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Autor: Kruse, Otto.

Titel: Kunst und Technik des Erzählens.

Quelle: Otto Kruse: Kunst und Technik des Erzählens. Frankfurt/ Main, 2. Auflage, 2002. S. 97-122.

Verlag: Zweitausendeins.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags.



Otto Kruse

Kunst und Technik des Erzählens (Auszüge)



Inhaltsverzeichnis

Die eigene Erzählstimme finden 2

Fertig machen zum Schreiben! 2

Mündliches Erzählen 3

Lautes Denken 5

Imagination 6

Assoziationen 9

Das Ungesagte sagen 11

Fiktionalisierung der Kindheit 14

Meine schönste Beichte 17

Kindergeschichten 18

Ausreden erfinden 20

Warum schreiben? 21

Den Schreibprozess organisieren 23

Schreiben als Lebenshaltung 23

Von der unendlichen Vielfalt des Möglichen und den ewigen Themen 26

Frust und Lust der Überarbeitung 32

Plot und Struktur überarbeiten 36

Sprachliche Überarbeitung 39



Die eigene Erzählstimme finden

Dieses Kapitel hat die Funktion, Sie ins Erzählen zu bringen und das Erzählen in Ihren vertrauten Sprachmustern zu verankern. Sie werden zunächst einige Hinweise darauf bekommen, wie Sie an die ersten Schreibübungen herangehen sollten. Der Rest des Kapitels besteht aus kurzen Übungen, die Ihnen helfen, einen Einstieg ins Erzählen zu finden, ohne dass Sie dabei durch zu viel methodische Überlegungen bereits wieder blockiert werden.

Fertig machen zum Schreiben!

Wer zum ersten Mal Geschichten schreibt, gerät in der Regel in eine etwas förmliche Sprache, die ungefähr einer schriftlichen Zeugenaussage vor Gericht gleicht. Das hängt damit zusammen, dass wir im Kopf die Sprache zum Sprechen fein säuberlich von der Sprache zum Schreiben getrennt haben. In geschriebenen Texten, so haben wir gelernt, müssen wir uns »gewählt« ausdrücken, was heißt, Alltagsausdrücke und umgangssprachliche Wendungen zu vermeiden. Dass solche Texte gestelzt wirken, erleben viele Menschen bei ihren ersten kreativen Schreibversuchen. Die Übungen in diesem Kapitel dienen dem Zweck, bei einer einfachen, aber eigenen Sprache neu anzufangen.

Hilfreich ist es auch, wenn Sie spielerisch an die Aufgaben herangehen und weniger mit dem Verstand als mit dem Gefühl arbeiten. Wenn Sie von Anfang an beim Erzählen zu sehr konstruieren, dann werden Sie keine Freude am Erzählen gewinnen. »Fabulieren« ist ein guter Begriff für die ersten Übungen. Fabulieren heißt, sich am Wort entlangzuhangeln, nicht am Sinn oder an der Erinnerung.

Ihre Erzählstimme ist ein eingefahrenes, vertrautes Muster des Erzählens, das Sie in bestimmten Situationen ohne nachzudenken einsetzen können. Genau betrachtet haben Sie mehrere Erzählstimmen bzw. mehrere Quellen, aus denen sie gespeist werden. Deshalb sind mehrere Übungen nötig. Wenn Ihnen eine dieser Übungen nicht gelingt, ist das nicht tragisch. Probieren Sie sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal aus; wenn es dann auch nicht geht, geben Sie es auf. Sie haben vielleicht keine ausgeprägte Stimme dazu.

Die folgenden Übungen sollen Ihnen helfen, Ihre Erzählstimme dingfest zu machen und festzustellen, welche Variationsbreite sie auszeichnet. Was daraus für Texte entstehen, ist nicht so wichtig. In den nächsten Kapiteln werden Sie dann mehr darüber erfahren, woraus Erzählungen bestehen.

Bitte rufen Sie sich ins Gedächtnis zurück, was Sie in dem betreffenden Abschnitt von Kapitel 2 über die »Erzählstimme« bereits gelesen haben: dass es sich dabei um die narrativen Eigenarten des Erzählers der jeweiligen Geschichte handelt. Dieser Erzähler ist – sofernn wir es nicht mit autobiografischen Texten zu tun haben – eine andere Stimme als die des Autors. In diesem Kapitel geht es zwar hauptsächlich um die Stimme, mit der Sie sich als authentisches Individuum äußern, also um Ihre eigene, persönliche Erzählstimme, jedoch werden Sie auch verschiedene Übergänge zu fiktionalen Erzählstimmen ausprobieren können.



Mündliches Erzählen

Obwohl sich das schriftliche Erzählen vom mündlichen emanzipiert hat und seinen eigenen Gesetzen folgt, ist es doch oft sinnvoll, auf die frühere Form zurückzugreifen. Sie ist uns vertrauter und hilft uns oft, geschriebene Texte besser zu verstehen. In früheren Zeiten gehörte es durchaus zum guten Ton, für sich selber laut zu lesen; das machen heute nur noch Schulanfänger.

Für Schreibende ist es hilfreich, das laute Vorlesen wieder zu kultivieren. Es kann ein wichtiger Wegweiser für die ästhetische Beurteilung von Erzählungen sein, wenn wir Klang, Rhythmus und Wirkung von Textbestandteilen prüfen wollen. Zudem kann uns das mündliche Erzählen dabei helfen, bei unserer vertrauten Sprache zu bleiben und zu verhindern, dass wir in eine zu förmliche und damit distanzierte Sprache hineingeraten. In gesprochenen Texten ist uns der Wechsel von einer distanzierten zu einer persönlichen Sprache geläufiger als im geschriebenen Text.



Übung 1



Heben Sie den Text auf, damit Sie ihn zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal ansehen können. Sie werden dann feststellen, dass er sehr lebendig ist, wenn auch unkonventionell geschrieben. Er enthält aber wahrscheinlich mehr Esprit als die »guten« Texte, die Sie sonst zu schreiben versuchen.

Wenn es Ihnen nicht gelungen sein sollte, mühelos zu erzählen, dann setzen Sie sich doch einmal mit einem anderen Gegenüber zusammen und erzählen Sie ihm ein anderes, vielleicht etwas persönlicheres Ereignis. Denken Sie daran, dass Ihre Freunde mehr daran interessiert sind, was Sie erlebt, gefühlt und gedacht haben, als daran, welche Ereignisse stattgefunden haben.

Immer wenn Sie sich beim Schreiben blockiert fühlen, können Sie auf diese Übung zurückgreifen. Auch dann, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Sprache zu kompliziert, hölzern oder unbeweglich geworden ist, sollten Sie wieder beim mündlichen Erzählen beginnen und Ihr Anliegen einem guten Freund erzählen. Es hilft Ihnen, authentisch und lebendig zu schreiben.



Lautes Denken

Die zweite Art, mit der Sie Ihre Erzählstimme zu fassen bekommen können, besteht darin, einen inneren Monolog zu Papier zu bringen. Damit ist das gemeint, was Sie sich selbst erzählen. Wir alle halten Selbstgespräche, auch wenn das, aus Gründen, die mir nicht so recht einleuchten, als unschicklich gilt und als Anzeichen leichten Verrücktseins angesehen wird. Dennoch tun es die meisten Menschen, solange sie nicht konzentriert bei der Arbeit sind, in den Fernseher schauen oder sich die Zeit vertreiben. Selbstgespräche sind in der Regel mit Tagträumen und Bilderdenken verbunden, was parallel zum inneren Monolog abläuft. Mit solchen Tagträumen verarbeiten wir das, was wir erlebt haben, bereiten die nächsten Handlungen vor oder vergnügen uns einfach, indem wir etwas Lustvolles erfinden.

