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Autor: Lersch, Edgar.

Titel: Die Redaktion 'Radio-Essay' beim Süddeutschen Rundfunk 1955-1981 im rundfunkgeschichtlichen Kontext.

Quelle: Dokumentation und Archive. Historisches Archiv und Wortdokumentation, Band 5. Stuttgart 1996. S. 7-13.

Verlag: Süddeutscher Rundfunk.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.




Edgar Lersch


Die Redaktion "Radio-Essay" beim Süddeutschen Rundfunk 1955-1981 im rundfunkgeschichtlichen Kontext







Die "Nachtprogramme" der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in den fünfziger, möglicherweise noch in der ersten Hälfte der sechziger Jahre, gehören zu den immer wieder erzählten Mythen der Kulturgeschichte der Nachkriegszeit1. Wenn man sich mit ihnen beschäftigt, gelangt man nicht nur der ausgestrahlten Beiträge wegen in eine legendenumwobene Hoch-Zeit des von der Konkurrenz des Fernsehens noch weitgehend verschonten Radios. Intellektuelle, Schriftsteller, Dichter hatten scheinbar niemals mehr einen so großen Einfluß im Rundfunk wie in diesen Jahren, unbeschadet der zahlreichen Berührungspunkte und der intensiven Zusammenarbeit, die es auch noch in späterer Zeit gab2. In der Erinnerung der durch das Radio "bildungssozialisierten" Nachkriegsgeneration(en) und der damals beteiligten Macher bzw. fachkundigen Beobachter mag es heute so scheinen, als sei das Radio quasi tagesfüllend ein Hort der Vermittlung zeitgenössischer anspruchsvoller Kultur bzw. moderner Literatur gewesen. Doch gilt es, auch mit Blick auf die heutige Wirklichkeit des Radios, einiges davon zu relativieren. Angesichts seiner Funktion als Massenmedium mit dem Auftrag zu informieren, zu unterhalten und zu bilden, galt auch für den Nachkriegsrundfunk, daß anspruchsvolle Kulturprogramme bevorzugt in nutzungsschwache Randzeiten plaziert wurden – wenn auch nicht durchgehend erst nach 22.00 oder 23.00 Uhr. Dies war der schlichte Grund für die Benennung als "Abendstudio" bzw. "Nachtprogramm", was immer auch sonst noch mit dieser Bezeichnung beim Sender oder auf Hörerseite damit assoziiert werden mochte.

Nun ist auch noch längst nicht detaillierter erforscht, inwieweit die Kultur – und vor allem die Literatursendungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten den "Mainstream" des Kulturlebens und vor allem der Literaturproduktion in den Aufbaujahren der Bundesrepublik widerspiegelten. Auch in der Geschichtsschreibung des Buchhandels für diese Jahre gibt es einen erheblichen Nachholbedarf, denn was die Gesamtheit des Buchmarktes, der Literaturdistribution und -rezeption angeht, sind die vierziger und fünfziger Jahre bei weitem nicht vollständig aufgearbeitet. Interessanterweise kann auch in den unmittelbaren Nachkriegsjahren bei fast allen wiedereröffneten, unter Besatzungskontrolle stehenden Radiostationen kaum von einer kulturellen Aufbruchstimmung gesprochen werden. Es wird zwar vieles nachgeholt und bekannt gemacht, was zwölf Jahre nur schwer oder gar nicht zugänglich war. Größer war der Bedarf an Sinnvermittlung und Trost beispielsweise durch die Texte des Erbes der deutschen Klassiker, dies sind jedenfalls die Ergebnisse einer ersten Analyse der "Literaturdistribution" durch Buchhandel bzw. den Rundfunk bis zur Gründung der Bundesrepublik3. Es hieße den gebührenfinanzierten und marktunabhängigen Rundfunk überfordern, wenn man von ihm erwartete, daß er sich vom allgemeinen Zeittrend abkoppelte. Allerdings waren im Meer des gängigen Angebots, etwa beim Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR), Neuansätze durchaus erkennbar. Der NWDR zeichnete sich nicht nur durch Engagement und Mut im Informationsprogramm aus, wo z.B. Peter von Zahn den prinzipiell eingeräumten Spielraum für kritische Berichterstattung nutzte, der im Einzelnen dann immer wieder mit den Interessen der Besatzungsmächte kollidierte. Axel Eggebrechts und Ernst Schnabels Hörspiele bzw. Features suchten sich der Nachkriegsrealität zu nähern, und sie gingen dabei auch gestalterisch neue Wege. Ihre Sendungen waren jedoch Solitäre im Sendealltag, allerdings mit beträchtlicher Wirkung auf alle, die in der Folge nach neuen Formen des Hörspiels und des Features suchten4.

