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Autor: Moßmann, Walter.

Titel: Die Wacht am Rhein.

Quelle: Walter Moßmann/Peter Schleuning: Alte und neue Lieder. Entstehung und Gebrauch, Texte und Noten. Hamburg 1978. S. 17-80.

Verlag: Rowohlt Verlag GmbH.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Die Wacht am Rhein

Überlegungen zu drei Liedern:

  1. Die deutschnationale Wacht am Rhein (1840 bis 1945 ff.)

Des deutschen Liedes Klang hat die Herzen gewonnen; ich zähle es zu den Imponderabilien, die den Erfolg unserer Einheitsbestrebungen vorbereitet und erleichtert haben. Und so möchte ich das deutsche Lied als Kriegsverbündeten für die Zukunft nicht unterschätzt wissen, Ihnen aber meinen Dank ausprechen für den Beistand, den die Sänger mir geleistet haben, indem sie den nationalen Gedanken erhalten und über die Grenzen des Reiches hinaus getragen haben.

(Bismarck am 18. 8. 1893 in Kissingen vor den Sängern von Barmen)

  1. Das sozialdemokratische Lieb Vaterland
    (1971)
    „Mehr Demokratie wagen!“
    (Willy Brandt zu Rudi Dutschke, als er ihn einmal vergeblich zum Verteidigungsminister machen wollte.)
    „Mach ich!“
    (Udo Jürgens, als ihm Eckart Hachfeld den Text vorlegte.)

  2. Die regionale Andere Wacht am Rhein
    (1974ff.)
    „Elsässisches Protestlied“ (DER SPIEGEL)
    „Deutsch-Französische Hymne“ (LE MONDE)
    „Mer sin eifach wieder do!“ (Buki)

Ursprünglich sollte in diesem Kapitel nur von dem Anti-AKW-Lied Die Wacht am Rhein die Rede sein, über dessen Entstehung, Gebrauch und Bearbeitung ich aus eigener Erfahrung ganz gut Bescheid weiß. Dann fiel mir ein Deutsch-Folk-Musiker ein, der das Lied mal mit folgenden Worten einleitete: „Und da haben die Bauern von Wyhl dann auf die alte Melodie einen neuen Text gemacht.“ Der hatte also den Widerspruch des neuen, regionalen Liedes gegen die deutschnationale Hymne gar nicht gemerkt, und der kannte die alte Schwarte auch nicht mehr. Also, dachte ich, muß man da historisch noch ein bißchen arbeiten. Und war dann doch gewaltig überrascht: So wichtig, wie sie wirklich war, habe ich mir die alte Wacht am Rhein nicht vorgestellt. Tja, dann wurde dieses Kapitel etwas breiter, fast so breit wie ein Männerchor-Schlußakkord. Dann bekam ich unerwartete Hilfe von Barbara James und Professor Brednich vom Deutschen Volksliedarchiv in Freiburg, nämlich zeitgenössisches Material zur deutschnationalen Fassung, aber auch eine ganze Menge sozialdemokratischer Liederbücher mit Wacht am Rhein-Fassungen gegen den Strich. Und da fanden sich fast alle Typen von Parodie, die es nur gibt. Obendrein halte ich diese Lieder für wichtige Dokumente der deutschen Sozialdemokratie im wilhelminischen Deutschland. Und schließlich erinnerte ich mich noch an diese merkwürdig schnell wieder verschwundene Single mit der modernisierten Wacht am Rhein von Udo Jürgens und ihre Folgen im südbadischen Karneval. So wurde das Maß schließlich voll. (In diesem Jahr, höre ich, haben die Mainzer Gonsbach-Lerchen schon wieder eine Wacht am Rhein geliefert ... die kommt dann in die nächste Auflage.)

WER DEN TOD IM HEILIGEN KAMPF FAND
RUHT AUCH IN FREMDER ERDE IM VATERLAND

Grabinschrift auf einer Gedenktafel des Schützenvereins Warpe, Niedersachsen, für die Gefallenen von
1813 („Befreiungskrieg“ gegen Napoleon),
1864/66 (Preußische Hegemonialkriege gegen Dänemark und Hannover),
1870/71 (Deutsch-Französischer Krieg zum Nutzen des Preußisch-Deutschen Reiches),
1914/18 (Erster Weltkrieg des wilhelminischen Deutschland),
1939/45 (Zweiter Weltkrieg Nazideutschlands).








1. Die deutschnationale Wacht am Rhein (1840-1945 ff.)

Im Jahr 1840 konnte man in deutschen Zeitungen lesen, der französische Ministerpräsident Thiers habe geäußert, Frankreich müsse wohl wieder - wie vorher unter Napoleon - seine Grenzen an den Rhein vorschieben.

Das löste in den deutschen Ländern, vor allem in Preußen (das seit dem Wiener Kongreß einen Teil des Rheinlandes als «Rheinprovinz» eingesackt hatte) einen Sturm der Entrüstung aus. Für alle, die auf eine geeinte deutsche Nation scharf waren - egal ob mehr reaktionär oder fortschrittlich - wurde das trübe Gewässer zum Symbol: „Unser deutscher Rhein“. Gerade so, wie der Kölner Dom für die Liebhaber des deutsch-kaiserlichen Mittelalters zum Symbol der reaktionären Romantiker wurde. Für den unfertigen Dom konnte man Geld sammeln und Steine schicken, was fleißig betrieben wurde, aber den Rhein mußte man verteidigen, gegen die Franzosen. Zunächst mit Worten, am besten in Reime gebracht. In den Jahren 1840/41 gab es einen gewaltigen Boom von Rhein-Gedichten und Rheinliedern, drei davon sind zeitweise in Deutschland außerordentlich populär geworden:

Ein Dichter namens Nikolaus Becker verfaßte den zuerst unbestrittenen Rhein-Hit: „Sie sollen ihn haben / Den freien deutschen Rhein / Ob sie wie gier´ge Raben / Sich heiser danach schrein ...“

Der Eifer, daß da ja nichts gestohlen wird, hat den Dichter weit getrieben, zu solchen Versen z.B.:

Sie sollen ihn nicht haben
Den freien deutschen Rhein
Solang sich kühne Knaben
Den Waffen gerne weihn
Solang die Flosse hebet
Ein Fisch auf seinem Grund,
Solang ein Lied noch lebet
In seiner Sänger Mund.






So kabarettistisch sich das heute liest: damals war offenbar das Lied in aller Sänger Munde. Der Volksliedforscher Franz Magnus Böhme schreibt 1895 (Volkstümliche Lieder der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert), das Lied habe schon über hundert Melodien, u. a. eine von Robert Schumann. Allerdings habe sich keine „recht volksthümlich erwiesen und erhalten. Das war jedoch zu einem Zeitpunkt, als Nikolaus Beckers Verse längst überholt worden waren von den beiden anderen Liedern.

Aber in den vierziger Jahren war dieser Hit ein ernst genommener Ausdruck deutsch-nationaler Propaganda; Alfred de Musset schrieb in Paris eine Erwiderung, und Heinrich Heine läßt im „Wintermärchen“ (1844) seinen Vater Rhein klagen:

doch schwerer liegen im Magen mir
die Verse von Niklas Becker.

Er hat mich besungen, als ob ich noch
die reinste Jungfrau wäre,
die sich von niemand rauben läßt
das Kränzlein ihrer Ehre.

Wenn ich es hör, das dumme Lied,
dann möcht ich mir zerraufen
den weißen Bart, ich möcht fürwahr
mich in mir selbst ersaufen!

Allerdings rieben sich nicht nur die Dichterfürsten wie Heine oder Alfred de Musset an dem offiziell propagierten politischen Lied, sondern auch das Volk, und das machte dann andere Lieder daraus. Varnhagen van Ense beobachtete z. B. 1841 in Berlin:

Im Volk ist viel gesunder, kräftiger Sinn, aber auch sehr viel Anlage zum Terrorismus. Dem Könige sagt man vielerlei Übles nach. Ein bitteres Lied ist im Umlauf, wieder eine Parodie von ‚Sie sollen ihn nicht haben‘; es wird gesagt, wir wollen sie nicht haben, die Könige, welche so oder so - und dann werden die von Bayern, Hannover und Preußen bezeichnet ...

Daß die aufgeregte Sorge um den Rhein und das Feindbild der Franzosen von den Zuständen im eigenen Land ablenken sollen, haben einige Leute damals offenbar schon gemerkt und es dem Propaganda-Dichter mit politischen Liedern zurückgegeben. Schade, daß Varnhagen die Texte nicht gesammelt hat wie Wolfgang Steinitz später - wir hätten aufschlußreiche Dokumente aus dem Vormärz. Zwei spätere Parodien, geschrieben von Leuten, die was gemerkt haben, möchte ich zum Schluß noch anführen: 1868 (zwei Jahre, nachdem Preußen auch Hannover unter seine Fittiche genommen hatte) erschien in München ein Bändchen Gelb-Weiße Lieder, gesammelt von einem Hannoveraner. Darin steht auch eine Fassung von Wir wollen ihn nicht haben:

Wir wollen ihn nicht haben
Den räuberischen Aar,
Umschwärmt von schwarzen Raben
Serviler Lügenschaar.

Wir wollen ihm die Krallen
Beschneiden stark genug,
Daß wieder frei sei allen
Des deutschen Geistes Flug.

Ist Preußen denn geschaffen,
Daß Deutschland drin aufgeh?
Jagt doch die Preußschen Laffen
Zurück in ihre Spree!

Deutschthümelei im Munde,
Im Herzen Preußenthum,
Gewalt und List im Bunde -
Das ist eur ganzer Ruhm.

Sprecht nicht von Deutschlands Ehre,
Ihr fördert Deutschlands Schmach,
Daß sich eur Raubstaat mehre,
Dem trachtet ihr nur nach.

Sprecht nicht von deutscher Treue,
Von deutschem Glauben mehr:
Es fehlt dem Wort die Weihe,
Und sein Begriff ist leer.

Nicht Liebe, nicht Vertrauen,
Nein, Eisen nur und Blut
Soll Deutschland jetzt erbauen
In frevlem Ubermuth.

Doch nimmermehr gelinget
Euch euer Truggedicht;
Mit Blut und Eisen zwinget
Man deutsche Herzen nicht.

Ja, macht nur Weltgeschichte
Und sprecht von ‚Mission‘: -
Gott nahet zum Gerichte
Und stürzt eur Babylon.

Die Hoffnung aus Hannover wurde enttäuscht, Deutschland wurde aus Blut und Eisen gebaut zu einem noch größeren Raubstaat, als es Preußen war, und das zornige Lied durfte auch nur in München erscheinen, und das vermutlich nach 1871 auch nicht mehr. Statt dessen lernten Millionen deutsche Liedersänger die dümmlichen Verse von Becker, vom deutschen Fisch, der trutzig seine Flosse hebet.

Eine zweite Parodie stammt vom Vormärz- und Revolutionsdichter Georg Herwegh (1841), wurde offenbar um die Jahrhundertwende noch in den „demokratischen Volksvereinen“ gesungen nach der Melodie Sie sollen ihn nicht haben.

Sie sollen alle singen nach ihres Herzens Lust;
Doch mir soll fürder klingen ein Lied nur aus der Brust;
Ein Lied, um dich zu preisen, du Nibelungenhort,
Du Brot und Stein der Weisen, du freies Wort!

Ihr habet zugeschworen, so treu dem Vaterland,
Doch seid ihr All' verloren und haltet nimmer Stand,
So lang in West und Osten, so lang in Süd und Nord
Das beste Schwert muß rosten, das freie Wort!

Ach! Es will finster werden, wohl finster überall,
Doch ist die Nacht auf Erden ja für die Nachtigall.
Heraus denn aus der Wolke, die, Sänger, euch umflort:
Erst predigt eurem Volke das freie Wort!

Das war allerdings den Herrschaften, die die Rhein- und Franzosenkriegsbegeisterung schürten, gerade eher lästig: das demokratische Recht auf Meinungsfreiheit. Und daß die Sorge um die Innere Sicherheit (damals des deutschen Flusses) oft genug benutzt wird, um demokratische Rechte zu beschneiden, ist ja wohl durchaus eine Weisheit, die mit unseren aktuellen deutschen Erfahrungen übereinstimmt.

Das zweite Schutz-und-Trutzlied von 1840/41 hat eine noch größere Karriere erlebt: Das Lied der Deutschen von Heinrich Hoffmann von Fallersleben, verfaßt auf die vorgegebene Melodie von Haydn (damals verbreitet zu dem Text Gott erhalte Franz den Kaiser), als Flugblattlied veröffentlicht 1841, wurde zur großdeutschen Nationalhymne und fristet in Gestalt seiner 3. Strophe immer noch ein glanzvolles Leben als Nationalschmarren der BRD. (Dies ist literaturkritisch gemeint, also weder verächtlich machend noch Unglimpf nach §§§). Der Verleger Campe hat die Reklame voll auf den Erfolg der „Rheinlieder“ abgestellt und recht gehabt. Der nationalistische Größenwahn und die phrasenhafte Wendung „Einigkeit und Recht und Freiheit“, das brachte tatsächlich die Deutschen unter einen Hut, die blindwütenden wie die kritischen. Und wie weit war es wohl her mit des Vormärzdichters eigener Kritikfähigkeit?

1871 dichtete er, hocherfreut über Deutschlands Einigung unter preußischen Bajonetten, für den ersten deutschen Kaiser, der einmal als „Kartätschenprinz“ die badische Revolution 1849 blutig niedergeschlagen hatte:

Wer hat für dich in blut'ger Schlacht
Besiegt den ärgsten Feind?
Wer hat dich groß und stark gemacht?
Dich brüderlich geeint?
...
Du edles Deutschland, freue dich,
Dein König, hoch und ritterlich,
Dein Wilhelm, dein Wilhelm
Dein Kaiser Wilhelm ist's!

(Im selben Jahr schrieb Pottier die Internationale.)

Kurz vor Abschluß des Manuskripts schickte mir Karl Heinz Roth einen Aufsatz von Wolfgang Schmieder: Wilhelm Weitling und die deutsche politische Handwerkerlyrik im Vormärz, in: International Review of Social History, Volume V - 1960, Assen 1960.

Schmieder hat ein Liederbuch ausgegraben, das unter dem Titel „Volksklänge, eine Sammlung patriotischer Lieder“ (Paris 1841) erschienen ist und 100 Lieder für die deutschen Handwerkergesellen enthält,wahrscheinlich entstanden aus dem Bund der Gerechten, einem Geheimbund der deutschen Handwerkergesellen und Flüchtlinge, Sitz in Paris.

In diesem Buch finden sich auch, gezeichnet mit dem Pseudonym «Freimann», 12 Lieder des bekannten Propagandisten des Handwerkerkommunismus Wilhelm Weitling, u. a. auch ein Rheinlied, gewiß als Reaktion auf das Lied von Nikolaus Becker. Weitlings Rheinlied finde ich sehr bemerkenswert: 1. greift er zunächst die Nationalparole vom deutschen Rhein auf, um daraus eine internationalistische zu machen; 2. geht er weit über die verbreitete Forderung nach politischer Freiheit, wie sie von der deutschen Opposition erhoben wurde, hinaus und propagiert ebenso die soziale Freiheit und Gleichheit (vgl. Strophe 3).

Rheinlied.
Melodie des sächsischen Volksliedes.

Bald soll an deinem Strand, o Rhein,
Kein Deutscher mehr ein Sklave sein!
Rings um dich werden schön und grün
Der Freiheit Saaten herrlich blüh'n.
Drum wollen wir dir Lieder weih'n;
Drum hurrah hoch, du deutscher Rhein!
Am Rhein, am Rhein, am deutschen Rhein
Soll alles Freund und Bruder sein.

Der Franke will am deutschen Rhein,
Der Russe Herr in Polen sein.
Ei, fegt doch erst zum eignen Haus
Den alten Sauerteig hinaus:
Dann kommt zu uns am deutschen Rhein;
Wir wollen Freund und Bruder sein.
Am Rhein, etc.

Wenn einst an unserm deutschen Rhein
Der Gleichheit alle ernst sich weih'n;
Wenn jeder hat, was ihm gebricht:
Dann gibt es Herrn und Knechte nicht;
Denn fühlt sich glücklich groß und klein,
Dann hurrah hoch, du deutscher Rhein!
Am Rhein, etc.

Und so, wie einst am deutschen Rhein,
So soll's in allen Ländern sein.
Der Müßiggänger sei verbannt
Vom Rhein und fernsten Meeresstrand.
Dann wird kein Fremder Herr am Rhein,
Kein Rheinbewohner Sklave sein!
Am Rhein, etc.

Einst wird auf seinen Rebenhöh'n
Man unser stolzes Banner seh'n.
Der Menschheit Banner soll es sein,
Das sich erhebt am deutschen Rhein!
Dann stimmen alle Völker ein:
Wir machen's auch, wie die am Rhein!
Am Rhein, etc.

(„Volkslied“ hieß im damaligen Sprachgebrauch auch so viel wie Hymne, vgl. S. 198; leider ist es uns nicht gelungen, die Melodie der sächsischen Nationalhymne von damals zu finden.)

Das dritte Lied schließlich aus jener patriotischen Zeit hat wahrscheinlich die merkwürdigste Karriere und die schlimmsten Folgen gehabt. Oder genauer (weil ein Lied ja nur ansprechen kann, was schon vorher da war): hat sich mit den schlimmsten Auswirkungen des deutschen aggressiven Nationalbewußtseins verbunden, und das über hundert Jahre lang.

Zunächst der Text in der Form, wie er ab 1854 verbreitet wurde:






Die Wacht am Rhein

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein , zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb´ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein!

Durch hunderttausend zuckt es schnell,
Und Aller Augen blitzen hell,
Der deutsche Jüngling, stramm und stark,
Beschirmt die heil´ge Landesmark.
Lieb´ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu und die Wacht am Rhein!

Er blickt hinauf in Himmelsau´n,
Wo Heldengeister niederschau´n
Und schwört mit stolzer Kampfeslust:
„Du Rhein bleibst deutsch wie mein Gruft.“
Lieb´ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein!

