buch. Wer denkt nicht an Lesenächte mit seinem Lieblingsbuch. Sie wurden erst dann richtig spannend, wenn das Lesbare verschmolz mit der Welt, welche die Atmosphäre bildete, unter der es „zur Geltung" kommen konnte. Also beispielsweise dann, wenn man eigentlich, z.B. auf elterliches Geheiß, gar nicht mehr lesen sollte. Dann entstand in gar nicht so seltenen Momenten eine Sphäre, in der sich neue „Räume" entdecken ließen. Das heißt, dass Medien für uns keine Instrumente waren, sondern „Raumerzeuger", in deren Labyrinthen wir einem Fremden auf der Spur waren. Das Buchmedium selbst leistete seinen Beitrag dazu und die Intimität dieses Fremden wurde uns erst dann tatsächlich gegenwärtig, wenn wir ihren Auftritt gestatteten. Nicht erst die Universität ließ uns das Andere, das wir nicht waren, das Fremde erfahren, introduzierte uns einer mannigfaltigen Öffentlichkeit. Schon das Buch der Kinderzeit machte uns die Welt „öffentlich" indem es uns dies Fremde er-öffnete, das sich in der Welt zwischen den Buchseiten befand. Medien bedeuteten uns mehr, als sie ganz für sich genommen eigentlich waren. Sie waren uns immer noch ein anderes, und ich glaube, dass sie eben aus diesem Grund so interessant für uns waren. Dies zu beschreiben hat als einer der Ersten der Dichter Rainer Maria Rilke versucht. Er zeigt, was mit uns in diesen Momenten geschehen konnte, die für uns oft heute noch eine hohe ideelle Bedeutung besitzen. Und er war ein „Medienfachmann" par excellence in einer Zeit, in der das Buch längst nicht mehr das beherrschende Medium repräsentierte. Seine Phänomenologie des Lesens ist berühmter geworden als manch philosophische Abhandlung.



Der Leser

Wer kennt ihn, diesen, welcher sein Gesicht

wegsenkte aus dem Sein zu einem zweiten,

das nur das schnelle Wenden voller Seiten

manchmal gewaltsam unterbricht?

Selbst seine Mutter wäre nicht gewiss,

ob er es ist, der da mit seinen Schatten

Getränktes liest. Und wir, die Stunden hatten,

das wissen wir, wie viel ihm hinschwand,

bis er mühsam aufsah: alles auf sich hebend,

was unten in dem Buche sich verhielt,

mit Augen, welche, statt zu nehmen, gebend

anstießen an die fertig-volle Welt:

wie stille Kinder, die allein gespielt,

auf einmal das Vorhandene erfahren;

doch seine Züge, die geordnet waren,

blieben für immer umgestellt.7



Rund hundert Jahre Leseforschung folgten Rilke. Kaum wird es je wieder gelungen sein, das Gesuchte vergleichbar treffend darzustellen. Der Leser begegnet im Buch einem „zweiten Sein" zwischen den Seiten, das sich innerhalb eines Raumes zu enthüllen scheint, den die Buchstaben selbst erst schaffen. Dieses „Aufsichheben" eines Mysteriösen aus dem „Unten" der Seiten in das geistig-innerliche „Oben", wird als gewichtige Arbeit geschildert. Sie stellt unsere zuvor geordneten „Züge um", verwandelt uns. Und dieses Lesen ist bei Rilke ganz merkwürdig eigentlich ein „Geben" weniger denn ein „Nehmen". Zunächst glauben wir uns in ein einsames „Spiel" vertieft, dann plötzlich - erfahren wir das subtil „Vorhandene", das sich uns erst nach und nach erschließt.