Ein Kristallisationspunkt progressiver Radiokultur in des Wortes doppelter Bedeutung war auch Radio Frankfurt. Dort entwickelte Alfred Andersch seit Sommer 1948 ein ambitioniertes Programm für das "Abendstudio" des Senders, der seit dem 1. 10. 1948 Hessischer Rundfunk hieß. Alfred Andersch (4.2.1914 – 21.2.1980), dessen Lebensweg hier nicht im einzelnen dargestellt werden braucht5, war vom Intendanten Eberhard Beckmann damit beauftragt worden, entsprechend dem Vorbild des "Third Program" der BBC ein literarisches und wissenschaftliches Programm höchster Aktualität zu präsentieren, das die "Strömungen der modernen Kultur" widerspiegelte und sich nicht auf den literarischen Bereich beschränkte. Von Anfang an war auch eine Durchdringung von Soziologie und Ästhetik beabsichtigt. Nicht nur alle Darbietungsformen des Radios sondern auch das "funkische Experiment" bestimmten die Arbeit der Redaktion. Andersch schöpfte in diesen Jahren auch aus dem geistigen Schmelztiegel der Mainmetropole6, in der er auf manchen Autoren traf, der ihm für das Abendstudio ein interessantes Manuskript schrieb. Als Mitglied der „Gruppe 47“ und Redakteur der bald von der amerikanischen Besatzungsmacht verbotenen Zeitschrift „Der Ruf“ verfügte er auch über zahlreiche Verbindungen zu jungen, noch wenig bekannten Schriftstellern. Es verwundert daher nicht, daß bereits am 16.8.1948 im „Abendstudio“ eine Sendung über die "Gruppe 47" ausgestrahlt wurde: Ihr Autor war Alfred Andersch. Hans Mayer, bis 1947 Mitarbeiter bei Radio Frankfurt und zum Zeitpunkt der Sendung bereits Professor in Leipzig, erörterte ebenfalls im Sommer 1948 zusammen mit Eugen Kogon und Elisabeth Langgässer: "Was verstehen wir unter moderner Literatur?" und mit Walter Dirks im Dezember desselben Jahres diskutierte er darüber, ob "es eine abendländische Kultur" gebe. Anfang 1952 trug Theodor W. Adorno erstmals eines seiner musiksoziologischen Essays vor, um einige wenige Highlights aus dem Angebot des "Abendstudios" zu nennen7.

Radio Stuttgart, das seit dem 22. 7.1949 mit der Übergabe in deutsche Verantwortung Süddeutscher Rundfunk hieß, hatte bis Anfang der fünfziger Jahre wenig vorzuweisen, was den Hamburger bzw. Frankfurter Anstrengungen vergleichbar gewesen wäre. Die Station war auch bis dahin kaum durch radiophon innovative Produktionen bzw. inhaltlich brisante und in die Zukunft weisende Sendungen aufgefallen. Nach der Übernahme der Leitung der Anstalt durch Dr. Fritz Eberhard am 1.9. 1949 änderte sich daran im literarisch-künstlerischen Bereich nur wenig. Der politisch engagierte und in kulturellen und künstlerischen Fragen bewanderte Eberhard machte in seinen ersten Intendantenjahren mehr durch andere Aktivitäten und vor allem Krisenmanagement in der schwierigen Redaktion "Politik und Zeitgeschehen" von sich reden8. Die Programme der Literaturabteilung unter ihren Leitern Hans Sattler (bis 1951) und Oscar Jancke (bis 1955), dann Karl Schwedhelm, spiegeln – nach allem was wir wissen – die Schwerpunkte des literarischen Betriebs wider, wie er für die fünfziger Jahre außerhalb der avancierten Kreise charakteristisch war. Es wird leicht übersehen, daß die Literaturproduktion der fünfziger Jahre in hohem Maße noch von den Autoren bestimmt war, die bereits in der Zwischenkriegszeit publiziert hatten und sich z.T. der sogenannten "inneren Emigration" zurechneten, wie Werner Bergengruen, Ernst Wiechert, Otto Rombach, um nur einige zu nennen. In der Literaturvermittlung und der Literaturkritik durch die entsprechende Redaktion im SDR sind es vor allem Vertreter dieser Gruppe, die immer wieder an den Sendungen beteiligt wurden9.

