![]()
http://www.mediaculture-online.de
Autor: Leder, Dietrich.
Titel: Die schönste Hauptsache der Welt. 10 Anmerkungen zum Verhältnis von Fernsehen und Fußball.
Quelle: Funkkorrespondenz 17, Bonn 2006. S. 3-8.
Verlag: Deutsche Zeitung Christ und Welt Verlag GmbH.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Funkkorrespondenz.
Dietrich Leder
Die schönste Hauptsache der Welt
„Topp-Kick: Die (Lust-)Angst des Fernsehens vor dem Fußball“ – so lautete das Thema bei den diesjährigen „Marler Tagen der Medienkultur“ am 6. und 7. April im Adolf-Grimme-Institut. Wenige Wochen vor dem Start der Fußball-WM 2006 in Deutschland (9. Juni bis 9. Juli), die vor allem auch eine Mega-Medienereignis werden wird, stand in Marl in Expertendiskussionen und Vorträgen die Fußballberichterstattung im Blickpunkt. Leder charakterisierte in seinem Einleitungsreferat das besondere Verhältnis von Fernsehen und Fußball in 10 Anmerkungen.
Wenn der Fußball eine und für manche sogar die schönste Hauptsache der Welt ist, dann einzig und allein dank des Massenmediums Fernsehen. 10 Anmerkungen zu einem problematischen Verhältnis:
Beim Fußball handelt sich um eine Sportart, deren Spiel sich in der Breite entwickelt, also zum breitformatigen Fernsehen passt. Das Spiel kann von der Mitte der größeren Seite mühelos abgefilmt werden. Der Ball ist dank seiner Maße selbst in einer Totalen noch gut zu erkennen. Die Spielzeit entspricht mit ihren insgesamt 90 Minuten exakt der Maßeinheit des Fernsehfilms. Die Regeln sind zwar nicht logisch, aber weitgehend evident, dabei jedoch auslegbar. Das garantiert Sicherheit und Überraschungen gleichermaßen. In der Logik der Spielanlage gibt es kurzfristige Effekte (wer gewinnt das jeweilige Spiel?) und langfristige (wer wird Meister oder steigt ab?) – das bindet über das Einzelereignis hinaus. Es ist Spiel und zugleich von großem Ernst. Es lädt zur Identifikation ein, die aber vor dem Fernsehschirm zu wenig verpflichtet. Der Zuschauer vor dem Bildschirm ist Teil eines Spektakels und doch von ihm systematisch getrennt.
Live-Übertragungen von Spitzensport im allgemeinen und von Fußball im besonderen markieren und begleiten Umbruchsituationen der Fernsehgeschichte. Die erste Bekanntschaft machten die Deutschen mit dem Fernsehen, als mehr als 160 000 Zuschauer (nach der vermutlich propagandistisch überhöhten Zahl, die die Reichspost nannte) 1936 in den Berliner Fernsehstuben den Live-Übertragungen von den Olympischen Sommerspielen folgten: Zum ersten Mal konnte man real fern-sehen, indem man in den 28 Fernsehstuben, die zumeist in Postämtern eingerichtet worden waren, einem Ereignis beiwohnte, das sich in einiger Entfernung zur selben Zeit zutrug. Unter den Versuchen der Jahre 1936 bis 1939 sind auch Live-Übertragungen von Fußballspielen zu finden. Während eine erste Übertragung eines Länderspiels zwischen Deutschland und Italien schiefging – das Novemberwetter ließ auf den Abbildern kaum etwas erkennen –, gelang eine zweite aufgrund neuer Techniken drei Jahre später besser. In den Lazaretten, in die man die Apparate der Fernsehstuben verfrachtet hatte, konnte man so die Endspiele der deutschen Kriegsmeisterschaften bis 1943 verfolgen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es die Live-Übertragungen von der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz, die das Geschäft mit den Fernsehapparaten ankurbelten. Von den acht Spielen, die ausgestrahlt wurden, sind allerdings keine TV-Aufnahmen mehr erhalten. Noch gab es keine Apparate, mit denen man elektronische Bilder und Töne konservieren konnte. Sie wurden erst drei Jahre später zur Marktreife entwickelt. Was wir heute vom Endspiel Deutschland gegen Ungarn (3:2) kennen, ist eine Montage aus „Wochenschau“-Bildern und Hörfunkton. Die Fußball-WM 1970 in Mexiko war die erste, die per Satellit in alle Welt übertragen wurde. Sie war zudem die erste in Farbe. Kurze Zeit zuvor hatte der Weltfußballverband Fifa die Gelbe und die Rote Karte für Ermahnung und Platzverweis eingeführt, auf dass sich die Anschaffung von Farbfernsehgeräten, die seit drei Jahren in Westeuropa auf dem Markt waren, für die Konsumenten auch lohnte.
