![]()
http://www.mediaculture-online.de
Autoren: Michael Kunczik / Astrid Zipfel.
Titel: Medien und Gewalt. Befunde der Forschung seit 1998 (Kurzfassung).
Quelle: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Berlin 2004.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des BMFSFJ.
Michael Kunczik / Astrid Zipfel
Medien und Gewalt
Befunde der Forschung seit 1998 (Kurzfassung)
Die Auswirkungen medialer Gewaltdarstellungen auf den Rezipienten sind ein von der Wissenschaft intensiv bearbeitetes Forschungsfeld. Neben der unübersichtlichen Menge an Publikationen besteht eine zentrale Problematik der Medien- und Gewaltforschung darin, dass sich die existierenden Untersuchungen mit sehr unterschiedlichen Aspekten des Themas befassen und zu z. T. widersprüchlichen Befunden kommen. Oft stehen die verschiedenen Studien unverbunden nebeneinander. Sie nehmen keinen Bezug auf früher erzielte Ergebnisse oder basieren auf einer unkritischen Rezeption älterer, methodisch jedoch zweifelhafter Untersuchungen. Aufgrund dieser disparaten und inkohärenten Forschungslage erschien eine kritische und systematische Bestandsaufnahme bislang erzielter Resultate notwendig. Sowohl für die weitere Forschung als auch für die öffentliche Diskussion kann der bisherige Erkenntnisfortschritt nur nutzbar gemacht werden, wenn eine systematische Analyse der vorliegenden Befunde erfolgt und der heutige Forschungsstand in verständlicher Weise auf den Punkt gebracht wird. Dies soll im vorliegenden Bericht geschehen.
Da die letzte größere Überblickspublikation den Forschungsstand bis 1997 zusammengefasst hat1, konzentriert sich die vorliegende Bestandsaufnahme auf seit 1998 erschienene Untersuchungen, wobei sowohl deutsch- als auch englischsprachige Studien einbezogen werden. Der Schwerpunkt wird auf empirische Untersuchungen gelegt sowie auf theoretische Studien, die zur Interpretation und Integration der in diesen Untersuchungen erzielten Ergebnisse beitragen wollen. Recherchiert, aber nicht in die Darstellung einbezogen werden Publikationen, die als „Betroffenheitsliteratur“ bezeichnet werden können und dadurch gekennzeichnet sind, dass sich ihre Ausführungen ohne Bezug auf wissenschaftliche Befunde oder auf Basis einer unkritischen Rezeption dieser Ergebnisse lediglich auf die persönlichen Auffassungen bzw. Wirkungsspekulationen ihrer Verfasser über die möglichen Gefahren von Mediengewalt beschränken.
Berücksichtigt werden sowohl Studien zur fiktiven als auch zur realen Gewalt. Ein besonderer Schwerpunkt wird auf neuere Forschungsbereiche gelegt. Hierzu gehört neben der Computerspielforschung auch die Evaluierung medienpädagogischer Maßnahmen. Die hierzu vorliegenden Befunde sollen insbesondere daraufhin untersucht werden, inwieweit sich daraus Konsequenzen für die Gewaltprävention und sinnvolle praktische Handlungsstrategien ableiten lassen.
Zur Realisierung der Bestandsaufnahme wurde eine systematische Recherche deutsch- und englischsprachiger Untersuchungen zum Thema „Medien und Gewalt“ durchgeführt, die zwischen 1998 und Ende 2003 publiziert wurden. Im Jahr 2004 erschienene Studien wurden punktuell ebenfalls einbezogen, jedoch nicht mehr systematisch zusammengetragen.
Die Literaturrecherche erfolgte mithilfe verschiedener bibliografischer Informationsquellen. Hierzu gehörte v. a. die Auswertung diverser über das Internet verfügbarer deutsch- und englischsprachiger Bibliothekskataloge sowie Zeitschriften- und Zeitschrifteninhaltsdatenbanken. Ergänzend wurden die Programme einschlägiger Verlage und der Rezensionsteil der Fachzeitschriften herangezogen und die Homepages (inkl. der Publikationslisten) der auf dem Gebiet der Medien- und Gewaltforschung tätigen Wissenschaftler konsultiert, um weitere (z. T. noch nicht publizierte) Studien zu identifizieren. Bei der Recherche wurde dem interdisziplinären Charakter des Forschungsfeldes „Medien und Gewalt“ Rechnung getragen, d. h. es wurden Arbeiten aus den unterschiedlichsten Fächern berücksichtigt. Hierzu gehören Studien aus der Kommunikationswissenschaft, Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Philologie, Filmwissenschaft, Kriminologie, Medizin usw.
