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Autoren: Neumann-Braun, Klaus/ Mikos, Lothar.
Titel: Bedeutung und Funktion von Gewaltdarstellungen [in Musikvideos].
Quelle: Neumann-Braun, Klaus/ Mikos, Lothar: Videoclips und Musikfernsehen. Eine problemorientierte Kommentierung der aktuellen Forschungsliteratur. Schriftenreihe Medienforschung der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westalen (LfM), Band 52. Düsseldorf 2006. S. 32-36.
Verlag: Vistas Verlag.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.
Klaus Neumann-Braun, Lothar Mikos
Bedeutung und Funktion von Gewaltdarstellungen [in Musikvideos]
Die Bedeutung von Gewaltdarstellungen erschließt sich erst vor dem Hintergrund gesellschaftlich-kultureller Kontexte und Rahmungen. Verstehen von Videoclips setzt Deutungswissen der verschiedenen Ebenen des kulturellenoder szenetypischen Zeichenfundus voraus. Clips sind immer auf InterpretInnen und ihre (potentiellen) Publika zugeschnitten und stehen im Dienst einer performativen Inszenierung des Künstlerinnen-Images. Bei der Frage der Rahmung deuten die Arbeiten von Schmidbauer/Löhr (1996) und Rich/Woods/Goodman et al. (1998) darauf hin, dass Formen der Gewaldarstellungen in Videoclips zum einen auf kulturelle Tiefendimensionen und zum anderen auf szenespezifische Semantiken verweisen.
Auf der Symbolebene von Videoclips werden Bezüge zu kulturellen Tiefendimensionen bzw. kulturellen Mentalitäten von Gesellschaften hergestellt. Schmidbauer/Löhr (1996) und Rich/Woods/Goodman et al. (1998) verweisen auf unterschiedliche Darstellungsstereotype von Gewalt in Videoclips in Japan, den USA und Europa. So unterscheiden sich die in deutschen Videoclips dominierenden Gewaltdarstellungen systematisch von den Gewaltpräsentationen in US-Videoclips. Während im US-Programm sog. hand-to-hand combats das überwiegende Gewaltmuster darstellen, sind es im deutschen Musikfernsehen eher Formen (gesellschafts-)struktureller Gewalt, die sich in der Bedrohlichkeit von Städten, der Gleichgültigkeit der Technik, der Menschenfeindlichkeit militärischer Apparaturen, der Düsternis von Katastrophen und blindwütiger Zerstörung artikuliert (Schmidbauer/Löhr 1996). Der Akzent liegt deutlich auf dem politischen und sozialen Stellenwert von Gewalt (=strukturelle Gewalt), wohingegen in den USA Formen personaler Gewalt dominieren. Die Folgen von Gewalt für die Opfer werden im US-Musikfernsehen systematisch ausgeblendet (Rich/Woods/Goodman et al. 1998). Nach Meinung von Rich/Woods/Goodman et al. (1998) dominiert in US-amerikanischen Mediendarstellungen (in Differenz zu Japan) das Muster des aggressiven Helden, dessen gewalttätiges Handeln Vorbildfunktion hat.