Auch vom SDR-Hörspiel ist bis Anfang der fünfziger Jahre kaum Spektakuläres zu vermelden. Allerdings arbeitete im Umfeld der Kulturredaktionen bzw. wurde vom Hörspieldramaturgen Gerhard Prager (1949 bis 1953 in dieser Funktion beim SDR ) Helmut Jedele gefördert. Jedele, Jahrgang 1920, war maßgeblich an der Wiederentdeckung der "Pioniere des Hörspiels" beteiligt: Das war der Titel einer Hörspielreihe, die 1950 mit Neuproduktionen von Originalhörspielen aus den Jahren der Weimarer Republik aufwartete: Texte z.B. von Eduard Reinacher, Walter Erich Schäfer u.a. wurden neu produziert, um an die verschütteten Traditionen der ersten Phase einer eigenständigen Rundfunkästhetik wieder anzuknüpfen. Dies leitete eine Phase innovativer Hörspielarbeit beim SDR – in enger Zusammenarbeit mit dem NWDR – ein10.

Jedele sammelte auch einen Kreis von funkbegeisterten jungen Talenten um sich, wie z.B. die Tübinger Kommilitonen Hans Gottschalk und Martin Walser. Zu ihnen stießen auch Heinrich August Kühner, Peter Adler und Heinz Huber. Neben knochenharter Alltagsarbeit, von der z.B. Martin Walser berichtet11, nutzten sie die Möglichkeit, über redaktionelle Grenzen und eingespielte funkische Formen hinweg, Neues auszuprobieren, so in ihren "Städtebildern" sowie in dem gesellschafts- und kulturkritischen Radiokabarett "Zeichen der Zeit"12.

Es ist nicht im einzelnen belegt, inwieweit Fritz Eberhard die Lücke im Hörfunk empfunden hat, die der als "Genietrupp" bezeichnete Kreis um Jedele hinterließ. Denn fast alle "kreativen" jungen Leute wechselten 1953 auf Veranlassung des Intendanten zur Femsehabteilung des SDR über, um den Start des neuen Mediums vorzubereiten. Am 5. 11. 1954 gestaltete der SDR erstmals einen Programmabend für das Gemeinschaftsprogramm der ARD . Die Feature-Abteilung des Hörfunks war mit dem Weggang von Heinz Huber im Funkhaus an der Neckarstraße 145 verwaist. Auch beim SDR waren inzwischen interessante Produktionen entstanden, in denen gesellschaftliche und kulturelle Fragestellungen abseits der festgefügten Grenzen der Redaktionen und Genres behandelt wurden, wobei man sich der Programmform des Features bediente, bei der man – wie die Vorbilder von Eggebrecht und Schnabel belegt hatten – Autorentext und Originalton, dokumentarische Texte und Fiktionales ineinander montierte, um sich der "Wirklichkeit" anzunähern, sie schärfer zu erfassen und angemessen zu interpretieren113.

Es ging also darum, diese Programmsparte neu zu besetzen und möglicherweise zu einem Aushängeschild des Senders zu machen. Es dauerte über ein Jahr, bis man dafür eine Idealbesetzung in Alfred Andersch fand, der gerade "frei" war. Andersch hatte nämlich inzwischen seine Doppelfunktion als Leiter sowohl der Feature-Redaktion beim NWDR (seit 1952) als auch des Abendstudios beim HR unter anderem wegen Unstimmigkeiten mit Ernst Schnabel aufgegeben; er wollte sich auch intensiver seinen eigenen schriftstellerischen Arbeiten widmen, benötigte jedoch den Rückhalt eines regelmäßigen Einkommens, so daß er auf die Stuttgarter Avancen, eine eigene Redaktion zu übernehmen, einging und im Juni 1955 beim SDR als freier Mitarbeiter mit Pauschalhonorar Leiter des "Radio-Essay" wurde. Eberhard kümmerte sich persönlich um die Verpflichtung von Andersch, die im März 1955 zustande kam. Da der neuverpflichtete Redakteur mitten im Etatjahr seine Tätigkeit aufnahm, war es nicht möglich, noch 1955 ein völlig eigenständiges redaktionelles Konzept zu realisieren. Vielmehr behalf man sich auf dem späteren "Radio-Essay"-Termin (Freitag 22.30 - 23.30 Uhr) weitgehend mit Wiederholungen und Übernahmen von Features und Hörbildern, die unter dem Reihentitel "Das Netz" gesendet wurden14.