Mir scheint, was Rilke hier beredt in Worte fasst, kann eine Grammatik des Mediums genannt werden. Um seine individuelle Schreibweise geht es, um die individuelle Art, sich uns mitzuteilen. Nämlich unter der Bedingung, dass wir selbst die Mühe auf uns nehmen die nötige Empfänglichkeit für das Buch und das, was sich in ihm zeigt, hervorzubringen. Es wird deutlich, dass Lesen hier nicht primär als ein Handeln, ein konzentriertes Tun an einem zu entschleiernden Sinn, als ein „Heraussaugen" einer bestimmten Bedeutung verstanden wird. Vielmehr, dass es ein Hinhörenkönnen verlangt auf das, was uns erst entgegen tritt, wenn wir uns bereit finden für den Schreibvorgang des Buches in uns, der dann unsere Aufnahmefähigkeit erfordert. Darin liegt eine Doppelbewegung. Wer in diesen Prozess eintreten will, der muss den Mut zu einer Intimität mit dem Medium und dem Fremden mitbringen, die Kindern so leicht fällt, Erwachsenen seltener, nur unter bewusster Anstrengung gelingt. Allein, es ist kein Sich-Verlieren, sondern eine Gradwanderung zwischen Führen und Geführtwerden. Marshall McLuhan hat denn auch dem Künstler die besonders innige Vertrautheit mit dieser inneren Handschrift des Mediums geistreich attestiert. Er muss sich gerade täglich zur einer notwendigen Intimität durchringen, die ihm sein Schaffen erlaubt.

Rilke tut nichts anderes, als uns darauf hinzuweisen, dass ein Medium kein Werkzeug ist. Es gehört zu den am häufigsten missverstandenen Einsichten im Denken (und Reden) über Medien, in ihnen neutrale Apparate zu sehen, die wir benutzen, die wir wie einen Hammer verwenden und deren wie auch immer geartete Wirkung sich auf den Moment ihrer Anwendung beschränkt. Diese Sicht erweist sich bei näherem Hinsehen als reduktionistisch, da sie ausblendet, was sinnlich nicht zu greifen ist. Medien befriedigen jedoch nicht nur „hedonistisch" unsere Bedürfnisse oder dienen instrumentell zur Bewältigung „sinnvoller" Aufgaben, wie die kulturkritische Medienschelte es gerne sähe. Medien sind „not just tools" (McLuhan), sie sind nicht nur das, was wir aus ihnen machen („Shannon-Weaver-Modell"). Was sie tatsächlich tun, ist, dass sie uns die Welt erzählen, wie der amerikanische Literat Sven Birkerts es feinfühlig beschreibt.8 Und, was noch wichtiger ist, sie erzählen uns uns selbst. Das ist nicht schwer zu entdecken. Für den „empfindsamen" Adel des ausgehenden 18. Jahrhunderts erlangte das Tagebuch nicht eine so hohe Bedeutung, weil es Mode war, sondern es wurde Mode aufgrund seiner Weisen des Erzählens über die Welt und die Seele, die dadurch möglich wurden. Es bot einen einzigartigen Erlebnisraum für ein sensibles Ich und eine in die entzauberte Technisierung des Lebens zerrinnende Welt, eine Sphäre kontemplativer Selbstreflexion, die kein anderes Medium in dieser Form zu bieten vermochte. Und an diesem Elementarcharakter der Medien hat sich bis in unsere Zeit nichts geändert. Freilich, heute stehen wir vor radikalisierten Verhältnissen. Jetzt prägt die Buchkultur vollends den Blick auf die Welt, „erzählt" sie uns auf ihre Weise. Die Crux ist, dass wir dabei in einem kaum vorstellbaren Maße durch die mediale Brille zu blicken gewohnt sind. Frank Hartmann erkennt dies richtig, wenn er schreibt, dass „unglücklicherweise" für das Abenteuer unserer Historienforschung alle Zeugnisse in schriftlicher Form vorliegen und eben die schriftlichen Zeugnisse die Grundlage unseres Selbstverständnisses, unserer Geschichtlichkeit sind. [siehe] Es gibt für uns kein „vor" den Medien, das uns klare Sicht auf die Verhältnisse erlaubte. Das Denken eines Menschen der vorschriftlichen Zeit, eines Ikonoklasten, ist uns mit bestürzender Totalität unzugänglich, unsere Rekonstruktion zwangsläufig erneut medial geprägte Konstruktion.

