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Autorin: Reiprich, Eva / Mörike, Eduard.

Titel: Eduard Mörike: Der Feuerreiter. Eine kurze Interpretation von Eva Reiprich.

Quelle: http://www.peregrina.de [01.04.2004].S. 1-5.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.



Eduard Mörike: Der Feuerreiter

Eine kurze Interpretation von Eva Reiprich



Der Feuerreiter

Sehet ihr am Fensterlein
Dort die rote Mütze wieder?
Nicht geheuer muß es sein,
Denn er geht schon auf und nieder.
Und auf einmal welch Gewühle
Bei der Brücke, nach dem Feld!
Horch! das Feuerglöckchen gellt:
Hinterm Berg,
Hinterm Berg
Brennt es in der Mühle

Schaut! da sprengt er wütend schier
Durch das Tor, der Feuerreiter,
Auf dem rippendürren Tier
Als auf einer Feuerleiter!
Querfeldein! Durch Qualm und Schwüle
Rennt er schon und ist am Ort!
Drüben schallt es fort und fort:
Hinterm Berg,
Hinterm Berg
Brennt es in der Mühle

Der so oft den roten Hahn
Meilenweit von fern gerochen,
Mit des heilgen Kreuzes Span
Freventlich die Glut besprochen
Weh! dir grinst vom Dachgestühle
Dort der Feind im Höllenschein.
Gnade Gott der Seele dein!
Hinterm Berg,
Hinterm Berg
Rast er in der Mühle

Keine Stunde hielt es an,
Bis die Mühle borst in Trümmer;
Doch den kecken Reitersmann
Sah man von der Stunde nimmer.
Volk und Wagen im Gewühle
Kehren heim von all dem Graus;
Auch das Glöckchen klinget aus:
Hinterm Berg,
Hinterm Berg
Brennt's

Nach der Zeit ein Müller fand
Ein Gerippe samt der Mütze
Aufrecht an der Kellerwand
Auf der beinern Mähre sitzen:
Feuerreiter, wie so kühle
Reitest du in deinem Grab!
Husch! da fällt die Asche ab.
Ruhe wohl,
Ruhe wohl
Drunten in der Mühle



"Der Feuerreiter" ist eine der ersten Schöpfungen Eduard Mörikes (1804-1874). Die Angaben über die Zeit der Entstehung schwanken zwischen 1823 und 1824. Mörike befand sich während dieser Zeit in Tübingen. Seit 1822 studierte er Theologie am Tübinger Stift. Dort hegte der damals 18jährige viele Bekanntschaften und Freundschaften, die ihn zeit seines Lebens begleiten sollten. Erwähnung finden hier u.a. Wilhelm Waiblinger, Ludwig Bauer, Rudolf Lohbauer und auch der schon geisteskranke Hölderlin. Ein Brief Lohbauers an seine Braut lässt erahnen, woher die erste Inspiration für den "Feuerreiter" kam. Lohbauer zeigt als Eingebung den Anblick des wahnsinnigen Hölderlins auf, der mit einer weißen Mütze auf dem Kopf unruhig in seinem Zimmer hin und her lief, so dass man ihn bald an diesem, bald an jenem Fenster vorbeihuschen sah.

"Der Feuerreiter" wurde in Mörikes Roman "Maler Nolten" erstveröffentlicht. Mörike überarbeitete 10 Jahre später den Feuerreiter und fügte eine 3. Strophe ein. Mit dieser Neufassung möchte ich mich anschließend beschäftigen.

Die Zweitfassung knüpft an die Überlieferung des Volksglaubens an, wonach es Vorauswissen und Bannen von Feuerbrünsten gibt. Doch lassen wir es Mörike selbst erklären, nämlich im "Maler Nolten" auf die Frage, wer der Feuerreiter sei.

In der Lohgasse, wenn sie den Herren bekannt ist, wo noch zwei Reihen der urältesten Gebäude unserer Stadt stehen, sieht man ein kleines Haus, schmal und spitz und neuerdings ganz baufällig; es ist die Werkstatt eines Schlossers. Im obersten Teile desselben soll aber ehemals ein junger Mann, nur allein, gewohnt haben, dessen Lebensweise niemanden näher bekannt gewesen, der sich auch niemals blicken lassen, außer jedesmal vor dem Ausbruche einer Feuerbrunst. Da sah man ihn in einer scharlachroten, netzartigen Mütze, welche ihm gar wundersam zu seinem todbleichen Gesichte stand, unruhig am kleinen Fenster auf und ab schreiten, zum sichersten Vorzeichen, daß das Unglück nahe bevorstehe. Eh noch der erste Feuerlärm entstand, eh ein Mensch wußte, daß es wo brenne, kam er auf seinem mageren Klepper unten aus dem Stalle hervorgesprengt und wie der Satan davongejagt, unfehlbar nach dem Orte des Brandes hin, als hätt ers im Geist gefühlt.