Auf den ersten Blick mag die Entwicklung der einzelnen Sendungen der Redaktion Radio-Essay verwirrend erscheinen, aber aus der Graphik (siehe S. 26) läßt sich das Grundmuster mit einigen wenigen Varianten relativ leicht rekonstruieren und vereinfachend darstellen, vernachlässigt man dabei den mehrfachen Wechsel der Sendetage und vor allem der Anfangszeiten. Die mußten den immer wieder vorgenommenen Änderungen der Programmstrukturen angepaßt werden – und bis 1981, dem Ende der eigenständigen Redaktion "Radio- Essay"15, wurde der Sendeplatz häufig verschoben. Es gab einmal das "Radio-Essay - Spätprogramm" mit einer ununterbrochenen Kontinuität von 1955 bis 1981. Auch die Übernahme der Leitung der Redaktion durch Helmut Heißenbüttel Anfang 1959 brachte keinerlei Veränderungen. Als "Radio-Essay - Abendprogramm" wurde der monatliche Featuretermin bezeichnet, der zuerst dienstags, dann sonntags bis 1976 unter der Verantwortung der Redaktion "Radio-Essay" gesendet wurde. Dazwischen wurde drei Jahre lang, von April 1968 bis April 1971, auf diesem Sendeplatz mit der Reihe "Dialog" experimentiert. 1976 wurde die Sendung eigenständig und unter der redaktionellen Verantwortung der „Chefredaktion Kultur“ von Marlis Gerhardt betreut. Die Tradition der Reihe mit den Buchbesprechungen (nur bis 1972 unter dem von Andersch eingeführten Titel: „Ein Buch und eine Meinung“ reicht von 1955 bis 1976. Hinzu kamen als weitere Sendereihen der Redaktion die von 1971-1981 laufende "Autoren-Musik" und das wechselnden Sendeplätzen und Senderhythmen unterliegende "Studio für Neue Literatur" von 1967 bis 1981.

Versucht man das redaktionelle Konzept des Radio-Essay von allen literaturtheoretischen Überinterpretationen zu befreien, so wird noch einmal deutlich: Es ging Andersch einmal um die thematische Vielfalt jenseits aller eingefahrenen redaktionellen Grenzen des Hörfunks, und gleichermaßen bei der Bearbeitung dieser Themen um ein Höchstmaß an origineller – gleichwohl den spezifischen Bedingungen des Hörfunks angemessenen – Gestaltung, ebenfalls ohne die Fesseln spartenbezogenen Denkens, das den Alltag in den Rundfunkanstalten beherrschte: "Das Wort Essay kennzeichnet ihn nach zwei Richtungen hin: es unterscheidet ihn vom Hörspiel, für das der erzählerische oder dramatische Handlungsbogen unabdingbar bleibt, und es gibt ihm den lebendigen, allen Möglichkeiten sich offen haltenden Charakter des Versuchs. In seiner höchsten Ausprägung ist der Radio-Essay dichterisches Dokument der Realität unserer Welt und des Lebens in ihr"16.

"Radio-Essay", das war Radio-Arbeit unter künstlerischem Anspruch, und es ist wohl nicht falsch, ihn analog dem "Autorenfilm" beim Dokumentarfilm als "Autoren-Feature" zu kennzeichnen17. Weil die Montagekunst des Feature inzwischen weitgehend zur Gebrauchsform verkommen war, suchte sich Andersch in den Definitionen des Radio-Essay davon abzusetzen und hielt dem den eigenständigen Anspruch des "Radio-Essay"



entgegen. Es kann nur im Einzelfall festgelegt werden, welche Sendungen einem derartigen Anspruch genügten und welche nicht: Daß er in Wolfgang Koeppens Reisefeatures und den literarischen Essays von Arno Schmidt – zumindest in den Textfassungen – erfüllt wurde, darüber braucht nicht diskutiert zu werden. Bei der Fülle der übrigen Beiträge müßte dies in einzelnen noch untersucht werden, und vermutlich werden die Abgrenzungen zu den übrigen Gattungen schwierig. Schließlich ist wohl weiterhin die Frage unbeantwortet, inwieweit sie auch wirkliche Exempel einer Radio-Kunst sind oder nicht18. Bezeichnend für das sich letzten Endes zwischen allen Genres bewegende und sich über die "Originalität" seiner Produktionen bzw. Autoren abgrenzende Radio-Essay war, daß es ständig Einwände seitens der politischen Redaktion mit ihrem historisch-politischen Feature wegen Grenzüberschreitungen gab und auch eine eifersüchtig auf ihre Kompetenzen achtende Musikabteilung des SDR an Zusammenarbeit mit dem Radio-Essay nicht interessiert war19. In den siebziger Jahren gab es dann eine engere Zusammenarbeit zwischen Heißenbüttel und dem Musikredakteur Clytus Gottwald.

