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Autor: Marschik, Matthias.

Titel: Medien als Konstrukteure der Leistungsgesellschaft. Die Versportlichung der Welt.

Quelle: Medienimpulse. Beiträge zur Medienpädagogik. Heft Nr. 40, Juni 2002. http://mediamanual.at. Wien 2002.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Matthias Marschik

Medien als Konstrukteure der Leistungsgesellschaft

Die Versportlichung der Welt



Es ist ein seltsamer Widerspruch: Einerseits hört man immer wieder, ‚die Medien‘ hätten einen enormen Einfluss auf die Gesellschaft, sie seien an diesem oder jenem schuld, sie würden die Realität verzerrt darstellen oder einseitig berichten. Andererseits sind fast alle Menschen überzeugt, die Medien im Griff zu haben: Die Plakate am Straßenrand sehe man schon gar nicht mehr, man lese die Zeitung, die man lesen wolle, und den Fernseher oder das Radiogerät könne man auf- und abdrehen, wann immer man wolle. Und was die Inhalte betreffe, könne man meist sehr wohl beurteilen, was richtig und falsch sei, oder sei zumindest imstande, die Aussagen der Medien zu hinterfragen. So wird einmal den Medien, den Medienmachern und den dahinterstehenden politischen und ökonomischen Kräften eine gewaltige Bedeutung nachgesagt, einmal wird den Rezipienten und Rezipientinnen von Medien eine aktive Urteilskraft gegenüber den Medien und ihren Botschaften zugesprochen.

Wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen? Vermutlich ist die Lösung darin zu suchen, dass beide Vorstellungen irrig und unhaltbar sind. Weder besitzen die Medien den vermuteten starken direkten Einfluss auf die Einstellungen oder das Verhalten der Bevölkerung, noch können sich die ZuseherInnen, LeserInnen und HörerInnen der nahezu ununterbrochenen ‚Berieselung‘ durch mediale Botschaften entziehen oder sie kontrollieren. Zwar bringen uns die Medien eine Vielzahl von Ereignissen, die wir nicht selbst erlebt haben, bis in unsere Wohnung, sie suchen aus den tausenden Begebenheiten einige wenige aus und sie versehen diese mit positiven oder negativen Wertungen. Aber Medien überschätzen ihre unmittelbaren Möglichkeiten der Beeinflussung. Die RezipientInnen der Medienberichte dagegen überschätzen ihre Möglichkeiten der Kontrolle. Die Tatsache, den Fernseher jederzeit abschalten zu können, bedeutet noch lange nicht, sich auch den ununterbrochenen und unterschwelligen medialen Botschaften entziehen zu können. Dies soll in der Folge am Beispiel der ‚Versportlichung‘ der Gesellschaft verdeutlicht werden.



Mediale Konstruktion

Nähern wir uns jedoch vorerst der Frage an, was der Begriff der ‚Konstruktion‘ in den bzw. durch die Medien überhaupt aussagt. Wir müssen dabei die Konstruktion einer medialen Wirklichkeit von der medialen Konstruktion der Wirklichkeit unterscheiden: Die beiden Aussagen beinhalten nämlich höchst unterschiedliche Hypothesen über die ‚Wahrheit‘. Hinter dem ersten Begriff, also der Schaffung medialer Realitäten, steht die Annahme einer objektiven Realität, die durch die Medien in einer bestimmten Weise dargestellt wird: Das betrifft die Auswahl der Inhalte ebenso wie deren Bewertung, aber auch die Eigenheiten der einzelnen Medien, weil Bild, Ton oder Schrift eben immer besondere Formen der Darstellung bewirken. Der zweite Begriff, also die mediale Konstruktion, schließt den ersten zwar ein, geht aber weit darüber hinaus: Die zugrunde liegende Annahme heißt nämlich, dass die Welt generell keine objektiven Wahrheiten bietet, sondern von den Individuen aufgrund ihrer Vorerfahrungen stets anders entworfen und interpretiert wird. Medien sind daher nur bestimmte Konstrukteure unter vielen

Das dieser Vorstellung zugrunde liegende Konzept ist der Konstruktivismus. Im Gegensatz zu einem realistischen Modell, das davon ausgeht, die Welt sei so, wie sie eben ist, ist der Konstruktivismus eine individuelle Welttheorie1. Zu fragen ist also nicht, ob die Realität in den Medien richtig oder falsch abgebildet wird, sondern nur, wie sie dargestellt wird. Und obwohl der Realismus bis heute eher in den Naturwissenschaften, der Konstruktivismus eher in den Geisteswissenschaften vertreten wird, liefern doch auch Biologie und Physiologie inzwischen genügend Belege dafür, dass unser Gehirn nicht die Realität abbildet, sondern seine eigene Wirklichkeit konstruiert2. Die Leistung des Individuums besteht nicht darin, eine Übereinstimmung zwischen der Realität und dem Wissen über sie herzustellen, also die Welt korrekt zu erkennen, sondern in einer Anpassung in einem funktionalen Sinn: Die stets auf uns einströmenden Sinnesreize müssen mit den subjektiven Bildern im Kopf in Einklang gebracht werden. Die Realität wird also nicht erkannt, sondern in Prozessen der Wirklichkeitskonstruktion individuell hergestellt.

Trotz der individuellen Unterschiede verlaufen die Wahrnehmungen und die Konstruktionen von Bedeutung bei vielen Menschen sehr ähnlich – und deshalb ist ein Verstehen, ist Kommunikation zwischen Menschen überhaupt möglich. Kultur und Geschichte, Sprache und soziale Rollen sind die Grundlagen dieser Gemeinsamkeiten3. Zum gegenseitigen Verständnis zweier Individuen reicht die gemeinsame Sprache nicht aus, sondern es bedarf der durch die Sprache konstruierten kollektiven Bedeutungen. Die gemeinsame Kultur und Geschichte erzeugt in einer Gruppe von Individuen gemeinsame Handlungs- und Denkmuster und auf diese Weise bedingt nicht die Realität eine bestimmte Kultur, sondern umgekehrt: Die Gesellschaft konstruiert sich ihre von ihren meisten Mitgliedern akzeptierte Wirklichkeit.

