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Autor: Kafi, Bijan.

Titel: Was ist Medienkompetenz?

Quelle: Online. Ausblicke in die Medienzukunft. Kap. 11. Stuttgart 2000. S. 131-144.

Verlag: Verlag Freies Geistesleben.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Bijan Kafi

Was ist Medienkompetenz?



Die Möglichkeit existiert, dass es Maschinen-Renegaten geben wird, die sich der Kontrolle der menschlichen Zivilisation entziehen und zerstörerisch agieren. [...] Um [Kooperation] zu gewährleisten, benötigen wir dann aber zumindest eine Techno-Elite, eine Prätorianergarde, High-Tech-Hohepriester, die den großen Rest der überwiegend ‚dümmeren‘ Menschen lenkt und kontrolliert. Eine wirkliche Privatsphäre haben wir überdies wohl auch nicht mehr, weil sich jeder bei jedem einklinken kann.“ Ray Kurzweil1

Jeder kennt den Moment, in dem man nach einem langen Gespräch ausrufen möchte: „Das müssen wir noch einmal persönlich besprechen!“ oder: „Das hätte ich aber gerne schwarz auf weiß.“ Wir wissen aufgrund unserer medialen Kompetenz, die eigentlich eine soziale Kompetenz ist, genau, dass sich Liebeserklärungen, Kündigungen oder Beileidsbezeugungen nur sehr unvollkommen über das Telefon vermitteln lassen. Und wir vermeiden dies auch konsequent, wenn wir ein Medium wie das Telefon nutzen. Wir sind unbewusst medienkompetent. Und diese Fähigkeit hat rein gar nichts mit unserem Vermögen zu tun, ein Telefon fachkundig zu bedienen.

Wir haben vielmehr von Kindesbeinen an gelernt, nicht diese Medien zu benutzen, sondern mit ihnen zu leben. Das richtige Verhalten liegt uns quasi „im Blut“. Wir haben uns an die „Sprache“ der Medien gewöhnt, an das innere Wesen unserer „Gespräche“ mit ihnen, aber selten wird uns das tatsächlich bewusst. Das mag uns beim Telefon oder beim Radio wenig problematisch erscheinen. Es bleiben verhältnismäßig wenige Möglichkeiten zu ihrem Missbrauch. Anders ist das schon beim Fernseher, ganz anders dann beim Computer oder im Internet.

Ich glaube, es ist leicht einsichtig, wie komplex der Begriff Medienkompetenz eigentlich ist und wie wenig er die Beherrschung von Fingerfertigkeiten meint. Wir können zunächst versuchen zu schildern, welchen Anforderungen eine Medienkompetenz für die neuen Medien genügen müsste, um uns dann mit dem Begriff und seiner Bedeutung näher zu befassen.

Wollen wir die Prozesse im Innern der modernen digitalen Geräte wahrnehmen, dann stehen wir vor dem Phänomen, das die mechanische Technik von der elektronischen trennt: Wir sind nicht mehr in der Lage, die Phänomene mit bloßem Auge zu verfolgen. Sie sind allenfalls messbar. Doch auch hier kommt die Messbarkeit schnell an ihre Grenzen, wenn Vorgänge nur noch theoretisch beschreibbar, praktisch jedoch nicht mehr präzise nachvollziehbar sind. Horst Wedde hat dies in einem Vortrag anschaulich beschrieben.2 Er nannte die Entwicklung die Bewegung von der Gegenständlichkeit hin zu einem Abschied von der Sensualität der Technik. Bereits Marshall McLuhan hat vor rund vierzig Jahren im Umgang mit den „alten“ neuen Medien unterschiedliche Anforderungen erkannt, die die modernen elektronischen Geräte an ihre Nutzer stellen. Er beschrieb sie als psycho-soziale Prozesse und rief dazu auf, den Blick auf diese Veränderungen, nicht auf die technischen Phänomene selbst zu lenken.3

Nun ist der Computer kein Telefon und kein Fernseher. Er wird andere geistige und seelische Anforderungen an seine Nutzer stellen. Wir können annehmen, dass das Hineinleben und Hineinwachsen der ersten Generationen in die multimediale Welt dazu führen wird, dass neue Fähigkeiten der Orientierung in und des Umgangs mit ihr ausgebildet werden, entlang derjenigen Entwicklungen, die ich in den vorangegangenen Kapiteln zu schildern versucht habe.

