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Autor: Meyen, Michael.

Titel: Massenmedien.

Quelle: Jürgen Hüther/ Bernd Schorb (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. 4., vollständig neu konzipierte Auflage. München 2005. S. 228-233.

Verlag: kopaed verlagsgmbh.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



Michael Meyen

Massenmedien

1. Begriffe

Beide Teile des Wortes „Massenmedium" sind irreführend. Daran ändert sich nichts, wenn der Begriff durch „Massenkommunikationsmittel" ersetzt wird. Die Bezeichnung Massenkommunikation wurde in den 1960er Jahren aus dem Amerikanischen übernommen (mass communication). Im europäischen Sprachraum ist der Wortbestandteil „Masse" negativ belegt. „Masse" stand für die Unterschichten, für die (angebliche) Persönlichkeitsverarmung in den anonymisierten und individualisierten Gesellschaften der Moderne und für unkontrollierbare, psychopathische Verhaltensweisen großer Menschenansammlungen. Der Begriff „Massenmedium" enthält keine solche kulturpessimistische Ladung. Gemeint ist zunächst nur, dass Aussagen an eine Vielzahl von Menschen gerichtet werden, an ein Publikum. Dieses Publikum ist nicht überschaubar (die Aussage kann nicht von Angesicht zu Angesicht übermittelt werden), heterogen (die Menschen bekleiden eine Vielzahl sozialer Positionen) und anonym (der Kommunikator kennt nicht jedes einzelne Mitglied). Gerhard Maletzke (1963) hat dafür den Begriff „disperses Publikum" geprägt. Darunter sind Personen oder Kleingruppen zu verstehen, deren einzige Gemeinsamkeit darin besteht, sich einem bestimmten Gegenstand zuzuwenden, den Aussagen der Massenmedien. Dies geschieht an verschiedenen Orten und bei manchen Massenmedien (etwa bei der >Presse) auch zu unterschiedlichen Zeiten.

Das Wort „Medium" kann zunächst ganz einfach als „Mittel" verstanden werden, hier als Kommunikationsmittel. Wenn Kommunikation als „verbales und/oder nonverbales Miteinander-in-Beziehung-Treten von Menschen zum Austausch von Informationen" definiert wird (Pürer 2003, S. 60), als ein Vorgang, der auf Verständigung und auf die Vermittlung von Bedeutungen zielt, und zu dem mindestens die vier Elemente Sender (Kommunikator), Inhalt (Aussage, Botschaft), Kanal (Medium) und Empfänger gehören, wird die Problematik des Begriffs „Massenmedium" deutlich. Dieser Begriff suggeriert, dass der Empfänger einer über Massenmedien verbreiteten Aussage mit dem Produzenten kommunizieren kann. Genau dies ist aber nicht (oder nur sehr eingeschränkt) möglich. Natürlich haben Leser, Hörer oder Zuschauer die Möglichkeit, sich an die Zeitung oder den Sender zu wenden, der für die zwischenmenschliche Kommunikation typische Rollentausch zwischen den Kommunikationspartnern fehlt aber weitgehend. Massenkommunikation ist vor allem Übertragung von Mitteilungen und nicht Austausch.

Die in der Kommunikationswissenschaft am weitesten verbreitete Definition von Massenkommunikation stammt von Gerhard Maletzke (1963). Maletzke unterschied zunächst verschiedene Arten von Kommunikation: direkte und indirekte Kommunikation (einmal sind die Partner anwesend, einmal nicht), wechselseitige und einseitige Kommunikation (mit Rollentausch und ohne) sowie private und öffentliche Kommunikation. Die Kommunikation über Telefon etwa ist indirekt, wechselseitig und privat, die zwischen Lehrer und Schüler im Klassenzimmer direkt, (meist) wechselseitig und (mehr oder weniger) öffentlich. Massenkommunikation ist nach Maletzke eine Form öffentlicher, indirekter und einseitiger Kommunikation, die sich technischer Verbreitungsmittel bedient und sich an ein disperses Publikum wendet (Maletzke 1963, S. 32). Diese „technischen Verbreitungsmittel" sind das, was bis in die jüngste Vergangenheit unter „Massenmedien" verstanden worden ist: Tageszeitungen und Zeitschriften, Hörfunk, Fernsehen und Kino, Schallplatten, Video- und Audiokassetten, Bücher, Flugblätter und Plakate, CDs. Allerdings sucht man in der Kommunikationswissenschaft vergeblich nach einem einheitlichen Medienbegriff. Hier soll wenigstens darauf hingewiesen werden, dass der Begriff „Massenmedien" neben den „technischen Verbreitungsmitteln" immer auch die hinter diesen Mitteln stehenden Institutionen und Organisationen meint, den sozialen Prozess Massenkommunikation. Ein Versuch, die mediale Vielfalt zu differenzieren, stammt von Harry Pross, der primäre, sekundäre und tertiäre Medien unterschieden hat (Pürer 2003, S. 63f.). Als „primäre Medien" bezeichnete Pross die Medien des „menschlichen Elementarkontakts": Sprache, Mimik, Gestik, Körperhaltung usw. Weder Sender noch Empfänger benötigen ein Gerät. „Sekundäre Medien" erfordern nur auf der Seite der Produzenten technische Geräte, aber nicht beim Empfänger (Rauchzeichen, Flaggensignale, Schrift und Druckmedien). „Tertiäre Medien" sind folgerichtig diejenigen, die auf beiden Seiten des Kommunikationsprozesses technische Mittel erfordern (Telekommunikation elektronische Massenmedien einschließlich Personalcomputer).