„Und ob mein Herz im Tode bricht,
Wirst du doch drum ein Welscher nicht;
Reich wie an Wasser deine Flut
Ist Deutschland ja an Heldenblut.“
Lieb´ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein!

„So lang ein Tropfen Blut noch glüht,
Noch eine Faust den Degen zieht,
Und noch ein Arm die Büchse spannt,
Betritt kein Feind hier deinen Strand.“
Lieb´ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein!

Der Schwur erschallt, die Woge rinnt,
Die Fahnen flattern hoch im Wind:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wir Alle wollen Hüter sein!
Lieb´ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein.

Im Kontext der Zeitmode sind diese Verse nicht blöder als viele andere. Verbreitet war die Idee, daß Krieg etwas Natürliches sei, wie Sturm und Gewitter („Stahlgewitter“ heißt es später bei Jünger). „Mann“ heißt: „Soldat“, und für ihn heißt „Leben“: „Kämpfen“. Im heiligen Krieg darf alles geschehen, was in Liebesliedern nicht vorkommt: es „zuckt“ und „braust“ und „blitzt“ und „glüht“ und „rinnt“ und „flattert“. Verführerisch war dieser Text wohl für die jungen Männer, die mit solchen Liebesliedern 1914 nach Langemarck oder 1916 nach Verdun oder 1941 nach Stalingrad gezogen sind. Und verführerisch wohl auch der Volksliedton „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“, diese den Vätern abgeguckte Geste, wenn Mann den Arm um die Heimat legt.






Ein Bilderbuch-Dichter und ein professioneller Vertoner

Autor: Max Schneckenburger, schrieb den Text als Einundzwanzigjähriger im November 1840, zuerst unter dem Titel Die Rheinwacht. Da hatte das Lied eine Strophe mehr und keinen Refrain; „Lieb Vaterland ...“ war der ursprüngliche Schluß. Die Veränderungen kamen später durch Einfluß der Komponisten zustande.
Herkunft: Aus Thalheim bei Tuttlingen. Vater: Großbauer; Großvater: Seidenfabrikant; Bruder: Arzt usw. Schwäbisches Besitz- und Bildungsbürgertum.
Beruf: Kaufmann, Teilhaber einer Eisengießerei in Burgdorf, Kanton Bern.
Politisch-literarisch-gesellige Einflüsse: In der Jugend die Lektüre von Schiller, Uhland, von Ranke. Gehört zu einer „national“ orientierten (im Gegensatz zu den „kosmopolitischen“ Linken) deutschen Kolonie in Burgdorf. Am Samstagabend-Stammtisch sitzt da z. B. der Begründer des deutschen Schulturnens, Adolf Spieß. Zwei alte Lützower Jäger schwelgen in Kriegserinnerungen. Außerdem lernt der junge Freizeitdichter dort den Schwaben Paul Achatius Pfizer kennen, einen bekannten Publizisten, der als erster die Forderung nach der Einheit Deutschlands unter preußischer Hegemonie erhoben hat (im Gegensatz zu den antipreußischen Kollegen aus Baden). Begeistert vom preußischen Militär und seinem Oberkommando. Verachtet die Franzosen als „oberflächlich“, „ohne gediegene Volksbildung und echte Religiosität“, „entsittlicht“, beklagt bei jenen „die zähen Überbleibsel alter Revolutionstheorien, die ins Fratzenhafte verzerrt und auf soziale Fragen angewendet immer mehr Boden gewinnen“, nimmt „die absolute Notwendigkeit einer Eisen- und Blutkur“ an.

Als er von Thiers Forderung nach der Rheingrenze hört und liest, schreibt er das Lied (schickt während der Arbeit Kostproben an seine Braut), und prompt improvisiert Turnmeister Spieß eine Melodie; das Lied kommt beim gehobenen Bildungsbürger-Stammtisch in Burgdorf zur Uraufführung. Es wird mitgesungen.

In Schneckenburgers Biographie wird noch angemerkt, daß er sich in die Schriften und Verse von Ernst Moritz Arndt vertieft hat (Der Gott, der Eisen wachsen ließ ...). Den Versen merkt man das an, den Gedanken erst recht: Arndt hatte schon 1813 eine vielgelesene Schrift veröffentlicht: „Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Grenze“. Der Lehrer Arndt hatte noch die Befreiung von der napoleonischen Besetzung im Auge, der Schüler blickte schon weiter, vielleicht nach Paris, von wegen der „absoluten Notwendigkeit einer Eisen- und Blutkur“.

Der junge deutschnationale Unternehmer-Dichter erlebte nur die ersten bescheidenen Erfolge seines Werkes (er starb schon mit 30); ein Komponist namens Mendel bearbeitete den Text und schrieb eine Komposition für Männerchor, die allerdings zu spät auf den Markt kam: die Chöre wollten damals Beckers Rheinlied singen.

1853 schreibt ein anderer Musiker eine inzwischen verschollene 2. Chorfassung, schickt sie an den Herausgeber der offenbar verbreiteten „Männerlieder“, dem gefällt die Musik nicht, und er gibt den Text an Carl Wilhelm weiter, und dieser tut dann den Geniestreich.

Carl Wilhelm, professioneller Klavierspieler, Dirigent und Komponist aus Schmalkalden (Thüringen), arbeitet von 1840 bis 1865 im preußischen Rheinland, leitet in Krefeld die „Liedertafel“ (Männerchor) und den (gemischten) Singverein. Mitbegründer der berühmten Niederrheinischen Sängerfeste. 1854 schreibt er die Melodie und den Satz der Wacht am Rhein und läßt sie in Greefs „Männerliedern“ (Moers) herausgeben. 1865 kehrt er nach Schmalkalden zurück.

Fünf Jahre später schlägt seine große Stunde: Das preußische Reich Deutscher Nation braucht nur noch einen Krieg, um aus der Blut- und Eisen-Taufe gehoben zu werden. Und der Krieg braucht nicht nur Soldaten, sondern auch Schlachtgesänge, an denen die Soldaten sich berauschen können. Und als brauchbarster Schlachtgesang für diesen (und die beiden folgenden ...) erweist sich Die Wacht am Rhein. Es gibt unzählige heroische Geschichten, in denen beschrieben wird, wie die deutschen Soldaten aus verschiedenen Ländern, endlich Brüder (unter Vater Wilhelms Zuchtstock), Seite an Seite französische Bastionen stürmen, Die Wacht am Rhein singend.

Eine dieser Geschichten handelt von einem Sängerkrieg: Im September 1870 gab es auf dem Bahnhof von Nancy eine Fast-Meuterei der bei Sedan gefangenen 300 französischen Offiziere, die durch den Aufmarsch von preußischen und württembergischen Truppen verhindert wurde.

Als die Franzosen diese Truppen erblickten, begannen sie die Marseillaise zu singen. Da brauste plötzlich die Melodie der ‚Wacht am Rhein‘ aus tausend Kehlen deutscher Soldaten durch die weite Bahnhofshalle, und Preußen und Württemberger umarmten sich angesichts der Franzosen. Die Marseillaise verstummte, und die französischen Offiziere verkrochen sich in die Waggons.

(Die Wacht am Rhein, das deutsche Volks- und Soldatenlied des Jahres 1870, herausgegeben von Georg Scherer und Franz Lipperheide, Berlin 1871, S. 21)

Am 2. März 1871 dann Einzug der deutschen Truppen mit der Wacht am Rhein in Paris, „Hunderte von Parisern lauschten wohlgefällig dem schönen Gesang, ohne ihn zu verstehen“.

Am 20. März kommt der neue Kaiser zum erstenmal wieder ins Berliner Opernhaus, und was stimmt wohl der Chor am Schluß der Vorstellung an?

Das Lied hatte seinen Platz an der Spitze gefunden, jetzt entwickelte sich der Kult: Dichter und Komponist mußten gefeiert werden. Der Dichter aber war schon gestorben; und niemand konnte zunächst das Kürzel M. Sch. enträtseln, bis ein ehemaliger Stammtischfreund aus Burgdorf in einem Leserbrief an die „Kölnische Zeitung“ die Wahrheit enthüllte. Und Carl Wilhelm saß vergessen in Schmalkalden. Die Lage ist günstig: es rührt das Publikum, wenn die Vergessenen plötzlich emporgehoben und geehrt werden. Autor (postum) und Komponist bekommen von der Kaiserin Augusta die „Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft“, und nach dem Krieg bewilligt die Reichsregierung eine jährliche Dotation von 3000 Mark für Carl Wilhelm. Um dem Geniekult Material zu liefern, geben Georg Scherer und Franz Lipperheide 1871 in Berlin einen schmalen, aber prächtigen Band heraus: „‘Die Wacht am Rhein‘, das deutsche Volks- und Soldatenlied des Jahres 1870, mit Biografien, Portraits, Facsimiles, Musikbeilagen“ und - das ist der Clou -: Übersetzungen, siebenmal englisch, je dreimal holländisch und französisch, zweimal griechisch, lateinisch und hebräisch, einmal polnisch und litauisch...































Die altsprachlichen und französischen Übersetzungen wurden offenbar für Gymnasien hergestellt (von Pastoren, Con- und Prorektoren), um die Schüler auch in den romanischen und antiken Sprachen im deutschen Sinne erziehen zu können.

Zwei Anmerkungen:

  1. Der erste französische Übersetzer weist darauf hin, daß es ihm nicht gelungen sei, das Lied „männlich“ genug zu übersetzen. Denn jedes Reimwort bei Schneckenburger trägt die schwere Betonung, heißt also nach deutscher Metrik „männlich“. Im Französischen aber dränge sich immer der „weibliche“ Reim auf ...

  2. Der Superintendent Jordan, ein Veteran aus den „Befreiungskriegen, versuchte das Lied dem litauischen Soldaten, der fürs Reich kämpfen sollte, „sang- und mundgerecht“ zu machen. Er schreibt:

Die Deutschland-Idee und den deutschen Rhein kennt er nicht. Der Rheinstrom ist ihm ein Fluß seines Königs, den darum der Franzose, der Feind kat exochen, nicht haben soll; darum mußte ich sagen: ‚Wer schützt uns den theuren Strom?! ... In der 3. Strofe (‚In Himmelsaun / Wo Heldenväter niederschaun‘), mußte ich sagen: ‚Sie schauen auf zum Himmel, wo Die wohnen, welche uns Segen bringen‘, und dem Litauer die Zweideutigkeit offenlassen, diese Worte auf Verstorbene oder auf Gottes Engel zu beziehen ...

    Ganz schön schlau, der Herr Jordan. Jetzt haben also die kolonialisierten litauischen Soldaten und die preußischen Kolonialsoldaten etwas gemeinsam, ein Lied, wenn auch voller Zweideutigkeiten. Der Superintendent wäre heute Chefredakteur in der Springer-Presse.

Fazit: Die Wacht am Rhein wurde mit allen Mitteln propagiert: In Schulen und Kasernen, in Vereinen und auf der Opernbühne, in Büchern, Notensammlungen, Zeitschriften. Sie wurde, so der Volksliedforscher Boehme 1895, das „Kriegs- und Sturmlied der Deutschen und bleibt Nationalgesang zur Feier aller vaterländischen Gedenktage“. 75 Jahre lang haben es deutsche Soldaten mit sich herumgetragen; überall, an der Marne, der Loire, am Dnjepr oder in der Sahara hielt der deutsche Mann die Wacht „am Rhein“.
Im HJ-Liederbuch stand das Lied unter der Rubrik Fahrt.

Der gewaltige Tonbau des Meister Wilhelm

Daß das Lied zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort einschlug, lag wohl nicht nur am richtigen Text, sondern auch an der richtigen Musik.








Der Spannungsverlauf dieser Melodie ist ganz interessant: Das Ziel der Bemühungen ist oben, das hohe g, aber wie kommt man hin?

  1. Der Blick springt in Gedanken sehr schnell fast zum Ziel hoch, bis zum f, kurz davor ein Abbruch und Zurücknehmen. „Da oben will ich hin, aber so hat es keinen Zweck.“

  2. Noch einmal der Aufblick, dann ein gründliches Besinnen auf sich selbst. „Ich schaffe es hinauf, wenn ich mich konzentriere.“

  3. Doppeltes Abstandmessen und hoffnungsvolles Planen. „Jetzt habe ich eine Ahnung, wie es gehen könnte.“

  4. Zäher Aufstieg, fast bis zum Gipfel. „Ich arbeite mich Schritt für Schritt vor.“

  5. Kurzes Verschnaufen, Anlauf, und den Rest im Sprung. „Es ist vollbracht (g), und wird bekräftigt (e-d-c) und begossen.“

Ein anderer Versuch: Der Chorsänger

  1. Alle Mann werden sofort und etwas gewalttätig in die Zucht genommen, denn Sprünge und Rhythmus (der aus den Punktierungen entsteht) erfordern besonders für Laien-Sänger Konzentration. (Erst am Stammtisch darf man diesen Anfang ungenau hinaufjaulen.)

  2. Jetzt steht der ganze Verein wie ein Mann, auf Vordermann, gebracht, und trompetet die Parole: „Zum Rhein! Zum Rhein!“

  3. Bisher gab es nur Pflicht, der Chorleiter hatte den Verein an die Kandare genommen. Jetzt kommt ein Stückchen Kür: Diese volksliedhaft-innerliche Wendung „Lieb Vaterland...“ fließt jedem mühelos aus der Kehle, besonders wenn man sie noch eine Terz drüber wiederholen darf.

  4. Einschnitt, Aufwachen: der Quartsprung nach unten will exakt genommen sein, sonst wackelt die Stelle, wo es heißt: „Fest steht ...“. Ich kann mir vorstellen, daß die Sänger hier schon trotzig die Beine etwas spreizen. Die Anforderungen von außen, die Pflicht, und das Freiwillige-Sentimentale kommen zusammen, vereinigt in den drei langen Noten auf „Wacht am Rhein“ (c-d-e), und

  5. in der Wiederholung des Refrains darf nichts schleppen, denn das ist keine labbrige Wiederholung, so ein Echo, nein: die Uberhöhung, die zentrale Parole als staatspolitisches Ziel. (Beim Singen ergibt sich dann zwangsläufig, daß das erste „Wacht“ etwas gequetscht-aggressiv herauskommt, wegen dem doch sehr hohen g, klingt vielleicht nach „Schlacht“ ...)

Noch ein Versuch: deutsche Reichsharmonik

Es gibt eine Methode, verschiedene Dreiklangsformen logisch-„funktional“ auf einander zu beziehen:

Grundstellung: Bei C-Dur also mit c unten, c-e-g. Bei Stücken in dieser Tonart steht sie am Anfang und Ende.

Sextakkord: Der Grundton c wird nach oben geklappt, so daß e tiefster Ton ist, also e-g-c. („1. Umkehrung“). Abstand von e nach g ist eine Terz, von e nach c eine Sext. Deshalb auch „Terzsextakkord“.

Quartsextakkord: Auch das e wird nach oben geklappt, und g wird zum tiefsten Ton, also: g-c-e. („2. Umkehrung“, die der Guitarrenspieler, der voll greift am 1. Bund, hervorbringt, sowohl auf den Baß- wie den Melodiesaiten.)
Dieser Akkord ist besonders instabil und dient meist zur Vorbereitung einer harmonischen Schlußwendung, also Rückkehr zur Grundstellung. Typisch wäre, wenn dazwischen noch ein anderer Dreiklang, die Dominante (hier: G) eingeschoben würde.

Die Liedmelodie der Wacht am Rhein ist mit ihrer eigentümlichen Spannungswirkung auch aus dieser Akkordtheorie zu erklären, und zwar als teilweise beschwerlicher Weg durch die drei Dreiklangstellungen, der schließlich mit der Grundstellung wieder abgeschlossen wird:

  1. Zuerst die Grundstellung, dann sofort der Sextakkord (rhythmischgleich), und jetzt nicht der Quartsextakkord, sondern ein kleiner Anhang zum Sextakkord, eine melodische Verschnaufpause.

  2. Beginn mit dem Rahmenintervall des Quartsextakkordes (g nach e) und zwar sehr bedeutend: als Auftakt und als erster Schlag. In diesem Tonraum bewegen sich dann die ganzen nächsten 12 Takte. Dreimal solche Aufsprünge, zuerst der schon genannte von g nach e, dann

  3. von g nach d, dann von g nach f. Der Tiefton g bleibt als Absprungbasis, während vom Hochton die Melodie schrittmäßig abfällt, zweimal ins g, einmal ins c.

  4. Nun wird der ganze Tonraum des Quartsextakkordes auch noch einmal aufwärts schrittweise durchgenommen: g, gis, a, h, c, d, e. Es kommt dem Tondichter offenbar darauf an, die traditionelle Spannungs- und Unsicherheits-Funktion des Quartsextakkordes gewaltig auszukosten, die Spannung auf etwas Erwartetes, Lösendes hin ins Unermeßliche zu steigern. Und da kommt sie, die Erlösung

  5. nämlich der C-Dur-Akkord in Grundstellung. Obendrein zackig punktiert. Obendrein in der Oberoktave. Obendrein mit einem zu einem ganzen Takt gestreckten Auftakt. Und breit klingt es dann nach dem letzten Sprung schrittweis zum hohen Grundton c wieder aus.
    Das wars.

Die Nichtigkeit wird zu einer vorgetäuschten Riesengröße aufgedonnert. Insofern hat Carl Wilhelm tatsächlich die geniale Vertonung dieser Pappmache-Pose von der Wacht am Rhein geliefert.

Was Carl Wilhelm da gemacht hat, entsprach durchaus dem Zeitgeschmack des 19. und teilweise noch des 20. Jahrhunderts. Das zeigen etwa viele Stellen bei Richard Strauss: auch da gibt es lange Entwicklungen und Spannungsaufladungen auf dem Orgelpunkt des Dominant-Grundtons, über dem sich der Tonika-Quartsextakkord auslebt und herumquält. Und als Lösung kommt dann bei Strauss immer die reaktionäre Erlösung in der Tonika-Fanfare. Das ist ja auch bei Wilhelm - obwohl intelligenter innerhalb einer differenzierteren Melodie-Entwicklung - der Fall.