Blicken wir zurück, dann sehen wir: Unsere Art zu reisen, uns fortzubewegen, uns der Welt zu zeigen und uns der Begegnung mit ihr auszusetzen, ist eine andere geworden, seit es die Bahn, das Auto und das Flugzeug gibt. Dementsprechend hat sich auch unsere Wahrnehmung von Natur und Kultur, von Ländern und Menschen, von Regionen, Kontinenten und lokalen Eigenheiten verändert.4 Das Erlebnis der Welt ändert sich durch bestimmte Fortschritte der Technik, wenn diese beginnen, auf das Lebensumfeld des Menschen direkt einzuwirken.

So wie wir im Verlauf der vergangenen einhundert Jahre gelernt haben, mit dem Telefon, dem Radio und dem Fernseher umzugehen, werden wir dies für die Computertechnik im Allgemeinen und für das Internet im Besonderen lernen. Wir werden unser Miteinandersein und Miteinanderverständigen neu erleben, eben wie wir es durch das Telefon und das Fernsehen neu erleben konnten. Wir können heute noch nicht sagen, welche Veränderungen auch unsere seelischen Wahrnehmungsfähigkeiten durchmachen werden, wenn zu den vom Telefon bekannten Eigenheiten der Distanz und des Wegfalls von Zeit und Raum die der Netzwelten hinzukommen werden. Wir können als solche schon heute ausmachen: das verteilte Denken und Wahrnehmen (Internet), die Zeitverzögerung (elektronische Post), die neue Sequenzialität im Denken (Programmierung und Abfolge der Bedienschritte) und die verstärkte visuelle Koordination (Navigation innerhalb der Arbeitsgeräte und der Netzwelt).

Unsere Überlegungen beschreiben also Medienkompetenz als Fähigkeitsbildung. Es sollte uns sofort deutlich sein, dass diese Forderung ganz im Gegensatz zu derjenigen Vorstellung von Medienkompetenz steht, mit der wir es heute allgemein zu tun haben. Vergewissern wir uns zunächst dessen, was wir heute als Medienkompetenz zu akzeptieren gewohnt sind.

In der Vergangenheit haben wir gelernt, dass Medienkompetenz die Fähigkeit sei, die modernen Medien, einschließlich der ständig neu sich entwickelnden, fachkundig bedienen zu können und sich ihrer vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten bewusst zu sein. Medienkompetenz zu erlangen sei eine praktische Notwendigkeit. Schon heute kommen viele Berufsstände nicht mehr ohne eine Verwendung von Computer oder Internet aus. Die Hoffnung, der Konfrontation mit der lange ignorierten Computerwelt auch nach dem Berufseinstieg aus dem Wege gehen zu können, erfüllt sich in fast keinem Berufsfeld mehr. Wo die Arbeit selbst nicht von Automatisierung betroffen ist, da wird in der Regel der Vorgang ihrer Verrichtung technisch reglementiert und kontrolliert. Ist jemand also nicht medienkompetent, so droht ihm der Fall in die technologische Rückständigkeit.

Medienkompetenz wird heute etwa derart umschrieben. Es gibt eine Reihe von Gründen, die ihre Erlangung beziehungsweise ihr Lehren zu einem solch frühen Zeitpunkt legitimieren sollen. Ein Grund - Tauglichkeit für den Beruf - wurde bereits genannt. Weitere Gründe - um nur einige zu nennen - sind die Notwendigkeit, verbreitete Information verstehen und interpretieren zu können, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, Unterhaltung empfangen und natürlich genießen zu können. Diese Medienkompetenz betrifft also nicht nur das Berufsleben, sondern dehnt sich ebenso auf das Teilnehmen am sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben aus. Es wird häufig suggeriert, das Leben selbst gewinne an Spaß und Wert, sei man quasi „im Besitz“ von Medienkompetenz.

