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Autor: Kammann, Uwe.

Titel: Rote Ohren. Laudatio auf Hörpielpreis-Träger Walter Filz.

Quelle: epd medien Nr. 49/2001. Frankfurt/Main 2001. S. 5-7.

Verlag: epd medien.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



Uwe Kammann

Rote Ohren

Laudatio auf Hörspielpreis-Träger Walter Filz



Allen Alltagsweisheiten zum Trotz: Es gibt sie noch, die guten schönen Dinge, die Jurys Freude machen, und zwar uneingeschränkt. Wenn es bei Fernsehpreisen heißt, in stereotypem Mitleid, dass nach einiger Zeit die Juroren mit eckigen Augen dasäßen, so ist solche spiegelbildliche Wirkung beim Hörspielhören ausgeschlossen. Das Beste stattdessen, was passieren kann: Auf einmal haben alle im Kreis lauter rote Ohren. Und solche, die sichtbar gespitzt sind. Mit anderen Worten: Es tut sich was Außerordentliches.

Genauso war es, als wir den "Pitcher" hörten. Den meisten kam diese Bezeichnung natürlich merkwürdig vor, kaum einer kannte das Wort. Zum Glück klärt uns der Autor im Stück ziemlich schnell auf. Der Pitcher, das ist einer, der Töne pitchen, das heißt, in der Höhe verändern kann. Im Wörterbuch erfahren wir, dass der Pitcher beim Baseball der Werfer ist; und beim Essen ist es einer, der kräftig zulangen kann. Noch allgemeiner heißt es, dass sich einer mächtig ins Zeug legt.



Das Sound-Design der real existierenden Pitcher

Bei Walter Filz können wir uns alle Mehrdeutigkeiten der Übersetzung sparen: Dem Hörspiel-Pitcher geht es um Stimmen, um Töne, um Geräusche. Wenn die konkrete Klangwelt nur richtig in Form gebracht ist, so die Erwartung hinter seiner tönernen Tätigkeit, dann ist sie richtig. Weil sie dann besser zu verkaufen ist. Der Klang des Bieres, richtig zusammengebraut, wird so zur einzigen Verführung: das präzise Plopp des Kronkorkens und das dunkel blubbernde Schäumen als Vorahnung des Genusses - erstrebenswerte Klangbilder des höchst irdischen Waren-Paradieses. Sound-Design eben.

Tatsächlich gibt es in der Welt ringsum lauter Produkte, die von real existierenden Pitchern betreut werden. Kein Porsche, dessen Auspuff nicht von einer ganzen Mannschaft unter dem klingenden Etikett Sound-Engineering auf das röhrende Höchstmaß getrimmt wird. Kein Mercedes, dessen Tür einfach ins blechernde Schloß fallen darf. Nein, vorher wird probiert und optimiert, damit das Ergebnis sich nach wildem Trompetenstoß oder nach solidem Geldschrank anhört. Der Klang als Wille und Wertvorstellung.

Nun wäre Walter Filz nicht Walter Filz, wenn er es bei dieser klingenden Erkenntnis belassen würde. Unser Preis-Autor, das stellt sich beim Hören schnell heraus, ist vielmehr selbst ein Super-Pitcher. Einer, der die Klangwelt verändert, wo er sie nur kriegen kann. Er bringt ihr, radiophon, unentwegt die richtigen Töne bei. Die richtigen Töne: das sind seine Töne, das sind seine akustischen und erzählerischen Artefakte. Auch wenn das Ausgangsmaterial erst einmal ganz konkret - manche sagen: authentisch - vorhanden ist. In der Form von Originaltönen. Hier: aus Reportagen, Reiseberichten, Interviews. Mithin: Lauter Versatzstücke aus dem Radioalltag.



Die Verschränkung des Authentischen mit dem Fiktiven

Filz nimmt einen solchen Begriff sehr wörtlich. Indem er eben diese gezielt gesuchten und mit dem Glück des Inspirierten gefundenen authentischen Stücke aus dem Archiv in der Tat versetzt, indem er sie in den Zusammenhang einer eigenen Geschichte einfügt, sie kappt und dehnt und verdreht und verwirbelt, bis sie sich fügen. Hier: in eine Krimi-Groteske und, vor allem, in eine Mediensatire. Wenn diese Bezeichnung nicht allzu platt und plump klänge für das, was tatsächlich vor unseren Ohren abläuft. Nämlich eine hochraffinierte Geschichte über einen ausgemusterten Synchronsprecher, dessen Stimme nach -zig Hollywoodschinken und Tausenden von Werbespots als verbraucht gilt. Sprich: der sprechende Held des Hintergrunds ist abgehalftert.



Sein Hauptauftraggeber, der Boss des sogenannten Stimmenkartells mit dem schönen Namen Vox - klar, finsterer Medienkapitalismus westlicher Großkonzerne -, dieser Boss schickt ihn ins Erzgebirge, zum Klangspezialisten, dem Pitcher. Der mit seinem Institut für Geräusch- und Klangoptimierung dafür sorgt, dass die Toaster knackig-frisch klingen, wenn die geröstete Scheibe ausgeworfen wird. Oder der eben Stimmen so aufpoliert, dass sie wieder was zählen, um im Geschäft - nein: im Business der härteren Art - mitzumischen. Im schlimmsten Falle - Sie ahnen, welcher - ist seine Manipulation eine finale Behandlung.