Das zusammengetragene Material wurde auf die zentralen Befunde hin ausgewertet. Dabei wurde auch die verwendete Methode einer kritischen Betrachtung unterzogen, um die tatsächliche Aussagekraft der Ergebnisse beurteilen zu können.
Da das Thema „Medien und Gewalt“ durch eine Verschränkung verschiedener Betrachtungsebenen gekennzeichnet ist, boten sich für die Systematisierung der Studien und ihrer Ergebnisse verschiedene Kriterien an. So existieren verschiedene Arten möglicher Effekte (z. B. Beeinflussung des Denkens, der Gefühle bzw. des Verhaltens), die durch verschiedene, mit unterschiedlichen Wirkungstheorien erklärbare Mechanismen zustande kommen können, wobei der Zusammenhang zwischen Mediengewalt und ihren Auswirkungen durch verschiedene Einflussgrößen moderiert wird. Diese Aspekte wurden für verschiedene Medien und mit Hilfe verschiedener Forschungsmethoden analysiert. Eine Systematisierung, die eine Überschneidung einzelner Punkte völlig vermeiden könnte, gibt es daher nicht. Für den vorliegenden Bericht erschien den Verfassern eine nach unterschiedlichen Medien gegliederte Vorgehensweise am sinnvollsten.
Die Forschungsübersicht hat gezeigt, dass sich der Großteil der zum Thema „Medien und Gewalt“ erscheinenden Studien noch immer mit den Auswirkungen von Gewalt in Film und Fernsehen befasst.
Zur Gewalt im Fernsehen sind auch die umfassendsten Inhaltsanalysen durchgeführt worden. Die Inhaltsanalyse ist ein hilfreiches Instrument zur Beurteilung des Gefährdungspotenzials von Medieninhalten. Allerdings dürfen daraus – trotz oft gegenteiliger Praxis – keine Aussagen über tatsächliche Wirkungen abgeleitet werden. Die in früheren Jahren bei Inhaltsanalysen dominierende rein quantitative Bestimmung des Gewaltgehalts ist in jüngerer Zeit durch eine Berücksichtigung von Kontextfaktoren ergänzt worden (z. B. Darstellung von Gewalt als gerechtfertigt oder ungerechtfertigt, belohnt oder bestraft, mit oder ohne Folgen für das Opfer, realistisch oder unrealistisch usw.). Größere aktuelle Untersuchungen dieser Art liegen bislang nur für die USA und Großbritannien vor, eine detaillierte Analyse des deutschen Fernsehprogramms fehlt. Die Berücksichtigung von Kontextfaktoren trägt der Tatsache Rechnung, dass es weniger die Quantität als die Qualität von Gewaltdarstellungen ist, die eine mögliche Wirkung bestimmt. Viele der den Kategorienschemata solcher Inhaltsanalysen zugrunde liegenden Wirkungsannahmen sind allerdings empirisch noch nicht befriedigend erforscht worden. Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass verschiedene Personen dieselben Inhalte u. U. unterschiedlich wahrnehmen. Die Berücksichtigung dieser Tatsache ist ein Fortschritt, den Werner Früh im Rahmen seiner Untersuchung erzielt hat, in der er durch die Zusammenführung von Rezeptions- und Inhaltsanalysedaten sowie Einschaltquoten ein zielgruppenspezifisches Wirkungspotenzial verschiedener Programme ermittelt. Dieses Verfahren stellt einen methodischen Fortschritt dar, seine Anwendung ist allerdings noch selten.
Ein wichtiger Aspekt der Medien- und Gewaltforschung besteht in der Bestimmung der Gründe für den Konsum gewalttätiger Medieninhalte, da die Kenntnis der Zuwendungsmotive eine bedeutende Voraussetzung zum Verständnis von Verarbeitungsmechanismen und Wirkungen darstellt. In der Forschung werden verschiedene mögliche Erklärungsansätze diskutiert, die sich zumeist nicht gegenseitig ausschließen, sondern ergänzen können, wobei die Motive zudem vermutlich von Rezipient zu Rezipient variieren. Eine systematische Erforschung der Zuwendungsmotive und eine umfassende Theorie der Nutzungsmotive von Gewaltinhalten steht noch aus. Zu den v. a. auf theoretischer Basis diskutierten Möglichkeiten gehören die Vorstellung von einer „ästhetischen Funktion“ von Gewaltdarstellungen sowie evolutionstheoretische Ansätze. Darüber hinaus wird die Möglichkeit einer Stimmungsregulierung („Mood Management“) diskutiert.