Daß eine solche musikalische Entwicklung als Tonika-Dreiklang in Fanfarenmelodik gelöst wird, ist zwar dem mittleren bis späteren 19. Jahrhundert vorbehalten, aber als Folge einer Quartsext-Entwicklung. (Heraus kommt eine Art deutsche Reichsharmonik.) Für sich gesehen ist das aber Gedanke und Praxis seit Beethoven. Prototyp das Haupt-Thema des letzten Satzes der 5. Sinfonie (Schicksalssinfonie). (Vgl. die letzten beiden Takte der Wacht am Rhein.)






Dieses Thema ist nicht nur ähnlich, sondern auch inhaltlich verwandt. Wilhelms reaktionäre Schlußbildung als oberer Grund-Dreiklang weist', auf Beethovens „Durch Nacht zum Licht!“-Sinfonie-Lösung zurück, nur daß in dem Lied kaum Nacht war, sondern immer schon das Vorausschimmern des Sieges, ohne wirkliche Zweifel. Beethovens Schlußthema (laut einer Anekdote schrie ein alter Soldat bei der Uraufführung in Erinnerung an Napoleon: „Le general crie!“) ist eine Art Nachbesinnung auf die Französische Revolution, auf jeden Fall ein Versuch, revolutionäre Befreiung musikalisch hörbar zu machen - auch das Kollektive und Militärische daran. Da sieht man Leute vorwärts stürmen, vielleicht nicht mit den besten Zielen, aber sie gehen los; es ist der Satz-Anfang einer Sinfonie, aus dem noch weiteres folgt.

In der Wacht am Rhein allerdings ist diese Wendung Melodie-Schluß, danach bewegt sich nichts mehr, die Sänger können nur noch heroisch gucken wie eine Weltmeistermannschaft. Genau wie die Wacht am Rhein im Schilderhäuschen steht die Melodie fest auf dem oberen - „höheren“ Grund-Dreiklang. Das Fest-Stehen war geplant als Ergebnis der Dreiklang-Entwicklung. (Ähnliches gibt es auch bei Bruckner.)
Der Schluß also steht.

Der Anfang dagegen schreit zur Attacke. Die Melodik aufsteigender, punktierter Dreiklangs-Brechungen in der Tonika hat immer etwas Kriegerisches und Aggressives, nicht erst bei Beethoven. Zur populären Musik des 19. Jahrhunderts gehörten z. B. auch die Arien aus Mozarts „Figaro“, so auch die große Militärparodie Nun vergiß leises Flehn, süßes Kosen. Figaro freut sich, daß der Damenliebling Cherubino endlich zum Militär abhauen muß und malt ihm ironisch aus, was für ein Held er sein wird. Doppelt ironisch dann die Stelle, wo er ihm zu einem militärischen Motiv sagt, was er jetzt nicht mehr darf: „Du wirst nicht mehr die Herzen erobern“, durchaus gemeint, wie sich die traditionelle Liebesliteratur ausdrückt - Eroberung der belagerten Feste Frau.






Diese Arie ist derart bitter-komisch und kabarettistisch gegen das Militär, daß sie - bezogen auf die Bundeswehr - wegen Wehrkraftzersetzung verboten würde, wär sie nicht klassisch ...

Dieselbe Melodie-Wendung ist allerdings in der Wacht am Rhein todernst gebraucht, so schrecklich ernst wie das Schwertmotiv in Wagners „Ring“:






Das also macht die Melodie u. a. so brauchbar: kriegerische Aggression und volkstümliche Herz-Schmerz-Terz-Innigkeit; gewaltiger spannungsgeladener Stau über dem Quartsextakkord und Erlösung. in der schrecklich leeren Tonika-Fanfare, so leer und gleichzeitig bedeutend wie die Augen der Soldaten beim Fahneneid. Ein brauchbares, die Massen erfassendes und auf ein von oben bestimmtes Ziel ausrichtendes Lied. Nicht zu unterschätzen.

Die Parodien

Das Volk war gezwungen, mit diesem Lied umzugehen, also auch das oppositionelle, Demokraten oder Sozialdemokraten. Was kam dabei raus?

Zwei Vorbemerkungen:

  1. Die Liederbüchlein aus dem 19. Jahrhundert (1848 bis Jahrhundertwende), die uns zugänglich waren - d. h. die nicht-offiziellen, oft verbotenen, zensierten, heimlich verbreiteten -, sind offenbar alle für den Gebrauch von Männerchören gemacht worden. Durchaus also angepaßt an die Männervereinskultur der Zeit, die sich musikalisch vor allem in den bürgerlichen Liedertafeln hören ließ. Das drückt sich auch bei der demokratischen Opposition penetrant in den Texten aus: «Sind wir vereint zur guten Stunde / ein starker deutscher Männerchor» - «deutsche Treue - festes Männerwort» - «Ich bin ein freier Mann und singe» - «mit männlich kühnem Opfermut» - «Brüder, reicht die Hand zum Bunde» - «Echte Männer, wollen / Freiheit wir und Recht / Ihnen unser Streben / Mannhaft treu und rein» ... usw.

  2. Die Liederbücher sind Textbücher. Das liegt ganz einfach daran, daß die neuen Texte überwiegend auf bekannte Melodien geschrieben wurden. (Gab's mal ausnahmsweise eine neue Musik, konnte man die extra anfordern, gesetzt für - Männerchor.) Abgesehen von der noch als revolutionär verstandenen Marseillaise, zu der es unzählige neue Texte gab (vgl. S. 232 f), komme ich heute als Leser nicht aus dem Staunen heraus, welche Lieder nicht ironisch mit neuen Inhalten angefüllt wurden. Einige Beispiele:
    (Aus: Max Kegel: Sozialdemokratisches Liederbuch, 8. Auflage, Stuttgart 1897)

    Man stelle sich also die demokratische und sozialdemokratische „Gegenkultur” in Sprache und Musik nicht allzusehr in Widerspruch zur herrschenden Kultur vor.

Die Wacht am Rhein wurde als zündender Männerchor von den Gegnern des wilhelminischen Regimes meistens benützt, um einfach einen ande­ren Text zu transportieren; die kriegerische Geste bleibt, allerdings nicht gegen den französischen Erbfeind gerichtet, sondern gegen den Klassenfeind. Beispiel: Arbeiter-Feldgeschrei, ein offenbar verbreitetes Lied, das auch noch im 20. Jahrhundert abgedruckt wurde.

Es tönt ein Ruf von Land zu Land:
Ihr Armen, reichet euch die Hand!
Und ruft ein „halt“ der Thyrannei,
Und brecht das Sklavenjoch entzwei!
Es wirbelt dumpf das Aufgebot,
Es flattert hoch die Fahne roth;
/: Arbeitend leben oder kämpfend den Tod! :/

Wir haben lang genug geharrt,
Man hat uns lang genug genarrt,
Jetzt greifen wir zu unserm Recht,
Jetzt stellen wir uns zum Gefecht.
Es wirbelt ...

Wir wollen Friede, Freiheit, Recht,
Daß keiner sei des andern Knecht,
Daß Arbeit aller Menschen Pflicht,
Daß keinem es an Brod gebricht.
Es wirbelt ...

Steig' an die frische Luft heraus,
Aus nied'rer Hütte, dumpfem Haus,
Steig auf das Pflaster, blasse Noth!
Und kämpfe um dein täglich Brod.
Es wirbelt ...

Du schaffst für and're Gut und Geld
Und bist doch stets auf Nichts gestellt,
Man lacht dir höhnisch in's Gesicht
Und fürchtet nicht das Strafgericht.
Es wirbelt ...

Heran, heran! Du kühne Schaar,
Es bläst der Sturm, es fliegt das Haar,
Ein Ruf aus tausend Kehlen braust,
Zum Himmel hoch ballt sich die Faust­' -
Es wirbelt ...

H. Greulich
(Aus: Sozialdemokratisches Liederbuch, 10. Aufl., Hottingen-Zürich 1887, Ver­lag der Volksbuchhandlung)

Ähnlich ohne jeden Bezug zur offiziellen Wacht am Rhein benutzt ein anderes Arbeiterkampflied die bekannte Melodie als Kutsche, um die Forderungen wie z. B. nach dem Achtstundentag zu propagieren.

Im schönen Mai, im jungen Mai,
Erhebt der Arbeit Volk sich frei!
Es reicht die Hand zum Bruderbund,
Und thut der Welt sein Wollen kund.
/: Hurrah, im schönen jungen Mal:/
/: Nimmt stark und kühn das Volk, das Volk Partei! :/

Lang lag's auf ihm wie dunkler Flor,
Ein starker Geist doch hebts empor,
Aus stolzem Horst ein Adler stieg,
Zeigt ihm im Flug die Bahn zum Sieg.
/: Hurrah ...

Wach' auf drum, auf, du Proletar,
Sieh rings die Zeichen wunderbar!
Es ruft der Armuth Heeresbann,
Klopft laut an deine Thüre an.
/: Hurrah ...

Die Arbeitszeit, so lang und schwer,
Den Geist und Leib bedrückt sie sehr,
Darum, zu lindern Noth und Plag',
Erstreitet den Achtstundentag!
/: Hurrah ...

Auf, aus der Werkstatt, aus dem Schacht!
Es strahlt die Welt in Frühlingspracht!
Bleibt nicht in dumpfer Nacht zurück!
Nehmt Antheil an der Erde Glück.
/: Hurrah ...

Im schönen Mai, im jungen Mai,
Erhebt der Arbeit Volk sich frei!
Die Saat, im Frühling ausgestreut,
Der Sommer reif zur Ernte beut!
/: Hurrah ...

Nach August Geib
(Aus: Max Kegel: Sozialdemokratisches Liederbuch, 8. Aufl., Stuttgart 1897)

Eine weitere Parodie stammt aus einem demokratischen Liederbuch zum Gebrauch der Volksvereine, zusammengestellt in München, veröffent­licht 1898 in Stuttgart. Dieses Lied erhebt im Gegensatz zu den sozialde­mokratischen Fassungen oben keine Klassenforderungen, sondern einfach demokratische, aber es dreht an dem offiziellen Gedanken, daß man gegen den äußeren Feind vor allem den Rhein bewachen müsse. Stattdessen soll gegen den inneren Feind (=die eigene Obrigkeit) die Freiheit bewacht werden.

Die Freiheitswacht
Mel.: „Es braust ein Ruf“ (Die Wacht am Rhein)

Es geht durch's Land ein Schrei der Not:
Des Volkes Freiheit ist bedroht.
Viel dunkle Raben fliegen schon
Und krächzen laut: Reaktion!
D'rum deutsches Volk, sei auf der Hut,
Schirm' fest und treu dein höchstes Gut,
D'rum deutsches Volk, mein Volk, sei auf der Hut,
Schirm' fest und treu, ja treu dein höchstes Gut!

Die wen'gen Rechte, die noch dein,
beschneidet man und schränkt sie ein;
Das freie Wort wich der Gewalt,
Allmächtig herrscht der Staatsanwalt.
D'rum deutsches Volk, nimm dich in Acht,
Halt fest und treu die Freiheitswacht!
D'rum ...

Und wer kein Feigling und kein Knecht,
Wer Freiheit liebt, Wahrheit und Recht
Und will's bezeugen mit der Tat,
Der komm' zu uns, werd' Demokrat.
Droht noch so sehr, so sehr die Tyrannei,
Fest steht und treu, ja treu, die Volkspartei!

G. H. 1895

In einer Untersuchung von Carl Köhler und John Meier „Volkslieder von der Mosel und der Saar“, Halle 1896, finden sich zwei Streiklieder, die zur Melodie der Wacht am Rhein gesungen wurden. Im Jahr 1889 streikten im Deutschen Reich fast überall die Bergleute für den Achtstundentag und besseren Lohn, im Ruhrgebiet 90˙000 (von 120˙000), an der Saar 20˙000.

Das erste von Köhler/Meier mitgeteilte Lied geht auf den besonderen Repres­sionsfall des Bergarbeiter-Führers Barken, das zweite drückt wohl das durch den gewaltigen Streik gewachsene Selbstbewußtsein der Knappen aus, auch die Not­wendigkeit, sich überregional gewerkschaftlich zu organisieren.

Es braust ein Ruf so schnell wie Pest, daß Warken sitzet im Arrest
(Weise: Es braust ein Ruf wie Donnerhall)

Es braust ein Ruf so schnell wie Pest,
daß Warken sitzet im Arrest.
Vom Bildstock bis zu Von der Heydt
Sind wir gerührt in tiefem Leid.
/: Kam'raden, wir müssen einig sein, :/
/: Fest stehn wir treu zum Rechtschutzverein! :/

So lang ein Tropfen Blut noch rinnt
Und eine Faust das Fäustel schwingt,
So lang' wir noch all' einig sein,
Hat keiner was am Rechtschutzverein.
Kam'raden usw.

Vierundzwanzigtausend Mann,
Die melden sich dem Rechtschutz an,
Es herrscht im ganzen Saarrevier
Einigkeit, die schönste Zier.
Kam'raden usw.

Die Vertrauensmänner hann gefaßt,
Zu lösen Warken aus der Haft,
Den treuen, tapfren Präsident,
So haben wir ihn mit Recht genennt.
Kam'raden usw.

Dem Rechtschutzverein müssen wir uns weihn,
So lang wir alle Bergleut' sein,
Mit Verachtung werden all' gestraft,
Die ihnen gerne weggeschafft.
Kam'raden usw.

Der Warken ist ein Ehrenmann,
Er tut für uns, was er nur kann,
Er büßt sein' Strafe mit Geduld,
Drum sind wir mit in seiner Schuld.
Kam'raden usw.

Er lebe hoch, er lebe hoch, hoch, hoch, er lebe hoch,
Der Warken, der soll leben hoch!

Wir schwören Treue dem Verband
(Ein Ruf geht über Berg und Tal)
Weise: Es braust ein Ruf wie Donnerhall

Ein Ruf geht über Berg und Thal:
Verbündet international
Die Knappen sind; nun ist vollbracht
Die erste Schicht zum großen Schacht.
Wir reichen uns die Bruderhand
Und schwören Treue dem Verband.
Wir treten mutig an zur heil'gen Schicht
Und fahren dann vereint durch Nacht zum Licht.

Uns trennt kein Stein mehr und kein Pfahl,
Kein Meer, kein Fluß, kein Reichskreuzmal,
Denn unser junger Bruderbund
Reicht übers ganze Erdenrund.
Wir reichen usw.

Wir halten am Weltbunde fest;
Versprecht's, daß keiner von ihm läßt.
Die Einigkeit ist unser Wehr,
Ein festes Band trotz Fels und Meer.
Wir reichen usw.

Uns ächtet Lüge und Verrat,
Bedrohet unsre junge Saat;
Doch Unverstand nur und der Wicht
Glaubt dem, der Böses von uns spricht.
Wir reichen usw.

Nun auf die Zukunft euren Blick:
Ihr Brüder, vorwärts, nie zurück!
Entschlossen vorwärts mit Glück auf!
Was hemmt denn unsern Siegeslauf?
Wir reichen usw.

Alle bisherigen Fassungen konnten ungebrochen im kernigen Männer­gesangsverein-Ton gesungen werden wie das Original, und sie wurden vermutlich auch so gesungen. Wenn auch für Ziele, die fortschrittlicher und vernünftiger sind, trotzdem: Auch der Ton macht die Musik, auch bei politischen Liedern.

Und der Ton muß beim Singen automatisch anders werden, wenn man - ebenfalls auf die Rheinwacht-Melodie - das Lied Freies Quartier singt, veröffentlicht neun Jahre nachdem die repressiven Sozialistengesetze erlassen worden waren (Sozialdemokratisches Liederbuch, Zürich 1887).

Diese Fassung braucht den ironischen, rotzigen Straßenton, denn sie greift das Pathos des Originals an, entlarvt, was mit dem vaterländischen Chorgesang zugesungen werden soll: den Polizeistaat; statt Vater Rhein als Kleinod der deutschen Nation: das Kerkerloch.

Ein Ruf von Land zu Lande hallt,
Das hört der deutsche Staatsanwalt,
Der sieht den Staat gar sehr bedrängt,
Weshalb er schnell auf Rettung denkt:
Dann tritt der Polizist herfür,
Es knarrt vergnügt die Kerkerthür:
Entweder schweigen, oder - freies Quartier!

Durch Hunderttausend zuckt es schnell,
Denn jeder Muckser ist „Rebell“;
Ganz Deutschland wird dann petroliert -
Der Staatsanwalt wird allarmiert:
Dann tritt der Polizist herfür,
Es knarrt vergnügt die Kerkerthür:
Entweder schweigen, oder - freies Quartier!

Ein einz'ges Jahr, das wär zu mild
Für den Verbrecher graus und wild,
Wenn zwei Jahr er im Kerker ruht
Weiß er wie deutsche Freiheit thut,
Der Polizist sorgt dann dafür,
daß lustig knarrt die Kerkerthür
Entweder schweigen, oder - freies Quartier!

Der Reichstag hat es auch gemeint,
Man sei zu milde, wie es scheint,
Man strafe nur nach „Minimum“
Das unzufried'ne Publikum:
Zu selten sorge man dafür,
Daß lustig knarrt die Kerkerthür:
Entweder schweigen, oder - freies Quartier!

Wie nach dem Blitz der Donner rollt,
So schnell die Strafe folgen sollt!
Für jeden Sozialistenton,
Der kaum den Lippen ist entfloh'n,
Dann tritt der Polizist herfür,
Es knarrt vergnügt die Kerkerthür:
Entweder schweigen, oder - freies Quartier!

Der schönste Schmuck des Reiches doch
Ist ein recht großes Kerkerloch,
Darin wird alles eingesteckt,
Was Deutschland aus dem Schlafe weckt.
Der Polizist sorgt dann dafür,
Daß immer knarrt die Kerkerthür:
Entweder schweigen, oder - freies Quartier!