Wenn sich also unser Erlebnis „Welt" immer im Spannungsfeld aus Ich und Welt und unseren Medien abspielt, dann ist der „Stand der Dinge" notwendig ein trügerischer, dann bestimmen wir uns jederzeit elementar neu, wenn unsere medialen Vermittlungsinstanzen gravierenden Wandlungen (z.B. durch die Erfindung der Druckerpresse) unterworfen sind. Allzu forscher Theoretizismus verleitet gleichwohl leicht zu Reduktionismus. Doch die Medienforschung hat sich von oberflächlichen Folgerungen, die kulturgeschichtliche Verwerfungen weitestgehend monokausal auf Medienentwicklungen zurückführen, zumeist verabschiedet. Dennoch gilt, dass die Elementarerfahrungen, die durch bestimmte Medien entweder gefördert oder gehemmt werden, unser Weltbild prägen. Was auszuführen wäre, kann hier nur angedeutet werden.

Was wir unter Privatheit und Öffentlichkeit verstehen, ist in höchstem Maße mediales Produkt. Unsere Begriffe gehen zurück auf die Idee, autonom und auf (individuell) vernünftiger Einsicht gegründet das zu entwickeln, was der Mensch in geistiger, politischer und religiöser Freiheit zu sein vermag. Ihre Wurzeln finden sie entsprechend in Humanismus, Reformation und Aufklärung. Aenea Silvio Piccolomini äußerte sich als glühender Bewunderer der Druckerpresse fördernd-wohlwollend über Johannes Gutenbergs Erfindung. Er hatte ihre freiheitliche Bedeutung für die Entstehung des sich selbst entwerfenden Menschen schnell erkannt. Und die einsetzenden Kämpfe um ihre Nutzung für die geistlichen Interessen aus dem kirchlichen Lager gaben ihm in der Folgezeit recht. Martin Luther und seine Nachfolger gehörten zu den Ersten, die sich im großen Stil der Wirkung von Plakat, Pamphlet und Flugblatt systematisch bedienten, und ihre Gegner wurden sich schnell der neuen Macht zahlreicher verteilter unabhängiger Drucker bewusst. Denn sie ergriffen zwar als Einzelne das Wort, doch ihr geistiger Austausch und ihre planvolle intellektuelle Arbeit wurde erst durch die Transportabilität und gleichzeitige inhaltliche Stabilität ihres Wissens möglich. Andere - Mitstreiter und Gegner - griffen ihre Methoden auf und trugen dazu bei, den Begriff des modernen Autors, des autonomen Produzenten individueller Werke, zu prägen. Seine kulturgeschichtliche Blütezeit wird der alphabetisierte Literat als Produzent und Konsument an der Wende zum 19. Jahrhundert erleben. Also zu jenem Zeitpunkt, als die sich kultivierende adlige Abstammungselite ihren humanen Lebenszweck in der Kontemplation, umfassenden Bildung und eigenen literarischen Produktion erblickt. Im Tagebuch findet das Buch zur individuell relevanten Bestimmung, wird neben seinem offensichtlichen Zweck der Aneignung standesgemäßer Bildung zum Signifikat erbaulich-sentimentaler Introspektion. Dies geschieht in einem kulturellen Klima, dessen Schöpfer und Gestalter sich über das Buch, den Brief und das Tagebuch miteinander und mit sich selbst „vermittelten“. Für die sich literalisierende Gesellschaft entstehen Zusammenhänge Sinn-voller Weltvermittlung auf dem Wege einer Welt aus und durch die Bücher. Aber die Auswirkungen derart beständiger lebensweltlicher Mediatisierung werden nicht nur sichtbar im großen Bogen menschheitlicher Entwicklung, sondern auch im kleineren Rahmen individueller.