Auch der Persönlichkeitszug des „Sensation-Seeking“, d. h. einer besonders ausgeprägten Neigung zur Reiz- und Risikosuche, könnte für bestimmte Personen violente Medieninhalte attraktiv machen. Eine weitere Erklärung ist die „Excitation-Transfer-Theorie“, derzufolge der bei Gewaltdarstellungen erlebte Spannungszustand Voraussetzung für die als angenehm empfundene Erleichterung nach dem guten Ausgang einer angstauslösenden Handlung ist. Der „Dispositionstheorie“ zufolge genießen Rezipienten Gewalt, solange sie nur zulasten des von ihnen als unsympathisch beurteilten Protagonisten geht. Auch die Stärkung der Gruppenzugehörigkeit und der Beitrag zur Identitätsbildung v. a. bei jugendlichen Gewaltrezipienten wird als mögliche Funktion violenter Medieninhalte diskutiert. Ein weiteres Motiv der Nutzung von Mediengewalt besteht möglicherweise im Bestreben nach Angstbewältigung bzw. auch nach „Angstlust“ (Genuss von angstauslösenden Stimuli, denen sich der Rezipient freiwillig aussetzt, in dem Bewusstsein, selbst nicht gefährdet zu sein, bzw. in der Erwartung eines guten Ausgangs). Schließlich können auch bereits bestehende aggressive Prädispositionen bei bestimmten Rezipienten für die Anziehungskraft violenter Medieninhalte verantwortlich sein.
In Bezug auf die Wirkungstheorien der Medien- und Gewaltforschung sind wenig neue Entwicklungen festzustellen. Die bereits vor dem hier betrachteten Untersuchungszeitraum als widerlegt anzusehende Katharsisthese, die von einem unschädlichen Abreagieren und damit von einer Reduktion aggressiver Neigungen durch den Konsum gewalttätiger Medieninhalte ausgeht, wird noch immer vereinzelt vertreten. Belege für ihre Gültigkeit konnten aber auch seit 1998 nicht erbracht werden. Empirische Befunde, die einen Rückgang der Gewaltneigung nach dem Konsum violenter Medieninhalte konstatieren, lassen sich eher mit einer Angstauslösung durch gewalttätige Inhalte erklären. Veröffentlichungen zur Katharsis konzentrieren sich neuerdings mehr auf die Herkunft des Konzepts und das Begriffsverständnis von Katharsis. Untersuchungsgegenstand waren auch die möglicherweise kontraproduktiven Folgen der in der Öffentlichkeit z. T. noch immer propagierten Vorstellung, stellvertretende Aggressionsabfuhr durch violente Medieninhalte sei möglich.
Zur Habitualisierungsthese, die von einem Abstumpfungseffekt des langfristigen Konsums von Mediengewalt ausgeht, liegen nach wie vor nicht genügend Untersuchungen vor, um diese Wirkungsannahme als belegt zu betrachten. Problematisch ist v. a. das noch immer höchst heterogene Begriffsverständnis von „Habitualisierung“ und die Interpretation zur Untersuchung dieser These oft herangezogener physiologischer Messwerte (Puls, Hautwiderstand usw.).
Auch die Forschung zur Kultivierungsthese, derzufolge das Fernsehen das Weltbild von Vielsehern im Sinne einer „Fernsehrealität“ prägt, leidet unter methodischen Problemen. Viele Untersuchungen haben lediglich eine Wiederholung bereits lange bekannter Erkenntnisse erbracht. Es ist allerdings auch eine zunehmende Berücksichtigung moderierender Einflussgrößen wie das genutzte Fernsehgenre (z. B. Krimis) und eigene Kriminalitätserfahrung festzustellen. Fortschritte wurden im Hinblick auf eine intensivere Untersuchung bei der Kultivierung ablaufender Informationsverarbeitungsprozesse erzielt. Mit der Kultivierung von Emotionen (d. h. der Vermutung, dass das häufige Erleben medieninduzierter Gefühle Emotionen im wirklichen Leben verändert) hat sich ein neues, interessantes Forschungsfeld eröffnet, zu dem allerdings noch keine aussagekräftigen Befunde vorliegen.
