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Autor: Kübler, Hans-Dieter.

Titel: Buch.

Quelle: Jürgen Hüther/ Bernd Schorb (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. 4., vollständig neu konzipierte Auflage. München 2005. S. 43-50.

Verlag: kopaed verlagsgmbh.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



Hans-Dieter Kübler

Buch

1. Begriff, Geschichte, Form und Funktion

Mit seiner fast 2000-jährigen Geschichte, seit dem Codex in der Spätantike bis zu heute gebräuchlichen Formen, ist das Buch das älteste (Speicher-)Medium; es genießt inzwischen höchste Reputation und gilt nach wie vor als Leitmedium für die Kulturgeschichte. Seine materiellen Formen entwickelten sich entsprechend dem verfügbaren Trägermaterial (Papyrus: Buchrolle; Pergament: Codex; Papier: gebunden als Hardcover oder geklebt als Taschenbuch), den Reproduktionsformen von Text und Bild (Handschrift, Druck) bis hin zu heute auditiven (Hörbuch) oder elektronischen Ausgaben (CD-ROM, DVD, E-Book). Seine kommunikativen Funktionen schlagen sich in diversen Gattungen nieder, wovon nicht alle durch den Buchhandel kommerzialisiert werden, sondern auch privat (z.B. Tagebuch, Malerbuch), außerhalb des Buchhandels („graue Literatur') oder amtlich (z.B. Grundbuch) bleiben, selbst übertragene Begrifflichkeiten (z.B. das Buch des Lebens) bildeten sich.

Die Entwicklung des Buches zum Massenmedium ist zum einen geknüpft an die Verbreitung der allgemeinen Lesefähigkeit und an die technischen Entwicklungen zur Massenfertigung (Schnelldruck durch Metall- und Zylinderpresse sowie Rotationsdruck). Im Laufe des 16. Jh.s lösten sich die ersten Drucke (Inkunabeln) aus den mit und nach Gutenberg entstandenen Druckereien vom Vorbild der mittelalterlichen Handschrift, dem Codex, und die äußere Form (gemäß der Falzung der Bögen: am gebräuchlichsten die Oktavformat) erhielt fortan Foliierung (Blattzählung), Paginierung (Seitenzählung) und endlich Titelblätter und Kapiteleinteilungen. Zunächst ist das religiöse und/oder gelehrte Buch noch lange Privileg vermögender und gebildeter Stände, also im Besitz von Klerus, Adel und Bildungsbürgern (besonders in den Universitätsstädten). Bis ins 19. Jh. hinein wurden Bücher mit der Hand gefertigt, erst dann begann die industrielle Herstellung, bald in Massenauflagen. Seine Inhalte und Funktionen änderten sich dadurch, schöne („Belletristik") und Unterhaltungsstoffe sorgten für rasche, konsumierende Lektüre, für Abenteuer und Entspannung, seine Distribution verdichtete sich zu einem der engsten und effektivsten Handelsnetze zwischen herstellendem und verbreitendem Buchhandel, samt Zwischenstationen. Seit etwa 1840 wurde nur noch selten handgeschöpftes Papier bedruckt; doch das nun aus Holzschliff und Zellulose hergestellte Papier ist säurehaltig und nicht alterungsbeständig. Der 'Buchzerfall' ist inzwischen ein großes Problem der Konservierung, dem mit aufwendigen Säureentziehungsverfahren Einhalt geboten werden soll.

Seit der ersten Hälfte des 20. Jh.s steht das Buch in Konkurrenz mit seinen billigeren Formen, einerseits dem Taschenbuch ('Paperback'), andererseits mit den weiteren populären Printmedien wie Zeitung und Zeitschrift, heute vor allem mit den elektronischen Medien, mit Film, Radio, Fernsehen und Computer.