Die folgende Aufgabe ist nicht ganz einfach. Es geht darum, dass Sie Ihr inneres Sprechdenken aufschreiben. Nehmen Sie dazu ein wichtiges Vorhaben oder ein aktuelles Problem. Vielleicht erzählen Sie über Ihr Vorhaben, Schreiben zu lernen – das ist aktuell.



Übung 2



Die Übung ist deshalb wichtig, weil sie Ihnen erlaubt, den Prozess der Sprachproduktion auf einer tieferen Stufe aufzugreifen, auf einer Ebene also, bevor Sie anfangen, Sinn und Grammatik mit Wörtern zusammenzufügen, so dass ein Text entsteht. Bei diesem Vorgang nämlich gehen Ihnen die meisten Ihrer Gedanken verloren, weil sie Ihrer Vorstellung von Logik, Sinn und gutem Ausdruck zum Opfer fallen. Produkt ist dann ein konventioneller Text: meist langweilig, weil weitgehend vorhersagbar. Wenn Sie jedoch die Sprünge, die privaten Ausdrücke und die unlogischen Elemente im Text belassen, dann wird er automatisch interessanter. Nicht, dass das bereits Literatur wäre, nein, es ist nur ein Schritt auf dem Weg dazu, Ihre Sprache und Ausdrucksweise zu finden.



Imagination

Eine wichtige Quelle für das Schreiben ist die Imagination, die Vorstellungskraft. Imagination ist die innere Visualisierung von Vorgängen und stellt eine Art experimentelles Heimkino dar, in dem wir probeweise Szenen arrangieren und Menschen darin agieren lassen können. Während es in der letzten Übung um die innere Sprache ging, geht es hier um die inneren Bilder, die allerdings nicht ganz unabhängig sind vom Sprechdenken.

Bild und Sprache hängen beim Schreiben eng zusammen. Worte und Sätze führen in der Regel zu Bildern bzw. Fantasien, und diese Bilder treiben wiederum den Schreibprozess voran.

Die Imagination ist unserem Willen durchaus zugänglich. Man kann sich bewusst Bilder vor Augen führen oder sich vorstellen, wie man durch ein bestimmtes Gebäude geht und eine bestimmte Person begrüßt. Die Imagination hat aber auch ein Eigenleben. Sie produziert oft überraschende Bilder, die wir nicht erwarten. Insofern kann sie uns beim Schreiben inspirieren, wenn wir nicht weiter wissen. Probieren Sie es aus mit der folgenden Übung.



Übung 3



Im Prinzip ist unsere Psyche ohne weiteres in der Lage, Geschichten zu erfinden, ohne dass wir dabei bewusst Regie führen müssen. Sie macht das jede Nacht im Traum und hat dabei Zugang zu unserer ganzen inneren Bilder- und Erfahrungswelt, mit der sie Zusammenhänge herstellen kann, die unserem rationalen Denken nicht zugänglich sind. Sie werden, wenn Sie mehr Geschichten schreiben, lernen, sich auf Ihre Intuition zu verlassen, denn sie ist eine zentrale Quelle der Inspiration. Machen Sie noch eine zweite Übung zur Bedeutung der Fantasie für das Schreiben, die etwas einfacher ist als die erste.



Übung 4



Diese Form der gesteuerten Imagination ist Ihnen wahrscheinlich vertrauter als die vorherige, wo Sie auf bewusste Einflussnahme verzichten sollten. In der Tat ist diese Art der Imagination die gängigste Art, sich etwas »auszudenken«. Wir sind seit unserer Kindheit an dieser Art des Geschichtenerfindens gewöhnt, und auch Schriftsteller können auf diese Form des Imaginierens nicht verzichten.

Für die Konstruktion von Geschichten ist ausschlaggebend, dass nach jeder Äußerung in dem Dialog zweier Figuren wieder etwas genauer festgelegt ist, was für eine Beziehung zwischen beiden besteht und wie die Hintergrundgeschichte zwischen ihnen beschaffen ist. Denken Sie daran, dass Sie zu der Geschichte, die sich da entwickelt, stehen müssen. Es ist völlig egal, was für eine Geschichte es ist, aber bleiben Sie ihr treu. Wenn Ihnen als erster Satz für Morton eingefallen wäre: »Du hättest wirklich nicht so viel Senf essen sollen«, na gut, dann wäre wohl eher ein Schwank draus geworden, denn Tanja hätte vielleicht geantwortet: »Es war doch deine Idee, Bratwürste zu Abend zu essen.« Woraufhin Morton erwidern müsste: »Ich kann deine ewige Rohkost nicht mehr sehen«, und so weiter.



Assoziationen

Die folgende Übung soll Ihnen bewusst machen, dass Wörter auch Verbindungen miteinander eingehen, die nicht über den Intellekt vermittelt sind. Wenn Sie schreiben, wie Sie es in der Schule und vielleicht im Studium gelernt haben, dann suchen Sie nach logischen Verknüpfungen zwischen Wörtern und setzen diese dann nach grammatikalischen Regeln zu Sätzen zusammen. Damit unterwerfen Sie die Sprache den logischen Zusammenhangsvermutungen, die Sie im Kopf haben, und schließen Tausende anderer Möglichkeiten aus.

Die Wörter haben aber eigene Beziehungen zueinander, die sich zum Teil aus ihrer semantischen Nähe (Bedeutung), aus ihrem Klang, aus einem sachlichen Kontext, in dem sie gemeinsam auftreten, oder einfach aus einer persönlichen Erfahrung ergeben. Sie lassen sich als »assoziative Verknüpfungen« bezeichnen. Assoziationen müssen nicht begründet werden, sie können nicht wahr oder falsch sein. Sie sind einfach da.

Assoziationen zu sammeln ist eine gute Übung zur Vorbereitung des Schreibens, die dazu dienen kann, Material für das Schreiben zu gewinnen. Die Sammlung von Ideen oder Begriffen ist allgemein unter dem Begriff »Brainstorming« bekannt. Gleichzeitig kann man damit den Bedeutungsgehalt von Begriffen erkunden. Begriffe oder Themen, zu denen Sie viele Assoziationen finden, stoßen auf Resonanz in Ihnen und stellen eine gute Basis für das Schreiben dar. Begriffe, die kaum zu Assoziationen führen, sind als Themen oder Ausgangspunkte zum Schreiben weniger geeignet.



Übung 5



Wichtig an dieser Übung ist die Erfahrung, dass Sie Ihrem Sprachgedächtnis freieren Lauf lassen können, als Sie dies gelernt haben. Unabhängig von Ihren bewussten Steuerungsversuchen produziert dieses Gedächtnis Material, legt Gewichtungen nahe und hilft Ihnen, zu einem Text zu kommen. Die Eigenschaften dieses Textes sind hier weniger wichtig als die Erfahrung, dass das Schreiben einfacher wird, wenn man eine Ideensammlung vorschaltet und aus dem so entstandenen Material den Text entstehen lässt. Ähnliche Techniken werden im Kreativen Schreiben vielfach als schreibvorbereitende Mittel empfohlen.1

Behalten Sie diese Technik als Mittel in Erinnerung, sich das Schreiben zu erleichtern. Es empfiehlt sich, das Brainstorming so oft wie möglich beim Erzählen anzuwenden. Wollen Sie einen Raum oder eine Landschaft beschreiben, einen Plot entwickeln oder eine Erzählfigur entwerfen, so wird eine vorhergehende Materialsammlung Ihnen immer den Zugang zum Text vereinfachen.