In Bezug auf die Nachahmung in den Medien gezeigter Gewalttaten herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass Imitationseffekte zwar möglich sind, diesen aber kein simpler und direkter Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zugrunde liegt, sondern vielmehr diverse Randbedingungen berücksichtigt werden müssen. Einzelne Studien zur Nachahmung von Massenmorden und Amokläufen deuten auf die Möglichkeit eines Imitationshandels hin, gravierende methodische Probleme lassen jedoch eine vorsichtige Interpretation der Befunde angeraten erscheinen. Was fremdenfeindliche Straftaten betrifft, so scheinen Medienberichte über bestimmte Schlüsselereignisse als Auslöser (nicht jedoch als Verursacher) von Ansteckungseffekten wirken zu können, allerdings nur, wenn bereits ein „Nährboden“ (z. B. von der Bevölkerung wahrgenommene Existenz eines „Ausländerproblems“) für solche Taten vorhanden ist. Die meisten Untersuchungen liegen zur Imitation medial berichteter bzw. gezeigter Selbstmorde vor. Darin konnten zwar Nachahmungseffekte gefunden werden, allerdings deuten die Befunde darauf hin, dass die Medien hier nur eine von vielen, vermutlich bedeutenderen Ursachen bzw. nur den Auslöser für einen schon länger beabsichtigten Selbstmord darstellen. In jedem Fall müssen diverse mit dem jeweiligen Medieninhalt und der Person des Rezipienten zusammenhängende Faktoren berücksichtigt werden. Darüber hinaus ist gerade die Untersuchung von Selbstmorden mit methodischen Problemen befrachtet (Unmöglichkeit bzw. ethische Problematik einer Befragung von Selbstmördern bzw. Personen, die einen Selbstmordversuch begangen haben oder zum Selbstmord neigen), die die Aussagekraft der erzielten Befunde stark einschränken. Besonderer Forschungsbedarf besteht zur Wirkung neuer Medien wie des Internets.
Der Priming-Ansatz und die Skript-Theorie sind zwei Konzepte zur Informationsverarbeitung des Rezipienten und befassen sich mit der Frage, wie aggressive Stimuli zur Ausbildung violenter Gedächtnisstrukturen führen bzw. auf welchem Wege bereits vorhandene Strukturen in bestimmten Situationen aktiviert und damit u. U. verhaltensrelevant werden. Wenn es auch empirische Befunde gibt, die die entsprechenden Annahmen stützen, so beruhen die auf theoretischer Basis entwickelten Annahmen über die im Gehirn des Rezipienten konkret ablaufenden Prozesse doch v. a. auf empirisch noch nicht nachgewiesenen (und wahrscheinlich auch kaum nachweisbaren) Vermutungen.
Priming-Ansatz und Skript-Theorie sind zwei Konzepte, die mit anderen zusammen Eingang in das so genannte General Aggression Model von Craig A. Anderson u. a. gefunden haben. Dieses Modell versucht verschiedene Theorien zu integrieren. Ihm liegt die Annahme zugrunde, dass die Ausübung von Gewalt v. a. auf dem Lernen, der Aktivierung und der Anwendung aggressionsbezogener, im Gedächtnis gespeicherter Wissensstrukturen basiert. Die Hauptkomponenten des Modells sind Person und Situation des Rezipienten, der gegenwärtige innere Zustand des Individuums und verschiedene, zu impulsiven oder wohlüberlegten Handlungen führende Einschätzungs- und Entscheidungsprozesse. Das Modell drückt die im Grunde nicht neue Idee aus, dass aggressive Medieninhalte Aggression steigern können, indem sie Rezipienten zeigen, wie man Gewalt ausübt, indem sie aggressive Kognitionen prägen, indem sie die Erregung steigern oder indem sie einen aggressiven Gefühlszustand hervorrufen. Insgesamt erbringt das Modell keinen wesentlichen Erkenntnisfortschritt, und im Hinblick auf das Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren besteht noch erheblicher Konkretisierungsbedarf.
Einen Beitrag zur differenzierteren Erklärung von Wirkungsvorgängen hat Jürgen Grimm mit seinem kognitiv-physiologischen Ansatz geliefert, der allerdings eher als Forschungsdesign denn als eigentliche „Theorie“ interessant ist. Grimm verbindet Nutzungs- und Wirkungsperspektive und berücksichtigt sowohl inhalts- als auch personenbezogene Aspekte. Zentrales Ergebnis von Grimms Untersuchungen ist die Bedeutung der Opferperspektive für die Rezeption von Mediengewalt, deren Berücksichtigung Grimm zufolge zur Widerlegung bzw. Modifikation bisheriger Wirkungsthesen (z. B. Katharsis, Habitualisierung, Lerntheorie usw.) führt.
Grimms Befunde haben auch Bedeutung für die Forschung zur Angstauslösung. Ein gewisser Grad an Angst durch Mediengewalt ist demnach durchaus von Vorteil, da diese Reaktion Aggression entgegenwirken kann. Insgesamt gesehen steht die Forschung zur Angstauslösung durch violente Medieninhalte jedoch noch relativ am Anfang, und insbesondere langfristige schädliche Auswirkungen sind erst im Ansatz untersucht. In jedem Fall ist Gewaltdarstellungen jedoch nicht pauschal eine angstauslösende Wirkung zuzuschreiben. Vielmehr spielen auch hier inhaltliche und rezipientenbezogene Faktoren eine entscheidende Rolle. Kinder beispielsweise werden von Szenen, die sie ihrem Alter gemäß besonders tangieren (z. B. das Thema „Verlust der Eltern“), u. U. mehr geängstigt als von blutrünstigen Szenen.
