![]()
http://www.mediaculture-online.de
Autoren: Reclam Verlag, / Klippert, Werner / Schwitzke, Heinz.
Titel: Reclams Hörspielführer.
Quelle: Heinz Schwitzke (Hrsg.): Reclams Hörspielführer. Stuttgart 1969. S. 5-635.
Verlag: Reclam Verlag.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Heinz Schwitzke, Werner Klippert (Hrsg.)
Reclams Hörspielführer
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 29
Abkürzungen 43
Rundfunkanstalten 43
Arthur Adamov 46
Das Fest der Unabhängigkeit 46
Die Universalagentur 47
Rhys Adrian 48
Ein leidenschaftlicher Denker 48
Sonntag, 1. Mai 49
Leopold Ahlsen 50
Philemon und Baukis 50
Ilse Aichinger 51
Knöpfe 52
Weiße Chrysanthemen 53
Besuch im Pfarrhaus 53
André Almuro 54
Nadja Etoilé (nach André Breton) 55
Alfred Andersch 56
Fahrerflucht 57
Der Albino 58
Edoardo Anton 59
Die Braut des Bersagliere 59
John Arden 60
The Life of Man 61
Ludvík Aškenazy 62
Biskuit 62
Auf eigene Rechnung 63
Wystan Hugh Auden 65
Tal der Finsternis 65
Jacques Audiberti 67
Die Langmütigen 67
Das Schilderhaus 68
Claude Aveline 70
Bist du es, Anna? 70
Ingeborg Bachmann 71
Die Zikaden 71
Der gute Gott von Manhattan 73
Josef Martin Bauer 74
Geronimo und die Räuber 75
Der glaubwürdige Lügner 76
Die Sache mit Fadenherr 77
Rudolf Bayr 78
Orangenblüten 78
Rolf Becker 79
Ausnahmezustand 80
Samuel Beckett 81
Alle, die da fallen 81
Aschenglut 83
Worte und Musik 83
Cascando 84
Brendan Behan 85
Ein Gutshaus in Irland 86
Ingmar Bergman 87
Die Stadt 87
Barry Bermange 88
Heimsuchung (auch u. d. T. Die Kränkung) 89
Charles Bertin 90
Christoph Columbus 90
Manfred Bieler 91
Karriere eines Klaviers 91
Drei Rosen aus Papier 92
Die Elefanteninsel 93
Vater und Lehrer 94
Christian Bock 95
Hinter sieben Fenstern brennt noch Licht (auch u. d. T. Nachtgespräche) 96
Der Teufel fährt in der 3. Klasse (auch u. d. T. Der Teufel fährt im D-Zug mit) 97
Vater braucht eine Frau 98
Karussell zu verkaufen 99
Anders Bodelsen 100
A Hard Day’s Night 100
Heinrich Böll 101
Der Mönch und die Räuber 101
(auch u. d. T. Der Heilige und die Räuber) 101
Anita und das Existenzminimum 103
Zum Tee bei Dr. Borsig 104
Die Spurlosen 105
Eine Stunde Aufenthalt 106
Bilanz (auch u. d. T. Wolken wie weiße Lämmer) 107
Klopfzeichen 108
Konzert für vier Stimmen 109
Sprechanlage 110
Wolfgang Borchert 111
Draußen vor der Tür 111
Daniel Boulanger 113
Die Reise nach Maronne 113
Roman Brandstaetter 115
Odysseus weint 115
Hans Christian Branner 116
Regen in der Nacht 116
Illusion (auch u. d. T. Hundert Kronen) 117
Ich liebe dich 119
Bertolt Brecht 119
Der Flug der
Lindberghs
(auch u. d. T. Ozeanflug). 120
Das Verhör des Lukullus 121
Arnolt Bronnen 123
Alexius Hezekia Buthelezi 123
Nokhwezi 124
Michel Butor 125
Fluglinien 125
6 810 000 Liter Wasser pro Sekunde 127
João Cabral de Melo Neto 128
Tod und Leben auf severinisch 128
Albert Camus 129
Paris schweigt 129
Walentin Chorell 130
Dialog am Fenster 131
Die Nackte über Witebsk 131
Inger Christensen 132
Der Spiegeltiger 132
Jovan Čirilov 133
Das Spiel geht weiter 134
René Clair 135
Eine Träne des Teufels (nach Théophile Gautier) 135
Guy Compton 136
Chez nous 137
Voll möbliert 138
Zeitbelichtung 138
Marc Connelly 139
Sonntagsschule für Negerkinder (The Green Pastures) 140
Jacques Constant 141
General Frédéric 142
Giles Cooper 143
Unman, Wittering und Zigo 143
Ferien für Onkel Arthur (Pig in the Middle) 145
Engelskinder (The Sound of Cymbals) 146
Mare nostrum (Something from the Sea) 147
Norman Corwin 148
Doppelkonzert 148
Michel Cournot 149
Sie brauchen mehr als die anderen 150
Heinz von Cramer 151
Die Ohrfeige 151
Stig Dagerman 152
Der Entdeckungsreisende 152
Die Spielmannsmütze 153
Jorge Dîaz 154
Die Fliege in der Suppe 155
Charles Dimont 156
Karfreitag 156
Zora Dirnbach 157
Alchimons Apfel 157
Miodrag Djurdjević 159
Der Sieger 159
Alfred Döblin 160
Friedrich Dürrenmatt 160
Nächtliches Gespräch mit einem verachteten Menschen 161
Der Prozeß um des Esels Schatten 162
Stranitzky und der Nationalheld 163
Herkules und der Stall des Augias 164
Das Unternehmen der Wega 165
Die Panne 167
Abendstunde im Spätherbst 168
Der Doppelgänger 169
Marguerite Duras 170
Der Nachmittag des Herrn Andesmas 171
Xanatta 172
Albert Ehrenstein 173
Mörder aus Gerechtigkeit 173