Das 20. Jahrhundert hat mit den Massenmedien begonnen, gewohnte Bezugsrahmen erneut in Bewegung zu bringen (Stichwort „Golfkrieg")9. Darf da die Frage nach pädagogischen Antworten einzig durch Hinweise auf die „Erzählungen der Medien" beantwortet werden? Leicht wird beispielsweise heute deutlich, welchen Transformationen Wissen allseitig unterworfen ist. Damit wird die pädagogische Frage nach ihrer Aufgabe und Qualität der Vermittlung erneut aufgeworfen. Wir vermissen die stille Kontemplation, denn das moderne Medium lädt uns nicht zu ihr ein. Wissen, denken wir, ist zur Information geworden, die konsumiert wird, beim „surfen" quasi nebenbei. Das Bild des über den „großen Schinken" gebeugten Gelehrten (George Steiner), der die Zeilen kontemplierend, meditierend in sich aufnimmt, ist kein Ideal dieser Zeit. Da fällt es nicht schwer, von der Trivialisierung des Wissens zu sprechen und im Buch ein „besseres" Medium zu sehen. Durchaus, das ist sicher keine generell falsche Einschätzung. Und doch verstellt sie den Blick. Denn wenn die Welt sich in neuen, möglicherweise primär visuell-auditiven Medien als eine andere zeigt, dann haben wir Grund genug anzunehmen, dass mit ihnen unsere von der Schriftkultur geprägten Begriffe wie Politik und Wirtschaft, Privatheit und Öffentlichkeit, wie Besitz und Gemeingut, ja Raum und Zeit einer fundamentalen Wandlung unterzogen werden. Dann müsste das philosophische Denken dies zur Kenntnis nehmen. Wie vermag diese Welt sich im neuen Lebensraum anders zu erleben? Wie erleben wir das, was wir gewohnt sind, welche neuen Möglichkeiten tun sich auf, was beginnen wir zu vermissen? Natürlich, es kommt einer Sisyphusarbeit gleich, im Prozess ihrer Entwicklung all die „transmedialen Verflechtungen" (Mike Sandbothe) zu entwirren und die veränderten Grammatiken der neuen Medien zu entschlüsseln ohne Kulturpessimismus zu propagieren. Wir bemerken mit Faszination und Staunen zugleich, dass auch Medien ein Machtpotential innewohnt, dessen neuartige Wirkungsweisen uns buchstäblich „schleierhaft" und die nicht vergleichbar sind mit der Handgreiflichkeit gewohnter technischer Folgeerscheinungen. Wir kennen nicht die zu erwartenden Probleme, wenn die genannten Begriffe zukünftig in Bewegung geraten: Wie wir Ich und Welt wahrnehmen, wenn Hier und Dort bedeutungslos wird oder gar auf diese Weise wieder besondere Bedeutung erlangt. Wie wir Arbeit schätzen, Authentizität bewahren in einem Raum, der ohne physische Präsenz auskommt und vielleicht gerade dadurch uns einander neu erleben lässt. Welche Befriedigung oder auch Abscheu wir in einer Medienwelt empfinden werden, in der das Medium als Darstellungsraum eines tendenziell Immateriellen und als Werk- wie Spielzeug für uns im Mittelpunkt unseres Handeln, Denkens und Einander-Mitteilens steht. Wie wir uns als Menschen verstehen, wenn im Kreuzfeuer der Nanotechnologie, Gentechnik und menschlicher Klonierung das, was wir körperlich sein können, erstmal zum Gegenstand der Philosophie avanciert.10 Dass wir hier überhaupt bereits von einem Problembewusstsein sprechen können, ist eine bedeutende kulturgeschichtliche Erscheinung des 20. Jahrhunderts. Wir erahnen die Bedeutung einer Medienethik, die über eine Untersuchung der physischen Folgen der Mediennutzung hinaus den Menschen als gänzlich in „seine Medien" eingebettet und sich selbst so durchaus nur interdisziplinär realisierbar zu verstehen sucht.11

