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Autoren: Kläger, Erich / Mörike, Eduard.

Titel: Mörike und Maria Meyer.

Quelle: Erich Kläger: Mörike in seinen Brautbriefen. Mit einer Erzählung zu Peregrina und nachgetragenen Briefen der Braut. Böblingen 2004. S. 13-16 (Peregrina-Gedicht), S. 195-199.

Verlag: Ameles Verlag.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Eduard Mörike

Peregrina

I

Der Spiegel dieser treuen braunen Augen
Ist wie von innerm Gold ein Widerschein;
Tief aus dem Busen scheint er’s anzusaugen,
Dort mag solch Gold in heilgem Gram gedeihn.
In diese Nacht des Blickes mich zu tauchen,
Unwissend Kind, du selber lädst mich ein:
Willst, ich soll kecklich mich und dich entzünden,
Reichst lächelnd mir den Tod im Kelch der Sünden!

II

Aufgeschmückt ist der Freudensaal;
Lichterhell, bunt, in laulicher Sommernacht
Stehet das offene Gartengezelte;
Säulengleich steigen, gepaart
Grün-umranket, eherne Schlangen,
Zwölf, mit verschlungenen Hälsen,
Tragend und stützend das
Leicht gegitterte Dach.

Aber die Braut noch wartet verborgen
In dem Kämmerlein ihres Hauses.
Endlich bewegt sich der Zug der Hochzeit,
Fackeln tragend,
Feierlich stumm.
Und in der Mitte,

Mich an der rechten Hand,
Schwarz gekleidet, geht einfach die Braut;
Schöngefaltet ein Scharlachtuch
Liegt um den zierlichen Kopf geschlagen.
Lächelnd geht sie dahin; das Mahl schon duftet.
Später, im Lärmen des Fests,
Stahlen wir seitwärts uns beide
Weg, nach den Schatten des Garten wandelnd,
Wo im Gebüsch die Rosen brannten,
Wo der Mondstrahl um Lilien zuckte,
Wo die Weimutsfichte mit schwarzem Haar
Den Spiegel des Teiches halb verhängt.

Auf seidnem Rasen dort, ach, Herz am Herzen,
Wie verschlangen, erstickten meine Küsse
den scheueren Kuß!
Indes der Springquell, unteilnehmend
An überschwenglicher Liebe Geflüster,
Sich ewig des eigenen Plätscherns erfreute!
Uns aber neckten von fern und lockten
Freundliche Stimmen,
Flöten und Saiten umsonst.

Ermüdet lag, zu bald für mein Verlangen,
Das leichte, liebe Haupt auf meinem Schoß.
Spielender Weise mein Aug’ auf ihres drückend,
Fühl’ ich ein Weilchen die langen Wimpern,
Bis der Schlaf sie stellte,
Wie Schmetterlingsgefieder auf und nieder gehn.
Eh’ das Frührot schien,
Eh das Lämpchen erlosch im Brautgemache,
Weckt’ ich die Schläferin,
Führte das seltsame Kind in mein Haus ein.

III

Ein Irrsal kam in die Mondscheingärten
Einer einst heiligen Liebe.
Schaudernd entdeckt’ ich verjährten Betrug.
Und mit weinendem Blick, doch grausam,
Hieß ich das schlanke,
Zauberhafte Mädchen
Ferne gehen von mir.
Ach, ihre hohe Stirn
War gesenkt, denn sie liebte mich;
Aber sie zog mit Schweigen
Fort in die graue
Welt hinaus.

Krank seitdem,
Wund ist und wehe mein Herz.
Nimmer wird es genesen!
Als ginge, luftgesponnen, ein Zauberfaden
Von ihr zu mir, ein ängstig Band,
So zieht es, zieht mich schmachtend ihr nach!
– Wie? wenn ich eines Tags auf meiner Schwelle
Sie sitzen finde, wie einst, im Morgen-Zwielicht,
Das Wanderbündel neben ihr,
Und ihr Auge, treuherzig zu mir aufschauend,
Sagte, da bin ich wieder
Hergekommen aus weiter Welt!

IV

Warum, Geliebte, denk’ ich dein
Auf einmal nun mit tausend Tränen,
Und kann gar nicht zufrieden sein,
Und will die Brust in alle Weiten dehnen?