Das Ungesagte sagen

Keine andere Übung ist besser geeignet als diese, um herauszufinden, was Sie wirklich zu erzählen haben. Sie besteht darin, das aufzuschreiben, was Sie denken und erleben, aber nie sagen. Die Übung zeigt Ihnen zudem, ob Sie ehrlich mit sich selbst sein können und wollen.

Eine Erzählstimme zu entwickeln, die für andere Menschen interessant ist, hat damit zu tun, neue Sichtweisen auf die Welt zuzulassen. Der größte Feind des Erzählens ist die Konventionalität, also das Erzählen in den eingeschliffenen und abgegriffenen Mustern der Alltagssprache. Wenn wir diese Sprachmuster verwenden, dann können wir nur das ausdrücken, was andere Menschen ohnehin längst im Kopf haben, denn sie verwenden diese Sprachmuster ebenfalls. Wir bleiben also in Sprachschablonen stecken.

Verbunden mit den Sprachmustern sind bestimmte konventionelle Blickweisen auf die Welt. Wenn wir unseren Alltag anschauen, dann sehen wir ihn durch die Brille des kompetenten Problemlösers oder der tüchtigen Alltagsbewältigerin. Alle Konflikte und Unebenheiten hobeln wir weg, denn wir müssen unser Arbeitspensum schaffen. Auch unnütze Gedanken und ungewöhnliche Betrachtungsweisen können wir nicht zulassen, denn sie stören unsere Routinen.

Dazu kommt noch, dass wir in der Regel schnell das Wesentliche erfassen müssen. Um handeln zu können, müssen wir systematisch, und das heißt auch: schematisch vorgehen. Das Ungewöhnliche, das, was nicht in unsere Schemata passt, eliminieren wir dabei. Was aber in Geschichten interessiert, die ja immer von individuellen Erfahrungen handeln und deren Sinn nicht darin besteht, Lehrbuchwissen zu präsentieren, ist genau dieses Ungewöhnliche.

Wer also die Routinen seines beruflichen Alltags bravourös meistert, alle Konflikte souverän löst, mit seinen Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeitern konstruktiv und freundlich umgeht, alles termingerecht fertigstellt und das Wesentliche stets im Blick hat - der hat große Probleme mit den Erzählen. Denn genau das: Routine, Souveränität, freundliche und konfliktfreie Beziehungen, effizientes Arbeiten und umsichtige Schlauheit interessieren niemanden. Ich wiederhole: niemanden. Niemand interessiert sich für kompetente, effiziente, freundliche, ausgeglichene Schlaumeier. Das mag beklagenswert sein, aber das Wissen darüber entlastet auch von dem falschen Glauben, wir könnten mit dem gleichen Bewusstsein, mit dem wir beruflich (oder im Studium oder sonstwo) erfolgreich sind, auch gute Geschichten erzählen. Wir können uns damit effizient mitteilen, mehr nicht.

Die Forderung, konventionelle Sprachmuster und Sichtweisen zu vermeiden, widerspricht nur scheinbar der oben ausgesprochenen Warnung davor, originell sein zu wollen. Es geht nicht darum, eine völlig neue Sprache und Ausdrucksweise zu finden, sondern darum, Ihre private Sprache zu entdecken, also eine, die bereits vorhanden ist, die Sie aber zugunsten der Verkehrssprache unterdrücken. Und es geht darum, mit einem neuen, unverstellten Blick auf Ihr Leben zu schauen, also das Offensichtliche auszusprechen.



Übung 6



Sind Sie in der zweiten Fassung gemein, ungehobelt, unlogisch, unfreundlich und aggressiv geworden? Nein? Dann machen Sie diese Übung bitte ein zweites Mal. Sie müssen es schaffen, Ihre gereizte innere Stimme zu Papier zu bringen. Sie drückt sozusagen Ihr Unter-Ich aus, das fiktive Pendant zum Freudschen Über-Ich, das bekanntermaßen die guten Absichten, die Moral und die hehren Ziele einer Person enthält. Das Unter-Ich würde dementsprechend Ihre Flüche, Verwünschungen, schlechten Absichten, Gemeinheiten, Irrationalitäten und destruktiven Tendenzen verkörpern. Wenn Sie Ihr Unter-Ich nicht deutlich genug haben zu Wort kommen lassen, überarbeiten Sie den Text und bringen es unverblümt zum Ausdruck.

Man kann diese Übung auch aus ganz anderen Gemütsverfassungen heraus durchführen – also zum Beispiel den Alltag aus einer verliebten oder ängstlichen Stimmung beschreiben. Das ist etwas schwieriger und verlangt etwas mehr Selbstehrlichkeit. Wenn Sie noch einen Schritt weiter gehen wollen, dann unterstellen Sie Ihrem Erleben eine Stimmung, die Sie selbst gar nicht so kennen, also vielleicht eine mörderisch-aggressive, eine sentimental-schwärmerische, eine gruftig-düstere. Dann wären Sie gezwungen, eine neue Sichtweise anzunehmen, und wären mithin auf dem Weg, Ihre eigene Erfahrung zu fiktionalisieren, indem Sie eine fremde Erzählstimme konstruieren. Sie werden dabei erleben, dass Ihr Alltag Elemente enthält, die Ihnen bisher gar nicht aufgefallen sind, die Sie erst sehen, wenn Sie sich erlauben, eine Ihrer Stimmung entsprechende Sprache zu verwenden.



Fiktionalisierung der Kindheit

Wenn man über eigene Erfahrungen schreibt oder eigene Erfahrungen fiktionalen Figuren unterstellt, ist es wichtig, sich über einige Eigenschaften der Fiktionalisierung klar zu werden. Im Prinzip ist jede Verschriftlichung persönlicher Erinnerung bereits eine Form der Fiktionalisierung, denn sie zwingt zu einer narrativen Konstruktion, die wir dann »Ver-

gangenheit« oder »Biografie« nennen. Erinnerung hat, wie bereits angesprochen, nicht die Form exakt reproduzierbarer Sinneseindrücke, sondern ist eine Art »Text«, den wir laufend umschreiben müssen. Ich möchte Ihnen aber weitere Schritte der Fiktionalisierung zeigen, die darin bestehen, eigene Erfahrungen in andere narrative Kontexte umzusiedeln.

