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Autor: Kruse, Otto.
Titel: Kunst und Technik des Erzählens.
Quelle: Otto Kruse: Kunst und Technik des Erzählens. Frankfurt/ Main, 2. Auflage, 2002. S. 97-122.
Verlag: Zweitausendeins.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags.
Otto Kruse
Kunst und Technik des Erzählens (Auszüge)
Inhaltsverzeichnis
Die eigene Erzählstimme finden 2
Fertig machen zum Schreiben! 2
Mündliches Erzählen 3
Lautes Denken 5
Imagination 6
Assoziationen 9
Das Ungesagte sagen 11
Fiktionalisierung der Kindheit 14
Meine schönste Beichte 17
Kindergeschichten 18
Ausreden erfinden 20
Warum schreiben? 21
Den Schreibprozess organisieren 23
Schreiben als Lebenshaltung 23
Von der unendlichen Vielfalt des Möglichen und den ewigen Themen 26
Frust und Lust der Überarbeitung 32
Plot und Struktur überarbeiten 36
Sprachliche Überarbeitung 39
Dieses Kapitel hat die Funktion, Sie ins Erzählen zu bringen und das Erzählen in Ihren vertrauten Sprachmustern zu verankern. Sie werden zunächst einige Hinweise darauf bekommen, wie Sie an die ersten Schreibübungen herangehen sollten. Der Rest des Kapitels besteht aus kurzen Übungen, die Ihnen helfen, einen Einstieg ins Erzählen zu finden, ohne dass Sie dabei durch zu viel methodische Überlegungen bereits wieder blockiert werden.
Wer zum ersten Mal Geschichten schreibt, gerät in der Regel in eine etwas förmliche Sprache, die ungefähr einer schriftlichen Zeugenaussage vor Gericht gleicht. Das hängt damit zusammen, dass wir im Kopf die Sprache zum Sprechen fein säuberlich von der Sprache zum Schreiben getrennt haben. In geschriebenen Texten, so haben wir gelernt, müssen wir uns »gewählt« ausdrücken, was heißt, Alltagsausdrücke und umgangssprachliche Wendungen zu vermeiden. Dass solche Texte gestelzt wirken, erleben viele Menschen bei ihren ersten kreativen Schreibversuchen. Die Übungen in diesem Kapitel dienen dem Zweck, bei einer einfachen, aber eigenen Sprache neu anzufangen.
Hilfreich ist es auch, wenn Sie spielerisch an die Aufgaben herangehen und weniger mit dem Verstand als mit dem Gefühl arbeiten. Wenn Sie von Anfang an beim Erzählen zu sehr konstruieren, dann werden Sie keine Freude am Erzählen gewinnen. »Fabulieren« ist ein guter Begriff für die ersten Übungen. Fabulieren heißt, sich am Wort entlangzuhangeln, nicht am Sinn oder an der Erinnerung.
Ihre Erzählstimme ist ein eingefahrenes, vertrautes Muster des Erzählens, das Sie in bestimmten Situationen ohne nachzudenken einsetzen können. Genau betrachtet haben Sie mehrere Erzählstimmen bzw. mehrere Quellen, aus denen sie gespeist werden. Deshalb sind mehrere Übungen nötig. Wenn Ihnen eine dieser Übungen nicht gelingt, ist das nicht tragisch. Probieren Sie sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal aus; wenn es dann auch nicht geht, geben Sie es auf. Sie haben vielleicht keine ausgeprägte Stimme dazu.
Die folgenden Übungen sollen Ihnen helfen, Ihre Erzählstimme dingfest zu machen und festzustellen, welche Variationsbreite sie auszeichnet. Was daraus für Texte entstehen, ist nicht so wichtig. In den nächsten Kapiteln werden Sie dann mehr darüber erfahren, woraus Erzählungen bestehen.
Bitte rufen Sie sich ins Gedächtnis zurück, was Sie in dem betreffenden Abschnitt von Kapitel 2 über die »Erzählstimme« bereits gelesen haben: dass es sich dabei um die narrativen Eigenarten des Erzählers der jeweiligen Geschichte handelt. Dieser Erzähler ist – sofernn wir es nicht mit autobiografischen Texten zu tun haben – eine andere Stimme als die des Autors. In diesem Kapitel geht es zwar hauptsächlich um die Stimme, mit der Sie sich als authentisches Individuum äußern, also um Ihre eigene, persönliche Erzählstimme, jedoch werden Sie auch verschiedene Übergänge zu fiktionalen Erzählstimmen ausprobieren können.
Obwohl sich das schriftliche Erzählen vom mündlichen emanzipiert hat und seinen eigenen Gesetzen folgt, ist es doch oft sinnvoll, auf die frühere Form zurückzugreifen. Sie ist uns vertrauter und hilft uns oft, geschriebene Texte besser zu verstehen. In früheren Zeiten gehörte es durchaus zum guten Ton, für sich selber laut zu lesen; das machen heute nur noch Schulanfänger.
Für Schreibende ist es hilfreich, das laute Vorlesen wieder zu kultivieren. Es kann ein wichtiger Wegweiser für die ästhetische Beurteilung von Erzählungen sein, wenn wir Klang, Rhythmus und Wirkung von Textbestandteilen prüfen wollen. Zudem kann uns das mündliche Erzählen dabei helfen, bei unserer vertrauten Sprache zu bleiben und zu verhindern, dass wir in eine zu förmliche und damit distanzierte Sprache hineingeraten. In gesprochenen Texten ist uns der Wechsel von einer distanzierten zu einer persönlichen Sprache geläufiger als im geschriebenen Text.
Versetzen Sie sich in eine vertraute Situation mit einer guten Freundin oder einem guten Freund, die oder den Sie lange nicht mehr gesehen haben. Erzählen Sie ihr oder ihm ein aktuelles Ereignis aus Ihrem Leben, das sie oder ihn interessieren würde. Beginnen Sie zunächst, laut zu erzählen. Erzählen Sie so, als säße die Freundin oder der Freund vor Ihnen. Sprechen Sie die Person direkt an. Nehmen Sie sich die Pausen, die Sie zum Erzählen brauchen. Schreiben Sie schnell, wenn Sie schnell erzählen wollen. Achten Sie nicht auf Rechtschreibung, Grammatik etc.
Bevor Sie beginnen, notieren Sie bitte:
Welcher Person wollen Sie etwas erzählen?
In welcher Situation wollen Sie der Person begegnen?
Worüber wollen Sie erzählen?
Schreiben Sie jetzt Ihren Bericht genau so auf, wie Sie ihn eben zu erzählen begonnen haben. Drücken Sie sich wie im Gespräch aus, nicht wie im Brief. Übersetzen Sie die Geschichte aber ins Hochdeutsche, wenn Sie eine regionale Mundart sprechen (wenn Sie zum Beispiel bayrisch zu schreiben versuchen, verlangsamt das Ihren Schreibfluss, weil die Verschriftlichung des bayrischen Idioms ungewohnt ist). Nehmen Sie sich zehn bis 20 Minuten Zeit dafür. Beginnen Sie damit, die Freundin oder den Freund direkt anzusprechen. Benutzen Sie ruhig Formeln der Alltagssprache wie »weißt du«, »erinnerst du dich«, »kennst du noch den XY«, »sag mal« usw. Versuchen Sie, das Gesicht Ihrer Freundin oder Ihres Freundes vor Augen zu behalten, während Sie schreiben.
Auswertung
Gehen Sie den Text noch einmal durch. Ist der Text in einer persönlichen Sprache gehalten? Was unterscheidet ihn von einem Brief?
Heben Sie den Text auf, damit Sie ihn zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal ansehen können. Sie werden dann feststellen, dass er sehr lebendig ist, wenn auch unkonventionell geschrieben. Er enthält aber wahrscheinlich mehr Esprit als die »guten« Texte, die Sie sonst zu schreiben versuchen.
Wenn es Ihnen nicht gelungen sein sollte, mühelos zu erzählen, dann setzen Sie sich doch einmal mit einem anderen Gegenüber zusammen und erzählen Sie ihm ein anderes, vielleicht etwas persönlicheres Ereignis. Denken Sie daran, dass Ihre Freunde mehr daran interessiert sind, was Sie erlebt, gefühlt und gedacht haben, als daran, welche Ereignisse stattgefunden haben.
Immer wenn Sie sich beim Schreiben blockiert fühlen, können Sie auf diese Übung zurückgreifen. Auch dann, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Sprache zu kompliziert, hölzern oder unbeweglich geworden ist, sollten Sie wieder beim mündlichen Erzählen beginnen und Ihr Anliegen einem guten Freund erzählen. Es hilft Ihnen, authentisch und lebendig zu schreiben.
Die zweite Art, mit der Sie Ihre Erzählstimme zu fassen bekommen können, besteht darin, einen inneren Monolog zu Papier zu bringen. Damit ist das gemeint, was Sie sich selbst erzählen. Wir alle halten Selbstgespräche, auch wenn das, aus Gründen, die mir nicht so recht einleuchten, als unschicklich gilt und als Anzeichen leichten Verrücktseins angesehen wird. Dennoch tun es die meisten Menschen, solange sie nicht konzentriert bei der Arbeit sind, in den Fernseher schauen oder sich die Zeit vertreiben. Selbstgespräche sind in der Regel mit Tagträumen und Bilderdenken verbunden, was parallel zum inneren Monolog abläuft. Mit solchen Tagträumen verarbeiten wir das, was wir erlebt haben, bereiten die nächsten Handlungen vor oder vergnügen uns einfach, indem wir etwas Lustvolles erfinden.
Die folgende Aufgabe ist nicht ganz einfach. Es geht darum, dass Sie Ihr inneres Sprechdenken aufschreiben. Nehmen Sie dazu ein wichtiges Vorhaben oder ein aktuelles Problem. Vielleicht erzählen Sie über Ihr Vorhaben, Schreiben zu lernen – das ist aktuell.
Schreiben Sie den Namen Ihres Vorhabens oder Ihres Problems aufs Papier oder in eine neue Datei Ihres Computers. Beginnen Sie dann mit einem Satz wie: »Was könnte ich jetzt tun?«, darüber nachzudenken, und schreiben Sie jeden Gedanken sofort aufs Papier. Zensieren Sie Ihre Gedanken nicht, lassen Sie sie im Zickzack laufen, in Sackgassen rennen, schreiben Sie Ihre Gefühle dazu auf, schreiben Sie dazu, was Sie beim Denken erleben. Es geht nicht um einen Tagebuchtext. Der ist bereits gereinigt. Es geht um das normale Chaos, das beim Denken im Kopf herrscht: das Hin und Her, das Suchen und das Flüchtige. Vergessen Sie Groß- und Kleinschreibung. Machen Sie keine Punkte am Ende des Satzes, schreiben Sie einfach los und denken Sie daran, dass allein wichtig ist, ob Sie schnell genug sind, Ihre Gedanken zu erjagen.
Auswertung
Was für ein Text ist entstanden? Ist er sprunghaft, ungeordnet, inkohärent? Ist wirkliches Sprechdenken im Text abgebildet? Gratuliere! Dann haben Sie wieder einen wichtigen Schritt getan: Sie sind an die Wurzeln Ihres Denkens und Ihrer Sprachproduktion gelangt. Sie haben an den sprachlichen Konventionen vorbei Ihre eigene, für Sie charakteristische Sprache gefunden.
Die Übung ist deshalb wichtig, weil sie Ihnen erlaubt, den Prozess der Sprachproduktion auf einer tieferen Stufe aufzugreifen, auf einer Ebene also, bevor Sie anfangen, Sinn und Grammatik mit Wörtern zusammenzufügen, so dass ein Text entsteht. Bei diesem Vorgang nämlich gehen Ihnen die meisten Ihrer Gedanken verloren, weil sie Ihrer Vorstellung von Logik, Sinn und gutem Ausdruck zum Opfer fallen. Produkt ist dann ein konventioneller Text: meist langweilig, weil weitgehend vorhersagbar. Wenn Sie jedoch die Sprünge, die privaten Ausdrücke und die unlogischen Elemente im Text belassen, dann wird er automatisch interessanter. Nicht, dass das bereits Literatur wäre, nein, es ist nur ein Schritt auf dem Weg dazu, Ihre Sprache und Ausdrucksweise zu finden.
Eine wichtige Quelle für das Schreiben ist die Imagination, die Vorstellungskraft. Imagination ist die innere Visualisierung von Vorgängen und stellt eine Art experimentelles Heimkino dar, in dem wir probeweise Szenen arrangieren und Menschen darin agieren lassen können. Während es in der letzten Übung um die innere Sprache ging, geht es hier um die inneren Bilder, die allerdings nicht ganz unabhängig sind vom Sprechdenken.
Bild und Sprache hängen beim Schreiben eng zusammen. Worte und Sätze führen in der Regel zu Bildern bzw. Fantasien, und diese Bilder treiben wiederum den Schreibprozess voran.
Die Imagination ist unserem Willen durchaus zugänglich. Man kann sich bewusst Bilder vor Augen führen oder sich vorstellen, wie man durch ein bestimmtes Gebäude geht und eine bestimmte Person begrüßt. Die Imagination hat aber auch ein Eigenleben. Sie produziert oft überraschende Bilder, die wir nicht erwarten. Insofern kann sie uns beim Schreiben inspirieren, wenn wir nicht weiter wissen. Probieren Sie es aus mit der folgenden Übung.
Lesen Sie zunächst den folgenden Text durch. Dann lehnen Sie sich zurück, schließen die Augen und versuchen, die folgende Vorstellung in Ihrem Inneren entstehen zu lassen.
Sie sitzen in einem Theater. Der Raum ist dunkel, vor sich sehen Sie den leicht angestrahlten Vorhang. Warten Sie, bis sich vor Ihren inneren Augen ein Vorhang bildet. Betrachten Sie die Farbe, die Falten, den Spalt, den er am Bühnenboden freilässt. Wenn Sie den Vorhang genau sehen, dann lassen Sie ihn aufgehen. Vielleicht ist etwas Applaus dazu nötig. Schauen Sie sich das Bühnenbild an und die Personen, die davor agieren. Warten Sie eine Weile, was geschieht. Wenn Sie es gewohnt sind, Ihre Fantasien sehr stark zu lenken, dann brauchen Sie etwas Zeit, bis ein Bild von allein auftaucht. Lassen Sie sich überraschen, was dort geschieht, und schreiben Sie es anschließend auf.
Die meisten Menschen machen die Übung mit geschlossenen Augen, jedoch ist das nicht allen geheuer. Manche können auch gut mit offenen Augen tagträumen.
