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Autor: Oesterle, Kurt.
Titel: Die Ikone der Innerlichkeit.
Quelle: Axel Vieregg (Hg.): "Unsere Sünden sind Maulwürfe": Die Günter-Eich-Debatte. Amsterdam/ Atlanta 1996. S. 101-104.
Verlag: Rodopi.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Kurt Oesterle
Die Ikone der Innerlichkeit
Das versammelte deutsche Feuilleton gegen einen Germanisten - Prof. Axel Vieregg zum Streit um die Nazi-Nähe des Dichters Günter Eich
»Literaturpfaffe«, »Gesinnungsprüfer«. »Eiferer«, Verleumder - all diese und noch einige andere Schmähungen durfte er auf sich beziehen, als er dem Dichter und Schriftsteller Günter Eich (1907 bis 1972) im vergangenen Frühjahr eine gewisse Nähe zum Nationalsozialismus attestierte. Axel Vieregg, 55, Germanistik-Professor an der Massey University in Neuseeland und kurz vor Weihnachten Gast an der Tübinger Universität, verfolgte dabei keine destruktiven Absichten. Der langjährige Eich-Forscher und Eich-Editor (bei Suhrkamp) »verehrt« den Dichter, der mit seinen moralisch-lakonischen Gedichten (»Seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt!«) nach dem Krieg zu einer unüberhörbaren gesellschaftlichen Instanz wurde, wollte allerdings dessen offenkundige »Fehlbarkeit« in den Jahren 1933 bis 1945 nicht verschweigen.
Die erste große Ausgabe der Werke Günter Eichs erschien vor rund zwanzig Jahren. Durch neue Textfunde und ergiebige Forschung war in den Achtzigern eine verbesserte Gesamtausgabe nötig geworden. Sie wurde inzwischen vierbändig vorgelegt, und Axel Vieregg ist einer ihrer Herausgeber; alleinverantwortlich war der vor Jahren als Peter-Huchel-Editor vielgelobte Literaturwisserschaftler für den Band mit Eichs Gedichten.
Als nächstes sollte eine erste Ausgabe mit Briefen des Poeten folgen. Briefsammler und -herausgeber wiederum Axel Vieregg. »Diese Arbeit«, so erzählt er, »war schon weit gediehen.« Allerdings mußte der Kenner des Eichschen Œuvres beim Lesen der Episteln einiges zur Kenntnis nehmen was ihm nicht gefiel und in ihm die Vermutung nährte, daß Günter Eich im Dritten Reich nicht ganz so unbelastet davongekommen war, wie bislang fast übereinstimmend angenommen. Dieser für die Begründung einer deutschen Nachkriegsmoral so wichtige Autor galt vorher zwar nicht gerade als einstiger aktiver Nazi-Gegner, man hatte in ihm aber einen Vertreter der inneren Emigration sehen können - unblamiert.
Vieregg nun konnte unter anderem mitteilen, daß Eich durchaus keine randständige, unbedeutende Figur des braunen Kulturbetriebs, sondern als Co-Autor des Königswusterhäuser Landboten ein vielgehörter Radiomacher gewesen war, in einer von 1933 bis 1940 beim Deutschlandsender in Berlin laufenden Hörfolge, die das ausgiebige Lob des Parteiorgans Völkischer Beobachter gefunden hatte. Vieregg nahm als Adressaten seiner (nicht gleichmäßig) überzeugenden Indizien-Sammlung vor allem sein eigenes Fach ins Auge: »Die Germanistik hatte nämlich wenige Jahre zuvor Glenn R. Cuomos ähnlich gelagerte Arbeit über Eichs Radio-Rolle nicht zur Kenntnis nehmen wollen.«
Summarisch gesprochen bezichtigen seine Thesen ihn zumindest der »Mitläuferschaft«. Eich hatte demnach opportunistisch, bisweilen voller Selbstverachtung seinen gutdotierten Dienst versehen, um einen überdurchschnittlichen Lebensstandard halten zu können. Allerdings geht Vieregg auch davon aus, daß Eich zumindest zeitweilig mit der völkischen Ideologie geliebäugelt hat. Was der Eich-Editor nicht wollte: den Dichter demontieren, seinen Ruf kaputtmachen. Erst wer sehe, so meint Vieregg, daß Eich Schuld auf sich geladen und dies auch begriffen habe, der könne seine strenge Moralität nach 1945 verstehen: poetisches Engagement aus der Erkenntnis eigener Fehlbarkeit.
Vieregg trug seine Thesen in einem Aufsatz zusammen, der in einem Suhrkamp-Materialienband zu Günter Eich erscheinen sollte. Die beiden Herausgeber des Bandes hatten bereits, »wenn auch mit Bedenken«, akzeptiert, Verlagschef Siegfried Unseld aber war gegen eine Veröffentlichung. »Tendenziös, eifernd, denunziatorisch« lautete die Begründung: Eichs Erben sahen es ebenso. Es kam zum Bruch, und inzwischen ist auch klar, daß die Briefe des Dichters in absehbarer Zeit nicht verlegt werden.