In der Forschung herrscht inzwischen weitgehende Einigkeit darüber, dass der Zusammenhang zwischen Mediengewalt und Auswirkungen beim Rezipienten durch verschiedene Einflussfaktoren moderiert wird, die den Medieninhalt, die Person des Rezipienten und dessen soziales Umfeld betreffen. In Bezug auf den Inhalt sind v. a. Ausmaß und Grad der expliziten Darstellung von Gewalt, die Attraktivität des Gewalttäters, die Rechtfertigung von Gewalt und die Konsequenzen für die Täter, die Darstellung negativer Auswirkungen von Gewalt für das Opfer, die Darstellung von Waffen, der Realitätsgehalt, ein evtl. humorvoller Kontext sowie das Genre zu berücksichtigen. Bei den Personenvariablen sind v. a. Faktoren wie Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status, intellektuelle Fähigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften (v. a. Aggressivität) untersucht worden. Im Hinblick auf das soziale Umfeld sind v. a. die Einflüsse von Familie, Schule und Peer-Groups sowohl im Hinblick auf den Medien(gewalt)konsum als auch auf die Vermittlung realer Gewalterfahrungen relevant.
Was die Methodik betrifft, basieren die meisten Studien zur Wirkung von Mediengewalt auf Experimenten und (quantitativen) Befragungen, teilweise auch auf qualitativen Untersuchungen, die z. B. mit Intensivinterviews und Beobachtungsverfahren arbeiten. Schon von der Anlage her sind die meisten Studien auf die Messung kurzfristiger Effekte beschränkt. Da jedoch anzunehmen ist, dass es sich bei den Wirkungen von Mediengewalt um einen kumulativen Prozess handelt, verdienen Längsschnitt- bzw. Langzeituntersuchungen besondere Beachtung. Der Vorzug dieser Untersuchungsmethode liegt zudem darin, dass sie Aussagen über die Richtung des Kausalzusammenhangs zwischen Mediengewalt und Aggressivität beim Rezipienten ermöglichen kann. Wegen des aufwendigen Forschungsdesigns liegen allerdings nur wenige derartige Studien vor, von denen zudem einige aufgrund methodischer Defizite nur sehr eingeschränkt brauchbar sind. Die in Langfriststudien bisher erzielten Befunde sprechen insgesamt dafür, dass der Konsum von Mediengewalt langfristig zu negativen Auswirkungen auf das Verhalten führen kann. Diese Kausalitätsrichtung des Zusammenhangs ist besser belegt und wird durch stärkere Korrelationen gestützt als die umgekehrte Vermutung, dass eine bereits bestehende violente Prädisposition die Präferenz für entsprechende Fernsehinhalte verursacht. Auch für die Annahme, dass Aggressivität das Fernsehverhalten beeinflusst, gibt es allerdings einige Anhaltspunkte. Daher besteht durchaus die Möglichkeit eines wechselseitigen Zusammenhangs von Mediengewaltkonsum und Gewaltverhalten. Auch hier ist allerdings vor zu einfachen und direkten Kausalschlüssen zu warnen, da vermutlich diverse in den vorliegenden Studien nicht immer berücksichtigte intervenierende Variablen den Zusammenhang zwischen Mediengewalt und Gewaltverhalten beeinflussen.
Als weitere methodische Besonderheit sind Meta-Analysen zu erwähnen, die eine quantitative Schätzung des Zusammenhangs zwischen Mediengewalt und Aggression beim Rezipienten über verschiedene Studien hinweg vornehmen. Deren Ergebnisse sprechen für einen geringen bis mittelgroßen Einfluss von Fernsehgewalt auf die Gewalttätigkeit der Zuschauer. Der Beitrag von Mediengewalt zur Erklärung des Gewaltverhaltens beträgt Meta-Analysen zufolge höchstens 9 %. Dabei ist allerdings zu beachten, dass auch methodisch nicht einwandfreie Studien in die Analyse eingegangen sind. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass es sich bei dem Ergebnis um einen Durchschnittswert handelt und die Wirkung von Mediengewalt bei bestimmten Inhalten bzw. bei bestimmten Personen stärker oder geringer ausfallen kann. Eine differenziertere Betrachtung dieser Faktoren ist im Rahmen von Meta-Analysen allerdings erst in Ansätzen erfolgt, was auch mit der geringen Zahl vergleichbarer Studien zu den jeweiligen Spezialaspekten zusammenhängt.
