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Autor: Kübler, Hans-Dieter.

Titel: Kinder und Fernsehgewalt.

Quelle: Hans Dieter Erlinger u.a. (Hrsg.): Handbuch des Kinderfernsehens. Konstanz, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, 1998. S. 503-522.

Verlag: UVK Medien.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



Hans-Dieter Kübler

Kinder und Fernsehgewalt





Begriffliche Sondierungen



Was Gewalt im Fernsehen bedeutet, das scheint im Alltagsverständnis einigermaßen klar. Diese konsensfähige Kernbedeutung läßt sich als engere Definition von (Medien)Gewalt verstehen und umfaßt die Darstellung von "zielgerichtetem oder zumindest ,gerichtetem' Schädigen, Beeinträchtigen und Schmerzzufügen (z.B. andere Menschen verletzen, töten, bedrohen, beschimpfen, herabsetzen)" (NOLTING 1993, S. 91).

Solche gewalttätigen oder aggressiven Handlungen passieren auf dem Bildschirm; sie sind mithin nur als Bilder oder Images präsent und ergeben sich aus der medialen Gestaltung und Realisation des Fernsehbildes einerseits, bei der Rezeption durch die Wahrnehmungen und Bedeutungszuweisungen der Zuschauer andererseits. Damit sind in die mediale Präsentation und Perzeption von Fernsehgewalt viele subjektive Komponenten einbegriffen. Sie warnen davor, die Gewalt auf dem Bildschirm umstandslos mit der Ausübung und Erfahrung von realer Gewalt gleichzusetzen. Dieser Vorbehalt muß auch bedacht werden, wenn das Fernsehen vermeintlich nur seiner Informations und Dokumentationspflicht genügt und über reale Gewalthandlungen in Nachrichten und Dokumentationen vorgeblich authentisch berichtet.

Verbal-psychische Formen der Aggression wie Beschimpfung, Herabsetzung, Beleidigung bis hin zu bösen Blicken dürften nicht eindeutig unter den Gewaltbegriff gefaßt werden. Ebenso unberücksichtigt bleiben gemeinhin alle Spielarten von struktureller Gewalt. Diesen Begriff hatte der norwegische Friedensforscher Johan Galtung 1968 (deutsch 1971) in die Diskussion eingebracht: Gewalt ist danach in einer Gesellschaft gegeben und wird ausgeübt, "wenn Menschen so beeinflußt werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung" (ebd., S. 57). Allerdings ist es in der Medienforschung bislang kaum gelungen, Galtungs Gewaltbegriff in operative Forschungskonzepte umzusetzen und ihn empirisch nachzuweisen.

Ihn auf das Fernsehen anzuwenden, impliziert eine fundamentale Kritik der herrschenden Fernsehkommunikation: Sie richtet sich nicht nur auf die auf dem Bildschirm präsentierten Wirklichkeitsmodelle, die als verkürzt, einseitig, ideologisch und manipulativ moniert werden, vielmehr attackiert sie auch die strukturelle Verfaßtheit des Fernsehens in einer Waren- und Herrschaftsgesellschaft wie der unsrigen insgesamt (SCHORB u.a. 1984; THEUNERT 1987, S. 86ff.; S. 109ff.).

Als strukturelle Gewalt des Fernsehens gegenüber Kindern könnte betrachtet werden, daß die Sender immer weniger Sorgfalt und Finanzmittel für die Kinderprogramme aufwenden und so die Kinder zwingen, mit ästhetischer wie inhaltlicher Billigware vorliebzunehmen. Dadurch verhindern die Sender zunehmend, daß anspruchsvolle Kinderprogramme produziert werden, und verwehren den Kindern Rezeption und Genuß qualitätsreicherer Sendungen, die ästhetisches Lernen und die Herausbildung eines einschlägigen Urteilsvermögens bewirken könnten. Diese Geringschätzung der Kinderprogramme wird den öffentlich-rechtlichen Anstalten seit den 70er Jahren vorgeworfen, in denen nach dem Boom des Vorschulfernsehens viele und anspruchsvolle Kindersendungen produziert wurden. Die privatkommerziellen Kanäle haben sich seit ihrem Bestehen nie zu solch anerkannten Glanzleistungen entschließen können und meist importierte Discount-Produkte verbreitet - wenn sie überhaupt Kinderprogramme ausstrahlen.

Ebenso als strukturell gewaltsam wurde immer wieder der ärgerliche Umstand angeprangert, daß die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten den bevorzugten Sehzeiten der Kinder und damit -ihren Tagesrhythmen nie hinreichend Rechnung getragen haben, sondern Kindersendungen zu ungünstigen Zeiten am frühen Nachmittag und zu den hauptsächlichen Sehzeiten der Kinder am frühen Abend Werbeprogramme mit Serien ausstrahlen. So sind ganze Generationen mit diesen verdeckten Kommerzprogrammen der öffentlich-rechtlichen Sender als vermeintlichem Prototyp des Fernsehens aufgewachsen. Inzwischen haben die privaten Sender diese Mixtur bis aufs Äußerste perfektioniert und bieten sie rund um die Uhr an. Die Kinder sehen sie von frühmorgens bis abends, freilich immer noch hauptsächlich am frühen Abend. Besondere Zeiten oder gar geschützte Termine für anspruchsvolle Kinderprogramme gibt es längst nicht mehr, weshalb die expliziten Kindersendungen immer mehr an Zuschauern verlieren und voraussichtlich bald aus den Vollprogrammen verschwinden oder in eigene, besonders zu abonnierende Ghetto-Kanäle abgedrängt werden.

Wenn entsprechend dem allgemeinen Sprachgebrauch in der Forschung auch hier weiterhin von Fernsehgewalt und oder von gewalthaltigen Inhalten des Fernsehens gesprochen wird, so läßt sich dieser Usus nun auch so rechtfertigen: Denn die meisten Inhaltsanalysen der Fernsehprogramme zählen in der Tat nur die offensichtlichen, körperlich schwer schädigenden Gewalthandlungen aus und extrapolieren auf ihrer Grundlage das Maß an Violenz der Programme; selten beziehen sie psychische. und verbale Aggressionen mit ein.



Gewalt und Medien



Wie bei vielen solchen Querschnittsfeldern oder interdisziplinären Forschungsaufgaben fällt auch bei dem Thema "Kinder und Fernsehgewalt" auf, daß die davon angesprochenen Disziplinen sich dieses Themas mit unterschiedlicher Verve und Intensität annehmen, es mit differierenden theoretischen Ansätzen und Methoden bearbeiten und entsprechend zu divergierenden Ergebnisse gelangen und daß integrierte, interdisziplinäre und dem komplexen Sachverhalt angemessenen Untersuchungen vergleichsweise selten sind. Je weiter man in der Forschungsgeschichte zurückschaut, um so geringer sind ihre Zahl und ihre konzeptionelle Reichweite.

Gewalt und Medien ist kein auf Kinder beschränktes Themen- und Untersuchungsfeld. Aber für Kinder scheint es besonders prekär und besorgniserregend, diagnostiziert man ihnen - freilich meist unausgesprochen, mindestens kaum hinlänglich bewiesen -, daß sie am leichtesten beeinflußbar sind und ihre Entwicklung von äußeren Faktoren mächtig anfällig ist. Entsprechend folgert man, daß sie durch mediale Gewaltdarstellungen am nachhaltigsten beeindruckt werden und sie die größten psychischen Schäden davon tragen können.

Allerdings bieten die dafür zuständigen Disziplinen wenig verläßliche, plausible und verallgemeinerbare Erklärungen und Belege. Eine interdisziplinäre Kind- oder Kind-heitsforschung entsteht erst (MARKEFKA/NAUCK 1993). Die nach wie vor maßgebliche Entwicklungspsychologie besitzt offenbar bis dato kein eigenständiges Konzept darüber, Ausformung, Stellenwert und Verursachung von Aggression in der onto- wie soziogenetischen Entwicklung von Kindern zu erklären, sofern man dafür den repräsentativen Sammelband zur Entwicklungspsychologie von Rolf Oerter und Leo Montada (1987) zum Maß nimmt. Dort wird weder das soziale Phänomen Aggression eigenständig gewürdigt, noch finden sich korrelative Überlegungen zu seiner Verursachung und Motivierung wie etwa durch die Medien. Auch die Sozialisationsforschung operiert immer noch vorzugsweise mit wenigen, groben, eher makrosoziologisch ausgerichteten Variablen: Fernsehgewalt als signifikanter Faktor der Mediensozialisation von Kindern ist weder eindeutig noch langfristig verifiziert (BONFADELLI 1981, S. 259ff.; SCHORB u.a. 1991; MERTEN u.a. 1994, S. 352ff.).

