http://www.mediaculture-online.de

Autor: Kohl, Helmut.

Titel: Ansprache anläßlich der Öffnung des Brandenburger Tors am 22. Dezember 1989. Manuskript nach Hörfunkübertragung.

Quelle: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.): Helmut Kohl. Bilanzen und Perspektiven. Regierungspolitik 1989-1991. Band 1. Reihe Berichte und Dokumentationen. Bonn 1992. S. 1-2.

Verlag: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung.

Gemeinfrei.




Helmut Kohl

Ansprache anläßlich der Öffnung des Brandenburger Tors am 22. Dezember 1989. Manuskript nach Hörfunkübertragung.


41 Eine der glücklichsten Stunden in der deutschen Nachkriegsgeschichte



Liebe Berlinerinnen und Berliner, liebe Landsleute!

Herr Ministerpräsident, es sind erst wenige Tage her, seit wir uns in Dresden getroffen haben. Es war eine erste, es war eine wichtige Begegnung. Wir hatten ein ernstes Gespräch, aber es war auch ein gutes Gespräch, und wir haben Verabredungen getroffen, die den Menschen in Deutschland helfen sollen. Und deswegen stehen wir ja auch heute hier mitten in Berlin, unserer alten Hauptstadt, und grüßen von diesem Platz alle Deutschen in der DDR und in der Bundesrepublik Deutschland.

Herr Ministerpräsident, wir haben verabredet, in einer dichten Folge von Gesprächen das zu tun, was die geschichtliche Stunde jetzt möglich macht: Verbesserungen, die den Menschen in beiden Teilen Deutschlands zugute kommen sollen. Gerade hier vor dem Brandenburger Tor möchte ich unseren Freunden, unseren Partnern und Nachbarn in Ost und West zurufen: Von diesem Platz aus geht die Botschaft aus der DDR und aus der Bundesrepublik Deutschland: Wir wollen Frieden, wir wollen Freiheit, wir wollen unseren Beitrag zum Frieden in Europa und in der Welt leisten.

Dies ist eine bewegende Stunde. Viele von uns, auch ich, haben in den zurückliegenden Jahrzehnten oft vor dem Brandenburger Tor gestanden. Und oft haben wir darüber gesprochen, diskutiert und nachgedacht: Werden wir es erleben, daß wir wieder gemeinsam durch dieses Tor schreiten können? Für mich ist das eine der glücklichsten Stunden meines Lebens, weil ich als Deutscher spüre, daß ich hier in Berlin mitten in Deutschland bin, daß wir hier zu Hause sind und daß wir alles tun wollen, um die Gemeinsamkeit der Deutschen zu pflegen.

Auf diesem Weg müssen wir noch viel tun. Wir brauchen die Unterstützung, die Sympathie und die Zustimmung auch unserer Nachbarn. Wir haben in vierzig Jahren vieles erlebt, wo wir uns auseinandergelebt haben. Das wollen wir jetzt in gemeinsamer Solidarität verändern; wir wollen aufeinander zugehen - so, wie es eben hier symbolisch geschehen ist, als der Ministerpräsident und ich uns die Hand reichten am Brandenburger Tor.

Liebe Freunde, ich möchte Ihnen ganz einfach zurufen: Haben wir jetzt die Geduld und das Augenmaß, mit den Schritten, die notwendig sind, in eine gemeinsame Zukunft zu gehen. Dann werden wir eine solche Zukunft gewinnen. Es kommt auf uns an. Es kommt vor allem auf die vielen jungen Leute an, die hier auf dem Platz stehen, die wieder eine Zukunft haben, die Zutrauen haben dürfen zu ihrer eigenen Zukunft, weil sie auch hier in Berlin ihr Glück für ihr Leben finden können.

Ich grüße Sie alle sehr, sehr herzlich. Ich wünsche Ihnen und uns ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein Neues Jahr 1990, in dem die Menschen auch durch das Brandenburger Tor zueinander kommen können.





Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

2