Aus dem eben Gesagten wird deutlich, wie groß der Einfluss der Medien auf die Gesellschaft wie auf ihre einzelnen Individuen ist: Die Medien sind mehr und mehr zu „Instrumenten der Wirklichkeitskonstruktion geworden“4, je mehr sich die Erfahrungswelt der Menschen von ihrer unmittelbaren Anschauung entfernte, was ja wiederum eine wesentliche Auswirkung der Medien ist. Medien bestimmen in immer noch steigendem Maße unsere Sozialisation, unsere Gefühle und Erfahrungen, unser Wissen und unsere Kommunikation; selbst die Geschichte wird durch ihre mediale Aufbereitung verändert und die Rede von der Medienkultur ist keineswegs nur ein Schlagwort. Medien geben viele der Inhalte vor, was wir erleben, und sie beeinflussen wesentlich die Werte und Bedeutungen, also wie wir etwas erleben. Aber zugleich setzen sie durch die Art der Präsentation, also durch Schrift, Bild oder Ton, Maßstäbe bezüglich der Form des Erlebens. Ebenso macht der Konstruktivismus aber deutlich, dass es falsch wäre, nun ‚die Medien‘ für alle Vorgänge und Veränderungen (in) der Gesellschaft verantwortlich zu machen. Denn durch die Kommunikations- und Rezeptionsprozesse schreibt jeder und jede „Einzelne in jedem Moment an den sozialen Wirklichkeiten mit“5.



Der Raum des Sportes

Als Beispiel dafür, wo und wie die Medien Wirklichkeit konstruieren und wie diese Konstruktionen von den Individuen auf- und angenommen werden, soll in der Folge der Sport verwendet werden. Die Begründung dafür ist einfach zu finden: Nicht nur in Österreich wird sehr oft über die Politikverdrossenheit der Menschen berichtet, was zu einem sinkenden Interesse an politischer Berichterstattung führt. Der Bereich der Wirtschaft dagegen wird von vielen Menschen als überaus komplex und undurchschaubar erlebt. Beide Bereiche erwecken also den Eindruck, von der unmittelbaren Erfahrungswelt der Menschen relativ weit entfernt zu sein. Ganz im Gegenteil dazu werden sportliche Ereignisse stets unmittelbar erlebt, selbst wenn sie medial vermittelt sind. Denn anders als bei politischen oder ökonomischen Vorgängen entsteht der Eindruck, dass etwa im Fernseher das Ereignis selbst sichtbar ist und nicht nur über Geschehnisse berichtet wird, die ‚hinter den Kulissen‘ passieren.

Das sind die wesentlichen Qualitäten des Sportes, dass er vor Ort wie auch in den Medien spontan erlebt wird, dass die BesucherInnen von Sportereignissen wie die RezipientInnen von Mediensport stets spüren, ganz dicht am Geschehen zu sein: Der Sport wird als konkretes Geschehen erlebt, sind doch Siege und Ergebnisse stets mess- und vergleichbar. Der Sport wird als überschaubar erlebt, weil die Ereignisse stets von kurzer Dauer sind und die Ergebnisse in Siegerlisten oder Tabellen nachvollzogen werden können. Der Sport wird als nachvollziehbar erlebt, weil stets klar ist, wer die Gewinner und Verlierer sind. In einer zunehmend komplexer und undurchschaubarer erscheinenden Welt bietet der Sport klare und einsichtige Maßstäbe von gut und schlecht, von oben und unten, von Erfolg und Misserfolg. Das ist aber nur die eine Ebene des Sportes, denn zugleich konstruiert er auf einer abstrakten Ebene Geschichten und Legenden von Stärke, Eleganz und Erfolg, von Ästhetik oder Zähigkeit6. Sport reproduziert und produziert durch seine Mythen und besonders durch seine Heldenfiguren ein Wissen über die Welt, er kreiert oder verändert Wertvorstellungen und prägt oder relativiert Normensysteme.

Es verwundert daher nicht, dass das Interesse an sportlichen Ereignissen außerordentlich groß ist. Das gilt für die aktive Ausübung unterschiedlichster Sportgattungen ebenso wie für deren passiven Konsum vor Ort oder via Medien. Große Aufmerksamkeit findet der Sport aber auch seitens der Politik, was sich im sportlichen Engagement vieler PolitikerInnen ebenso zeigt wie an deren Erscheinen auf den Ehrentribünen aller bedeutenden Sportveranstaltungen. Und auch die Ökonomie schaltet sich massiv ins Sportgeschehen ein und verspricht sich davon, man denke an die Sportartikelindustrie oder die Tourismusbranche, direkte Gewinne wie auch indirekten Nutzen: Ohne Sponsoring und Werbung wäre der heutige Sport undenkbar. Einen überaus hohen Stellenwert nimmt der Sport aber auch in den Medien ein. Nicht nur, dass er einen fixen Bestandteil der Medienberichterstattung bildet, vermag der Sport wie kaum ein anderes Ressort kurzfristige Programmänderungen herbeizuführen oder die Schlagzeilen zu erobern.

Als einer der wenigen Theoretiker hat Pierre Bourdieu7 die enorme Bedeutung des Sportes in der (westlichen) Gesellschaft erkannt: Er betont nicht nur die wesentlichen Funktionen des Sportes in der Verinnerlichung sozialer Werte und Normen, sondern darüber hinaus die – nichtbewusste – Verkörperlichung von Regeln und Codes: Der Fußball dient Bourdieu als Exempel, wie in einer Gesellschaft gemeinsames Handeln im Sinne einer erfolgreichen Interpretation der Spiel-Regeln mit individuellen Interessen in Einklang zu bringen ist: Der gute Spieler ist jener, der sich den reglementierten, doch unendlich variablen Situationen des Spiels bestmöglich anpasst; der ‚Habitus‘ lässt sich so als Gespür für das – sportliche wie soziale – Spiel interpretieren.