"Der Feuerreiter" ist eine lyrische Stimmungsballade. Nicht das Geschehen steht im Vordergrund, sondern das Pulsierende, Drängende, Schwellende des Geschehens.

Die Ballade besteht aus 5 zehnzeiligen Strophen. Diese Strophen sind bis auf einige Abweichungen symmetrisch gebaut und besitzen einen trochäischen Rhythmus, der manchmal wechselt. Die ersten 4 Verse sind durch Kreuzreim gebunden (a-b-a-b). Die anderen Verse sind unregelmäßig miteinander verbunden (c-d-d-R-c), da ein Refrain eingebunden ist. Bei Außerachtlassung wären die anderen 4 Verse durch umarmenden Reim miteinander verbunden. Es sind Endreime, die die Verse verbinden. Die Reime sind größtenteils reine Reime. Die unreinen Reime "Trümmer" "nimmer", lassen sich durch mundartliche Ausspracheeigentümlichkeiten des Schwäbischen erklären. Die Klangreinheit sehen wir deshalb nicht verletzt. Enjambements fallen auf wie "Sehet ihr am Fensterlein / Dort die rote Mütze wieder?". Stilistische Mittel wie der Binnenreim treten auf "fort" und "fort", deren Wert stilistisch musikalischer Natur ist. Weitere Klangmittel sind die Alliterationen "Müller" "Mützen" "Mähre", die noch einen Gleichklang in sich bergen; Assonanzen wie "wütend schier" "rippendürren Tier", hier sogar als doppelt gebundene Assonanz, nämlich zum Reimwort und in metrischer Entsprechung zum nächsten Vers stehend. Ebenfalls treten doppelte Reime auf, wie "Feuerleiter" "Feuerreiter" und Vergleiche "als auf einer Feuerleiter." Die besondere Stimmung, vor allem das Schwelende der ersten beiden Strophen, des "Feuerreiters" wird durch die vielen hellen Vokale i, u, ei, ü, Umlaute ü, ä, ö, zahlreiche Zischlaute s, ß, st, tz hervorgerufen. Es bleibt keine Zeit für gedehnte und dunkle Vokale. Manchmal bleibt nicht einmal genug Zeit, ein Pronomen zu setzen "muß nicht ganz geheuer sein" oder ein Adjektiv zu deklinieren "toll Gewühle". Auch die Häufigkeit kurzer Silben verursacht diesen aufgeregten Rhythmus.

Unvermittelt, sprunghaft, wird die Frage "Sehet ihr am Fensterlein?" von dem Erzähler an das Publikum gerichtet. Die "rote Mütze" symbolisiert den Feuerreiter. Die Frage ist aber rein rhetorischer Art, denn eine Antwort wird nicht erwartet. Die Antwort, das 'Ja' wird vorausgesetzt. Der Erzähler berichtet weiter, dass "er ... schon auf und nieder" geht. Man stelle sich das Bild vor, diese rote Mütze, wie sie auf und ab wippt, "auf und nieder" geht, diese fortschreitende Bewegung. Ist es nicht das Bild einer züngelnden Flamme? Böse Vorahnungen werden wach bei diesem Anblick. "Nicht geheuer muß es sein." Das Drama spitzt sich zu. Es entstehen Unruhe und Hast unter den Menschen "und auf einmal welch Gewühle". Auch ein Ort ist genannt "bei der Brücke, auf dem Feld!" Die bösen Vorahnungen scheinen sich erfüllt zu haben, denn jetzt gellt "das Feuerglöckchen". Wir werden darauf mit dem Imperativ "Horch!" aufmerksam gemacht. Und wir erfahren, wo es gellt, wo es brennt. "Hinterm Berg,... brennt es in der Mühle." Durch den Refrain "Hinterm Berg" kommt es zu einer Verstärkung der Unruhe, der Erregung, des Grausens. Dieser Refrain hat eine ganz eigene Satzmelodie, der den Effekt erzeugt. Zu Beginn der zweiten Strophe erfolgt die Aufforderung "Schaut!" Und wieder, wie bei "Horch!", durchzuckt uns ein Blitzschlag. Getroffen leisten wir der Aufforderung sofort Folge und sehen den Feuerreiter, denn er "sprengt wütend schier durch das Tor". Das Tempo ist rasend. Die Verben überstürzen sich fast. Er sprengt auf einem alten, klapprigen Gaul “auf dem rippendürren Tier / Als auf einer Feuerleiter”. Er hat nur ein Ziel, einen Weg, kennt keine Barrieren. Der Feuerreiter reitet "Querfeldein", scheut weder "Qualm" noch "Schwüle", reitet wie ein Besessener und ist am Ziel schon angelangt, der Feuerstätte, "ist am Ort!", des Dramas Höhepunkt ist erreicht. Wir hören immer noch das Feuerglöckchen schallen "Hinterm Berg, hinterm Berg".