Verschiedene Studien deuten darauf hin, dass Gewalt hinsichtlich ihrer Bedeutung und Funktion in spezifischen Jugendszenen und Musikstilen getrennt zu untersuchen ist (Altrogge/Amann 1991 Jones 1996, Schmidbauer/Löhr 1996). Wahrnehmung und Nutzung von Videoclips hängt davon ab, wie mit Musik umgegangen wird und im Rahmen welcher musikalischen Jugendkultur dies geschieht (Müller/Behne 1996). Auch Quandt (1997) sieht weiteren Bedarf an empirischen Untersuchungen, die im Sinne einer Genretheorie der Frage der Korrelation von Musikstilen und visuellen Standards nachgehen. Vieles spricht dafür, dass Musikstile spezifische Formen konventionalisierter Gewaltdarstellungen (Ikonographien) entwickelt haben, die auf szenespezifische Images und Habitusformationen verweisen. So haben sich laut Schmidbauer/Löhr (1996) unterschiedliche Präsentationsformen von Gewaltinszenierungen im Rahmen der Symbolpolitik klassischer Heavy-Metal-Gruppen und Speed-, Trash- und Death-Metal-Bands etabliert: Bei Ersteren wird Gewalt als kurz aufblitzendes Ornament in Szene gesetzt; Letztere verbinden Gewaltinszenierungen mit unkonventionellen filmischen Stilmitteln und einem radikalisierten gesellschaftskritischen Gestus. Die unterschiedlich inszenierten Gewaltsymboliken markieren die Trennung zwischen Affirmation und Gesellschaftskritik (Schmidbauer/Löhr 1996). Das Genre Rap resp. Gangsta-Rap verbindet häufig inhaltliche Stereotype, die auf Gangsterism (Überfälle, Schießereien, Schlägereien u.a.) und auf die Schattenseiten bzw. Folgen des Gangstertums (Tod, Beerdigung, Gefängnis, verwaiste Kinder, verwitwete Frauen) verweisen (Richard 2003). Auch im Videoclip Smack My Bitch Up von The Prodigy werden die gezeigten Gewaltdarstellungen zu einem szenestilistischen Gesamtbild verdichtet, wie sich ein Ausgeh-Abend im anvisierten Milieu gestaltet. Die dargestellten Gewalttätigkeiten haben gemeinsam, dass sie auf einer ersten Ebene eine Form eindimensionaler, instrumenteller Gewalt im Dienste der Triebabfuhr symbolisieren. Die Gewalt ist rauschhaft, impulsiv, spontan, Situationsbezogen, willkürlich, beliebig und weist selbstzerstörerische und autoaggressive Züge auf. Auf der Ebene der Gesamtaussage des Clips kommt der eindimensionalen Form instrumenteller Gewalt vornehmlich expressive Funktion zu. Dies gilt zunächst wiederum für die Konstruktion eines der Techno-/Party-Szene angemessenen (sub-)kulturellen Codes: Die dargestellten Handlungen tragen einen archaischen und rohen Charakter und zelebrieren mangelnde Selbstbeherrschung und Selbstkontrolle. Es geht nicht um Gewalttätigkeiten als ein Mittel zur Konfliktlösung, sondern um die Erschaffung eines Handlungsraums respektive um die Visualisierung einer szenetypischen Haltung. Ein anderer szenetypischer Umgang mit Gewalt deutet sich in dem Videoclip Bitter Sweet Symphony von The Verve an. Der Sänger der Band wird als mürrisch-narzistischer Einzelgänger und Außenseiter porträtiert und spiegelt prototypisch den Habitus der Brit-Pop-Szene wieder. Dargestellt werden nebensächliche körperliche Übergriffe und latent aggressive Verhaltensweisen, die der szenetypischen Außenseiter-Stilisierung untergeordnet sind. Die Zeichensprache des Videoclips vermittelt in Kohärenz zur Stimmung von Songtext und Musik eine Haltung, die Melancholie, latente Verärgerung und Wut ausdrückt. Gewaltdarstellungen in Videoclips, so die These, dienen als Instrument der Herstellung einer der Musik respektive einer dem anvisierten Künstlerimage zuträglichen Stimmung und damit auch zur Schaffung von Identifikationspotential für eine spezifische Zielgruppe. Vor dem Hintergrund subkultureller Stile werden personale Stereotype und Handlungen inszeniert, die kategorientypische Handlungen, Verhaltensweisen und Lebensstile nahe legen.