Auswertung
Was haben Sie »gesehen«? Konnten Sie das Bild selbst steuern? Oder hat es sich ohne Ihr Zutun entwickelt?
Im Prinzip ist unsere Psyche ohne weiteres in der Lage, Geschichten zu erfinden, ohne dass wir dabei bewusst Regie führen müssen. Sie macht das jede Nacht im Traum und hat dabei Zugang zu unserer ganzen inneren Bilder- und Erfahrungswelt, mit der sie Zusammenhänge herstellen kann, die unserem rationalen Denken nicht zugänglich sind. Sie werden, wenn Sie mehr Geschichten schreiben, lernen, sich auf Ihre Intuition zu verlassen, denn sie ist eine zentrale Quelle der Inspiration. Machen Sie noch eine zweite Übung zur Bedeutung der Fantasie für das Schreiben, die etwas einfacher ist als die erste.
Stellen Sie sich wieder eine Bühne vor, diesmal mit offenen Augen. Diese Bühne ist klein, etwa sechs mal drei Meter, und befindet sich einen halben Meter über dem Zuschauerraum. Der Zuschauerraum, von dem aus Sie beobachten, ist schwarz, die Zuschauersitze ebenfalls. Die Decke über Ihnen hängt voll Lampen. Sie blicken auf die hell erleuchtete Bühne und sehen ein modernes Wohnzimmer angedeutet mit einem gelben Sofa in der Mitte, vor dem ein kleiner Tisch steht, rechts davon eine Kommode. Links steht eine junge Frau namens Tanja, Mitte zwanzig mit sympathischen, aber schmerzverzerrten Gesichtszügen. Sie krümmt sich etwas und hält sich den Bauch. Morton, ein Mann um die dreißig, steht rechts von ihr, die rechte Hand leicht auf die Kommode aufgestützt, die linke Hand in einer hilflos wirkenden Geste zu ihr ausgestreckt. Er öffnet gerade den Mund, um etwas zu sagen. Man erkennt, dass es ihm schwer fällt. Schreiben Sie jetzt den Dialog auf, der sich zwischen den beiden Personen entspinnt. Beginnen Sie mit dem ersten Satz, der Ihnen einfällt. Schreiben Sie die Sätze der beiden Darsteller jeweils auf eine neue Zeile, wie in einem Rollenskript für das Theater - also etwa so:
MORTON: Du siehst blass aus.
TANJA: Es tut so weh.
Stellen Sie sich die Bewegungen, die Mimik und Gestik der beiden Personen vor, wenn Sie den Dialog niederschreiben, und notieren Sie sie, wenn sie für das Geschehen Bedeutung haben. Sie können sich die beiden auch wie Puppen vorstellen, die Sie mit der Hand auf der Bühne herumführen. Diese Art des Spiels haben Sie in der Kindheit oft geübt.
Auswertung
Welche Interaktion ist entstanden? Was für eine Beziehung haben Sie zwischen Tanja und Morton kreiert? Gehen Sie den Dialog zwischen beiden durch und kürzen oder ergänzen Sie ihn, wenn nötig. Lassen Sie, wenn Sie Gefallen an der Szene gefunden haben, andere Personen zusätzlich auftreten und führen Sie die Szene zu einem Ende.
Diese Form der gesteuerten Imagination ist Ihnen wahrscheinlich vertrauter als die vorherige, wo Sie auf bewusste Einflussnahme verzichten sollten. In der Tat ist diese Art der Imagination die gängigste Art, sich etwas »auszudenken«. Wir sind seit unserer Kindheit an dieser Art des Geschichtenerfindens gewöhnt, und auch Schriftsteller können auf diese Form des Imaginierens nicht verzichten.
Für die Konstruktion von Geschichten ist ausschlaggebend, dass nach jeder Äußerung in dem Dialog zweier Figuren wieder etwas genauer festgelegt ist, was für eine Beziehung zwischen beiden besteht und wie die Hintergrundgeschichte zwischen ihnen beschaffen ist. Denken Sie daran, dass Sie zu der Geschichte, die sich da entwickelt, stehen müssen. Es ist völlig egal, was für eine Geschichte es ist, aber bleiben Sie ihr treu. Wenn Ihnen als erster Satz für Morton eingefallen wäre: »Du hättest wirklich nicht so viel Senf essen sollen«, na gut, dann wäre wohl eher ein Schwank draus geworden, denn Tanja hätte vielleicht geantwortet: »Es war doch deine Idee, Bratwürste zu Abend zu essen.« Woraufhin Morton erwidern müsste: »Ich kann deine ewige Rohkost nicht mehr sehen«, und so weiter.
Die folgende Übung soll Ihnen bewusst machen, dass Wörter auch Verbindungen miteinander eingehen, die nicht über den Intellekt vermittelt sind. Wenn Sie schreiben, wie Sie es in der Schule und vielleicht im Studium gelernt haben, dann suchen Sie nach logischen Verknüpfungen zwischen Wörtern und setzen diese dann nach grammatikalischen Regeln zu Sätzen zusammen. Damit unterwerfen Sie die Sprache den logischen Zusammenhangsvermutungen, die Sie im Kopf haben, und schließen Tausende anderer Möglichkeiten aus.
Die Wörter haben aber eigene Beziehungen zueinander, die sich zum Teil aus ihrer semantischen Nähe (Bedeutung), aus ihrem Klang, aus einem sachlichen Kontext, in dem sie gemeinsam auftreten, oder einfach aus einer persönlichen Erfahrung ergeben. Sie lassen sich als »assoziative Verknüpfungen« bezeichnen. Assoziationen müssen nicht begründet werden, sie können nicht wahr oder falsch sein. Sie sind einfach da.
Assoziationen zu sammeln ist eine gute Übung zur Vorbereitung des Schreibens, die dazu dienen kann, Material für das Schreiben zu gewinnen. Die Sammlung von Ideen oder Begriffen ist allgemein unter dem Begriff »Brainstorming« bekannt. Gleichzeitig kann man damit den Bedeutungsgehalt von Begriffen erkunden. Begriffe oder Themen, zu denen Sie viele Assoziationen finden, stoßen auf Resonanz in Ihnen und stellen eine gute Basis für das Schreiben dar. Begriffe, die kaum zu Assoziationen führen, sind als Themen oder Ausgangspunkte zum Schreiben weniger geeignet.
Nehmen Sie einen etwas schillernden Begriff, hinter dem einige Geheimnisse verborgen sein könnten, wie Sturmtief, Telefon, Schmerz, Eifersucht, Wurzel, Holz, Großmutter, Sorgenkind, Telegramm, Lehrer, Nachbar, Bergsee. Schreiben Sie das ausgewählte Wort obenan auf die Seite und fangen Sie an, Begriffe und Ausdrücke zu sammeln, die in irgendeiner Weise mit dem gewählten Begriff in Beziehung stehen. Es ist gleichgültig, ob diese Beziehungen gehalt- oder bedeutungsvoll sind. Wählen Sie nicht aus, denken Sie nicht weiter nach, schreiben Sie alles auf, bis Ihnen keine Assoziationen mehr einfallen.
Wenn Ihre Fantasie erschöpft zu sein scheint, gehen Sie die Wörter noch einmal durch. Haben Sie alle Arten von Verknüpfungen berücksichtigt? Logische? Kontextbedingte? Phonetische (klangliche)? Persönliche? Vor allem die letzten beiden vergisst man anfangs, da man gewöhnt ist, Gedanken rational auszuwählen. Für das Schreiben sind aber die Assoziationen, die aus dem eigenen Leben oder der eigenen Vergangenheit stammen, oft die wichtigeren. Ergänzen Sie sie, wenn Sie sie vergessen haben.
Gehen Sie anschließend die so entstandene und ergänzte Assoziationskette durch und unterstreichen Sie die Wörter oder Phrasen, die Ihnen interessant vorkommen. Nehmen Sie nun das Wort in der Assoziationskette, das Sie am interessantesten finden (gleichgültig warum), und schreiben Sie dazu einen kurzen Text, gleichgültig welcher Art (etwa sieben Minuten). Sie können zu diesem Text auf alle aufgelisteten Begriffe zurückgreifen, sind jedoch dazu nicht verpflichtet.
Auswertung
Hat die Übung Sie zu einem interessanten Begriff geführt, aus dem sich relativ mühelos ein Text schreiben ließ? Wenn nicht, wiederholen Sie die Übung zu einem Zeitpunkt, an dem Sie etwas energiegeladener sind. Das ist nämlich Voraussetzung dafür, dass Übungen dieser Art tatsächlich zu einem Ergebnis führen.
Wichtig an dieser Übung ist die Erfahrung, dass Sie Ihrem Sprachgedächtnis freieren Lauf lassen können, als Sie dies gelernt haben. Unabhängig von Ihren bewussten Steuerungsversuchen produziert dieses Gedächtnis Material, legt Gewichtungen nahe und hilft Ihnen, zu einem Text zu kommen. Die Eigenschaften dieses Textes sind hier weniger wichtig als die Erfahrung, dass das Schreiben einfacher wird, wenn man eine Ideensammlung vorschaltet und aus dem so entstandenen Material den Text entstehen lässt. Ähnliche Techniken werden im Kreativen Schreiben vielfach als schreibvorbereitende Mittel empfohlen.1
Behalten Sie diese Technik als Mittel in Erinnerung, sich das Schreiben zu erleichtern. Es empfiehlt sich, das Brainstorming so oft wie möglich beim Erzählen anzuwenden. Wollen Sie einen Raum oder eine Landschaft beschreiben, einen Plot entwickeln oder eine Erzählfigur entwerfen, so wird eine vorhergehende Materialsammlung Ihnen immer den Zugang zum Text vereinfachen.
Keine andere Übung ist besser geeignet als diese, um herauszufinden, was Sie wirklich zu erzählen haben. Sie besteht darin, das aufzuschreiben, was Sie denken und erleben, aber nie sagen. Die Übung zeigt Ihnen zudem, ob Sie ehrlich mit sich selbst sein können und wollen.
Eine Erzählstimme zu entwickeln, die für andere Menschen interessant ist, hat damit zu tun, neue Sichtweisen auf die Welt zuzulassen. Der größte Feind des Erzählens ist die Konventionalität, also das Erzählen in den eingeschliffenen und abgegriffenen Mustern der Alltagssprache. Wenn wir diese Sprachmuster verwenden, dann können wir nur das ausdrücken, was andere Menschen ohnehin längst im Kopf haben, denn sie verwenden diese Sprachmuster ebenfalls. Wir bleiben also in Sprachschablonen stecken.
Verbunden mit den Sprachmustern sind bestimmte konventionelle Blickweisen auf die Welt. Wenn wir unseren Alltag anschauen, dann sehen wir ihn durch die Brille des kompetenten Problemlösers oder der tüchtigen Alltagsbewältigerin. Alle Konflikte und Unebenheiten hobeln wir weg, denn wir müssen unser Arbeitspensum schaffen. Auch unnütze Gedanken und ungewöhnliche Betrachtungsweisen können wir nicht zulassen, denn sie stören unsere Routinen.
Dazu kommt noch, dass wir in der Regel schnell das Wesentliche erfassen müssen. Um handeln zu können, müssen wir systematisch, und das heißt auch: schematisch vorgehen. Das Ungewöhnliche, das, was nicht in unsere Schemata passt, eliminieren wir dabei. Was aber in Geschichten interessiert, die ja immer von individuellen Erfahrungen handeln und deren Sinn nicht darin besteht, Lehrbuchwissen zu präsentieren, ist genau dieses Ungewöhnliche.
Wer also die Routinen seines beruflichen Alltags bravourös meistert, alle Konflikte souverän löst, mit seinen Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeitern konstruktiv und freundlich umgeht, alles termingerecht fertigstellt und das Wesentliche stets im Blick hat - der hat große Probleme mit den Erzählen. Denn genau das: Routine, Souveränität, freundliche und konfliktfreie Beziehungen, effizientes Arbeiten und umsichtige Schlauheit interessieren niemanden. Ich wiederhole: niemanden. Niemand interessiert sich für kompetente, effiziente, freundliche, ausgeglichene Schlaumeier. Das mag beklagenswert sein, aber das Wissen darüber entlastet auch von dem falschen Glauben, wir könnten mit dem gleichen Bewusstsein, mit dem wir beruflich (oder im Studium oder sonstwo) erfolgreich sind, auch gute Geschichten erzählen. Wir können uns damit effizient mitteilen, mehr nicht.
Die Forderung, konventionelle Sprachmuster und Sichtweisen zu vermeiden, widerspricht nur scheinbar der oben ausgesprochenen Warnung davor, originell sein zu wollen. Es geht nicht darum, eine völlig neue Sprache und Ausdrucksweise zu finden, sondern darum, Ihre private Sprache zu entdecken, also eine, die bereits vorhanden ist, die Sie aber zugunsten der Verkehrssprache unterdrücken. Und es geht darum, mit einem neuen, unverstellten Blick auf Ihr Leben zu schauen, also das Offensichtliche auszusprechen.
Suchen Sie sich einen kurzen Ausschnitt aus Ihrer Arbeit, in der die typische Routine Ihres Berufes (des Studiums, des Alltags im Haushalt, der Ausbildung etc.) zum Ausdruck kommt, eine Situation also, die Sie gut kennen und oft erlebt haben. Nehmen Sie am besten irgendeine Anfangssituation: wie Sie in Ihr Büro kommen, einen Konferenzsaal betreten, Ihr schreiendes Kind aus der Krippe nehmen, in einen Hörsaal gehen usw. Beschreiben Sie diesen Ausschnitt in einer konventionellen Erzählweise, als würden Sie mit Kollegen oder Mitstudierenden sprechen. Schreiben Sie in der Ich-form und im Präsens. Nehmen Sie sich zehn bis 15 Minuten Zeit dafür.
Trinken Sie einen Kaffee, wenn Sie fertig sind, und setzen Sie sich wieder dran, die gleiche Szene noch einmal zu beschreiben - mit zwei zusätzlichen Vorgaben. Erstens: Schreiben Sie diesmal die Szene so, als hätten Sie sich in gereizter oder schlechter Stimmung befunden. Zweitens: Schreiben Sie außer den notwendigsten Informationen über den Handlungsverlauf nur das auf, was Sie in diesen Situationen zwar denken, aber niemandem sagen würden, was Sie normalerweise einfach wegdrücken, damit Sie den Alltag bewältigen. Beschreiben Sie also Ihren Alltag aus der Sicht eines übellaunigen Selbst, das vor sich hingrantelt. Beschreiben Sie Wahrnehmungen, Gefühle, Gedanken, Assoziationen. Folgen Sie dabei wieder einer eher privaten Sprache als einer konventionellen. Lassen Sie der Geschichte ihre eigene Entwicklung, wenn Sie beim Schreiben andere Ideen bekommen als in der ersten Fassung.