Wir haben uns bisher selten die Fragen nach dem Wieso („zu welchem Zweck?“) oder Warum („aus welchem Grund?“) dieser Fertigkeiten und der Gründe, die wir zu ihrer Legitimation anführen, ernsthaft gestellt. Nach der Betrachtung unserer bisher gewonnenen Einsichten verfehlen die genannten Antworten auf die Fragen der modernen Technik schlicht den Punkt. Dabei gilt es zunächst nicht zu vergessen: Es kann nicht darüber diskutiert werden, ob es eine Unterweisung in den Fertigkeiten zur Bedienung der modernen Medien überhaupt geben soll. Sie sind eine praktische Anforderung. Wird sie ignoriert, wird eine Alltagsanforderung ignoriert, die jeden angeht. In allenfalls noch einem Vierteljahrhundert werden gewisse Sachkenntnisse, wie heute das Autofahren, grundlegend sein, will man sich nicht vollkommen ausschließen. Aber diese Fertigkeiten in ihren speziellen Ausprägungen zu erlernen kann - wie heute das Autofahren - dem Einzelnen überlassen bleiben; genauso wenig, wie wir uns heute einen für jeden obligatorischen Fahrunterricht vorstellen können, sollte eine Medienerziehung bereits im Kindergarten begonnen werden. Das Einüben von Fertigkeiten von der Medienkompetenz zu trennen, die wir meinen, ist grundlegend für unsere Betrachtungen. Aber selbstverständlich brauchen wir Fertigkeiten. Wie sonst sollte es möglich sein, praktische Kompetenz in einem Sachgebiet zu erwerben, welche die Äußerung zum Thema erst möglich macht? Einzig die Differenzierung und bewusste Einschätzung der Relevanz beider wird hier verlangt; nicht wird die banale Fertigkeit zugunsten der anspruchsvollen Fähigkeit ausgespielt.

Der Wunsch, von einer besonderen Medienkompetenz zu sprechen, legitimiert sich eben aus dem bisher Gesagten, dass nämlich die Medienzukunft mit ihrem besonderen Charakter und ihrer Herausforderung der Individualität eben gerade an den Menschen auf eine Weise herantreten wird, die eine solchermaßen angemessene Medienkompetenz notwendig erscheinen lässt. Wir werden sie brauchen, um uns im Medienchaos zurechtzufinden. Wonach wir also in der Medienkompetenz tatsächlich suchen sollten, ist ein ehrliches Bild der Technik. Medienkompetenz sollte den Menschen zu diesem Bild führen können. Was ist ein ehrliches Bild? Eines, das nicht durch falsche Bedürfnisse verfälscht wird. Sie sollte das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, das sich in der Bewegung ihrer Begegnung darstellt, zum Inhalt haben - nicht nur das Bedürfnis als Ziel und nicht nur die Maschine als Objekt und Mittel, es zu erreichen. Der Mensch muss sich der Bedeutung des Phänomens bewusst werden, das aus drei eigenständigen Elementen besteht: dem Menschen, der Maschine und der Begegnung zwischen ihnen, deren besonderer Charakter im bewussten Erleben des technischen Wesens hervortritt. In der Medienkompetenz kann er sich ein Verständnis dafür erwerben.

Wollen wir also beurteilen können, was Medienkompetenz ist, dann kommt es in einem ersten Schritt darauf an, dass wir ein Verständnis für die humane Seite dieser Begegnung erwerben. Sind wir einmal für die Orte, an denen uns Technik begegnet, und für ihre „Sprache“ sensibilisiert, dann wird uns schnell deutlich werden, welche Bedürfnisse tatsächlich die unsrigen sind und an welchen Trends wir wie technokratische Lemminge teilnehmen. Auf diesem Wege kann die Maschine eben als der Mythos, der sie heute ist, demaskiert werden.

Ein zweiter Schritt liegt darin, die Begegnung als erkenntnisvolle gelten zu lassen. Es muss darum gehen, an der Begegnung selbst für das Wesen des Technischen wach zu werden, das sich hinter den Chiffren des Maschinenmythos verbirgt. Die Begegnung ist die des Menschen mit der Maschine, nicht die des Nutzers mit dem Apparatefetisch.

Was uns anhand dieser Darstellung deutlich wird, ist die Sinnlosigkeit der Erwartung sicheren Wissens. Noch können wir, beschreiben wir den Apparat als Gegenstand, von seinen technischen Funktionen sprechen. Jedes Gerät ist für uns funktional determiniert, hat eine bestimmte Aufgabe. Diese Sicht sind wir seit dem Zeitalter der Mechanik gewohnt. Aber dieser Blick auf das Maschinenphänomen fällt uns bereits heute sichtlich schwerer, wenn wir an die Grenzen der Beschreibbarkeit der physikalischen Phänomene in den modernen Computersystemen kommen. Ein weiterer Meilenstein auf dem Wege, wie sich andere Aspekte der modernen Technik entwickeln, sind die „evolvable systems“, die „evolutionären Systeme“. Diese Schaltungen sind in der Lage, sich durch eine hier nicht näher zu diskutierende Methode selbst weiterzuentwickeln. Beispielsweise kann einem einfachen Chip die Aufgabe gestellt werden, mehrere Frequenzen eines akustischen Signals zu überwachen und dieses zu identifizieren. Durch eine eigenständige Modifikation seiner internen Programmierung kann nun dieser Chip selbständig „lernen“, wie er diese Aufgabe am besten erfüllen kann. Erste erfolgreiche Versuche haben gezeigt, dass dieses Vorgehen nicht nur erstaunlich gut funktioniert, sondern dass auch die überwachenden Spezialisten nicht mehr in der Lage waren zu sagen, wie der Chip die gestellte Aufgabe genau gelöst hat. Kurz: Der Chip hat sich selbst „fortentwickelt“ und die gestellte Aufgabe über alle Maßen gut erfüllt. Und sein vermeintlicher Herr versteht nicht mehr, wie er das geschafft hat.