1990 wurde die Weltmeisterschaft in Italien nicht nur im herkömmlichen PAL-Farbstandard produziert, sondern gleichzeitig in hochauflösender Bildqualität (High Definition TV)). Doch der europäische analoge HDTV-Standard setzte sich trotz seiner überzeugenden Bildkraft nicht durch. Mehrere hundert Millionen Mark verschwanden in der Erprobungsphase. 16 Jahre später wird die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland mit einem nun digitalisierten HDTV-Standard produziert. Gleichzeitig wird die herkömmliche PAL-Übertragung auf das Format 16:9 umgestellt. Wer nicht über einen relativ neuen Fernsehapparat verfügt, wird die diesjährige WM nur auf Bildern mit schwarzen Balken oben und unten sehen können. Der Pay-TV-Sender Premiere, der das HDTV-Signal verbreitet, hofft mit dem neuen Standard auf neue Kunden, die sich aller-dings zuvor neue Apparate (Displays, Projektoren, Tuner) anschaffen müssen. Parallel dazu wird das Handy-TV seinen Versuchsbetrieb mit Bildern der Fußball-WM starten.
Nach der Neuvergabe der Bundesliga-TV-Rechte im vorigen Jahr erwirtschaftet die Deutsche Fußball Liga GmbH (DFL) in den nächsten drei Jahren 420 Millionen Euro pro Saison, addiert man die Verträge der diversen Rechte. Das Fernsehen ist also der Hauptgeldgeber für den Profi-Fußball, weit vor den Zuschauern mit ihren Eintrittspreisen, den Merchandising- und Werbeeinnahmen oder den Buchungsgewinnen von Spielerverkäufen. Ohne das Geld des Fernsehens müssten die deutschen Vereine sofort ihre Tätigkeit einstellen beziehungsweise auf ein Niveau reduzieren, das unterhalb dessen läge, wie es in den Ersten Ligen von Holland, Österreich oder der Schweizer herrscht. Viele der ausländischen Spieler würden nicht mehr in Deutschland anheuern, die besten deutschen Akteure wiederum würden ins Ausland wechseln. Die Folge wären dramatisch Zuschauerverluste.
Aber selbst jenseits der unmittelbaren Fernsehrechte würden der Bundesliga ohne das Fernsehen viele zusätzliche Einnahmen fehlen. Die Sponsorenverträge, mit denen die Trikotwerbung und die Vergabe der Stadionnamen geregelt werden, basieren auf der Fernsehpräsenz. Wie einflussreich diese ist, bewies das erwähnte Lizenzverfahren des Jahres 2005. Obgleich der Pay-TV-Sender Premiere mehr Geld als der Pay-TV-Konkurrent Arena geboten hatte, erhielt Premiere nicht den Zuschlag, denn der Vertragsvorschlag des Senders enthielt einen Passus, der eine Ausstrahlung von zusammenfassenden Spielberichten im Free-TV erst nach 22.00 Uhr vorsah. Die ARD mit der zuschauerträchtigen „Sportschau“ wäre somit aus dem Spiel gewesen.