Andersch leitete die Redaktion nur bis Ende April 1958 persönlich vor Ort in Stuttgart, dann zog er – formal noch der Kopf der Abteilung bis Jahresende 1958 – in sein im Sommer 1957 erworbenes Haus in Berzona im schweizerischen Tessin um und gab seinen Stuttgarter Wohnsitz auf. Vom Oktober 1955 bis März 1957 stand ihm für die Bewältigung der vielfältigen redaktionellen Aufgaben als Assistent Hans Magnus Enzensberger (geb. 11. 11. 1929) zur Seite, der in diesen Jahren auch einige bedeutende Sendungen schrieb. Als Enzensberger seine Tätigkeit in der Redaktion nach etwa einem Jahr aufgeben wollte, suchte Andersch längere Zeit einen neuen Mitarbeiter und fand ihn schließlich in Helmut Heißenbüttel. Am 1. 4. 1957 übernahm sein späterer Nachfolger die Redaktionsassistenz. Den Redaktionsalltag von Andersch in Stuttgart hat Stephan Reinhardt aus den erhaltenen Unterlagen rekonstruiert und geschildert, wie es der vielseitig begabte und interessierte Schriftsteller und Redakteur fertigbrachte, gewissermaßen drei Berufe gleichzeitig auszuüben, den des Zeitschriftenredakteurs – er gab in diesen Jahren "Texte und Zeichen" heraus –, den des Rundfunkredakteurs – was mit dem ersteren eng verknüpft war – und den des Schriftstellers: In den Stuttgarter Jahren wurde "Sansibar oder der letzte Grund" fertiggestellt, mit dem Roman "Die Rote" hat er noch in Stuttgart begonnen.

Helmut Heißenbüttel, Redakteur des "Radio-Essay" vom 1. 1. 1959 bis Ende Juni 1981 wurde am 21. 6. 1921 geboren. Nach Kriegsteilnahme und Studium war er als Lektor im Claassen-Verlag Hamburg angestellt. Unzufrieden mit seiner Arbeit dort - und zu diesem Zeitpunkt nicht ganz ohne "Funkerfahrung"20 – nahm er das Angebot von Andersch an, Nachfolger von Enzensberger in der Stuttgarter "Radio-Essay"-Redaktion zu werden. Nach knapp einem Jahr, also seit etwa April 1958, seitdem Heißenbüttel Andersch zugearbeitet, aber auch bereits eigenständig Sendungen betreut hatte, wurde er angesichts von dessen dauernder Abwesenheit praktisch alleinzuständig für das sogenannte Spätprogramm: Er sprach zwar mit Andersch die Sendungen ab, aber der ließ ihm weitgehend freie Hand. Mit dem Amtsantritt des neuen Intendanten des SDR, Dr. Hans Bausch, am 1. 9. 1958 gab es nicht nur den bekannten Zwischenfall um den "Brief an einen jungen Katholiken" von Heinrich Böll, der schließlich nicht gesendet wurde21. Bausch und Hörtunkdirektor Peter Kehm wollten die noch unter Intendant Eberhard ausgehandelte vertragliche Konstruktion, die den Redaktionsleiter Andersch wegen seiner angegriffenen Gesundheit von der Präsenzpflicht befreite, nicht länger hinnehmen. Zum 1. 1. 1959 wurde daher Helmut Heißenbüttel zum Redaktionsleiter bestellt, Andersch blieb der Redaktion aber noch einige Zeit als Berater verbunden und weiterhin verantwortlich für das sogenannte Abendprogramm, also die Feature-Sendungen. Er war auch – bis auf das zuletzt gesendete Feature über die Amerika-Reise – nach wie vor der Ansprechpartner für Wolfgang Koeppen. Die Zuständigkeit für diese Reihe des Radio-Essay endete erst mit der Nichtverlängerung des Beratervertrages von Andersch, der am 30. 4. 1963 auslief.

Heißenbüttel sah sich in seiner Redaktionsarbeit ganz in der Tradition von Andersch. Auch er hatte wenig Interesse am klassischen – man muß wohl ergänzen: politisch-historischen bzw. soziologischen Feature, das ihm immer etwas langweilig erschien. Rückblickend führte er 1981 dazu aus: "Ich habe mich an dieses alte Konzept von Andersch gehalten und habe versucht, die Idee des Reise-Features und auch die des literarisch-soziologischen Features weiterzuverfolgen. Und dafür noch ein Punkt: Das was ich mit Hubert Fichte gemacht habe, der in Griechenland war, in den Banlieues von Paris. Wir haben mehrere solche Dinge gemacht, die dann auch wieder aufhörten "22.