Ach, gestern in den hellen Kindersaal,
Beim Flimmer zierlich aufgesteckter Kerzen,
Wo ich mein selbst vergaß in Lärm und Scherzen,
Tratst du, o Bildnis mitleid-schöner Qual;
Es war dein Geist, er setzte sich ans Mahl.
Fremd saßen wir mit stumm verhaltnen Schmerzen;
Zuletzt brach ich in lautes Schluchzen aus,
Und Hand in Hand verließen wir das Haus.

V

Die Liebe, sagt man, steht am Pfahl gebunden,
Geht endlich arm, zerrüttet, unbeschuht;
Dies edle Haupt hat nicht mehr, wo es ruht,
Mit Tränen netzet sie der Füße Wunden.

Ach, Peregrinen hab’ ich so gefunden!
Schön war ihr Wahnsinn, ihrer Wange Glut,
Noch scherzend in der Frühlingsstürme Wut
Und wilde Kränze in das Haar gewunden.

War’s möglich, solche Schönheit zu verlassen?
– So kehrt nur reizender das alte Glück!
O komm, in diese Arme dich zu fassen!

Doch weh! o weh! was soll mir dieser Blick?
Sie küßt mich zwischen Lieben noch und Hassen,
Sie kehrt sich ab und kehrt mir nie zurück.

Erich Kläger

Mörike und Maria Meyer

Dein Leser mag die Ungeheuerlichkeit des Vorhabens nicht zu Bewußtsein gekommen sein, die mit der Erzählung des Peregrina-Erlebnisses im ersten Teil dieses Buches1 begangen wurde! Denn wir haben damit genau das getan, wovor uns Gene­rationen von Philologen streng gewarnt haben; da war der Versuch eines neuen Gegenbeweises fällig, mit dem gezeigt werden soll, daß das historisch beglaubigte Geschehen der Begegnung Mörikes mit Maria Meyer und der daraus entstandene Peregrina-Mythos, sich mit den Gedichten des Peregrina-Zyklus und dem Nolten-Roman zu einer Geschichte zusammenführen lassen, die nahtlos alle wesentlichen Elemente des Falles vereinigt, die biografischen, psychologischen wie die poetischen.

Friedrich Theodor Vischer hat von der Begegnung Eduard/Maria of­fenbar nichts gewußt, als er im Jahre 1839 nach dem Erscheinen der (gesammelten) Gedichte Mörikes den Peregrina-Zyklus besprach; ihm “fehlte jeder Anhaltspunkt, um diese Phantasmagorie zu deuten”. Hans Egon Holthusen kennt einhundertundvierzig Jahre später den lebensgeschichtlichen Vorgang dazu: das Geschehen, das im Geschehen er­fahrene Erlebnis, die durch das Erlebnis erzeugte Stimmung des Dich­ters, besteht aber gleichwohl darauf, daß die Gedichte zuerst und zu­letzt Produkte dichterischer Transformation sind (“weniger plausibel, weniger direkt als bei Goethes ‘Werther’”). Soweit so gut; diese Un­terscheidung gilt unbestritten. Im weiteren aber spitzt er seine These in einer Weise zu, die zum Widerspruch herausfordert und die auch zu dieser Erzählung gereizt hat. “So sehr sie ihn bewegt und gepeinigt haben muß (die Begegnung mit M. M.), als erlebte story, im Sinne der Goetheschen Erlebnis-Kultur, kommt sie in seiner Dichtung gar nicht vor.” Doch für das Verständnis sowohl des Peregrina-Zyklus wie des Nolten-Romans ist das veranlassende Ereignis aber nicht so gleichgül­tig, daß es ganz ausgeschieden werden könnte.