Dem Charakter als Kommunikationsmedium kommen Funktionsbeschreibungen näher, die die kommunikativen und die kulturellen Leistungen des Buches betonen (Rautenberg/Wetzet 2001). Allerdings geraten sie mitunter zu pauschal und nicht trennscharf genug - so wenn die „buchmediale Kommunikation als spezifische schriftgebundene Form des Austausches von bedeutungstragenden Zeichen zwischen einem Kommunikator und einem Adressaten (Rezipienten)" (Rautenberg 2003, 84) definiert und damit andere Varianten zwangsläufig ausgeschlossen werden. (>Kommunikation)

Ambivalenz prägt das Buch in Form seiner ökonomischen Formbestimmung und Verwertbarkeit. Die Produktion verlangt so viel Kapital und technische Investitionen, dass der Absatz des Buches stets von Bedeutung war. Diese Kondition musste bereits Johannes Gutenberg (ca. 1397 - 1468) im Mainzer Schuldenprozess schmerzlich erfahren, als er die Werkstatt samt technischen Erfindungen und fertiggestellten Druckwerken an seinen 'Verleger' Johann Fust verlor (Presser 1967). Die „Janusköpfigkeit" des Buches beschäftigte und belastete die kulturelle Diskussion immer wieder, Bertolt Brecht spricht in seinem „Galileo" etwa von „der geheiligten Ware Buch", die Geist und Geld zusammenzwingt (Weigner 1989, S. 19).

Viele strukturelle Entwicklungen, die in der Kulturgeschichte wirksam sind und die bis heute Medienproduktion und -verbreitung bestimmen, hat das Buch vorgeprägt bzw. erfordert: etwa die Strukturen des Verlages und des Vertriebs sowie viele Instanzen der Lesekultur. Im Zeitalter der „technisch-industriellen Reproduzierbarkeit" (W. Benjamin)

werden sie - bezeichnenderweise - unter den Begriff „Literaturbetrieb" subsumiert (Baumgärtner 1973; Franzmann u.a. 1999).

2. Instanzen des Buches

2.1 Verlag und Buchhandel

Am Ausgang des Mittelalters verlangte die allmählich mechanisierte Produktion immer mehr Kapital: Rohstoffe wie später auch Maschinen wurden von zahlungskräftigen Kaufleuten vorfinanziert (vorgelegt), die ihre Investitionen schließlich durch die gesamte Übernahme der Produktion sicherten. Der eigentliche - ehemals selbständige - Produzent bekam eine knappe Entlohnung und wurde damit vom 'Verleger' abhängig. Dieses Verlagssystem der frühkapitalistischen Wirtschaft bestimmte viele Branchen. Erst im 18. Jahrhundert, nachdem Druckerei, Setzerei und Buchbinderei selbständig produzierten, nahmen die Buchproduktion und der Vertrieb allmählich ihre gegenwärtige Form als „reiner Verlag" an (Schönstedt 1991, S. 25f). Der Autor als eigenständige, zumal künstlerische Persönlichkeit und rechtsfähiges (Urheber-)Subjekt etablierte sich in der Zeit der Aufklärung als herausragende Figur bürgerlicher Individualität. Das geistige Eigentum wurde dem materiellen allmählich juristisch gleichgestellt; allerdings dauerte der Kampf für die Etablierung eines Urheberrechts und gegen Raubdrucke, Buchschleuderei und Verramschung der Auflagen noch bis weit ins 19. Jh. hinein (Wittmann 1991). Inzwischen muss das Urheberrecht gegen neue elektronische und ständig veränderbare Online-Formen geistiger Produktion und Reproduktion, zudem auch noch international, gesichert werden.

Unter mittelalterlichen Verkehrsverhältnissen war der Transport von Papier und Gedrucktem beschwerlich, risikoreich und teuer, so dass Drucker, die lange Zeit noch ihre Werke selbst vertrieben, seit Ende des 15. Jh.s „Buchführer" - Vorläufer der Sortimenter (Buchhändler) - auf die Reise schickten. Die Buchverleger legten an den Stätten berühmter Messen - besonders in Frankfurt (von 1598 bis 1764) und in Leipzig (ab 1594, besonders aber 1764) - Depots für ihre Werke an und rechneten dort einmal im Jahr ab, denn bis ins 18. Jahrhundert hinein wurde getauscht - unabhängig von Auflage, Druckqualität, Inhalt und Autor. Dies wurde „Stechen" genannt (nach der „Stichprobe", bei der einzelne Körner aus einem Getreidesack mit einem kleinen angespitzten Rohr herausgeholt werden): Bogen gegen Bogen, Papierballen gegen Papierballen. Die Bögen waren bis dahin noch nicht gebunden.