Noch deutlicher kann uns dies werden, wenn wir bei unseren virtuellen Technologien bleiben. Wer sich zum ersten Mal im Internet „bewegt“, kann leicht den Eindruck vollkommener Haltlosigkeit bekommen. Der Begriff des Ortes und der Zeit hat seine Bedeutung verloren - kein Ort lässt sich angeben, ein Mausklick genügt, um von Amerika nach Japan zu reisen, Zeitzonen und Datumsgrenzen lassen sich mit gleicher Schnelligkeit überwinden. Der Begriff der Grenze ist inhaltsleer geworden - es gibt keine Grenzen in der Netzwelt, weder politische noch sittliche, noch geografische oder individuelle Grenzen; niemand muss sich begrenzen, denn ein Knopfdruck am Übertragungsgerät, und jeder ist schneller verschwunden, als er kam. Und so verschwindet auch die Grenze zwischen Individualität und Masse, zwischen Individuum und Gruppe, zwischen Meinung und Urteil.

In der Tat: Das Internet lehrt zunächst die Flüchtigkeit der neuen virtuellen Technik, ihre Fähigkeit zur ständigen Metamorphose. Es gibt kein „Jetzt“, kein „Gerade-Noch“, kein „Gleich“. Alles „Eben“ ist so verloren wie der abgeschaltete Strom, aus dem es einzig bestand. Jede Information ist nur als Status eines Geräts, als „Strom“ oder „Nicht-Strom“ in einem der Abermilliarden Transistoren abgebildet, welche die Computer des Internets bilden. Das Internet lehrt nicht nur, dass nichts so ist, wie es scheint. Es lehrt, dass nichts wirklicher ist als das Momentane, als der Zustand, der Status.

So wenig wir im Internet angeben können, wo wir uns eigentlich befinden, weil wir selbst nur Inhalt auf Datenreise im Strom- und Datennetz sind, so wenig können wir mit Sicherheit sagen, was wir an dem haben, was wir in Wissen, Information oder sogar Gerät, Apparatur, Programmen zu besitzen glauben. Wir kennen das Wort, dass keine Information nutzloser ist als die Schlagzeile von gestern. Das Internet ist die Zeitung, und die verstrichene Sekunde kann schon die Schlagzeile von gestern gewesen sein. Das Internet ist keine Maschine - es ist ein Prozess des unaufhörlichen Umwälzens von Informationen durch den ungeheuren Verbrauch elektrischer Energien. Wir können nie wissen, ob wir tatsächlich wissen, was wir zu wissen meinen. Und die Zukunft? Wie soll dasjenige beschreibbar sein, an das sich die Menschen in einhundert Jahren vielleicht selbst mit Biosteckdosen anschließen werden, wie jüngst im Film „eXistenZ“ prophezeit? Diese „Maschine“ wird nirgendwo mehr substanziell greifbar sein, weil sie vollkommen virtuell ist, ebenso wie ihre Wirksamkeit auf ihre Nutzer.

Es kann also aus dem Charakter der Sache heraus nicht unser Ziel sein, Anleitungen zu geben. Es geht mir um eine Bestimmung hermeneutischer Grundlagen, also darum, das Verständnis zu seinen sinnvollen, das heißt dem Gegenstand angemessenen Grundlagen zu führen. Mir scheint dies zuallererst notwendig, wollen wir lernen, mit Technik zu leben. Was ich vorschlagen möchte, ist eine Einstellung zu den Gegenständen unseres Interesses, vor jedem Anraten einer bestimmten Methode. Ich möchte fragen, welchen inneren Ort wir im Blick auf die Technik aufsuchen, von dem aus ein solches Erarbeiten von Kenntnissen über ihre Wirkungen überhaupt erst im rechten Lichte möglich wird. Für konkretere Untersuchungen wird an dieser Stelle auf die relevanten Arbeiten verwiesen.5