Zum lebensgeschichtlichen Rohstoff dieses Falles gehört die Frage, wie sich Eduard und Maria begegnet sind, wobei – wie geschehen – auch einmal zur Perspektive Marias gewechselt werden sollte. Harry Maync spricht von der “ersten Liebe zu einem voll erblühten Weibe”, die Mörike zur größten Leidenschaft seines Lebens geführt habe. Paul Corrodi, der den Spuren Maria Meyers nachging und erstmals 1925 ein detaillierteres Lebensbild über sie lieferte, ergeht sich in Allge­meinheiten, wo er zu der Frage kommen müßte, was sich zwischen den beiden “abgespielt” hat: Mörike und Lohbauer “unterlagen rasch einer glühenden Leidenschaft für das Mädchen”; mit Wendungen aus den Gedichten schreibt er, Mörike “bereitete der wundersamen Frem­den in seinem Herzen die Mondscheingärten einer fast heiligen Liebe”. Aus den Briefen und Gedichten schöpft Corrodi bei seiner Feststellung, “die jungen Poeten verehrten das Mädchen als höheres Wesen, als die geheimnisvolle Wandererin, die durch ein dunkles Schicksal aus der Heimat vertrieben, das bittere Brot der Fremde essen mußte”. Der ersten Fassung des Peregrina-Zyklus entnimmt er die somnabule Anfälligkeit Mörikes:

Und nun strich sie mir, stillestehend,
Seltsamen Blicks mit dem Finger die Schläfe:
jählings versank ich in tiefen Schlummer.

“Sie war eine Somnabule und pflegte die geheimnisvolle Kunst des magnetischen Bestreichens. Vor allem auf Mörike hat sicher gerade dieser dämonische Zug tiefen Eindruck gemacht, hat er doch Zeit seines Lebens fest an das Hereinragen einer übersinnlichen Welt in die sinnliche geglaubt, Träumen und Ahnungen, somnabulen Erscheinungen und sympathetischen Wirkungen große Bedeutung zugemessen.” Corrodi bezieht sich dabei offenkundig auf Mörikes Vorstellung von der doppelten Seelentätigkeit (mit der dieser der psychologischen Erkenntnis seiner Zeit keineswegs voraus war): “Die Seele strahlt und wirkt von ihrer Nacht- oder Traumseite aus in das wache Bewußtsein herüber, indem sie innerhalb der dunklen Region (die wir heute das Unterbewußte nennen; d. Verf.) die Anschauung von Dingen hat, die ihr sonst unbekannt bleiben.” Für Albrecht Goes war das Zusammentreffen von Eduard und Maria “eine ebenso ereignislose wie folgenmächtige Begegnung. Hier freilich, – anders als bei Adrian Leverkühn (im “Doktor Faustus”) und seiner Ansteckung bei einer he­taera esmeralda – gab es bei Mörike wohl keine körperliche Intimität, wohl aber eine schwere Versehrung.”

Bisher hat man das reale Geschehen als “Rohstoff”, ja geradezu als Schlacke ausgeschieden und sich an die “Rückstände” der geron­nenen Dichtung gehalten, hat die Folgen als mächtig erkannt, ohne adäquate Ursachen vorauszusetzen. Albrecht Goes tendiert vorsichtig dazu, daß es zu keiner intimen Beziehung gekommen sei; ganz sicher ist er sich auch nicht, denn schon Goethe pflegte eine große Ursache anzunehmen,wo ihm eine große Wirkung begegnete. Bei aller Diskre­tion: Mörike erlebte in diesem Verhältnis eine so tiefe Erschütterung (in den Grundfesten seiner Psyche), daß man von einem stürmischen Aufeinandertreffen ausgehen muß.

In Maria Meyer traf Mörikes Liebe, nicht nur wie Maync glaubt, auf “das erste voll erblühte Weibe”, sondern wohl auf eine in den Liebes­künsten äußerst erfahrene Verführerin. Hätte er sie nur platonisch ge­liebt und von ferne verehrt, wäre er ihr also nicht näher gekommen, wären die moralischen Skrupel unverständlich, die er von Anfang an mit dieser Liebe verband:

Reichst lächelnd mir den Tod im Kelch der Sünden”.

Auf eine sinnliche Liebeserfahrung muß er zurückgegriffen haben, als er seinen Roman schrieb. Unzweifelhaft verdankt sich eine Liebesszene wie jene mit der Gräfin Constanze weniger der poetischen Einbil­dungs- und Erfindungskraft als der Erinnerung an die Erregung in ei­nem persönlichen Erlebnis: “Den Mund in die dichte Lockenfülle drückend, hätte er ersticken mögen vom süß betäubenden Dufte dieser üppigen Haare; ...der Boden schien sich zu teilen unter seinen Füssen”. Die Intensität dieser Stelle, die in unserer Geschichte aus dem Nolten herausgelöst und dort eingefügt wird, wo die Erfahrung dazu entstan­den ist, stützt unsere Annahme, daß es zu einer kurzen, heftigen Be­rührung gekommen sein muß, deren körperliches Ausmaß dahinstehen kann. Dann wäre auch Mörikes Angst verständlich, sich in dieser Bezie­hung zu verlieren....