Im verbreitenden Buchhandel (Einzelhandel mit Büchern), der 2001 einen kleiner werdenden Bestand von 5.173 Buchhandlungen umfasst, entfallen 67 Prozent des Umsatzes von rd. 5,259 Mrd. Euro (2002) auf die größten 11,3 Prozent der Unternehmen (oder: rd. 585 Buchhandlungen). Darunter sind nur 0,8 Prozent (oder 43), die mehr als 10 Millionen Euro Umsatz im Jahr und damit 33,6 Prozent des gesamten Buchhandel-Jahresumsatzes erzielten. Dazu gehören neben Groß-Filialisten wie die zum Handelskonzern Douglas gehörende Phönix/Montanus GmbH auch mächtige Sortimenter wie Hugendubel mit 28 Buchhandlungen in Deutschland. Diesen Großen stehen 588 Buchhandlungen (11,3 Prozent) am anderen Extrem gegenüber, die nur zwischen 50.000 bis 100.000 Euro Umsatz pro Jahr verbuchen und damit eher rote Zahlen schreiben. Bereits längerfristig geht der Anteil des Sortimentsbuchhandels am gesamten Buchhandel zurück (1985 noch 64%, 2002: noch 57%), wobei die in den 90er Jahren noch prosperierenden „branchenfremden Vertriebswege" wie Warenhäuser, Supermärkte, Kioske und Discounter nicht mehr die Wachstumsfavoriten sind, auch die Buchgemeinschaften verlieren; nunmehr sind es der Versandbuchhandel, die modernen Antiquariate und der Online-Buchhandel wie z.B. www.buch.de, der wiederum großteils zu besagten Buchhandelsketten gehört (Börsenverein 2003, S. 13ff).

2.2 Bibliotheken

Die besondere Wertschätzung und kulturelle Dignität des Buches ließ seit Mitte des 18. Jh.s die nicht-kommerzielle Verbreitung in Form von Bibliotheken (als 'Bücherhäuseo ) entstehen. Büchersammlungen gab es zunächst nur an Kirchen und Klöstern sowie an adligen Höfen und zu Ehren von Herrschern. Das moderne Bibliothekswesen mit umfassender Erwerbung, systematischer Erfassung, innerer Arbeitsorganisation und bald auch öffentlichem Zugang begann 1737 mit der Gründung der Universitätsbibliothek in Göttingen. Im letzten Drittel des 18. Jh.s führten das gewachsene Lesebedürfnis und die gestiegene Buchproduktion zur Gründung von Lesegesellschaften, ins Leben gerufen von Bürgern in der Stadt, sowie zu Leihbüchereien, meist von Buchhandlungen oder Verlagen unterhalten. Beide Formen privatwirtschaftlichen Engagements für die Verbreitung von Büchern und Lesestoffen lassen sich als Vorläufer der später eingerichteten Volksbüchereien betrachten. Diese entstanden im späten 19. Jh.; sie hatten ihre Vorbilder in den bereits Mitte des 19. Jh.s gegründeten „public liberaries" in England und den USA. Auch hier zu Lande dienten sie vornehmlich der Bildung und Unterhaltung breiter Bevölkerungsschichten sowie der Wissenschaft und erreichten letztlich die „Demokratisierung des Lesens" (Jochum 1993).

2001 gab es in Deutschland etwa 16.800 Bibliotheken, davon 2.100 hauptamtlich geleitete kommunale öffentliche Bibliothekssysteme mit rund 3.600 Standorten, ca. 13.000 nebenamtlich geführte öffentliche Bibliotheken, davon ca. 7.000 kommunale öffentliche, ca. 5.000 kirchliche und ca. 1.000 Bibliotheken in sonstiger Trägerschaft sowie ca. 1.000 wissenschaftliche Bibliotheken in Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Die Zahl vor allem der kommunalen Bibliotheken verringert sich in den letzten Jahren infolge der Misere öffentlicher Etats ständig, zumal in den neuen Bundesländern erfolgte) eine drastische Ausdünnung der ehedem überdimensionierten Bibliotheksstruktur der ehemaligen DDR. Der kommunale Kultursektor als nicht gesetzliche Pflichtaufgabe bietet sich als einziger Dispositionsbereich für Etatkürzungen an.