Was uns diese Beobachtungen in der Tat abverlangen, scheint mir eine Haltung der Offenheit gegenüber den Phänomenen, die uns erwarten, zu sein. Ihre Beschreibbarkeit wird eine neue Herausforderung darstellen. Wir könnten diese Haltung vielleicht zu Recht eine philosophische nennen, wenn wir mit „philosophisch“ den Verzicht auf die Sicherheit und den Vorrang des skeptischen Denkens vor jedem Dogma meinen. Noch besser, scheint mir, wäre sie als eine philosophierende Haltung beschrieben. Zu philosophieren ist eine Befähigung, eine Tat, die nur vom Einzelnen zu vollbringen ist. Sie ist als solche nicht nur offen empfangend, sondern auch geistig schaffend im Erkennen und Verstehen-Wollen, das mutiges Sich-Einbringen erwartet. Sie ist sich der eigenen Beurteilungsinstanz als einziger ganz gewiss und urteilt über das, was ihr begegnet und sie herausfordert, erst unter Einbeziehung der individuellen Erfahrung. Sie erstrebt Verständnis und Einsicht vor Wissen; sie fordert, wie Karl Jaspers es nannte, den „liebenden Kampf“.6 Sie ist als Haltung nicht Methode, vielmehr geht sie voraus, bestimmt ihren Charakter. Sie ist Einstellung zum Gegenstand mehr als Antwort auf das „Wie?“ einer genauen Untersuchung. Sie untersucht zunächst nicht, sondern formuliert einen Wunsch: den der Verantwortung im Erkennen und Forschen. Lässt sie sich näher beschreiben?

Die Züge des Maschinenwesens stellen sich deutlich nur dort dar, wo der Einzelne dem Maschinenmythos mit der Aufrichtigkeit begegnet, sich keiner Verführung anheim zu geben, nichts Erkenntnisvolles durch leibliches Sich-Hingeben zu unterschlagen. Er muss sich ihm wertfrei, ohne Meinung und vorgefasstes Urteil, um der Erkenntnis selbst willen und mit dem Wunsch, sich von unsichtbaren Fesseln zu befreien, gegenüberstellen. Das ist eine Verpflichtung, die der Einzelne mit sich selbst eingeht, und vielleicht der bedeutsamste, gewiss der erste Schritt. Erst dieser weist auf ein Verhältnis zur Sache jenseits der Verführung und macht ihn frei, solche Zusammenhänge zu durchschauen. Er kann als Grundlage dazu dienen, die leiblichen Wirkungen der Technik zu überwinden, indem man die Anfälligkeit für ihre Verführungen überwindet.

Erkenntnisvoll werden die Ergebnisse des Einzelnen nur dann sein können, wenn sie aus Wahrhaftigkeit gewonnen sind - einer Wahrhaftigkeit vor der Sache, einer Verpflichtung dem Gegenstand gegenüber, der zur Frage steht. Man könnte sie auch die Bildung einer wissenschaftlichen Haltung nennen. Diese Wahrhaftigkeit führt direkt zu einem Verständnis der Vorgänge im Verhältnis zwischen Mensch und Maschine. Sie schafft die Voraussetzung für eine solche Wahrnehmung und ein Überwinden aller Hindernisse im üblichen Umgang mit ihr.

Schließlich muss im Durchleben und Durchdenken der erworbenen Erfahrungen Ehrlichkeit gewahrt bleiben. Sich ihnen in ehrlicher Weise gegenüberzustellen, wird die Erfahrungen erst fruchtbar machen, indem sie auf das Individuelle im Einzelnen angewandt werden. Diese Ehrlichkeit betrifft das individuelle Erkenntnismäßige, nicht das Allgemeine; sie findet sich in den Ergebnissen des Verhältnisses vom Erkennenden zum Ding der Erkenntnis, nämlich in den Erkenntnissen.

Wo der Mensch der Technik mit Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit begegnet, vollzieht sich ein Erkenntnisdrama, das sich nur in Wahrhaftigkeit ganz entfaltet, nur in Ehrlichkeit vor dem Ich zur Durchdringung kommt. Es geht darum, die innere Dramatik der Begegnung mit dem Wesen des Technischen zu verstehen.

Wir können also eine dreifache Charakterisierung wagen. In der Begegnung mit der Technik soll wissenschaftliche Aufrichtigkeit herrschen, in ihrer Ergründung geistig-seelische Wahrhaftigkeit und in der Selbstreflexion geisteswissenschaftliche Ehrlichkeit.