Auswertung
Lesen Sie sich beide Erzählungen laut vor. Überlegen Sie, was anders lief beim Schreiben. Bei welchem Text hatten Sie mehr Spaß? Bei welchem haben Sie flüssiger geschrieben? Wo gab es mehr Überraschungen? Wo sind Sie konkreter geworden? Was hat sich an der Sprache verändert? Welche ist kräftiger? Welche Geschichte lesen Sie mit mehr Freude? Was ist in der zweiten Fassung dazugekommen? Hat sich deren Verlauf geändert?
Sind Sie in der zweiten Fassung gemein, ungehobelt, unlogisch, unfreundlich und aggressiv geworden? Nein? Dann machen Sie diese Übung bitte ein zweites Mal. Sie müssen es schaffen, Ihre gereizte innere Stimme zu Papier zu bringen. Sie drückt sozusagen Ihr Unter-Ich aus, das fiktive Pendant zum Freudschen Über-Ich, das bekanntermaßen die guten Absichten, die Moral und die hehren Ziele einer Person enthält. Das Unter-Ich würde dementsprechend Ihre Flüche, Verwünschungen, schlechten Absichten, Gemeinheiten, Irrationalitäten und destruktiven Tendenzen verkörpern. Wenn Sie Ihr Unter-Ich nicht deutlich genug haben zu Wort kommen lassen, überarbeiten Sie den Text und bringen es unverblümt zum Ausdruck.
Man kann diese Übung auch aus ganz anderen Gemütsverfassungen heraus durchführen – also zum Beispiel den Alltag aus einer verliebten oder ängstlichen Stimmung beschreiben. Das ist etwas schwieriger und verlangt etwas mehr Selbstehrlichkeit. Wenn Sie noch einen Schritt weiter gehen wollen, dann unterstellen Sie Ihrem Erleben eine Stimmung, die Sie selbst gar nicht so kennen, also vielleicht eine mörderisch-aggressive, eine sentimental-schwärmerische, eine gruftig-düstere. Dann wären Sie gezwungen, eine neue Sichtweise anzunehmen, und wären mithin auf dem Weg, Ihre eigene Erfahrung zu fiktionalisieren, indem Sie eine fremde Erzählstimme konstruieren. Sie werden dabei erleben, dass Ihr Alltag Elemente enthält, die Ihnen bisher gar nicht aufgefallen sind, die Sie erst sehen, wenn Sie sich erlauben, eine Ihrer Stimmung entsprechende Sprache zu verwenden.
Wenn man über eigene Erfahrungen schreibt oder eigene Erfahrungen fiktionalen Figuren unterstellt, ist es wichtig, sich über einige Eigenschaften der Fiktionalisierung klar zu werden. Im Prinzip ist jede Verschriftlichung persönlicher Erinnerung bereits eine Form der Fiktionalisierung, denn sie zwingt zu einer narrativen Konstruktion, die wir dann »Ver-
gangenheit« oder »Biografie« nennen. Erinnerung hat, wie bereits angesprochen, nicht die Form exakt reproduzierbarer Sinneseindrücke, sondern ist eine Art »Text«, den wir laufend umschreiben müssen. Ich möchte Ihnen aber weitere Schritte der Fiktionalisierung zeigen, die darin bestehen, eigene Erfahrungen in andere narrative Kontexte umzusiedeln.
Fiktionalisierung eigener Erfahrungen ist für die Entwicklung literarischer Erzählkompetenz überaus bedeutsam, denn sie verhilft uns dazu, das noch nicht Begriffene – unklare Emotionen, »schwebende« Befindlichkeiten, dünne Erinnerungsspuren – zur Sprache zu bringen. Und genau das ist der spannendste Aspekt des Schreibens. »Gerade die noch unbegriffene, noch nicht misstrauisch abgeklopfte Inspiration ist Voraussetzung literarischer Erfindung«, stellt der Schriftsteller Sten Nadolny fest.2
Und Erinnerungen an die Kindheit spielen dabei eine besondere Rolle. Erzähler sind, so fährt Nadolny fort, besonders angewiesen auf »die unbestimmten Erinnerungen, die sich nicht auf Gesichertes, als Faktum Geltendes oder bereits mehrmals Erzähltes richten, sondern vergangene innere Zustände aufsteigen lassen: Wenn man plötzlich wieder weiß, wie man als Vierzehnjähriger die Mädchen wahrnahm. Oder wie sich Englisch anhörte, als man es noch nicht verstand.«3 Über die eigene Kindheit zu schreiben ist einerseits Erinnerungsarbeit und verlangt einige Techniken, die unserem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Es ist andererseits Konstruktionsarbeit, denn wir müssen den Erinnerungen eine sprachliche Form geben, die sie früher nicht hatten.
Versuchen Sie, mit der Vorgehensweise von Bill Roorbach4 die Erinnerungen an Ihre früheste Kindheit wachzurufen. Der Übung erster Teil besteht darin, dass Sie eine grobe Landkarte von der frühesten Wohnumgebung zeichnen, an die Sie sich erinnern können. Zeichnen Sie so viele Details über die Nachbarschaft auf wie möglich. Wer lebte wo? Wo waren Ihre Lieblingsplätze? Ihre Wege? Die geheimen Plätze? Die Wohnorte Ihrer Freunde? Die Treffpunkte? Die Orte, an denen ungewöhnliche Menschen wohnten? Welche Tiere gab es? Die verbotenen Plätze? Die Orte, die Ihnen Angst machten? Und so weiter.
Wenn Sie die Karte gezeichnet haben, nehmen Sie eine Episode, die Ihnen beim Zeichnen eingefallen ist, und schreiben Sie eine Geschichte dazu. Nehmen Sie eine, bei der Sie als Kind etwas erlebt haben und emotional sehr beteiligt gewesen sind (es ist nicht wichtig, ob Sie sich noch erinnern, warum es emotional so aufregend war). Schreiben Sie bitte in der Ichform und benutzen Sie das Präsens. Sie können damit die Vergangenheit näher an sich heranholen und sich die Vorgänge besser vergegenwärtigen. Scheiben Sie nicht aus der Distanz heraus, was das Kind, das Sie waren, einmal getan hat, sondern beschreiben Sie das Ereignis als Kind. Beschreiben Sie, was Sie sehen, hören, fühlen, erleben. Greifen Sie wieder auf eine einfache Sprache zurück, die sich als Gemisch von Kinder- und Erwachsenensprache ergibt.
Auswertung
Haben Sie sich in die Situation hineinversetzen können? Ist die Kindheit lebendig geworden? Menschen unterscheiden sich sehr stark darin, ob sie Zugang zu Erinnerungen aus ihrer Kindheit haben. Bei manchen ist die Kindheit emotional noch so lebendig, als habe sie sich erst gestern Abend abgespielt, bei anderen sind nur noch blasse und emotional gereinigte Erinnerungen vorhanden. Gleichgültig, zu welchem Typ Sie gehören, mit Hilfe der Landkarte sollte es Ihnen gelungen sein, einiges wieder auszugraben, was Ihnen nicht mehr bewusst war.
Das Niederschreiben persönlicher Erinnerungen ist der erste Schritt zu deren Fiktionalisierung. Ein zweiter, wichtiger Schritt liegt darin, die Erfahrung, die Sie als Kind gemacht haben, in einen anderen narrativen Kontext zu stellen, beispielsweise einer selbstgeschaffenen Erzählfigur unterzuschieben.
Damit kommen wir zur Übung zweiter Teil.
Übung 8
Nehmen Sie die Geschichte, die Sie soeben geschrieben haben, und geben Sie dem Kind einen neuen Namen. Nehmen Sie – wenn Ihnen kein anderer einfällt – den Namen, den Sie als Kind am liebsten gehabt hätten. Überlegen Sie jetzt, welche die wichtigsten Eigenschaften des Kindes in der Situation waren, die Sie eben geschildert haben. Wie verhielt es sich da? War es ängstlich, frech, vorsichtig, verspielt usw.? Schreiben Sie drei oder vier Eigenschaftswörter auf, die für das Kind in dieser Situation charakteristisch waren. Versuchen Sie dabei, Distanz zu bekommen, als sähen Sie das Kind, das Sie waren, mit fremden Augen. Achten Sie darauf, dass sowohl positive als auch negative Eigenschaften darin enthalten sind.
Aufgabe ist es jetzt, die Geschichte neu zu schreiben, diesmal in der dritten Person Singular und im Präteritum. Flechten Sie in die Erzählung ein (in ganz groben Zügen), durch welche Erfahrungen in seiner Familie dieses Kind die genannten Eigenschaften erworben hat. Und beenden Sie die Geschichte damit, dass Sie andeuten, was sich aus der Geschichte über den Erwachsenen entnehmen lässt, der das Kind einmal werden wird.
Auswertung
Wie gut zugänglich waren Ihnen die Erfahrungen aus der Kindheit? Sind sie noch lebendig oder haben Sie eher das Gefühl, sie konstruieren zu müssen? Haben Sie Lust, weiter daran zu arbeiten, oder wollen Sie sie lieber ruhen lassen? Es ist Ihre Entscheidung, ob Sie sich schreibend mit Ihrer Kindheit auseinander setzen wollen oder nicht.
Diese Ubung, das haben Sie wahrscheinlich gemerkt, bringt Sie in Kontakt mit einigen tieferen Schichten Ihrer Persönlichkeit und Biografie. Sie sind an dem Punkt angekommen, an dem Schreiben in Selbsttherapie übergeht. Und Selbsttherapie ist in der Regel mit Unlustgefühlen verbunden, so als sträube sich die Seele gegen das Eindringen in abgeschirmte Zonen. Selbst Freud verfiel in eine ihm unerklärliche und lang anhaltende »Denklähmung«, als er sich zu weit in eine Selbstanalyse verstrickte.
»Fiktionalisierung« ist auch deshalb von Bedeutung, weil sie es Ihnen gestattet, auch ein Kind zu konstruieren, das Ihnen unähnlich ist. Sie können sein Schicksal übertreiben und modifizieren, ohne dass Sie dadurch das Gefühl haben müssen, unehrlich zu sein. Sie können aus der gleichen Erinnerung mehrere Geschichten machen und ausprobieren, welche zu einem besseren Ende kommt oder welche Ihnen einfach besser gefällt. Und Sie können guten Gewissens Ihre Erinnerung mit heutigen Konstruktionen auffüllen, wenn sie Ihnen zu dürftig ausgefallen zu sein scheint.
Weitere Fiktionalisierungsübungen können Sie mit folgenden Themen machen:
Was war Ihren Eltern (oder einem Elternteil) in der Erziehung besonders wichtig? Schreiben Sie so viele authentische Aussagen auf, wie Ihnen einfallen. Schildern Sie dann einige Situationen, in denen dieses Erziehungsverhalten besonders zum Tragen gekommen ist (erste Person Singular, Präsens). Erzählen Sie dann die Geschichte wieder aus der Distanz der dritten Person. Fügen Sie hinzu, wie das Kind in seinem weiteren Leben mit diesen Erfahrungen umgegangen ist.
Womit waren Sie als Kind oder Jugendlicher obsessiv (zwanghaft) beschäftigt? Gedanken, die Ihnen immer wieder durch den Kopf gingen, Themen, mit denen Sie sich ständig beschäftigten, oder Handlungen, die Sie immer wieder ausführen mussten? Machen Sie zunächst eine Liste von Themen, die dafür in Betracht kommen. Wählen Sie dann eine konkrete Situation aus und schildern Sie sie so plastisch wie möglich, mit dem Wortlaut der Selbstkommunikation und genauen Orts- und Personenbeschreibungen. Schreiben Sie diesen Text gleich in der dritten Person, wählen Sie aber das Präsens.
Listen Sie drei Beziehungen in Ihrem Leben auf, die besonders intensiv und eng waren. Beschreiben Sie jede der drei Beziehungen mit fünf bis sechs Sätzen aus der Sicht der jeweils anderen Person. Lassen Sie jede dieser Personen sagen, was sie an Ihnen besonders schätzte und was ihrer Meinung nach die Beziehung schwierig machte oder beendete.
Schildern Sie das Leben Ihrer Eltern vor Ihrer Geburt und beschreiben Sie, wie die beiden sich kennen gelernt haben.
Stellen Sie sich vor, Ihr Leben wäre ein Roman. Welche Kapitelüberschriften müsste dieser Roman haben? Suchen sie fünf bis acht Überschriften, die die wichtigsten Abschnitte Ihres Lebens gut charakterisieren. Schreiben Sie zu jedem Kapitel eine kurze Inhaltsangabe. Wenn Sie das haben, geben Sie diesem Roman einen Titel.
Diese Übungen erlauben keine bestimmte Zeitvorgabe. Versuchen Sie, die Texte kurz zu halten, aber wenn Sie Freude an der narrativen Gestaltung Ihrer Biografie bekommen, nehmen Sie sich die Zeit dazu. Sie ist im Hinblick sowohl auf Ihre persönliche als auch auf Ihre literarische Entwicklung gut investiert.
Es gibt weitere Erzählformen, die uns aus dem wirklichen Leben vertraut sind. Eine davon ist die Beichte. Wer katholisch ist, hat direkte Erfahrungen damit, für die anderen ist ihr Sinngehalt vertraut. Wir alle müssen ab und zu jemandem etwas beichten. Beichten ist für das literarische Schreiben nicht nur dadurch interessant, dass es aus einem schlechten Gewissen heraus geschieht und mithin viel Energie ins Schreiben einspeisen kann, sondern auch deshalb, weil es zu interessanten Themen führt. Sünden sind nun einmal das, was alle Menschen in Geschichten am Spannendsten finden. Heiligengeschichten reißen niemanden vom Hocker. Nutzen Sie die nächste Übung dazu, ein paar ordentliche Sünden zu beichten. Seien Sie dabei nicht kleinlich und packen Sie wirklich aus!