Der wesentliche Grund für die enorme Bedeutung des Sportes in der Konstruktion von sozialen Werten und Normen liegt darin, dass es gelingt, ihn stets als ‚unabhängigen‘ und ‚neutralen‘ Raum zu definieren – und daran haben die Medien einen bedeutenden Anteil. Der erste Schritt dieser Konstruktion beruht auf der Herstellung einer Sportöffentlichkeit: Obwohl die Gemeinsamkeiten des Sportes mit den bürgerlich-modernen Idealen der Leistungsgesellschaft offensichtlich sind, wird er als Teil der Freizeit doch streng von der Sphäre der Arbeit getrennt. Doch gehört er auch nicht dem privaten Raum an wie etwa der Wochenendausflug oder das Zusammensein mit der Familie, sondern wird als Teil der öffentlichen Freizeit konstruiert. Wie Kino oder Theater ist der Sport Teil der Unterhaltung, aber im Gegensatz dazu gilt er nicht nur als Vergnügen und Zerstreuung, sondern als individuelle wie kollektive Aufgabe im Sinne einerseits der Ertüchtigung des Körpers und andererseits der Bestärkung nationaler Identität.

Trotz seiner wesentlichen öffentlichen Funktionen und seiner engen Koppelung an Politik und Ökonomie schließlich wird der Sport wider alles bessere Wissen von diesen Bereichen streng abgekoppelt und als eigenständiges Terrain eines wertfreien Sportes angesehen: „Der Sport braucht und verträgt keine Ideologie“8. Diese Zuschreibung erhielt sich das ganze 20. Jahrhundert hindurch und diente zur Schaffung eines sportlichen Freiraumes, in dem sich nationale, ökonomische, klassen- und vor allem auch geschlechtsspezifische Werte und Normen etablieren, erhalten und fortführen ließen. Dies ist die Grundlage der Sonderstellung des Sportes, dass es gelungen ist, ihn bis heute als ‚neutralen Ort‘ zu definieren, wie auch in den Medien deutlich wird: In den Zeitungen ist der Sportteil ganz am anderen Ende von Politik und Wirtschaft platziert und auch im Fernsehen bildet er eine eigene Sparte, getrennt von den Nachrichten, aber auch von der Unterhaltung und ohne Verbindung zum ‚realen Leben‘9.



‚Österreich‘ im Sport

Noch mehr als in vielen anderen Ländern wird in Österreich von Sportorganisationen wie von den Medien am Schein des ‚neutralen‘ Sportes festgehalten. Der Grund dafür liegt darin, dass die Nation Österreich ihre Identität und ihr Selbstbewusstsein vor allem über den Sport und seine sportliche Repräsentation im Ausland auf- und ausgebaut hat: So wie in der Ersten Republik der Fußballsport und der Alpine Skilauf zu den wenigen Elementen österreichischer Identität gehörten und Exportgüter des Österreich-Bildes darstellten, so wie der Sport während der nationalsozialistischen Ära eines der wenigen kulturellen Felder ‚anti-deutscher‘ Resistenz bildete10, so war er auch wesentlich am Aufbau, der Erhaltung und Stabilisierung eines nach 1945 rasch gefestigten nationalen Bewusstseins beteiligt11. Deshalb war es nötig, den Sport als ‚neutral‘ darzustellen und aus dem politischen und ökonomischen Geschehen herauszuhalten, um ihn mit Erfolg als Exempel des ‚Wiederaufbaus‘ einsetzen zu können12.

Sportliche Triumphe werden in der II. Republik immer wieder als Ersatz für die mangelnde politische und wirtschaftliche Bedeutung Österreichs verwendet. Sportlichen Erfolgen wurde Vorbildwirkung für die gesamte Nation zugeschrieben, der Sport als Idealbild präsentiert: „Die Welt müsste von Sportlern regiert werden. (…) Sport, das ist die Insel im umkämpften Leben. Sport – das ist Frieden“, schrieb etwa die ‚Sport-Schau‘ am 27. 12. 1950. Die Neutralisierung des Sportes ist kein österreichisches Phänomen: „Sports is completely free of politics“, formulierte etwa auch der Präsident des IOC, Avery Brundage, im Jahr 195613. Aber fast nirgendwo anders wird das Bild vom ‚neutralen‘ Sport so ernst genommen wie in Österreich: So erklärt die Kronenzeitung am 30. Jänner 2000, kurz vor Abschluss der Koalitionsverhandlungen zwischen ÖVP und FPÖ, einen Sieg Hermann Maiers zum langgesuchten Korrektiv zur „Politik-Verdrossenheit“. Und der Präsident des ÖOC, Leo Wallner, kommentiert die Vergabe der Olympischen Spiele 2008 trotz der dauernden Menschenrechtsverletzungen mit den Worten: „Man muss die politische von der sportlichen Ebene trennen“ (Kurier, 17. 6. 2001, 25).

Die ‚Insel der Seligen‘, das stets neutrale Land, als das sich Österreich zumindest bis vor kurzem nach innen wie nach außen präsentierte, nutzte den Sport, um seine wichtige Stellung in der Welt vorzuweisen, und die Medien haben dieses Bild ganz gezielt mitgetragen. Verändert hat sich in den vergangenen etwa 60 Jahren nur das Selbstvertrauen, mit dem die ‚Sportnation‘ Österreich vorgezeigt wurde: Hieß es zu Beginn der II. Republik noch ganz bescheiden, die Anwesenheit bei großen Sportereignissen sei das Wesentliche oder aber das ‚schöne Spiel‘ sei wichtiger als der Sieg, wurden mit der Zeit die Erfolge zunehmend wesentlicher; und Sporthelden wie Niki Lauda, Thomas Muster und Hermann Maier machen seit Jahren deutlich, dass Österreich nun, nicht nur im Sport, auch zu kämpfen gelernt hat. Doch betrachtet man den Stellenwert des Sportes in den österreichischen Medien und die überschwängliche Inszenierung aller Sportarten, in denen Österreich internationale Erfolge vorweisen kann, wird deutlich, welchen Stellenwert der Sport in diesem Land nach wie vor besitzt.



Die Werte des Sportes

Zwischen den harten Realitäten und der Unterhaltung angesiedelt, wird der Sport weder als Produkt noch als Spiegelbild des ‚richtigen Lebens‘ angesehen, sondern als ‚eigene Welt‘ inszeniert, die eminente Bedeutung besitzt, wie in der Folge gezeigt werden soll. Die Medien sind unverzichtbarer Teil dieser Konstruktionen, und zwar sowohl quantitativ wie auch qualitativ: Zum einen verbreiten Medienberichte das Wissen über das sportliche Geschehen über das ganze Land mit dem Ergebnis, dass „selbst die Sportuninteressierten seiner ununterbrochenen Anwesenheit als ‚Hintergrundgeräusch‘ der gegenwärtigen Kultur nicht entkommen können“14, und andererseits sind es vor allem die Medien, die über das konkrete Ereignis hinaus erst die speziellen Bedeutungen des Sportes konstruieren und immer wieder verstärken.