Diese Fassung gefällt mir besonders gut, sie arbeitet mit Widersprüchen: wenn die Melodie innig wird, sagt der Text: „Dann tritt der Polizist herfür / Es knarrt vergnügt die Kerkerthür“, und wenn die Musik macht­voll-trotzig das deutschnationale Bekenntnis des Männerchores vor­schreibt, spricht in diesem Text eben die Polizei-Obrigkeit: „Entweder schweigen, oder - freies Quartier“, Maulhalten oder Knast.

Eine letzte Fassung aus den nicht-offiziellen kleinen Liederbüchern der Opposition verzichtet schließlich ganz auf die Melodie; der anonyme Autor kann sie einfach nicht mehr hören. Als ich diesen Text las, wurde mir auch das erste Mal bewußt, daß die Wacht am Rhein ja nicht nur bei offiziellen Anlässen ständig abgespult wurde, sondern auch noch die Feierabendkultur versaut hat. Was denkt jemand, wenn die Bierbäuche nebenan am Stammtisch das „Deutsche Volks- und Soldatenlied“ grölen?

Die Wacht am Rhein
(Melodie: Crambambuli, das ist der Titel)

Die Wacht am Rhein, das ist der Titel
Des Liedes, das im Schwange geht.
Es ist ein ganz probates Mittel
Für einen, der sonst nichts versteht.
Darum, bei Mond und Sonnenschein
Sing ich nur stets die Wacht am Rhein,
Die Wi-Wa-Wacht am Rhein, die Wacht am Rhein.

Soll ich nach Frankreich fortmarschieren,
Zu kämpfen in dem blut'gen Streit?
Ich mag mich nicht so ennuyieren
Von wegen der Gemüthlichkeit.
Ich sitz bei meinem Glase Wein
Und sing voll Muth die Wacht am Rhein, Die Wi-Wa-.. .

Wer sich bei uns nicht ein will nisten,
Die Nase übern Nordbund rümpft,
Den halten wir für keinen Christen,
Weil er auf Jottes Jabe schimpft.
Wir schreien ihm ins Ohr hinein
Bis daß er taub, die Wacht am Rhein,
Die Wi-Wa- .. .

Ach, wenn ihr blöden Jungen wüßtet,
Was Menschenwürde, Freiheit heißt,
Wie ihr so tief erröthen müßtet,
Ob diesem Weg, den ihr uns weist.
Statt dessen schrein die Kinderlein
Nur immerfort die Wacht am Rhein,
Die Wi-Wa- .. .

Seid ihr im Nordbund abgestiegen,
küßt ihr die Stiefel eurem Herrn,
Und lasset Recht und Freiheit liegen,
Und greift nach einem Ordensstern,
Und meint dazu noch frei zu sein
Und singt voll Muth die Wacht am Rhein,
Die Wi-Wa- .. .

Ihr dauert mich, ihr armen Thoren,
Euch macht die Knechtschaft wenig Pein,
Zu Sklaven seid ihr auserkoren,
Und wollt des Landes Hüter sein.
Ihr könnet nichts, als kläglich schrei'n
Das blöde Lied, die Wacht am Rhein,
Die Wi-Wa-...

Anonym
Aus: Max Kegel: Sozialdemokratisches Liederbuch, 8. Aufl., Stuttgart 1897)






Alle bisher mitgeteilten Parodien der Wacht am Rhein stammen aus gedruckten Liederbüchern, vor allem aus sozialdemokratischen. Wir wissen wenig von den nicht-literarischen Fassungen, von der Art und Weise, wie sich das niedere Volk in bestimmten Situationen gegen die wilhelminische Kriegshymne gewehrt hat, spontan und ohne Antrieb, die Einfälle in gedruckter Form zu verbreiten.

Das wenige, das wir heute dokumentiert vorfinden, verdanken wir einem rechten Soldatenliedersammler namens Schumacher und einem linken Volksliedforscher namens Steinitz. Schumacher notiert z. B. aus dem letzten Kriegs- und Hungerjahr 1918 diese Fassung aus Mannheim:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall
In Mannem sind'Kartoffle all
Eier, Butter, Schinken, Speck
Fressen uns die Reichen weg.
Und füttern uns wie's liebe Vieh
Mit Rüben und Kohlrabibrüh.

Solche Lieder aus dem Volksvermögen setzen keine alternativen Ideen über Freiheit und Recht gegen das hohe Pathos, sondern platte und unabweisbare Erfahrungen. Schumachers Kommentar dazu liest sich fast wie ein Spitzelbericht über die Stimmung im Volk:

War in der Heimat 1917 sogar unter Kindern schon vielerorts be­kannt und von Ersatzabteilungen in Marschkolonnen gesungen wor­den ... Von vielen Gewährsmännern habe ich auch Gewißheit darüber erlangt, daß derartige rohe Verhunzungen gesinnungsstarker Lieder in ihren Fronttruppenteilen nur in heimlichen Quartierecken oder Unter­ständen gesummt wurden, nicht aber in geschlossenen Abteilungen, wie es in manchen Frontverbänden auch vorkam. Im Laufe des Jahres 1918 steigerte sich Zahl und Beliebtheit der bitteren Parodien allerdings al­lenthalben.

(Wilhelm Schumacher: Leben und Seele unseres Soldaten­lieds im Weltkrieg, Frankfurt 1920)

Ja, und dann war bald Revolution in Deutschland, und die Straßenlie­der wurden immer fröhlicher. Stellvertretend für alle verschiedenen Lösungen des Rheinwacht-Problems dieser Zweizeiler, den, laut Steinitz, im Januar/Februar 1919 Kinder auf der Straße von Dessau gesungen haben:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall
Kaiser Wilhelm sitzt im Schweinestall!

Damit hätte das Lied denn auch - wie eine schlimme Epoche deutscher Geschichte - knapp und treffend erledigt sein können. Leider aber geht deutsche Geschichte nicht so. Die Wacht am Rhein überwinterte die Revolution über bei den Rechten, entfaltete nach und nach in der Wei­marer Republik ihre Stärke und war ab 1933 völlig rehabilitiert wieder da. Schon brauste statt Wilhelms jetzt Adolf Hitlers Ruf wie Donnerhall, die Folgen sind bekannt. In der „nationalen Bewegung“ waren inzwi­schen weitere Varianten der Wacht am Rhein entstanden, so z. B. wäh­rend der Rheinland-Besetzung durch die Franzosen. Die folgende Fas­sung stammt aus einem Liederbuch, das in 2. Auflage 1923 in Berlin erschien: „Der Kamerad. Deutsches Soldaten-, Wander- und Trinklie­derbuch.“ Das Nachwort dazu schrieb der berühmte Freikorps-Führer und Arbeiterschlächter von 1920, Herr von Roßbach.

Die Wacht am Rhein.
Umgearbeitet von Heinz Schauwecker.

Der Refrain dieses Liedes: „Lieb Vaterland sollst ruhlos sein, bis wieder frei der deutsche Rhein!”, das von den 80˙000 Menschen bei der Demonstration auf dem Königsplatz in München gesungen wurde, wurde von Hindenburg bei der Stadthallenversammlung in Hannover den Versammlungsteilnehmern als Mahnwort zugerufen.

1. Es braus ein Ruf wie DonnerhaIl,
wie SchwertgekIirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein,
mir woll'n des Stroms Befreier sein!
:,: Lieb' Vaterland, sollst ruhos sein,
bis wieder frei der deutsche Rhein! :,:

2. Durch Hunderttausend zuckt es schnell,
in aller Augen blitz' es hell:
Auf, Iaßt uns ringen, fromm und stark,
um unsre alte Landesmark!
:,: Lieb' Vaterland, sollst ruhlos sein,
bis wieder frei der deutsche Rhein! :,:

3. Nun blickt hinauf in Himmelsau'n,
wo Heldenväter niederschau'n,
und schwört mit stolzer Kampfeslust:
Du Rhein bliebst deutsch in uns'rer Brust!
:,: Lieb' Vaterland, sollst ruhlos sein,
bis wieder frei der deutsche Rhein! :,:

4. Wenn uns ein Tropfen Blut noch glüht,
noch uns're Faust den Degen zieht,
noch unser Arm die Büchle spannt:
Wir holen heim geraubtes Land!
:,: Lieb' Vaterland, sollst ruhlos sein,
bis wieder frei der deutsche Rhein! :,:

5. Zum Schwur die Händ' erhoben sinb,
Iaßt Fahnen flattern hoch im Wind:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein,
mir alle woll'n Befreier sein!
:,: Lieb' Vaterland, sollst ruhlos sein,
bis wieder frei der deutsche Rhein! :,:

6. Wenn frei des Stromes Woge rinnt
unb Siegesfahnen meh'n im Wind,
wenn Schlesiens Gaue wieder frei,
das alte Lied gesungen sei
:,: Lieb' Vaterland, magst ruhig sein,
fest steht und treu die Wacht am Rhein! :,:

Eine andere Freikorps-Fassung steht im „Stahlhelm-Liederbuch“, Lan­gendreer 1928. Mir fällt beim Lesen auf, wie selbstverständlich über die Benennung der Flüsse der historisch richtige Zusammenhang mit dem Deutschlandlied hergestellt wird, und zweitens: daß in den zwanziger Jahren, d. h. in der äußersten Zuspitzung der Klassenkämpfe, offenge­legt wird, daß es in Wirklichkeit gar nicht um den französischen Erbfeind geht, wenn zur Militarisierung und zum Nationalismus die Trommeln dröhnen. Der Feind steht deutlich innen: „das törichte Geschmeiß / das nichts von deutscher Ehre weiß“, „Levy, Cohn und Sobelsohn“ (statt Krupp und Thyssen) und „der rote Unverstand“, und alles faßt das Lied dann traditionsgemäß als „welsche Brut“ zusammen. Klar, wenn „deutsch“ die Guten sind, müssen alle Bösen ausgebürgert werden, nach Paris oder Kanaan.

1. Es geht ein Raunen durch das Land
vom Alpenfels zum Meeresstrand,
vom Belt zum alten, deutschen Rhein:
Wer will des Landes Retter sein?
Wer schützt der Deutschen Ehr' und Gut
Wer hat zum harten Kampf den Mut?
:,: Wer will vom Belt zum Rhein
Befreier sein? :,:

2. Seht ihr die fremden Fahnen weh'n
Könnt ihr die fremden Vögte seh'n?
füblt ihr den Druck der rauhen Hand,
kennt ihr die Schmach im Vaterland?
Kennt ihr das törichte Geschmeiß,
das nichts von deutscher Ehre weiß?
:,: Auf auf, zum Kampf heran
drum alle Mann! :,:

3. Es herrscht der rote Unverstand
mit Lug und Trug, Raub, Mord und Brand,
erstickt der Freiheit letzten Rest,
solang' man blind ihn wütend läßt.
Drum, Deutscher, auf! Die Not ist groß,
sind wir nicht den Bedrücker los!
:,: Deutsch sei mit Herz und Hand
fürs Vaterland! :,:

4. Vom Fels zum Meer, vom Belt zum Rhein
soll DeutschIand für die Deutschen sein!
Herunter vom Despotenthron
mit Levy, Cohn und Sobelsohn!
Der ist des Vaterlands nicht wert,
der nicht den deutschen Namen ehrt!
:,:.frisch, frei und hochgemut
gen welsche Brut! :,:

5. Der Schande ist vollauf genug!
herbei von Amboß, Pult und Pflug!
Geschlossen treten wir zur Wehr
und stellen Deutschland wieder her.
Herbei zum Kampfe, Mann für Mann,
wer noch für Freiheit fechten kann!
:,: Reicht euch zum Schwur die Hand:
fürs Vaterland! :,:

Zum Abschluß dieses Kapitels eines der zahlreichen selbstgemachten Soldatenlieder aus dem Zweiten Weltkrieg, das zeigt, wie folgenreich jene hundert Jahre alte Parole in deutsche Männerköpfe und ins Gemüt eingebleut worden war. Bunkerlied, bei Kehl (Baden) am Rhein gesungen 1939/40 während der Wacht am Westwall.

1. Gebt acht! der Feinb hört mit!",
der Hauptmann hat's gesagt.
Verstummt ist jedes Lied,
gedämpft der Tritte Schlag.
Denn zu des Bunkers Haus
ziehn wir in dunkler Nacht.
„Nun, Kamerad, nun ruhe aus,
jetzt halten wir die Wacht."
Refrain:
Wenn die Granaten sprühn,
die Kugeln pfeifen - sst! - daher:
Hier stehen wir, du neben mir,
die starke deutsche Wehr.
Fest steht und treu die Wacht,
Die Wacht am Rhein.

2. Und gelb und grün und braun,
Beton wie die Natur,
ist unser Haus zu schaun,
wie Feld und Wald und Flur.
Franz wohnt im „strammen Max",
Franz wohnt in der „StahIbastei",
und Walter schläft auch tags
in der „Villa Sorgenfrei".
Wenn die Granaten ...

3. Im Bunker fehlt nur eins,
und das bist du, Marie!
Dich grüßt vom Strand des Rheins
die ganze Kompanie.
Doch du kannst ruhig sein,
denn wer den Westwall sieht,
stimmt trutzig mit uns ein
des Bunkermannes Lied:
Wenn die Granaten ... .






2. Das sozialdemokratische Lieb Vaterland (1971)

Hundert Jahre nach der deutschen Reichsgründung und dem phantasti­schen Erfolg der Wacht am Rhein hieß die nationale Vaterfigur nicht mehr Wilhelm, sondern Willy.

Eine Krise schien überwunden, links waren die Studenten von der Straße, rechts der Ex-Nazi Kanzler Kiesinger weg vom Fenster. Die Godesberger SPD als Volkspartei hatte sich angeboten, die Restnation zu reformieren, mit sich zu versöhnen, die Geschäfte anzukurbeln und die linken Kräfte „einzubinden“. Die Jugend sollte sich mit einem positi­ven, fortschrittlichen Bild des Vaterlandes identifizieren dürfen, und Friedenskaiser Willy Brandt trat im Ausland so oft und überzeugend auf, daß immer mehr positive Pressestimmen aus aller Welt eintrudelten, zum Schluß durfte er sogar in Stockholm mit Lorbeer und Palmwedeln be­kränzt aufs Siegertreppchen steigen.

So etwas schreit nach Hymnen. Und 1971 war es soweit: Bei Ariola erschien eine Single von Udo Jürgens, zunächst mit Riesenaufwand propagiert, Titel: Lieb Vaterland. Die Plattenhülle war sinnig schwarz­weiß-rot-gold gestreift, Versöhnung des obrigkeitstaatlichen (schwarz­weiß-rot) und demokratisch-republikanischen (schwarz-rot-gold) Deutschland. Ein Geschenk der Unterhaltungsindustrie an den deut­schen Käufer zur Hundertjahrfeier des Deutschen Reiches. Textautor: Der Satiriker Eckart Hachfeld.

Der Branchenkenner und Udo-Jürgens-Produzent Beierlein: „Vor drei Jahren hätten wir so etwas noch nicht gewagt.“ Andre Zeiten - andre Töne?
Hier zunächst der Text:

Lieb Vaterland, du hast nach bösen Stunden
aus dunkler Tiefe einen neuen Weg gefunden
ich liebe dich - das heißt, ich hab dich gern
wie einen würdevollen, etwas müden alten Herrn.

Ich kann dich nicht aus heißem Herzen lieben
Zuviel bist du noch schuldig uns geblieben
die Freiheit, die du allen gleich verhießen
die dürfen heute Auserwählte nur genießen.

Lieb Vaterland, magst ruhig sein
Die Großen zäunen Wald und Ufer ein
und Kinder spielen am Straßenrand
Lieb Vaterland!

Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken?
Für die Versicherungspaläste oder Banken?
Für die Kasernen, für die teure Wehr?
Wo tausend Schulen fehlen, tausend Lehrer und noch mehr!

Konzerne dürfen maßlos sich entfalten
im Dunkel stehn die Schwachen und die Alten
für Krankenhäuser fehlen die Millionen
doch neue Spielkasinos scheinen sich zu lohnen.

Lieb Vaterland, magst ruhig sein
Die Großen zäunen ihren Wohlstand ein
die Armen warten mit leerer Hand
Lieb Vaterland!

Lieb Vaterland, wofür soll ich dich preisen?
Es kommt ein Tag, da zählt ein Mann zum alten Eisen
wenn er noch schaffen will, du stellst ihn kalt
doch für die Aufsichtsräte sind auch Greise nicht zu alt.

Die alten Bärte rauschen wieder mächtig
doch junge Bärte sind dir höchst verdächtig
das alte Gestern wird mit Macht beschworen
das neue Morgen, deine Jugend geht verloren.

Lieb Vaterland, magst ruhig sein
doch schlafe nicht auf deinen Lorbeern ein
die Jungen warten auf deine Hand
Lieb Vaterland!

Hachfeld hat sich bemüht, möglichst viele Gedanken und Gefühle im Interesse der Reform- und Volkspartei SPD unter einen Hut zu bringen: Zunächst für die Älteren die Anknüpfung an die schicksalschweren Nachkriegsjahre („böse Stunden“) und die offenbar lebensnotwendige Vergangenheitsverdrängung („aus dunkler Tiefe“). Die Nation als Vater bleibt unversehrt, ist nur etwas müde, schließlich ist sie ja schon 100 Jahre alt. Braucht aber ein paar Frischzellen: jugendliche Kritik und - Reformen. Also erst mal meckern lassen: Es gibt soziale Ungerechtigkei­ten! Die Sozialbindung des Eigentums wird im Freizeitbereich durch private Zäune verhindert! Spielplätze, Schulen, Krankenhäuser, insge­samt der Sozial- und Bildungsbereich braucht mehr Geld, vielleicht durch eine Steuerreform! Der Verteidigungshaushalt soll nicht so augen­fällig groß sein! Konzerne sollen sich nur „maßvoll“ entfalten (vielleicht mit Investitionslenkung?)! Flexible Altersgrenze bei der Pensionierung! (Heute wären wahrscheinlich noch Umweltschutz und Gleichberechti­gung dabei.)