Die Medien(wirkungs)forschung hingegen blickt inzwischen auf eine beachtliche Tradition einschlägiger Studien: Auf rund 5.000 schätzt man ihre Zahl. Viele von ihnen beschränken sich allerdings ganz strikt auf die Medien, insbesondere auf das Fernsehen, und vernachlässigen daher die breite und unvoreingenommene Sichtung anderer Sozialisationsfaktoren wie Familie, Schule, Gleichaltrigengruppe u.a. Eine vorbehaltlose Gewichtung ihres jeweiligen Einflusses und ihre jeweiligen Funktionen können die meisten Medienwirkungsstudien deshalb nicht leisten. Außerdem sind nur wenige Studien explizit auf Kinder konzentriert.

Es fällt auf, daß das Fernsehen in seiner nun 50jährigen Geschichte und entsprechend seiner gewachsenen Verbreitung immer mehr ins Zentrum des Forschungsinteresses rückt, daß sich aber auch der Blick daraufhin verengt. Erst in den letzten Jahren öffnet er sich wieder und zieht Kindheit als ganze ebenso wie die wachsende Verflechtung der Medienproduktion (Merchandising) in Betracht. So kommt Kunczik nach der jüngsten Durchsicht der Forschungsliteratur zu dem treffenden Urteil, daß "das Wesentliche über die Wirkungen von Gewaltdarstellungen [ ... ] schon die älteren Studien erbracht" haben. Ihre Befunde seien oftmals "von größerer Relevanz als die in vielen hundert Laborexperimenten der jüngeren Vergangenheit erhaltenen Ergebnisse" (KUNCZIK 1994, o.S. und S. 167).



Gewaltdarstellungen im Fernsehen

Pionierstudien bei Einführung des Fernsehens



Mit der Einführung des Fernsehens wurden in den beiden Pionierländern Großbritannien und USA zwei umfassend angelegten Studien durchgeführt, die gerade die in initialen Veränderungen im Leben der Kinder untersuchen wollten: Hilde Himmelweit, A.N. Oppenheim und Pamela Vice studierten 1955/56 die Auswirkungen des neuen Mediums auf die englischen Kinder, William Schramm, Jack Lyle und Edwin P. Parker verfolgten ähnliche Fragestellungen zwischen 1958 und 1960 in den USA und Kanada. Diese beiden Studien markieren Beginn und Standard der einschlägigen Forschung, denn sie waren nicht nur die ersten großen, mehrmethodisch angelegten Feldstudien, die Fernsehen gewissermaßen bei seinem Eindringen in die alltäglichen Lebensweisen beobachteten und erste Umstellungs- wie Gewöhnungsprozesse dokumentierten. Da ihnen nur wenige Feldstudien in diesem Umfang und in dieser Breite nachfolgten, sind sie außerdem bis heute auch in ihrer Qualität maßgebend. Schon damals stellten Himmelweit u.a. (1958) fest, daß die befragten Schulkinder im Alter von zehn und vierzehn Jahren lieber Programme sahen, die für Erwachsene gedacht waren, und explizite Kinderprogramme eher vernachlässigten. Hinsichtlich möglicher Wirkungen (damaliger!) Gewaltdarstellungen konnten weder eindeutige positive noch negative Beeinflussungen diagnostiziert werden: Gewalthaltige Programme vermochten aggressive Gefühle ebenso zu stimulieren wie zu dämpfen. Bedeutsam dafür erwiesen sich individuelle Prädispositionen, die über die Richtung des Einflusses bestimmen. Am meisten Angst unter den Kindern lösten realistisch dargestellte Gewalthandlungen aus, aber auch Gefahren für Identifikationsobjekte wie etwa für den Fernsehhund Lassie. Veränderungen im Leben brachte der Fernsehapparat besonders bei Kindern, die isoliert waren und Schwierigkeiten hatten, sich in Gleichaltrigengruppen zu integrieren.

1959 gelang es Schramm u.a. kaum noch, in den USA Kinder ohne Fernseherfahrung zu finden. Außerdem entdeckten die Forscher keine signifikanten Unterschiede zwischen fernsehenden und nicht-fernsehenden Kindern, vielmehr mußten sie ebenfalls andere, nämlich soziale Variablen für signifikante Verhaltensdiskrepanzen heranziehen. Bereits Ende der 50er Jahre beurteilten die Forscher den Bildschirm als recht violent: Über die Hälfte der Fernsehhelden sei gewalttätig oder kriminell, die Frauenfiguren hingegen posierten häufig als sexy. Dennoch konnten Schramm u.a. nur bei einer ganz kleinen Gruppe von Kindern Gewaltneigungen konstatieren. Ritualisierte Mediengewalt berühre die meisten Kinder kaum, vor ihr schützen intakte sozialen Beziehungen mit integren Werten.

Schramm u.a. formulierten daraufhin eine "Einsicht von zeitloser Gültigkeit" (KUNCZIK 1994, S. 167). Ihre Prämissen und Differenzierungen versuchen seither Studien einzugrenzen und zu konkretisieren: „For some children, under some conditions, some television is harmful. For other children under the same conditions, or for the same children under other conditions, it may be beneficial. For most children, under most conditions, most television is probably neither harmful nor particularly beneficial“ (1961, S. zit. nach KUNCZIK 1994, S. 167 und S. 238). Gleichwohl schlugen Schramm u.a. vor, pädagogisch dafür zu sorgen und Kinder, besonders die gefährdeten, dazu anzuleiten, daß Fernsehen ihnen nicht schadet.



Methoden zur Programmanalyse und Rezeptionsforschung



Was von Rezipienten tatsächlich am Bildschirm wahrgenommen wird, darüber existieren in der Regel nur sporadische, unvollständige und vage Befunde. Denn das Fernsehprogramm als ununterbrochenes Kontinuum, das außerdem Jahr für Jahr wächst, läßt sich kaum exakt und komplett erfassen. Daher sind nur Stichproben möglich; sie besitzen freilich keine feste Basis (Grundgesamtheit) und wandeln sich ständig. Deshalb veralten die Befunde rasch, worauf Programmverantwortliche meist in ihrer Verteidigung hinweisen: Bis eine wissenschaftliche Untersuchung des jeweiligen Programms durchgeführt ist, kann sich dieses bereits geändert haben.

Noch grundsätzlicher ist die Frage: Was - d.h. welche Inhalte oder welche Anteile des Inhalts - werden analytisch erfaßt und in die Rubriken der Gewaltdarstellung eingetragen. Offen ist die Semantik des Gewaltbegriffs zumindest an den Rändern. Außerdem sind Fernsehbilder äußerst komplex, nicht eindeutig und ständig im Fluß. Daher müssen bei ihrer analytischen Beschreibung Vereinfachungen ihrer inhaltlichen Komplexität vorgenommen werden, um sich auf typische und/oder signifikante Bildinhalte zu konzentrieren. Solche Fokussierungen werden mit Hilfe von möglichst eindeutigen Kategorisierungssystemen vorgenommen, die eine hohe Übereinstimmung der Analysierenden bewirken sollen. Die sozialwissenschaftliche Methode dafür ist die Inhaltsanalyse, mit der seit den 30er Jahren die Erfassung und Beschreibung von Medieninhalten angestrebt wird.

Weitere Komplizierungen ergeben sich für Kinder dadurch, daß gerade die für sie angebotenen Programme, Geschichten und Figuren inzwischen durch die Medienverbundsysteme mehrfach bzw. multimedial vermarktet und demnach vielfältig rezipiert werden. Bei den üblichen Befragungen von Kindern läßt sich daher nicht mehr eindeutig unterscheiden, bei welchem Medium Kinder welche Inhalte bzw. Gewaltdarstellungen rezipiert haben.