Zwar dominieren in der Medien- und Gewaltforschung Studien, die sich mit den Wirkungen der Gewalt in Film und Fernsehen befassen, auch zu der Wirkung von Gewalt in anderen Medien liegen aber einige Untersuchungen vor. Dies gilt insbesondere für Computerspiele. Aufgrund der besonderen Charakteristika dieses Mediums (v. a. Interaktivität und damit besondere Involviertheit des Nutzers) werden hierbei stärkere negative Auswirkungen als etwa bei Fernsehgewalt vermutet. Hierfür gibt es allerdings noch keine überzeugenden empirischen Belege. Die bisherige Forschung hat Hinweise auf negative Wirkungen violenter Computerspiele auf Kognitionen, Emotionen und Verhalten erbracht, die Forschungslage ist insgesamt allerdings noch zu heterogen, um zu eindeutigen Aussagen zu gelangen. Dies wird auch dadurch erschwert, dass viele Studien methodische Mängel aufweisen und noch keine gelungene Anpassung des Forschungsdesigns an die Besonderheiten von Computerspielen stattgefunden hat. Fest steht allerdings, dass wie bei der Fernsehgewaltforschung auch diverse Einflussfaktoren (Person des Nutzers, soziales Umfeld, Inhaltsaspekte des Spiels, Spielsituation) berücksichtigt werden müssen und eine Konzentration der Forschung auf Problemgruppen sinnvoll erscheint.
Erheblicher Forschungsbedarf besteht auch im Hinblick auf ein anderes „neues“ Medium, das Internet. Unter dem Schlagwort „Gewalt im Internet“ wird eine Vielzahl möglicher Gefahren diskutiert, die von dem Risiko, selbst Opfer von Belästigungen zu werden („Cyberstalking“), über Möglichkeiten der Beschaffung anderer violenter Medieninhalte (z. B. Computerspiele), Anleitungen zur Ausführung von Gewalttaten bis hin zu besonders grausamen Gewaltdarstellungen im Internet reichen. Was violente Inhalte im Internet selbst betrifft, so ist die Gefahr, dass Kinder und Jugendliche zufällig auf entsprechende Seiten stoßen, als eher gering einzuschätzen. Problematischer ist die Möglichkeit, bei gezielter Suche solche Inhalte zu finden. Daher ist auch die allerdings noch ganz am Anfang stehende Erforschung der Motive für eine Zuwendung zu violenten Internet-Inhalten von besonderer Bedeutung. Über mögliche Wirkungen kann bislang nur auf Basis der Erkenntnisse zur Wirkung anderer violenter Medien spekuliert werden, tragfähige empirische Wirkungsuntersuchungen speziell zur Internet-Gewalt stehen noch aus.
Offen sind auch noch viele Forschungsfragen zur Wirkung violenter Musiktexte und Musikvideos. Einige Studien werden von ihren Verfassern als Belege für gewisse (zumindest kurzfristige) negative Effekte violenter Musiktexte auf Gedanken und Emotionen der Rezipienten interpretiert. Fundierte Belege für eine tatsächliche Gefährdung sind allerdings noch rar, denn die wenigen bislang durchgeführten Untersuchungen haben zumeist eher triviale Ergebnisse erbracht und sind methodisch oft problematisch. Einiges deutet darauf hin, dass (auch) ein umgekehrter Kausalzusammenhang, d. h. eine Wirkung bereits existierender Persönlichkeitseigenschaften und Interessen auf die Musikpräferenzen vorliegt. In jedem Fall muss zwischen verschiedenen Musikgenres differenziert und die subjektive Wahrnehmung der Rezipienten berücksichtigt werden. Noch völlig ungeklärt ist die Frage, ob v. a. die violenten Texte (wie zumeist angenommen) oder eher die oft aggressiv wirkende Musik als solche (bzw. im Falle von Musikvideos die violenten Bilder) oder deren Kombination für möglicherweise negative Auswirkungen verantwortlich sind.
Kaum Aufmerksamkeit findet in der aktuellen Forschung Gewalt im Radio. Untersucht wurden negative Folgen spaßig präsentierter, verbal vermittelter psychischer Gewalt, wie sie bei einigen kinder- und jugendorientierten Sendern vorkommt. Überzeugende empirische Nachweise für Gefahren der Gewalt im Radio fehlen jedoch.
Ebenfalls nur wenig Beachtung wird der Wirkung violenter Comics geschenkt. Vorliegende Studien treffen Aussagen über Effekte von Comicgewalt auf die Informationsverarbeitung und Aktivierung aggressiver Gedanken beim Rezipienten, wobei Personenmerkmale wie Geschlecht und eine feindselige Persönlichkeitsstruktur zu berücksichtigen sind. Diese Aussagen beruhen allerdings auf schmaler empirischer Basis.