Stellen Sie sich vor, Sie seien zum Tode verurteilt worden und hätten mit dem Leben abgeschlossen. Am Abend vor der Hinrichtung haben Sie Gelegenheit, einem Priester oder einer anderen Person Ihrer Wahl zu beichten. Suchen Sie sich einige wirklich gute Sünden aus, solche, die einem Kriminal- oder einem Piratenroman alle Ehre machen würden. Achten Sie darauf, die ausgewählte Person direkt anzusprechen. Seien Sie konkret! Fangen Sie mit der dritt- oder viertdicksten Sünde an, damit Sie sich steigern können. Denken Sie aber auch daran, dass Beichten der Rechtfertigung dient. Sie sollen versuchen, sympathisch zu bleiben, damit Sie nicht der völligen Verdammnis anheim fallen. Fangen Sie die Geschichte mit dem Satz an: »Ich weiß, ich hätte nicht ... (meine Tante vergiften, meinen Mann betrügen, den Senator erschießen usw.) ... sollen. Und es wäre auch nicht passiert, wenn nicht...«
Auswertung
Lesen Sie die Beichte noch einmal durch. Haben Sie es bis zu einem Mord gebracht? Haben Sie gelogen, gestohlen, intrigiert, Seitensprünge begangen, Bestechungsgelder kassiert? Gut so! Sie haben eine weitere Eingangsprüfung für das Schreiben von Geschichten bestanden.
In Alltagsansichten sind wir darum bemüht, uns selbst in ein gutes Licht zu setzen. In literarischen Texten dagegen sind wir auch gemein, böse oder feige. Wir lassen andere an den negativen Seiten unseres (literarischen) Innenlebens teilhaben, weil diese Seiten für Lesende interessanter sind als unsere moralisch glattgehobelten Alltagsfassaden. Außerdem haben Sie erfahren, dass Ihre Fantasie sich gerne auf bestimmte Abenteuer einlässt, wenn Sie die Zügel der Rationalität schleifen lassen. Für das Schreiben von Geschichten ist die Fantasie eine wichtige Quelle (aber beileibe nicht die einzige, wie wir später sehen werden).
Unter den Erzählstimmen, die uns zur Verfügung stehen, befindet sich meist auch eine Stimme, die Geschichten für Kinder erzählen kann. Auch wer keine eigenen Kinder und dementsprechend wenig Übung hat, kennt Kindergeschichten aus der eigenen Biografie und kann sie mit wenig Mühe wieder aktivieren.
Erfinden Sie eine Geschichte für ein Kind, das längere Zeit krank ist und mehrere Operationen über sich ergehen lassen muss. Nehmen wir an, das Kind sei vier oder fünf Jahre alt. Erzählen Sie dem Kind eine Geschichte, in der Viktor, der kleine Waschbär, oder Viktoria, das kleine Waschbärenmädchen, die Hauptrolle spielen (wenn Sie keine Waschbären mögen, erfinden Sie ein anderes Tierkind wie Margit, die kleine Meise). Erfinden Sie eine Geschichte, in der die Situation des Kindes sich spiegelt.
Fangen Sie an mit: »Es war einmal ein kleiner Waschbär, der hieß Viktor ... « Seien Sie sentimental. Kinder lieben plakative, offene Gefühle. Haben Sie keine Scheu, das Kind könnte seine eigene Situation wiedererkennen. Kinder lassen sich durch die Fiktionalisierung der Vergangenheitsform so täuschen, dass sie das Erzählte nicht mit ihrer eigenen Gegenwart in Verbindung bringen.
Auswertung
Lesen Sie die Geschichte noch einmal durch. Taucht die Krankheit des Kindes in der Waschbärengeschichte auf? Ist das Leiden des Waschbärenkindes intensiv genug beschrieben? Erfährt das Waschbärenkind Unterstützung durch Eltern, Geschwister und Freunde? Wächst das Waschbärenkind dadurch, dass es zur Überwindung seiner Krankheit beiträgt? Verändern Sie die Geschichte, wenn eines dieser Elemente fehlt. Sollten Sie einen eher ironischen Ton gewählt haben, schreiben Sie die Geschichte um. Kinder, kranke zumal, können nichts mit Ironie anfangen.
Wenn Sie nun auch die revidierte Geschichte durchlesen: Kommen Ihnen dann selbst die Tränen? Gut so! Gratuliere! Sie haben wieder eine wichtige Erfahrung gemacht. Geschichten sind dazu da, Gefühle bei anderen Menschen hervorzurufen. Je mehr sie uns emotional berühren, desto besser gefallen sie uns. Kinder sind sehr dankbare Geschichtenabnehmer, wenn wir ihre Gefühle erreichen. Leider raubt uns das Fernsehen immer mehr den Erzählkontakt mit den Kindern, so dass diese unendlich wichtige Brücke zu den Eltern heute oft fehlt. Für Sie ist wichtig, erfahren zu haben, dass eine Ihrer Erzählstimmen direkten Zugang zu den Gefühlen von Kindern hat und dass diese Stimme fast mühelos rührende Geschichten produziert, sofern Sie sich nur trauen, diese Gefühle auch selbst zuzulassen.
Es gibt Situationen im Leben, in denen Sie in einer Minute mehr als drei Geschichten erfinden, blitzschnell prüfen, ob sie brauchbar sind, sie gegebenenfalls verwerfen und neue erfinden. Die typische Situation ist das Erfinden von Ausreden. Ausreden sind meist vollständige Geschichten. Und es sind gute Geschichten, denn sie sollen unwiderlegbar und glaubwürdig sein. Die besten von ihnen haben obendrein noch einen Unterhaltungswert.
Stellen Sie sich vor, Sie sind zu einem langweiligen Fest eingeladen, vielleicht bei einer Tante, die Sie manchmal mit Geld unterstützt und die Sie vielleicht beerben wollen. Oder Sie sind bei Ihren Kollegen eingeladen, die Sie zwar mögen, die aber immer gleichzeitig die unsäglich langweiligen Müllers einladen. Oder Sie müssen sich an einem Seitensprung vorbeimogeln. Wie auch immer: Denken Sie sich bitte eine konkrete Person aus, eine konkrete Situation (am besten eine, die tatsächlich stattgefunden hat). Schreiben Sie die Konstellation in drei Sätzen nieder, zum Beispiel: »Ich war auf einer Tagung und habe einen sehr attraktiven Kollegen getroffen, mit dem ich schon immer mal eine intime Beziehung haben wollte. Spontan habe ich mich entschlossen, einen Tag länger zu bleiben, obwohl die Tagung schon zu Ende war. Was soll ich meinem Mann sagen?« Schreiben Sie dann das nieder, was Sie Ihrem Mann (Lebenspartner, Ihrer Frau oder Lebenspartnerin) sagen würden. Schreiben Sie es so, als hätten Sie ihn oder sie gerade am Telefon. Denken Sie daran, dass Sie nur glaubwürdig sein können, wenn Sie konkret, detailliert und anschaulich sind!
Auswertung
Diese Übung ist nur erfolgreich, wenn es Ihnen gelingt, etwas von dem schlechten Gewissen zu (re)aktivieren, das Sie in der Situation hatten. Deshalb ist es wichtig, dass es sich um eine halbwegs realistische Situation handelt (was nicht ausschließt, dass es eine erdachte Situation sein kann).
Lernen können Sie aus dem Text, dass ein schlechtes Gewissen erfinderisch macht. Wenn Sie Ihre literarischen Geschichten später mit der gleichen Passgenauigkeit konstruieren wie Ihre Ausreden, dann sind Sie schon auf dem Weg zur Meisterschaft.
Noch eine Vorübung: Suchen Sie die Stimme in Ihnen, die sagt, warum Sie eigentlich schreiben wollen. Diese Übung soll Ihnen dabei helfen, Ihr Bewusstsein etwas zu explorieren, um Ihre Schreibmotive ausfindig zu machen.
Ist es nötig, die Motive kennen zu lernen, warum Sie schreiben oder schreiben wollen? Reicht es nicht, es einfach zu tun? Natalie Goldberg5 sagt dazu (und von ihr stammt auch die Idee zu dieser Übung), dass man Energien für das Schreiben freimachen kann, wenn man zu den tatsächlichen Gründen vordringt. Schreiben wird produktiv, wenn es nicht einfach ein intellektuelles, sondern stattdessen ein existenzielles Bedürfnis ist. Erfolgreich werden Sie im Schreiben nur sein, wenn Sie diese existenziellen Bedürfnisse aktivieren. Aus ihnen kommen der Elan, das Durchhaltevermögen, die Hartnäckigkeit zum Schreiben und die Bereitschaft, auf anderes zu verzichten. All das ist nötig, wenn Sie es im Schreiben weiterbringen wollen.
Nehmen Sie ein Blatt Papier oder eine neue Datei in Ihrem PC und schreiben Sie eine Liste von Gründen auf, warum Sie schreiben (wollen). Setzen Sie als Überschrift darüber:
»Warum ich schreibe«, oder: »Warum ich schreiben will«. Schreiben Sie alle Gründe auf, oberflächliche und tiefe, echte und aufgesetzte. Unser Bewusstsein ist vielschichtig. Beginnen Sie jeden Satz mit »weil...« (weil ich es brauche, weil ich andere beeindrucken will, weil ich glaube, dass ich etwas zu sagen habe usw.). Die tieferen Motive öffnen sich nicht immer ohne weiteres unserem Zugriff. Seien Sie also hartnäckig und überlegen Sie weiter, auch wenn das erste Pulver verschossen ist.
Auswertung
Gehen Sie die entstandene Liste noch einmal durch. Wo wird es »heiß«? Wo ist das, was Sie tatsächlich bewegt? Und haben Sie Ihre wirklichen Beweggründe gefunden?
Die Übung gibt Anlass zu vielerlei Fragen an Ihre Schreibmotivation: Wie hängt Schreiben mit Ihrem Selbstwertgefühl zusammen? Mit Ihrer Meinung von Ihrem eigenen Intellekt? Mit Ihren Bedürfnissen, Ihr eigenes Leben zu verstehen? Mit Ihren Bedürfnissen, die Welt zu beeinflussen? Mit Ihren Bedürfnissen, etwas Großes zu schaffen? Mit Ihren Bedürfnissen, Anerkennung zu finden? Mit Ihrer Angst, es nicht zu schaffen? Mit Ihren Befürchtungen, psychisch nicht normal zu sein (alle Menschen haben diese Angst gelegentlich)? Mit Ihrem Bedürfnis, es jemandem zu beweisen? Mit Ihrem geheimen Wunsch, etwas zu erzählen, was Sie noch niemandem gesagt haben? Mit Ihren inneren Verletztheiten?
Es ist kein Selbstzweck, diese Motive aufzuschreiben, sondern es ist Teil Ihrer Aufgabe, das Versteckspiel zu durchschauen, das Sie mit sich selbst treiben. Wir alle verstecken uns hinter sozial akzeptablen Motiven und verbergen die weniger akzeptablen so lange vor den anderen, bis wir sie auch selbst nicht mehr wahrnehmen können. Gehen Sie zu Übung 13 und vertiefen Sie Ihre Selbstbetrachtung.
Nehmen Sie noch einmal ein Blatt Papier, schreiben Sie diesmal drüber: »Warum ich wirklich schreibe«, oder: »Warum ich wirklich schreiben will«. Beginnen Sie mit den Punkten aus der ersten Liste, die emotional bedeutungsvoll waren. Fügen Sie dann alle neuen Gedanken an. Notieren Sie alle Gründe, ohne groß nachzudenken. Schreiben Sie gegebenenfalls wieder Füllsätze hin, die vielleicht nicht ganz wahr sind, damit Sie in Fluss bleiben.
Auswertung
Sind Sie jetzt der Sache näher gekommen? Es macht nichts, wenn Ihnen der Grund für Ihr Schreiben nicht salonfähig vorkommt. Niemand wird Rechenschaft von Ihnen darüber verlangen. Nur Sie selbst müssen den Grund akzeptieren. Wenn Sie einen guten Grund gefunden haben, dann wissen Sie auch, worüber Sie als Erstes schreiben können. Sie haben damit Ihre tiefste, innere Stimme als Schreiber oder Schreiberin gefunden. Deponieren Sie Ihre Notiz an einem Ort, wo Sie sie wiederfinden können. Es kann ganz nützlich sein, gelegentlich einen Blick darauf zu werfen.
Die innere Stimme zu finden, die Ihnen sagt, warum Sie schreiben, ist deshalb von Bedeutung, weil Sie damit ein weiteres Stück der Selbstehrlichkeit gewinnen können, ohne die Sie im Schreiben nicht weiter kommen. Eine Erzählstimme zu gestalten, die für andere interessant ist, erfordert oft, die ganze Persönlichkeit in die Waagschale zu werfen, und Sie sollten wissen, aus welchen Gründen Sie das tun.
Eine andere, etwas spielerischere Möglichkeit, sich selbst als schreibender Person auf die Schliche zu kommen, finden Sie in der Übung 14. Dabei geht es darum, etwas Distanz zu sich selbst als schreibender Person zu gewinnen und sich selbst gewissermaßen aus der Fernsicht zu betrachten.
Nehmen Sie Ihren Schreibblock und setzten Sie sich zwei bis drei Meter entfernt von dem Ort, an dem Sie gerade geschrieben haben (und nehmen Sie einen anderen Stuhl). Blicken Sie auf diesen ursprünglichen Ort und stellen Sie sich vor, wie Sie aussehen, wenn Sie dort über das Papier gebeugt oder vor dem PC sitzen. Betrachten Sie die Utensilien, die sich dort angehäuft haben, das Chaos oder die Ordnung, die den Schreibplatz ausmachen, die Atmosphäre, die dort herrscht. Versuchen Sie dann – so als würden Sie eine fremde Person beschreiben – eine kurze Geschichte darüber zu erzählen, warum Sie dort sitzen und schreiben. Erzählen Sie, was Sie bewegt, was die Gegenstände bedeuten, in welcher Stimmung Sie dort sitzen und zu was für einem Ende Sie Ihre Schreibbemühungen bringen werden. Schreiben Sie von sich in der dritten Person und benutzen Sie das Präsens. Nehmen Sie sich etwas mehr Zeit für diese Übung, denn in ihr steckt sehr viel anregendes Material.
Auswertung
Die Übung verlangt von Ihnen eine Separierung Ihrer Persönlichkeit in einen wahrnehmenden bzw. erzählenden und einen handelnden Teil. Achten Sie bei der Auswertung zunächst darauf, mit welchen Augen der wahrnehmende/ erzählende Teil auf den handelnden Teil blickt: Ist es Wohlwollen, Strenge oder Ironie? Betrachten Sie dann, was Sie über Ihre Motive und die Besonderheiten Ihres Schreibverhaltens herausgefunden haben.
Dieses Kapitel geht darauf ein, wie man die Arbeit an längeren Erzähltexten gestaltet. Schreiben ist zeitaufwändig und macht einsam. Es ist wichtig, den Arbeitsprozess bewusst zu gestalten, um die eigenen Ressourcen gut einzusetzen. Während des Schreibens erhält man wenig Anstöße von außen und kaum Rückmeldungen, so dass man nie sicher sein kann, ob die Arbeit noch auf Kurs ist oder nicht. Außerdem gebe ich Ihnen in diesem Kapitel einige Hinweise, wie man Material gewinnt, Themen sucht und die eigenen Texte überarbeitet.