Betrachtet man die Fernsehrezeption von Kindern noch genauer, verkomplizieren sich die Fragestellungen noch mehr. Denn - so lautet die einhellige Diagnose - Kinder sehen anders als Erwachsene, und zwar sowohl hinsichtlich der Programme, der Wahrnehmung und Beurteilung von Inhalten und Figuren wie auch hinsichtlich des Verhaltens vor dem Bildschirm und der Konzentration auf ihn. Außerdem wandeln sich all diese Modalitäten im Laufe des Aufwachsens. Allerdings liegen dafür nur wenige verläßliche empirische Daten vor. Bislang wurden eher deduktive Hypothesen angestellt, mit denen die von der Entwicklungspsychologie, insbesonders von Jean Piaget, pauschal und grob vorgeschlagenen Stadien der kognitiven Entwicklung auf mögliche Sehweisen übertragen werden, ohne die durch das Fernsehen womöglich induzierten Modifikationen des Sehens von Kindern hinreichend zu berücksichtigen (STURM/JÖRG 1980; MEYER 1984; vgl. GROEBEL 1994a, HUSTON 1995).

Von besonderem Interesse ist dabei die kognitive Zäsur bzw. Kompetenz der Kinder, mediale, also symbolische, und nichtwirkliche Darstellungen von realen Sachverhalten zu trennen. Nach Jean Piaget können Kinder erst etwa mit sechs, sieben Jahren operational denken, d.h. sie können logische und dramaturgische Vorgänge in ihrer Gänze erkennen und kognitiv nachvollziehen. Zunächst gelingt es ihnen nur für konkrete Ereignisse und konkrete Vorstellungen von Ereignissen, ab 10, 11 Jahren auch für abstrakte. Dann erst ist die Kognition voll entwickelt. Davor können ihnen die Grenzen zwischen den diversen Stadien von Wirklichkeit, zumal wenn sie symbolisch-abstrakt dargestellt sind, durcheinandergeraten; aber auch Erwachsenen unterlaufen solche Konfusionen, zumindest in emotional aufwühlenden Situationen oder bei besonderen Ereignissen. Außerdem setzen die Medien alles dran, ihre Inszenierungen soweit wie möglich als real, zumindest als wahrhaftig und affektiv packend zu präsentieren.

Von solchen Dispositionen der Wahrnehmung und Kognition kann nicht umstandslos auf mögliche Wirkungen, also auf die Übernahme und Verinnerlichung von Verhaltensweisen, zumal von gewalttätigen, geschlossen werden. Auch wenn Kinder symbolisch-dramaturgische Aktionen auf dem Bildschirm für wahr und 'echt' halten, brauchen sie sie nicht unmittelbar nachzuahmen oder für nachahmenswert zu akzeptieren. Wiederum mischen sich etliche andere Faktoren verhindernd oder auch bekräftigend dazwischen, so daß auch diese entwicklungspsychologische Kondition keine eindeutige und stringente Prognose abzugeben vermag. Immerhin sind neuerdings inhaltsanalytische Methoden darum bemüht, die spezifische Wahrnehmung von Kindern und nicht die vermeintlich objektive Registratur von Gewaltdarstellungen zu ermitteln und sie als Daten für die Beschreibung von violenten Inhalten zu nehmen. Diese sog. subjektiven oder - nicht ganz korrekt übersetzbar - funktionalen Inhaltsanalysen betrachten die Inhalte als Funktionen der jeweils subjektiven Wahrnehmung und nicht umgekehrt.

Doch nach wie vor muß die wissenschaftliche Inhaltsanalyse unterstellen, daß Bildschirminhalte aufmerksam und vollständig in ihrer Stringenz und sequentiellen Linearität von den Zuschauern verfolgt werden, so wie dies in der künstlichen Analysesituation geschieht. Daß hingegen die alltägliche Sehsituation anders aussieht, sich mehr und mehr verflüchtigt und dekonzentriert, belegt die sensible Rezeptions- und Nutzungsforschung, kann aber die Inhaltsanalyse konzeptionell-methodisch nicht umsetzen. Eher ein - wenn auch oft bemühtes - Vorurteil dürfte es sein, daß Kinder gebannt, wie gelähmt und gefesselt Stunden und Stunden vor dem Bildschirm hocken und sich besonders von actionbetonten Sendungen gänzlich gefangennehmen lassen. Zumindest müßte diese Aussage sowohl für einzelne (Alters)Gruppen und Rezeptionssituationen differenziert und dann en détail empirisch belegt werden.

Wahrscheinlicher ist hingegen, daß mit der Entzauberung des Fernsehens und seiner alltäglichen Gewohnheit in den Familien bis hin zu seiner permanenten Präsenz als Bilderteppich die Konzentration und die ungeteilte Aufmerksamkeit auch bei Kindern eher selten anzutreffen, stattdessen vielfältige Formen mehrfacher Tätigkeiten (z.B. Spielen und Sehen), des beiläufigen Schauens und des nur noch kurzfristigen, wenn nicht gar punktuellen Konzentrierens üblich sind. Die heute gängige, für Kinder reizvolle Fernbedienung trägt ihrerseits zu solch dekonzentierten Sehweisen bei: Zapping, Switching und Channel Hopping dürfte besonders tagsüber beliebter Usus auch gerade bei Kindern sein. Abermals muß eingeschränkt werden: Auch wenn über diese Sehweisen viel diskutiert und sogar geklagt wird, hinreichend in ihrer Verbreitung und sozialen Typik erforscht sind sie noch nicht.

Deutlich machen all diese Gesichtspunkte, daß die Diskrepanz zwischen emittierten Programmangeboten und ihren von den empirischen Rezipienten tatsächlich wahrgenommenen Inhalten immer größer wird und daß es wissenschaftlich immer weniger möglich und angemessen ist, vom (durch die Inhaltsanalyse) methodisch registrierten Programm Folgerungen für die empirische Rezeption und Perzeption der Programme durch die Rezipienten anzustellen.



Gewaltdarstellungen im Fernsehen



In Deutschland sind Inhaltsanalysen nie kontinuierlich angestellt worden, lediglich einige Fallstudien mit mehr, eher weniger Validität gibt es. Öffentlich bekannt geworden ist eine sehr grobe Erfassung von Fernsehsendungen von ARD und ZDF 1971, die der Hildesheimer Pädagoge Heribert Heinrichs in der Zeitschrift "Eltern" veröffentlichte und die auch zu einer Debatte im Deutschen Bundestag führte. Nach dieser – freilich nie valide dokumentierten - Auszählung passierten schon 1971 in einer einzigen Fernsehwoche "416 Gewaltverbrechen"; darunter waren 103 Tote, 52 schwere Schlägereien, 27 Schießereien, 8 Raubüberfälle"; außerdem gab es Faustattacken, Erpressungen, Knebelungen, Bedrohungen alle Art, Entführungen, Erwürgungen, brutales Vorgehen gegen Frauen und Kinder" (HE[NRICHS 1974, S. 29).

Heinrichs schloß aus diesem Befund umstandlos, "daß die Aggressivität von Kindern zunimmt, wenn sie auf dem Bildschirm vermehrt Gewaltdarstellungen erleben" (ebd., S. 26), denn - nach seinen nie belegten Forschungen - Kinder setzen "Aggressionsakte im Fernsehen unverändert [ ... ] in aktive Verhaltensweisen um" (ebd., S. 33). Immerhin stellte er ein Jahr später erleichtert fest, "daß die Programme von ARD und ZDF inzwischen weitaus weniger Gewaltanwendungen enthalten, wenn es auch noch immer unverantwortbare Szenen gibt' (ebd. S. 40).