Ein Sonderaspekt der Medien- und Gewaltforschung ist die Wirkung von Werbung in einem gewalthaltigen Programmumfeld. Hierzu liegen bislang nur wenige Untersuchungen vor. Deren Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein violentes Programmumfeld die Werbeerinnerung verschlechtert. Auf welchem Wege dies geschieht, bedarf noch der weiteren Untersuchung. Vermutlich spielen dabei jedoch von Mediengewalt hervorgerufene negative Stimmungen eine zentrale Rolle.
Ein Forschungsbereich, dem besondere Bedeutung zukommt und der in letzter Zeit verstärkte Beachtung gefunden hat, sind empirische Untersuchungen zu medienpädagogischen Interventionsstrategien zur Verhinderung bzw. Reduzierung schädlicher Folgen von Mediengewalt. Hierbei kann zwischen elterlichen Maßnahmen, medienpädagogischen Programmen in Schulen sowie medienvermittelten Anti-Gewalt-Botschaften unterschieden werden. Die vorliegenden Studien haben einige durchaus praxistaugliche Befunde erbracht. Im Hinblick auf die weitere Differenzierung dieser Ergebnisse eröffnet sich jedoch noch ein weites Forschungsfeld. Auch bedarf die Übertragbarkeit der v. a. in den USA festgestellten Befunde auf andere Länder noch der Überprüfung.
Die vorliegende Bestandsaufnahme hat gezeigt, dass die Auswirkungen medialer Gewaltdarstellungen ein Thema sind, das die Forschung in den verschiedensten Disziplinen nach wie vor intensiv beschäftigt. Seit 1998 ist eine solche Vielzahl von Untersuchungen erschienen, dass eine Gesamtschau der Befunde notwendig und sinnvoll war. Die Quantität der neuen Studien sagt allerdings noch nichts über deren Qualität aus.
Das Kernproblem der Medien- und Gewaltforschung besteht darin, dass die Untersuchungen noch immer zu wenig aufeinander aufbauen bzw. ältere, methodisch problematische Befunde unkritisch rezipiert werden. Im Hinblick auf die Theorieentwicklung ist eine weitgehende Stagnation festzustellen. Was das Forschungsdesign betrifft, so kommen nicht selten der Untersuchungsfrage nicht angemessene Methoden zum Einsatz, und für die Analyse neuer Fragestellungen notwendige methodische Adaptionen und Neuentwicklungen finden zu wenig statt.
Versucht man trotz der erwähnten Probleme eine Bilanz zu ziehen, so ist zunächst festzuhalten, dass die Annahme einer generellen Ungefährlichkeit von Mediengewalt fast nicht mehr vertreten wird. Weit reichende Übereinstimmung herrscht auch darüber, dass die Auswirkungen von Mediengewalt jedoch differenziert betrachtet werden müssen. Die Korrelationsmaße der meisten Untersuchungen sprechen für einen kleinen bis mittelstarken Zusammenhang zwischen Mediengewalt und Aggressivität des Rezipienten. Auch stellt Mediengewalt nur einen Faktor innerhalb eines komplexen Bündels von Ursachen für die Entstehung gewalttätigen Verhaltens dar. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass sich hinter einem geringen Einfluss für den Durchschnitt der Medieninhalte und Rezipienten durchaus stärkere Effekte für bestimmte Inhalte und bestimmte Rezipienten verbergen können. Nicht alle Medieninhalte wirken gleich, und nicht jeder Mediennutzer ist in gleicher Weise von potenziellen Gefahren der Mediengewalt betroffen.
Aus diesem Grund stellt die Untersuchung besonders risikobehafteter Medieninhalte und besonders gefährdeter Mediennutzer ein wichtiges Forschungsfeld dar. Eine Verallgemeinerung der bisherigen Befunde ist aufgrund z. T. widersprüchlicher und methodisch problematischer Studien nur eingeschränkt möglich. Unter diesem Vorbehalt kann die bisherige Forschungslage mit aller Vorsicht folgendermaßen zusammengefasst werden: Auswirkungen von Mediengewalt auf Aggressionsverhalten sind am ehesten bei jüngeren, männlichen Vielsehern zu erwarten, die in Familien mit hohem Fernseh(gewalt)konsum aufwachsen und in ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld (d. h. in Familie, Schule und Peer- Groups) viel Gewalt erleben (sodass sie hierin einen „normalen“ Problemlösungsmechanismus sehen), bereits eine violente Persönlichkeit besitzen und Medieninhalte konsumieren, in denen Gewalt auf realistische Weise und/oder in humorvollem Kontext gezeigt wird, gerechtfertigt erscheint und von attraktiven, dem Rezipienten möglicherweise ähnlichen Protagonisten mit hohem Identifikationspotenzial ausgeht, die erfolgreich sind und für ihr Handeln belohnt bzw. zumindest nicht bestraft werden und dem Opfer keinen sichtbaren Schaden zufügen („saubere Gewalt“). Es ist allerdings zu berücksichtigen, dass die genannten Faktoren nicht unabhängig voneinander sind, sondern miteinander interagieren können (indem z. B. Eigenschaften des Rezipienten sowie dessen Erfahrungen in seinem sozialen Umfeld die Wahrnehmung von Gewaltdarstellungen beeinflussen usw.).