Es kann nicht Aufgabe dieser einführenden Bemerkungen sein, die Leistung Heißenbüttels als Redakteur des "Radio-Essay" im einzelnen zu bewerten und zu bestimmen, inwieweit er tatsächlich in der Tradition von Andersch stand bzw. das Genre weiterentwickelte. Vielmehr sollte dieses Bestandsverzeichnis u.a. dazu beitragen, daß sich andere der kultur- und rundfunkgeschichtlichen Bewertung der Redaktion zuwenden. Was jedoch schon beim flüchtigen Durchblättern auffällt, ist das weitgefächerte Themenspektrum und das Aufdecken verschütteter kultureller Traditionslinien, die durch den Nationalsozialismus unterbrochen worden waren und teilweise erst in Folge der Studentenbewegung ins allgemeinere intellektuelle Bewußtsein gehoben wurden.

Auf Helmut Heißenbüttel gehen drei Programminnovationen der Redaktion "Radio-Essay" zurück. Drei Jahre lang experimentierte er mit der Sendeform "Dialog", die den Sendeplatz des vom "Radio-Essay" betreuten Features einnahm: "Die Idee war einerseits, historische, literarisch fixierte Dialoge für den Funk neu zu beleben, andererseits Autoren für diese Form zu gewinnen. Das eine war, würde ich sagen, relativ erfolgreich, wir haben sämtliche Dialoge von Diderot gesendet .... Die Anregung für lebende Autoren, so etwas zu schreiben, hat nicht viel gefruchtet. Und dabei bin ich wirklich viel herumgereist von einem zum anderen und habe gefragt, aber da war kein großes Interesse"23.

Die Sendereihe "Studio für Neue Literatur"' richtete Heißenbüttel ein, nachdem SDR-Programmdirektor Dr. Peter Kehm seine literarischen Essays gelesen hatte und anregte, Sendungen anzubieten, die in Analogie zu diesen Beiträgen die Hörer speziell zur neuen Literatur hinführen sollten. Das zog nach Heißenbüttels Aussage eine Konzentration der literarischen Themen in der neuen Sendereihe nach sich, in der auch Hörspiele gesendet wurden, und führte dazu, daß literarische Themen im "Radio-Essay" praktisch nicht mehr vorkamen, andererseits Raum gegeben war für klassische Essays wie die beispielsweise von Jean Améry24.

Die "Autoren-Musik", die dem musikinteressierten Heißenbüttel besonders am Herzen lag, kam 1971 so zustande: Innerhalb der sogenannten Kooperationszeit, die zwei Stunden dauerte und nicht mit einer einzigen Sendung, etwa einem Feature oder Essay gefüllt werden konnte25, wurde für den Anschluß an den Radio-Essay ein Füllsel gesucht und in der NDR-Sendung "Der Autor als Diskjockey" gefunden26. Die Widerstände in der Abteilung E-Musik gegen eine solche Verbindung von Wort und Musik waren jetzt nicht mehr unüberwindlich, so daß die Redaktion endlich eine ihren künstlerischen Maßstäben entsprechende Auseinandersetzung mit Musikproduktionen verwirklichen konnte.

Mit Heißenbüttels Pensionierung im Sommer 1981 ging nicht nur in Stuttgart eine Ära zu Ende. Der Schriftsteller als Redakteur, eine Redaktion für "Radio-Kunst", das war eine Konstruktion, die auf längere Sicht möglicherweise doch nicht mehr tragfähig schien: Interessanterweise wurde die Redaktion in der bisherigen Form aufgelöst. Der Name lebt aber als Benennung von Hörfunkfeatures und -essays bis in die Gegenwart fort.