Auf diesem recht vagen, wenn nicht ungesicherten Niveau blieben die Forschungen hierzulande (vgl. als regierungsamtliche Übersicht: BUNDESMINISTER 1974). Dennoch wurden ihre zweifelhaften Befunde vielfach publiziert, gerechtfertigt und auch populärwissenschaftlich für sakrosankt erklärt, so daß die Fernsehanstalten auf sie reagieren mußten: Die ARD verteidigte sich mit einer Broschüre "Schlagwort: Gewalt im Fernsehen" (ARD, 1971), das ZDF ließ seine beiden Forschungsreferentinnen Hella Kellner und Imme Horn einen Literaturbericht über "Gewalt im Fernsehen" schreiben (KELLNER/HORN 1971). Außerdem strengte es eine eigene Untersuchung an, die aber im Laufe ihrer Bearbeitung den Erkenntnishorizont auf die familialen Rezeptionssituationen erweiterte: Ohne Erfassung der Inhalte - klassifiziert wurden nur noch Action- und Nonaction-Sendungen - konnte in ausgewählten Familien das Interaktionsgeschehen vor dem Bildschirm beobachtet und damit erstmals ein typisierbarer sozialer Kontext für die "soziale Bedeutung des Fernsehens" empirisch ermittelt werden (KELLNER 1978): Action-Programme, die ein unbestimmtes Maß an Gewalt beinhalten (können), lockten nach dieser Studie die Familienmitglieder besonders an; ihre Rezeption unterschied sich nur dadurch signifikant, daß sie Gespräche unter den Familienmitgliedern nachhaltig hemmten.

Ende der siebziger Jahre schaffte der damals noch in Bonn, heute in Mainz lehrende Kommunikationswissenschaftler Michael Kunczik (1975; 1978) mit fundierten Referaten über die internationalen Medienwirkungs- bzw. -gewaltforschung, zumindest für die Fachwelt, erstmals einen seriösen und verläßlichen Überblick, der freilich in der populären Öffentlichkeit ungehört blieb. Seither setzt er diese instruktive Serie (vgl. auch KUNCZIK 1987, 1993a, 1993b) bis hin zur jüngsten Publikation (1994) fort. Dabei wird er nicht müde, jeweils die Prämissen, Reichweiten und damit die Aussagekraft der referierten Studien aufzuzeigen und mit anderen zu vergleichen. Insofern besteht in deutscher Sprache zumindest eine respektable und fundierte Kontinuität einschlägiger Forschungsberichterstattung, die zumindest viele Übersteigerungen und ungerechtfertigte Behauptungen relativieren könnte, sofern sie zur Kenntnis genommen wird.

Kunczik setzte sich 1983 auch mit den Gewaltdarstellungen in Zeichentrickfilmen auseinander und kam zu dem eindeutigen Urteil:

"Zeichentrickfilme wie etwa Oscar, die Supermaus, Slapstick-Filme wie etwa Dick und Doof oder die Väter der Klamotte enthalten zwar Gewaltakte, aber diese fiktive Gewalt hat, wie alle andere fiktive massenmedial verbreitete Gewalt auch, keinerlei negative Effekte auf die Rezipienten - und zwar auch nicht auf Kinder. Für Kinder sind – unter dem Gesichtspunkt möglicher emotionaler Störungen usw. - mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sogenannte kind- bzw. familiengerechte Sendungen (Heidi, Pinocchio usw.) gefährlicher. Die Ergebnisse der empirischen Forschung weisen eindeutig auf das Nichtvorhandensein einer Kausalbeziehung zwischen Inhalt (z.B. Cartoon, Slapstick usw.) und befürchteter negativer Wirkung (Angst, gesteigerte Violenz usw.) hin" (KUNCZIK 1983, S. 341).

So unmißverständlich dieses Resümee ist, es enthält in seinen Gegenargumenten noch viel ungesicherte Annahmen. Wahrscheinlich würde Kunczik eine solche klare Position heute nicht mehr beziehen, sondern eher auf vielfältige Vorbedingungen und Eventualitäten hinweisen. Aber sehr viel weiter und zu verläßlicheren Befunden gerade in Hinblick auf Gewaltdarstellungen in Zeichentrickfilmen ist die Forschung bis heute nicht gekommen (SCHORB u.a. 1992).

Anfang der 90er Jahre rückten die Programme der kommerziellen Fernsehanstalten ins Visier öffentlicher Besorgnis - offensichtlich erst nachdem sich ihre Unternehmen hinreichend fest am Markt verankert hatten und sie infolge ihrer wachsenden Marktanteile die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zogen: 1990 beauftragte die Landesanstalt für Rundfunk in Nordrhein-Westfalen den in Utrecht lehrenden Medienpsychologen Jo Groebel mit einem Gutachten über die Gewalthaltigkeit der führenden Fernsehprogramme, um bestimmte Programmexzesse mit wissenschaftlicher Legitimation maßregeln zu können. Diese Studie über eine konstruierte Programmwoche von ARD, ZDF, RTL, SAT.1, Tele 5 und Pro Sieben wurde zur ersten, einigermaßen seriösen Inhaltsanalyse von Gewaltdarstellungen im bundesdeutschen Fernsehen (GROEBEL/GLEICH 1993). Sie bezog sich auf fast 750 Programmstunden, als statistische Stichprobe aus acht Wochen Programm des Jahres 1991 gezogen, und registrierte Aggressions- wie Bedrohungshandlungen in Quantität und Qualität.

In Anlage und Reichweite war es ausschließlich eine Inhaltsanalyse, die 1993 - nach vielen Vorveröffentlichungen (vgl. etwa GROEBEL 1992a; 1992b) - vollständig publiziert wurde. Dennoch wurde sie vielfach auch als Ausweis, mindestens als Vermutung für Wirkungen mißverstanden, zumal ihre Verfasser sich nicht selten zu solchen Spekulationen hinreißen lassen (zuletzt GROEBEL 1994b-, 1995). Auch wurde sie selten in ihrer ganzen Breite zur Kenntnis genommen, vielmehr kursierten nur ihre aufsehenerregenden Befunde durch die Öffentlichkeit: Fast 70 Mordszenen registrierten die Codierer an einem der ausgewählten Programmtage, 481 in der Woche. Zwar wollten sich die Autoren nicht zur solch schlichten, vielfach verpönten "Leichenzählerei" verstehen, vertraten aber die Meinung, der "'Tod in den Medien' trage zumindest zur Selbstverständlichkeit und Gewöhnung" bei, von den "emotionalen Potentialen auch einzelner Bilder" gar nicht zu reden (GROEBEL/GLEICH 1993, S. 66). Damit legten sie zumindest indirekt Wirkungsvermutungen nahe, die von anderen bereitwillig aufgenommen wurden (siehe auch ERLINGER 1994).

Fast die Hälfte aller Fernsehsendungen beinhalte nach dieser Inhaltsanalyse zumindest einmal Aggression oder Bedrohung in irgendeiner Form, und diese violenten Inhalte wurden nach dem Vorbild des amerikanischen Forschers George Gerbner (1978, 198 1) zu einem Gewaltindex aufsummiert. Den höchsten verbuchten "Pro Sieben" und der nicht mehr existente Kanal Tele 5", den niedrigsten ARD und ZDF. Mit 29 Prozent erwiesen sich die Zeichentrickfilme am gewalthaltigsten, danach folgten Serien und Spielfilme (mit jeweils ca. 26 bis 24 Prozent) (GROEBEL/GLEICH 1993, S. 67). Serien sind aber in allen Programmen im Umfeld von Werbung plaziert, die in den privat-kommerziellen rund um die Uhr ausgestrahlt wird, in den öffentlich-rechtlichen im sog. Vorabendprogramm. Seit jeher werden diese Programme vor allem von Kindern konsumiert.

In den Trickfilmen ist Mord seltener vertreten und weniger typisch als andere Aggressionsformen wie Schlägereien, Sachbeschädigungen, aber auch Tierquälereien. Dennoch werden diese Formen der Gewaltdarstellung bei den generellen Registraturen ebenso wie die gänzlich anders gelagerten in den Nachrichten und dokumentarischen Sendungen mit denen in Spielfilmen und Serien gleich verrechnet. Auffallend war schließlich noch, daß die meisten Gewalthandlungen zu Beginn der Serien erfolgen; sie fungieren offenbar als "Aufreißer" oder Handlungsauslöser, um die Zuschauer am Programm zu halten (ebd., S. 64). Explizite Kindersendungen sind von Groebel und Gleich nicht speziell untersucht worden.