Günter Eich 174
Ein Traum am Edsin-Gol 175
Die gekaufte Prüfung 176
Geh nicht nach El Kuwehd 177
Träume 178
Sabeth 179
Die Andere und ich 181
Der Tiger Jussuf 182
Die Mädchen aus Viterbo 183
Das Jahr Lazertis 184
Zinngeschrei 185
Lissabon (auch u. d. T. Der letzte Tag von Lissabon) 187
Allah hat hundert Namen 187
Die Brandung vor Setúbal 188
Omar und Omar (auch u. d. T. Der Ring des Kalifen) 190
Festianus Märtyrer 190
Blick auf Venedig 192
Meine sieben
jungen Freunde
(auch u. d. T. Die Gäste des Herrn
Birowski) 193
Die Stunde des Huflattichs 194
Man bittet zu läuten 195
Herbert Eisenreich 196
Wovon wir leben und woran wir sterben 197
Hans Magnus Enzensberger 198
Dunkle Erbschaft, tiefer Bajou 198
Padraic Fallon 199
Mister Janus 200
Christian Ferber 201
Vera Ferra-Mikura 201
Der Schlangenbiß 202
Colin Finbow 203
Rummelplatz 203
Sonntag fahren wir ans Meer (A Day Like Sunday) 204
Hans Flesch 205
Zauberei auf dem Sender 205
Jean Forest 206
Walter Franke-Ruta 206
Der vierte Heilige Dreikönig 207
Erich Fried 208
Die Expedition 208
Brian Friel 209
Blinde Mäuse 209
Die Lieben der Cass McGuire 210
Max Frisch 211
Herr Biedermann und die Brandstifter 212
Rip van Winkle 213
Gerhard Fritsch 214
Der Kastellan 214
Nachtfahrt 216
Felix Gasbarra 217
Fahnen am Matterhorn 217
John Every oder Wieviel ist der Mensch wert? 218
Monsieur Job oder Was alles einem Menschen nicht gehört 219
Pimpanell oder Worin besteht die Freiheit eines Menschen 220
Rahmeck oder Wohin einen Menschen die Verantwortung treibt 221
Signor Arcadio oder Woher die Misere der Menschheit kommt 222
Gian Domenico Giagni 223
Alan Gosling 223
Der Untermieter 224
Marran Gosov 225
Mühle 225
Sebastian Goy 226
Zizibä 226
Wolfgang Graetz 227
Urlaub aus Burstadt 228
Der große Bruder 229
Der Simulant 230
Hölle auf Sparflamme 231
Bernd Grashoff 232
Störche und Teerjacken 232
Otto Grünmandl 233
Rochade 233
Divertimento für fünf Bankbeamte und einen Kutscher 234
Max Gundermann 236
Terminkalender 236
Peter Handke 237
Hörspiel 238
Hörspiel Nr. 2 239
James Hanley 239
Vor Anker (auch u. d. T. Selbstgespräch) 240
Winterreise 240
Konrad Hansen 241
Solo für Störtebeker 242
Herr Kannt gibt sich die Ehre 243
Ludwig Harig 244
Starallüren 244
Hugo Hartung 245
Ich denke oft an Piroschka 245
Ima Harube 246
Die Frau auf dem Wandschirm 247
Rolf Haufs 248
Man wird sehen 248
Julius Hay 249
Appassionata 249
Johannes Hendrich 251
Lauter Engel um Monsieur Jacques 251
Das Haus voller Gäste 252
Der Sog 253
Zbigniew Herbert 254
Die Höhle des Philosophen 255
Das andere Zimmer 256
Richard Hey 256
Kein Lorbeer für Augusto 257
Olga 17 258
Tod eines Nichtschwimmers 259
Die Brüder 260
Nachtprogramm 261
Hochzeitsreport 262
Ergänzungsbericht 263
Kevin Hewster Zomala 264
Kurt Heynicke 265
Von Aristoteles bis Hipperich 266
Das neue und das alte Leben 267
Franz Hiesel 268
Old Man River 268
Auf einem Maulwurfshügel 269
Gott liebt die Schweizer 270
Heimkehr aus Sankt Pölten 271
Die Reise nach Österreich 273
Wolfgang Hildesheimer 276
Begegnung im Balkanexpreß 277
An den Ufern der Plotinitza 278
Prinzessin Turandot 279
Das Atelierfest 280
Das Opfer Helena 281
Die Bartschedel-Idee 282
Pastorale oder Die Zeit für Kakao 283
Herrn Walsers Raben 283
Unter der Erde 284
Monolog 286
Maxine 286
Peter Hirche 287
Die seltsamste Liebesgeschichte der Welt 288
Lob der Verschwendung (auch u. d. T. Zum Empfang sind erschienen) 289
Heimkehr 290
Nähe des Todes 291
Lehmann 292
Der Unvollendete 293
Der Verlorene 295
Miserere 296
Gemischte Gefühle 297
Hans Hömberg 298
Die Schnapsidee 298
Fred von Hoerschelmann 299
Flucht vor der Freiheit 299
Ich bin nicht mehr dabei 300
Die verschlossene Tür 302
Das Schiff Esperanza 303
Ich höre Namen 304
Aufgabe von Siena 305
Die Saline 306
Dichter Nebel 307
Kay Hoff 308
Alarm 308
Die Chance 309
Gert Hofmann 310
Unser Mann in Madras 311
Tod in Miami (auch u. d. T. Ferien in Florida) 312
Bericht über die Pest in London, erstattet von den Bürgern der Stadt, die im Jahre 1665, zwischen Mai und November, daran zugrunde gingen 313
Hideji Hôjô 314
Geschichte eines Witwers (japanisch: Die Füchsin) 314
Claus Hubalek 315
Die Festung 316
In einem Garten in Aviano 317
Richard Hughes 318
Gefahr 318
Ted Hughes 319
Verwundet 320
Hunde 321