Während Alfred Anderschs Werk häufiger in wissenschaftlichen Abhandlungen gewürdigt wurde27 – wenn auch seine Rundfunktätigkeit nicht immer angemessen und sachgerecht28 – ist Heißenbüttel als Schriftsteller weniger, seine Redakteurs- und Rundfunkarbeit bisher überhaupt nicht näher analysiert worden. Auch der Zusammenhang der Redakteurstätigkeit für den Rundfunk mit seinen literarischen Arbeiten ist kaum behandelt worden. So ist der "innere" Zusammenhang von Heißenbüttels "Brotberuf' und seiner schriftstellerischen Arbeit in dem Beitrag von Reinhold Viehoff als Vorwort zur Edition des Interviews mit ihm nicht sehr konkret gefaßt 29. Das Gespräch selbst läßt eher die äußeren Bedingungen der auch von Heißenbüttel geführten "Doppelexistenz" anklingen, weshalb es auch in diesem Verzeichnis noch einmal abgedruckt wird. Mit diesem wie mit der Bibliographie von Armin Stein zu Heißenbüttels eigenen Rundfunkarbeiten30 sind allerdings gute Voraussetzungen für eine weitergehende Beschäftigung mit Heißenbüttel geschaffen.





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1 Erstmals kritisch aufgearbeitet und in einen größeren programmgeschichtlichen Zusammenhang gestellt bei Axel Schildt, Moderne Zeiten. Freizeit, Massenmedien und Zeitgeist in der Bundesrepublik der 50er Jahre, Hamburg, 1995, S. 209 ff.

2 Zum Grundsätzlichen: Reinhold Viehoff/Edgar Lersch, "Während der Blick aus dem Fenster schweift", oder: Helmut Heißenbüttel und der Rundfunk, in: Mitteilungen Studienkreis Rundfunk und Geschichte (=Mitteilungen StKRuG), 19, 1993, S. 57-65, insbesondere S. 58-62. Ein Interview mit Heißenbüttel über seine Tätigkeit beim Süddeutschen Rundfunk, ebd. S.75-83.

3 Die Beiträge einer Tagung, die von den Historischen Kommissionen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und der ARD gemeinsam im November 1994 in Marbach am Neckar durchgeführt wurde, werden demnächst in einem Sammelband veröffentlicht.

4 Hans-Ulrich Wagner, Die künstlerischen Ausdrucksmöglichkelten des Features. NWDR-Beispiele aus den ersten Nachkriegsjahren, in: Mitteilungen StKRuG 16, 1990, S. 174-183 mit Verweis auf die Magisterarbeit des Verfassers; Anne Christiansen, Axel Eggebrecht beim Nordwestdeutschen Rundfunk 1945-1949. Der "freie Autor" und der Apparat, Magisterarbeit Universität Hamburg (als Manuskript gedruckt o.0., o. J. [1991]; Christof Schneider, „Das knatternde Ding, das offenbar so etwas wie akustischer Kinoersatz fürs traute Heim war.“ Der Rundfunkjournalist Axel Eggebrecht, in: Mitteilungen StKRuG, 18, 1992, S. 69-88.

5 Stephan Reinhardt, Alfred Andersch. Eine Biographie Zürich 1990

6 Die besonderen Frankfurter Bedingungen für ein derart gestaltetes Abendstudio werden sichtbar bei Reinhardt, Andersch, S. 157ff. Reinhardt "protokolliert" auf diesen Seiten den gesellschaftlichen Umgang von Andersch in den Jahren 1947/48. Inwieweit über die Person des Andersch verpflichtenden Intendanten Beckmann hinaus das "Klima" bei Radio Frankfurt die Voraussetzungen für die besondere Note des Programms des Abendstudios schuf, müßte noch im einzelnen geklärt werden. Die besonderen Frankfurter Bedingungen für ein derart gestaltetes Abendstudio werden sichtbar bei Reinhardt, Andersch, S. 157ff. Reinhardt "protokolliert" auf diesen Seiten den gesellschaftlichen Umgang von Andersch in den Jahren 1947/48. Inwieweit über die Person des Andersch verpflichtenden Intendanten Beckmann hinaus das "Klima" bei Radio Frankfurt die Voraussetzungen für die besondere Note des Programms des Abendstudios schuf, müßte noch im einzelnen geklärt werden.

7 Matthias Liebe, Alfred Andersch und sein Radio-Essay (Europäische Hochschulschriften, 1/1185), Frankfurt/Bern/ New York/Paris 1990, S. 36ff; siehe auch: Hessischer Rundfunk, Hörfunk-Abendstudio 1948 – 1968 (Bestandsverzeichnis Nr. 4), Redaktion: Michael Crone, o. O., o. J.(Frankfurt 1988) und Hessischer Rundfunk, Hörfunk Abendstudio Manuskripte (Bestandsverzeichnis Nr.6, Redaktion: Michael Crone, o. O., o. J. (Frankfurt 1989).

8 Konrad Dussel, Organisation und Kontrolle in der Ära Eberhard, in: Rundfunk in Stuttgart 1950-1959 (Südfunk-Hefte 21), Stuttgart 1995, S. 37ff.