Diese Differenzierung von Pross überzeugt auch deshalb, weil er sich auf die computer vermittelte Kommunikation übertragen lässt. Der Erfurter Kommunikationswissenschaftle Joachim R. Höflich hat den >Computer als ein „Hybridmedium" bezeichnet, das Indi-i vidual-, Gruppen- und Massenkommunikation integriere und zudem noch Merkmale aufs weise, die bei keiner der anderen Kommunikationsformen zu finden seien (vgl. Püree: 2003, S. 90f.). Höflich hat drei unterschiedliche Mediensituationen beschrieben (so genannte Computerrahmen):

  1. Distributionsrahmen: der Computer als Informations- und Abrufmedium. Wie bei den klassischen Massenmedien können Nachrichten, Daten und Dienstleistungen ausgewählt und abgerufen werden.

  2. Rahmen öffentlicher Foren und Diskurse: der Computer als Diskussionsmedium. In Newsgroups oder Chat-Foren wird die Einseitigkeit massenmedialer Kommunikation aufgehoben. Der Sender wird zum Empfänger und umgekehrt.

  3. Rahmen technisch vermittelter interpersonaler Kommunikation: der Computer als Beziehungsmedium. Über E-Mail oder Online-Chats können zwei oder mehr Nutzer zeitgleich oder zeitversetzt kommunizieren.

Im „Medium Computer" sind nicht nur diese drei Medienrahmen zugänglich, sondern der Nutzer kann problemlos zwischen den verschiedenen Rahmen und damit zwischen Massen-, Gruppen- und Individualkommunikation wechseln.

2. Funktionen der Massenmedien für die Gesellschaft

Der Begriff „Funktion" kommt aus der Systemtheorie und bezeichnet die Folgen eines sozialen Elements (etwa einer Handlung), die die Anpassung eines Systems an seine Umwelt fördern. Wenn über „Funktionen der Massenmedien" gesprochen wird, geht es deshalb in der Regel um Leistungen (oder Nicht-Leistungen) des Systems Massenkommunikation für die Gesamtgesellschaft oder für bestimmte Teilsysteme, um politische, ökonomische und soziale Funktionen und damit sehr schnell um Forderungen an die Massenmedien.

Zu den politischen Funktionen der Massenmedien gehört neben der Kritik- und Kontrollfunktion und der politischen Bildung vor allem das Herstellen von Öffentlichkeit. Jürgen Gerhards und Friedhelm Neidhardt (1990) haben Öffentlichkeit als „Diskussionssystem" beschrieben, an dem prinzipiell alle Mitglieder der Gesellschaft teilnehmen können (in der Regel natürlich als Publikum), als ein System, in dem Informationen, Meinungen und Interessen aufgenommen, verarbeitet und artikuliert werden - ein System, in dem zwischen Bürgern und politischem System vermittelt wird und in dem nicht nur die Themen und Probleme ausgehandelt werden, mit denen sich die Herrschaftsträger beschäftigen müssen, sondern auch die Richtung, in der dies zu geschehen hat. Gerhards und Neidhardt unterscheiden dabei zwischen drei Öffentlichkeitsebenen: „kleine Öffentlichkeiten" (Gespräche im Bus, in der Bahn, am Arbeitsplatz), Veranstaltungsöffentlichkeit und Massenmedienkommunikation, wobei sie die dritte Ebene in komplexen Gesellschaften als die einzige Möglichkeit sehen, Öffentlichkeit herzustellen, da diese die Teilnahme aller voraussetze (wenigstens eine allgemeine Wahrnehmung).