Und was sucht in diesem Zusammenhang das Zitat aus der Wacht am Rhein? Beim oberflächlichen Lesen (beim Hören vergeht dieser Ein­druck sofort) könnte man meinen, das sei Ironie. Zum Schluß wird aber Hachfeld unzweideutig: „Der alte Herr“ (ein Zufall, daß gerade in der gutbürgerlichen Akademikersprache der Vater so genannt wird und in den Verbindungen die zahlenden Ehemaligen?) erwächst zu alter Größe, er, das Vaterland, die hundertjährige Nation Wilhelms und Willys, soll alle diese Mißstände beseitigen und der kritischen, unzufriedenen Ju­gend die Hand reichen, bevor sie etwa den Teufelspakt mit der Revolu­tion schließt. Wie Gottvater dem Adam in Michelangelos Fresko die Hand hinhält, genau so wartet (laut Hachfeld) Rudi Dutschke auf Willy Brandts erlösende Zuneigung. „Einbindung“ heißt diese Politik der bewußt mißverstehenden Umarmung.






Trotzdem: Warum soll sich ein Protestlied nicht auf nationale Tradi­tionen beziehen? Das haben die amerikanischen Protestsänger der sech­ziger Jahre doch auch gemacht (vgl. The Power and the Glory von Phil Ochs, oder der häufige Gebrauch von Liedern wie The Battle Hymn of the Republic). Stimmt.

Aber wenn diese Protestsänger an die Traditionen des „besseren Amerika“, des „amerikanischen Traums“ appellierten, dann konnten sie sich auf eine anti-koloniale Revolution, die Unabhängigkeits-Erklärung und die Menschenrechte berufen. Dann wollten sie den Widerspruch zwischen den Ideen der demokratischen Nation und der Realität deutlich machen.

Das aber ist in keinem Punkt vergleichbar mit dem „alten Kriegs- und Sturmlied der Deutschen“, einer Tradition der Raubkriege, des Unterta­nenstaates, des nationalen Chauvinismus.

Andererseits: Was hätte Hachfeld wohl besser aufgreifen können, um die Kontinuität der Nation zu beschwören, als gerade die Wacht am Rhein?

Deutlicher wird die Bedeutung dieser SPD-Hymne, wenn man sie anhört:






Die beiden Strophen vor dem Refrain sind nicht für Männerchor ge­schrieben, sondern für einen Chanson-Star der Unterhaltungsindustrie­ - das ist der Unterschied zwischen 1871 und 1971. Udo Jürgens trägt sie innig bis dramatisch vor, jedenfalls ausdrucksvoll und rhythmisch etwas frei. Die Melodie - orientiert an französischen Chanson-Vorbildern, auch ein bißchen an Biermann - besteht aus einer einzigen Figur, die jeweils um einen Ton gesenkt wird, und einer monotonen Linie am Schluß. Die zweite Strophe wiederholt das Ganze mit leidenschaftlichem Aufschwung in der Terz drüber, landet aber immer wieder bei den gefühlvollen Schlußtönen wie vorher (e, d, c), wiederholt auch harmo­nisch den bei Chanson-Poeten beliebten Septimen-Durchlauf (hier: von g-Moll über c7, F7, B7, Es7 und c auf D), der alles so schön im Fluß und in Spannung hält. An den Strophen allein ist es dem Komponisten nicht gelegen, auch die lauernde Schlußzeile auf einem einzigen Ton (d) zeigt an: das Wichtigste kommt noch, ihr werdet staunen und aaahhh! und ooohhh! und Teufelnocheins! Was kommt heraus aus diesem Ei, das uns Ariola ins Nest gelegt hat? Der Pleitegeier, der alte Kaiserton, Teil III der Wacht am Rhein. Ohne Überleitung oder Bruch, ganz mühelos kommt aus der Schlußharmonie der Strophen (D-Dur) der Anfang des :Refrains (das Wacht am Rhein-Zitat), ebenfalls mit D-Dur (hier als Dominant-Akkord von G-Dur; denn wenn die kritischen Strophen im allseits beliebten Marsch angelangt sind, verwandelt sich logischerweise auch das umflorte g-Moll in G-Dur). D. h., während wir noch dem sozialkritisch parlierenden Sänger zuhören, sind wir harmonisch schon hineingeführt worden in die Melodie, die ihren traditionellen Gefühls­werten und ihrem Signalcharakter nach alles modische Kritik-Gerede Lügen straft. In Worten wird der Bezug auf Die Wacht am Rhein niemals genannt, (auch nicht bei der Angabe des Komponisten; da steht schlicht: Udo Jürgens), aber in Tönen sehr wohl: Denn hinter dem Jubelauf­schwung „die Jugend wartet auf deine Hand“ (Muster: „Es ist so schön, Soldat zu sein, Rosemarie!“) landet der Chorus auf den drei halben Noten schrittweis zum Grundton hinunter (hier: h - a - g), eben: die Wacht am Rhein.






Das Arrangement schließlich vernichtet jeden Hauch von Kritik. So­bald der bekannte Refrain beginnt, verfällt das Schlagzeug in einen dumpfen Militär-Schlag, und auch der Schellenbaum darf wieder ...

Groteskerweise wurde dieses Lied bald wieder aus dem Verkehr gezogen, weil Hachfelds Sozialkritik aneckte. Udo kam in den Geruch, links zu sein und mußte sich öffentlich in Interviews verteidigen: „Warum sollte ich nicht als Wohlhabender ein soziales Empfinden ha­ben?“ Beierlein hatte sich verschätzt: Im Gegensatz etwa zum französi­schen Chanson-Betrieb kann es sich in der BRD ein Star wie Udo Jürgens nicht leisten, mit roten Konservendosen am Schwanz durch die Medien zu scheppern - auch wenn an dieser Röte genau besehn nichts rot ist, das Gerücht genügt schon. (Niemand fand es geschäftsschädigend, als Udo Jürgens vor der 69er Wahl in der BILD-Zeitung erklärte, er fände Kiesinger in Ordnung, er wünschte ihn sich manchmal nur etwas här­ter ...). Soviel zur geschäftlichen Seite, ein Reinfall.

Politisch betrachtet ist das Lied ein Glücksfall: Deutlicher kann man die Politik der Volkspartei SPD nicht mit musikalischen Mitteln darstel­len. Da wird vorgeführt, wie ein bißchen Sozialkritik durch die beflissene Öffnung nach rechts und hinten erschlagen wird von dem, was durch diese Öffnung hereinkommt. Das mächtige Muster der Wacht am Rhein erschlägt jedes Wort der Strophen. Dieses teutonische Kriegsroß kann man nicht einspannen und sanft woandershin lenken, man kann es nur bekämpfen. Aber hat die SPD je etwas anderes gemacht, als sich von Gäulen nach rechts ziehen zu lassen, die sie dachte am Zügel zu führen? Sie wollte den Rechten gegenüber nicht als „vaterlandslos“ dastehen - und wurde 1914 Kriegspartei. Sie verstieß ihren Liebknecht - und be­kam Noske. Sie erklärt die Internationale zur Teufelsmusik - und landet bei der Wacht am Rhein.

„Lieb Vaterland“ im Karneval

Man könnte einwenden, das alles sei Spekulation, vielleicht habe der Plattenhörer das Lied ganz anders aufgefaßt. Man kann ja nichts Genau­es wissen.

Doch, etwas kann man wissen. Nämlich wie das Lied von Hachfeld/ Jürgens in Gebrauch genommen wurde.

Frühjahr 1972, Fasnet in Konstanz am Bodensee. Großes Narrenfest eines jener Fasnachtsvereine, deren Lustigkeit aus derselben Zeit stammt wie die patriotischen Rheinlieder.

(Entgegen anderslautenden Gerüchten stammt unser Karneval nicht aus dem Mittelalter. Die bürgerlichen Karnevalsvereine, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegründet wurden, haben mit allem Ernst die unsauberen, frechen, blasphemischen, gefährlich nach Freiheit stin­kenden Elemente des mittelalterlichen Karnevals ausgerottet, statt des­sen eine vaterländische, saubere und durchorganisierte Vereinsmeierei entwickelt, manchmal kritisch, aber ‚im Rahmen‘. Gesamttendenz: Im Zweifelsfalle lieber rechts. 1978 schrieb z. B. der Mainzer „Bajazz mit der Laterne“ Willi Scheu Texte für die „Mainzer Hofsänger“, die streng ins Gericht gingen mit dem Maskenkünstler Wallraff und dem Liederma­cher Biermann, aber für Rudolf Heß Amnestie forderten: „Ein Männ­lein sitzt in Spandau ganz still und stumm“. Diese politischen Lieder strich das Fernsehen für die große Karnevals-Show „Mainz wie es singt und lacht“, weil sie zu offensichtlich reaktionär waren. Prompt beklagten sich Karnevalsfunktionäre: In der hundertvierzigjährigen Geschichte des Vereins sei dies der erste Fall von Zensur ... Keine Zensur in der finsteren Zeit nach 1848? Keine Zensur im wilhelminischen Reich? Keine Zensur unter den Nazis? Wie schön für Euch!)

Konstanz 1972:
Die Witze der Narren auf der Bühne trafen wie immer ins Schwarze:

Und dann kam - wie an vielen anderen Orten auch - das Fasnachtslied der Saison, hier auf Konstanz umgemünzt:

Constantia, du hast in schwachen Stunden
noch immer keinen klaren Weg gefunden
man liebt dich, man steht dir immer nah
wie einer alten, etwas müden Omama ...

Man kann dich auch aus vollem Herzen lieben
drum sind auch soviel Preußen hier geblieben
wir wollen uns die Zukunft nicht vermiesen
es gibt hier Schönes auch noch zu genießen

Constantia, magst ruhig sein
doch schlafe nicht mit offnen Augen ein
das Glück ist auch für dich noch da
Constantia!

Constantia, wofür soll man dir danken?
für Sparkassenfilialen oder Banken?
für Nachtlokale überall im Städtchen?
oder für tausend zuckersüße leichte Mädchen?

Die alten Bärte rauschen hier noch mächtig
und Wohnungsmakler, die verdienen prächtig
auch alte Zöpfe werden noch beschworen
und trotzdem ist nicht alles hier verloren

Constantia, magst ruhig sein .. .

Die Änderungen im Text sind begreiflich: Erstens wurden die Schlagzei­len der nationalen Presse durch die Schlagzeilen der Lokalpresse ersetzt, und zweitens das Protestpathos des Originals abgeschminkt. Aber was geblieben ist, hat sich im Gebrauch verstärkt: Sobald die vertrauten Töne des Refrains erklangen, mußten und wollten alle mitsingen und mitklat­schen und wolltens noch mal und noch mal. Riesige Begeisterung. Ob das der Provinzstadt Konstanz galt? Kaum anzunehmen. Offenbar ist diese Musik ein Signal, das einen Sack von Einzelgefühlen aufschnürt, die endlich mal raus dürfen. Woher die Leidenschaft auch immer kommen mag, sie sammelt sich im großen, seit über hundert Jahren propagierten großen Nationalgefühl, musikalisch ausgedrückt im Marsch, im deut­schen Marsch. Zwar ist die musikalische Grundbefindlichkeit des moder­nen Karnevals sowieso der Narhalla-Marsch, und das Mitklatschen ist immer ein Ersatz fürs Marschieren (wurde jemals ein Walzer mitgeklatscht?), aber bei diesem Lied kam hörbar mehr raus als bei anderen:
Es ist, wie es ist. Es war schon immer so. Es soll auch so bleiben. Wir gehen einer sicheren Zukunft entgegen, erst recht, wenn wir Angst haben. Wir schützen uns durch gleichen Schritt und Tritt. Wir hören ein inneres Kommando. Der Weg ist vorgezeichnet. Wir bleiben Konstant. (Constantia: = Festigkeit, Beharrlichkeit, Elefantenarsch.)

Alfred Rosenberg läßt grüßen: „Die deutsche Nation ist eben drauf und dran, endlich einmal ihren Lebensstil zu finden. Es ist der Stil einer marschierenden Kolonne, ganz gleich, wo und zu welchem Zweck diese Kolonne eingesetzt sein mag.“

(1936; nach J. Wulf: Musik im Dritten Reich, Reinbek 1966, S. 263).

Mainz, wie es schunkelt
Die Lorelei hält immer noch jahraus, jahrein
Die Wacht am Rhein, die Wacht am Rhein!
Den großen Fels, den kriegen die auch niemals klein
Die Wacht am Rhein, der Wacht am Rhein!

Der Stein der Lorelei wird nie im Rhein versinken
Das wird in tausend Jahren noch wie heute sein.

Die Lorelei hält immer noch ...

Die Welt, die geht rauf und geht runter
Es knallt und es kracht auch mitunter
Wenn alle die Nerven verliern
Uns kann doch gar nix passiern!

Die Lorelei hält immer noch .. .

Der Stein der Lorelei wird nie im Rhein versinken
Das wird in tausend Jahren noch wie heute sein.

Die Lorelei hält immer noch jahraus, jahrein
Die Wacht am Rhein, die Wacht am Rhein!
Den großen Fels, den kriegen die auch niemals klein
Die Wacht am Rhein, der Wacht am Rhein!

(Und noch mal dasselbe einen Ton höher)

Mainzer Karneval-Schlager,
gesungen von Lokalmatador Ernst Neger.
Schunkelwalzer mit eingesprengten militärischen Bläsersignalen.
Als Ouvertüre die letzte Zeile aus der Originalversion der Wacht am Rhein.

3. Die regionale Andere Wacht am Rhein (1974 ff.)

Dieses Kapitel wird sich von den anderen unterscheiden. Weil ich das Lied selber geschrieben und verbreitet habe, weiß ich einerseits besser Bescheid über Einzelheiten, brauche keine historischen Bücher zu wälzen, andererseits stoße ich dauernd an Schamgrenzen. Ein erstes „objektives“ Manu­skript mußte ich wegwerfen, der Autor kam praktisch nicht drin vor. Wenn wir nicht zu mehreren diskutiert hätten, wäre es bei dieser Objektivität geblieben, und ich hätte mir einige Überraschungen erspart, die nicht nur freudige waren.

Zuerst: Die alte Parole im neuen Licht besehen.

Am 20. September 1974 besetzten die damals 21 badisch-elsässischen Bürgerinitiativen den Bauplatz der CWM (Chemische Werke München) auf dem Gelände der elsässischen Gemeinde Marckolsheim. Die Bürger­initiativen hatten vorher öffentlich angekündigt, sie wollten mit allen Mitteln, auch mit Platzbesetzungen, das gefährliche Bleichemiewerk in Marckolsheim und das Atomkraftwerk in Wyhl verhindern. Während der ersten Besetzungs-Woche diese Szene:

Ein normaler, naßkalter Morgen; die Besetzer essen, trinken, machen Feuerchen, bosseln an Zelten und Hütten, schwätzen, stehen um einen Traktor rum, warten auf noch mehr Leute. Die nassen Transparente hängen schlaff durch, Aufschriften: „La democracie a du plomb dans l'aile!“ („Die Demokratie hat Blei im Flügel“) oder „L'Alsace n'est pas une poubelle!“ („Das Elsaß ist keine Müllhalde“). Der allen bekannte Schullehrer Gilg aus Marckolsheim (Umweltschützer und Sozialist, PSU) bringt ein neues Transparent herüber, wir pflanzen es in den Matsch. Auf seinem Leintuch steht wörtlich: „Deutsche und Franzosen gemeinsam - Die Wacht am Rhein.“ „Gute Idee“,sagt jemand vergnügt. - „Na, ich weiß nicht recht“, jemand anders, „ist das nicht zu heikel? Alle diese schlimmen Erinnerungen?“

Aber der Lehrer Gilg hat sich den Spruch gerade wegen der Erinne­rungen ausgedacht. Sein Gedanke war schlagend: Nimm die alte, schwerbeladene Parole des deutschen Nationalismus und des Krieges, und konfrontiere sie heute 1974 mit der Wirklichkeit im Grenzland. Und schon verwandelt sich die Bedeutung der Wörter. Der Rhein verwandelt sich aus dem „deutschen Schicksalsstrom“, dem Symbol, zurück in Was­ser, lebensnotwendig für die Anwohner auf beiden Seiten, gefährdet durch die Industrieabfälle aus beiden Ländern. Die „Wacht“ ist nicht mehr nötig gegen den „Erbfeind“, den Verwandten von gegenüber, der einen anderen Paß hat und den sie in eine andere Uniform gesteckt haben, sondern gegen die eigenen Herren in beiden Ländern, die Rü­stungsbosse von damals und heute, die international längst verflochtene Atomindustrie. Ist er nicht schön, dieser Gedanke? Das Kanonenfutter aus drei Kriegen zieht die Uniform aus, verweigert die Anerkennung der Grenze und hält gemeinsam in Arbeits- und Alltagskleidung die Wacht gegen seine Herren? Das ist ja auch die Geste der revolutionären Solda­ten, die sich über den Schützengräben verbrüdern und die Gewehre auf die eigenen Generäle richten. Und: wir machen nicht irgend etwas Neu­es, was Modernes, sondern ganz bewußt das Gegenteil vom Bisherigen. Deshalb ist es sinnvoll, die alte Parole nicht zu vergessen oder zu verstecken, sondern öffentlich umzudrehen. Der Widerspruch wird plakatiert.

Der Gedanke des Lehrers Gilg hat den Leuten aus den Bürgerinitiati­ven gefallen, und nach und nach setzte sich der Begriff „Wacht am Rhein“ für unsere Aktionen in Wyhl und Marckolsheim durch, auch in der Presse und im Funk.

Das Lied habe ich im Oktober 1974 geschrieben und während einer Sonntagskundgebung auf dem besetzten Platz gesungen. Währenddes­sen verteilten Freunde ein Flugblatt mit Text und Melodie, unterzeichnet mit: „Jos Fritz, 78 FR-Lehen, Bundschuhstr. 1525.“

Die Wacht am Rhein

1 Im Elsaß und in Baden
war lange große Not
da schossen wir für unsre Herrn
im Krieg einander tot.
Jetzt kämpfen wir für uns selber
in Wyhl und Marckolsheim
wir halten hier gemeinsam
eine andere Wacht am Rhein.
Auf welcher Seite stehst du?
He! Hier wird ein Platz besetzt.
Hier schützen wir uns vor dem Dreck
nicht morgen, sondern JETZT!