Eine große Hürde für viele, die schreiben möchten, sind die kleinen Dinge, die dabei zu bewältigen sind: der kurze Schritt zum Schreibtisch, der schnelle Griff zum Stift und der winzige Impuls, einen Einleitungssatz zu schreiben. Dahinter steht das etwas größere Thema, wie man mit sich selbst beim Schreiben umgeht.
Erzählungen zu schreiben ist nicht bloß eine Handlung, es ist auch eine Lebenshaltung. Wer zu schreiben beginnt, macht eine Art Verpuppung durch, geht gewissermaßen in einen anderen Aggregatzustand über. Schreiben heißt stillsitzen und allein sein. Wenn man viel zu organisieren und zu kontaktieren hat, ist es schwer, ins Schreiben zu kommen.
Viele Menschen kennen das Schreiben als Qual. Sie finden den Übergang nicht von einer aktiven in eine beschauliche Lebenshaltung. Sie empfinden das Schreiben als Strafe, weil sie sich nicht die Zeit nehmen, dem Klang eines Wortes nachzugehen und nach dem richtigen Ausdruck für einen Gedanken zu suchen. Schreiben hat ein eigenes Tempo. Es wird bestimmt von der Geschwindigkeit, mit der wir Gedanken und Sätze formulieren können, und begrenzt von der Zeit, die wir brauchen, um die Gedanken mit der Hand auf ein Blatt zu schreiben oder in einen Computer zu tippen (was für Geübte schneller geht).
Bedeutender aber für das Tempo, das ein Organismus im Aggregatzustand »Schreiben.« für sich akzeptiert, ist die Output-Rate. Wie viele Seiten kann man in einer Stunde, an einem Tag schreiben? Das Ergebnis, in Seitenzahlen ausgedrückt, ist immer deprimierend. Zwei Seiten Text pro Tag sind eine gute Ausbeute. Oft sind es weniger, dafür war der Kampf mit dem Wort umso größer. Schreiben erfordert Geduld.
Schreiben hat meditative Qualitäten. Alles konzentriert sich auf die sich bewegenden Hände beim Schreiben. Die Sprache bildet ein einheitliches Zentrum, auf das alle Lebensäußerungen bezogen werden. Gefühle, Bilder, Ideen, Gedanke, Schall, Bewegung, Form – alles wird in Sprache überführt und dadurch zueinander in Beziehung gesetzt. Gelingt diese Umsetzung in Sprache, dann entsteht eine konzentrierte Haltung, in der man vergisst, wo man ist und was man tut. Man ist im Fluss und fühlt sich kreativ.
Die Langsamkeit kann zum Genuss werden, wenn man sich Gelegenheit gibt, sich auf die Zeitmuster des Schreibens einzustellen. Deshalb sind einige Rituale hilfreich, um mit dem Schreiben zu beginnen. Hier einige Vorschläge:
Regelmäßigkeit: Wenn Sie es einrichten können, schreiben Sie jeden Tag. Eine Stunde ist anfangs genug. Halten Sie zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach an, was immer Sie tun, und schreiben Sie. Anfangen ist immer das Schwierigste, und nur der liebe Gott weiß, wie viele Schriftstellerkarrieren durch das Aufschieben verhindert worden sind. Regelmäßigkeit kann dabei entlasten, die mühsame Entscheidung zu treffen, mit dem Schreiben tatsächlich anzufangen. Regelmäßigkeit heißt aber nicht Gleichförmigkeit. Jeden Tag eine Stunde freizuboxen kann auch heißen, jeden Tag an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit zu schreiben. Machen Sie sich für den Anfang einen Stundenplan, in dem Sie genau auflisten, wann Sie schreiben werden. Halten Sie sich in den ersten beiden Wochen rigide an diesen Plan, später können Sie mehr nach Lust und Laune schreiben.
Anfangen: Erste Wörter und Sätze sind immer am schwersten. Gehen Sie schnell an die vorgeschlagenen Übungen, wenn Sie weiter mit diesem Buch arbeiten. Wenn Sie nach Ihrem eigenen Themenplan arbeiten, sollten Sie mit dem Lesen Ihrer eigenen Texte beginnen (ohne sie dabei zu überarbeiten). Ihre eigenen Texte werden Sie unweigerlich zu neuen Texten inspirieren. Setzen Sie sich also an den Schreibtisch mit der Erwartung eines Lesevergnügens und folgen Sie dann der Inspiration, die Sie aus der Lektüre Ihrer letzten Texte gewinnen. Je mehr Sie schreiben, desto häufiger werden Sie feststellen, dass Ihr Verstand geheimerweise bereits etwas präpariert hat, was an die letzten Texte anschließt und was Sie nur noch ausführen müssen.
Gewohnter Ort: Schön kann eine bestimmte Ecke, ein vertrauter Schreibtisch oder eine Terrasse mit Blick ins Tal (mein Lieblingsplatz) sein. Ästhetik und Vertrautheit sind dem Schreiben nie abträglich. Es erleichtert den Einstieg ins Schreiben, wenn man einen bestimmten Ort mit der Erwartung eines Schreibvergnügens verknüpfen kann.
Wechselnde Orte: Genauso empfehlenswert ist es aber auch, sich daran zu gewöhnen, dass man an fast jedem Ort schreiben kann. Cafes werden von fast allen Profis empfohlen. Man kann beobachten, Kaffee trinken und schreiben. Ich selber liebe es, im Zug zu schreiben. Schreiben hilft dort, die manchmal bedrängende Nähe zu den anderen Reisenden zu vergessen. Oft bedauere ich es, zu früh ans Ziel zu kommen. Auch Speisewagen sind empfehlenswert. Wenn man sein Schreibzeug eingepackt hat, kann man praktisch überall schreiben: im Wartezimmer des Arztes, in der Straßenbahn, auf einer Parkbank, am Strand, am Küchentisch, im Biergarten oder im Hotelbett.
Schreibbuch: Sinnvoll ist es, einen Notizblock mit fester Heftung (damit die Seiten sich nicht verabschieden) oder ein Schreibbuch (man nennt es auch Logbuch) mit sich zu führen, in das man alle Einfälle einträgt. Lose Blätter führen erfahrungsgemäß zu einem Chaos an schmuddeligen Zetteln, die den Schreibtisch überwuchern. Schreibbücher kann man ins Regal stellen und anhand ihrer später die eigene Entwicklung rekapitulieren.
Notebook oder Computer: Die Computerverächter werden immer seltener. Die meisten Menschen haben sich an die Elektronik gewöhnt. Sie hat große Vorteile: Man schreibt schneller, man kann die Texte überarbeiten, ohne sie neu schreiben zu müssen, man kann unterschiedliche Texte zusammenstellen oder sie voneinander trennen. Man kann Texte organisieren und sie gebrauchsfertig ausdrucken. Aber Computer brauchen Strom und sind meist fest an ihrem Stammplatz installiert. Auch Notebooks, deren Akkus ohnehin nie lange genug reichen, sind ein ziemlicher Klotz im Handgepäck. So werden Papier und Stifte ihren Platz behalten.
Worüber schreiben?: Es braucht ein wenig Erfahrung, wenn man sich selbst Aufträge zum Schreiben erteilen will. In der Regel fehlt nämlich eine Instanz, die prüft, ob diese Aufträge auch realistisch und fair sind. Das Buch, das Sie hier in der Hand halten, soll Sie dabei entlasten. Es schlägt Ihnen machbare Aufgaben vor, die Sie auch tatsächlich lösen können. Beginnen Sie nicht, den großen Deutschlandroman zu schreiben. Suchen Sie sich kleine Themen. Sehen Sie zu, dass Sie variieren, was Sie schreiben: Erzähltexte, argumentative Texte, Beschreibungen, Notizen, Selbstverständigungstexte. Denken Sie auch daran, dass Schreibanregungen, wie die, die Ihnen dieses Buch vermittelt, Sie zwar in Bewegung bringen, aber nicht selbstständig machen können. Schreibaufgaben erinnern immer ein wenig an den Deutschunterricht und dessen meist fremdbestimmtes Schreiben.
Umgang mit Arger, Frust und Misserfolg: Das Schreiben führt unweigerlich zu Misserfolgserlebnissen. Nie ist man schnell genug, nie gut genug, nie ausdrucksvoll genug, nie konsequent genug. Wenn Sie regelmäßig schreiben, sind Schreibkrisen und Schreibunlust nicht zu vermeiden. Krisen haben aber auch etwas Positives: Sie zeigen, dass Sie kämpfen, und sie zeigen, dass Sie Maßstäbe haben. Ohne Krisen gibt es keine Entwicklung. Wenn Sie zum zehnten Mal alles hinschmeißen und nie wieder eine Geschichte schreiben wollen, dann fangen Sie an, zur Zunft zu gehören. Das ist das, was alle Schreibenden durchmachen.
»Wo kommt der Stoff zum Erzählen her?«, fragen sich Novizen der Schreibkunst oft. Sie sitzen vor ihrem Blatt Papier und überlegen, worüber sie schreiben könnten. Das entspricht etwa der Situation eines Schiffbrüchigen auf einem Floß auf hoher See, der sich fragt, wo er baden könne. Wir sind tatsächlich von Geschichten umgeben, denn zu jedem Gegenstand in unserem Blickfeld lässt sich eine Geschichte erzählen. Und zu jeder Person, die wir kennen, lassen sich Dutzende und über uns selbst können wir Hunderte von Geschichten erzählen.
Geschichten zu schreiben heißt, sich einer unendlichen Themenvielfalt anzuvertrauen und sich einer riesigen Kombinatorik aus Helden, Orten, Motiven, Handlungen und Hindernissen zu bedienen. Geschichten zu schreiben heißt, aus der Enge unserer persönlichen Erwartungen und Erfahrungen auszubrechen. Es heißt, die Welt nicht nur wahrzunehmen und zu analysieren, sondern dazu überzugehen, sie zu konstruieren. Es heißt, sich nicht mehr mit den Einschränkungen zufrieden zu geben, die der begrenzte Blick auf das Faktische immer in sich birgt, sondern sich stattdessen dem Möglichen zuzuwenden, das im Leben enthalten ist.
Im Alltag gehen uns manchmal die Geschichten aus. Da wir immer wieder mit den gleichen Leuten zusammen sind, festigt sich in uns der Eindruck, als hätten wir nicht genug zu erzählen. Denn wir wollen uns ja nicht wiederholen. Im wirklichen Leben sind wir meist dem treu, was wir tatsächlich erlebt haben – und das schränkt unser Erzählpotenzial beträchtlich ein.
Wenn wir anfangen, Geschichten zu schreiben, dann nehmen wir diesen Eindruck ungeprüft mit hinüber in die Sphäre fiktiver Geschichten – aber zu Unrecht. Denn hier gibt es keinen Mangel an möglichen Geschichten, hier herrscht der absolute Überfluss. Es ist jedoch für viele eine vordringliche Aufgabe, diesen Überfluss überhaupt wahrzunehmen.
Es gibt eine Möglichkeit, wie Sie mit absoluter Sicherheit verhindern können, dass Sie spannende Themen zum Erzählen finden: Bleiben Sie hinter dem Fernseher sitzen! Dort erleben Sie die große Inflation an Geschichten, die Sie übersättigt und abgestumpft dem gegenüber werden lässt, was am Leben interessant ist. Schon besser sind Kino oder Theater. Dort sehen Sie immerhin eine Geschichte gut ausgearbeitet, die durchaus inspirierend für eigene Geschichten sein kann.
Wollen Sie aber wirklich Ernst machen mit dem Erzählen, dann müssen Sie Sammler und Jäger werden. Schauen Sie sich an, wie Menschen wirklich aussehen, wirklich sprechen, wirklich denken, wirklich leben. Nicht, dass ich Ihnen irgendeinen Naturalismus empfehlen möchte, nein, nur offene Augen. Beginnen Sie, durchs Leben mit dem Blick des Geschichtenerzählers zu gehen, der alles und jeden auf seine Materialtauglichkeit hin überprüft. Nehmen Sie Ihr Notizbuch überall hin mit und sammeln Sie alles, was Sie gegebenenfalls brauchen können. Sammeln Sie auf Vorrat. Sie wissen nie, wann Sie auf eine Idee, einen Titel, einen Namen, eine Personen- oder Ortsschilderung zurückgreifen werden.
Wer narrative Kompetenz entwickeln will, muss einen Sinn für die Themen entwickelt, die zu Geschichten werden können. Und das sind Themen, die in der eigenen Person, im Alltag, in der Literatur, in der Zeit- und in der Familiengeschichte liegen. Ihre Aufgabe ist es, den Stoff für Ihre Geschichten dort aufzufinden. Intuition und Fantasie werden sie Ihnen nicht von selbst servieren. Sie müssen sich auf die Suche machen.
Themen für Geschichten müssen nicht per se dramatisch sein. Der ersten vagen Idee für eine mögliche Geschichte sieht man nicht immer das Potenzial an, das in ihr steckt. Ideen müssen also getestet werden, bevor wir sie einschätzen können. Statt auf die eine große, umwerfende Idee zu warten, sollten Sie viele Ideen nach ihrer Spannweite, Tiefe und Brauchbarkeit prüfen.
Natürlich eignen sich viele Themen von vornherein nicht für Geschichten. Dazu gehört in erster Linie der letzte Urlaub, die Fotosafari in Afrika, der Tauchkurs auf den Komoren und die Schönheit des neu erworbenen Autos. Sie folgen der sattsam bekannten Spur der Erlebnisindustrie und enthalten nichts wirklich Überraschendes. Wer Geschichten schreibt oder erzählt, sollte nicht versuchen, sich mit Abenteuern oder eindrucksvollen Taten interessant zu machen. Das war einmal Stoff für Geschichten – bevor Fernsehteams in die entlegensten Ecken der Welt aufbrachen und begannen, Exotik in unsere Wohnzimmer zu pumpen.
Was sich hingegen als Stoff für Geschichten erweisen könnte, sind die unerwarteten Begebenheiten, die sich neben den regulären Urlaubserlebnissen ereignen: die wirklichen Gefühle, die wirklichen Ereignisse, die wirklichen Begegnungen. Wenn Sie die erwarteten Urlaubserlebnisse mit dem kontrastieren, was wirklich geschieht, dann kann es interessant werden. Dann ist Ihr Thema aber nicht: »Wie ich den Kilimandscharo erstieg«, sondern dann sind Sie vielleicht dabei, eine Begegnung mit anderen Menschen zu schildern, die sich zufällig beim Aufstieg auf den Kilimandscharo ereignet hat.