Die 90-minütige „Sportschau“ erreichte in den vergangenen Jahren ab 18.15 Uhr regelmäßig zwischen 5 Millionen und 6 Millionen Zuschauer. Die Zahl der Premiere-Abonnenten liegt gerade einmal bei etwas über 3 Millionen, von denen nicht einmal alle ihren Apparat zum Fußball eingeschaltet haben. Diese Differenz um bis zu 3 Millionen Zuschauern war der Bundesliga zu groß, um auf sie verzichten zu können. Denn die Sponsoren sind auf die Präsenz ihrer Markennamen und -logos vor einer möglichst großen Zuschauerschaft angewiesen. In den 1960er Jahren wurden noch wegen der Bandenwerbung Sportübertragungen von ARD und ZDF abgesagt. Heute ist die Bandenwerbung das Hauptargument für solche Übertragungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.
Der absolute Verlust der Fernsehpräsenz bleibt eine reine Gedankenspielerei. Wie sehr indes der Fußball ökonomisch vom Fernsehen abhängt, zeigt eine Realerfahrung. Als nach der Insolvenz des Kirch-Konzerns kurzfristig die Einnahmen aus den TV-Rechten sanken, gerieten einige Vereine – etwa Borussia Dortmund – unmittelbar in eine Finanzkrise. Der börsennotierte Verein aus dem Ruhrgebiet hatte sich hochgradig mit Spielerkäufen verspekuliert. Als der sportliche Erfolg ausblieb und die Fernseheinnahmen sanken, konnte der Klub mittelfristig seine Finanzdienste nicht mehr bedienen. Erst nach einer finanziellen Rosskur und einer dramatischen Verzichtsaktion von Schuldnern konnte Borussia Dortmund kurzfristig gerettet werden.
Beim Spekulieren mit Kapital sind sich Fußballvereine und Medienkonzerne durchaus nahe. So kann man den Harakiri-Kurs des alten Dortmunder Vorstands im Grunde mit dem von Leo Kirch vergleichen, der am Ende ebenfalls alles riskierte und verlor. Der FC Bayern München wäre dann so etwas wie der Bertelsmann-Konzern unter den Fußballklubs. Und der Aufklärer Klaus Ott in Sachen Kirch hieße bezogen auf Borussia Dortmund Freddie Röckenhaus.
Vergleicht man Bilder des Fernsehfußballs (live wie in der zusammenfassenden Berichterstattung) aus den 1960er Jahren mit denen von heute, fällt zunächst eine substanzielle Differenz auf. Konzentrierten sich die Kameras und der Reporter einst ausschließlich auf den sportiven Moment, interessieren sie sich inzwischen für ungleich mehr. Sie suchen heute entschiedener nach dem Spektakel des besonderen Bildes, das durch viele Wiederholungen aus allen nur denkbaren Perspektiven und durch sofortige Bearbeitungen (Zeitlupe) erweckt wird. In der Substanz muss dieses besondere Bild noch nicht einmal eine spielentscheidende Szene wiedergeben oder nur ein Tor. Es kann sich auch um ein besonderes Foul oder um eine spielerische Arabeske handeln. Indem das Bild wiederholt und bearbeitet wird und so einen besonderen visuellen Reiz erfährt oder freisetzt, wird es zum Spektakel.
Ebenso intensiv wie die Suche nach dem Spektakel des besonderen Bildes ist auch die Suche nach den zu erzählenden, also den über den sportiven Moment hinausreichenden Geschichten. Diese können in Rätseln bestehen (ob ein Tor oder ein Elfmeter zu Recht gegeben wurde) oder in biografischen Ausdeutungen (warum ein Spieler nun auf einmal besonders gut oder besonders schlecht spielt, wie er nach einer Verletzung zur alten Form gefunden hat). Wichtig ist: Die Geschichten müssen zum Weitererzählen und Weiterbearbeiten verführen. So produziert jeder Bundesliga-Spieltag jenes Material, das in der spielfreien Zeit weitergesponnen wird, um die Lücke zu füllen und so das Warten auf den nächsten Spieltag zu verkürzen.