Außerdem verschärft sich die Krise des öffentlichen Bibliothekswesens dadurch, dass sich die gesamte Informationsversorgung durch die Computerisierung radikal verändert (.Computer) und mittels elektronischer Netze von privaten Betreibern zunehmend an private Nutzer richtet. Allein erhebliche Investitionen und erweiterte Serviceangebote könnten die öffentliche Literatur- und Informationsversorgung attraktiv halten. Denn nach wie vor wachsen die Entleihungen oder verharren auf hohem Niveau, nämlich 2001 auf mehr als 307 Millionen jährlich, was einen Zuwachs seit 1992 um mehr als 10 Prozent bedeutet. Die Nachfrage nach kostenlos vorgehaltenen, öffentlich zugänglichen Medien ist mithin ungebrochen (Stiftung Lesen 1995, S. 11; Bibliotheksstatistik 2001)

2.3 Moderne Transformationen

Seit den 90er Jahren erfreut sich das Hörbuch einer wachsenden Nachfrage auch hier in Deutschland, nachdem es in den USA schon länger begeistert. Doch sind die Anteile der audiovisuellen Formen (darunter auch Musik-CDs, Videocassetten und Film-DVDs) mit 2,4 Prozent am gesamten Buchhandelsumsatz noch recht gering (Börsenverein 2003, S. 21). Zunächst wurde der Vortrag eines professionellen Vorlesers auf Audiocassetten gespeichert, heute sind es elektronische Versionen auf CDs. 2001 waren rund 7.000 Titel verfügbar, von 220 Verlagen angeboten, nicht nur von dem 1993 durch acht deutschsprachige Literaturverlage gegründeten Hörverlag, sondern auch von Random House Audio, Lübbe Audio, Heyne Hörbuch Verlag, Hofmann & Campe und anderen. Daneben avisiert sich das E-Book (elektronisches Buch) immer noch als Zukunftsoption. 1998 als Rocket eBook weltweit vorgestellt, werden auf einem portablen Kleinstcomputer, auf einem so genannten Handheld, Texte, je nach Kapazität, bis zu 10.000 Seiten, elektronisch gespeichert und auf dem Display für die Lektüre sichtbar gemacht. Doch bislang fand das zusätzliche Gerät kaum Nachfrage. Wohl erst das elektronische Papier als Foliendisplay könnte dem bewährten materiellen Schriftträger einmal Konkurrenz machen.

Als Sammelbegriff für all diese elektronischen Versionen gilt heute Elektronisches Publizieren sowohl für die Herstellung (Druckvorbereitung) als auch für den Vertrieb, auf Offline-Träger wie CD-ROM wie online über >Internet und PC. Dadurch fügt sich das Buch in die sich entwickelnden Formen von >Multimedialität und Cross Media Publishing ein (>Konvergenz), wodurch sich nicht nur seine äußere Form, Materialität und Gattungsspezifik verändert, sondern auch seine Produktions- und Vertriebsweisen bis hin zu grundsätzlich neuen Urheberfragen. Informationsversorgung und -vermittlung online und abfragbar von Datenbanken, Produktion von Büchern nur noch entsprechend der Nachfrage (publishing an demand), elektronische Zeitschriften und Angebote in Netzdienste werden künftig zunehmen. In seiner materiellen Form wird das Buch in absehbarer Zeit sicherlich nicht verschwinden, aber in den einzelnen Sparten - etwa Lexika, Adressbücher, Ratgeber, aber auch Lyrik und Dramatik - dürften sich mit den multimedialen Optionen Funktions- und Nutzungsverschiebungen ergeben.