Kein Zweifel, da ist genug Anlass zu Lamento, wo wir Bedenkliches im Kleinen wahrnehmen. Doch die faktische Diverzität und Fragilität dessen, was wir als „ideale" Weise medialer Weltvermittlung zu verstehen gewohnt sind, sollte nicht zuletzt denjenigen deutlich werden, die nach erzieherischen Idealen fragen. Pädagogische Orientierung in der Medienpluralität wird nicht ohne Aufmerksamkeit hinsichtlich der Frage gewonnen werden können, wie wir uns die Welt individuell „zu eigen" machen. Denn die „geistige Situation der Zeit" (Karl Jaspers) ist immer in besonderem Maße eine ihrer Medien. Diese berauben die Dinge nicht nur jener Authentizität und auratischen Qualität12 (Walter Benjamin), die wir in ihnen tendenziell immer vermissen. Sie sind jedem auch große Anstalten der Welterzeugung und prägen so Kultur. Wessen sie sich also verdient machen, das ist die ihnen eigene Erzählbarkeit der Welt und auch das pädagogische Fragen sollte ein Verständnis ihrer Erzählung einerseits und des Bildes, das wir von dem Erzählenden haben andererseits, nicht ausschließen. Es sollte auf das gerichtet sein, was sie uns sichtbar werden lassen, nämlich die „Ordnung der Dinge" (Hans Blumenberg) und die wandelbaren Weisen, wie wir uns in ihr im Wortsinne „einrichten“. Der Wert, den wir dem Buch beziehungsweise der Kulturtechnik des Lesens nach wie vor rührig beizumessen gewohnt sind, ist das Erbe humanistischen Urvertrauens in das Bildungspotential des Geschriebenen.13 Und ein nach wie vor mit Recht solides Vertrauen, wie ich meine. Denn es gibt keinen Grund, an der Leistung des geschriebenen Wortes als erstem „Multimedium"' (Jochen Hörisch) zu zweifeln, wie uns Hans Magnus Enzensberger wissen lässt:

[...] Aber wem es wirklich ernst ist

mit virtual reality,

sagen wir mal:

Füllest wieder Busch und Tal

Oder: Einsamer nie

Als im August, oder auch:

Die Nacht schwingt ihre Fahn,

der kommt mit wenig aus. [...]



Das geschriebene Wort ist als humanistisches Ideal der bildungstechnischen Menschwerdung eine Grundfeste unserer Lebenswelt, deren Bedeutung sich kaum überschätzen lässt. Der Nachteil ist, dass das Buch dazu tendiert, zum „blinden Fleck" unseres Blicks auf die mediatisierte Welt zu werden. Freilich ist der Dogmatismus, mit dem zuweilen auf dem Buch als dem „besten" Medium beharrt wird, nicht nur wissenschaftlich unhaltbar, sondern auch praktisch schrecklich unproduktiv. Wir werden blind für die Arten, in denen sich Welt für uns zu wandeln vermag, weil die Medien, die sie uns zeigen, sich wandeln. Von einem tatsächlichen Verständnis des Mediums und unseres Verhältnisses zu ihm kann dann keine Rede mehr sein und wir werden handlungsunfähig gegenüber neuen Aus- und Einsichten.

Wenn Gernot Böhme, wie kürzlich in der Zeit, einsichtsvoll darauf hinweist, dass der Computer als Lehrmittel zu sehr vielem, zum Beispiel der Kunst emphatischen Lesens nicht erziehen könne, so hat er zweifellos recht. Nun wird die Ausbildung dieser Fähigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt relevant sein. Das bedeutet, dass der physische, seelische und geistige Entwicklungsverlauf des Menschen erkennbar eine entscheidende Rolle spielt. Wer auf eine Klärung von Medienkompetenz aus ist, der kann nicht bei „Informationskompetenz" oder „Bedienfertigkeiten" stehen bleiben. Schule wird die zukünftige Medienpluralität umfassend ernst nehmen müssen. Das heißt, dass sie sich ein Verständnis medialer Sprachen vor einem notwendigerweise entwicklungsgeschichtlichen Hintergrund des einzelnen Menschen erarbeiten muss. Dann ist ein schmaler Grad zu gehen zwischen dem zu würdigenden unverlierbaren Charakter kindlichen Wesens, das zu entwickeln dem Pädagogen aufgegeben ist, und dem Wesen der Welt und ihrer Menschen, deren Entwicklung sich im modernen Medium auszusprechen bemüht. Gegner wie Apologeten rasanter medialer Fortschrittlichkeit hätten einzusehen, dass sich das Medium niemals aus unserer Welterschließung „raushält" und dies Chancen wie Verantwortung impliziert. Dabei wird deutlich werden müssen, dass Medien, wie alles, ihre Zeit haben. Welches Medium wir in welcher Phase kindlicher, jugendlicher und erwachsener Entwicklung als unseren erzieherischen Zielen angemessen betrachten, welche Chancen wir wahrnehmen und welche Bedrohungen wir ausmachen, kann nur in weitgehend individueller Ansehung beantwortet werden. Medienerziehung muss lange vor dem Schuleintritt einsetzen und Medienkompetenz kann nur als eine Frage der Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation vorgestellt werden.14 Das bedeutet, dass ein sehr viel komplexerer Begriff von Medienkompetenz als der derzeitige notwendig ist. Sie ist nicht auf die Vermittlung von Fertigkeiten reduzierbar, sondern die Elementarfähigkeiten der Ich- und Weltvermittlung werden explizit im Zusammenhang in ihrer Bedeutung erkannt werden müssen. „Informationskompetenz" bleibt ohne diese Einsicht ein im entwicklungsgeschichtlich leeren Raum verortetes Kunstprodukt zukunftstrunkener Futuristen, dessen Definition nicht bedenkt, dass Medienkompetenz und Lebenskompetenz dasselbe sind. Wenn Informationen kein „Wissen in Stücken" sind und die Wirksamkeit von Medien mit dem Abschalten des Fernsehers nicht aufhört, dann wird dieser Begriff (wie übrigens auch der der „traditionellen Medienkompetenz" im Sinne praktischer Bedienfertigkeit) schlicht sinnlos.