Grundsätzlich sind die vom Sport vermittelten Werte auf zwei Ebenen anzusiedeln, auf dem individuellen und dem kollektiven Terrain: Der Sport wirkt sowohl auf die Allgemeinheit wie auf das Individuum, wobei die beiden Bereiche nicht immer streng zu trennen sind, denn speziell in den sozialdemokratischen Sportvorstellungen der Zwischenkriegszeit und in den Sportkonzepten des Ständestaates wie des Nationalsozialismus war die Ertüchtigung des einzelnen Körpers auch ein notwendiger Dienst am Volk. Die physische wie psychische Gesunderhaltung und Kräftigung wurde direkt in den Dienst der Bewegung oder des Volkes gestellt15. Im gegenwärtigen ausdifferenzierten Sportsystem hingegen lassen sich die beiden Ebenen klarer trennen, zumal Einzel- und Teamsport, Vereins- und ‚Fun‘-Sport sowie Breiten- und Spitzensport unterschiedlichste Werte und Normen beinhalten.

Kommen wir zunächst zu den kollektiven Werten und Normen des Sportes, die viele gesellschaftliche Normen vorwegnehmen oder sie besonders klar und deutlich zum Ausdruck bringen. Dass Männer und Frauen aus verschiedenen Ländern im sportlichen Wettstreit gegeneinander antreten, heißt ja noch keineswegs, dass sie diese Staaten auch repräsentieren, und es bedeutet schon gar nicht, dass die BewohnerInnen dieser Länder die Siege der SportlerInnen als persönlichen Erfolg verbuchen. Genau hier setzt aber die Konstruktion des Sportes ein: Die internationalen Sportverbände gestalten den Sport nicht als Wettkämpfe von und für AthletInnen, sondern als nationale Auseinandersetzungen, und die Medien sorgen dafür, dass Europa- und Weltmeisterschaften oder besonders die Olympischen Spiele in dieser Form wahrgenommen werden. Schließlich werden ja auch primär jene Sportarten übertragen, in denen das eigene Land große Erfolge erwarten kann.

Durch diese Art der Sportberichterstattung arbeiten die Medien nicht nur der jeweiligen nationalen Politik und Industrie zu, sondern unterstützen nachhaltig die Idee der Nationalstaatlichkeit und sind imstande, Konflikte zwischen einzelnen Ländern zu steuern, zu schüren oder zu reduzieren, ohne dass die Ebene der Politik ‚ins Spiel‘ kommt. Zugleich profitiert aber natürlich auch der und die Einzelne an den stellvertretenden Siegen der SportlerInnen: Benedict Anderson weist in seinem berühmten Buch über die ‚imaginierten Gemeinschaften‘ (‚imagined communities‘)16 direkt auf den Sport hin und zeigt auf, wie sehr sich in den Entwürfen einer Nation kollektive und individuelle, objektive und subjektive Attribute ergänzen müssen. Der Sport ist daher sowohl ein ausgezeichnetes Beispiel für die Gestaltung imaginierter Gemeinschaften, sondern er greift auch in solche Gemeinschaften ein, beeinflusst oder verändert sie bestärkt oder unterläuft bestehende nationale Modelle.

Damit sind wir bei der zweiten Ebene der kollektiven Bedeutungen des Sportes: Er bietet – als Teamsport – ein hervorragendes Beispiel für die Notwendigkeit zugleich individueller wie gemeinschaftlicher Leistung, sollen sich Erfolge einstellen. Auch diese Norm lässt sich ausgezeichnet ins Alltagsleben transferieren. Die Bestleistung des und der Einzelnen zählt für sich genommen ebenso wenig wie Teamwork, vor allem aber kommt es auf das Umfeld an, denn ohne Leute, die dem Team zuarbeiten, vor allem aber ohne Führungspersönlichkeiten, die Teil der ‚Mannschaft‘ sind, aber zugleich autoritär Taktik und Vorgehensweisen festlegen, ist der Erfolg nicht erreichbar. ‚Teamfähigkeit‘ und ‚Kooperationsbereitschaft‘ werden neben individuellen und Leitungsqualitäten auch im Berufsleben immer häufiger gefordert.

Leistung ist bereits das Stichwort für die eher individuellen Werte und Herausforderungen des Sportes. Leistung im Sport kann durchaus im Sinne sportlicher Fitness oder einer Steigerung der persönlichen Leistungsfähigkeit verstanden werden. Daneben existiert freilich auch Leistung als Sieg über die Gegner, als wettkampfmäßiger Vergleich mit Anderen – und dies ist nun wieder der Sport, der gerade auch von den Medien immer wieder präsentiert wird: Mediensport bedeutet einerseits die leistungsmäßige Überbietung aller anderen, also der oder die Beste zu sein, und andererseits heißt es, bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit, der Belastbarkeit von Körper und Geist vorzustoßen. Dieses Sich Selbst und die Anderen Besiegen ist zum wichtigsten Kriterium des Sportes geworden und wird uns tagtäglich via Medien präsentiert – kein Wunder, dass Wettkampfdenken und Siegeswillen auch im Alltag wie im Berufsleben eine immer bedeutendere Rolle spielen und es auch dort darum geht, immer das Maximum zu leisten und besser zu sein als Andere.

Diese Höchstleistung ist eng verbunden mit dem Ideal der Jugendlichkeit. Das für den Sport nötige außerordentliche Leistungspotenzial kann der Mensch nur während einer kurzen Zeitspanne seines Lebens aufbringen und in der Sportberichterstattung werden uns fast ausschließlich junge Menschen auf dem Zenit ihrer physischen Kraft gezeigt. Es gibt zwar Sport für Behinderte, für SeniorInnen und den weiten Bereich des Breitensportes, aber sie finden in den Medien so gut wie nie Erwähnung. Stattdessen inszeniert der Sport Erfolg, Sieg und Leistungsfähigkeit stets in Verbindung mit Jugendlichkeit – und wer einmal die Dreißig überschritten hat, ist bestenfalls noch ein alternder Star, der den Zenit des Könnens schon überschritten hat.