Fiktionalisierung eigener Erfahrungen ist für die Entwicklung literarischer Erzählkompetenz überaus bedeutsam, denn sie verhilft uns dazu, das noch nicht Begriffene – unklare Emotionen, »schwebende« Befindlichkeiten, dünne Erinnerungsspuren – zur Sprache zu bringen. Und genau das ist der spannendste Aspekt des Schreibens. »Gerade die noch unbegriffene, noch nicht misstrauisch abgeklopfte Inspiration ist Voraussetzung literarischer Erfindung«, stellt der Schriftsteller Sten Nadolny fest.2

Und Erinnerungen an die Kindheit spielen dabei eine besondere Rolle. Erzähler sind, so fährt Nadolny fort, besonders angewiesen auf »die unbestimmten Erinnerungen, die sich nicht auf Gesichertes, als Faktum Geltendes oder bereits mehrmals Erzähltes richten, sondern vergangene innere Zustände aufsteigen lassen: Wenn man plötzlich wieder weiß, wie man als Vierzehnjähriger die Mädchen wahrnahm. Oder wie sich Englisch anhörte, als man es noch nicht verstand.«3 Über die eigene Kindheit zu schreiben ist einerseits Erinnerungsarbeit und verlangt einige Techniken, die unserem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Es ist andererseits Konstruktionsarbeit, denn wir müssen den Erinnerungen eine sprachliche Form geben, die sie früher nicht hatten.



Übung 7



Das Niederschreiben persönlicher Erinnerungen ist der erste Schritt zu deren Fiktionalisierung. Ein zweiter, wichtiger Schritt liegt darin, die Erfahrung, die Sie als Kind gemacht haben, in einen anderen narrativen Kontext zu stellen, beispielsweise einer selbstgeschaffenen Erzählfigur unterzuschieben.

Damit kommen wir zur Übung zweiter Teil.



Übung 8



Diese Ubung, das haben Sie wahrscheinlich gemerkt, bringt Sie in Kontakt mit einigen tieferen Schichten Ihrer Persönlichkeit und Biografie. Sie sind an dem Punkt angekommen, an dem Schreiben in Selbsttherapie übergeht. Und Selbsttherapie ist in der Regel mit Unlustgefühlen verbunden, so als sträube sich die Seele gegen das Eindringen in abgeschirmte Zonen. Selbst Freud verfiel in eine ihm unerklärliche und lang anhaltende »Denklähmung«, als er sich zu weit in eine Selbstanalyse verstrickte.

»Fiktionalisierung« ist auch deshalb von Bedeutung, weil sie es Ihnen gestattet, auch ein Kind zu konstruieren, das Ihnen unähnlich ist. Sie können sein Schicksal übertreiben und modifizieren, ohne dass Sie dadurch das Gefühl haben müssen, unehrlich zu sein. Sie können aus der gleichen Erinnerung mehrere Geschichten machen und ausprobieren, welche zu einem besseren Ende kommt oder welche Ihnen einfach besser gefällt. Und Sie können guten Gewissens Ihre Erinnerung mit heutigen Konstruktionen auffüllen, wenn sie Ihnen zu dürftig ausgefallen zu sein scheint.

Weitere Fiktionalisierungsübungen können Sie mit folgenden Themen machen:





Diese Übungen erlauben keine bestimmte Zeitvorgabe. Versuchen Sie, die Texte kurz zu halten, aber wenn Sie Freude an der narrativen Gestaltung Ihrer Biografie bekommen, nehmen Sie sich die Zeit dazu. Sie ist im Hinblick sowohl auf Ihre persönliche als auch auf Ihre literarische Entwicklung gut investiert.



Meine schönste Beichte

Es gibt weitere Erzählformen, die uns aus dem wirklichen Leben vertraut sind. Eine davon ist die Beichte. Wer katholisch ist, hat direkte Erfahrungen damit, für die anderen ist ihr Sinngehalt vertraut. Wir alle müssen ab und zu jemandem etwas beichten. Beichten ist für das literarische Schreiben nicht nur dadurch interessant, dass es aus einem schlechten Gewissen heraus geschieht und mithin viel Energie ins Schreiben einspeisen kann, sondern auch deshalb, weil es zu interessanten Themen führt. Sünden sind nun einmal das, was alle Menschen in Geschichten am Spannendsten finden. Heiligengeschichten reißen niemanden vom Hocker. Nutzen Sie die nächste Übung dazu, ein paar ordentliche Sünden zu beichten. Seien Sie dabei nicht kleinlich und packen Sie wirklich aus!



Übung 9



In Alltagsansichten sind wir darum bemüht, uns selbst in ein gutes Licht zu setzen. In literarischen Texten dagegen sind wir auch gemein, böse oder feige. Wir lassen andere an den negativen Seiten unseres (literarischen) Innenlebens teilhaben, weil diese Seiten für Lesende interessanter sind als unsere moralisch glattgehobelten Alltagsfassaden. Außerdem haben Sie erfahren, dass Ihre Fantasie sich gerne auf bestimmte Abenteuer einlässt, wenn Sie die Zügel der Rationalität schleifen lassen. Für das Schreiben von Geschichten ist die Fantasie eine wichtige Quelle (aber beileibe nicht die einzige, wie wir später sehen werden).



Kindergeschichten

Unter den Erzählstimmen, die uns zur Verfügung stehen, befindet sich meist auch eine Stimme, die Geschichten für Kinder erzählen kann. Auch wer keine eigenen Kinder und dementsprechend wenig Übung hat, kennt Kindergeschichten aus der eigenen Biografie und kann sie mit wenig Mühe wieder aktivieren.



Übung 10



Wenn Sie nun auch die revidierte Geschichte durchlesen: Kommen Ihnen dann selbst die Tränen? Gut so! Gratuliere! Sie haben wieder eine wichtige Erfahrung gemacht. Geschichten sind dazu da, Gefühle bei anderen Menschen hervorzurufen. Je mehr sie uns emotional berühren, desto besser gefallen sie uns. Kinder sind sehr dankbare Geschichtenabnehmer, wenn wir ihre Gefühle erreichen. Leider raubt uns das Fernsehen immer mehr den Erzählkontakt mit den Kindern, so dass diese unendlich wichtige Brücke zu den Eltern heute oft fehlt. Für Sie ist wichtig, erfahren zu haben, dass eine Ihrer Erzählstimmen direkten Zugang zu den Gefühlen von Kindern hat und dass diese Stimme fast mühelos rührende Geschichten produziert, sofern Sie sich nur trauen, diese Gefühle auch selbst zuzulassen.



Ausreden erfinden

Es gibt Situationen im Leben, in denen Sie in einer Minute mehr als drei Geschichten erfinden, blitzschnell prüfen, ob sie brauchbar sind, sie gegebenenfalls verwerfen und neue erfinden. Die typische Situation ist das Erfinden von Ausreden. Ausreden sind meist vollständige Geschichten. Und es sind gute Geschichten, denn sie sollen unwiderlegbar und glaubwürdig sein. Die besten von ihnen haben obendrein noch einen Unterhaltungswert.



Übung 11



Lernen können Sie aus dem Text, dass ein schlechtes Gewissen erfinderisch macht. Wenn Sie Ihre literarischen Geschichten später mit der gleichen Passgenauigkeit konstruieren wie Ihre Ausreden, dann sind Sie schon auf dem Weg zur Meisterschaft.



Warum schreiben?

Noch eine Vorübung: Suchen Sie die Stimme in Ihnen, die sagt, warum Sie eigentlich schreiben wollen. Diese Übung soll Ihnen dabei helfen, Ihr Bewusstsein etwas zu explorieren, um Ihre Schreibmotive ausfindig zu machen.