9 Vgl. knapp dazu Edgar Lersch, Das Hörfunkprogramm in: Rundfunk in Stuttgart 1950-1959 (Südfunkhefte 21), Stuttgart 1995, S.173ff.

10 Es gab in den fünfziger Jahren eine gemeinsame Hörspielredaktion von Süddeutschem Rundfunk und Nordwestdeutschem Rundfunk. Siehe dazu Heinz Schwitzke, Das Hörspiel. Geschichte und Dramaturgie, Köln/ Berlin 1963, S. 294-299.

11 Siehe demnächst das Interview im Herbst 1992 von Edgar Lersch und Reinhold Viehoff mit Martin Walser geführte Interview über seine Tätigkeit im Hörfunk des SDR in: Reinhold Viehoff/Jörg Hucklenbroich (Hrsg.), Schriftsteller und Rundfunk, Opladen 1996.

12 Siehe Edgar Lersch. Das Hörfunkprogramm in: Rundfunk in Stuttgart 1950-1959 (Südfunk-Hefte 21), Stuttgart 19 95, S. 176f mit einigen weiteren Literaturhinweisen.

13 Felix Kribus, Das deutsche Hörfunkfeature: Geschichte, Inhalt und Sprache einer radiogenen Ausdrucksform, Phil.Diss. Tübingen 1994, S. 103ff, zu den spezifischen Ausdrucksmöglichkeiten des Feature siehe das Fazit S.116.

14 Reinhardt, Andersch, S. 242ff.

15 Als "Radio-Essay" wurden und werden jedoch weiterhin Features und Essays bezeichnet, die unter wechselnder redaktioneller Verantwortung innerhalb der Chefredaktion Kultur produziert werden.

16 So formuliert im "Funkkurier (Pressedienst des SDR) Nr.32/1955.

17 So etwa Marlis Gerhardt, Nahbild in blitzartiger Belichtung. Das Radio- Feature: im Zentrum die Subjektivität des Autors, in Weiterbildung und Medien, H.5/1987, S. 28-33.

18 Liebe, Alfred Andersch und sein Radio-Essay, S.74ff., wird dem Anspruch einer derartigen Analyse nicht gerecht .

19 Vgl. Interview mit Heißenbüttel, S. 16.

20 Armin Stein, Rundfunksendungen Helmut Heißenbüttels. Ein Verzeichnis, in: Rundfunk und Geschichte (früher: Mitteilungen StKRuG) 21, 1995, S. 26-65, S. 31, S.35.

21 Reinhardt, Andersch, S. 313f.

22 Vgl. das Interview (wie Anm. 19), S. 18.

23Interview mit Heißenbüttel S.18.

24 Interview mit Heißenbüttel S. 19.

25 Seit Herbst 1971 kooperierten die drei südwestdeutschen Rundfunkanstalten, Saarländischer Rundfunk, Süddeutscher Rundfunk und Südwestfunk nach dem Scheitern von Neugliederungsanstrengungen in ihren Kulturprogrammen. Am Vormittag, am Nachmittag und am Abend verantwortete im dreiwöchigen Turnus jeweils eine der Anstalten für einige Stunden das Programm. Dazwischen lagen sogenannte kooperationsfreie Zonen.

26 Interview mit Heißenbüttel S. 20.

27 Zuletzt: Irene Heidelberger Leonhard/Volker Wehdeking (Hrsg.), Alfred Andersch. Perspektiven zu Leben und Werk (Kolloquium zum achtzigsten Geburtstag des Autors in der Werner Reimers Stiftung, Bad Homburg v.d. Höhe), Opladen 1994.

28 Reinhardt charakterisiert vielfach zutreffend Anderschs eigene Rundfunkarbeiten und offenbart die Verflechtungen mit dem Literaturbetrieb: die Arbeit für das "Radio-Essay" wird eher in ihrem äußeren Ablauf beschrieben; Matthias Liebe, Alfred Andersch und sein Radio-Essay, setzt sich zwar eingehender mit Andersch eigenen Arbeiten für das Radio auseinander, seine Beschäftigung mit den Sendungen des "Radio-Essay' kommt über eine Aufzählung jedoch nicht hinaus.

29 Vgl. die eher kursorischen Bemerkungen von Viehoff, "Während der Blick aus dem Fenster schweift.:" (Anm.2).

30 Armin Stein, Rundfunksendungen Helmut Heißenbüttels (wie Anm.20).

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