Ich glaube nicht, dass es eine überzogene Forderung darstellt, darüber hinaus eine elementare Aufgabe der Schule darin zu erblicken, die Befähigung zu einer autonomen Medienbegegnung zu vermitteln, wie sie oben umrissen wurde. Die Idee einer Medienkompetenz, die den menschlichen Entwicklungsweg einschließt, impliziert, dass nicht nur die Schule in die Pflicht genommen werden darf. Freilich, das kontemplative Ideal humanistischer Lesekultur ist uns zentral und darf, ja muss es auf seine Weise bleiben. Aber wenn in der Tat von Medien im hier vorgestellten Sinne gesprochen werden kann, dann muss Schule auch danach streben, individuelle Medienerlebnisse als solche erlebbar zu machen. Es muss darum gehen, Medien in ihren Facetten zu verstehen, hinter die Chiffren des Technischen15 zu blicken ohne in ihnen mit kulturpessimistischer Zwangsläufigkeit nur Personifikationen eines Bösen zu erblicken. Dazu gehört die Offenheit für die Weisen, in denen uns Medien erzählen, wenn die Intimität des Fremden möglich wird. Und dazu gehört selbstverständlich auch das klar definierte erzieherische Mandat, das lenkend, leitend und selbst verstehend zunächst in die Umstände erster Medienbegegnungen eingreift. Offenkundig, dass darin auch einer Sinnesforschung Raum gegeben wird. Dabei sollte im Mittelpunkt stehen, sich selbst an der Welt und die Welt an sich selbst neu zu verstehen in einer Vielfalt, die jedem individuell zur Aufgabe steht. Was ist Lesen mehr als das sequenzielle Dekodieren von Text, was Schreiben mehr als ausgeschriebenes Denken? Was ist ein Bild mehr als die ikonische Mimesis des Realen? Und welchen Blick auf die Welt gestattet die Photo- oder Videographie, was erlaubt sie zu sehen was vorher unvorstellbar war?16 Über welche Formen die Sprachen der neuen Medien verfügen, muss erst noch gezeigt werden. Soweit ich sehe, ist dazu bisher kein ernsthafter Versuch unternommen worden.17