Lotte Ingrisch 322
Alle Vöglein alle 322
Eine leidenschaftliche Verwechslung 323
Eugène Ionesco 324
Der Automobilsalon 325
Ernst Jandl 325
Fünf Mann Menschen 326
Margarete Jehn 327
Der Bussard über uns 327
Shirley Jenkins 328
Der Spiegel 328
Walter Jens 329
Ahasver 330
Ernst Johannsen 331
Brigadevermittlung 331
Hermann Kasack 332
Ballwechsel (urspr. u. d. T. Stimmen im Kampf) 333
Marie Luise Kaschnitz 333
Die fremde Stimme 334
Caterina Cornaro 335
Die Kinder der Elisa Rocca 336
Der Zöllner Matthäus 337
Das Gartenfest (auch u. d. T. Die Reise des Herrn Admet) 338
Ein königliches Kind 339
Hans Kasper 340
Geh David helfen 340
Die drei Nächte des Don Juan 341
Tatort 342
Hermann Kesser 343
Schwester Henriette 344
Straßenmann 345
Ephraim Kishon 346
Der Blaumilchkanal 346
Zigi und Habuba 347
Fuyuhiko Kitagawa 349
Im Bauch des Riesen 349
Ivan Klima 350
Die Geschworenen 350
Werner Klose 352
Reifeprüfung 352
Matjaź Kmecl 353
Abiturientenaufsatz 353
Walter Kolbenhoff 354
Der Briefträger geht vorbei 355
Bornhofer 355
Radomir Konstantinović 357
Euridike 357
Der Flug des Ikaros 358
Der große Emanuel 359
Erich Kuby 359
Der verschwundene Graf 360
Der Sonderzug 361
Dieter Kühn 362
Das Ärgernis 362
Otto Heinrich Kühner 363
Die Übungspatrone 364
Pastorale 67 365
Kurt Kusenberg 366
Der Traum des Sultans 366
Hans Kyser 368
Ankommt eine Depesche 368
Rusia Lampel 369
Die beiden Tabakspfeifen 370
Siegfried Lenz 371
Das schönste Fest der Welt 371
Zeit der Schuldlosen 372
Zeit der Schuldigen 373
Haussuchung 374
Der Gesandte 375
Das Labyrinth 377
Herbert Lichtenfeld 378
Herr Print erkennt sich selbst 378
Gastspiele 379
Jakov Lind 380
Anna Laub 380
Das Sterben der Silberfüchse 381
Hunger 382
Arnost Lustig 383
Prager Kreuzungen 383
Jerzy Lutowski 384
Wir sind mitten in der Operation 384
Joachim Maass 386
Schwarzer Nebel 386
Das Eis von Cape Sabine 387
Archibald MacLeish 388
Fall einer Stadt (auch u. d. T. Der Eroberer) 389
Louis MacNeice 390
Der schwarze Turm 390
Das wilde Auge 391
Sándor Márai 392
Reise zu zweit 392
Friederike Mayröcker 393
Dieter Meichsner 394
Besuch aus der Zone 394
Ein Leben 395
Das Rikchen aus Preetz 396
Morgengebet 397
Benno Meyer-Wehlack 398
Die Grenze 399
Das goldene Rad 400
Kreidestriche ins Ungewisse 401
Die Versuchung 401
Neun Monate 402
Horst Mönnich 403
Hiob im Moor 404
Prozeßakte Vampir 405
Der vierte Platz 408
Hermann Moers 411
Der klingende Musiker 411
Das Obdach 412
Der Sprachkursus 413
Das Familienfest 415
John Mortimer 416
Das Pflichtmandat 416
Der Privatdetektiv (I Spy) 417
Gerhart Hermann Mostar 418
John Walker schreibt seiner Mutter 419
Gensô Murakami 420
Gibt es den Teufel oder gibt es ihn nicht 420
Shinichiro Nakamura 421
Der dreieckige Traum 422
Shinkichi Nakamura 423
Die Spieldose 423
Bill Naughton 424
Ein Bett für die Nacht (Somewhere for the Night) 424
Alfie Elkins und sein bißchen Leben 425
René de Obaldia 426
Die Tränen des Blinden 427
Urbi et orbi 428
Arch Oboler 429
Das vergessene Wort 429
Gerd Oelschlegel 430
Romeo und Julia in Berlin 430
Michéal O’hAodha 431
Das Grab des Webers (nach Seumas O’Kelly) 432
Claude Ollier 433
Der Tod des Helden 433
Die Verwandlung (Regression) 434
Ernst Bruun Olsen 435
Der Buchhändler kann nicht schlafen 435
Joe Orton 436
Der Schnorrer auf der Treppe 437
Leif Panduro 438
Lollypop, mein Name ist Jensen 438
Jacques Perret 439
Ein Ding taucht auf (mit Jean Forest) 439
Die Rechenaufgabe (mit Jean Forest) 440
Robert Pinget 441
Die alte Leier 442
Das Interview (später zu Monsieur Mortin erweitert) 442
Harold Pinter 444
Ein leichter Schmerz (auch u. d. T. Der Streichholzverkäufer) 444
Abendkurs 445
Die Zwerge 446
Heinz Piontek 447
Zwischenlandung 448
Paul Pörtner 449
Die Sprechstunde 449
Mensch Meier 450
Was sagen Sie zu Erwin Mauss? – Einkreisung eines dicken Mannes 451
Vasco Pratolini 452
Der Sonntag der braven Leute 453
Jaromír Ptáček 454
Schnecke am Trapez 454
Auf der Schwelle zur Stille 455
Ein Tag aus ferner Vergangenheit 456
Rainer Puchert 457
Das Appartementhaus 457
Henry Reed 458
Die Straßen von Pompeji 459
Ein wahrhaft großer Mann 460
John Reeves 461
Strand der Fremden 461
Ruth Rehmann 462
Ein ruhiges Haus 463
Eduard Reinacher 464
Der Narr mit der Hacke 464
Das Bein 465
Herbert Reinecker 466