3. Buch und Lesen

Buch und Pädagogik haben eine gemeinsame geistige Wurzel: die Aufklärung, die Entdeckung menschlicher Individualität und damit auch der Kindheit sowie die neuzeitliche Rationalität. Insofern engagierten sich schon früh Pädagogen wie etwa Johann Heinrich Campe (1746-1818), Verleger, Schulreformator und Autor zahlreicher Kinder- und Jugendbücher, darunter der Jugendausgabe von Daniel Defoes Robinson Crusoe, für die breite Förderung der Lesefähigkeit. Zugleich opponierten sie aber gegen „übertriebene und unzweckmäßige" Lesebedürfnisse, gegen „Lesewut" und „Lesesucht" vor allem von - Kindern, Jugendlichen und von Frauen in den niederen Ständen. Sie bekämpften vermeintlich schädliche Lesestoffe, die damals in Form populärer Abenteuer-, Räuber- und Liebesromane verschlungen wurden. Diese Widersprüchlichkeit zieht sich durch die gesamte Geschichte der Leseerziehung und später auch durch die der >Medienerziehung.

3.1 Verlust der Lesekultur?

Seit Mitte der 50er Jahre begannen in der Bundesrepublik Klagen über namentlich bei Jugendlichen nachlassende Lesebereitschaft, man beschwor den Verlust der Lesekultur - angeblich war die Verbreitung von Comics und Heftchen-Literatur und später die Popularität von Kino und Fernsehen verantwortlich. Seit 1958 intensivierten der Börsenverein und das Hamburger Institut für Buchmarktforschung (bis ca. 1973), ab 1977 auch die Deutsche Lesegesellschaft (bis 1987, seit 1988: die Stiftung Lesen) ihre Buchmarktforschung, empirische Leseforschung und Leseförderung.

Die Buchgemeinschaften, bereits in den 20er und 30er Jahren als Reaktion auf die Verteuerung der Bücher von den Gewerkschaften gegründet, erlebten in den 50er und 60er Jahren als weitere, besondere privatwirtschaftliche Vertriebsformen des Buches ihren Höhepunkt und organisier(t)en 6,5 Mio. Menschen als periodische Leser: In jedem 4. Haushalt lebt(e) ein Buchclubmitglied (Wittmann 1991, S. 375). Der Erfolg der Buchgemeinschaften und kommerzieller Leihbüchereien ging ab den späten 60er Jahren wegen der kostengünstigen Taschenbücher zurück. Nach weiteren Rückgängen seit den 90er Jahren (1998: 341 Mio. Euro; 2002: 314 Mio. Euro) modelt Bertelsmann seine Buchclubs zusammen mit den E-Commerce-Aktivitäten zur Direct-Group Bertelsmann um, die nach wie vor als Sprungbrett für künftigen E-Commerce nicht nur aller Medien, sondern möglichst sämtlicher darüber verkaufbarer Waren an Privatkunden geplant ist (Röper 2002, S. 409).

Entgegen vielen pessimistischen Prognosen haben sich Leseneigungen und -frequenzen in den Bevölkerungen nahezu aller modernen Industrienationen weitgehend stabilisiert (Stiftung Lesen 1990; 1994); sie lassen sich grob mit der „Drittelformel" umschreiben: Ein Drittel rechnet zu den Viellesern (die fast täglich oder mehrmals in der Woche ein Buch in die Hand nehmen), ein Drittel zu den Gelegenheitslesern (mindestens einmal in der Woche ein Buch) und ein Drittel zu den notorischen Nichtlesern. Kinder und Jugendliche lesen fast überall mehr und häufiger als Erwachsene - nicht nur be,dingt durch Schule und Ausbildung. (>Schule und Medien) Frauen zeigen ebenso größere Affinitäten zu den Büchern, besonders zur schönen Literatur. Außer Alter und Geschlecht (>Alte und Medien, >Geschlecht und Medien) erweisen sich Bildung und kulturelle Motivation als Indikatoren für die Buchnähe bzw. -ferne. Doch das formale Bildungsniveau allein ist für die Leselust nicht ausschlaggebend, wie auch die Bildungsreform in den 60er und 70er Jahren die Leseneigungen nicht signifikant wachsen ließ. Andererseits sind diese auch nicht drastisch abgesunken, obwohl seither für die elektronischen Medien enorm mehr Zeit aufgebracht wird. Allerdings haben die medientypische Selektivität und das Multi-tasking auch das Lesen erreicht: Seltener wird ein Text in einem durchgelesen, vielmehr werden die Pausen länger und häufiger. Ganze Textpassagen werden übersprungen, und die Lektüre erstreckt sich häufiger auf mehrere Bücher (Stiftung Lesen/SPIEGEL-Verlag 2001; Bonfadelli/Bucher 2002).