Die Anstrengungen des Sportes darf man zwar im Wettkampf selbst erkennen, aber im Grunde wird immer wieder vermittelt, dass trotz aller Qualen des Wettkampfes und Trainings der Sport vor allem ‚Fun‘ und Spaß bedeutet. Das ist eine Entwicklung, die aus den Trendsportarten kommt, inzwischen aber längst Eingang in die etablierten Sportarten gefunden hat: Ganz gezielt zeigen uns die Medien unter Ausblendung aller Probleme junge und lachende SiegerInnen (die anderen sieht man ja kaum), die trotz aller Anstrengungen vor allem Spaß an der Sache haben, die Strapazen und die Schinderei des Sportes locker verkraften. Und daran, so lautet die Übertragung auf den Alltag, sollen sich auch NichtsportlerInnen ein Beispiel nehmen: Sie sollen die Überlastung in der Arbeit genauso wie die Probleme in Partnerschaft und Familie mit einem Lächeln wegstecken und immer ‚gut drauf‘ sein, wie es die SpitzenathletInnen, schenkt man den Medien Glauben, vorleben.



Geschlecht und Männlichkeit

Kollektive und individuelle Identitäten, so haben wir gesehen, werden gerade auch durch den Sport herausgebildet, verfestigt oder verändert und die Medien haben an diesen Konstruktionen nicht nur mitgewirkt, sondern sie maßgeblich geformt. Einen wesentlichen Aspekt haben wir dabei jedoch bis jetzt ausgelassen, das ist jener der Geschlechteridentität: Im Sport wird vehement eine Unterschiedlichkeit der Geschlechter konstruiert, die allen Versuchen, durch Quotenregelungen, Gleichbehandlungsgesetze oder ‚Gender Mainstreaming‘ eine allmähliche Gleichstellung von Frauen im Berufsleben und in der Familie, aber auch im alltäglichen Sprachgebrauch und in den – nach wie vor oft sexistischen – Darstellungen von Frauen zu erreichen, zuwiderläuft. „Wer das Wunderteam, wer Toni Sailer, Jochen Rindt und Karl Schranz versteht, der versteht auch Österreich“, schreiben Johann Skocek und Wolfgang Weisgram17, und es ist nicht zufällig, dass diese Liste durchwegs männliche Helden und Repräsentanten beinhaltet. Denn der Sport, und besonders der Fußballsport, der bis heute eines der letzten Refugien scheinbar ungebremster Maskulinität darstellt, bildete und bildet männliche Identität(en) aus, deren Wirkung und Bedeutung das Terrain des Sportes weit übersteigt. Der Sport sei in den 1990er Jahren mehr denn je eine Arena für eine sexistische Männerkultur, schreibt der britische Soziologe Steve Redhead18. Dennoch darf der Sport nicht als Terrain gesehen werden, von dem Frauen in früheren Jahren durch Männer ausgeschlossen wurden und nunmehr an der Sportausübung gehindert werden. Auch wenn Frauen an der Konstruktion sportlicher Männlichkeit und männlicher Sport-Werte kaum beteiligt waren, lässt sich das ‚doing gender‘, also die Herstellung und dauernde Bestärkung von Geschlechtidentität, nicht als simple Machtausübung einer gesellschaftlichen Gruppe, in diesem Falle der Männer, definieren und verstehen. In (West-)Europa sind aktuell etwa 30 – 40 Prozent aller SportlerInnen weiblich und dies macht doch deutlich, dass Sport auch etlichen „Bedürfnissen von Frauen zu entsprechen“ scheint und Frauen „positive Erfahrungen“ ermöglicht19.

Das Thema ‚Frauen und Sport‘ ist überaus vielfältig: Einerseits ist der Sport geschichtlich gesehen ein männlicher Ort, zu dem sich Frauen zunehmend Zutritt verschaffen; andererseits sind Frauen an der Männlichkeit des Sportes nicht unbeteiligt, haben sie doch diese Entwicklung mitgetragen und sich oft in den Nischen des ‚typischen‘ Frauensportes eingerichtet. Daran hat sich bis heute wenig geändert, dass sich einige wenige ‚Rebellinnen‘ in so genannten Männersportarten versuchen, dafür aber die maskulinen Voraussetzungen dieser Sportzweige übernehmen (müssen), dass sich viele andere SportlerInnen in Frauensportarten verwirklichen wollen und dafür mit einer Missachtung durch das Publikum und die Medien rechnen müssen. Und damit sind wir beim entscheidenden Punkt, nämlich bei der medialen Sichtweise und gesellschaftlichen Konstruktion sporttreibender Frauen.

Ein erster wesentlicher Punkt betrifft die Rückbindung der Frauen an ihre ‚Natur‘. Während feministische Konzepte vehement daran arbeiten, die Konstruktion einer ‚natürlichen‘ Veranlagung der Frau aufzulösen und auch im Berufs- und Alltagsleben versucht wird, eine Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen, die Frauen und Männern zwar vielleicht unterschiedliche ‚Mentalitäten‘ zusprechen, aber eine biologisch begründbare Differenz abstreiten, stützt der Sport die Vorstellung eines ‚natürlichen‘ Ungleichgewichtes, das stets zu Ungunsten der Frau ausfallen muss. Wenn aber von ‚naturgegebenen‘ polaren Geschlechtseigenschaften und -charakteren gesprochen wird, dann ist vor allem der Sport, der die biologistische Trennung nicht nur fortführt, sondern auch die Zuschreibungen von aktiver und rationaler Männlichkeit sowie passiver und emotionaler Weiblichkeit scheinbar immer wieder bestätigt und anhand seines Leistungs- und Konkurrenzprinzips auch die ‚Minderwertigkeit‘ der Frau belegt20.