Gute Themen sind nicht solche, bei denen ich gut dastehe. Das ist eine der größten Klippen bei der Entwicklung von Erzählkompetenz, denn Geschichten im Alltag werden in der Regel auch unter dem Aspekt der Selbstwertpflege erzählt. Sie sind also dazu da, ein positives Bild von der eigenen Person zu präsentieren. Zuhörer von Geschichten allerdings interessieren sich überhaupt nicht dafür, dass die erzählende Person dabei gut wegkommt. Sie wollen eine interessante Geschichte hören, und sie wollen die handelnde Person sympathisch finden.
In einer Zeit, in der jedes Abenteuer bis zur Genüge filmisch ausgebeutet wurde, sind es gerade die Innenwelt und das Private, aus dem der Stoff für das Erzählen kommt. Hier ist eine Liste von Quellen, in denen Sie nach Erzählstoff suchen können:
Der Alltag als Fundstelle: Unseren Alltag halten wir in der Regel nicht für würdig, Ausgangspunkt für fiktionale Erzählungen zu sein. Wir wollen ja, dass Geschichten interessant sind, und der Alltag ist so abgedroschen, dass wir ihn nicht für Geschichten hernehmen wollen. Das ist ganz verkehrt. Nur für uns selbst ist der Alltag vertraut, nicht für unsere (potenziellen) Leser. Und es kommt nicht darauf an, worüber wir schreiben, sondern wie und mit welcher Perspektive. Ich selbst war jahrelang Psychotherapeut. Die Geschichten, die ich erzählt bekam, habe ich immer nur als Krankengeschichten betrachtet, leider nicht als Quelle für fiktionale Geschichten. Außerdem war ich zur Verschwiegenheit verpflichtet, weshalb ich die Geschichten natürlich nicht wie Interviews hätte verwenden können. Aber was wichtiger war: Ich hatte einfach nicht den Blick auf die Geschichten als Fundstelle für Material und Themen.
Die eigene Kindheit plündern: Die Kindheit ist ein unerschöpflicher Quell, aus dem man Themen, Ideen und Material gewinnen kann. Wieder kommt es auf den Blick an, mit dem man auf die eigene Kindheit schaut. Memoiren enthalten nur die gereinigten, vorzeigbaren Erinnerungen und bestehen so aus konventionellen Geschichten. Spannender sind Geschichten aus der Kindheit, die die Eigenarten der kindlichen Welt zur Geltung bringen. Kinder erleben die Welt sehr intensiv und sind in ihrer Wahrnehmung noch nicht normiert wie die Erwachsenen. Wenn Sie Ihre Kindheit nach Themen durchforsten, achten Sie auf die ganz kleinen Begehrlichkeiten und Leidenschaften und die Eigenarten, von denen Sie nicht lassen wollten, obwohl Ihre Eltern sie Ihnen gerne ausgetrieben hätten. Beschreiben Sie die familiäre Routinen, die Sie liebten oder hassten, und schildern Sie, was Sie an Ihren Eltern eigenartig fanden (dazu muss man sich allerdings erst selbst die Erlaubnis geben, die Eltern als eigenartig zu empfinden). Versuchen Sie auch das zu rekonstruieren, was Sie als Kind von der Welt der Erwachsenen hielten.
Die Familiengeschichte: Hatten Sie auch einen Urgroßvater, der immer die Geschichte erzählte, wie er – es war noch während der österreichischen k.u.k.-Zeit – als Matrose eines Kriegsschiffes vor der dalmatinischen Küste von Insel zu Insel schwamm und dabei von Delphinen begleitet wurde? Oder einen Großonkel Raffael, nach dessen Tod die Familie feststellte, dass er in einer anderen österreichischen Stadt noch eine zweite Familie mit drei Töchtern hatte? Wie auch immer, all das ist Stoff für Geschichten. Notieren Sie solche Geschichten und testen Sie dabei aus, was sich aus ihnen machen lässt. Vergegenwärtigen Sie sich, dass es nicht darauf ankommt, deren Leben nachzuerzählen, sondern sich von ihrem Leben zu Geschichten anregen zu lassen. Befragen Sie Ihre älteren Verwandten, die gut Geschichten erzählen können. Lassen Sie sich Zeugnisse geben aus den Zeiten, die Sie interessieren (sofern noch vorhanden).
Anfänge sammeln: Viele Menschen, die schreiben, lassen sich von Anfangssätzen, in der Zeitungssprache auch leads genannt, zu Geschichten inspirieren. Ein Lead ist der Vorspann, der den Lesern hilft, in den Text hineinzukommen. Er hilft auch dem Schreibenden, seinen Text zu entwickeln. Beispiele für solche Anfänge aus meinem eigenen Notizbuch:
Dreimal hat mich meine Mutter ins Heim gesteckt und dreimal hat sie mich nach ein paar Wochen wieder abgeholt.
Mein Vater kam aus einer ungarischen Adelsfamilie.
Was soll ich nur mit einem Gutschein für eine Kreuzfahrt für zwei Personen anfangen?
Johannes und Julia waren beide bekannt dafür, immer die falsche Wahl zu treffen. Jetzt waren sie ein Paar.
Solche Satzanfänge sind wie Türen, hinter denen sich etwas verbirgt. Es ist oft schnell geklärt, ob eine solche Tür in eine Besenkammer, ein Kellerlabyrinth oder einen Tanzsaal führt. Einfach einmal hineinschauen, ein paar Sätze lang.
Erzählfiguren sammeln: Menschen, über die man gerne schreiben würde, begegnen einem überall, und es empfiehlt sich, möglichst viele von ihnen zu porträtieren, wie bereits in Kapitel 4 dargestellt. Wichtig dabei sind genaue Beschreibung: Was ist das Unverwechselbare an dieser Person? Woran kann man sie am einfachsten aus einer Gruppe von Menschen erkennen? Was strahlt sie aus? Kleidung, Haltung, Sprache, Gang, zu jedem Punkt ein Satz.
Dramatische Höhepunkte: Jon Franklin6 empfiehlt, nicht Anfänge, sondern dramatische Höhepunkte für Geschichten zu sammeln. Er rät, Tageszeitungen nach Berichten abzusuchen, die sich als Höhepunkt für eine Geschichte eignen. Die wenigsten dieser Geschichten enthalten genaue Berichte darüber, wie es zu diesem Höhepunkt kam. Es wird nur berichtet, dass eine Schießerei stattgefunden hat, ein Kind aus dem Fenster fiel, ein Computer gestohlen oder ein neues Geschäft wieder geschlossen wurde. Davon ausgehend kann man drangehen, zu dem jeweiligen Höhepunkt die Geschichte zu konstruieren. Hier ein Beispiel:
Wie die Polizei im lothringischen Sarrebourg mitteilte, fanden Spaziergänger während eines 1. Mai-Ausfluges im Wald auf einem Fitness-Pfad 288 sorgfältig aneinander gereihte Gartenzwerge. Die Zwerge, unter ihnen fünf Schneewittchen und ein Fußballspieler, wurden in eine Polizei-Dienststelle gebracht. Die Gartenzwerg-Bande war erstmals im Juni 1996 öffentlich aufgefallen. Zu den Entführungen hatte sich eine selbst ernannte »Befreiungsfront für Gartenzwerge« bekannt ... (Süddeutsche Zeitung, 3. Mai 2000, S. 16)
Als Autor, anders als ein Journalist, sind Sie frei darin, die Geschehnisse neu zu arrangieren, an neuen Orten anzusiedeln und mit eigenen Charakteren zu besetzen. Eine Recherche kann jedoch dabei eine Hilfe sein, wenn Sie sich von den ermittelten Fakten inspirieren lassen wollen.
Systematische Recherche: Je gezielter Sie schreiben, desto wichtiger wird die Recherche. Treffende Beschreibungen gelingen besser, wenn man das Objekt kennt, und zu vielen Themen findet man nur Zugang, wenn man über sie liest. Will man einen Optiker auftreten lassen, sollte man wissen, was er täglich tut, welche Werkzeuge er verwendet, welche Begriffe für seinen Beruf charakteristisch sind usw. Will man Sinti oder Roma in seinen Geschichten auftreten lassen, so sollte man ihnen einen Besuch abstatten, sonst reproduziert man nur die alten Klischees über Zigeuner. Durch Details macht man Optiker, Sinti und Roma erst lebendig. Die wichtigsten Rechercheinstrumente: Lexika, Fachliteratur, Internet.
Interviews: Das ist der beste Weg, um von anderen Menschen zu lernen. Die meisten von ihnen lassen sich gerne interviewen, wenn man ihnen sagt, dass man an ihren Lebenserfahrungen interessiert ist. Sie sind noch zugänglicher, wenn man ihnen gesteht, dass man ihre Erfahrungen für einen Roman oder für Geschichten braucht. Fragen der Diskretion und Vertraulichkeit sollten natürlich vorab angesprochen werden. Tonbandaufzeichnungen sind ratsam, wenn nicht unverzichtbar, da es oft nicht nur darauf ankommt, was die Interviewpartner sagen, sondern auch, wie sie es tun. Bei Interviews sollte man zweierlei beachten: Erstens sollte man wissen, was man erfahren will. Dazu sollte man sich eine Liste der globalen Themen machen, die man ansprechen will, und gegebenenfalls einige Stichpunkte zur Präzisierung dieser Themen. Zweitens sollte man genügend offen in Interviews gehen, damit man allem hinterherfragen kann, was interessant erscheint. Statt Meinungen und Ansichten abzufragen, sollte man nach Lebenserfahrungen und Geschichten aus dem Leben Ausschau halten. Je konkreter die Geschichten sind, desto mehr kann man in der Regel mit ihnen anfangen.
Orte: Landschaften, Städte, Bahnhöfe usw. zu beschreiben setzt in der Regel voraus, dass man sie aus eigener Anschauung kennt. Das Beschreiben ist wesentlich einfacher, wenn man das Objekt vor sich hat, als wenn man es aus dem Gedächtnis versucht.
Wenn man von einer unendlichen thematischen Vielfalt für Geschichten ausgeht, sollte man allerdings auch dazu sagen, dass es kühle Köpfe gibt, die die Anzahl dramatischer Stoffe radikal eingrenzen. So hat George Polti7 36 dramatische Situationen zusammengestellt, die er als erschöpfende Aufzählung aller möglichen Plots begreift. Polti wertete eine Menge klassischer Theaterstücke aus, kategorisierte ihre Inhalte und beschrieb jeweils die wichtigsten Variationen des Themas. Ein Katalog von zwanzig Masterplots findet sich bei Ronald Tobias8. Das ist eine immer noch relativ stark an Polti angelehnte, jedoch abgespeckte und modernisierte Sammlung, die mit konkreten Hinweisen für die Strukturierung der Plots versehen ist. Die Themen: die Suche, das Abenteuer, die Verfolgung, die Rettung, die Flucht, die Rache, das Rätsel, die Rivalität, der Underdog, die Versuchung, die Metamorphose, die Verwandlung, die Reifung, die Liebe, die verbotene Liebe, das Opfer, die Entdeckung, die Grenzerfahrung, Aufstieg und Fall.
Betrachtet man solche Listen, fragt man sich unwillkürlich, ob man überhaupt noch neue Themen finden kann. In gewisser Weise wird man immer auf ähnliche Kernthemen der Menschheit stoßen. Neues in der Literatur entsteht also nicht unbedingt durch neue Themen, sondern in der Regel durch die Art, wie Themen aufbereitet und dargestellt werden.
In der Fotografie, so will es eine alte Weisheit, bekommt man gute Fotos dadurch, dass man die schlechten wegwirft. So hat man beliebig viele Versuche frei und behält nur die Bilder, die gelungen sind. Beim Schreiben geht das nicht. Hier lautet die Formel: Gute Texte erhält man, indem man die schlechten immer wieder überarbeitet. Wenn es eine Wahrheit über Texte gibt, dann die, dass sie im ersten Anlauf so gut wie nie perfekt werden. Grundsätzlich sind also alle Texte erst einmal überarbeitungsbedürftig. Das ist der normale Stand der Dinge. Ausnahmen: keine.
Eigene Texte zu überarbeiten (oder zu revidieren, zu redigieren, zu lektorieren) ist anfangs unangenehm und mühsam. Für alle Novizen der Schreibkunst ist es schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass mit dem ersten Entwurf erst die Hälfte, oft sogar nur ein Drittel der Arbeit getan ist. Und das bleibt so. In den Verzeichnissen meines Notebooks finde ich immer wieder Dateien ein und desselben Textes in zehn bis 15 Versionen, bis ich schließlich zufrieden war und den fraglichen Text freigeben konnte. Es ist auch keineswegs so, dass mit wachsender Erfahrung die Notwendigkeit, seine Texte zu überarbeiten, abnimmt. Der einzige Unterschied zwischen den Erfahrenen und den Novizen besteht darin, dass die Erfahrenen es bereitwillig und manchmal sogar gerne tun. Was macht Autoren anfangs das Überarbeiten so schwer?
Sie sind stolz darauf, einen Text fertig gestellt zu haben, und erleben Kritik als herabsetzend.
Sie sehen ihren Text aus der Innenperspektive, also aus dem, was sie sich selbst für eine Vorstellung zu ihrer Geschichte machen, und wissen nicht, dass die Vorstellung der möglichen Leser meilenweit davon entfernt sein kann.
Sie haben gerade erst den Schlusssatz zu Papier gebracht und nun noch gar keine Distanz zu ihrem Text.
Sie wollen sich nicht von mühsam formulierten Textbestandteilen trennen, denn Formulieren ist harte Arbeit für sie.
Donald M. Murray9 empfiehlt trotz dieser Widerstände, das Überarbeiten zu zelebrieren und sich bewusst zu machen, dass es dem Autor die zweite Chance bietet, die zum Beispiel der Fotograf nicht hat.
Mit dem Überarbeiten beginnt man nicht erst dann, wenn ein Rohtext fertig gestellt ist, sondern man tut es kontinuierlich während des Schreibens. Sie kennen das wahrscheinlich aus Ihrem eigenen Schreibverhalten: Wenn Sie einige Zeilen getippt haben, beginnen Sie bereits, den entstandenen Text zu lesen, und fangen an, ihn zu verändern. Grund für diese Veränderungen ist in der Regel ein ziemlich promptes
Unbehagen über das soeben Geschriebene. Man glaubt, man habe sich nicht genau genug ausgedrückt, findet die Formulierungen nicht schön, ist mit der Satzkonstruktion unzufrieden oder korrigiert Rechtschreibfehler. Diese ständigen Textrevisionen sind beim Schreiben so selbstverständlich, dass man sie als elementaren Bestandteil des Formulierens versteht.
