http://www.mediaculture-online.de

Autor: Leder, Dietrich.

Titel: Die Amerikaner. Die historische US-Präsidentenwahl im Fernsehen.

Quelle: Funkkorrespondenz. 56. Jahrgang, Nr. 45/46. Bonn 2008, S. 3-4.

Verlag: Deutsche Zeitung GmbH.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Funkkorrespondenz.



Dietrich Leder

Die Amerikaner.

Die historische US-Präsidentenwahl im Fernsehen.

Am Abend des 4. November (Dienstag) wurde rasch klar, dass das Warten auf das Ergebnis der Wahl des neuen amerikanischen Präsidenten sich lange und bis spät in die Nacht hinziehen würde und dass dieses Warten von den deutschen Fernsehsendern mit der üblichen Mischung aus Analyse, Talk und Geschwätz gefüllt werden würde. Wer wurde nicht alles in die USA verschifft, um uns von dort das zu sagen, was wir zuhause uns gar nicht zu denken vorstellten?

Wenn man sich der Wahldauersendungen, wie sie ARD, ZDF, Phoenix, RTL und Sat 1 (letztere zusammen mit ihren Nachrichtensendern n-tv und N 24) betrieben, entziehen und dennoch etwas über die Wahl erfahren wollte, blieb als Wahrnehmungsform nur die Stichprobe. Gegen 3.30 Uhr in der Nacht, mittlerweile hatte Barack Obama einige der „Swing States“ gewonnen und somit einen Riesenschritt zur Präsidentschaft getan, konnte man die Unterschiede studieren zwischen dem trockenen Vortragsstil von WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn, der in Washington für das Erste die Zahlen der Wahl vortrug, und der süffigen Präsentationsform, wie sie in Berlin Christian Sievers für das ZDF wählte. Nachdem Sievers zum fünften Mal in einem Nebensatz wortgleich wiederholte, was er zuvor schon im Hauptsatz verraten hatte, kam ein Anflug von Sympathie für den hüftsteifen WDR-Mann auf. Seine Sachlichkeit tat in dieser Nacht gut.

Die nächste Stichprobe um 5.45 Uhr deutscher Zeit, also am frühen Mittwochmorgen, vermittelte die Gewissheit, dass der Demokrat Barack Obama die Wahl gewonnen hatte. Sein Gegenkandidat, der Republikaner John McCain, hatte in einer respektablen Rede – die bei den Komplimenten für den Sieger von Buhrufen und Pfiffen von McCains eigenen Parteigängern begleitet wurde – Obama seinen Respekt gezollt. Nun erwartet man die Rede des Siegers, der vor mehreren hunderttausend Anhängern in Chicago auftreten will. Kurz vor 6.00 Uhr ist es dann soweit. Alle deutschen Sender sind live dabei. Unterschiede zeigen sich nur in der Übersetzung, bei der – so der erste Anschein, nachdem man sich dann ja zu entscheiden hat – das ZDF die Nase vorn hat.



Obamas Dankesrede gleicht einer Predigt

Barack Obama steht im Chicagoer Grant Park auf einer Bühne, die allein mit vielen kleinen amerikanischen Fahnen im Hintergrund geschmückt ist. Sonst sind nur das schmale Rednerpult, die Kontroll-Lautsprecher und die beiden Glasscheiben zu sehen, auf die der Teleprompter, lesbar nur für den Redner, den Text projiziert, den er nun sprechen wird. Obama, der schlanker wirkt als ohnehin schon, merkt man die Last der letzten Wochen an. Er beginnt mit jener Art politischer Überhöhung, die seinen Wahlkampf auszeichnete. Der heutige Abend habe allen, die am amerikanischen Traum zweifelten, eine massive Antwort erteilt. Es gebe die Chance auf Wandel. Diese Antwort sei der Welt, den Jungen und Alten, Armen und Reichen, Demokraten wie Republikanern, Schwarzen, Weißen, Spanischstämmigen, aus Asien stammenden Menschen wie amerikanischen Ureinwohnern, Homo- und Heterosexuellen, Behinderten und Nichtbehinderten gegeben worden.

Obamas Gestik bleibt minimal. Er blickt zuerst lange nach rechts, dann nach links. Pausen macht er kaum, fast, als fürchte er Zwischenrufe. Nur einmal, als die Rufe „Yes, we can“ zu laut werden, stoppt er und schweigt lächelnd. Diese Rufe hat er selbst clever provoziert. Denn seinen Wahlkampfslogan baut er so geschickt wie nebenbei mehrfach als ein säkularisiertes Amen in seine Dankesrede ein. Ohnehin gleicht die Ansprache in ihren appellativen Momenten („neuer Patriotismus“) einer Predigt, die ihren Höhepunkt in einer Art von Gleichnis findet. Obama erzählte die Geschichte einer 106 Jahre alten farbigen Frau, die eine Generation nach Abschaffung der Sklaverei geboren wurde, die als Frau und Farbige erst mit über 60 Jahren zum ersten Mal wählen durfte, die gegen die Rassendiskriminierung kämpfte und die heute mit den Fingern den Bildschirm (der Wahlmaschine) berührt habe, um ihre Stimme abzugeben.

Als er den Kampf gegen die Rassendiskriminierung anspricht, erwähnt er kurz jenen „Priester aus Atlanta“ (Martin Luther King), der den Menschen „We shall overcome“ predigte – und schließt sogleich seinen Slogan an: „Yes, we can“. Da kann selbst – wie in einem Zwischenschnitt zu sehen ist – der alte Haudegen Jesse Jackson, einst bei den Demokraten ein Obama-Widersacher, seine Tränen nicht zurückhalten. Auch die weniger prominenten Menschen, die in den ersten Reihen Barack Obama in Chicago zuhören, wirken in den zahlreichen Zwischenschnitten der Live-Regie tief bewegt. Bewegt von der rhetorisch geschickten Rede, aber auch vom Wahlergebnis, das man selbst herbeigeführt hat. In der Tat: Die Amerikaner haben der Welt ein historisches Ereignis beschert.

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Rechteinhabers reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme weiterverarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

3