Das beginnt bei der peniblen Zweiteilung des Sportgeschehens, wie sie ‚notfalls‘ sogar durch Chromosomentests aufrechterhalten wird und eine Organisation der sportlichen Aktivitäten zur Folge hat, die – mit wenigen Ausnahmen – streng nach Geschlechtern getrennt abläuft: Erstens ist der soziale Raum des Sportes durch gender-Ungleichheiten geprägt; zweitens verfügen Männer über ein größeres, flexibleres Zeitbudget; drittens sind Sporteinrichtungen, Vereine, Verbände, aber auch Stadionverwaltungen, Sportämter oder (Sport-)Schulen formal wie informell von Männern bestimmt; und viertens bestärkt der Sport in seinen Normen und Werten Vorurteile von Männlichkeit und Weiblichkeit21. Argumentiert wird dies mit der geringeren körperlichen Leistungsfähigkeit der Frau, auch wenn etwa Marielouise Janssen-Jurreit schon in der 1970er Jahren deutlich machte, dass sich die messbaren Leistungsdifferenzen zwischen Männern und Frauen minimieren, je länger Frauen eine bestimmte Sportart ausüben22. Dennoch werden in den ‚typischen‘ Männersportarten – vom Boxen über das Softball bis zum Eishockey – entschärfte Varianten für Frauen geschaffen, die dann freilich deutlich machen, dass es sich dabei nicht um den ‚richtigen‘ Sport handle23. Die Medien greifen die angeblich schwächeren sportlichen Leistungen von Frauen gerne auf: Sie führen sie keineswegs auf eine geringere Zahl sportlich aktiver Frauen oder auf eine weit kürzere Sportpraxis zurück, sondern konstruieren eine biologische Ungleichheit; das Soziale wird gewissermaßen biologisiert und das „führt dazu, dass in die Körper bestimmte Eigenheiten eingepflanzt und der Geschlechterdifferenz eine materielle und ‚gelebte‘ körperliche Realität verliehen wird“24.

Die gerade auch in den Medien stets wiederholte Konstruktion ist einleuchtend: Ausgehend von der Tatsache, dass Frauen im Sport schlechtere Leistungen als Männer erbringen, wird einerseits die Behauptung aufgestellt, diese Differenz sei biologisch und andererseits argumentiert, die körperlichen Unterschiede hätten auch eine Ungleichheit in der Mentalität zur Folge. Auf der Basis der geringeren Leistungsfähigkeit kann so die generelle und naturgegebene Unterlegenheit von Frauen belegt werden: Das ist eine Argumentationslinie, die nirgends so gut funktioniert wie gerade im Sport. Und deshalb betonen die Medien auch immer wieder die Leistungsdifferenz (ich erinnere mich etwa an einen Skikommentator, der im Laufe einer Übertragung mindestens zehnmal betonte, dass beim gemeinsamen Training des kroatischen Geschwisterpaars Janica und Ivica Kostelic die Slalomspezialistin jedesmal um drei Sekunden langsamer gewesen war als ihr Bruder).

Die Konsequenz dieser Argumentation ist eine „Hegemonie der Normalität“: Die Männer und ihre Körper dienen als normativer Standard, während Frauen und ihre Körper stets als abweichend oder ‚noch nicht‘ der Norm entsprechend – und damit als ‚unterlegen‘ – definiert werden. Der Mann wird – nicht nur – im Sport zum Maßstab stilisiert, er gibt vor, was die vorherrschenden und abweichenden Diskurse von Körpern, von Normen und Werten sind25. Und damit, so schlussfolgert der Sportwissenschaftler Ellis Cashmore, wird der Sport zum „sexistischen“ Terrain: Der Sport erzeugt immer wieder den Eindruck einer überlegenen Männlichkeit, indem er Frauen scheinbar nachweist, dass sie „physisch und intellektuell weniger leistungsfähig sind als Männer, dass es ihre ‚natürliche‘ Eigenheit ist, passiv zu sein, und dass ihre Beziehung zu Männern von Abhängigkeit geprägt ist“26.

Die angeblichen physischen und psychischen Nachteile der Frau münden in einer Männlichkeit der Sportkultur: Wenn daher Norbert Elias27 den Sport als zivilisatorische Leistung, als Kunstwerk und als Paradigma einer hoch entwickelten Kultur definiert, meint er damit letztlich die männliche Kultur des Sportes und bestärkt den hierarchischen Gegensatz, nach dem der Mann ‚Kultur‘ und Öffentlichkeit prägt28. ‚Richtiger‘ Sport wird stets mit Härte und Gefahr, Höchstleistung und größtmöglichem Einsatz in Verbindung gebracht und diese kulturelle Konstruktion erzeugt ‚typische‘ Frauen- und Männersportarten.

Frauen sind im Sport zu zwei Entscheidungen gezwungen, die derzeit stets zu ihrem Nachteil ausfallen. Zum einen geht es um die Organisationsfrage: Sportlerinnen können sich entweder in bestehende männlich geprägte Strukturen einpassen, wo sie aber fast immer benachteiligt werden, oder eigene Strukturen schaffen, wobei sie fast nie ernstgenommen werden. Zum anderen geht es um die Sportpraxis: Einerseits können sich Frauen den für sie ‚typischen‘ Sportarten zuwenden und sich durch diese „ästhetische Körper-Stilisierung“ freiwillig „an das untere Ende der gesellschaftlichen Machthierarchie“29 stellen. Die Sportlichkeit und Muskulosität dieses Frauenkörpers, der in sportlichen Aktivitäten oder im FitnessCenter geformt wird, wird dann oft nicht als Sport, sondern als ‚Arbeit an Problemzonen‘ interpretiert. Andererseits können sie sich im ‚typischen‘ Männersport betätigen, doch geraten sie dabei „in den Verdacht, keine ‚richtigen‘ Frauen zu sein“30: Sichtbare und ausgelebte Körperkraft wird zwar bei SpitzensportlerInnen akzeptiert, im Alltag wird sie aber negativ beurteilt und als ‚Vermännlichung‘ abgewertet31, auch von anderen Frauen: So meint die Parade-Sportlerin Steffi Graf: „Mir persönlich tut’s im Auge weh, wenn ein Mann bügelt und die Frau Fußball spielt“32.