In der Praxis des Schreibens sollte man einige Regeln dazu beherzigen, wann der geeignete Zeitpunkt zum Überarbeiten gekommen ist und wann man den Impuls zum Überarbeiten bewusst unterdrücken sollte. Denn fängt man an, eine Geschichte zu verändern, ehe man sie zu Ende geschrieben hat, verpfuscht man sie oft. Man unterbricht den kreativen Prozess und schaltet zu schnell auf das kritische, beurteilende Denken um. Eine Geschichte zu entwickeln heißt oft, sich treiben zu lassen, Impulsen, Gefühlen, Metaphern, Assoziationen, Anmutungen, einer vagen Idee zu folgen. Das ist kein logisches, sondern ein emotional-intuitives Vorgehen. Überarbeiten dagegen heißt, kritisch zu prüfen, zu analysieren, strukturieren und optimieren. Dabei ist die andere Gehirnhälfte gefordert.
Im Allgemeinen muss man sich darauf einstellen, immer beides abwechselnd zu tun. Es lohnt sich aber, sich einige der unterschiedlichen Revisionsmöglichkeiten anzusehen, um entscheiden zu können, welche man sofort in Angriff nimmt und welche man zurückstellt. Donald D. Murray10 hat die wichtigsten Arten des Überarbeitens zusammengestellt:
überarbeiten, um zu fokussieren,
überarbeiten, um Material zu sammeln,
überarbeiten, um die äußere Form zu finden,
überarbeiten, um das Thema zu entwickeln,
überarbeiten, um die innere Ordnung zu finden,
überarbeiten, um die Erzählstimme wahrnehmbar zu machen,
überarbeiten als redigieren.
Überarbeiten, um zu fokussieren: Wie im Film muss man auch beim Schreiben in jedem Augenblick entscheiden, welcher Gedanke, welcher Inhalt scharf gestellt wird. Dabei kommt es darauf an, den Vordergrund des Textes, seinen Brennpunkt, genau zu bestimmen. An diesem Fokus richtet sich die Aufmerksamkeit der Leser aus. Somit kann ich als Autor bestimmen, welche Informationen im Zentrum dieser Aufmerksamkeit stehen sollen. Anders als im Film, in dem Informationen simultan auf mehreren Ebenen und Kanälen (Bild, Sprache, Musik) gegeben werden, löst der geschriebene Text komplexe Zusammenhänge immer in kleine Informationseinheiten, in Wörter und Sätze auf, die nacheinander präsentiert werden. Das nennt man »Sequenzialisierung«. Hier ist es besonders wichtig, die Reihenfolge der Präsentation genau zu beachten und zu überlegen, welche Information als nächste benötigt wird, damit die Leser in ihrer Vorstellung ein bestimmtes Bild konstruieren können. Fokussieren ist eine Art der Überarbeitung, die sowohl kontinuierlich beim Scheiben als auch abermals nach Fertigstellung des Rohtextes geleistet werden muss.
Überarbeiten, um Material zu sammeln: Oft stellt man beim Schreiben fest, dass man zu wenig über die Gegenstände, Orte, Personen weiß, über die man schreibt. Dann ist es nötig, zu recherchieren und die Ergebnisse der Recherche wieder in den Text einzuarbeiten. Diese Form des Überarbeitens kann zu jedem beliebigen Zeitpunkt des Schreibens nötig werden. Es ist sinnvoll, nötige Recherchen nicht zu lange zurückzustellen, da ihre Ergebnisse den Inhalt einer Geschichte erheblich beeinflussen. Sie sind wichtige Ideengeber.
Überarbeiten, um die äußere Form zu finden: Oft entwickelt sich erst beim Scheiben eine Vorstellung davon, welche Form eine Geschichte annehmen und welches Format sie haben wird. Das ist eine Art der Revision, die erst nach Fertigstellung des Rohtextes sinnvoll ist – frühestens zu dem Zeitpunkt, an dem die Geschichte Gestalt annimmt.
Überarbeiten, um das Thema zu entwickeln: Vielen Geschichten fehlt anfangs noch Tiefe. Ihr Text folgt vielleicht einer interessanten Idee, aber die erste Fassung ist noch oberflächlich, unzureichend ausgearbeitet, widersprüchlich. In der Auseinandersetzung mit dem eigenen Text kann man beginnen herauszufinden, was die Geschichte eigentlich sagen will, worum es in ihr tatsächlich geht, was Kern, was Beiwerk ist. Was häufig neu überdacht werden muss, sind die Charaktere. Sie sind anfangs oft zu eng ausgelegt, und ihre wirkliche Bestimmung zu überschauen erfordert vom Autor viel psychologische Gedankenarbeit. Dieser Überarbeitungsschritt ist sinnvollerweise erst dann zu leisten, wenn man etwas Distanz zu dem Text gewonnen hat. In der Realität merkt man allerdings schon beim Schreiben oft, dass vorherige Festlegungen voreilig waren, dass der Protagonist jünger oder älter sein muss, dass das Kernmotiv nicht Rache, sondern Verantwortung ist, dass der Antagonist noch mächtiger gemacht werden muss usw.
Überarbeiten, um die innere Ordnung zu finden: Hiermit sind Prämisse, Plot und dramatische Struktur gemeint. Wenn man sich klar ist, worum es in der Geschichte geht, kann man über die endgültige Struktur entscheiden. Oft muss noch nach einem ersten Entwurf die Erzählperspektive neu überdacht oder die Geschichte statt im Präteritum im Präsens erzählt werden.
Überarbeiten, um die Erzählstimme wahrnehmbar zu machen: Wenn man mit den Inhalten einer Geschichte zu Rande gekommen ist, ist es sinnvoll, die Erzählstimme zu überprüfen. Ist deren Sprache angemessen? Ist die Erzählstimme für die Leser zu distanziert? Welche alternative Erzählweise könnte man versuchen? Wie wirkt die Geschichte, wenn sie laut vorgelesen wird? Sollte der Erzähler durch seine Stimme wahrnehmbar gemacht werden oder sollte er unsichtbar sein? Zur Überarbeitung der Erzählstimme gehört natürlich auch die Überarbeitung der Erzählperspektive.
Überarbeiten als Redigieren: Redigieren ist der Überarbeitungsprozess, der den Text adressatenfreundlich aufbereitet, so dass er die Darstellungskonventionen und Erwartungen erfüllt, die an ihn gestellt werden. Dazu gehören neben der Rechtschreib- und Grammatikprüfung auch die Gestaltung von Kapiteln und Überschriften sowie die Prüfung aller Formulierungen, Adjektive, Metaphern nach ihrer Stimmigkeit und Angemessenheit. Dieser Schritt ist erst zu leisten, wenn alle inhaltlichen Revisionen getätigt sind.
Während die meisten Texte daran leiden, zu wenig überarbeitet worden zu sein, gibt es auch das Gegenteil davon: das zwanghafte Überarbeiten. Man kann Texte auch zu Tode überarbeiten, sie in Grund und Boden revidieren. Für Victoria Nelson11 ist obsessives Überarbeiten der meist zum Scheitern verurteilte Versuch, die Qualität eines Textes mit Gewalt verbessern zu wollen. Das behutsame Überarbeiten, meint sie, gleicht dem Polieren eines Diamanten. Hat man es stattdessen mit einem Kiesel zu tun, kann man polieren, wie man will: Der Rohling bleibt ein Kiesel und wird nie zum Diamanten werden.
Am schwersten fällt es anfangs, überflüssige Textbestandteile wieder zu streichen. Sätze und Passagen, an denen man sich wund formuliert hat, wieder zu verwerfen, ist hart. Aber es muss sein. Was nichts zu einer Geschichte beiträgt, hat im Text nichts verloren.
Der erste Überarbeitungsgang sollte auf die Ebene des Plots abzielen. Gehen Sie die einzelnen Szenen durch und streichen Sie heraus, was nicht unbedingt zum Verständnis nötig oder was nicht sonderlich interessant ist.
Als Zweites sollten Sie sich die Erzählerkommentare anschauen. Sie sind oft überflüssiges Beiwerk, philosophische Ergüsse, die man als Autor für tiefsinnig hält, die aber die Geschichte nur aufhalten. Für die Leser wirken sie wie Stolpersteine, bei denen das Interesse erlahmt und der fiktionale Traum abreißt. Lassen Sie die Personen für sich sprechen.
Als Drittes müssen Sie sich den Wiederholungen widmen. Dazu brauchen Sie ein bisschen zeitlichen Abstand zur Niederschrift. Nur wenn Sie Ihren eigenen Text mit Distanz lesen, können Sie die Redundanzen erkennen und streichen. Die Erzähldichte ist in den meisten Geschichten ungleichmäßig. Oft erzählen wir an einzelnen Stellen differenzierter, liefern ausladendere Beschreibungen, mehr Hintergrundmaterial als an anderen Stellen. Dort, wo es zu dicht ist, muss man hobeln.
Auch die Überarbeitung von Plot und dramatischer Struktur gelingt nur, wenn man so viel Distanz zum eigenen Text gewinnen kann, dass man ihn wieder mit frischen Augen ansehen, also aus der Perspektive eines Lesers betrachten kann. Es ist wichtig, den Text nach Fertigstellung mindestens einige Wochen, wenn nicht gar Monate, liegen zu lassen und dann noch einmal an die Arbeit zu gehen.
Unterdrücken Sie beim ersten Lesen nach der Pause aktiv den Drang, stilistische Korrekturen vorzunehmen, das können Sie später noch tun. Nutzen Sie die gewonnene Distanz dazu, die Wirkung Ihres Textes zu prüfen. Lesen Sie dazu den Text auf dem Papier, nicht im Computer. Das Medium Papier lässt Ihren Text klarer zur Geltung kommen als der Bildschirm. Prüfen Sie folgende Aspekte:
Einleitung: Sind Sie schnell genug mitten im Geschehen? Oder ist eine Durststrecke vorgeschaltet, die die Leser erst überwinden müssen? Versuchen Sie es damit, dass Sie alles, was anfangs zu ausführlich und weit ausgeholt ist, aus dem Text nehmen und ggf. an einer späteren Stelle platzieren. Die Einleitung ist die wichtigste Prüfung, die Ihr Text bestehen muss. An ihr entscheidet sich, ob der Text gelesen wird oder nicht. Auch der gewogenste Leser opfert Ihnen zuliebe nicht mehr als eine viertel Stunde, dann müssen Sie sein Interesse geweckt haben.
Andeutungen und Versprechungen: Das Interesse des Lesers lässt sich wecken, wenn Sie Andeutungen auf späteres Unheil, auf Aktion, Verwicklungen usw. machen. Nutzen Sie dieses Stilmittel. Gehen Sie jedoch sicher, dass Sie die Versprechungen später auch einlösen, sonst wirken sie nur wie Schaum.
Tempo des Textes: Werden Sie ungeduldig beim Lesen? Oder geht es Ihnen zu schnell? Wenn die Geschichte sich zu langsam entfaltet, suchen Sie nach den »Bremsen« und nehmen Sie sie heraus oder versuchen Sie, Ihre Sprache zu verdichten, indem Sie sie knapper und direkter halten. Ist Ihr Text eher kurzatmig, versuchen Sie, die szenischen Darstellungen zu verstärken, so dass die Leser mehr »sehen«.
Einfügen, was essenziell ist: Das, was man als Autor beim Schreiben sieht, ist etwas anderes als das, was Leser sehen. Und in dem Dilemma, nicht zu weitschweifig zu sein, lässt man vieles unausgesprochen, was für den Plot wichtig ist. Prüfen Sie: Ist die Handlung nachvollziehbar oder fehlen Informationen? Sind die Gefühle des Protagonisten verständlich oder müssen sie deutlicher ausgeführt werden? Sind die Überlegungen (innerer Monolog usw.) des Protagonisten so weit expliziert, dass man seine Reaktionen verstehen kann?
Spannung: Bei der Gestaltung des dramatischen Aufbaus haben Sie sich viele Gedanken darüber gemacht, wie Sie Spannung erzeugen können. Jetzt müssen Sie prüfen, ob Ihr Konzept auch wirkt. Leider liegen Absicht und Ausführung oft weit auseinander. Spannung entsteht dadurch, dass sich den Lesern Fragen aufwerfen, die sie beantwortet haben wollen. Das wichtigste Mittel dazu ist Konflikt. Erzählfiguren in schwierigen Situationen zu erleben, weckt die Neugier darauf, wie sie sich in ihnen behaupten. Also ist es Ihre Aufgabe, die Schwierigkeiten der Figuren zu maximieren. Prüfen Sie, ob es tatsächliche existentielle Probleme sind, die Ihre Figuren zu lösen haben, und legen Sie ihnen gegebenenfalls einige zusätzliche Steine in den Weg, damit sie es möglichst schwer haben. Konflikt lässt sich aber auch dadurch steigern, dass der Protagonist geringere Mittel zur Verfügung hat oder Schwächen aufweist, die ihm die Lösung erschweren.
Erzählposition: Achten Sie darauf, dass Sie die gewählte Erzählposition einhalten und nur in begründeten Fällen von ihr abweichen. Für die Leser definiert die Erzählposition die Perspektive, aus der sie auf das Geschehen schauen. Sie sind irritiert, wenn die Perspektive wechselt. Wenn Sie sich dafür entschieden haben, zu welchen Figuren Sie einen personalen Zugang gewählt haben, dann sollten Sie nicht mehr davon abweichen.
Erzähfguren: Versuchen Sie, aus Ihrem Text ein neues Bild von Ihren Erzählfiguren zu gewinnen. Lesen Sie, was Sie tatsächlich über sie geschrieben haben, und betrachten Sie, ob das Ihrem vorgefassten Bild entspricht. Ist Ihr Protagonist interessant genug? Hat er genug Ecken und Kanten? Werden Ihre Nebenfiguren lebendig oder bleiben sie schematisch? Fügen Sie konkrete Details ein, wenn sie zu blass oder zu stereotyp sind. Charakterisieren Sie sie nicht zu umfassend, sondern geben Sie den Lesern einige wenige Detailinformationen, die auf ihr Wesen schließen lassen.