Bei vielen Gewaltinszenierungen in Videoclips fließen Starinszenierung, als eines der zentralen rahmenden Elemente von Videoclips (Neumann-Braun/Barth/Schmidt 1997), und szenetypischer Habitus ineinander. Vieles spricht dafür, dass sich für bestimmte musikalische Genres spezifische Gewaltdarstellungskonventionen etabliert haben, die auf szenespezifische Images und Habitusformationen verweisen. Sie korrespondieren zunächst häufig mit traditionellen Rock-Klischees wie Körperinszenierung im Tanz und in der Bühnenperformance. Standards der Körperbewegung wie Pogo-Tanzen (im Punk), Headbanging (im Metal), Stage-Diving (v.a. im Hardcore) oder die Zerstörung von Gegenständen und die Inszenierung abstoßender, latent-aggressiver Szenen (wie etwa bei den Bühnenshows von Rammstein oder Bloodhound Gang) bringen Ausgelassenheit, Impulsivität, Rücksichtslosigkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Widerstand, Waghalsigkeit und Wehrhaftigkeit zum Ausdruck. Aggressive Gesten, Posen und Inszenierungsstandards des Körpers fungieren als Kontextualisierungshinweise. In der Kommunikation von Star und Publikum kommt ihnen damit sozialsymbolisch-emblematisches Potential im Rahmen eines subkulturellen Kosmos zu. Vermutlich lässt sich innerhalb spezifischer musikstilistischer Szenen (insbesondere in subkultur-affinen Musikstilen wie Rap, Metal, Gothic, Punk oder Grunge/Cross-Over) die Andeutung von Gewaltbereitschaft als eingebunden in eine konsistente Konstruktion von Stimmungen begreifen, innerhalb derer einzelne gewaltaffine Darstellungen, Musikstil, Imagepräsentation, Subkultur und Zielpublikum sowie anvisierte Habitusformationen ineinander greifen. Verwiesen sei hier auf den durch Dick Hebdige (1979) geprägten Begriff der Homologie als ein konsistentes Zeichensystem.
Der Übergang von einer „realen" Gewaltdarstellung zu einer metaphorischen bzw. allegorischen Verwendung von Gewalt erweist sich als fließend. Bühler (2002) interpretiert den im Videoclip California (2Pac/Dr. Dre) gezeigten fiktionalen Krieg zweier Clans als metaphorische Verarbeitung sozialer Konflikte der US-Rap-Szene, in der blutige Auseinandersetzungen von Jugendbanden an der Tagesordnung sind. Die dargestellte Gewalt kann als kritische Spiegelung bzw. Verweis auf gesellschaftliche Lebensbedingungen - den „Ghetto-Alltag" (Batschari 1996) oder entmenschlichte Großstädte (Kopp 2002) - fungieren. Im Gegensatz zur gängigen Darstellungspraxis in Videoclips (Rich/Woods/Goodman 1998) werden in den von Batschari (1996) analysierten Videoclips die Folgen von Gewalt - die hier als Trauer, Verzweiflung und Hilflosigkeit dargestellt werden - nicht ausgeblendet, sondern dem Betrachter vor Augen geführt. Die Gewaltdarstellungen in Videoclips sind häufig Indikator veralltäglichter Gewalt: Maas (1998) bewertet die in Rap-Videoclips dargestellte Gewalt als Spiegelung der Alltagserfahrungen von ProduzentInnen und RezipientInnen der Jugendszene. Die dargestellte Gewalt im Videoclip Come To Daddy (Aphex Twin) wiederum symbolisiert den Konnex zwischen Gewalt und technischen Bildmedien und zeigt die negativen Folgen der Ausbreitung der Technologie für die soziale Lebenswelt (Kopp 2002). Videoclips können in dieser Hinsicht als kritische Reflexion struktureller Gewalt, sozialer Ungerechtigkeiten und von Konflikten fungieren. Dabei spielt auch die Repräsentation des Geschlechterverhältnisses eine zentrale Rolle. Mertin (2004) und Richard (2004) besprechen den Videoclip Die another Day von Madonna und stellen dabei die Frage der Gewaltverherrlichung zur Diskussion. Die Kampfszenen in Madonnas Die Another Day stellen eine zweite, metaphorische Bildebene dar, welche die innere Zerrissenheit der Protagonistin symbolisiert (Mertin 2004, Richard 2004). Für Richard sind die in dem Clip gezeigten Gewaltdarstellungen eine Kritik an männlichen Gewaltklischees durch Inversion der Geschlechterverhältnisse. Auch Mertin bewertet den Clip nicht als gewaltverherrlichend, sondern als Beispiel einer Radikalisierung und Individualisierung von Gewaltpotentialen. Dass die Grenze zwischen legitimierter Gewalt und Gewaltverherrlichung mitunter schwer zu ziehen ist, zeigen außerdem die Analysen von Schmidt, E. (1999: The Prodigy Smack My Bitch Up) und Holtschoppen (2004: Rammstein Links 2,3,4).