Diese noch weiter differenzierbaren Daten galten vielen auch als definitive Indikatoren für die unaufhaltsame Brutalisierung der Gesellschaft insgesamt. Auch die beschuldigten Anstalten reagierten darauf, indem sie weitere Inhaltsuntersuchungen in Auftrag gaben: RTL bei dem Institut COMDAT (1993a; 1993b) unter Leitung des Münsteraner Kommunikationswissenschaftlers Klaus Merten, ARD und ZDF beim Kölner Institut für empirischen Medienforschung (IFEM) unter der Leitung von Michael Krüger (1994). COMDAT bescheinigte dem Auftraggeber RTL in zwei 1992 und 1993 durchgeführten Erhebungen von jeweils einer Programmwoche - "erwartungsgemäß", wie die kritische Presse monierte -, daß die Gewaltdarstellungen in allen Programmgenres zurückgegangen wären. Die Studie von Krüger dagegen ist erst für die Nachrichten- und Informationssendungen ausgewertet und attestiert ARD und ZDF überaus zurückhaltende Quoten an Violenz und wiederum höhere für die privatkommerziellen. Eine Untersuchung der Kinderprogramme ist gesondert vorgesehen, aber noch nicht publiziert.



Zu möglichen Wirkungen von Fernsehgewalt



Experimentelle Untersuchungen



Eher der psychologischen Forschungstradition entstammen die Bestrebungen, mögliche Wirkungen von Gewaltdarstellungen im Experiment zu ermitteln. Prämisse und Ziel dabei ist, eine Versuchsanordnung mit möglichst exakten Methoden zu schaffen, so daß ungeachtet der jeweiligen Individualität der Versuchspersonen und aller anderen situativen bis zufälligen Bedingungen überindividuelle, jeweils wiederholbare, also verallgemeinerbare Erkenntnisse oder gar Gesetzmäßigkeiten gewonnen werden.

Damit unterliegt diese Forschung all den Konditionen und Annahmen, die psychologische Experimentalforschung einerseits und Wirkungsforschung andererseits kennzeichnen. Sie können hier nur angedeutet werden: Zum einen blenden solche Experimente unweigerlich die Persönlichkeit und damit die Komplexität menschlicher Wahrnehmung wie Handlung weitgehend aus. Soziale und situative Bedingungen kann sie ebenfalls nur als zweitrangige, sog. intervenierende Variablen berücksichtigen, respektiert sie aber nicht als konstitutive Faktoren der subjektiven Welterkennung und -deutung. Ebenso vereinfacht sie den Wirkungsbegriff. Er ist für sie ein isolierbares, eindeutiges Einwirken eines Reizes (Stimulus) auf ein Individuum, wobei an ihm nur die Reaktion, also die Meinungs- und/oder Verhaltensänderung registriert werden kann. Wirkung wird mithin kausal, als Ursache-Folge-, oder zumindest final, als Absicht-Folge-Prozeß, gesehen; Wirkungen entgegen der Intention des Initiators gelten als Abweichungen, keine erkennbaren Wirkungen als Mißerfolg.

Für Kinder werden diese restriktiven Sichtweisen noch weiter vereinfacht, indem man ihnen - meist unausgesprochen - unterstellt: Zeigen sie nicht die intendierten Wirkungen, dann verstehen sie die Intentionen noch nicht. Solche Reaktionen können aber die Erziehungsverantwortlichen gleichermaßen beunruhigen wie - etwa bei heiklen Themen - entlasten. Reagieren die Kinder hingegen entsprechend den Intentionen, bestätigen sie die ihnen per se zugeschriebene Beeinflußbarkeit, und diese löst entsprechende Besorgnisse aus - wobei mögliche andere Faktoren und Konstellationen ignoriert werden, und man gerade beim Fernsehen dazu neigt, es als exklusiven, weil vermeintlich eindeutigen Verursacher - nicht selten im Sinne eines Sündenbocks - zu inkriminieren. Das Risiko zirkulären Denkens und Forschens ist also gerade in bezug auf Kinder fast immer gegeben.

Daß Kinder in solchen experimentellen Versuchsanordnungen außerdem von vielen anderen Faktoren, besonders von den handelnden Personen und der Situation als ganzer, beeinflußt werden können, zumal wenn sie so labil und lenkbar sind, wie ihnen unterstellt wird - diese Unwägbarkeiten kalkulieren die wenigsten Experimentalstudien genügend methodisch exakt ein. Und auch der kognitive Grundsatz, daß Kinder anders und anderes wahrnehmen, findet kaum hinreichend theoretische wie methodologische Beachtung. Die meisten Untersuchungen basieren auf einem naiven Wahrnehmungs-positivismus aus Sicht der Erwachsenen und vernachlässigen fast alle entwicklungspsychologischen Besonderheiten: Erfragt und erhoben wird das, was die Erwachsenen glauben, wahrgenommen zu haben und als wichtig annehmen. Letztlich noch erschwerend kommen ethische oder gar rechtliche Vorbehalte hinzu: Denn die kindlichen Versuchspersonen dürfen im Experiment nicht mit den extremen Formen von Mediengewalt konfrontiert werden, die sie - wie man ihnen meist unbefragt unterstellt - zu Hause sehen.

Trotz all dieser (und noch einiger anderer) Einwände werden die meisten Wirkungsstudien immer noch im Labor, als Experiment, angefertigt. Denn sie sind viel weniger aufwendig und damit kostengünstiger als Feldstudien und versprechen - eingedenk des nach wie vor dominierenden Forschungsverständnisses - rasche, vermeintlich eindeutige Ergebnisse (KUNCZIK 1994, S. 58).



Das Konzept des Modell-Lemens



Am bekanntesten und bedeutendsten sind die Experimente des Sozialpsychologen Albert Bandura (1979a; 1979b; 1989), der mit ihnen seine sozialpsychologische Lerntheorie begründete; sie führte auch zu einer lerntheoretisch orientierten Medien-Wirkungsforschung, die in verschiedenen Nuancen heute viele Anhänger hat: Für Bandura bedeutet Lernen nicht das systematisch instruierte, graduelle Erschließen eines Pensums, sondern das permanente, eher intuitive Beobachten und damit das nachahmende, evidente Erfassen von Zusammenhängen. Doch der kognitive Erwerb einer Sache oder Handlung muß nicht unbedingt bedeuten, daß der Lernende sein Verhalten automatisch und stringent auf das Gelernte ausrichtet, vielmehr bleibt die Ausführung abhängig von den Konsequenzen, also vom beobachteten oder erfahrenen Erfolg oder Mißerfolg, von einer potentiellen oder faktischen Belohnung oder Bestrafung. Dieses auf soziale Gratifikation oder Sanktion ausgerichtete Lernmodell erprobte Bandura (zusammen mit anderen) in etlichen Experimenten, die primär sozialpsychologischer Erkenntnisgewinnung dienten, inzwischen aber auch als Paradigma der Medienwirkungsforschung gelten.

Mehrfach operierte Bandura mit im Film vorgeführten sozialen Verhaltensweisen als Modell, denn in solch inszenierten Handlungen lassen sich die potentiellen Lernfaktoren leichter und exakter darstellen und analysieren. Dementsprechend verringert sich der methodische Aufwand. 1963 beispielsweise führten Bandura u.a. zwei Gruppen von Kindern (Durchschnittsalter: 51 Monate) zwei je fünfminütige Filmsequenzen vor, in denen einmal aggressives Verhalten zum Erfolg führt, also belohnt wird, und zum anderen aggressives Verhalten erfolglos bleibt. In anschließenden ähnlichen Situationen sollten die Kinder die gesehenen Verhaltensweisen nachmachen bzw. für sich anwenden: Kinder, die aggressives Verhalten belohnt sahen, neigten eher zu diesem Modell, die anderen, die aggressives Verhalten bestraft erlebten, zum anderen. Allerdings bewerteten viele Kinder das aggressive Verhalten als negativ, um offenbar so ihre Dissonanzen zwischen den allgemeinen Werten ihrer Umwelt und dem in der Experimentalsituation 'erwünschten' Verhalten auszugleichen.