Viereggs Freund, der Schriftsteller und Germanist Gerhard Köpf, fand das Verhalten der Suhrkamp-Chefetage empörend und empfahl den Ausgebooteten an den badischen Kleinverlag »Edition Isele« weiter. Dort erschien dann im Frühjahr Viereggs stark 70-seitige Studie Der eigenen Fehlbarkeit begegnet. Günter Eichs Realitäten 1933-1945. Die Feuilletons der großen deutschsprachigen Zeitungen, teils von Vieregg selbst über das Erscheinen des Buchs informiert, reagierten prompt. Von Zürich bis Hamburg, von München bis Frankfurt hagelte es Verrisse. Eine Ausnahme bildete nur Harald Hartungs Besprechung in der Frankfurter Allgemeinen, sie war moderat, reflektiert, wenn auch nicht nur zustimmend. Brach nun ein neuer Literaturstreit auf, etwa wie jener um Christa Wolf und andere DDR-Autoren? Die Plötzlichkeit, mit der da »polemisiert, nicht rezensiert« wurde, brachte Vieregg auf die Vermutung, »daß hier etwas erschlagen werden sollte, bevor es wirken konnte«.
Axel Viereggs Aufsatz ist lesens- und bedenkenswert, sein zentrales Argument überzeugt. Vom Blick eines »verstörten Enkels« (Freibeuter), von »einer Art Entdeckerrausch« (Zeit) oder gar »Infamie« (Stuttgarter Zeitung) konnte ich nichts entdecken, schon eher die Spuren »enttäuschter Liebe« (FAZ) seitens des Autors. Indessen: Was Vieregg Eichs »bewußtes Optieren für den nationalsozialistischen Staat« nennt, scheint mir nicht ausreichend belegt. Wohl aber Eichs partielle Affinität mit deutsch-völkischem Denken und vielem, was dazu gehörte: Germanenverehrung, Antimodernismus, Vernunftfeindschaft, Haß auf den Westen, Schollengeraune ...
Die von Eich mitbestrittene Rundfunksendung war keine harte Propaganda. Sie hatte vielmehr die Funktion, die Ideologie der »Volksgemeinschaft« samt deren Feindbildern in jene Form und Dosis zu bringen, die dem bürgerlichen Konservativismus, dem Eich selbst nahestand, verträglich schien. Blut-und-Boden-Landfunk etwa garniert mit folgenden Eich-Versen: »Du, schönes Land, in dem die Deutschen wohnen,/ mach wieder deine blauen Augen auf ...« Vieregg schilt den Verfasser dieses sentimentalen Unsinns keineswegs einen Faschisten sondern er präsentiert ihn als einen Vertreter jener »unseligen deutschen Mentalität«, die in ihrem Wunsch nach Innerlichkeit, Eigentlichkeit und Politikflucht stets ihr eigenes Gegenteil erreicht, nämlich die Stärkung der Macht. Grund genug für den späteren Günter Eich, darüber Schuld zu empfinden und in seinen Gedichten und Hörspielen Trauerarbeit zu betreiben, lehrreich für andere.
Endgültig vorbei ist damit natürlich die Möglichkeit, am Exempel Eichs, dieser »Ikone der Gruppe 47« zu beweisen, »daß man erfolgreich und erhobenen Hauptes in der inneren Emigration des Nazismus überleben konnte«. Dagegen stehe aber, so Vieregg in einem Artikel Ende November, »der erkennbare Gewinn einer größeren menschlichen und dichterischen Komplexität«.
War bei dem Kampf um Eich schließlich doch alles halb so wild? Die Zeit räumte Vieregg vor einigen Wochen das Recht zu dem obengenannten Artikel ein, offenbar in dem Gefühl, mit Ulrich Greiners April-Polemik über das Ziel hinausgeschossen zu sein. Seither herrscht (vorläufige) Ruhe. Der mehrmonatige Streit aber hat den Professor aus Neuseeland tief beeindruckt: die Härte der Vorwürfe, die Schärfe des Tons. Als Beobachter kann man sich fragen, ob der ganze Literatenstrauß als klimatische Erscheinung nicht vielleicht interessanter war denn als inhaltliche Auseinandersetzung. Wieso ließ die Eich-Kritik ausgerechnet jene Literaturrichter so zornig in die Höhe fahren, die noch vor Jahresfrist unduldsam und eisern einer Christa Wolf den Prozeß gemacht haben? Manches bleibt da schwer verständlich. Mitunter konnte einem beim Blick auf das Eich-Getümmel auch der Gedanke kommen, daß im Deutschland der frühen Neunziger die intellektuellen Ressourcen für mutige Vergangenheitsbewältigung ziemlich erschöpft sein müssen.
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