Ist es nötig, die Motive kennen zu lernen, warum Sie schreiben oder schreiben wollen? Reicht es nicht, es einfach zu tun? Natalie Goldberg5 sagt dazu (und von ihr stammt auch die Idee zu dieser Übung), dass man Energien für das Schreiben freimachen kann, wenn man zu den tatsächlichen Gründen vordringt. Schreiben wird produktiv, wenn es nicht einfach ein intellektuelles, sondern stattdessen ein existenzielles Bedürfnis ist. Erfolgreich werden Sie im Schreiben nur sein, wenn Sie diese existenziellen Bedürfnisse aktivieren. Aus ihnen kommen der Elan, das Durchhaltevermögen, die Hartnäckigkeit zum Schreiben und die Bereitschaft, auf anderes zu verzichten. All das ist nötig, wenn Sie es im Schreiben weiterbringen wollen.



Übung 12



Die Übung gibt Anlass zu vielerlei Fragen an Ihre Schreibmotivation: Wie hängt Schreiben mit Ihrem Selbstwertgefühl zusammen? Mit Ihrer Meinung von Ihrem eigenen Intellekt? Mit Ihren Bedürfnissen, Ihr eigenes Leben zu verstehen? Mit Ihren Bedürfnissen, die Welt zu beeinflussen? Mit Ihren Bedürfnissen, etwas Großes zu schaffen? Mit Ihren Bedürfnissen, Anerkennung zu finden? Mit Ihrer Angst, es nicht zu schaffen? Mit Ihren Befürchtungen, psychisch nicht normal zu sein (alle Menschen haben diese Angst gelegentlich)? Mit Ihrem Bedürfnis, es jemandem zu beweisen? Mit Ihrem geheimen Wunsch, etwas zu erzählen, was Sie noch niemandem gesagt haben? Mit Ihren inneren Verletztheiten?

Es ist kein Selbstzweck, diese Motive aufzuschreiben, sondern es ist Teil Ihrer Aufgabe, das Versteckspiel zu durchschauen, das Sie mit sich selbst treiben. Wir alle verstecken uns hinter sozial akzeptablen Motiven und verbergen die weniger akzeptablen so lange vor den anderen, bis wir sie auch selbst nicht mehr wahrnehmen können. Gehen Sie zu Übung 13 und vertiefen Sie Ihre Selbstbetrachtung.



Übung 13



Die innere Stimme zu finden, die Ihnen sagt, warum Sie schreiben, ist deshalb von Bedeutung, weil Sie damit ein weiteres Stück der Selbstehrlichkeit gewinnen können, ohne die Sie im Schreiben nicht weiter kommen. Eine Erzählstimme zu gestalten, die für andere interessant ist, erfordert oft, die ganze Persönlichkeit in die Waagschale zu werfen, und Sie sollten wissen, aus welchen Gründen Sie das tun.

Eine andere, etwas spielerischere Möglichkeit, sich selbst als schreibender Person auf die Schliche zu kommen, finden Sie in der Übung 14. Dabei geht es darum, etwas Distanz zu sich selbst als schreibender Person zu gewinnen und sich selbst gewissermaßen aus der Fernsicht zu betrachten.



Übung 14





Den Schreibprozess organisieren

Dieses Kapitel geht darauf ein, wie man die Arbeit an längeren Erzähltexten gestaltet. Schreiben ist zeitaufwändig und macht einsam. Es ist wichtig, den Arbeitsprozess bewusst zu gestalten, um die eigenen Ressourcen gut einzusetzen. Während des Schreibens erhält man wenig Anstöße von außen und kaum Rückmeldungen, so dass man nie sicher sein kann, ob die Arbeit noch auf Kurs ist oder nicht. Außerdem gebe ich Ihnen in diesem Kapitel einige Hinweise, wie man Material gewinnt, Themen sucht und die eigenen Texte überarbeitet.

Schreiben als Lebenshaltung

Eine große Hürde für viele, die schreiben möchten, sind die kleinen Dinge, die dabei zu bewältigen sind: der kurze Schritt zum Schreibtisch, der schnelle Griff zum Stift und der winzige Impuls, einen Einleitungssatz zu schreiben. Dahinter steht das etwas größere Thema, wie man mit sich selbst beim Schreiben umgeht.

Erzählungen zu schreiben ist nicht bloß eine Handlung, es ist auch eine Lebenshaltung. Wer zu schreiben beginnt, macht eine Art Verpuppung durch, geht gewissermaßen in einen anderen Aggregatzustand über. Schreiben heißt stillsitzen und allein sein. Wenn man viel zu organisieren und zu kontaktieren hat, ist es schwer, ins Schreiben zu kommen.

Viele Menschen kennen das Schreiben als Qual. Sie finden den Übergang nicht von einer aktiven in eine beschauliche Lebenshaltung. Sie empfinden das Schreiben als Strafe, weil sie sich nicht die Zeit nehmen, dem Klang eines Wortes nachzugehen und nach dem richtigen Ausdruck für einen Gedanken zu suchen. Schreiben hat ein eigenes Tempo. Es wird bestimmt von der Geschwindigkeit, mit der wir Gedanken und Sätze formulieren können, und begrenzt von der Zeit, die wir brauchen, um die Gedanken mit der Hand auf ein Blatt zu schreiben oder in einen Computer zu tippen (was für Geübte schneller geht).

Bedeutender aber für das Tempo, das ein Organismus im Aggregatzustand »Schreiben.« für sich akzeptiert, ist die Output-Rate. Wie viele Seiten kann man in einer Stunde, an einem Tag schreiben? Das Ergebnis, in Seitenzahlen ausgedrückt, ist immer deprimierend. Zwei Seiten Text pro Tag sind eine gute Ausbeute. Oft sind es weniger, dafür war der Kampf mit dem Wort umso größer. Schreiben erfordert Geduld.

Schreiben hat meditative Qualitäten. Alles konzentriert sich auf die sich bewegenden Hände beim Schreiben. Die Sprache bildet ein einheitliches Zentrum, auf das alle Lebensäußerungen bezogen werden. Gefühle, Bilder, Ideen, Gedanke, Schall, Bewegung, Form – alles wird in Sprache überführt und dadurch zueinander in Beziehung gesetzt. Gelingt diese Umsetzung in Sprache, dann entsteht eine konzentrierte Haltung, in der man vergisst, wo man ist und was man tut. Man ist im Fluss und fühlt sich kreativ.

Die Langsamkeit kann zum Genuss werden, wenn man sich Gelegenheit gibt, sich auf die Zeitmuster des Schreibens einzustellen. Deshalb sind einige Rituale hilfreich, um mit dem Schreiben zu beginnen. Hier einige Vorschläge:





Von der unendlichen Vielfalt des Möglichen und den ewigen Themen

»Wo kommt der Stoff zum Erzählen her?«, fragen sich Novizen der Schreibkunst oft. Sie sitzen vor ihrem Blatt Papier und überlegen, worüber sie schreiben könnten. Das entspricht etwa der Situation eines Schiffbrüchigen auf einem Floß auf hoher See, der sich fragt, wo er baden könne. Wir sind tatsächlich von Geschichten umgeben, denn zu jedem Gegenstand in unserem Blickfeld lässt sich eine Geschichte erzählen. Und zu jeder Person, die wir kennen, lassen sich Dutzende und über uns selbst können wir Hunderte von Geschichten erzählen.