Friedensvertrag 466
Christa Reinig 467
Kleine Chronik der Osterwoche 467
Das Aquarium 468
Gerlind Reinshagen 470
Das Milchgericht 470
Hans Rothe 471
Verwehte Spuren (auch u. d. T. Ankunft bei Nacht) 471
Jan Rys 472
Grenzgänger 473
Die Türklinke 474
Dreiundfünfzig Schritte 475
Verhöre 476
Franta 477
Die Männer mit den Steinen 478
Interview mit einer bedeutenden Persönlichkeit 479
Nelly Sachs 480
Eli 481
Nathalie Sarraute 482
Das Schweigen 483
Die Lüge 484
James Saunders 485
Bezahl, eh’ du gehst 485
Walter Erich Schäfer 486
Malmgreen 486
Die fünf Sekunden des Mahatma Gandhi 487
Spiel der Gedanken 488
Die Nacht im alten Hotel 489
Ernst Schnabel 489
Der 29. Januar (auch u. d. T. Nachkriegswinter) 490
Rolf Schneider 491
Zwielicht 491
Wolfdietrich Schnurre 493
Spreezimmer möbliert 493
Ein Fall für Herrn Schmidt 494
Erasmus Schöfer 495
Berg der Schatten 496
Rolf Schroers 497
Auswahl der Opfer 497
Anna Seghers 498
Der Prozeß der Jeanne d’Arc zu Rouen 1431 499
Günter Seuren 500
König Lasar 500
Alan Sharp 501
Der Rekordspieler 502
Tormod Skagestad 502
Das Haus im Walde 503
Carl Erik Martin Soya 504
Kleiner Papa Schildkröte 504
Muriel Spark 505
Gefahrenzone 505
Die Ballade von Peckham Rye 506
Luigi Squarzina 507
Der Unfall (Il Pantographo) 507
Miloslav Stehlik 509
Telefonseelsorge (tschechisch: Krisenzentrum) 509
Tom Stoppard 510
Alberts Brücke 510
Rezsö Szirmai 512
Jedermanns Weihnachtsbaum 512
Andrzej Szypulski 513
Der Bauch 514
Jean Tardieu 514
Die Insel der Schnellen und die Insel der Langsamen 515
Jean Thibaudeau 516
Dylan Thomas 516
Rückreise 517
Unter dem Milchwald 518
Der Doktor und die Teufel 519
Michal Tonecki 521
Herr Lonek ist gekommen 521
Der Fünfte zum Bridge 522
Dan Treston 523
Klavier im Fluß 523
Der Obolus 524
Alain Trutat 525
Die Geschichte vom Ei 525
Naoya Uchimura 526
Marathon 527
Milan Uhde 528
Komödie um Lot 528
Der Gasmann 529
Siegfried von Vegesack 530
Die Liebeserklärung 530
Endre Vészi 531
Statistik 532
Georg von der Vring 533
Der Korporal aus Java 533
Das Schildkrötenspiel 534
Der Totenkopfschwärmer 535
Ivan Vyskočil 535
Eine Begebenheit 536
Die Reise nach Ubitz 537
Dieter Waldmann 538
Der fremde Gast 538
Martin Walser 539
Ein grenzenloser Nachmittag 539
Erdkunde 540
Günther Weisenborn 542
Die Reiherjäger 542
Peter Weiss 543
Der Turm 543
Dieter Wellershoff 544
Die Sekretärin 544
Die Bittgänger 546
Der Minotaurus 547
Am ungenauen Ort 548
Bau einer Laube 549
Wolfgang Weyrauch 550
Woher kennen wir uns bloß? 550
Vor dem Schneegebirge 551
Die japanischen Fischer 552
Indianische Ballade 554
Das grüne Zelt 555
Anabasis 556
Totentanz 557
Das tapfere Schneiderlein 558
Alexanderschlacht 559
John Whiting 561
Die Treppe 561
Ohn’ Warum (No Why) 562
Erwin Wickert 563
Alkestis 563
Der Klassenaufsatz 564
Cäsar und der Phönix 566
Robinson und seine Gäste 567
Monique Wittig 568
Johannisfeuer 569
Gabriele Wohmann 570
Die Gäste 570
Richard Wright 571
Gott ist anders 571
Paul Wühr 572
Wer kann mir sagen, wer Sheila ist? 573
Heinz Oskar Wuttig 574
Nachtstreife 574
Harald Zusanek 576
Die Schauspielerin (auch u. d. T. Die vierzig Minuten der Henriette Dupont) 576
Neben den Schauspielführer, den Opernführer, den Konzertführer, also neben die Kompendien des Reclam-Verlages, in denen Kunstgattungen von jahrhundertealter Tradition durch ihre Repertoirestücke repräsentiert werden, soll nun ein Hörspielführer treten. Hat die junge radiophonische Kunst denn schon genug Gewicht? Gibt es in ihr überhaupt Ansätze zu einem Repertoire, das man registrieren kann? Natürlich, eine Dimension von Jahrhunderten besitzt die Hörspielgeschichte nicht. Doch wer dies Buch aufmerksam durchblättert, der wird gewiß manchmal überrascht feststellen, wie viele Namen von hoher literarischer Geltung in den nur knapp fünf Jahrzehnten mit der Radiokunst schon verknüpft waren und noch verknüpft sind. Es scheint geradezu – und darauf weist auch die breite Publikumsgunst –, als ob das Hörspiel vor mancher der traditionsreichen Kunstarten etwas voraus hätte. Vielleicht wegen seiner Jugend? Vielleicht dadurch, daß die neuen eigentümlichen Mittel und die neue, so bestechend einfache Form eine besonders überzeugende Darstellung unsrer heutigen Welt ermöglichen? Diese Frage bedarf hier der Erörterung.