Dialoge: Beim Lesen sollte man Dialoge laut vorlesen, um sich einen Eindruck von deren Lebendigkeit machen zu können. Achten Sie auf Redundanzen in den Dialogen und auf eine gute Einbettung in die szenische Darstellung. Überzeugen Sie sich davon, dass die Dialoge wie gesprochene Sprache wirken. Prüfen Sie weiterhin, ob sich die Sprech- und Ausdrucksweisen der einzelnen Figuren voneinander unterscheiden und der Figur angemessen sind.
Höhepunkt: Entwickelt sich die Spannung kontinuierlich zu einem Höhepunkt hin oder gibt es mehrere Gipfel? Wenn Sie mehrere Höhepunkte haben (was in längeren Erzählungen legitim ist), sollte der letzte Höhepunkt die anderen übertreffen, damit die Spannung bis zum Schluss erhalten bleibt.
Schluss: Führen Sie alle Erzählstränge zu Ende? Beantworten Sie alle Fragen, die aufgeworfen wurden? Wirkt die Erzählung abgeschlossen? Die Gestaltung des Endes verlangt einen guten Kompromiss, einerseits genau auszuführen, welche Folgen sich aus der Auflösung ergeben, und andererseits offen zu lassen, was sich von allein erschließen lässt. Auskunft sollten Sie darüber geben, was aus den wichtigen Anliegen Ihres Protagonisten wird, da damit der Sinn für Abgeschlossenheit der Geschichte hergestellt wird.
Von unschätzbarem Nutzen ist bei der Überarbeitung das Urteil kompetenter Testleser. Nicht alle Ihre Freunde sind aber in der Kunst, Rückmeldung zu geben, bewandert. Meist erhalten Sie persönlich gefärbte Kommentare, die Gefallen oder Missfallen ausdrücken, ohne dass Sie Anhaltspunkte darüber bekämen, was Sie ändern könnten. Es kommt also darauf an, Rückmeldung von Lesern zu erhalten, die wissen, wie man Texte herstellt und verbessern kann. Eine große Hilfe sind die Lektorate der Verlage, und Sie sollten, wenn Ihr Text zur Veröffentlichung ansteht, diese Hilfe nicht notgedrungen akzeptieren, sondern im Gegenteil suchen und einfordern.
Wörter sind der Rohstoff der Texte, die Bausteine gewissermaßen, mit denen Autoren arbeiten. Wer schreiben will, muss sich mit diesen Bausteinen beschäftigen. Anfangs ist man oft versucht, Wörter unkonventionell zu verwenden oder neue Wörter zu erfinden. Das geht in den seltensten Fällen gut. Die erste Aufgabe, die sich Schreibenden stellt, ist es, die konventionellen Strukturen der Sprache zu erkunden und zu realisieren. Sprache lebt von der Übereinkunft darüber, wie Wörter, Sätze, Ausdrücke, Metaphern und grammatikalische Konstruktionen verstanden werden. Diese Übereinkünfte zu verstehen und zu respektieren ist Ihre erste Aufgabe. Darüber hinauszukommen, mit Sprache zu experimentieren und eine persönliche Sprache zu finden, ist eine zweite Aufgabe, die nur gelingt, wenn man die erste gelöst hat.
Die stilistische Überarbeitung ist ein Prozess, den man automatisch während des Schreibens leistet. Sinnvoll ist es jedoch, sich diese Arbeit bis zum Ende des Manuskripts aufzusparen, um nicht Energie in Textteile zu investieren, die man später umschreiben oder streichen muss.
Wenn Sie anfangen, literarische Texte zu schreiben, ist es wichtig, sich nicht allzu früh um stilistische Belange zu kümmern. Natürlich weiß ich, dass Sie das dennoch tun werden. Bei jedem Satz wird eine innere Stimme Sie fragen, ob er auch gut ist, ob er sich durch literarische Qualität auszeichnet und ob er dem kritischen Blick des Literarischen Quartetts standhalten würde. Versuchen Sie unbedingt, diese Stimme zu überhören. Schauen Sie stattdessen, dass Sie ins Schreiben kommen, dass Sie eine einfache Sprache verwenden, dass Sie sich auf das konzentrieren, was Sie sagen wollen, und dass Sie die Geschichte zu Ende bringen, ehe Sie Ihre Sprache kritisch prüfen.
Jane Smiley12 rät, nur insofern am eigenen Stil zu arbeiten, als man sich zwingt, sprachlich genau zu sein. Wenn man die Figuren und die Handlung ausgearbeitet und die Szenen genau gestaltet hat, so meint sie, dann wird auch der Stil spezifisch, das heißt dem angemessen sein, was Sie erzählen. Stil, so fährt sie fort, reflektiert das Wissen von der Handlung, die man beschreibt, und von der eigenen Einstellung zu ihr. Wenn man der selbst entworfenen Handlung fremd gegenübersteht oder den Kontext einer Handlung nicht entwickeln kann, dann kann man das auch stilistisch nicht reparieren. Man sollte nicht versuchen, mit einem originellen Stil die Konstruktionsmängel einer Erzählung zu überdecken. Das wirkt gekünstelt und langweilig.
Angehende Autoren sollten gegenüber der Sprache von vornherein eine gewisse Demut entwickeln. Ich benutze mit Bedacht diesen etwas pathetischen Begriff, weil ich einen gelungenen Text immer als ein Geschenk betrachte. Man kann eine reiche Sprache nicht erzwingen und weder mit Logik noch mit Kreativitätstechniken herstellen. Der Schriftsteller Sten Nadolny13 drückt das folgendermaßen aus:
Die Sprache ist ein in der Tat wunderbares, aber nicht notwendig schönes, dazu reichlich störrisches Verkehrsmittel. Die Sprache ist eine hinreißend eigensinnige Dienerin, und sie bleibt nur hinreißend, wenn sie beides ist: eigensinnig und Dienerin. Sie muss Lasten tragen, aber sie kann sie auch abwerfen. Sie bedient die Mächtigen wie die Rebellen, aber sie kann dafür sorgen, dass sie sich selbst verspotten – und das mit ihren eigenen Pamphleten. Sie spottet überhaupt gerne. Wer sie zur Königin erheben will, über den kichert sie. Wer sie zu hoch bepackt, der bringt sie nicht vom Fleck. Bescheidenheit der Sprache ist angebracht, die vor allem eine Bescheidenheit ihr gegenüber ist, denn sie ist selbst wer. Wo es nötig ist, wird sie sich immer von allein aus der Bescheidenheit erheben und etwas nahelegen: eine Anfügung, einen ironischen Tonfall, einen Tempowechsel – der dann wirklich etwas zu tun hat mit dem Vorgang und den Gefühlen, die gemeint sind.
Wer zu schreiben beginnt, kommt nicht umhin, sich eine der gängigen Stillehren anzuschaffen und sich damit zu beschäftigen, wie man gutes Deutsch schreibt. Im Folgenden will ich einige besonders wichtige stilistische Überarbeitungsschritte nennen, die bei den ersten Geschichten von Bedeutung sind.
Einfachheit: Machen Sie Ihre Sprache im Zweifelsfall immer eine Stufe einfacher. Der Reflex, durch eine komplizierte Sprache zu beeindrucken, ist nur schwer zu unterdrücken. Eindruck machen Sie aber viel mehr durch eine einfache Sprache. Sie verhindern damit zudem, dass die Sprache sich zwischen Sie und Ihre Leser stellt, denn einen fiktionalen Traum erzeugen Sie umso besser, je müheloser die Sprache aufgenommen wird. Einfach bedeutet nicht schmucklos. Zu funkeln beginnt Sprache dann, wenn sie genau ist und die Ausdrücke und Aussagen treffen. Nehmen Sie einen Ihrer Texte und betrachten Sie die Sätze nach ihrer Komplexität. Versuchen Sie herauszufinden, was sich ändert, wenn Sie die Zahl der Sätze verdoppeln (das heißt jeden Satz teilen).
Direktheit: In schriftlichen Texten, die an unbekannte Adressaten gerichtet sind, tendieren wir dazu, sehr explizit zu sein, weil wir glauben, den Lesern auch den Kontext mitliefern zu müssen. Zu explizite Sprache wirkt aber distanziert. Gegenüber Freunden, mit denen ich Wissen und Ansichten teile, kann ich mich knapp ausdrücken. Behandeln Sie Ihre Leser wie Ihre besten Freunde. Nehmen Sie einen Ihrer Texte und streichen Sie probehalber alle Kontextinformationen, so dass die Leser wie Eingeweihte angesprochen werden, die mit allem vertraut sind und nur über das Neueste informiert werden müssen.
Klang und Rhythmus: Ist man beim Erzählen stark mit Figuren, Szenen und Plot beschäftigt, vergisst man mitunter, auch an Klang und Rhythmus zu denken. Hier hilft nur Vorlesen. Nehmen Sie einige Textpassagen und lesen Sie sie laut, um einen Eindruck von der Satzmelodie und dem Rhythmus zu erhalten. Transformieren Sie den Text dann so, dass ein konsistenter Rhythmus entsteht, und schreiben Sie dann in diesem Rhythmus weiter. Testen Sie diesen Rhythmus, bis Sie Ihren persönlichen Rhythmus gefunden haben.
Adjektive: Gehen Sie alle Adjektive durch und prüfen Sie zunächst jedes einzelne darauf hin, ob es wirklich benötigt wird. Viele Sätze wirken stärker ohne Adjektive. Streichen Sie radikal alle abgegriffenen Adjektive: volle Lippen, gespenstische Ruhe, passende Augenblicke, nackte Tatsachen, entspannende Bäder, schillernde Persönlichkeiten, lärmende Kinder. Diese Adjektive sind so oft mit den entsprechenden Substantiven verwendet worden, dass sie keine eigenständige Information mehr transportieren. Streichen Sie weiterhin alle Adjektive, die einem Substantiv mehr Gewicht, Größe, Bedeutung oder Schönheit verleihen wollen. Duftende Rosensträucher, elegante Frauen, großartige Perspektiven, betörende Gesänge, leckere Gerichte (Spaghetti) usw. sind leere Formeln. Vermitteln Sie lieber einen sinnlichen Eindruck davon, warum die Spaghetti lecker sind und wie der Rosenstrauch duftet. Einfache Proklamationen dessen, dass etwas gut, schön, groß, bedeutend ist, überzeugt die Leser nicht. Eine Niederlage ist bereits eine herbe Sache. Man muss sie nicht noch groß, bitter, schwer, drückend, verheerend usw. machen. Wenn Sie ein Adjektiv verwenden, dann eines, das uns eine Nuance der Niederlage aufzeigt, die in dem Ursprungswort noch nicht enthalten ist. Also eine unerwartete, eine selbst verschuldete oder eine kleingeredete Niederlage – das können durchaus passable Formulierungen sein. Hier liefert das Adjektiv zum Substantiv eine ergänzende Information. Machen Sie es sich zum Grundsatz, bei jedem Adjektiv zu begründen, warum es unerlässlich ist. Alle anderen sind verzichtbar.
Adverbien: Adverbien sind Zusätze zum Verb, die seine Aussage modifizieren. Viele Adverbien stärken oder mindern die Aussage, die das Verb trifft: beinahe, fast, größtenteils, teilweise, mindestens, wahrscheinlich, ungefähr, ziemlich, völlig, äußerst, recht, noch usw. Diese Adverbien verwässern und verwaschen klare Aussagen. Wir verwenden solche Adverbien aus einem Gefühl heraus, dass wir mit ihrer Hilfe den Wahrheitsgehalt von Aussagen genauer treffen. In wissenschaftlichen Texten mag das gerechtfertigt sein. In Geschichten ist die Präzisierung des Wahrheitsgehalts irrelevant. »Er trank ungefähr fünf Bier« - das mag ein im Alltag nützlicher Hinweis darauf sein, dass Sie nicht genau wissen, wie viele Gläser es nun waren. In Ihrer Geschichte aber sind Sie Autor, und als Autor sind Sie nicht nur berechtigt, sondern Ihren Lesern gegenüber verpflichtet, genau zu wissen, wieviel Ihre Figuren getrunken haben. Gehen Sie also Ihre Texte durch und streichen Sie alle Adverbien, mit denen Sie präzise Aussagen vernebeln.
Metaphern und Vergleiche: Sie sind Bilder, mit denen wir versuchen, einen Sachverhalt zu beschreiben. In beiden wird die Bedeutung des Bildes auf diesen Sachverhalt übertragen. Die Metapher »die Stadt ist ein brodelnder Hexenkessel« beispielsweise benutzt ein Bild aus der Alchimie zur Beschreibung der Ereignisse in der Stadt. Vergleiche unterscheidet sich von Metaphern dadurch, dass in ihnen der Ausdruck durch ein »wie« als übertragenes Bild kenntlich gemacht wird: »Die Stadt ist wie ein brodelnder Hexenkessel.« Mit der Metapher dagegen wird durch das »ist« eine scheinbare Identität behauptet. Durch Metaphern und Vergleiche wird die Sprache bildhaft; beide gehören zu den wichtigsten Zutaten einer poetischen Sprache. Beide aber sind im Einzelfall sehr genau zu prüfen und zwar danach, ob sie stimmig sind und ob sie originell sind. Stolz wie ein Gockel, vertraut wie die eigene Hosentasche, hoch wie ein Kirchturm, schnell wie der Wind, sich freuen wie der Schneekönig usw. – das sind Vergleiche, die so klischeehaft sind, dass sie statt eines bildlichen Eindrucks nur ein Gähnen beim Leser hervorrufen. Nicht viel anders steht es mit Metaphern wie: im Herbst des Lebens, ein Meer an Tränen, jemand in die Suppe spucken, auf der Stelle treten, jemandem ein Bein stellen usw. Da sollte man genau prüfen, ob sie stimmig oder schief sind und ob sie einen unverbrauchten Eindruck machen.
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1So zum Beispiel von Peter Elbow, Writing without Teachers, 1973, Gabriele Rico, Garantiert Schreiben lernen, 1984
2Sten Nadolny, Das Erzählen und die guten Absichten, 1997, S. 36
3Ebd.
4Bill Roorbach, Writing Life Stories, 1998
5Natalie Goldberg, Writing down The Bones, 1998, S. 189
6Jon Franklin, Writing for Story 1994, S. 77ff
7Polti, George (1977). The thirty-six Dramatic Situations. Boston: The Writer (Original erschienen 1921)
8Ronald B. Tobias, Zwanzig Masterplots, 1999
9Donald M. Murray, The Craft of Revision, 1998, S 2
10Ebd., S. 29ff.
11Victoria Nelson, On Writer's Block, 1993, S. 103
12Jane Smiley, What Stories Teach Their Writers, 1999, S. 253
13Sten Nadolny, Das Erzählen und die guten Absichten, 1997, S. 86