Die literarische Kultur stützt sich indes nicht nur auf die Leseneigung, sondern firmiert inzwischen als Teil der gesamten Konsum- und Medienkultur. So ist sowohl der Bucherwerb als auch der Buchbesitz in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich angewachsen, auch der Buchkauf ist „trotz Teuro-Debatte und allgemeiner Konsum-Unlust" stabil geblieben: 62 Prozent der Frauen und 50 Prozent der Männer haben 2002 mindestens ein Buch gekauft, nur 27 Prozent der Deutschen sind an Büchern nicht interessiert (Börsenverein 2003, S. 12). Das Buch genießt heute ein Prestige wie kein anderes Medium, und Leseerziehung wie -förderung gilt als unumstrittene Erziehungsaufgabe. Außerdem befassen sich viele Medien ausgiebig mit dem Literaturbetrieb. Dabei sind (wenige) Autoren und Literaturkritiker zu hochbezahlten Medienstars avanciert, Literaturverfilmungen dürfen sich der staatlichen Filmsubventionen und dem Beifall der Kritik gewiss sein.

Auch die professionelle Leseförderung bedient sich mehr und mehr Methoden der Public Relations: Die Stiftung Lesen etwa stößt spektakuläre Aktionen, Wettbewerbe, Modellprojekte und etliches mehr an, um so (immer) wieder Lust auf das Lesen zu machen und gerade Kindern und Jugendlichen das Buchlesen im Lärm der anderen Medien schmackhaft zu machen (Bundesminister 1991; Stiftung Lesen 1995). Viele Verbände und Organisationen geben Literatur- und Lesempfehlungen heraus; inzwischen werden etwa 376 Literatur-Preise und Auszeichnungen vergeben (Stiftung Lesen 1995, S. 103ff). Zahlreiche Einrichtungen bieten leseerzieherische Fort- und Weiterbildung für Pädagogen und Eltern an, Bibliotheken und Buchhandlungen bieten Lesungen bis hin zu Schreibwerkstätten. Daneben wird in vielen Familien, Kindergärten, Schulen und Bibliotheken unauffällig, beharrlich und oft mit viel zu geringer Mittelausstattung für das Buchlesen gearbeitet. Ob all diese Aktivitäten dem Lesen nützen, lässt sich aber kaum empirisch beweisen. Zudem ist zu befürchten, dass die wachsenden infrastrukturellen Lücken in der breiten, öffentlichen Literatur- und Buchversorgung all diese Bemühungen nicht kompensieren können.

Alle einschlägigen Studien belegen indes, dass nach wie vor der selbstverständlich lesende Erwachsene für die Kinder das glaubwürdigste und erfolgreichste Vorbild für die Leseneigungen und -interessen und allen lauten Lesekampagnen, erst recht jedem formalen Erziehungszwang zum Lesen überlegen ist: Jener Erwachsene, der über seine Lektüre mit den Kindern ebenso offen spricht, wie er sich für die Lesestoffe der Kinder interessiert und mit ihnen gemeinsam eine Lesekultur lebt (Lesesozialisation 1993; Eggert/Garbe 1995).

Literaturempfehlungen:

Franzmann, B. u.a. (Hg.): Handbuch Lesen. Im Auftrag des Stiftung Lesen und der Deutschen Literaturkonferenz. München 1999.

Hitler, H./Füssel, S. (Hg.): Wörterbuch des Buches. 6. Auf(.. Frankfurt/M. 2002.

Rautenberg, U./Wetzet, D.: Buch. (Grundlagen der Medienkommunikation Bd. 11). Tübingen 2001.

Rautenberg, U. (Hg.): Reclams Sachlexikon des Buches. Stuttgart 2003.

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