Klar, dass diese Ost-Reise in eine gewendete Landschaft solche modernen Dienstleistungen im besonderen Licht, besser: Klang erscheinen lässt. Alles wird dabei doppelt-, dreifach-, vierfachbödig, mindestens, im sächsischen und sächselnden Paradies der Schnitzengel und des Spitzenklöppelns und des Blaus aus FDJ-Zeiten.

Filz beherrscht die Grundregel seiner Kunst, Vorgefundenes neu zu inszenieren, indem er es mit Erfundenem kombiniert, in höchster Perfektion. Er konstruiert aus seinen gezielt eingesetzten Fundstücken neue Sinnbögen, Zusammenhänge und Bedeutungen. Vom Babysitter-Boogie über zeitgemäßes Marketing-Kauderwelsch bis zum frisch-fröhlichen DDR-Propagandaliedgut der noch gar nicht so alten Vergangenheit schlägt er mühelos einen Bogen. Zentrale Motive, gerade die musikalischen, werden dabei immer wieder neu variiert, verfremdet, aufgelöst, in unerwartete Zusammenhänge gestellt: so verblüffend wie zwingend, so witzig wie hintergründig.



Kritisch und lustvoll reflektierte Medien-Wirklichkeit

Dabei ist dieses Hörspiel - in seiner Mischung aus Kriminalstück, Groteske und musikalischer Nummernrevue - wegen der punktgenauen Form beim Verschränken des Authentischen und des Fiktiven von bestechender Raffinesse. Und dies gerade, weil das präzise kalkulierte und technisch perfekte Verfahren nicht ausgestellt wird, sondern mit hoher Selbstverständlichkeit daherkommt. Und immer unmittelbar zu erkennen gibt, dass es hier um eine neue Wirklichkeit geht - eben die Medien-Wirklichkeit. Die der Autor, wie nebenbei, so kritisch wie lustvoll reflektiert. Und die er gleich zu Anfang namentlich ins Spiel bringt, in schönster Mehrdeutigkeit. Indem er seine Personen als wirklich bezeichnet. Und unmittelbar anfügt: "Dies hier ist eine Fiktion, in der nichts wirklich ist, außer den Stimmen". Natürlich gibt es einen vertrackten Nachsatz, als winzige Frage: "Aber wie wirklich sind Stimmen?"

Er zieht uns also den Boden unter den Füßen weg. Und befördert uns auf ein Trampolin, dessen Membran aus Aberwitz und gespielter Naivität, aus Groteske und schwarzem Humor, aus Absurdität und Süffisanz gewebt ist. Die akustischen Archetypen, denen der warenweltversessene Klang-Optimierer auf der Spur ist, gehören zu einer wahrhaft verdrehten Multimediale der Sinne.

Bei Filz hat das System. Denn er ist schon immer - mit Vorsatz, mit Vorliebe und mit hörbarer Lust - ein Autor der elektronischen Medien. Sein Erzählstil richtet sich deshalb nicht gegen unsere medial dominierte Moderne, er ist von jeder dogmatischen Anti-Haltung meilenweit entfernt. Was er tut, ist vielmehr ganz anderes: Er nimmt Radio und Fernsehen in allen Erscheinungsformen beim Wort, ebenso wie unseren Alltag, und schlägt daraus witzige Funken.

In der Werkstatt des Autors - eine Art Synthese-Labor, oder auch eine kalkulierte Hexenküche der Montage und Collage - hat dann alles seinen Platz: Vom Katzenfutter bis zum Plastikgeschirr, von den Herztönen bis zum zarten Schoko-Schmelz des Magnum-Eis. Seine Systematik ist eine mit Ironie zugespitzte Neugier, die er speziell in seinen Feature-Sendungen auf funkelnde ästhetische Begriffe bringt - mit stets ungewöhnlich aufblitzenden Perspektiven in allen Einzelstücken. Die, ungewöhnlich genug, vom Publikum ebenso geschätzt und bewundert werden wie von der Kritik.

Und die sich auch gegenseitig erhellen: Wer beispielsweise sein Spiel "Resonanz Rosa: Eine Frau hört mehr" hört, der erkennt leicht, dass Filz seine Stücke auch spiegelbildlich aufbauen kann.



Medien-Reflexion als Teil der Geschichte des Hörspielpreises

Medien-Reflexion in avancierter Form ist dem Hörspielpreis nicht fremd, auch nicht bei den Preisstücken. Da gab es beispielsweise das "Große Idenfikationsspiel" von Alfred Behrens, eine 1974 hochmoderne Collage mit allen Elementen der überlauten Mediengesellschaft. Dann, drei Jahre später, Urs Widmers "Fernsehabend", eine hintergründige Kritik mentaler Analphabetisierung. Auch Peter Jakobis "Wer Sie sind" gehört dazu, ein vertracktes Spiel um die Lauschangriffe zweier Berufsspione; und natürlich, 1995, "Apokalypse live" von Andreas Ammer und FM Einheit, wo der Weltuntergang zum Medienereignis wird, moderiert von Hanns-Joachim Friedrichs. Zuletzt waren wir hingerissen von Eberhard Petschinka und Rafael Sanchez, die den Kino-Mythos "Spiel mir das Lied vom Tod" erzählen - als melodramatische mediale Muster-Heimat einer Biographie.