Sporttreibende Frauen sind – so unverständlich es klingt – in unserer Gesellschaft noch immer nicht selbstredend akzeptiert und das wird deutlich, wenn man den Status von Sportlerinnen mit jenem von Sportlern vergleicht – und dies gilt auf allen Ebenen. Eine Spitzensportlerin ist auf die Akzeptanz ihres Mannes angewiesen, während es im umgekehrten Fall heißt, eine Frau, die einen Profisportler zum Partner hat, hätte ja gewusst, worauf sie sich einließ; dass ein hobbymäßig sporttreibender Mann einen Gutteil seiner Freizeit diesem Vergnügen widmet, wird ‚natürlich‘ anerkannt, wenn eine Frau das Gleiche tut, ist sie zumeist mit der Frage konfrontiert, wer inzwischen kocht und die Kinder versorgt; und selbst beim passiven Sportkonsum lässt sich sagen, dass etwa der Fußballplatzbesuch eines Mannes selbstverständlich ist, während sich dagegen eine Frau dafür rechtfertigen muss. Aktive Sportausübung und passiver Sportkonsum sind Bestandteile männlicher Identität, Frauen hingegen geraten in eine double bind-Situation: „Man erwartet von ihnen, dass sie das Prinzip der Kontinuität und Identität mit dem anderen (dem Männlichen) übernehmen, dem sie übrigens nicht entsprechen, aber gleichzeitig verbietet man es ihnen, und zwar aus demselben Grund“33. Prekär ist diese Situation vor allem, weil sich gesellschaftliche Forderungen an die Frau und ihre sportliche Aktivität nur schwer vereinen lassen: „Frauen dürfen Leistung erbringen, müssen aber gleichzeitig anmutig beiben; sie dürfen sich durchsetzen, aber nicht zuviel“34. Fragen wir nun abschließend, welche Bedeutung den Medien bei der Konstruktion dieser Geschlechterdifferenz im Sport zukommt, so ist generell zu sagen, dass die Medien diese Inszenierung von Frauen, die anderen gesellschaftlichen Feldern vielfach zuwiderläuft, vielfach verstärken, sie aber auch mit konzipieren. Das beginnt schon bei der Quantität der Sportberichte: Der ‚typische‘ Frauensport (man denke nur an Rhythmische Sportgymnastik oder den Eiskunstlauf) findet dabei ebenso viel zu geringe Beachtung wie der von Frauen betriebene ‚typische‘ Männersport: Frauensport nimmt in TV und Radio wie in den Printmedien höchstens zehn Prozent der Sportberichterstattung ein. So lässt sich etwa sagen: „Früher wurde Frauenfußball abgelehnt, heute nimmt man davon nicht einmal mehr Notiz“35. Die österreichischen Frauenfußballerinnen kämpfen etwa seit Jahren vergeblich darum, in den überregionalen Tageszeitungen oder im Teletext auch nur erwähnt zu werden.

Die Überbetonung der Differenz setzt sich in der Qualität der Medienberichterstattung fort: Ereignisse aus dem Frauensport werden an schlechte Sendeplätze verlegt (so müssen etwa die Frauen des achtmaligen Europacupsiegers im Handball, Hypo Südstadt, ihre Heimspiele am Sonntag zeitig in der Früh austragen, weil das laut ORF die einzige Chance ist, überhaupt live übertragen zu werden) oder sind, wie das häufig bei den Damenskirennen zu beobachten ist, nur ‚Pausenfüller‘ für die Rennen der Männer. Beim Frauensport ist aber auch der technische Aufwand für TV-Übertragungen geringer, die Vor- und Nachberichterstattung ist kürzer und vor allem kommentieren Männer ständig den Frauen-, Frauen aber nie den Männersport (so wurde der Skirennläufer Thomas Sykora nach seinem Karriereende als Ko-Kommentator für die Damenrennen verpflichtet, die bis dahin mitkommentierende Ex-Rennläuferin Ingrid Salvenmoser kurzerhand ausgebootet). Während der Männersport mittels Bild, Ton und Rahmenberichterstattung dramatisiert wird, wird Frauensport oft trivialisiert36.

Neben die direkte quantitative und qualitative Ungleichgewichtung treten oft auch indirekte Abwertungen. Eine „ambivalente Darstellung der Sportlerinnen ist gleichsam das Grundmuster der Frauensportberichterstattung“. Leistungen und Erfolge werden zwar anerkannt, doch werden – im Gegensatz zum Männersport – noch immer zahlreiche Angaben zum Aussehen und zu den sozialen Beziehungen der Sportlerinnen mitgeliefert. Die Sportlerin muss noch immer „ganz Frau“ sein37. Die äußere Beschreibung spielt bei Sportlerinnen ebenso wie ihre Einbettung in einen traditionellen Familienrahmen noch immer eine große Rolle, auch wenn vermehrt männlich konnotierte Eigenschaften wie Willensstärke oder Ehrgeiz gefordert werden. Der dabei verwendete joviale Ton, die implizite Abwertung, ist zwar spür-, aber ‚objektiv‘ nicht belegbar. Doch das Ergebnis ist oft eine „karikierte Weiblichkeit“38, die sich keineswegs nur im Sport auswirkt: Medien konstruieren Wirklichkeit. Und indem die Sportberichterstattung einen wesentlichen Teil der Medieninhalte ausmacht, sind es vor allem die Medien, die das Bild einer im Sport nach wie vor marginalisierten und ‚von Natur aus‘ minderwertigen Frau in die Öffentlichkeit tragen.

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1Watzlawick, Paul (Hg.): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus. Piper 1988 (5. Aufl.).

2Lenke, Nils, Lutz, Hans-Dieter & Sprenger, Michael: Grundlagen sprachlicher Kommunikation. Mensch, Welt, Handeln, Sprache, Computer. München 1995: 91.

3Foerster, Heinz von: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke. Frankfurt/M. 1993.

4Schmidt, Siegfried J.: Die Wirklichkeit des Beobachters. In: Klaus Merten, Siegfried J. Schmidt & Siegfried Weischenberg (Hg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Opladen 1994: 3 – 19, hier 14.

5Meckel, Miriam: Gibt es eigentlich die Wirklichkeit noch? Einige Thesen zu den Fakten und Fiktionen medialer Entgrenzung. In: Achim Baum & Siegfried J. Schmidt (Hg.): Fakten und Fiktionen. Über den Umgang mit Medienwirklichkeiten. Konstanz 2002: 31 – 35, hier 35.

6Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Frankfurt/M. 1964; Gebauer, Gunter & Wulf, Christoph: Spiel – Ritual – Geste. Mimetisches Handeln in der sozialen Welt. Reinbek b. H. 1998.