Plausibilität gewinnt dieses Konzept für die Medienforschung vor allem deshalb, weil alle Individuen infolge der Omnipräsenz und Drastik der Mediengewalt mit allen erdenklichen symbolischen Präsentationen von Gewalt konfrontiert werden, und dies gemeinhin von Kind auf (vgl. etwa auch SELG u.a. 1988; BAUER U. SELG 1994; KREBS 1994). Ob ein Individuum das Modellverhalten in den Medien als realistische Handlungsoptionen für sich wahrnimmt und gar realiter ausübt, darüber entscheiden unzählige weitere soziale und psychische Faktoren, die in ihrer Fülle immer wieder anders zusammenwirken und nicht überzeitlich festgelegt oder gar prognostiziert werden können. Allenfalls Potentiale der Wahrscheinlichkeit lassen sich aufführen, die die Transformation von der Kognition in die Aktion begünstigen oder auch hemmen: So werden "Modelle um so eher nachgeahmt, je realitätsnäher sie sind. Bevorzugt werden als ähnlich zur Person des Beobachtenden wahrgenommene Modelle als Identifikationsobjekte gewählt. Kinder scheinen allerdings eher männliche als weibliche aggressive Modelle zu imitieren. [ ... 1 Erfolgreiche Modelle werden eher nachgeahmt als erfolglose Modelle bzw. Modelle, die für ein bestimmtes Verhalten bestraft werden" (KUNCZIK 1994, S. 88f.).

Vergegenwärtigt man sich die Befunde der Inhaltsanalysen, so sind Dramaturgie und Stimulationskapazität der Fernsehgewalt aus der Sicht der Lerntheorie nahezu optimal: Denn "Gewalt lohnt sich" nahezu immer, abgesehen von 'kleineren' Unfällen, die sich eher 'zwischendurch' ereignen. Die Gewaltakte sind durch 'action' und Dynamik deutlich aus dem Handlungsumfeld herausgehoben, sie markieren die inhaltlichen wie ästhetischen Höhepunkte. Schon dadurch wird Gewalt positiv bewertet. Außerdem ist sie einfach wahrzunehmen und treibt die Handlung spannend und/oder instrumental voran. Wird sie vom guten Helden ausgeübt, ist sie sogar hochlegitimiert. Und erfolgreich ist Gewalt in der Regel auch, sie dient zur Erreichung des positiven Handlungszieles. Schließlich werden ihre Folgen, das Leiden der Opfer, meist verniedlicht oder ausgeblendet. Hingegen sind die Protagonisten voll dargestellt, mindestens in der Fülle ihrer attraktiven Eigenschaften. Negative Konsequenzen erlebt der Zuschauer selten, höchstens bei den Figuren, die als böse oder deviant ohnehin nichts Besseres verdient haben. Der naive Zuschauer - also auch das Kind - kann daraus folgern, daß Sanktionen nur der erlebt, der nicht aufpaßt oder der sie eben selbst verschuldet.



Fernsehgewalt und Emotionen: Erregungskonzepte



Konzentrieren sich Lerntheorien eher auf kognitive Wirkungen bzw. Veränderungen, so liegt bei der realen Untrennbarkeit des Bewußtseins auf der Hand, daß auch nach emotionalen Involvierungen gefragt wird, nachgerade bei der Darstellung violenter Inhalte. Ohnehin vertreten etliche ForscherInnen - in der Bundesrepublik allen voran die bekannte Medienpsychologin Hertha Sturm (zuletzt 1991) - die Ansicht, besonders das Bild- und Unterhaltungsmedium Fernsehen beeinflusse viel nachhaltiger die emotionalen Befindlichkeiten des Menschen als die kognitiven. Außerdem tue es dies nicht nur oder vorrangig über seine Inhalte als vielmehr mit seinen formalen Gestaltungsmitteln wie Tempo, Hektik der Schnitte, Rasanz der Bildfolgen.

In der Wirkungsforschung über Gewaltdarstellungen findet sich die Betonung der emotionalen Beeinflußbarkeit als Erregung wieder, und ihre Affinität zur behavioristischen Wissenschaftsrichtung ist unverkennbar. Die Erforschung der Erregung wird vielfach deshalb favorisiert, weil man vorgibt, sie über physiologisch-sensuelle Indikatoren (wie Augenblinkrate, Hautwiderstände und -temperaturen, Schweißausbrüche, Herzschlag, Pulsfrequenz) messen zu können. Diese gelten als unwillkürlich, d.h. nicht vom willentlichen Bewußtsein steuerbar, damit als reflexhaft, überindividuell und als wissenschaftlich besonders objektiv. Das autonome, denkende und fühlende Individuum mit Verstand und Bewußtsein wird gewissermaßen um- oder übergangen. Die Interpretation der Befunde obliegt allein dem Versuchsleiter und Forscher, dessen Autorität und Deutungsmacht unangefochten sind: Im voraus werden die Symptome fixiert und entsprechend die Probanden klassifiziert. Wer beispielsweise keine Schweißausbrüche zeigt, gilt als abgebrüht, wessen Puls ansteigt, wird als sensibel und beeinflußbar diagnostiziert. Subsumiert werden unter diese Erregungssymptome außerdem sämtliche emotionalen Befindlichkeiten, auch Wut, Empörung, Scham, Kummer, Abscheu, sie alle gelten in ihrer physiologischen Symptomatik als identisch.

Ebensowenig ist ergründet, ob sich im Laufe der Entwicklungen Emotionen wie Symptome verändern. Bekannt ist nur, daß Kinder auf andere mediale Szenen und Figuren physiologisch anders reagieren als Erwachsene. Auch hier gilt für sie: Je näher die Darstellungen an ihren Alltagserfahrungen sind, um so bedrohlicher erleben sie sie. Einen anhaltenden Gewöhnungseffekt oder gar eine unaufhaltsam routierende "Reizspirale", wonach besonders fernsehfixierte Kinder ständig drastischere Reize brauchen, um nicht gelangweilt zu sein, wie kürzlich Groebel (1995) unverantwortlich behauptete, haben die wenigen Experimente weder nachgewiesen, noch können sie es auf Dauer, da sie ja meist nur einmalig und kurzfristig durchgeführt werden. Auch wenn Probanden und Kinder bei mehrmals aufeinanderfolgenden ' Stimuli nicht mehr so erregt wie anfangs reagieren, dann läßt sich diese an sich 'normale' Reaktion als verständliche Anpassung interpretieren, wie Kunczik (1984, S. 98) urteilt, nicht aber als nachhaltige, auf Dauer einsozialisierte Desensibilisierung gegenüber Gewalt. Entscheidend sind abermals viele andere Faktoren und die situative Motivation.

Außerdem läßt sich eine gewisse Indifferenz gegenüber den ästhetisch-dramaturgischen Tricks der Medienmacher als ein Stück gewonnene Medienkompetenz interpretieren, die den fiktionalen Status des Gesehenen betont. Gerade wenn man die Skrupellosigkeit der Progammverantwortlichen und die Exzesse des Programms mißbilligt, muß man Kindern einen solchen Zuwachs an Erkenntnis, Distanz und Gelassenheit wünschen. Noch gar nicht wird in den Erregungskonzepten schließlich das Moment des Überdrusses beachtet, das nicht nur individuell, sondern auch als kollektives Phänomen zu beobachten ist. Die meisten Individuen durchleben offenbar bestimmte Phasen der Reizerprobung und -extension, um sich dann wieder anderen emotionalen Herausforderungen zuzuwenden; auch die wechselnden öffentlichen Konjunkturen hinsichtlich der Medien und ihrer Favoriten lassen sich so deuten.



Mediengewalt und Angst



Eine besondere Erregung gerade bei der Mediengewalt wird inzwischen in der Angst gesehen; ja es wird sogar postuliert, "daß nicht die Beziehung Medien-Aggression, sondern die Beziehung Medien-Angst für das jugendliche Publikum von größter Wichtigkeit ist" (GRIMM 1993, S. 216). Denn Mediengewalt werde nicht als reale Bedrohung erfahren, und somit entfalle der Handlungszwang, sich entsprechend zu verhalten. Doch wie die anderen sozialpsychologischen Kategorien ist auch die Angst weder allgemein noch im Kontext der Medien eindeutig und damit unbestrittener empirischer Erhebung zugänglich.