Im Vergleich der Fußballaufnahmen aus den 1960er Jahren mit gegenwärtigen fällt zudem ein ästhetischer Unterschied auf. Zunächst hat sich die Zahl der eingesetzten Kameras und die Schnitthäufigkeit geändert. Übertrug man damals Spiele mit maximal drei Kameras, von denen die Führungskamera aus der zentralen Aufsicht mit Schwenks und Zooms dem Ball folgte, während die anderen beiden Kameras für Detailaufnahmen aus den beiden Strafräumen zuständig waren, werden Begegnungen heute mit zehn bis zwanzig Kameras übertragen. Die Folge ist eine größere Auflösung des Spielgeschehens, verbunden damit ist eine Beschleunigung der Schnittfrequenz. Statt der Plansequenz einer ungeschnittenen Einstellung der Führungskamera schneidet der Live-Regisseur gegenwärtig schnell und häufig zwischen den Kameras hin und her. Die Folge dieser Montageweise ist eine größere Verdichtung des Geschehens.
Die ästhetische Differenz verdankt sich aber auch der gestiegenen Beweglichkeit der Kameras selbst. Die Führungskamera wird zwar immer noch statisch eingesetzt, ist aber dank ihres Zoomobjektivs flexibel. Die seitlichen, tief positionierten Kameras werden hingegen häufig auf Schienen postiert oder als Steadycam eingesetzt. Das erlaubt Nahaufnahmen des Spielgeschehens vom Mittelkreis bis zur Eckfahne. Krankameras hinter den Toren erlauben überdies Bewegungen, die der Flugbahn des Balles nachempfunden werden. Eine ebenfalls mobile Kamera oberhalb des Spielfelds ermöglicht Nahansichten zusätzlich aus der Vogelperspektive. Die Bewegung der jeweils eingesetzten Kamera führt insgesamt zu einer Dynamisierung des Bildes.
Aus dem Zusammenspiel von Verdichtung und Dynamisierung erwächst die dritte ästhetische Differenz: Heute wird bereits in der Bildgestaltung viel stärker personalisiert. In den Nahaufnahmen werden die Spieler als Individuen erkennbar. Sie werden damit tendenziell zu den Protagonisten des Spiels, das bislang als Mannschaftssportart wahrgenommen wurde, da in der Regel mehrere Akteure im Bild präsent waren. Wurden Spieler in den 1950er und 1960er Jahren nachträglich zu Helden erklärt, werden sie heute bereits während des Spiels zu den Stars einer Begegnung oder eines Spieltags erhoben.
Die Spieler – und nicht nur sie – reagieren zunehmend auf die Präsenz der Fernsehkameras, indem sie sich gestisch und mimisch an der Produktion der besonderen Bilder beteiligen. Sie kopieren jene Tricks, die sie im Fernsehen bei international bekannten Stars gesehen haben. Sie imitieren Spielzüge erfolgreicher Mannschaften. Das endet nicht zuletzt bei einstudierten Jubelgesten und -szenen, bei denen getanzt, mit der Eckfahne gespielt, auf dem Rasen gerutscht oder Saltos geschlagen werden.
Mit diesen besonderen Gesten und Szenen versuchen die Spieler, sich zu profilieren, sich als Star zu entwerfen, indem sie gleichsam das Material liefern, mit dem das Spektakel des besonderen Bildes entfacht wird und sich Geschichten erzählen lassen. Sind sie dann zu Stars avanciert, geschieht jede Veränderung ihres Äußeren (Frisur, Farbe der Fußballschuhe) unter Maßgabe der Aufmerksamkeits- und Profitmaximierung, die wiederum tendenziell auf den Weltmarkt abzielt.