Was praktische Konsequenzen aus der Untersuchung medienpädagogischer Interventionsstrategien betrifft, deuten die bisher vorliegenden Befunde darauf hin, dass eine Reduktion des (violenten) Medienkonsums (restriktive Interventionsstrategien) sinnvoll sein kann. Von Eltern angewandt, besteht allerdings die Gefahr, das Verhältnis zu den Kindern zu belasten, die Attraktivität entsprechender Inhalte zu erhöhen und den Gewaltfilmkonsum auf den Freundeskreis zu verlagern. Restriktive Maßnahmen sind am ehesten bei jüngeren Kindern sinnvoll, während sie bei älteren kontraproduktiv wirken können. Gemeinsames Fernsehen mit Kindern ist zu empfehlen, allerdings nur dann, wenn Gewalt eindeutig negativ kommentiert wird, um auf diese Weise den kritischen Umgang mit Medieninhalten zu fördern (aktive Interventionsstrategien). In Bezug auf inhaltliche Elemente, die die Effekte aktiver Interventionsstrategien verbessern können, hat sich eine Sensibilisierung kindlicher Rezipienten für die Opferperspektive als sinnvoll erwiesen. Botschaften, die die Unterscheidungsfähigkeit von Fiktion und Realität erhöhen sollen, sind offenbar nur von beschränktem Nutzen. Wirksam sind sie eher für jüngere Kinder. Ältere erhalten dadurch keine neuen Informationen, und ganz junge Kinder können sie noch nicht verstehen. Jüngere Kinder profitieren eher von medienpädagogischen Botschaften in Form von Statements bzw. Informationen, älteren Kindern sollte stärker Gelegenheit gegeben werden, die erwünschten Schlüsse selbst zu ziehen. Generell kann die Wirkung medienpädagogischer Maßnahmen durch Aufgaben verbessert werden, die die aktive Beschäftigung mit dem Thema erhöhen (z. B. Verfassen von Aufsätzen). Insgesamt sollte mit der Medienerziehung schon sehr früh begonnen werden, um eine Basis für die Zeit zu legen, in der die Heranwachsenden stärker von ihrem Freundeskreis als von Elternhaus und Schule beeinflusst werden. Generell ist es wichtig, die konkreten Maßnahmen der jeweiligen Zielgruppe anzupassen (zu berücksichtigen sind v. a. Alter, Geschlecht und frühere Medienerfahrung).
Letztlich bestätigen aktuelle Forschungsbefunde die schon länger gültige Aussage, dass manche Formen von Mediengewalt für manche Individuen unter manchen Bedingungen negative Folgen nach sich ziehen können. In der Konkretisierung der für die Gefährlichkeit verantwortlichen Faktoren sind ebenso einige Fortschritte erzielt worden wie in der Erforschung medienpädagogischer Interventionsstrategien. Das genaue Zusammenspiel von Risikofaktoren bedarf aber ebenso wie die Identifikation der tatsächlich wirksamen Elemente medienpädagogischer Strategien für die verschiedenen Zielgruppen noch der weiteren Forschung.
Diese Folgerung aus der bisherigen Forschung zum Thema „Medien und Gewalt“ entspricht nicht dem Bedürfnis weiter Teile der Öffentlichkeit nach eindeutigen Antworten auf die Frage nach der Gefährlichkeit von Mediengewalt. Jede einfache Antwort auf die komplexe Entstehung von Gewalt und die Rolle der Medien dabei muss vor dem Hintergrund wissenschaftlicher Befunde jedoch als unseriös betrachtet werden. Gewalt in den Medien darf in seinem Gefährdungspotenzial nicht verharmlost werden, es ist aber auch nicht angebracht, Mediengewalt zum Sündenbock für Gewalt in der Gesellschaft zu stempeln.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrecht lich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfält igungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
1Vgl. Kunczik, Michael: Gewalt und Medien. Köln/Weimar/Wien. 4. Auflage 1998.