Überhaupt kein Zufall nun, dass Walter Filz sein Stück, wie andere auch, für die WDR-Reihe "Lauschangriff" realisiert hat. Dort wird, auf der Welle "EinsLive", ganz bewusst junges Radio gemacht; solches, das frech ist, das herausfordert, das provoziert, das improvisiert, das experimentiert; vor allem aber solches, das Lust macht zum Hören. Eine Radioreihe, die nicht vergisst, dass der modische Begriff Format für Sendungen und ganze Wellenstrecken dann leerläuft, wenn die Sache kein Format hat.

Mit anderen Worten, hier ist jemand wie Walter Filz, dessen Lust an der Radio-Form großes Format hat, genau am richtigen Platz. Auch wenn dies beileibe nicht der einzige ist, wo er der dokumentierten Wirklichkeit das abgewinnen kann, was an Fiktion in ihr steckt. In einem großen Raum des Zusammenfügens, des Montierens von Bruchstücken; ein Raum, in dem die Bedeutungen, wortwörtlich, in überraschenden, paradoxen, verblüffenden Bezügen hergestellt werden - eben durch die vom Autor in jeder Form kontrollierte mediale Arbeit. Insofern erfüllt der "Pitcher" mit schöner Eindeutigkeit und spielerischer Leichtigkeit die Kriterien, welche das Statut festlegt: dass nämlich das Preisstück in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform Hörspiel realisieren und erweitern soll.



Warum kein Preis für andere Sparten des Radios?

A propos: Es gibt natürlich noch viele andere realisierte Möglichkeiten des Radios, solche, die weit entfernt sind von dem, was wir hier als Hörspielkunst auszeichnen. Aber die eben auch eine ganz eigene Qualität haben, eine Qualität, die dafür sorgt, dass Radio nicht automatisch ein Nebenbei-Medium ist. Sondern dass es sich, wenn es darf und wenn es will, in wesentlichen Bereichen - so in den journalistischen, den dokumentarischen, den musikalischen - am Maßstab des Besten orientieren kann. Und damit wesentlich mehr bietet als Formate ohne Format, mit denen ein riesiger Apparat nur sich selbst bedient - zum Versenden.

Ich denke, positiv, an Formen wie die Langen Nächte des Deutschlandfunks, an die Radiotage des HR, an einfallsreiche Sport-Schaltkonferenzen, an einstündige monothematische Magazine, welche die Vielfalt der Annäherung und die Genauigkeit der Bearbeitung über den Fetisch der Aktualität stellen. Ich denke an Feature-Ereignisse und an Diskussionsforen, die lebendig sind, weil sie wirklich gepflegt werden.

Ob das nicht auch preiswürdig wäre, ganz spezifisch und ganz für sich, damit nicht alles untergeht im großen Malstrom der Fließprogramme? Wer immer sich für einen solchen Preis neben dem Hörspielpreis stark machen kann und will, der sollte sich nicht verstecken, sondern sich ermutigen lassen. Wenn dieser Wer immer den Nachnamen Filmstiftung trägt, dann kann der Zuspruch nur umso größer ausfallen - die scheinbar paradoxen Zuordnungen sind oft die produktivsten und haltbarsten.



Ein Wunsch: mehr verfilztes Radio

Doch zurück zum Spezifischen hier, zum Hörspiel und zu dem Preis, der mit dieser Radioform verbunden ist wie kein zweiter und der dies auch bleiben soll. Ich weiß, es ist bei Höchstrafe verboten, mit Namen zu kalauern, sie für Wortspiele zu missbrauchen. Gleichwohl, und mit der Bitte um Nachsicht: Als Schlussfolgerung aus dem wunderbar vertrackten Klang- und Stimmenspiel, das uns als Jury mit überwältigender Mehrheit begeistert hat, wünsche ich mir und uns allen möglichst oft ein richtig verfilztes Radio.

Ihnen, lieber Walter Filz, gratuliere ich im Namen der Jury von ganzem Herzen, weil Sie uns von diesem immer noch jungen Medium der ingeniös lustvollen Entdeckungen mehr als einen Vorgeschmack geliefert haben. Und uns allen gratuliere ich zu diesem Preisträger im Jubiläumsjahr. Einen besseren hätten wir wahrlich nicht finden können. Das Stimmenkartell, so es denn noch irgendeine Macht beansprucht beim Verteilen der Jobs im akustischen Geschäft, es muss sich vorsehen. Denn der Pitcher ist jetzt einfürallemal unter uns. Mal hören, was er uns nächstens beschert. Schon jetzt sage ich dafür: Vielen Dank.



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