Der Begriff "Hörspielrepertoire" ist älter, als man im allgemeinen annimmt. Am 25. Dezember 1927 schrieb Bertolt Brecht im "Berliner Börsen-Courier" einen offenen Brief an den Intendanten des Berliner Rundfunks: "Was die Hörspiele betrifft, so sind ja tatsächlich von Alfred Braun interessante Versuche unternommen worden. Der akustische Raum, den Arnolt Bronnen versucht, muß ausprobiert, diese Versuche müssen von mehreren fortgesetzt werden. Der große Epiker Alfred Döblin wohnt Frankfurter Allee 244... Mit der Zeit müssen Sie auch endlich eine Art Repertoire schaffen, d. h., Sie müssen Stücke in bestimmten Intervallen, sagen wir alljährlich, aufführen."
Der große Epiker Döblin wurde natürlich herangeholt. Aber auch die Repertoire-Mahnung Brechts wurde immer und überall befolgt, obwohl die meisten Hörspieldramaturgen sie gewiß nicht einmal kannten, Im Hörspiel ist zum erstenmal ganz bewußt eine neue Kunstform aufgebaut worden – durch "Körperschaften des öffentlichen Rechts", unabhängig, sogar ziemlich frei auch von wirtschaftlichen Überlegungen. Die Hörspielleute konnten sich vorbehaltlos nicht nur um Autoren und Texte bemühen, sondern auch darum, das bereits Erarbeitete zu pflegen und zu erhalten. Das Kriterium war die Frage nach dem "Materialstil", wie man damals sagte, nach den neuen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten des Mediums.
Eine solche Bemühung um das Formtypische ist keineswegs selbstverständlich. Z. B. fragt man nach rund zwanzig Fernsehjahren noch relativ selten, was denn das eigentlich sei: ein Fernsehspiel. Man begnügt sich, einen im Durchschnitt bestimmt nicht anspruchslosen Bedarf zu befriedigen. In der Hörspielgeschichte aber hat man vom ersten Tag an unablässig nach dem genuinen Hörspiel gefragt.
Doch zunächst ein paar Daten zur Hörspielgeschichte:
Der "Unterhaltungsrundfunk" (damals zum Unterschied von exklusiven wirtschaftlichen und postalischen Ausstrahlungen so benannt) begann in den Hauptstädten der Alten und Neuen Welt bald nach dem Ersten Weltkrieg: in Deutschland versuchsweise 1921, offiziell 1923. Am 15. Januar 1924 gab es in London das erste Hörspiel, Danger von Richard Hughes, von dem Bernard Shaw sagte, es sei "einer der besten Einakter", die er kenne; das Stück gehört noch heute zum Hörspielrepertoire. Dagegen wirkt der Text Zauberei auf dem Sender von Hans Flesch, der am 24. Oktober 1924 gesendet wurde und der als erster erhaltener deutscher Hörspieltext gilt, nur noch als Kuriosität. Das trifft auch auf das erste französische Radiostück Maremoto zu, das genau einen Tag vor dem deutschen im "Äther" erschien und das in einer Broschüre mit ausführlichem Kommentar, "Théâtre Radiofonique", sogleich gedruckt wurde (Paris 1925). Ebenfalls 1925 wurde Danger, das englische Werk, ins Deutsche übersetzt und auch bei uns inszeniert. Der internationale Hörspielaustausch hatte begonnen.
Obwohl es 1927 bereits ein deutsches Hörspielpreisausschreiben gab, wurde dennoch in den ersten Jahren noch überwiegend richtungslos experimentiert, wenn auch unter Beteiligung von Schriftstellern wie Friedrich Bischoff, Franz Theodor Csokor, Erich Ebermayer und Rudolf Leonhard. Von 1929 bis 1933 datiert bei uns die erste große Hörspielzeit – sie weist (neben Brecht und Döblin) Mitarbeiter auf wie Albert Ehrenstein, Ernst Hardt, Erich Kästner, Hermann Kasack, Eduard Reinacher, Walter Erich Schäfer und viele andere. Sie war am Ende schon überschattet durch Weltwirtschaftskrise und Vorboten des Nationalsozialismus. In diesen Jahren waren fast alle Hörspielformen – mindestens im Keim – schon vorhanden. Zur Entfaltung dieser Ansätze kam es damals freilich nicht mehr.