Eingeführt in die hiesige Medienforschung hat sie nach dem amerikanischen Vorbild Gerbner Groebel anläßlich einer Studie Anfang der 80er Jahre und dann im Rahmen einer interkulturellen Vergleichsuntersuchung (1989) fortgeführt. Die erste Studie (1982) war eine Befragung von rund 2.500 Schülern im Alter von 11 bis 15 Jahren in Nordrhein-Westfalen. Befragt wurden sie nach ihren täglichen Fernsehgewohnheiten, ihren Neigungen und Einstellungen zu Aggression und ihren Angsterfahrungen. Zur Erfassung von Angst wurde getrennt in "physisch bedrohend" und "sozial bedrohend", weil diese beiden Komponenten auch in den Fernsehprogrammen vorherrschend seien. Was die Probanden darunter verstehen und ob die 11jährigen dasselbe wie die 15jährigen damit verbinden, ob also eine entwicklungspsychologische Dynamisierung der Perzeption und Kognition erforderlich ist, wurde allerdings nicht systematisch überprüft. Außerdem wurden nur die kognitiven Komponenten der Angst erfaßt - eine Reduktion, die sachlich unhaltbar, aber methodisch konsequent ist angesichts einer standardisierten Befragung im Klassenverband.

Die grundsätzliche Frage, ob Fernsehen die Umwelt für Kinder bedrohlicher macht, genauer: ob die häufige und intensive Konfrontation mit bedrohlichen Fernsehszenen nicht nur Angst erzeugt, sondern auf bestimmte Dauer auch ängstlicher macht, konnte nicht eindeutig beantwortet werden. Eher wurden vielfältige, sich beeinflussende Sozialisationsfaktoren - Variablen - entdeckt, die Wahrscheinlichkeiten in die eine oder andere Richtung unterstützen und zu dem relativierenden Resümee führen, daß Angst "besonders dann durch bestimmte Fernsehprogramme bestätigt wird, wenn inhaltliche Korrespondenzen zwischen den Elementen der medial vermittelten Information einerseits (hier bedrohliche Situationen in Fernsehszenen) und einer bereits vorhandenen inhaltlichen Qualität der kognitiven Struktur des Rezipienten andererseits (hier allgemeine Wahrnehmung bestimmter Situationen als physisch bedrohend), zusätzlich eine hohe Aufmerksamkeit gegenüber den Reizen vorhanden sind" (GROEBEL 1982, S. 163).

Aber gefunden wurde auch, daß das Fernsehen Möglichkeiten der Verarbeitung besonders psychischer Ängste bietet. Dieser Mechanismus war vorzugsweise bei Jungen mit geringem Selbstwertgefühl anzutreffen; ihre Ängste kompensieren sie mit einem vergleichsweise höheren Fernsehkonsum, bei dem auch zunehmend Filme mit aggressiven Inhalten gesehen werden. Doch dadurch verschwindet die Angst nicht, eher scheint sie sich zu festigen. Bei Mädchen hingegen konnte kein Zusammenhang zwischen Angstgefühlen und der Menge des Fernsehkonsums festgestellt werden. Seither gab es keine größere Untersuchung in der Bundesrepublik mehr, die Verursachungen von Angst via Medien empirisch analysierte.



Gewöhnen sich Menschen an Mediengewalt?



Fast alle diese Befunde und Deutungen heben darauf ab, daß die Erlebnisse und Erfahrungen, die die Menschen mit den Medien, namentlich auch mit violenten Inhalten machen, längerfristig sind und/oder dauerhafte Eindrücke, Prägungen, Orientierungen, mithin Wirkungen hinterlassen. Um einmalige, folgenlose Reize würde man sich kaum kümmern. Daher ist die Frage der Gewöhnung (Habitualisierung) die gewichtigste in der Medienwirkungsforschung, aber auch die komplizierteste, die zumal in den meist kurzfristigen, einmaligen oder ein-, zweimal wiederholbaren Experimenten nicht verläßlich beantwortet werden kann. Um so mehr überbieten sich spekulative Extrapolationen und interpretative Verallgemeinerungen.

Aus heuristischer Sicht können sich Gewöhnungen wiederum auf vielerlei Weise ergeben; drei signifikante seien herausgegriffen: Fernsehzuschauer können sich daran gewöhnen, daß Gewalt auf dem Bildschirm selbstverständlich ist, zu jeder Sendung gehört, und sie nehmen sie gar nicht mehr als außergewöhnlich oder bedenklich wahr. Vielmehr bauen sie eine Art Distanz oder auch Resignation gegenüber solchen Formen des Fernsehmachens auf, sie schauen vielleicht weg, schütteln den Kopf oder schalten ganz ab. In den Parametern der konventionellen Wirkungsforschung würde sie als 'keine' Wirkung registriert. Sozialisation des und fürs Fernsehen würde dann für Kinder bedeuten, solche Distanz, Immunität oder auch kritische Überlegenheit zu lernen, um mit der speziellen Welt des Fernsehens so umgehen zu können, wie es sie selbst ansinnt, und wie es auch die reale Umwelt von den Kindern verlangt. Noch immer läßt sich davon ausgehen und täglich erfahren, daß die Mehrzahl der Kinder just diese Entwicklungsaufgabe schafft.

Gewöhnung negativer Art stigmatisiert man häufig - die zweite Gewöhnungsart - als Desensibilisierung und Abstumpfung. Vielkonsumenten von Mediengewalt werden (oder zeigen sich) immer weniger erschreckt und verlangen für ihre Nervenkitzel oder ihre Angstlust nach ständig drastischeren Stimuli. Die Reizschwelle eskaliert mithin, ein Programm individueller Brutalisierung spult sich ab - wobei sich zynisch fragen läßt, wann es zum Überdruß oder zur Langeweile kommt. Die dritte Form der Habitualisierung wäre eine verstärkende Wirkung: Menschen werden immer ängstlicher, fühlen sich mehr und mehr bedroht, ohne daß sie abstumpfen; vielmehr nehmen sie jede mediale Gewalt als weitere Bestätigung für ihre virulente Angst; solche Hypersensibilisierungen münden wohl in Angstneurosen, Paranoien oder andere seelische Krankheiten.

Ob eine von diesen möglichen Gewöhnungen tatsächlich in das Bewußtsein und damit in das Handeln der Menschen gerät (oder eben nur ein Moment der Fernsehrezeption bleibt), ist die elementare, aber noch weithin ungelöste Frage der Wirkungsforschung. Solche Transfers können sich in den Meinungen, den tieferliegenden Einstellungen oder in den Verhaltensweisen abzeichnen. Ebensowenig ist hinreichend ergründet, welche Zusammenhänge oder gar Wechselwirkungen zwischen der soziopsychischen Entwicklung bei Kindern und den Mechanismen der Gewöhnung an Mediengewalt bestehen können. Wiederum finden sich nur wenige Studien, die überhaupt eine gewisse zeitliche Extension und damit eine entwicklungspsychologische Dynamisierung methodisch berücksichtigen; sie sind in der Regel als Feldexperimente mit einer gewissen Laufzeit und mit periodischer Befragung konzipiert; Panelstudien mit identischen Probandengruppen - sind noch seltener, hierzulande liegen keine akzeptablen vor.

So kommt auch Kunczik nach der Durchsicht weiterer Studien, vor allem auch älterer Experimente, die immer wieder als unüberprüfte Beweise herhalten müssen, zu dem enttäuschenden Befund, "die Mehrzahl der Forschungsergebnisse spricht gegen die These, durch violente Medieninhalte entwickle sich Gleichgültigkeit gegenüber realer Gewalt, oder Gewalt werde schließlich als normales Alltagsverhalten angesehen" (KUNCZIK 1994, S. 101). Jedenfalls entbehre die "in der Literatur vielzitierte Behauptung, die Habitualisierungsthese sei nachgewiesen, 1 jeder Grundlage. Die Forschung steht hier erst noch am Anfang" (ebd., S. 106).



Ausblick: Forschungsroutine oder -innovation?



Macht das Fernsehen aggressiv? In der pädagogisch besorgten oder auch nur interessenpolitisch disponierten Öffentlichkeit ist dies immer noch die zentrale Frage, die in verschiedenen Konjunkturen immer wieder aufgebracht wird. Immer wieder werden sich vermeintliche Experten finden, die diese Frage definitiv beantworten, meist positiv. In der seriösen Wissenschaft stellen sich die Erkenntnisinteressen und Vorgehensweisen inzwischen weit differenzierter und vorsichtiger dar; und manche Umorientierung, zumindest Relativierung hat sich vollzogen: Den mechanistisch oder naturwissenschaftlich kausalistischen Beweis in der aseptischen, simpel aufgebauten Versuchsanordnung suchen nur noch wenige, aber auch banale Allerweltstheorien, die meist unausgesprochen auf ein so oder so gezimmertes, triviales Menschenbild rekurrieren, werden mehr und mehr abgelehnt.