Auch die Stadionbesucher reagieren zunehmend auf die Kameras. Fan-Gruppen, die sich bislang nur mit Schals und Trikots für die Spiele verkleideten, finden sich zu Aktionen zusammen, die für das Fernsehabbild entwickelt werden. Dazu müssen Transparente und Plakate überdimensional groß werden, um aufzufallen und von den entfernt stehenden Kameras nicht nur entdeckt, sondern auch noch bildfüllend aufgenommen zu werden. An Choreographien dieser Gruppen beteiligen sich tausend und mehr Fans. Auch die Fan-Gruppen lernen national wie global: Die Ultra-Bewegung kommt zwar aus Italien, bestimmt aber längst auch hierzulande das Bild in den Stadien.
Die Stars der Fußballarenen sind dank des weltweit vernetzten Fernsehens tendenziell Stars des globalen Mediengeschäfts, so wie es als erstes von der Popmusik ausgeprägt wurde. Damit wandeln sie sich von lokalen Helden zu globalen Stars, deren Trikots nicht nur in England oder Deutschland gekauft werden, sondern auch in Japan oder Südkorea. In welchem Land, bei welchem Verein sie spielen, ist weitaus weniger wichtig, als dass diese ihnen eine für die weltweite Übertragung hergerichtete Bühne bieten müssen. Die besten Mannschaften Europas sind längst aus Spielern zusammengesetzt, die aus allen fußballbegeisterten Ländern dieser Welt kommen. Umgekehrt kehren sie über die international distribuierten Fernsehbilder ihrer Spiele in ihre Heimatländer zurück.
Auch in ihrem Auftreten haben sich die wichtigsten Fußballspieler den Stars der Popmusik angeglichen. Wie diese präsentieren sie sich (Ansage vor Spiel- oder Konzertbeginn), stylen ihr Äußeres markt- und markengerecht, sorgen mit ihren Personalien für den adäquaten Nachrichtenstoff (Partnerschaften, Ehen), verrätseln ihre ökonomischen Entscheidungen (Vereins- oder Firmenwechsel). Noch gewichtiger ist die Anähnelung bei der Organisation ihrer medialen Präsenz. Das Recht am eigenen Bild wird systematisch eingeklagt. Es sollen keine Bilder in der Öffentlichkeit existieren außer jenen, die vom Star selbst lizenziert werden.
Bei den Konzerten der internationalen Popstars darf nur noch im Ausnahmefall frei von der Presse fotografiert werden. Das Management der meisten Stars reglementiert die Aufnahmen (zu einer bestimmten Zeit von einem bestimmten Platz) oder koppelt das Recht der Bildaufnahme an die Pflicht, die Bilder zur Zensur vorzulegen, oder lässt nur vertraglich gebundene Fotografen zu. Das Recht am eigenen Bild schlägt hier schon längst das Recht der freien Meinungsäußerung, zu dem das Recht der kritischen Berichterstattung gehört.
Angesichts der großen Summen, die von den Fernsehsendern für die Fußballrechte bezahlt werden, ist es kein Zufall, dass die Sender diese ihre Rechte liebevoll pflegen. Wer sich für viel Geld einen Maserati kauft, wird ihn nicht unter der nächsten Laterne parken, sondern wird dem Luxusgefährt eine Garage und eine angemessene Pflege zuteil werden lassen. Premiere und die ARD – früher Sat 1 – pfleg(t)en so die Bundesliga, Premiere und Sat 1 die Champions League und alle zusammen die Fußball-Weltmeisterschaft.