2 Herr Rosenthal hat einen Plan,
der uns gar nicht gefällt.
Dem Rosenthal ist das egal,
den interessiert nur Geld.
Uns aber interessieren
der Fluß, der Wald, das Feld
und unsere Gesundheit
kauft uns keiner ab für Geld.

3 Wer will den bleiverseuchten Wein
Blei-Milch, Blei-Hecht, Blei-Aal?
Wer ißt ein Rindersteak mit Blei?
Vielleicht Herr Rosenthal?
Aber nein, der hält sich sehr gesund
sauber und elegant
­Bloß seinen CWM-Mülleimer
stellt er in unser Land.

4 Zu Straßburg auf der Schanz
residiert der Herr Präfekt,
der hat bei der Chemie-Industrie
das große Geld geleckt.
Sicurani, Sicurani
du hast uns angeschmiert!
Aber paß bloß auf: das Elsaß
hast du nicht kolonialisiert.

5 Am zwanzigsten September
da wars schon höchste Zeit,
da machten wir uns auf dem Platz
von CWM schön breit.
Und als er uns behindert hat,
Sicurani, der Wicht,
da machten wir die Grenze
auf den Brücken schnell mal dicht.

6 Am Limberg über Sasbach
da wächst ein roter Wein.
Der schmeckt nicht schlecht, das ist uns recht
so soll's auch weiter sein.
Am Anfang waren drei erst wach
jetzt wacht der ganze Ort
die schieben mit Traktoren
jeden Rosenthal hier fort.

7 In Endingen ist die Rebumlegung
endlich geschafft,
aber nicht dafür, daß Rosenthal
seinen Bleistaub rüberpafft.
Drum hört den Apotheker,
der laut und deutlich spricht:
Es gibt für vieles Medizin,
doch für Bleivergiftung nicht.

8 In Weisweil im Gemeindehaus
da fing der Kampf mal an,
da wird nicht nur gebetet,
da wird auch was getan.
Und in die „Fischerinsel“
passen EINUNDZWANZIG rein,
da haben wir beschlossen:
KKW + BLEIWERK: NEIN!

9 Es schlafen einige sehr schlecht
in Wyhl, in Wyhl, der Stadt,
weil dort der Bürgermeister
uns glatt verschaukelt hat.
Jetzt sitzt er mit Pistole
in seinem Judas-Haus
und denkt: „Hätt ichs doch nicht getan,
bald ist es mit mir aus!“

10 In Mackenheim, in Mackenheim
da kommt es knüppeldick:
da steht ein großer Galgen
dran hängen sieben Strick.
Darunter steht betreten
der halbe Gemeinderat,
der schon in BAYERS Schlinge
den blöden Schädel tat.

11 Nach Riegel fahren viele
auf Arbeit übern Rhein,
die sagen: „Wenn das Bleiwerk kommt,
fall ich als erster rein.
Was nützt mir so ein Arbeitsplatz,
an dem ich bald verreck?
Herr Rosenthal, hau ab, du Sack,
geh weg mit deinem Dreck!»

12 Und kommt der Staatsanwalt
und kommt die blaue Polizei
und kommen sie im Morgengraun -
uns ist das einerlei.
Wir sind uns nämlich einig
und werden täglich mehr,
und wenn wir uns mal einig sind,
dann sind wir immer mehr!

13 ..Und wenn sie uns auch sagen,
die erste Bürgerpflicht
wär Ruh auf Treu und Glauben,
wir glauben ihnen nicht.
Der Glaube hatte nichts genützt
in Stolberg und Nordenham,
Wir haben nicht vergessen
DDT und CONTERGAN.

14 Im Elsaß und in Baden ... (s. o.)

Texterklärungen:

1. Strophe: Erklärt die neue Bedeutung der alten Parole.

2.-4.: Breitet die gängige Argumentation gegen das Bleichemiewerk aus. „CWM-Mülleimer“: s. o. „Sicurani“: Der zuständige Präfekt, Korse, ehemaliger Kolonialbeamter in Polynesien. Für die Elsässer eine Provokation:

5.: Die wichtigsten und wirksamsten Aktionen, von uns selbst als „historisch“ verstanden: Besetzung und Grenzblockade.

6.-11.: Beschreiben den regionalen Zusammenhang der Bewegung. Zeigen, an welchen Orten schon was passiert, um andere zu ermun­tern. Sagen aber auch: was da und dort gemacht wird, ist wichtig, wichtig genug z. B. für ein Lied.

12.-13.: Die gängige Argumentation für eine Besetzung. Stolberg und Nordenham waren wegen der Bleikatastrophen bekannt (am Kai­serstuhl bekannter als in Bremen), das Argument mit DDT kam von den Bauern, das mit Contergan von den Frauen.

Offenkundig, daß dieses Lied vollkommen an die aktuellen und regiona­len Besonderheiten des Kampfes in Wyhl und Marckolsheim gebunden ist. Außerhalb der Region konnte es nur mit umständlichen Erklärungen gesungen werden, als tönendes Dokument aus der Südwestecke.

Trotzdem wurde das Lied auf Flugblättern, in Liederheften und auf zwei Schallplatten in der ganzen BRD, auch in der Schweiz und in Österreich verbreitet. Das lag nicht am Lied, sondern an der Tatsache, daß der Kampf und der Erfolg von Wyhl Gruppen an anderen Orten interessierten, daß Wyhl zum Modell wurde.

(Hier verschränkt sich die Sache allerdings: Es wuchs ja nicht nur die Nachfrage nach Dokumenten aus Wyhl, wir machten auch Propaganda so zwischen Kiel und Wien fast überall, mit Filmen, Vorträgen, Dia­Shows und eben auch Liedern. Wir wollten Unterstützung in der Form, daß auch an anderen Orten der Widerstand gegen die Atomindustrie losgeht. Die Parole „Kein KKW in Wyhl - und anderswo auch nicht!“ stammt von der Badischen Fraueninitiative. Bei einem Folk-Festival z. B. kam erst der Song, weil da halt Gesang erwartet wird, und dann Argumente und Information. Umgekehrt verläuft es bei einer Umwelt­schutzveranstaltung, da sind die Lieder das Zusätzliche.)

Die Melodie der Anderen Wacht am Rhein

Die Originalmelodie der alten Wacht am Rhein war mir nicht geläufig, dazu bin ich zu spät geboren. Als ich sie in einem Liederbuch nachschlug, erkannte ich zwar einige Stellen als „schon mal gehört“, konnte aber nicht damit umgehen. (Die älteren Kaiserstühler Liedermacher hatten solche Widerstände nicht. So hat z. B. Ernst Schillinger aus Ihringen Wohlauf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd (Wallensteins Lager) neu getextet: Auf, auf, Kaiserstühler, in den Wald, nach Wyhl!, und der Männergesangverein Weisweil machte eine Wyhl-Fassung auf Freiheit, die ich meine von Max von Schenkendorf, aus den „Befreiungskriegen“. Für sie ist die Männergesangs-Tradition des 19. Jahrhunderts noch prä­sent.)

Die „regionale“ Musik, d. h. landläufige Volksliedmelodien und Text im alemannischen Dialekt, war damals, Herbst 1974, noch nicht aktuell. Die elsässischen Dialektsänger waren noch zu weit von den Bürgerinitia­tiven weg, und wir vom Dialekt-Singen. Das ging erst mit In Mueders Stübele los, Februar 1975, und zwar auf Anregung von Meinrad Schwö­rer aus Wyhl.

Die Musik der deutschen Arbeiterbewegung, mit der ich in dieser Zeit beschäftigt war, klang den Leuten aus der Region sehr fremd in den Ohren, sehr beunruhigend. So wurde z. B. eine Wyhl/Marckolsheim­Fassung auf Der schlimmste Feind (Tucholsky/Eisler) nur von den jun­gen Linken aufgegriffen, an den Dörfern ist das Lied einfach abgetropft, vielleicht weil es so radikal klang, so aktivistisch mit diesem „Vor­wärts!“-Ton. Wenn überhaupt etwas an Erinnerung an Lieder aus den zwanziger und dreißiger Jahren da war, dann war die mit Sicherheit nicht positiv besetzt.

Für den geplanten Zweck, ein von vielen gemeinsam singbares Platz­besetzerlied, ging auch der Typ „KKW Nein-Rag“ nicht.

Der Rag, geschrieben Juli 1974, war mehr für die Studenten: Die amerikanische Musik (ich kannte sie von der Phil-Ochs-Fassung Draft Dodger Rag) ist kraus, lustig, zum Tanzen, ironisch und frech. Der Text stellt die Verhältnisse zwischen Atomindustrie und „demokratischen“ Institutionen dar wie im Kasperle-Theater, rücksichtslos. Rücksichtslos war auch die Plattenaufnahme des Rag für unsere Single Wacht am Rhein: alles etwas schief, hingefetzt, mit improvisierten Gesangszusätzen und Zwischenrufen, die den Liedtext oft übertönten. Viele Kaiserstüh­ler, die das hörten, glaubten eher an Aufnahmefehler als an Absicht, unseren absichtlichen Spaß. Rücksichtslos fanden auch einige verant­wortliche BI-Mitglieder den ersten Einsatz des Rag, als wir das Lied mit Blaskapelle und über einen Lautsprecher von außen in den Wyhler Erörterungstermin hineinspielten, um zu stören. (Zwar hatten uns ande­re Kaiserstühler dazu aufgefordert, aber die waren nicht so verantwort­lich.)

Solche mehr oder weniger klaren Überlegungen führten dann zu dem Versuch mit dem amerikanischen Gewerkschaftslied Which Side Are You On?, das ich schon lange aus Liederbüchern und von einer Platten­aufnahme mit Pete Seeger kannte. Im Gegensatz zum Rag, in dem es keine Ruhepunkte gibt und der zwingt, immerzu und ziemlich schnell einen silbenreichen Text zu singen, hatte dieses Lied den Vorteil der klaren Strophengliederung und des eindeutigen Refrains, dessen erste Zeile ich übernahm: Which side are you an?- Auf welcher Seite stehst du? Das war die tägliche Frage der Militanten an alle anderen Betroffenen aus der Region, die noch unsicher bis neugierig unsere Aktionen wie die Besetzungen (schon eine Art Propaganda der Tat) beäugten. In dieser Zeit (Herbst 1974) wurde auch oft davon gesprochen, daß unsere Aktion nur gelingen kann, wenn - genau wie beim Streik - die Betroffenen, gemeinsam handeln.

Zusätzlich fand ich es gut, daß gerade wir demonstrativ ein Lied der Arbeiterbewegung benützen, demonstrativ gegen die Demagogie, die auch damals schon von oben kam und Arbeiter- und Bauerninteressen gegeneinander ausspielen sollte.

Soweit die Gründe aus dem Kopf.

Dagegen bzw. dazu setzt Peter andere Überlegungen: Die Wacht am Rhein (die Andere) ist nicht zufällig ein verbreitetes Massenlied gewor­den, sie ist auch musikalisch zugeschnitten auf Gefühle und Muster, die weit herkommen und auch bei den Älteren ganz bestimmte Reaktionen ausgelöst haben, besonders in der ländlichen Region um Wyhl.

Auffallend ist der Bekenntnischarakter (vor allem 1. Strophe und Refrain) des Liedes und der Bekenntnischarakter im Gebrauch, d. h. mit welcher Haltung Alte und Junge in besonders wichtigen Situationen s gesungen haben. Drei Beispiele:

  1. Als die Polizei im Morgengrauen des 20. Februar 1975 den besetzten Platz in Wyhl räumte, mit Wasserwerfer und Prügeln auf die Leute losging, die sich eng aneinandergedrängt hatten, um sie einzeln wegzu­schleifen und zu verhaften, sangen alle unablässig dieses Lied, wieder­holten die Strophen, immer wieder dann der Refrain. Die Stimmung war extrem erregt, das Gefühl tatsächlich von „höchster Not“ war da, das Singen sollte trösten und Kräfte mobilisieren. (Ein gewaltfreier Widerstand ist psychisch viel anstrengender, als wenn man seine Ag­gressionen auskotzen kann.)

  2. Ein Jahr später wurde einer unserer Besetzerfreunde aus dem Elsaß, Raymond Schirmer, wegen totaler Kriegsdienstverweigerung vom Militärtribunal in Metz zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Wir (vor allem Elsässer) machten im Gerichtssaal aus Protest ein Sit-in und sangen, ziemlich beängstigt, umstellt von schwerbewaffneten Bürger­kriegs-Polizisten u. a. We shall overcome, Le deserteur (ein Lied von Boris Vian gegen den Militärdienst im Algerienkrieg) und die Wacht am Rhein - lauter Bekenntnislieder.

  3. Als 1976 im Zuge der Umarmungspolitik die CDU-Fraktion im Wyh­lerwald auftauchte und mit uns diskutieren wollte, beharrte der Frak­tionsvorsitzende Späth darauf, nur außerhalb des illegalen Geländes zu reden. Die AKW-Gegner empfanden das als Provokation, und Heinz Siefritz (Elektromeister aus der BI Weisweil) schnappte sich ein Megaphon und sang demonstrativ: „Auf welcher Seite stehst du, he? Hier wird ein Platz besetzt!“

Nun liegt es wohl in solchen Situationen keinem Kaiserstühler nahe, sich auf die Kampferfahrungen der amerikanischen Gewerkschaften zu beziehen. Die „Unions“ sind hier einfach nicht bekannt, und ihre Lieder auch nicht. Aber etwas anderes ist bekannt: die Geste der Melodie. Das amerikanische Original klang noch so:






Für die Andere Wacht am Rhein hat sich da allerhand geändert: Zuerst wurden mal beide Teile verdoppelt, sowohl jede Strophe als auch der Refrain. („Which side are you an?“ genügt im Streik. Platzbesetzungen sind nicht so selbstverständlich. Deshalb kommt in unserer Fassung die Besetzung vor, die Begründung und der Hinweis, daß das keinen Auf­schub duldet: „Nicht morgen, sondern jetzt!“) Außerdem habe ich mir für unsere Zwecke die Melodie umgesungen. Sie klingt jetzt so:






Die veränderte Melodie ist - abgesehen von der aktivistischen Schluß­wendung mit Leitton gis - noch eindeutiger dorisch geworden als die alte Fassung. D. h., sie steht in einer Tonart, die älter ist als die Dur-Moll­Entwicklung und die seit dem 10. Jahrhundert „dorisch“ genannt wird.

Wenn man vom Grundton d ausgeht, unterscheidet sich die dorische Tonleiter von der Moll-Leiter durch eine große Sext und eine kleine Septim, also: d, e, f, g, a, h, c. Heißt der Grundton a wie in unserem Fall, unterscheidet sich die dorische Tonart vom a-Moll durch das fis. In diesem Ton stehen unzählige Volkslieder in allen möglichen Ländern. Bekannt sind zum Beispiel: So treiben wir den Winter aus oder der in der bündischen Jugend beliebte Shanty What shall we do with a drunken sailor. Bloß: in der Kaiserstühler Feierabendkultur existieren diese alten Volkslieder aus der Zeit vor der Dur-Moll-Unterscheidung nicht mehr, es scheint völlig unwahrscheinlich, daß jemand in der Wacht am Rhein­ Melodie etwas von weit her Überkommenes wiedererkennen konnte.

Aber es existiert das Kirchengesangbuch. Und da finden sich tatsäch­lich eine ganze Reihe dorischer Choräle, wie z. B. 0 Heiland reiß die Himmel auf! oder Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn, all die ihr seid beschweret nun, auf dessen Melodie seit dem Dreißigjährigen Krieg gesungen wird: Verzage nicht, du Häuflein klein.






Was verbindet sich mit der Erinnerung an Melodien in diesem Kir­chenton? Das Bekenntnis, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit in der Gemeinde, das Gefühl des höheren Rechts, dem im irdischen Jam­mertal nicht Rechnung getragen wird.

Kein Zufall, daß die zeitweilig sehr eindeutige und mutige Stellung­nahme einiger protestantischer Dorfpfarrer gegen das KKW in Wyhl für die Mobilisierung der Bevölkerung mehr bedeutet hat als jeder linke Aufruf. Kein Zufall, daß die Gesetzesübertretungen immer und überall begründet wurden mit dem höher stehenden Grundrecht, Menschen­recht, ja auch: göttlichen Recht, oft in einer Ausführlichkeit und Ernst­haftigkeit, die mich durchaus an die ernsthaften christlichen Begründun­gen der aufständischen Bauern von 1525 für ihre Taten erinnert hat.

Kein Zweifel, daß das Lied gerade wegen seiner Melodie im Kirchen­ton 1974/75 am Kaiserstuhl gepaßt hat. Und was mich betrifft, der die Melodie ausgewählt hat, so fällt mir jetzt nachträglich auch allerhand ein.

Für meine musikalische Erziehung spielte das evangelische Gesangbuch in Kindergottesdienst, Christenlehre und Kirchenchor eine wichtige Rolle; bis zur Unterprima wollte ich noch Pfarrer werden. Wenn ich heute nachts auf der Autobahn am Steuer einzuschlafen fürchte, singe ich ganz allein Choräle, und laut. Dieser Appell siegt immer gegen das schöne körperliche Bedürfnis nach Schlaf. Und der stärkste Appell ist ein Osterchoral aus dem 12. Jahrhundert: Christ ist erstanden, ebenfalls dorisch, und in der Melodie­führung der neuen Wacht am Rhein am nächsten verwandt:






Dieser Choral war der Schlachtgesang des Deutschen Ordens, der erfüllt von den allerchristlichsten Missionsidealen vom 13. bis zum 16. Jahrhun­dert als erobernder und kolonisierender Männerbund sein Unwesen in Polen, Livland, Kurland, Litauen und Ostpreußen trieb. Woher ich das weiß? Mit 15 Jahren trat ich einer evangelischen Jungenschaft „Die Deutschritter“ bei, einem Jungenbund, den ehemalige HJ- und Jung­volkführer in Baden organisiert hatten. Diesem Verein bin ich zwar entkommen und später bei einer Aktion gegen den § 218 aus der Kirche ausgetreten - aber die musikalischen Muster sitzen eben tiefer als die rationale Kontrolle reicht.