Mir scheint einzig diese philosophische Haltung als Grundlage für die Erarbeitung eines neuen Verständnisses von Medienkompetenz geeignet. Denn wenn wir bedenken, was die Antike schon wusste, dass nämlich das Staunen der Ursprung aller Philosophie ist, dann sollten wir uns veranlasst fühlen, unserem Staunen vor dem Maschinenmythos einen weitaus größeren Respekt zu zollen, als wir das bisher gewohnt sind - wohlgemerkt dem Staunen als Tätigkeit und so als fruchtbares Erarbeiten von Erkenntnis. Es weiß sich, wollen wir es mit unserer philosophierenden Haltung vergleichen, der Erfahrung als geistiger Bewegung vor der Annahme vorgefertigten Wissens verpflichtet. Denn was in der derzeitigen Hilflosigkeit angesichts der Medienzukunft hilft, ist nicht zuerst Wissenschaft, nicht archiviertes Wissen, das Regeln und Maßstäbe setzt, sondern immer nur das im individuellen Erkenntnisakt errungene und im individuellen Lebensumfeld bewährte Bewusstsein unseres ambivalenten Verhältnisses zum Phänomen der modernen Medienmaschinen.

Fassen wir noch einmal zusammen: Medienkompetenz, wie wir sie heute kennen, ist lediglich Geste der Anpassung an das Gerät, und zwar durch Einleben in dessen Funktionalität mit allen ihren Beschränkungen. Medienkompetent werden heißt heute, ein System als System verstehen zu lernen und sich in seinen Handlungen als Glied zu erleben. Der Mensch muss so sein leibliches, seelisches und geistiges Wahrnehmen den Verhaltensanforderungen, welche die Maschine an ihn richtet, angleichen. Das sind Anforderungen an sein Verhalten, sein Benehmen, es sind keine an seine Erkenntnisfähigkeiten. Damit ist diese Medienkompetenz in einem hohen Grade Assimilation des Menschen an die Maschine.

Echte Medienkompetenz entsteht aber dort, wo Erkenntnis möglich wird und Fähigkeiten geschult werden. Die gegebene Charakteristik einer philosophierenden Haltung gegenüber dem Phänomen kann einen möglichen Weg dahin weisen. Der Einzelne ist in einer solchen Haltung nicht weniger hingerissen vom Phänomen. Aber dabei bewahrt sie doch immer das Eigene des Forschenden und opfert - wie das erlebte Wesen des Technischen - nichts von ihrer Eigenständigkeit. Die Technik wird in ihren Kräften wahrgenommen, sie zeigt sich in ihren Facetten, und der Charakter der Begegnung mit ihr wird deutlich.

So wie wir gesehen haben, dass die moderne Medientechnik eigentlich eine Herausforderung der Ich-Kräfte, der Individualität ist, können wir in der Medienkompetenz eine Möglichkeit sehen, dieser Herausforderung gerecht zu werden. Medienkompetenz ist in dieser Hinsicht also Verwirklichung der Individualität. Sie ist, richtig verstanden, mehr Kultivierung der individuellen Klarheit des Wahrnehmens, Tiefe des seelischen Empfindens und Stärke der geistigen Auseinandersetzungsfähigkeit als Anpassung an den Willen der Apparatur. Echte Medienkompetenz ist eine Geisteshaltung, noch vor einer genauen Methodik. Wir können also sagen: Medienkompetenz erschöpft sich nicht in der fachkundigen Bedienung der neuen Medien, sondern beinhaltet auch die Erlangung philosophischer Reife zu deren werkzeughaftem Einsatz. Sie fordert zunächst nicht den Besitz von Wissen, sondern zielt auf die Erlangung der geistigen Freiheit zu dessen Reflexion.



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1 In: Die ZEIT, Nr. 46/1999

2 Vgl. Cyberspace - Virtual Reality.

3 Vgl. McLuhan, Understanding Media.

4 Vgl. Paul Virilio, Der negative Horizont.

5 Vgl. zur Wirksamkeit von Technik in Bezug auf die Medienwelt vor allem Schuberth (Technik im Computerzeitalter allgemein) sowie zum Beispiel McLuhan (Medien allgemein), Nowotny (Zeitwahrnehmung und Medien), Hammel (Technikentwicklung). Die beiden letztgenannten Darstellungen sind enthalten in Sandbothe / Zimmerli (Hrsg.), Zeit, Medien, Wahrnehmung.

6 Denkwege, S. 40

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