Das Hörspiel hat sich als merkwürdig empfindliche Kunstform erwiesen – während seiner ganzen Geschichte. Obwohl selber der Planung durchaus zugänglich, wollte es in einem ausschließlich oder überwiegend für außerkünstlerische Zwecke geplanten und in Dienst gestellten Rundfunksystem nie gedeihen. Im Staatsrundfunk der Nationalsozialisten war es mit Nachhilfe des "Propagandaministeriums" schon 1935 fast ganz eingegangen. Im Staatsrundfunk der UdSSR wurde es laut Moskauer Zeitschrift "Teatr" (Jahrgang 1964, Nr. 12) für formalistisch erklärt, und man weiß, was das heißt. Auch im kommerziellen US-Rundfunk hat sich – außer in den Jahren nationaler Solidarität während des Hitlerkriegs – eine Hörspielkunst nicht entwickeln können. Die große und erstaunliche Blüte des jugoslawischen, polnischen und tschechoslowakischen Hörspiels aber entfaltete sich in den drei Ländern übereinstimmend 1956, im Jahr des "Tauwetters".
Auch bei uns begann nach dem Ende der Reglementierung des Hörers durch den Rundfunk schon bald nach 1945 eine neue Radio-Erfahrung: Diskussionen und persönliche Anrede, Nachtprogramme, Dritte Programme und Hörspiele wurden plötzlich lebenswichtig – zumal in einem Land, in dem fast alle Kommunikation aufgehört hatte. Wolfgang Borcherts Hörspiel Draußen vor der Tür, erstmals gesendet am 13. Februar 1947, hatte eine geradezu sensationelle Wirkung, war allerdings vorerst noch ein Einzelfall. Dagegen wird der 19. April 1951, der Günter Eichs Träume brachte, sicherlich mit Recht (wenn auch wohl ein wenig ungerecht gegenüber manchem Vorausgegangenen) als "Geburtstag des deutschen Nachkriegshörspiels" bezeichnet. Nun fanden sich fast alle namhaften deutschsprachigen Autoren mit Beiträgen zur neuen Kunstform ein: 1951 Erwin Wickert; 1952 Friedrich Dürrenmatt, Wolfgang Hildesheimer, Fred von Hoerschelmann, Walter Jens; 1953 Ilse Aichinger, Heinrich Böll, Max Frisch, Peter Hirche, Marie Luise Kaschnitz; 1954 Siegfried Lenz, Richard Hey, Wolfgang Weyrauch; 1955 Leopold Ahlsen, Ingeborg Bachmann, Martin Walser und andere. Die Fülle bedeutender Rundfunkwerke aus den fünfziger Jahren ist überwältigend – gerade auch im Vergleich mit dem, was damals an Prosa- und Theatertexten entstand. Um 1960 waren nur wenige jener Namen aufgetaucht, die heute die Anfänge des Nachkriegsromans in deutscher Sprache bezeichnen, vorab Böll, Frisch, Grass, Lenz; im Theater aber war man – abgesehen von den ersten Stücken der jungen Schweizer Dürrenmatt und Frisch, die wie Böll und Lenz auch Funkarbeiten schrieben – fast nur auf die Altmeister Brecht und Zuckmayer als zeitgenössische Bühnendichter angewiesen. Dagegen hatte die Hörspielliteratur zwischen 1953 und 1958 schon ihren ersten Höhepunkt. Wahrscheinlich ist es nicht zuviel gesagt, wenn man feststellt, daß während der fünfziger Jahre in unserer literarischen Produktion das Hörspiel als Kunstform den breitesten Raum einnahm. Und nicht nur mit poetischen Stücken: auch die Auseinandersetzung mit den Problemen der Zeit und der nahen Vergangenheit, die nach dem Ersten Weltkrieg in "Zeitstücken" auf dem Theater erfolgt war, geschah diesmal im Rundfunk. Wenn das vorliegende Buch versucht, das Phänomen Hörspiel von seinen Anfängen bis in unsere Tage überschaubar zu machen, so spiegelt diese Darstellung zugleich einen wesentlichen Teil des literarischen Schaffens nach 1950 wider, und nebenbei ergibt sich eine literarische Stoffgeschichte für die Zeit bis etwa 1960.