Sein erschreckter Rückzug kam früh und dennoch zu spät. Was ihn dabei “bis in die letzten Schächte seiner inneren Welt hinab verstörte”, war das Rätsel seines Lebens, das er in dieser Begegnung berührte, in das er aber eher gebannt, als daraus erlöst worden ist. Zu diesem Rätsel scheint auch die besondere Disposition Mörikes zu gehören, die ihn diese Begegnung hat so elementar, so als eine schicksalhaft unaus­weichliche Bestimmung erleben lassen. Warum gerade er unter den vielen, die Maria Meyer, von ihr entflammt und versengt, am Weg zurückließ? Darunter auch den Maler Köster, der Mörike über den Heidelberger Aufenthalt Marias auf dem Laufenden hielt: “Du mein Gott, was ist das für ein Geschöpf? Seinem Schöpfer gleicht es von außen, inwendig ein Chaos!” Darunter den Freund Flad, der den vor Maria nach Stuttgart geflüchteten Mörike im Sommer 24 über sie unterrichtete: “...aus der Leidenden sei eine schöne Büßerin geworden, wenn man sie nur ansähe, spüre man schon Amors Biß”. Darunter den Freund Bauer, der eigene Eindrücke von ihr, aber auch etwas von dem überliefert, was Mörike ihm als sein Bild Maria geschildert hat: “...habe sie noch nie als Heilige erblickt, sondern von jeher als heilige Sünderin, wie du sie mir gezeigt hast; aber dies gerade ist auch der Zauber, der über sie ausgegossen ist und ihre Nähe so unheimlich reizend macht. Du freilich hast die Göttin an ihr verloren und Dein Herz blutet”.

Wer war das Mädchen, dessen Durchzug durch unser Land ein solcher Kometenschweif anhing? Schon die ersten Biografen waren, mündlicher Überlieferung folgend, auf der richtigen Spur, als sie Maria Meyer mit der Baronin von Krüdener in Verbindung brachten und auf das Aufsehen verwiesen, das sie durch “einen halb somnabulen Zug ihres Wesens erregte”.

Maria Meyer kam 1802 in Schaffhausen als uneheliches Kind einer Mutter zur Welt, die später zur Dirne wurde; (noch 1908 versah sie Camerer mit einem wohlhabenden Elternhaus und einer sorgfältigen Erziehung). Als Fünfzehnjährige schloß sich Maria dem Troß an, mit dem die pietistisch-religiöse Schwärmerin Juliane von Krüdener durch die Lande zog. Bald zurückgekehrt lebte sie bis zur Konfirmation 1819 wegen “physischer und moralischer Verdorbenheit” als “korrektionelle Gefangene” im Arbeitshaus ihrer Heimatstadt (vermutlich in entspre­chender Gesellschaft, in der sie eine einschlägige Éducation sentimen­tale genoß).

Nach Aufenthalten an wechselnden Orten in der Schweiz, taucht sie 1823 in Ludwigsburg auf, wo sie sich von dem Gastwirt Helm nachts auf der Straße auflesen läßt. (Wo sie ihre literarische Bil­dung erwarb, – sie renommierte mit Goethe und Jean Paul und einem dubiosen Universitätsaufenthalt –, ist unbekannt geblieben). Auf die Stationen Ludwigsburg und Heidelberg folgten zwei Versuche, 1824 und 1826, in Tübingen mit Mörike wieder in Kontakt zu kommen, der dies beidesmal ablehnte. Dazwischen lernte sie in Schaffhausen Putz­macherin; als solche ging sie 1826 nach Ludwigsburg; danach verliert sich ihre Spur bis zur Heirat in Schaffhausen, 1836, mit einem Tisch­ler; ihre Versuche, sich als Handwerker zu etablieren, mißlingen. Ab 1851 bis zu ihrem Tod, 1865, lebte Maria Meyer im Kanton Thurgau; die Ehe war kinderlos geblieben.

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1Erich Kläger, Mörike in seinen Brautbriefen, Böblingen: Ameles Verlag (2004), S. 17-46. (Anm. MCO)

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