Die dritte Strophe nun unterbricht den Verlauf des Geschehens durch einen Rückblick, das Rätsel um den Feuerreiter wird aufgelöst. Erschien er uns bisher als Feuerdämon, Verbrecher, Heiliger oder gar Wahnsinniger, erscheint er uns jetzt dank der neu eingefügten Strophe, dieser Regieanmerkung, als Feuerbesprecher "der so oft den roten Hahn ... gerochen", "roter Hahn" als Symbol für das Feuer, welcher auf die seherische Fähigkeiten des Feuerreiters Bezug nimmt; "so oft" als Häufigkeitsangabe fungierend. Aber auf die bisherige Tätigkeit und Fähigkeit beim Bannen von Feuerbrünsten wird verwiesen "mit des heilgen Kreuzes Span freventlich die Glut besprochen". Mit dem christlichen Symbol des Glaubens – des Kreuzes – also besprach und bespricht der Feuerreiter Brände. Im Namen Christi maßt er sich die Herrschaft über das höllische Element Feuer an. Ist es nicht eine Verhöhnung, eine Gotteslästerung.

Er bespricht das Feuer "freventlich". Frevel bedeutet ein verwerflicher Verstoß gegen Ordnung und Gesetz. Anschließend aber erfolgt ein Hinweis auf die dramatische Wendung. Muss der Sünder im christlichen Sinne, der Frevler seine Lästerung büßen (Anmerkung: Mörike war Theologiestudent). "Weh!" Der Feuerreiter wird somit selbst gewarnt, vor der Gefahr, dem Feuer, dem Flammentod "dir grinst vom Dachgestühle / Dort der Feind im Höllenschein." Das Feuer wird personifiziert. Es "grinst". Es ist der "Feind ... im Höllenschein". Das Element Feuer erscheint uns durch diese Charakteristik als Dämon. Ein Gebet, ein frommer Wunsch, schließt an. "Gnade Gott der Seele dein" ist für den Feuerreiter bestimmt, gleich einem Sterbenden, der das letzte Abendmahl empfängt. Ist der Ausgang nicht schon vorweggenommen? Es gibt kein retardierendes Moment mehr. Diese Strophe schließt anders als beide vorhergegangenen. Es "brennt" nicht mehr in der Mühle, nein das Feuer "rast" in der Mühle, "er", der "Feind". Das Feuer hat demnach seinen Höhepunkt erreicht.

Die vierte Strophe widmet sich wieder vollends den Geschehnissen. Nach weniger als einer Stunde zerbrach die Mühle in Trümmer "keine Stunde hielt es an, / Bis die Mühle borst in Trümmer" (bersten – borst – geborsten ist ein veraltetes Wort für brechen – brach – gebrochen, durch Alternanz).

Der Feuerreiter war seit jener Zeit verschwunden "doch den kecken Reitersmann / Sah man von der Stunde nimmer". Die Volksmenge, die sich angesammelt hatte, kehrt nach Haus und es zieht wieder Ruhe ein. "Auch das Glöckchen klinget aus". Das Ausklingen wird durch die Einsparung der Wörter "in der Mühle" und die Zusammenziehung von "brennt es", also "brennts", veranschaulicht.

Die fünfte Strophe bildet einen Nachtrag zum Geschehen, denn es wird berichtet "nach der Zeit ein Müller fand" vom Verbleib des Feuerreiters, der den (wohlverdienten?) Tod fand in der Mühle, in den furchtbaren Flammen, wodurch wir unsere Ahnung bestätigt sehen: "... fand ein Gerippe ... sitzen." Noch im Tod erscheint uns der Feuerreiter als schauerlicher Gesell "Gerippe samt der Mütze ... auf der beinernen Mähre sitzen". Die Alliteration "Mütze Mähre" bestärkt dies noch. Aber auch der "Feuerreiter" ist vergänglich, zerfällt er doch in Asche, "da fällt die Asche ab". Aber auch dem reuigen Sünder wird vergeben. Man wünscht, er möge wohl ruhen, nicht in der Hölle.

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