Noch ist die Detailkritik eines schlechten Spiels von der systematischen Pflege des Gegenstands nicht berührt. Indirekt allerdings schon. So ist es zwar ein Irrtum, zu glauben, die ARD-„Sportschau“ oder zuvor „ran – Sat 1 Bundesliga“ lobten alle Samstagspiele der Bundesliga über den grünen Klee – das Gegenteil ist vielmehr richtig: schwache Spiele werden entsprechend kritisiert wie gute gelobt –, aber die Anmutung der „Sportschau“ heute und einst von „ran“ widersprach dieser Detailkritik. Die Sendungen müssen durch Werbung unterbrochen werden, mit der ein Teil der Kosten refinanziert wird. Die Spiele, die jenseits eines Werbeblocks liegen, müssen wiederum von den Moderatoren dergestalt angepriesen werden, dass möglichst wenige Zuschauer sie verpassen wollen und deshalb auf das Umschalten während der Werbung verzichten. Diese Anpreisungen, in denen dann schon früh in der Saison das Abstiegsgespenst beschrieen, der Wettbewerb um UI-Cup-Plätze ausgerufen wird und jedes dritte Spiel zum Derby mutiert, hinterlassen den fatalen Eindruck, es werde auf Kritik verzichtet.
Tatsächlich aber ist der Bundesliga-Fußball selbst auf dem besten Weg dahin, sich der Kritik zu entledigen. Ab der Spielzeit 2006/07 produziert die Deutsche Fußball Liga die Fernsehbilder aus den Stadien selbst. Journalistisch bedeutet das, es existiert zukünftig kein Fernsehbild mehr, das nicht vom Veranstalter selbst produziert und damit auch kontrolliert wurde. Schon jetzt gibt es kaum noch Bilder von den Zuschauern in den Stadien. Die Gefahr, dass kritische Parolen und Transparente ins Bild kommen, dass Schlägereien und Hassgesänge übertragen werden, dass Aggressionen und Betrunkene auch nur für einen Augenblick das Fernsehbild beherrschen, soll wohl systematisch ausgeschaltet werden.
Das Fernsehbild des Fußballs soll so wie die Innenstädte der Einkaufsviertel von allem, was den Konsum stört, befreit werden. Die Wirklichkeit des Stadionereignisses, die ja in den Live-Übertragungen und in den zusammenfassenden Berichten dokumentiert werden soll, verwandelt sich zum Kitschbild einer heilen Welt, wie man es aus der Reklame kennt. Kritik am schlechten Spiel ist dann Majestätsbeleidigung und – schlimmer noch – Schädigung des Image und des Produkts.
Die Zahl der Fußballspiele, die im Fernsehen live übertragen werden oder über die in Zusammenfassungen berichtet wird, steigt weiter. Premiere überträgt alle Spiele von der 1. und der 2. Bundesliga. Zusammenfassende Berichte laufen in ARD, ZDF, den Dritten Programmen und beim Deutschen Fernsehen (DSF). Die Pokalspiele werden von ARD und ZDF schon ab der ersten Hauptrunde übertragen. In den Dritten Programmen wird in Zusammenfassungen selbst von den Spielen der beiden Regionalligen, also aus den 3. Ligen, berichtet. Hinzu kommen die Berichte und Übertragungen von den ausländischen Spitzenligen in England, Italien und Spanien live auf Premiere und in Zusammenfassungen beim DSF. Die internationalen Wettbewerbe UI-Cup, Uefa-Cup und Champions League verteilen sich auf ARD, ZDF, Premiere und Sat 1. Die Länderspiele laufen bei ARD und ZDF wie auch die Welt- und Europameisterschaften, RTL ist in diesem Jahr erstmals bei einer Fußball-WM live dabei.
Zugleich hat die Vor- und Nachberichterstattung dramatisch zugenommen. Bei Länder- und wichtigen internationalen Pokalspielen beginnt die Berichterstattung mindestens eine halbe Stunde, bei Spielen der Weltmeisterschaft mehr als eine Stunde vor dem Anpfiff. Dementsprechend lang fallen auch die Nachbetrachtungen aus, die sich oft mehr als anderthalb Stunden hinziehen. Darüber hinaus existiert ein eigener Fernsehstammtisch, der sonntags beim DSF tagt. In der ARD-„Tagesschau“ ist der Fußball sonntags mit einem eigenen Nachrichtenblock vertreten, der von den Moderatoren der „Sportschau“ verlesen wird. Und zu Zeiten von „ran“ gab es bei Sat 1 sogar eine werktägliche Nachrichtensendung zum Thema Bundesliga.