Dennoch ist die Kritik für vieles Gebaren um dieses Thema noch zutreffend, die der Nestor der bundesdeutschen Medienpsychologie Gerhard Maletzke bereits 1972 anläßlich der deutschen Ausgabe von "Fernsehen und Kriminalität", verfaßt von einem britischen Team unter der Leitung von J. D. Halloran (1972), formulierte:

"Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Unbekümmertheit nicht nur Journalisten, sondern auch Pädagogen, Soziologen, Psychiater, Jugendrichter zu den Zusammenhängen zwischen den Massenmedien und der zunehmenden Kriminalität, Aggressivität und Brutalität Stellung nehmen. Erstaunlich ist dabei vor allem die Sicherheit, mit der hier Kausalzusammenhänge so apodiktisch behauptet werden, als handelte es sich um längst gesicherte Forschungsergebnisse" (MALETZKE in HALLORAN 1972, S. 7).

Keinesfalls wollen solche Voten für wissenschaftliche Zurückhaltung die Gewaltdarstellungen in den Medien, besonders im Fernsehen, verharmlosen oder gar rechtfertigen, die unter dem gnadenlosen Konkurrenzdruck und unter der manischen Jagd nach Einschaltquoten offenbar immer weniger Grenzen kennen (oder diese immer mal wieder erproben wollen). Nach wie vor gilt es, die Programmverantwortlichen für eine skrupellose Programmpolitik zu kritisieren und zur Verantwortung zu ziehen Und besonders Kinder und Jugendliche nicht unentwegt und pauschal der Sucht nach elektronischen Reizen der sozialen Devianz, Schädigung und Gewalttätigkeit zu verdächtigen.

Für die Forschung wird es immer dringlicher und ist es inzwischen auch schon mehrfach angemahnt, sich grundsätzlich zu fragen, ob die alten Fragen immer wieder von neuem erforscht werden müssen, ohne dabei weiterzukommen; oder ob nicht verstärkt darüber nachgedacht werden muß, wie sie modifiziert und erweitert werden müßten, um weiterführende Erkenntnisse zu erlangen: "In der Medien- und Gewalt-Forschung wird gerade im Bereich der Laborexperimente die immer gleiche Fragestellung leicht modifiziert und ohne neuen Erkenntnisfortschritt untersucht", urteilt auch Kunczik (1994, S. 240) kritisch.

Verantwortlich dafür sind zum einen die vielfältigen Involvierungen und Interessenabhängigkeiten, in die die empirische Medienwirkungsforschung inzwischen eingebunden ist, zum anderen die enormen Aufwendungen, die bei genügend seriöser Feldforschung anfallen. Private (meist aber auch staatliche) Auftraggeber sind gemeinhin an vermeintlich hieb- und stichfesten Daten interessiert, die sie nur in repräsentativen Quantitäten und vorgeblich generellen Gesetzmäßigkeiten zu erkennen glauben. An methodologischen Überlegungen und innovativen Forschungsstrategien ist ihnen nur selten gelegen. Außerdem verleiten die Konjunkturen öffentlicher Empörung zur unsachlichen Kurzatmigkeit und eilfertigem Aktionismus, so daß Grundlagenforschung in weniger aufgeregten Zeiten kaum getätigt wird. So wird das Thema Mediengewalt gewiß auch in Zukunft, mit der noch immer expandierenden Medienwelt, ein Dauerbrenner bleiben, wissenschaftlich umstritten und höchstens in Teilen ergründet, aber öffentlich apodiktisch und folgenreich behandelt: "Es ist fast unverständlich, wieso Berufene und Unberufene sich ständig gebetsmühlenhaft zu der Verdammung der Gewalt-in-den-Medien in einer Art strukturierter Liturgie Zusammenrotten", monierte einer der wenigen hiesigen Grundsatzkritiker, der Literatursoziologe Nutz (1993, S. 387f), "ohne auch nur im Entferntesten daran zu denken, der realen Gewalt ernsthaft den Kampf anzusagen. Eine Gewalt-in-den-Medien-Forschung ohne eine enge Kooperation mit der Gewalt-in-der-Realität-Forschung ist schlicht ein Unding."

Immerhin arbeitet in der Bundesrepublik eine Gruppe, und zwar am Münchner Institut Jugend Film Fernsehen (siehe SCHORB u.a. 1984; SCHORB u.a. 1992; THEUNERT 1987), zumindest theoretisch und heuristisch an diesem Zusammenhang: Zunächst stellt sie die häufig vernachlässigte Frage danach, was Kinder an Gewalterfahrungen und -deutungen bereits mitbringen oder immer wieder erwerben, wenn sie Fernsehgewalt erleben. Und sie erkundet weiter, was Kinder überhaupt ' auf dem Bildschirm wahrnehmen, wenn sie Gewaltszenen sehen. In einer Fallerhebung, die Theunert u.a. (1992) im Auftrag der Hamburgischen Anstalt für neue Medien 1990 mit 8- bis 13jährigen Kindern durchführte, kam zum einen heraus, daß Kinder schon recht früh zwischen realer und medialer Gewalt unterscheiden können. Die 'sauberen' Formen der Cartoons und Actionserien, die kaum sichtbare Folgen für die Opfer haben und Verletzung, Blut und Tod ausblenden, nehmen die meisten Kinder nicht als Gewalt wahr (siehe auch THEUNERT 1994, S. 25017f). Ihre Aktionen fungieren zwar als Nervenkitzel, aber nur, weil die geliebten Helden sie ausüben und damit reüssieren. Allein drastische physische Gewaltformen fallen Kindern als solche auf. Kommen sie außerdem in realen oder realitätsnahen Kontexten vor, reagieren die meisten Kinder mit Ablehnung und Verunsicherung. Sind sogar Blut und Tod sichtbar, wehren die meisten Kinder ab; und auch die, die vorgeben, solche Greueltaten zu mögen und auszuhalten, lassen in eingehenderen Gesprächen Belastungen erkennen. Von einer generellen Lust am Grauen, von einem pauschalen Wohlgefühl in Angst kann also keine Rede sein. Bedrohlich wird der Bildschirm immer noch, zumal für kleinere Kinder, wenn die Gewalt in mysteriösen, unbegreiflichen Kontexten auftritt. Welche Szenen und Figuren sie als geheimnisvoll und unerklärlich empfinden, hängt von ihrem kognitiven Entwicklungsstadium, ihrem sozialen Umfeld, aber auch von ihren Erfahrungen mit den Medien ab.

Deshalb finden sich etliche Anhaltspunkte dafür, daß Kinder mediale Gewalt mit den Kategorien wahrnehmen und einschätzen, die sie in ihrem Lebensumfeld und in ihrem Alltag für reale Gewalt lernen. Die Erfahrungen und damit auch die Wahrnehmungen sind zwar von Kind zu Kind individuell verschieden, aber als Grundmuster zieht sich durch, daß Kinder Gewalt vor allem ' aus der Perspektive des Opfers sehen - so wie sie sich offenbar selbst im Alltag als Schwächere und Abhängige erleben (THEUNERT u.a.1992, S. 197).

So könnten sich für die Forschung neue Untersuchungsaufgaben stellen, kaum mehr ergeben sie sich als eindeutige oder gar eindimensionale Medienwirkungen. Gefragt sind vielmehr integrative Sozialisations- und Entwicklungskonzepte, die sowohl für Individuen biographisch als auch für ganze Generationen dynamisiert werden müssen. Bei solchen Vorhaben steht die Forschung - zumal die hiesige - wirklich noch am Anfang.

Anmerkungen:



1 "Für einige Kinder sind unter bestimmten Bedingungen bestimmte Fernsehangebote gefährdend. Für andere Kinder können diese unter gleichen Bedingungen oder für die gleichen Kinder unter anderen Bedingungen förderlich sein. Für die meisten Kinder unter den meisten Bedingungen sind die meisten Fernsehangebote weder bedenklich noch ausgesprochen förderlich."





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