Hinzu kommt, daß in jenen Jahren auch das Auslandshörspiel bei uns Aufnahme fand. 1954 wurde in London und Hamburg Dylan Thomas’ Unter dem Milchwald zum erstenmal ausgestrahlt, drei Jahre später folgte das erste Beckett-Hörspiel. Ebenso wie bei uns war die Hörspielkunst in England zu Geltung und Reife gelangt; dort besaß sie sogar über den Krieg hinweg die kontinuierliche Entwicklung, die bei uns abgerissen war, und besitzt sie noch heute – bis hin zu den jüngeren Autoren internationalen Ruhms, etwa zu Pinter und Saunders. Als Hörspielländer besonderen Ranges haben sich auch Irland und Japan erwiesen, ihre Autoren scheinen Günter Eich verwandt durch einen Hang zu metaphorischen Traumwelten. Japan wurde außerdem ein großes Vorbild durch gewisse rhythmisch hinreißende Geräuschhörspiele, die wir im Original übernahmen, weil sie bei einer Nachbildung in unserer Sprache nur verloren hätten. Doch auch unsere näheren Nachbarn hatten uns viel zu bieten: die skandinavischen Länder, Italien, Frankreich. Italien hatte schon 1949 den "Prix Italia" gestiftet, an dem Deutschland aber erst 1953 mit eigenen Beiträgen teilnahm; der Preis gewann für den internationalen Wettbewerb etwa die gleiche Bedeutung wie für den innerdeutschen der erstmals 1951 ausgeschriebene "Hörspielpreis der Kriegsblinden". Im französischen Rundfunksystem, einem Staatsrundfunk, entwickelte sich das Hörspiel nicht so, wie man es angesichts der Kulturtradition des Landes erwartet hätte. Vom Süddeutschen Rundfunk wurden Aufträge an Autoren des Nouveau Roman vergeben; eine Reihe ihrer Werke erlebte bei uns die Uraufführung. Auch tschechische Autoren und Regisseure, die als Gäste kamen, gewannen bei uns Einfluß. Sogar aus Kanada, Neuseeland, Südamerika, Afrika erreichten uns Anregungen, Texte und Produktionen. Aber ebenso fand das deutsche Hörspiel draußen Anerkennung und Interesse. Im hörspielfremden New York erschienen sechs Anthologien mit deutschen Hörspieltexten. Auch in Japan wurden deutsche Hörspiele gedruckt. Gesendet wurden sie in allen Kontinenten.
In der Bundesrepublik war erstaunlich die Bedeutung, die Hörspiele auch in den Schulen und bei der Jugend gewannen – teils als Lektüre, teils für eigene Produktionsversuche mit Tonbandgeräten. Sicherlich mehr als fünfhundert Stücke wurden in Büchern und Broschüren publiziert. Auch in der DDR wurden seit Ende der fünfziger Jahre zunehmend Hörspiele produziert und in Hörspieljahrbüchern veröffentlicht. Allerdings geschieht im Staatsrundfunk fast alles mit politisch gebundener Marschroute und meist mit mühsamer Rechtfertigung durch die bekannte Realismustheorie.
Sucht man nach einer Erklärung für die große Faszination des Hörspiels, so muß man sich wohl vor allem klarmachen, was denn mit dem Aufkommen dieser Kunstform eigentlich geschah. Immer wieder werden Hörspiel und Film verglichen, meist will man eine Verwandtschaft zwischen den beiden in diesem Jahrhundert entstandenen Künsten aufzeigen. Doch ist vielleicht noch wichtiger zu erkennen, wie sehr sie sich in ihrer Substanz und ihrer Entwicklung unterscheiden.
Auf jeden Fall ist der Film in viel radikalerem Sinn eine technische Kunst; fast alles beruht hier auf der Technik der Kamera. Verglichen mit den überkommenen Ausdrucksmitteln mimischer Darstellung im Theater ergibt sich damit eine erstaunliche Erweiterung, geradezu eine Explosion der Gegenstände und Möglichkeiten. Das lebendige Bild, das alle Dinge heranholt, wie und von wo es will, tritt nun nicht nur sozusagen als neuer Hauptdarsteller neben den Mimen, sondern es macht wie alles so auch ihn zu ihrem Objekt. Genaugenommen "spielt" die Kameralinse allein. Das Theater wird durch sie so weit wie die Welt. Wie sehr es aber die Macht der Technik ist, die diese Welt so weit aufbricht und öffnet, das zeigt sich jedesmal, wenn die Technik sie erneut ein Stück auszuweiten sucht. Wird aus Stummfilm Tonfilm, Breitwand oder plastischer Film oder verlangt das Fernsehen Umstellung auf sein kleines Bildformat und beginnt von da aus die Anstrengung um technische Perfektion, technische Erweiterung von vorn, dann muß jedesmal auch künstlerisch, dramaturgisch, stilistisch von vorn begonnen werden. Vorgänge solcher Art hat es in der Hörspielgeschichte so gut wie gar nicht gegeben, die Entwicklung war von technischen Einbrüchen bis heute unbehindert. Der Grund liegt im genau entgegengesetzten Verhältnis des Hörspiels zur Technik. Die Technik hat dem Hörspiel keine im Vergleich zum konventionellen Theater erweiterte Welt verschafft, sondern hat es im Gegenteil in seinen Mitteln eingeengt: auf das bloß Akustische. Technische Ereignisse wie etwa die Erfindung des Magnetophons oder des UKW-Funks waren zwar wichtig, aber sie ergaben stets nur eine Perfektionierung und Differenzierung des schon immer angestrebten künstlerischen Ausdrucks, nie eine Veränderung der äußeren Form. Die erste technische Umwälzung, die eine gewisse Neubesinnung nötig macht, ist jetzt die Hörspielstereophonie. Aber bleiben wir erst einmal beim Rundfunk und Hörspiel, wie wir sie bisher kannten.