Geschichten zu schreiben heißt, sich einer unendlichen Themenvielfalt anzuvertrauen und sich einer riesigen Kombinatorik aus Helden, Orten, Motiven, Handlungen und Hindernissen zu bedienen. Geschichten zu schreiben heißt, aus der Enge unserer persönlichen Erwartungen und Erfahrungen auszubrechen. Es heißt, die Welt nicht nur wahrzunehmen und zu analysieren, sondern dazu überzugehen, sie zu konstruieren. Es heißt, sich nicht mehr mit den Einschränkungen zufrieden zu geben, die der begrenzte Blick auf das Faktische immer in sich birgt, sondern sich stattdessen dem Möglichen zuzuwenden, das im Leben enthalten ist.

Im Alltag gehen uns manchmal die Geschichten aus. Da wir immer wieder mit den gleichen Leuten zusammen sind, festigt sich in uns der Eindruck, als hätten wir nicht genug zu erzählen. Denn wir wollen uns ja nicht wiederholen. Im wirklichen Leben sind wir meist dem treu, was wir tatsächlich erlebt haben – und das schränkt unser Erzählpotenzial beträchtlich ein.

Wenn wir anfangen, Geschichten zu schreiben, dann nehmen wir diesen Eindruck ungeprüft mit hinüber in die Sphäre fiktiver Geschichten – aber zu Unrecht. Denn hier gibt es keinen Mangel an möglichen Geschichten, hier herrscht der absolute Überfluss. Es ist jedoch für viele eine vordringliche Aufgabe, diesen Überfluss überhaupt wahrzunehmen.

Es gibt eine Möglichkeit, wie Sie mit absoluter Sicherheit verhindern können, dass Sie spannende Themen zum Erzählen finden: Bleiben Sie hinter dem Fernseher sitzen! Dort erleben Sie die große Inflation an Geschichten, die Sie übersättigt und abgestumpft dem gegenüber werden lässt, was am Leben interessant ist. Schon besser sind Kino oder Theater. Dort sehen Sie immerhin eine Geschichte gut ausgearbeitet, die durchaus inspirierend für eigene Geschichten sein kann.

Wollen Sie aber wirklich Ernst machen mit dem Erzählen, dann müssen Sie Sammler und Jäger werden. Schauen Sie sich an, wie Menschen wirklich aussehen, wirklich sprechen, wirklich denken, wirklich leben. Nicht, dass ich Ihnen irgendeinen Naturalismus empfehlen möchte, nein, nur offene Augen. Beginnen Sie, durchs Leben mit dem Blick des Geschichtenerzählers zu gehen, der alles und jeden auf seine Materialtauglichkeit hin überprüft. Nehmen Sie Ihr Notizbuch überall hin mit und sammeln Sie alles, was Sie gegebenenfalls brauchen können. Sammeln Sie auf Vorrat. Sie wissen nie, wann Sie auf eine Idee, einen Titel, einen Namen, eine Personen- oder Ortsschilderung zurückgreifen werden.

Wer narrative Kompetenz entwickeln will, muss einen Sinn für die Themen entwickelt, die zu Geschichten werden können. Und das sind Themen, die in der eigenen Person, im Alltag, in der Literatur, in der Zeit- und in der Familiengeschichte liegen. Ihre Aufgabe ist es, den Stoff für Ihre Geschichten dort aufzufinden. Intuition und Fantasie werden sie Ihnen nicht von selbst servieren. Sie müssen sich auf die Suche machen.

Themen für Geschichten müssen nicht per se dramatisch sein. Der ersten vagen Idee für eine mögliche Geschichte sieht man nicht immer das Potenzial an, das in ihr steckt. Ideen müssen also getestet werden, bevor wir sie einschätzen können. Statt auf die eine große, umwerfende Idee zu warten, sollten Sie viele Ideen nach ihrer Spannweite, Tiefe und Brauchbarkeit prüfen.

Natürlich eignen sich viele Themen von vornherein nicht für Geschichten. Dazu gehört in erster Linie der letzte Urlaub, die Fotosafari in Afrika, der Tauchkurs auf den Komoren und die Schönheit des neu erworbenen Autos. Sie folgen der sattsam bekannten Spur der Erlebnisindustrie und enthalten nichts wirklich Überraschendes. Wer Geschichten schreibt oder erzählt, sollte nicht versuchen, sich mit Abenteuern oder eindrucksvollen Taten interessant zu machen. Das war einmal Stoff für Geschichten – bevor Fernsehteams in die entlegensten Ecken der Welt aufbrachen und begannen, Exotik in unsere Wohnzimmer zu pumpen.

Was sich hingegen als Stoff für Geschichten erweisen könnte, sind die unerwarteten Begebenheiten, die sich neben den regulären Urlaubserlebnissen ereignen: die wirklichen Gefühle, die wirklichen Ereignisse, die wirklichen Begegnungen. Wenn Sie die erwarteten Urlaubserlebnisse mit dem kontrastieren, was wirklich geschieht, dann kann es interessant werden. Dann ist Ihr Thema aber nicht: »Wie ich den Kilimandscharo erstieg«, sondern dann sind Sie vielleicht dabei, eine Begegnung mit anderen Menschen zu schildern, die sich zufällig beim Aufstieg auf den Kilimandscharo ereignet hat.

Gute Themen sind nicht solche, bei denen ich gut dastehe. Das ist eine der größten Klippen bei der Entwicklung von Erzählkompetenz, denn Geschichten im Alltag werden in der Regel auch unter dem Aspekt der Selbstwertpflege erzählt. Sie sind also dazu da, ein positives Bild von der eigenen Person zu präsentieren. Zuhörer von Geschichten allerdings interessieren sich überhaupt nicht dafür, dass die erzählende Person dabei gut wegkommt. Sie wollen eine interessante Geschichte hören, und sie wollen die handelnde Person sympathisch finden.

In einer Zeit, in der jedes Abenteuer bis zur Genüge filmisch ausgebeutet wurde, sind es gerade die Innenwelt und das Private, aus dem der Stoff für das Erzählen kommt. Hier ist eine Liste von Quellen, in denen Sie nach Erzählstoff suchen können:



Wie die Polizei im lothringischen Sarrebourg mitteilte, fanden Spaziergänger während eines 1. Mai-Ausfluges im Wald auf einem Fitness-Pfad 288 sorgfältig aneinander gereihte Gartenzwerge. Die Zwerge, unter ihnen fünf Schneewittchen und ein Fußballspieler, wurden in eine Polizei-Dienststelle gebracht. Die Gartenzwerg-Bande war erstmals im Juni 1996 öffentlich aufgefallen. Zu den Entführungen hatte sich eine selbst ernannte »Befreiungsfront für Gartenzwerge« bekannt ... (Süddeutsche Zeitung, 3. Mai 2000, S. 16)



Wenn man von einer unendlichen thematischen Vielfalt für Geschichten ausgeht, sollte man allerdings auch dazu sagen, dass es kühle Köpfe gibt, die die Anzahl dramatischer Stoffe radikal eingrenzen. So hat George Polti7 36 dramatische Situationen zusammengestellt, die er als erschöpfende Aufzählung aller möglichen Plots begreift. Polti wertete eine Menge klassischer Theaterstücke aus, kategorisierte ihre Inhalte und beschrieb jeweils die wichtigsten Variationen des Themas. Ein Katalog von zwanzig Masterplots findet sich bei Ronald Tobias8. Das ist eine immer noch relativ stark an Polti angelehnte, jedoch abgespeckte und modernisierte Sammlung, die mit konkreten Hinweisen für die Strukturierung der Plots versehen ist. Die Themen: die Suche, das Abenteuer, die Verfolgung, die Rettung, die Flucht, die Rache, das Rätsel, die Rivalität, der Underdog, die Versuchung, die Metamorphose, die Verwandlung, die Reifung, die Liebe, die verbotene Liebe, das Opfer, die Entdeckung, die Grenzerfahrung, Aufstieg und Fall.