In Spitzenzeiten, in denen täglich ein Spiel live übertragen wird, beschleicht einen das Gefühl, man würde zu viel Fußball sehen. Tatsächlich konkurrieren zu viele Spiele um eine stabil bleibende Aufmerksamkeitsmenge. Aber das ist bei den Fernsehsendern ähnlich. Auf dem deutschen TV-Markt kämpfen zu viele Sender um die nur wenig ansteigende Zeit der Zuschauer. Von diesen Sendern rechnen sich nur einige. Die anderen werden allein deshalb gehalten, um auf dem zweitgrößten Fernsehmarkt der Welt präsent zu sein, sind somit Spekulationsobjekte auf die Medienzukunft. So wie die Fußballrechte Spekulationsobjekte für den Fernsehmarkt sind.
Die größte Gefahr, die dem Fußball derzeit erwächst und die indirekt auch das Fernsehen schädigen kann, kommt von einem der Werbepartner selbst, nämlich aus dem Wettgeschäft. Der globalisierte Fußball ist längst zum Spielmaterial für weltweit agierende Wettfirmen geworden. Im Internet ist es möglich, permanent und fast in der Echtzeit der Spiele auf Ergebnisse, Tore und Spielverläufe zu wetten. Die enormen Summen, die bei diesen Wetten gewonnen werden können, provozieren das Interesse an der Manipulation von Begegnungen. Je überraschender Spiele verlaufen, besondere Ergebnisse eintreten und Tore fallen, desto höher sind die Gewinne. Es besteht also ein hohes Interesse, Spiele so zu manipulieren, dass überraschende Tatbestände eintreten. Angesichts der zu erwartenden Gewinne können selbst Spieler, Trainer und Schiedsrichter der 1. Bundesliga ein Interesse besitzen, Spiele im Sinne der Überraschung zu beeinflussen.
Der Wettskandal hierzulande um den Schiedsrichter Robert Hoyzer, der 2004/05 Spiele der 2. und 3. Liga sowie des DFB-Pokals verpfiffen hatte, war nur der Vorbote dieser Probleme. Das zeigen Erfahrungen in Belgien, Griechenland und anderen europäischen Ländern. Die Zuschauer in den Stadien wie vor den Fernsehgeräten wiederum verlieren ihr Interesse an den Fußballspielen, sollte der Verdacht wachsen, sie würden manipuliert. So trug auch nicht das Fernsehen die Schuld, als die Bundesliga in den 1970er Jahren enorm an Zuschauern verlor, wie der DFB weiszumachen glaubte. Es war der Bundesliga-Bestechungsskandal der Spielzeit 1970/71, als Vereinsfunktionäre Partien manipulierten, um den Abstieg ihrer Mannschaften zu verhindern. Dieser Skandal kostete eine Reihe von Spielern und Funktionären die Karriere. Die Bundesliga selbst brauchte Jahre, um sich zu davon erholen.
Um einen weiteren Vergleich aus der Popkultur heranzuziehen: Der Fernsehfußball steht in Gefahr, sich so übernehmen, wie einst Michael Jackson es tat, als er sich selbst als Superstar stilisierte, mehr Sorgfalt auf die Selbstinszenierung und sein Medienbild legte als auf seine Musik, als er den Kontakt zum Leben seiner Fans verlor. Der überlebensgroße Michael Jackson brach in sich zusammen. Seine Platten verkauften sich nicht mehr. Er wurde vor Gericht gestellt, floh vor seinen Gläubigern und irrte heil- und hilflos durch die Welt.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.