7Vgl. etwa: Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt/M. 1987; ders.: Other Words. Essays Towards a Reflexive Sociology. Oxford 1990; ders.: Physischer, sozialer und angeeigneter Raum. In: Wentz, Martin (Hg.): Stadt-Räume II. Frankfurt & New York 1991: 25 – 34.

8Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Frankfurt/M. 1987: 336.

9Bausenwein, Christoph: Geheimnis Fußball. Auf den Spuren eines Phänomens. Göttingen 1995: 421.

10Marschik, Matthias: Vom Nutzen der Unterhaltung. Der Wiener Fußball in der NS-Zeit: Zwischen Vereinnahmung und Resistenz. Wien 1998.

11Marschik, Matthias: Österreich und Europa – Österreich im Sport. Anmerkungen zum Beitrag des Sports zur nationalen Identität. In: Medienimpulse. Beiträge zur Medienpädagogik 24/1998: 19 – 26; ders.: Vom Idealismus zur Identität. Der Beitrag des Sportes zum Nationsbewusstsein Österreichs (1945 – 1950). Wien 1999.

12Breuss, Susanne, Liebhart, Karin & Pribersky, Andreas: Inszenierungen. Stichwörter zu Österreich. Wien 1995: 268.

13Cashmore, Ellis: Making Sense of Sports. London & New York 1990: 236.

14Blake, Andrew: The Body Language. The Meaning of Modern Sport. London 1996: 11 f.

15Vgl. etwa Norden, Gilbert: Breitensport und Spitzensport vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. In: Ernst Bruckmüller & Hannes Strohmeyer (Hg.): Turnen und Sport in der Geschichte Österreichs. Wien 1998: 56 – 85; Pfister, Gertrud: Biologie als Schicksal. Zur Frauen-, Gesundheits- und Sportpolitik im Nationalsozialismus. In: Sabine Kröner & Gertrud Pfister (Hg.): Frauen-Räume. Körper und Identität im Sport. Pfaffenweiler 1992: 41 – 60.

16Anderson, Benedict: Imagined Communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism. London 1983.

17Skocek, Johann & Weisgram, Wolfgang: Wunderteam Österreich. Scheiberln, wedeln, glücklich sein. Wien, München & Zürich 1996: 22 f.

18Redhead, Steve: Post-Fandom and the Millenial Blues. The Transformation of Soccer Culture. London & New York 1997: 99 f.

19Pfister, Gertrud: Sport im Lebenszusammenhang von Frauen. Ausgewählte Themen. Schorndorf 1999: 19.

20Pfister, Gertrud: Die Anfänge des Frauenturnens und Frauensports in Österreich. In: Ernst Bruckmüller & Hannes Strohmeyer (Hg.): Turnen und Sport in der Geschichte Österreichs. Wien 1998: 86 – 104, hier 86.

21Horne, John/Tomlinson, Alan & Whannel, Gary: Understanding Sport. An Introduction to the Sociological and Cultural Analysis of Sport. London & New York 1999: 115.

22Janssen-Jurreit, Marielouise: Sexismus. Über die Abtreibung der Frauenfrage. Frankfurt/M. 1979: 446 f.

23Theberge, Nancy: Feminist transformation in sport: a consideration of social change, progress and promise in the 1990’s. In: DeNardis, Paolo/Mussino, Antonio/Porro, Nicola (Hg.): Sport: Social Problems. Social Movements. Roma 1997: 98 – 103, hier 102.

24Nye, Robert: Die Transmission des Männlichen. In: Österr. Zschr. für Geschichtswissenschaften 11, Heft 3/2000: 29 – 44, hier 29 f.

25Vertinsky, Patricia: Gender Relations, Physical Education and Sport History: Is It Time for a Collaborative Research Agenda? In: Ilse Trangbaek & Arnd Krüger (Hg.): Gender, Sport from European Perspectives. Copenhagen 1999: 13 – 28, hier 23.

26Cashmore, Ellis: Making Sense of Sports. London & New York 1990: 120 f.

27Elias, Norbert: Der Fußballsport im Prozess der Zivilisation. In: Rolf Lindner (Hg.): Der Satz „Der Ball ist rund“ hat eine gewisse philosophische Tiefe. Sport, Kultur, Zivilisation. Berlin 1983: 12 – 21; Elias, Norbert/Dunning, Eric: Quest for Excitement. Sport and Leisure in the Civilizing Process. Oxford 1986.

28Lutter, Christina: Feministische Forschung, Gender Studies und Cultural Studies – Eine Annäherung. In: Eva Waniek & Silvia Stoller (Hg.): Verhandlungen des Geschlechts. Zur Konstruktivismusdebatte in der Gendertheorie. Wien 2001: 21 – 32, hier 25.

29Rose, Lotte: Körper ohne Raum. In: Feministische Studien 1, Heft 1/1992, 113 – 120, hier 118.

30Pfister, Gertrud: Sport im Lebenszusammenhang von Frauen. Ausgewählte Themen. Schorndorf 1999: 157.

31Kugelmann, Claudia: Starke Mädchen – schöne Frauen? Weiblichkeitszwang und Sport im Alltag. Butzbach-Griedel 1996: 75.

32Wiener Sport am Montag 28. 5. 2001: 4.

33Ivekovic, Rada: Geschlechterdifferenz und nationale Differenz. In: Chantal Mouffe & Jürgen Trinks (Hg.): Feministische Perspektiven. Wien 2001: 140 – 158, hier 142.

34Palzkill, Birgit: Zwischen Turnschuh und Stöckelschuh. Die Entwicklung lesbischer Identität im Sport. Bielefeld 1990: 38.

35Fechtig, Beate: Frauen und Fußball. Interviews, Portraits, Reportagen. Dortmund 1995: 49.

36Birrell, Susan/Theberge, Nancy: Ideological Control of Women in Sport. In: Dies. (Hg.): Women, Sport and Culture. Champaign IL 1994: 341 – 359, hier 348.

37Kolb, Monika: Das Bild der Frau in der Sportberichterstattung österreichischer Tageszeitungen. Wien [Dipl.] 1994: 104.

38Kane, Mary Jo/Greendorfer, Susan L. (1994): The Media’s Role in Accomodating and Resisting Stereotyped Images of Women in Sport. In: Pamela J. Creedon (Hg.): Women, Media and Sport. Challenging Gender Values. Thousand Oaks, London & New Delhi 1994, 28 – 44, hier 36.

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