(In amerikanischen Liederbüchern steht, die Frau des Gewerkschafts­-Organisators Sam Reece, Florence Reece, habe das Lied Which Side Are You On? zur Melodie einer alten Baptistenhymne geschrieben; mehr zur Entstehungsgeschichte in der Nr. 3 (1978) der Zeitschrift „Anschläge“ des Archivs für Populäre Musik, Bremen)

Die Andere Wacht am Rhein mobilisiert zwar Gefühle, die aus der Kirchenliedtradition kommen, ist aber kein Choral geworden. Das liegt einmal am Text, der - abgesehen von der ersten und den letzten beiden Strophen - konkret ist, Geschichten erzählt, nach dem Vorbild von ameri­kanischen „Topical Songs“ oder mexikanischen „Corridos“, also orientiert ist an einem Liedtyp, der Informationen im Straßen- oder Alltagston vermittelt. Die Ermutigung wird auch nicht ideologisch ausgedrückt (16. Jahrhundert: „Gottvertrauen“, heute in der Linken manchmal ideologische Phrase: „Vertrauen in die eigene Kraft“), sondern fast ausschließlich durch die Erzählung nachprüfbarer Geschichten, mit der Haltung etwa: Das ist uns gelungen, das wurde gemacht, wir haben keinen Grund zur Resignation, Platzbesetzung ist möglich, es ist bewiesen.

Zum anderen liegt das Nicht-Choralmäßige am amerikanischen Filter, durch den die Melodie gelaufen ist. In Deutschland hat die alte populäre Musik (oft Tanzmusik) durch ihre Vergeistlichung an Leben verloren. Statt Leichtfüßigkeit dieser schleppende Trott des Gemeindegesangs, der einen halben Schlag hinter der Orgelführung herlatscht. In den USA war das anders: Im Pionierleben einiger weißer religiöser Gemeinschaf­ten, und dann vor allem unter dem Einfluß der Spirituals aus der schwar­zen Gemeinde haben die alten, aus Europa mitgebrachten Choräle wie­der an Leben gewonnen, das Kirchenlied-Singen wurde dort bewegli­cher, körperlicher. Von dieser rhythmischen Befreiung alter Melodien profitiert auch noch Which Side are You On?

Peter schreibt über die Melodie: Sie spricht ja nicht nur durch ihrem dorischen Intervallaufbau, sondern auch durch die Tonführung von einer ganz bestimmten Tiefe und düsteren Erregung. Wenn man anfängt, das Lied in normaler Tonlage zu singen, muß man im Refrain unheimlich in die Tiefe, kann nicht mehr laut singen, sondern muß halblaut brummen, die Stirn runzeln, den Unterkiefer vorschieben, überhaupt alle mimischen Gesten dräuender Düsterkeit und Beladenheit anstellen. Es ist schon da, das Bild vom großen, düster drohenden Haufen, der nur einmal erniedrigt wird, dann aber wie ein Mann losschlägt.

Gut, das ist ein Zug an der Melodie, muß aber nicht alles sein. Ich habe; schon erlebt, daß Tausende von Leuten zu diesem Lied getanzt und den Refrain mitgesungen haben, weil der Strophen-Sänger eben ein bißchen höher angefangen hatte. Und dann war die Stimmung nicht so düster sondern fröhlich: froh waren wir darüber, daß diese schönen Geschichten 1974 alle mal wirklich am Rhein passiert sind, und weil sie nicht die einzigen bleiben werden.

Also: Text und Rhythmus stehen in einem gewissen Widerspruch zum Choral-Typ, das hilft dem Lied auf die Beine. Ein kleiner Vergleich:
Eine ähnliche Melodie ist in den norddeutschen Bürgerinitiativen zur AKW-Hymne geworden:






Auch hier die Melodie trutzig, von weit her, mythisch, schicksal­schwer. Aber der Text paßt sich diesem Charakter voll an: Nicht mehr als drei Sätze, drei Parolen: Da ist eine gewaltige Gefahr, dagegen Wider­stand, und dann wohl auch „verzage nicht, du Häuflein groß!“.

Als ich das Lied zum erstenmal gehört habe, war ich deprimiert (Brokdorf, November 1976). In einem geordneten Haufen kamen die Bremer über Wiesen anmarschiert, ziemlich einheitlich gekleidet in oliv und gelb, mit einem Gesang, der war schon in der heroischen Defensive, bevor der Tanz noch losging. Ich dachte an den heldenhaften Untergang der Goten auf dem Vesuv, auch sie sehr fremd und sehr deutsch, so wie sich das Felix Dahn in „Ein Kampf um Rom“ vorstellt. Der Hymnencha­rakter des Kanons hat inzwischen zugenommen: Überall, wo die Linken mutig, aber in der Defensive, sich versuchte aneinander festzuhalten, wird das Lied gesungen. Gegend oder Anlaß sind beliebig. Und immer geht es schwer und ohne Auftakt vom Grundton abwärts ... So genau das Gegenteil von anderen Liedern mit allgemeinem Charakter: „Al­Ions, enfants de la patrie!“ oder „Wacht auf, Verdammte dieser Erde!“

(Zu diesem Kanon gibt es viele Texte, mal geht es um Bauern, mal um Seeleute, aber einer gefällt mir besonders:

Blut! Blut! Räuber saufen Blut!
Mord und Brand und Pulverdampf sind gut!
Hoch vom Galgen wimmerts
Hoch vom Galgen wimmerts:
Blut! Blut! ...

(Gesungen in der Jugendbewegung, fünfziger Jahre)
Zu dem Kanon noch ein paar Argumente auf S. 338 ff.

Verbreitung eines Flugblatt-Liedes

Die neue Wacht am Rhein wurde zunächst auf Flugblättern gedruckt Das gilt für alle Wyhl-Lieder. Im Winter 74/75 dann erschien die Single: „Die Wacht am Rhein“, herausgegeben von der Initiativgruppe KKW NEIN, Freiburg. Auflage: 5000. Verbreitet vor allem in der Region. (Für das eingenommene Geld wurden dann wieder Flugblätter gedruckt, Megaphone gekauft, Sirenen und andere nützliche Dinge.) Dann produ­zierten die badisch-elsässischen Bürgerinitiativen die LP „Lieder aus dem Freundschaftshaus“, Februar 1975, u. a. auch mit der Wacht am Rhein. Im März 1975 war das Lied dann im ersten Wyhl-Liederbüchlein drin (zur Zeit kursiert die 5. Auflage), und ab dann ist nicht mehr zu übersehen, wo das Lied überall auftauchte (zu den Büchern und Platten vgl. S. 83).

Im Rundfunk und im Fernsehen kam das Lied - soweit mir bekannt ist - manchmal auszugsweise in Dokumentationen über Wyhl/Marckols­heim. Es ist nämlich erstens zu lang und zweitens zu regional, man müßte zuviel erklären. Verbreitet und in Gebrauch genommen wurde es fast ausschließlich über die vielfältig verzweigten Kanäle der Anti-AKW­-Gruppen, also unterhalb des Medienapparates. Zunächst als Wyhler Dokument, dann als Muster für eigene Produktionen.

Strophe 14 bis 187ff.

Kaum paar Tage, nachdem das Lied da war, schrieb Frau Tittmann aus Weisweil Strophe 14:

Und auch in Hiroshima
herrscht heut noch große Not
wo noch nach 30 Jahren
um geht der Strahlentod.
Die Kinder zu beschützen
soll unsre Losung sein
Drum halten wir getreulich
vereint die Wacht am Rhein.

Damit hat Frau Tittmann etwas ausgedrückt, was für viele Leute am Kaiserstuhl selbstverständlich war: Die „friedliche“ und die „militäri­sche“ Nutzung der Atomindustrie sind zwei Seiten derselben Medaille. Das mochten viele Intellektuelle damals, weil zu „undifferenziert“, so nicht sagen. Ich auch nicht.

Außerhalb der Region wurde die Wacht am Rhein zunächst als Doku­ment des Wyhlkampfes gesungen, und gleichzeitig schon zur Anfeuerung für die eigenen Aktionen. Dann wurden so nach und nach die Namen ausgetauscht: Statt „Herr Rosenthal“ hat z. B. in Schleswig-Holstein „Herr Stoltenberg“, in Niedersachsen dagegen „Herr Albrecht einen Plan“. Auch geht es nicht mehr um die Bleigefahr, sondern um die Radioaktivität:

Wer will radioaktiven Fisch
Wer will verseuchte Milch?
Und strahlendes Fleisch auf'm Tisch
Wer will Krebs? Wir nicht!
Drum fordern wir: Kein AKW
in Brokdorf nicht und Wyhl
und Grohnde nicht und anderswo
Das ist unser Ziel.

Die Vereinnahmung schreitet fort: Im Sommer 1976 entsteht bei AKW­-Gegnern im Münsterland eine Wacht an der Lippe (nicht am Rhein). Einerseits ein schönes Zeichen, daß die Singenden sich von den vielleicht schon exotischen Wyhl-Geschichten emanzipieren, andererseits ist jetzt aus der Parole etwas die Luft raus: Die Wyhler Wacht am Rhein hatte sich noch widersprüchlich auf das deutschnationale Lied bezogen, die Lippe-Fassung bezieht sich nur noch als gradlinige Fortsetzung auf das Wyhler Lied.

Ein Problem zeigt sich in vielen Neufassungen: Die Gruppen, die da singen, sind in der betreffenden Region nicht so zu Hause, wie das die Bürgerinitiativen um Wyhl sind. Folge: In den neuen Strophen wird fast ausschließlich argumentiert, aber zu erzählen gibt es nichts. Und die genannten Orte haben sonst nichts mehr zu bieten, als daß sie Standorte für geplante Atomanlagen sind. Z. B. aus der Lippe-Fassung:

In Uentrop und Schmehausen
da wolln sie wieder baun
und um den Platz vom Kernkraftwerk
steht schon ein hoher Zaun.
Doch wenn die VEW glaubt
daß wir das mit ansehn
ganz ohne uns zu wehren
nein, so wird das nicht gehn.

Oder aus einer Fassung, die in Braunschweig gesungen wurde:

In Wittmar an der Asse
da rührn die Bürger sich.
Da lagert man Atommüll ein -
uns gefällt das nicht.
Wer denkt an unsre Kinder,
falls mal die Erde bebt?
Und Radioaktivität
ins Leitungswasser geht?

Ob Uentrop oder Schmehausen, Asse oder Brokdorf, Wewelsfleth oder Gorleben: Die Orte schmelzen zusammen auf einen Punkt auf der Gene­ralstabskarte, sind nur noch umkämpfte Stellungen. Was wächst da? Wer wohnt da? Woher kommt der Widerstand? Verglichen mit solchen Fas­sungen ist das Wyhler Original geradezu ein Heimatlied, in dem von Reben und Wein die Rede ist, von Brücken, Gasthäusern, Kirche und regionalen Größen.

Natürlich ist das nicht „Schuld“ der Liedermacher, ihre Lage ist einfach anders: sie werden in Orte hineingezwungen, bloß weil die Atomindustrie diese ausgewählt hat. Dort ist (noch) kein regionaler Kampf im Gang, (noch) wird vor allem von außen und prinzipiell gegen die Atomindustrie gekämpft, aber das wird sich ändern.

Einmal in der Hit-Parade

Tatsächlich, auf irgendeinem Rang irgendeiner Hitliste im Süddeutschen Rundfunk. Vermutlich Jugendprogramm, und zwar in der Fassung der Deutsch-Folk-Gruppe „Fidel Michel“.

Deren Bühnen- und Schallplattenfassung zu betrachten ist ganz inter­essant, weil man den leisen Übergang von einem regional und aktuell begrenzten Gebrauchslied zu einer „Nummer“ beobachten kann.

  1. Das gemeinsame Singen wird unwichtiger. Folge: Der Refrain kommt nur noch alle zwei Strophen vor, sonst wär's zu langweilig.

  2. Das Lied ist eine Nummer im Programm. Und das Programm ist aufgebaut: schnell-langsam, instrumental-vokal. Kurz: Das Bühnen­programm hat seinen Rhythmus, in den die einzelne Nummer einge­gliedert wird. Folge: Statt 14 oder mehr Strophen nur noch neun und eine halbe, dann reicht es. (In Aktion, habe ich erlebt, kann das Lied eine halbe Stunde und länger sein. Zwischen den Strophen wird er­zählt, neue Strophen dazu gesungen, manchmal von den Umste­henden.)

  3. Die lokalen Geschichten aus Wyhl rücken schon ein Stück in eine märchenhafte, exotische Ferne. Weder kann das Publikum die Einzel­heiten kennen, noch hat die Bühnengruppe Zeit, alles zu erklären.

  4. Das Konkrete, Besondere wird zum Allgemeinen erhöht. Da ist z. B. nicht mehr von der „blauen“ (= französischen) oder „grünen“ (= deutschen) Polizei die Rede, sondern von der Polizei schlechthin. Oder: Nicht mehr der Apotheker Schött aus Endingen wird zitiert, sondern der schlechthinnige Apotheker, der vor Strahlenschäden warnt. Die ersten vier Zeilen der Strophe 7 über Endingen fallen weg.

  5. Die Gruppenmusik wird vorrangig. Um eine formal-musikalische Einheitlichkeit zu erreichen, kommt manchmal der Text ins Korsett des Rhythmus; dann muß der Sänger zwar holpern, aber das Tanz­-Muster bleibt ohne Kratzer.

  6. An einigen Stellen ändert sich die politische Haltung. Im Original heißt es z. B.: „Und wenn wir uns mal einig sind / dann sind wir immer mehr.“ Das lautete in Reden oder Flugblättern etwa so: „Wir, die Betroffenen der Region, sind die Mehrheit. Die ist unschlagbar, solan­ge wir uns nicht spalten lassen. Dann kann uns auch die Polizei nichts anhaben.“

Bei „Fidel Michel“ heißt es: „Und wenn wir uns mal einig sind, dann stört uns das nicht mehr.“ Daß wir dann die Mehrheit sind, spielt hier also keine Rolle mehr, wird vielleicht gar nicht geglaubt. Wichtiger wird die Haltung der (künftigen) Besetzer: Es soll sie nicht stören, daß da Polizei aufmarschiert.

Stärkste Veränderung: Die erste Refrain-Zeile heißt jetzt „Stellt euch auf unsre Seite!“ D. h., die Frage aus dem Streik in USA und dem regionalen Kampf in Marckolsheim: „Auf welcher Seite stehst du?“ (... es gibt nur Streikende - oder Streikbrecher ... es gibt nur Atom­kraftwerke und Bleigefahr - oder Widerstand ... entscheide selber!) - diese selbstbewußte Frage wird aufgegeben. Statt dessen der Appell. (Komm, komm lockt der Schritt ... fällt mir dazu ein, ein Lied aus der christlichen Jugendbewegung.)

Diese ganze Latte von Überlegungen zur Bühnen- und Plattenfassung ist nicht als Kritik gedacht, bloß als Beschreibung von typischen Unterschie­den zwischen einem politischen Lied im Gebrauch und einer Bühnen­nummer.

Mit ihrer Schallplatte haben die „Fidel Michels“ übrigens auch zur Verbreitung des Liedes sehr viel beigetragen, ihre Fassung wurde eben­falls übernommen, gesungen und variiert.

Noch ein Refrain

Schon seit 1974 kam aus Gruppen der Linken Kritik an der regionalen und thematischen Beschränkung des Kampfes in Wyhl und Marckols­heim. Es fehle die Perspektive und der gesamt-politökonomische Zu­sammenhang. Das, was bei uns also fehlte, drückt ein Refrain aus, der wahrscheinlich aus der studentischen Linken stammt und die Antirepres­sions-Parole aufgreift: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!“ (wohl entwickelt aus dem verbreiteten Brecht-Zitat: „Daß du dich wehren mußt, das wirst du doch einsehen“).

Auf welcher Seite stehst du?
Ein Tropf, der sich nicht wehrt!
Wer sich vom Staat verarschen läßt,
Der lebt gewiß verkehrt!

Das Kalkar-Lied

Während der großen Demonstration in Kalkar (September 1977) gegen den „Schnellen Brüter“ wurde ein Liederheft verteilt, in dem sich auch die Wacht am Rhein befand, mit der Angabe: „Melodie, siehe Kalkar­Lied.“ Da waren die Wyhl-Reminiszenzen also schon ganz weg. Und das sieht man auch dem Text des Kalkar-Liedes an: es bedient sich selbstbe­wußt mit Textpassagen aus verschiedenen Fassungen, breitet aber eine ganz und gar eigenständige Geschichte aus, nämlich die besondere Vor­geschichte von Kalkar, den Bauskandal am Niederrhein. Ein Zeitungs­lied.

1 In Hönnepel bei Kalkar, da wird zur Zeit gebaut;
es ist der schnelle Brüter, der den Niederrhein versaut.
Am Anfang brauchten sie für dieses Dingen sehr viel Land,
doch die Bauern wollten nicht verkaufen,
bis man 'nen Trick erfand.

2 Das RWE, das kam getarnt als Griether Deichverband,
erfragte die Finanzen der Bauern beim Katasteramt.
Sie köderten die Ärmsten mit einem hohen Preis,
einige verkauften, andere ließen diesen Scheiß.

Refrain: Auf welcher Seite stehst Du,
bald wird ein Platz besetzt.
Hier schützen wir uns vor dem Dreck,
nicht morgen, sondern jetzt!

3 Nicht alle Bauern machten mit, man brauchte noch mehr Land;
man wandt' sich an den Kirchenvorstand und reichte ihm die Hand.
Doch dieser sagte Nein und verkaufte kein Stück Land,
darauf setzte ab der Bischof den gesamten Vorstand.