Als zentrale Leistung der Massenmedien wird daneben ihre Sozialisationsfunktion gesehen. Massenmedien vermitteln Werte, Normen und Muster für soziale Rollen, sie prägen kulturelle Leitbilder und tragen damit zum sozialen Wandel bei. Eng verbunden mit der Sozialisationsfunktion sind die Orientierungs- und die Integrationsfunktion. Massenmedien ermöglichen das Zurechtfinden in einer komplexen Umwelt und vermitteln zugleich das Gefühl, zu einer bestimmten Gruppe, einer bestimmten Gemeinschaft dazuzugehören. (>Sozialisation)

3. Funktionen der Massenmedien für die einzelnen Nutzer

In diesem Abschnitt soll gefragt werden, inwiefern das „soziale Element" Mediennutzung die Anpassung des „Systems Mensch" an seine Umwelt fördert. Alltag in modernen Gesellschaften ist in erster Linie Medienalltag. Der Durchschnittsdeutsche verbringt jeden Tag über acht Stunden mit den Angeboten der Massenmedien und damit mehr Zeit als mit Schlafen oder Arbeiten. Welche Bedürfnisse befriedigen Presse, Funk und Online-Angebote?

Der Uses-and-Gratifications-Ansatz geht von einem aktiven Publikum aus, das Massenmedien nutzt, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Bei aller Kritik an diesem Ansatz (vgt. Meyen 2001, S. 11-23) scheinen drei Grundannahmen nicht zu erschüttern. Die Zuwendung zu Medienangeboten muss erstens irgendeinen Nutzen haben, auch wenn uns dieser nicht immer bewusst ist und vielleicht nur darin besteht, den Tagesablauf zu strukturieren oder eine Geräuschkulisse zu haben. Zweitens konkurrieren Massenmedien nicht nur untereinander, sondern auch mit anderen Quellen der Bedürfnisbefriedigung, und drittens kann ein und dasselbe Angebot zu ganz verschiedenen Zwecken genutzt werden. Entscheidend sind dabei jeweils die Erfordernisse, die sich aus unserer sozialen und psychologischen Situation ergeben. Mediennutzung lässt sich nicht losgelöst vom Alltag der Menschen betrachten, einem Alltag, der in modernen Gesellschaften in erster Linie durch Lohnarbeit geprägt ist und damit durch Arbeitsteilung, Spezialisierung und Fremdbestimmung.


Medium

Funktionen

Alle Medien

- Unterhaltung und Überblickswissen

- Gesprächsstoff

- Information, Bildung, Ratgeber, Zeitgeber

Fernsehen

- Tagesbegleiter, Geräuschkulisse, Kontaktersatz

- "Geschichten", Verhaltensmodelle

- Überblick und schnelle Information

Hörfunk

- Musikautomat: Alltagsbegleiter, Wecker, Aufmunterung, Arbeitserleichterung, Geräuschkulisse

- Überblick und schnelle Information: Verkehr, Wetter, Schlagzeilen

- Kunstgenuss

Tageszeitung

- Lokalinformationen, Orientierung für den Einkauf

- "Insel des Universellen" (Klaus Schönbach)

- Lesen als befriedigende Tätigkeit, Sozialprestige, Wissensspeicher

- "Zusatznutzen": Schutzschild, Papierbedarf, Fliegenklatsche

Onlineangebote

- Post, Einkaufen

- Informationssuche, Wissensspeicher, Arbeitsmittel, Kontaktersatz (Erotik)


Funktionen der Medien für die Nutzer (Auswahl; Meyen 2001, S. 124)



Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sozialwissenschaftliche Untersuchungen die Arbeitsbedingungen, das Zeitbudget und das Einkommen als entscheidend für den Zugang zu den Massenmedien und für deren Nutzung herausgestellt. Seitdem hat die empirische Medienforschung stets die gleichen Muster gefunden. Die Mehrheit der Menschen erwartet von den Massenmedien in erster Linie Unterhaltung und Überblickswissen. Unterhaltung ist dabei ein subjektabhängiger Begriff. Der Rezipient kann jedes Angebot zur Unterhaltung nutzen, wenn es ihn denn von einer anderen Seite beansprucht als die gewohnten, täglich notwendigen Verrichtungen und gleichzeitig für Genuss und Erbauung, für Vergnügen, Kurzweil und Zerstreuung sorgt. Während das Bedürfnis nach Unterhaltung vor allem in den Anforderungen wurzelt, die der Arbeitsalltag stellt, hängt das Bedürfnis nach Überblickswissen mit dem Verlust an Stabilität zusammen und mit dem Wunsch, die Umwelt trotzdem kontrollieren zu können. Massenmedien liefern das Gefühl, informiert zu sein, und die Sicherheit, nichts Wesentliches versäumt zu haben, Massenmedien erlauben Passivität, stehen allzeit bereit und sind außerdem die mit Abstand billigste Freizeitbeschäftigung.

Da das >Fernsehen die beiden wichtigsten Erwartungen der Menschen an die Massen medien am besten erfüllt, ist es das Leitmedium unserer Tage. Fernsehen unterhält besser als alle Alternativen und ist den anderen Massenmedien in Sachen Überblicks wissen mindestens ebenbürtig. In Krisenzeiten verschieben sich allerdings die Nutzungsmotive. Der Unterhaltungscharakter tritt zurück, das Wunsch nach Informationen gewinnt die Oberhand und die Nutzungsfrequenz steigt. Zum Bedürfnis nach Überblickswissen gehört auch das Bedürfnis nach einem „Frühwarnsystem": Wenn etwas wirklich Wichtiges passiert, etwas, das mich betrifft und vielleicht mein Leben verändert, dann werden es mir die Medien sagen. Minimale Informiertheit, nicht nur über Politik, sondern über die Medienthemen überhaupt, ist außerdem eine soziale Norm. Der Kommunikationswissenschaftler Wolfgang R. Langenbucher hat das Fernsehen mit dem Wetter verglichen. Beides sei „Kleingeld der Konversation". Worüber wollte man auch mit dem Nachbarn sprechen und mit den Verwandten, wenn jeder in einem Bereich arbeitet, von dem der andere nichts versteht und der ihn nichts angeht?

Unterhaltung, Überblickswissen, Gesprächsstoff: Medien können unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen und mehrere gleichzeitig (Übersicht). Wer wollte bestreiten, dass Presse, Radio, Fernsehen und Online-Angebote nicht nur in Krisenzeiten Informationen liefern? Welche anderen Quellen sagen dem Durchschnittsbürger nach Schule und Ausbildung, was Menschen erforschen, erfinden und entdecken, wo sonst kann man Wissen über andere Länder und Kulturen erwerben, über all das, was man nicht aus eigener Anschauung und eigenem Erleben kennt? Und verschafft es nicht auch ein Stück Sozialprestige, wenn man die Frankfurter Allgemeine Zeitung in der Hand hält und über die aktuellen Themen Bescheid weiß? Gerade die Nachrichtenzeiten sind zudem Fixpunkte im Tagesablauf. Der Soziologe Erwin K. Scheuch (1972) hat hier eine wichtige Funktion der Funkmedien gesehen. Der Mensch brauche feste Zeiten zur Orientierung und müsse deshalb nach der Arbeit „neue Notwendigkeiten" schaffen - eine schwere Aufgabe, die für viele das Fernsehen löse. Die Nähe zur Religion ist offensichtlich: Fast alle Kirchen rufen den Menschen zu bestimmten Stunden zur Besinnung und gliedern nicht nur den Tag, sondern auch die Woche und das Jahr.

Welche Funktionen ein Massenmedium übernimmt, hängt nicht nur von den Kommunikationsbedürfnissen der Menschen ab, die gesellschaftlich bedingt sind und sich folglich wandeln. Genauso wichtig sind die Konkurrenz (sowohl im Mediensystem als auch außerhalb), rechtliche und organisatorische Vorgaben (etwa das Gebot der Meinungsvielfalt für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk), der Stand der Technik und, ganz entscheidend, die Eigenschaften des Mediums.

Literaturempfehlungen:

Matetzke, G.: Psychologie der Massenkommunikation. Hamburg 1963.

Meyen, M.: Mediennutzung. Mediaforschung, Medienfunktionen, Nutzungsmuster. Konstanz 2001.

Purer, H.: Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Ein Handbuch. Konstanz 2003.

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