Hans Magnus Enzensbergers treffliches lyrisches Stück scheint mir den Kern der Sache zu treffen, weil er (hier) nicht aus kulturideologischer Beharrlichkeit am „Idealen" das Gedicht der „Glotze" vorzieht. Sondern weil hier und bei Rilke von der Sprache des Mediums die Rede ist, sie förmlich „zur Sprache" kommt, indem das Medium selbst sprechen kann. Und weil darin fühlbar wird, was uns Medien tatsächlich sind: mehr als was sie zu sein scheinen, das heißt Schöpfer, Ermöglicher, Verwandter und - ja, sicher! - Zerstörer eines gewohnten Blicks auf die Welt. Aber pädagogisches Engagement sollte diese Einsicht weder zugunsten eines spezifischen kulturellen Bildungsideals generell ausklammern, noch auf diese eingeschränkt werden. Medienpluralität ist Lebensrealität und es verengt das Medienbild pädagogisch unzulässig (und unfruchtbar), distanzierte man sich allzu weit von dem, wie uns Medien persönlich gegeben sind. Medienerziehung muss nicht nur das Medium, das als isoliertes Gerät gar nicht existiert und ebenfalls nicht nur damit identifiziert werden darf, was wir kulturhistorisch gewöhnt sind, in den Blick nehmen. Sie muss den Menschen als sich entwickelnden verstehen, als lesendes, schreibendes, als überhaupt vielfältig sich (ab-)bildendes Individuum. Der Körper und seine Glieder, die Stimme und das Gehör, Geruchssinn und physisches Be-Greifen gehören als primäre Medien mit Selbstverständlichkeit dazu. Unrecht haben diejenigen also durchaus nicht, die eine „umfassende" Medienbildung fordern. Sie wird für die sich entwickelnde Mediengesellschaft unverzichtbar sein. Allein, die Frage ist, was wir unter „umfassend" verstehen. Verstehen wir Zusammenhänge vor einem entwicklungsgeschichtlichen Hintergrund, dann gehört das „Waldklassenzimmer"18 ebenso dazu wie (sehr viel später) auch der „chatroom" oder die „virtual community". Fragen wir ernsthaft, dann suchen wir zu verstehen, wie wir uns uns selbst und unsere Welt „im Medium" verständlich machen, uns sinnvoll auf sie beziehen und welche Rolle das Medium in diesem Prozess des „uns einander Erzählens" spielt.



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1 Hilary Putnam, „What is Realism?“, in: Proceedings of the Aristotelian Society 1974/75, Seite 177

2 Platon, „Siebenter Brief“ und „Phaidros“, in: Gesamtausgabe, Band 7, Insel Verlag, Frankfurt 1988

3 Platon, „Ion“ und „Der Staat“, 3. und 10. Buch in „Sämtliche Dialoge“, Band 3 und 5, Leipzig 1916, S. 124, 407f. Zitiert nach: Rudolf Steiner, „Kunst und Kunsterkenntnis“, Seite 223, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1986

4 Frank Hartmann, „Medienphilosophie“, UTB 2000

5 Jacques Derrida, „Grammatologie“, Suhrkamp 1967

6 Hartmut Eggert/Christine Garbe, „Literarische Sozialisation“, Verlag J. B. Metzler, Band 287, Stuttgart 1995

7 Rainer Maria Rilke, „Neue Gedichte“, Reclam, zuerst veröffentlicht 1908

8 Sven Birkerts, „The Gutenberg Elegies“, Fawcett Columbine 1994

9 Jean François Lyotard hat im Verlauf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den bis heute die Postmoderne charakterisierenden Begriff des Verlust der großen Erzählungen geprägt.

10 Weitsichtig vorausgesehen von Peter Sloterdijk in seiner Elmauer Rede (abgedruckt in der Zeit).

11 Carl Mitcham, „Thinking Ethics in Technology“, Colorado School of Mines 1996

12 Walter Benjamin, „Das Kunstwerk im Zeitafter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, Suhrkamp 1977

13 Elizabeth L. Eisenstein, „The Printing Revolution in Early Modern Europe“, Cambridge University 2000

14 Harmut Eggert/Christine Garbe, „Literarische Sozialisation“, Sammlung Metzler 1995

15 Bijan Kafi, „Online-Ausblicke in die Medienzukunft“, Freies Geistesleben 2000

16 Vilém Flusser hat sich als einer der Ersten um eine Phänomenologie der Photographie bemüht. Vgl. Vilém Flusser, „Die Revolution der Bilder“, Der Flusser-Reader zu Kommunikation, Medien und Design, Bollmann 1995.

17 Marshal McLuhan, „The Medium is the Message“, MIT Press 1994

18 Rhein Neckar Zeitung vom 10. März 2000. Dargestellt wird ein pädagogischer Versuch, ein konventionelles Klassenzimmer in ein natürliches Wald- Wiesenumfeld zu verlegen. Synästhetisches Wahrnehmen soll so so gefördert, Verständnis für ökologische Zusammenhänge frühzeitig geschult werden.

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