4 So gelang dem RWE der Plan, der uns gar nicht gefällt
dem Bischof war das ganz egal, den interessiert nur Geld.
Uns aber interessieren der Fluß, der Wald, das Feld
und unsere Gesundheit kauft uns keiner ab für Geld.
Refrain

5 Der Gottessohn erhielt für diese Schweinerei viel Lohn
für ein paar Hektar Kirchenland scheffelte er eine Million.
Doch ein paar ehrliche Christen, die machten da nicht mit,
sie wandten sich an Rom und verdammten diesen Schritt.

6 Der Papst der reagierte und schickte Briefe los,
doch ein gottestreuer Dechant hielt sie lang unter Verschluß.
Die Einspruchsfrist verstrich, man wußte keinen Rat,
jetzt hatte sie die Kirche das zweite Mal genarrt.
Refrain

7 Der Bauer Maas, der zog dann alleine vors Gericht,
der erste Prozeß ging verloren, aufgeben tut er nicht.
Er braucht jetzt Unterstützung, jetzt fängt der Kampf erst an,
jetzt wird nicht mehr gebetet, jetzt wird etwas getan.

8 Der Prozeß der wird sehr teuer, 70000 kostet er,
die Holländer zahlen die Hälfte, die andere zahlen wir.
Wir sind uns nämlich einig und werden täglich mehr
und wenn wir uns mal einig sind, dann sind wir immer mehr. Refrain

9 In Hönnepel bei Kalkar, da sind sie schon jahrelang
am Bauen; und um den Platz vom Kernkraftwerk steht schon ein hoher Zaun.
Doch wenn das RWE glaubt, daß wir das mit anseh'n,
ganz ohne uns zu wehren, nein, so wird das nicht gehn.

10 Beim Kauf von Wies' und Acker, da war'n sie freundlich, nett,
aber mit der Wahrheit spielten sie Versteck.
Sie wollten uns wohl fangen für ihr Atomkraftwerk,
doch wir, wir sagen allen: Wir haben es gemerkt.
Drum hört den Apotheker, der laut und deutlich spricht:
„Es gibt für vieles Medizin, für Strahlenschäden nicht!“

Refrain: Stellt euch auf uns're Seite,
bald wird ein Platz besetzt.
Hier schützen wir uns vor dem Dreck,
nicht morgen, sondern jetzt!

11 Nach Wyhl, Brokdorf und Grohnde wird im Herbst hier demonstriert,
wir werden 100˙000, wenn auch du dann mitmarschierst!
Refrain: Stellt euch auf unsere Seite ...

Grüne Liste

Eine andere absolut selbständige Fassung hat Otfried Halver geschrie­ben, ein Mitglied der BUU-Stadtteilgruppe Rotherbaum in Hamburg. Das Muster der Wyhler Fassung ist noch klar erkennbar, da und dort wird ein Satz draus benutzt, aber insgesamt hat er - angeregt von dem regionalen Lied aus einer ländlichen Region - ein regionales und aktuel­les Lied für seine Region gemacht, den Stadtstaat Hamburg. Anlaß: diesmal keine Platzbesetzung, sondern die Bürgerschaftswahlen. Nach ersten Überlegungen zu einer „Grünen Liste“, die mal als „Atomkraft - ­Nein Danke!“, mal als „Wehrt euch! -Liste“ in der Diskussion war, bildete sich dort eine Initiative, die sich an den Wahlen beteiligen will.
Für diese Initiative hat Otfried das Lied geschrieben.

Auf welcher Seite stehst du, he?
1 In Brokdorf, Krümmel, Grohnde
war lange große Not.
Wir kämpften an den Bauzäunen
gegen den Massentod.
Jetzt machen wir Druck an jeder Front,
im Rathaus und am Zaun,
damit sie diese Giftküchen
nicht rings um Hamburg baun.

Refrain: Auf welcher Seite stehst du, he?
Das Rathaus wird besetzt.
So schützen wir uns vor dem
Dreck nicht morgen, sondern jetzt!

2 In Hamburg wird die Bürgerschaft
im nächsten April gewählt.
Du hast zwei Stimmen, sagt man dir,
und dann wird ausgezählt.
Du fragst dich: Kreuz ich gar nichts
oder's klein're Übel an?
Wir sagen jetzt: Wir müssen mal
an Hamburgs Rathaus ran!

3 Wir haben uns was ausgedacht,
was hier paar Herren schockt
und was die AKW-Gegner
zum Wahllokal hinlockt:
Du hast zwei Stimmen, sagen wir,
gegen das AKW.
Du schreibst ganz groß und deutlich hin:
ATOMKRAFTWERKE - NEE!

4 Damit man diese Kreuze nicht
ungültig nennen kann,
da fangen wir gleich heute
mit'ner Wählergemeinschaft an.
„ATOMKRAFT?-NEIN DANKE!“ so wird das Ding genannt.
Mit Hilfe der Plaketten
ist die ganz schnell bekannt.

5 Wir fordern laut: „ATOMKRAFT NEIN!“
„Die Dinger müssen weg!
Herr Klose und Herr Echternach,
geht weg mit eurem Dreck!“
Als wir in Brokdorf kämpften, warn
die Herrn weit ab vom Schuß.
Jetzt kriegen sie von uns gemeinsam
einen auf die Nuß.

6 Ich stell mir das ganz lustig vor:
Wir stellen uns zur Wahl.
Ich glaub, da kriegt so mancher Bonze
einen Herzanfall.
Die FDP kriegt 2 Prozent,
und wir, wir kriegen 10.
Sogar die Jusos wählen uns,
ihr werdet das schon sehn.

7 Mensch, stell dir doch das Ding mal vor.
Wir machen alle mit.
Atomfilz, HEW, Senat,
die kriegen von uns 'nen Tritt.
Mit 60˙000 Stimmen ham wir
5 Prozent gebracht.
Wir holen uns das Doppelte.
Das wäre doch gelacht.

8 Und plötzlich geht hier gar nichts mehr,
wo wir nicht zwischen sind.
Wir sagen dann der HEW:
„Atomkraft, schieß in'n Wind!“
Das hört sogar der NDR,
und dann bei Brokdorf 4,
wo 50˙000 demonstriern,
da sagt der Sprecher dir:

Sprecher: Guten Abend, meine Damen und Herren. Hier ist der NDR mit Nachrichten. Mit Motorradhelm und Bolzenschneidern kämpften in vorder­ster Front am Brokdorfer Bauzaun die 10 Bürgerschaftsabgeordneten der Wählergemeinschaft „ATOMKRAFT? - NEIN DANKE!“
Als die Polizei Wasserwerfer einsetzen wollte, riefen die Abgeordneten: „Das nützt nichts, wir sind immun!“ Das verwirrte die Polizei so sehr, daß sie daraufhin 19 Werkschützer als Terroristen verhaftete, weil sie mit der che­mischen Keule gegen Demonstranten vorgegangen waren.

Auf welcher Seite ...

9 Du denkst, ich spinn hier nur so rum,
ich mein das ganz real.
Ich stell mir deren Fressen vor
nach dieser Bürgerwahl.
Da stehn die Bonzen plötzlich alt
und ohne Posten rum.
Wir sitzen dann im Rathaus oder
tanzen drum herum.

10 Ich hab da noch ein Argument,
das ganz verteufelt zieht:
Für einen Wahlkampf gibt es Geld,
wie jeder weiß und sieht.
Wir nutzen diese Gelder aus
und finden nichts dabei
und machen unsre Hansestadt
Atom- und Bonzenfrei.

11 Verdammt, KB und Montagstreff,
nun seid doch nicht so stur.
Ihr pisst euch gegenseitig an.
Inzwischen tickt die Uhr,
und die Betreiber grinsen nur
bei dieser Strategie.
Hört auf! Laßt uns gemeinsam kämpfen,
nur so besiegen wir sie.

12 In Brokdorf, Krümmel, Grohnde
war lange große Not.
Wir kämpften an den Bauzäunen
gegen den Massentod.
Jetzt machen wir Druck an jeder Front,
im Rathaus und am Zaun,
damit sie diese Giftküchen
nicht rings um Hamburg baun.

Auf welcher Seite stehst du, he?
Das Rathaus wird besetzt.
So schützen wir uns vor dem Dreck
nicht morgen, sondern jetzt.

Über seine Erfahrungen mit diesem Lied erzählt Otfried:
Druck an jeder Front: Am Bauzaun und im Rathaus!
Reinhard schlug es vor in unserer BI Rotherbaum, einer Stadtteilgruppe gegen Atomkraftwerke: „Zur Bürgerschaftswahl 1978 machen wir eine Wählergemeinschaft.“ Großer Beifall. Endlich mal was, was den Kampf von den dünnbesiedelten Baugeländen in Brokdorf, Grohnde und an­derswo direkt in unsere Stadt verlegt. Ein Flugblatt soll gemacht werden, klar. Wir machen es zu dritt, Reinhard, Männi und ich. Männi erfindet den Slogan: „Druck an allen Fronten, am Bauzaun und im Rathaus!“ Damit wollen wir in die Plena, die zwei zerstrittenen Versammlungen der Hamburger Atomkraftgegner. Ein Vorschlag, der sie wieder einen soll, an dem alle gemeinsam mitmachen können. Denken wir. Wir verlegen den Bauzaun dahin, wo er eigentlich steht: an die Stelle, wo die „politisch Verantwortlichen“ sitzen. Eine Großdemonstration anderer Art. Nicht weniger militant als Natodraht zerschneiden. Keine Alternative dazu.

Abends sitzen Doro, Ralf, Männi und ich zusammen und spinnen. Malen uns aus, was ist, wenn. ..: Unsere Abgeordneten am Bauzaun verhaftet - BILD-Titel! Holger Strohm, unser Abgeordneter, zeigt den „Sachverständigen“ von CDU, SPD und FDP, was Sache ist, öffentlich, im Rathaus. Wir greifen den Gegner im eigenen Lager an, da, wo er sich sicher glaubte, im Parlament. Da, wo er sagen konnte: „Wir sind die gewählten Volksvertreter!“ Da stehen nun gewählte Volksvertreter auf und sagen: „Nein! Legt die Karten auf den Tisch - Null ouvert - Hose runter, wir haben alle Siebenen und Achten!“

Zugegeben, wir hatten einen sitzen, als wir uns das so ausmalten. Aber warum auch nicht? Es war schließlich auch eine gute Idee, die wir da realisieren wollten.

Als ich dann nachts so gegen eins nach Hause ging, hatte ich den Kopf voll mit Vorstellungen, Bildern, Ideen: „So sieht das aus, wenn ...“ Das mußte einfach ein Lied werden. Und es wurde eins. Die Wacht am Rhein stand Pate. Pate sein heißt darauf achten, daß das Kind selbst wer wird. Um drei Uhr war ich fertig mit dem Lied. Hier in Hamburg wird kein Platz besetzt, sondern das Rathaus. Und der KB und der Ökoladen (Kommunistischer Bund und Arbeitskreis Politische Ökologie), die Zentren der verfeindeten Anti-AKW-Brüder, denen muß doch mal gesagt werden, daß wir von der Basis keine Spaltung wollen.

Ich hab das Lied vervielfältigt - die Melodie war ja bekannt -, und dann zogen wir in die Plena der BUU, ein paar Leute aus der BI Rotherbaum.

Zunächst ging's ins sogenannte „KB-Plenum“, das Plenum mit dem Delegationsprinzip und den demokratischen Spielregeln. Wir gingen an den Tisch der Diskussionsleitung und sagten, was wir wollten. „0. k., nach ‚Aktuelles‘ und den und den Berichten kommt ihr dran.“ Wir verteilten schon mal die Flugblätter und auch die Liedertexte. Und als wir dann nach längerer Wartezeit drankamen, wir fünf, sechs Leute aus Rotherbaum, da haben wir nur kurz auf das Flugblatt hingewiesen und dann das Lied gesungen. Und es wurde mitgesungen. Mein Text lag auf dem Tisch der Diskussionsleitung. Ralf, einer der Diskussionsleiter, sah mit rein und sang mit. Es machte Spaß. Und dann kam die Strophe mit dem „Verdammt, KB und Ökoladen ...“ Da schluckten viele, und wir sangen die Strophe ziemlich allein. Es war ja auch was zum Nachdenken, Kritik muß man erst mal verdauen. Beim Refrain hatten sie sich wieder eingekriegt, und die letzte Strophe sangen wir wieder alle laut und gemeinsam. Ein Flugblatt ohne Lied wäre nicht halb so wirksam gewe­sen, hätte sich viel weniger eingeprägt. In dem Lied wurde deutlich, daß da eine Idee, eine Art Utopie drin war, und die Hoffnung: „Wir kriegen sie, wir schaffen es!“ und die Aufforderung: „Es gibt viel zu tun, packen wir es an!“

Ernüchternd dann das sogenannte „Sponti-Plenum“. Sie ließen uns singen und gingen dann wieder zu ihrer Tagesordnung über. „Ganz nett, ihr könnt ja mal wiederkommen und ein Lied singen ...“ Bei den „ernsten Genossen“ half das Lied, zündete, war nicht Gag. Bei den „spontanen Genossen“ kam die spontane Idee nicht an, wurde später als Parlamentarismus-Entgleisung gegeißelt, als Messalliance mit den Herr­schenden. Komisch, eigentlich.

Auf dem ersten „Wehrt-Euch-Kongreß“, wo die Wahlbeteiligung der AKW-Gegner und anderer Bürgerinitiativen in Hamburg beschlossen wurde, sollte ich singen. Ich hatte inzwischen einige weitere Lieder zur Wahl gemacht, fand „Das Rathaus wird besetzt“ veraltet. Und ge­wünscht wurde eben dies Lied. Es zündete wieder. Sogar im Fernsehen, im NDR III konnte man's noch mitkriegen: Die Delegierten sangen mit, klatschten den Takt: „Wir sitzen dann im Rathaus oder tanzen drum herum.“ Spaß muß sein auf der Beerdigung des alten Parlamentarismus, beim Abgesang auf die Stellvertreterpolitik: Wahl als Mischung aus Protest, Volksfest und neuer Qualität „... sogar die Jusos wählen uns...“. Wahl als Versuch, die Utopie der 68er Revolte zu realisieren: „Die FDP kriegt zwei Prozent und wir, wir kriegen zehn.“ Also, ich bin gespannt darauf, wieviel Prozent wir kriegen. Das kommt ja auf uns an: Jeder 4-5 Stimmen zu seiner eigenen. Dann sind wir nicht mehr die linken Träumer: „Du glaubst, ich spinn hier nur so rum ... » So wie Volker zu mir sagte: „Meine Mutter wählt uns.“ Das ist die „Überzeu­gungsarbeit“. Nicht weil's eine Verwandte ist, und Familie muß doch zusammenhalten. Sondern weil er - das „Kind von 20 Jahren“ - seine Mutter von einer Utopie überzeugt, die real werden kann und wird, die Utopie von der neuen Gesellschaft, wo die Alten und die Jungen gemein­sam was machen. Die Alten, die sich nicht als Degenhardts „fette Grei­se“ verstehen, und die Jungen, die sich nicht deshalb als Avantgarde verstehen, nur weil sie jung sind. (Wo gehöre ich mit 37 und eine 13jährigen Tochter eigentlich hin?)

Reinhard, der die Idee aufbrachte, ist heute gegen die Wahl. Er sagt „Der KB hat die Wahl okkupiert!“ Schade. Ist eine Utopie denn deshalb plötzlich schlecht, weil eine bestimmte politische Gruppe sie auch als Ziel oder Teilziel begreifen lernt? Die Utopie, daß die Macht im Staat uns, dem Volk gehört? Daß wir ein Recht dazu haben, das Rathaus zu besetzen, daß es unser Rathaus wird?

Auf dem Kongreß der „Wehrt-Euch-Liste“ hab' ich außer dem Lied Das Rathaus wird besetzt noch zum Schluß das Lied Poder popula gesungen und dazu den Text von der Plattenbeilage vorgelesen: Daß die Sache mit der Nachbarschaftshilfe, der „Volksbewegung“, der Macht' des Volkes wichtig ist, auch wenn sie zerstört wird, wo sie aufgebaut' wurde: „Ein Traum und doch wirklich wahr, ein Weg in die Freiheit, poder popular.“ Das Lied Das Rathaus wird besetzt erschien offenbare vielen bei uns als ein solcher utopisch-realistischer Ansatz, daß sie es mit dem „Poder-popular-Lied“ verbinden konnten: Macht aus den Stadt­vierteln, neues Leben in den Quartieren:

„Der Mensch ein Mensch, kein Herr und kein Knecht, die Arbeit keine Ware und Mann und Frau lebendig und befreit. Das ist ein Traum und der wird wahr in Chile und Deutschland: poder popular!“ Es steckt an, es infiziert, diese Utopie.

In dem besetzten Rathaus muß ein bißchen was Religiöses, was Schwärmerisch-Realistisches, was Irrationales enthalten sein, im Text wie in der Melodie. Es ist was drin, was der trocken klingenden Parole „Wehrt euch“ Leben verleiht: Die Art Leben, alternatives Leben, die vielleicht, wenn wir wollen! - die Zukunft hat, vielleicht dem „ernsten Zentralismus“ und der „trockenen Spontaneität“ der Plena in Hamburg zum Trotz.

Was ich nicht geglaubt habe, hat sich eingestellt, jetzt schon: In den Stadtvierteln fangen die Mieter-, Frauen-, Anti-AKW- und andere Bür­gerinitiativen an, zusammenzuarbeiten, ihre isolierten Interessen in ei­nen Zusammenhang zu setzen und an ein größeres Ganzes zu glauben und dafür zu arbeiten. Das ist eigentlich schon mehr, als man so einer spinnigen Idee und einem Flugblatt und einem Lied zutrauen möchte.

Und deshalb bin ich gespannt auf die Prozente bei der Wahl, als ein Zeichen dafür, daß die neue Art zu leben immer mehr Menschen begei­stert. Was sind da schon zehn Prozent? Laßt uns doch ein bißchen unbescheidener werden: Wir wollen alles, nicht nur den Flicken, sondern den ganzen Rock!

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