Betrachtet man solche Listen, fragt man sich unwillkürlich, ob man überhaupt noch neue Themen finden kann. In gewisser Weise wird man immer auf ähnliche Kernthemen der Menschheit stoßen. Neues in der Literatur entsteht also nicht unbedingt durch neue Themen, sondern in der Regel durch die Art, wie Themen aufbereitet und dargestellt werden.



Frust und Lust der Überarbeitung

In der Fotografie, so will es eine alte Weisheit, bekommt man gute Fotos dadurch, dass man die schlechten wegwirft. So hat man beliebig viele Versuche frei und behält nur die Bilder, die gelungen sind. Beim Schreiben geht das nicht. Hier lautet die Formel: Gute Texte erhält man, indem man die schlechten immer wieder überarbeitet. Wenn es eine Wahrheit über Texte gibt, dann die, dass sie im ersten Anlauf so gut wie nie perfekt werden. Grundsätzlich sind also alle Texte erst einmal überarbeitungsbedürftig. Das ist der normale Stand der Dinge. Ausnahmen: keine.

Eigene Texte zu überarbeiten (oder zu revidieren, zu redigieren, zu lektorieren) ist anfangs unangenehm und mühsam. Für alle Novizen der Schreibkunst ist es schwer, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass mit dem ersten Entwurf erst die Hälfte, oft sogar nur ein Drittel der Arbeit getan ist. Und das bleibt so. In den Verzeichnissen meines Notebooks finde ich immer wieder Dateien ein und desselben Textes in zehn bis 15 Versionen, bis ich schließlich zufrieden war und den fraglichen Text freigeben konnte. Es ist auch keineswegs so, dass mit wachsender Erfahrung die Notwendigkeit, seine Texte zu überarbeiten, abnimmt. Der einzige Unterschied zwischen den Erfahrenen und den Novizen besteht darin, dass die Erfahrenen es bereitwillig und manchmal sogar gerne tun. Was macht Autoren anfangs das Überarbeiten so schwer?





Donald M. Murray9 empfiehlt trotz dieser Widerstände, das Überarbeiten zu zelebrieren und sich bewusst zu machen, dass es dem Autor die zweite Chance bietet, die zum Beispiel der Fotograf nicht hat.

Mit dem Überarbeiten beginnt man nicht erst dann, wenn ein Rohtext fertig gestellt ist, sondern man tut es kontinuierlich während des Schreibens. Sie kennen das wahrscheinlich aus Ihrem eigenen Schreibverhalten: Wenn Sie einige Zeilen getippt haben, beginnen Sie bereits, den entstandenen Text zu lesen, und fangen an, ihn zu verändern. Grund für diese Veränderungen ist in der Regel ein ziemlich promptes

Unbehagen über das soeben Geschriebene. Man glaubt, man habe sich nicht genau genug ausgedrückt, findet die Formulierungen nicht schön, ist mit der Satzkonstruktion unzufrieden oder korrigiert Rechtschreibfehler. Diese ständigen Textrevisionen sind beim Schreiben so selbstverständlich, dass man sie als elementaren Bestandteil des Formulierens versteht.

In der Praxis des Schreibens sollte man einige Regeln dazu beherzigen, wann der geeignete Zeitpunkt zum Überarbeiten gekommen ist und wann man den Impuls zum Überarbeiten bewusst unterdrücken sollte. Denn fängt man an, eine Geschichte zu verändern, ehe man sie zu Ende geschrieben hat, verpfuscht man sie oft. Man unterbricht den kreativen Prozess und schaltet zu schnell auf das kritische, beurteilende Denken um. Eine Geschichte zu entwickeln heißt oft, sich treiben zu lassen, Impulsen, Gefühlen, Metaphern, Assoziationen, Anmutungen, einer vagen Idee zu folgen. Das ist kein logisches, sondern ein emotional-intuitives Vorgehen. Überarbeiten dagegen heißt, kritisch zu prüfen, zu analysieren, strukturieren und optimieren. Dabei ist die andere Gehirnhälfte gefordert.

Im Allgemeinen muss man sich darauf einstellen, immer beides abwechselnd zu tun. Es lohnt sich aber, sich einige der unterschiedlichen Revisionsmöglichkeiten anzusehen, um entscheiden zu können, welche man sofort in Angriff nimmt und welche man zurückstellt. Donald D. Murray10 hat die wichtigsten Arten des Überarbeitens zusammengestellt:







Während die meisten Texte daran leiden, zu wenig überarbeitet worden zu sein, gibt es auch das Gegenteil davon: das zwanghafte Überarbeiten. Man kann Texte auch zu Tode überarbeiten, sie in Grund und Boden revidieren. Für Victoria Nelson11 ist obsessives Überarbeiten der meist zum Scheitern verurteilte Versuch, die Qualität eines Textes mit Gewalt verbessern zu wollen. Das behutsame Überarbeiten, meint sie, gleicht dem Polieren eines Diamanten. Hat man es stattdessen mit einem Kiesel zu tun, kann man polieren, wie man will: Der Rohling bleibt ein Kiesel und wird nie zum Diamanten werden.

Am schwersten fällt es anfangs, überflüssige Textbestandteile wieder zu streichen. Sätze und Passagen, an denen man sich wund formuliert hat, wieder zu verwerfen, ist hart. Aber es muss sein. Was nichts zu einer Geschichte beiträgt, hat im Text nichts verloren.

Der erste Überarbeitungsgang sollte auf die Ebene des Plots abzielen. Gehen Sie die einzelnen Szenen durch und streichen Sie heraus, was nicht unbedingt zum Verständnis nötig oder was nicht sonderlich interessant ist.

Als Zweites sollten Sie sich die Erzählerkommentare anschauen. Sie sind oft überflüssiges Beiwerk, philosophische Ergüsse, die man als Autor für tiefsinnig hält, die aber die Geschichte nur aufhalten. Für die Leser wirken sie wie Stolpersteine, bei denen das Interesse erlahmt und der fiktionale Traum abreißt. Lassen Sie die Personen für sich sprechen.

Als Drittes müssen Sie sich den Wiederholungen widmen. Dazu brauchen Sie ein bisschen zeitlichen Abstand zur Niederschrift. Nur wenn Sie Ihren eigenen Text mit Distanz lesen, können Sie die Redundanzen erkennen und streichen. Die Erzähldichte ist in den meisten Geschichten ungleichmäßig. Oft erzählen wir an einzelnen Stellen differenzierter, liefern ausladendere Beschreibungen, mehr Hintergrundmaterial als an anderen Stellen. Dort, wo es zu dicht ist, muss man hobeln.