Bei metaphorischer und kritischer Verwendung von Gewalt in Videoclips werden die Darstellungen weder affirmativ noch bloß zur reinen Stimmungserzeugung oder konventionellen Bebilderung subkultureller Welten verwendet. Stattdessen dienen sie dazu, Reflexionsprozesse anzuregen, die ihrerseits wiederum als angemessene Bebilderung eines subkulturellen Stils begriffen werden können.
Gewalt in Videoclips wird häufig vor dem Hintergrund jugendlichen Protests als Ausdruck des Generationenkonflikts oder als Gesellschaftskritik gedeutet. Schmidbauer/Löhr (1996) gehen davon aus, dass gewaltförmige Handlungen in Videoclips häufig als Darstellung anti-autoritärer Handlungen und Zustände zu verstehen sind. Sherman/Dominick (1986) kommen zu dem Ergebnis, dass eine Vielzahl gewalthaltige Handlungen im Zusammenhang mit Sexualität und der Konfrontation zwischen den Generationen steht. Gewalt kann zum Ausdruck einer anti-affirmativen, anti-autoritären Haltung und zum gesellschaftskritischen Gestus werden (Schmidbauer/Löhr 1996). Bühler (2002) sieht in dem symbolischen Versuch der Abgrenzung und der Rebellion gegen Konventionen der Erwachsenenwelt den „metakommunikativen Aspekt der Zeichensprache von MTV". Die Konzeption MTVs ist auf die Vermittlung kommerzieller Massenkultur und auf Glaubwürdigkeit angelegt, die durch die symbolische Revolution gegen bestehende gesellschaftliche Werte erzeugt wird. Dabei spielen Tabuverletzungen in Form von demonstrativer Darstellung von Gewalt eine Schlüsselrolle (Kurp 2004). Kurp hält die Inszenierung von Gewalt oder die häufig zur Schau gestellte Negierung geschlechtlicher Gleichberechtigung für eine moderne Attitude des Protests. Gewalt kann demnach als Protest gerahmt sein und als Tabuverletzung fungieren. Als Ausdruck der Konfrontation zwischen den Generationen bietet dieser Zusammenhang laut Schmidbauer/Löhr (1996) einen reichen Fundus für weitere Forschungen.
Altrogge, M./ Amann, R. (1991): Videoclips – Die geheimen Verführer der Jugend? Ein Gutachten zur Struktur, Nutzung und Bewertung von Heavy-Metal-Videoclips. Berlin. VISTAS.
Batschari, A. (1997): MTV und sein Bild der afro-amerikanischen Kultur. Eine Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der Sendung Yo! Alfred/Leine. Coppi-Verlag.
Bühler, G. (2002): Postmoderne auf dem Bildschirm auf der Leinwand. Musikvideos, Werbespots und David Lynchs Wild at Heart. Sankt Augustin, Gardez!
Hebdige, D. (1979): Subculture: The Meaning of Style. London. Methuen.
Holtschoppen, F. (2004): Rammstein und Riefenstahl. Massen im Gleichschritt. In: Holtschoppen, F./ Linden, F./ Sinning, F. et al. (Hrsg.): Clips. Eine Collage. Münster. Lit.-Verlag. S. 35-58.
Jones, K. (1997): Are Rap Videos more Violent? Styles Differences and the Prevalence of Sex and Violence in the Age of MTV. In: Howard Journal of Communications, 8, S. 343-356.
Kopp, N. (2002): Come to Daddy; URL: http://www.javajim.de/theorietank/eculture/cometodaddy_xxl.htm [01.02.2005].
Kurp, M. (2004): Musikfernsehen, das unterschätzte Medium. MTV und Viva als Lebenswelt-Begleiter und Sozialisationsagenten. In: Televizion, 17, 2, S. 28-31.
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Sherman, B.L./ Dominick, J.R. (1986): Violence and Sex in Music Videos: TV and Rock 'n Roll. In: Journal of Communication, 36, 1, S. 79-93.
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