Plot und Struktur überarbeiten

Auch die Überarbeitung von Plot und dramatischer Struktur gelingt nur, wenn man so viel Distanz zum eigenen Text gewinnen kann, dass man ihn wieder mit frischen Augen ansehen, also aus der Perspektive eines Lesers betrachten kann. Es ist wichtig, den Text nach Fertigstellung mindestens einige Wochen, wenn nicht gar Monate, liegen zu lassen und dann noch einmal an die Arbeit zu gehen.

Unterdrücken Sie beim ersten Lesen nach der Pause aktiv den Drang, stilistische Korrekturen vorzunehmen, das können Sie später noch tun. Nutzen Sie die gewonnene Distanz dazu, die Wirkung Ihres Textes zu prüfen. Lesen Sie dazu den Text auf dem Papier, nicht im Computer. Das Medium Papier lässt Ihren Text klarer zur Geltung kommen als der Bildschirm. Prüfen Sie folgende Aspekte:





Von unschätzbarem Nutzen ist bei der Überarbeitung das Urteil kompetenter Testleser. Nicht alle Ihre Freunde sind aber in der Kunst, Rückmeldung zu geben, bewandert. Meist erhalten Sie persönlich gefärbte Kommentare, die Gefallen oder Missfallen ausdrücken, ohne dass Sie Anhaltspunkte darüber bekämen, was Sie ändern könnten. Es kommt also darauf an, Rückmeldung von Lesern zu erhalten, die wissen, wie man Texte herstellt und verbessern kann. Eine große Hilfe sind die Lektorate der Verlage, und Sie sollten, wenn Ihr Text zur Veröffentlichung ansteht, diese Hilfe nicht notgedrungen akzeptieren, sondern im Gegenteil suchen und einfordern.



Sprachliche Überarbeitung

Wörter sind der Rohstoff der Texte, die Bausteine gewissermaßen, mit denen Autoren arbeiten. Wer schreiben will, muss sich mit diesen Bausteinen beschäftigen. Anfangs ist man oft versucht, Wörter unkonventionell zu verwenden oder neue Wörter zu erfinden. Das geht in den seltensten Fällen gut. Die erste Aufgabe, die sich Schreibenden stellt, ist es, die konventionellen Strukturen der Sprache zu erkunden und zu realisieren. Sprache lebt von der Übereinkunft darüber, wie Wörter, Sätze, Ausdrücke, Metaphern und grammatikalische Konstruktionen verstanden werden. Diese Übereinkünfte zu verstehen und zu respektieren ist Ihre erste Aufgabe. Darüber hinauszukommen, mit Sprache zu experimentieren und eine persönliche Sprache zu finden, ist eine zweite Aufgabe, die nur gelingt, wenn man die erste gelöst hat.

Die stilistische Überarbeitung ist ein Prozess, den man automatisch während des Schreibens leistet. Sinnvoll ist es jedoch, sich diese Arbeit bis zum Ende des Manuskripts aufzusparen, um nicht Energie in Textteile zu investieren, die man später umschreiben oder streichen muss.

Wenn Sie anfangen, literarische Texte zu schreiben, ist es wichtig, sich nicht allzu früh um stilistische Belange zu kümmern. Natürlich weiß ich, dass Sie das dennoch tun werden. Bei jedem Satz wird eine innere Stimme Sie fragen, ob er auch gut ist, ob er sich durch literarische Qualität auszeichnet und ob er dem kritischen Blick des Literarischen Quartetts standhalten würde. Versuchen Sie unbedingt, diese Stimme zu überhören. Schauen Sie stattdessen, dass Sie ins Schreiben kommen, dass Sie eine einfache Sprache verwenden, dass Sie sich auf das konzentrieren, was Sie sagen wollen, und dass Sie die Geschichte zu Ende bringen, ehe Sie Ihre Sprache kritisch prüfen.

Jane Smiley12 rät, nur insofern am eigenen Stil zu arbeiten, als man sich zwingt, sprachlich genau zu sein. Wenn man die Figuren und die Handlung ausgearbeitet und die Szenen genau gestaltet hat, so meint sie, dann wird auch der Stil spezifisch, das heißt dem angemessen sein, was Sie erzählen. Stil, so fährt sie fort, reflektiert das Wissen von der Handlung, die man beschreibt, und von der eigenen Einstellung zu ihr. Wenn man der selbst entworfenen Handlung fremd gegenübersteht oder den Kontext einer Handlung nicht entwickeln kann, dann kann man das auch stilistisch nicht reparieren. Man sollte nicht versuchen, mit einem originellen Stil die Konstruktionsmängel einer Erzählung zu überdecken. Das wirkt gekünstelt und langweilig.

Angehende Autoren sollten gegenüber der Sprache von vornherein eine gewisse Demut entwickeln. Ich benutze mit Bedacht diesen etwas pathetischen Begriff, weil ich einen gelungenen Text immer als ein Geschenk betrachte. Man kann eine reiche Sprache nicht erzwingen und weder mit Logik noch mit Kreativitätstechniken herstellen. Der Schriftsteller Sten Nadolny13 drückt das folgendermaßen aus:

Die Sprache ist ein in der Tat wunderbares, aber nicht notwendig schönes, dazu reichlich störrisches Verkehrsmittel. Die Sprache ist eine hinreißend eigensinnige Dienerin, und sie bleibt nur hinreißend, wenn sie beides ist: eigensinnig und Dienerin. Sie muss Lasten tragen, aber sie kann sie auch abwerfen. Sie bedient die Mächtigen wie die Rebellen, aber sie kann dafür sorgen, dass sie sich selbst verspotten – und das mit ihren eigenen Pamphleten. Sie spottet überhaupt gerne. Wer sie zur Königin erheben will, über den kichert sie. Wer sie zu hoch bepackt, der bringt sie nicht vom Fleck. Bescheidenheit der Sprache ist angebracht, die vor allem eine Bescheidenheit ihr gegenüber ist, denn sie ist selbst wer. Wo es nötig ist, wird sie sich immer von allein aus der Bescheidenheit erheben und etwas nahelegen: eine Anfügung, einen ironischen Tonfall, einen Tempowechsel – der dann wirklich etwas zu tun hat mit dem Vorgang und den Gefühlen, die gemeint sind.

Wer zu schreiben beginnt, kommt nicht umhin, sich eine der gängigen Stillehren anzuschaffen und sich damit zu beschäftigen, wie man gutes Deutsch schreibt. Im Folgenden will ich einige besonders wichtige stilistische Überarbeitungsschritte nennen, die bei den ersten Geschichten von Bedeutung sind.



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1So zum Beispiel von Peter Elbow, Writing without Teachers, 1973, Gabriele Rico, Garantiert Schreiben lernen, 1984

2Sten Nadolny, Das Erzählen und die guten Absichten, 1997, S. 36

3Ebd.

4Bill Roorbach, Writing Life Stories, 1998

5Natalie Goldberg, Writing down The Bones, 1998, S. 189

6Jon Franklin, Writing for Story 1994, S. 77ff

7Polti, George (1977). The thirty-six Dramatic Situations. Boston: The Writer (Original erschienen 1921)

8Ronald B. Tobias, Zwanzig Masterplots, 1999

9Donald M. Murray, The Craft of Revision, 1998, S 2

10Ebd., S. 29ff.

11Victoria Nelson, On Writer's Block, 1993, S. 103

12Jane Smiley, What Stories Teach Their Writers, 1999, S. 253

13Sten Nadolny, Das Erzählen und die guten Absichten, 1997, S. 86

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