Die Welt wird auf das bloß Akustische reduziert; auch der Darsteller muß sich auf die Ausdrucksmittel der gesprochenen Sprache beschränken, er darf, wie Geräusch und Musik, nur als Verlautbarung seiner selbst da sein. Viel mehr als diese Beraubung, diese Abstraktion, geschieht durch die Technik im Hörspiel ursprünglich nicht. Doch so simpel der Vorgang scheint, er ist genauso revolutionär wie der umgekehrte beim Film. Er ist revolutionär sogar im doppelten Sinn. Erstens geschieht die strenge asketische Einengung. (Eine derartige, stilistisch disziplinierende Askese gab es in der Geschichte der Kunst häufiger, und sie war meist fruchtbar; man denke etwa an den Beginn des Holzschnitts um 1400 oder an den Verzicht auf Bemalung in der Bildhauerkunst.) Doch daneben geschieht im Hörspiel zweitens noch etwas anderes, gerade auf dem Gebiet der Sprache; es handelt sich um deren Zurückführung auf ihren ursprünglichen und eigentlichen Zustand, den lauthaften. Durch die Erfindung des Buchdrucks war die Literatur in die Notwendigkeit versetzt worden, Schreibe zu werden. Schon das gesprochene Wort ist ein Zeichen, die Buchstaben waren Zeichen für Zeichen. Im Hörspiel jedoch galt es auf einmal wieder, unmittelbar mit gesprochener Sprache zu kommunizieren, so wie zu Zeiten Homers und der alten Geschichtenerzähler. Aus "Schriftstellern" mußten, wie Döblin formulierte, plötzlich wieder "Sprachsteller" werden. Das war eine außerordentliche Forderung. Aber handelte es sich dabei für die Sprache tatsächlich nur um etwas wie Rückkehr in einen Urzustand?
Technische Neuerungen sind bekanntlich selten ausschließlich Ergebnisse zufälliger technischer Entdeckungen. Meist gehen ihnen gewisse geistige Tendenzen voraus, die mit ihnen in oft unerklärlicher Weise zusammenzuhängen scheinen. Musikalisch hatte die Entwicklung der Unterhaltungsmusik den Rundfunk sozusagen "vorbereitet". Für die Hörspielkunst aber war entscheidend, daß, als sie begann, auch die literarische Sprache wieder in eine Richtung von der Schreibe weg tendierte und wieder Ausdruck einer Wirklichkeit werden wollte – freilich keiner äußerlich realistischen. "Das Ich-Denke begleitet alle inneren Vorgänge" (Kant). In diesem Sinn etwa hatten soeben James Joyce und Arthur Schnitzler den inneren Monolog als wichtigstes Kunstmittel entwickelt. Auch Döblin war, wie die große Wirkung seines Alexanderplatz-Hörspiels noch heute beweist, unter dem Einfluß von Joyce und den Expressionisten längst "Sprachsteller" geworden. Und Robert Musil hatte in seinen Tagebüchern (Heft 10 – 1918-20) auf den Zusammenhang des Zeitablaufs mit den inneren Vorgängen hingewiesen und von daher ein "unzeitliches" Drama postuliert, das die Zeit in gewisser Weise "außer Spiel lassen, vor- und zurückspringen und gleichzeitig Verschiedenzeitiges geben kann"; ein neues inneres "Ordnungsprinzip" sei einzuführen.
Es klingt seltsam, doch angesichts solcher Formulierungen ist man fast geneigt zu sagen, das Wichtigste am Hörspiel sei schon vor Erfindung des Rundfunks erfunden gewesen. Jedenfalls münden die Kunstprinzipien nicht weniger Autoren der Vor-Hörspielzeit übergangslos in die Hörspieldramaturgie ein Hermann Kessers berühmter Hörspielmonolog Schwester Henriette, der 1929 als eine Art erster Koproduktion zwischen Berlin und London gesendet wurde, geht formal um keinen Schritt über Schnitzlers Monolog-Erzählungen hinaus. Durch Musil ist auch die Freiheit des Hörspiels mit Zeitsprüngen und mit dem neuen assoziativen "Ordnungsprinzip" schon konstituiert.
Die Tendenzen der Zeit bewährten sich in der praktischen Arbeit am Hörspiel. Zugleich aber führte diese praktische Arbeit dann tiefer hinein in die eigentliche Welt der gesprochenen Sprache, indem deren besondere Kraft zu schöpferischer Imagination neu entdeckt wurde. Ganz offenbar geschieht die Evokation einer Welt eigener Geltung aus artikuliertem Wort, aus Geräusch, Musik und Vorstellung, also durch darstellenden Lautausdruck wesentlich intensiver als beim Lesen, wo die Augen stumm, als "Schnellreiter" (Döblin), die Zeilen durchfliegen und die schlafende Sprache kaum flüchtig zum Leben wecken.
Nun verlief die Entwicklung allerdings nicht etwa so, wie man oft fälschlich glaubt: daß das Hörspiel eines Tages als vollendeter, festumrissener Formtypus dastand. Dies Mißverständnis kam durch die beherrschende Stellung auf, die Günter Eich im deutschen Hörspielschaffen einnahm, und durch die von ihm geschaffene, bestechend exemplarische Form. Auch mein Buch Das Hörspiel. Dramaturgie und Geschichte (Köln 1963) wird leider gelegentlich so einseitig interpretiert. Es wäre jedoch ein bedenkliches Zeichen für die neue Kunst, wenn sie auf eine Definition festzulegen wäre, die dann vielleicht die Faustregel für die Fabrikation gültiger Stücke abgäbe. Wer im Bereich der Künste nach Rezepten sucht, weiß nichts vom Geheimnis künstlerischer Form. Die Frage, was Hörspiel sei, läßt sich mit Sicherheit nicht mit irgendeinem apriorischen Gesetz beantworten, sondern bestenfalls mit der naheliegenden Vermutung, daß das Urbild irgendwie in allen Formen steckt, die bei den schöpferischen Bemühungen um radiophonischen Ausdruck entwickelt wurden.
In den Jahrzehnten der Hörspielpraxis hat es eine Fülle radiophonischer Ideale gegeben. Sie gehen z. T. weit auseinander, wollen aber stets das gleiche: ein Stück Wirklichkeit fixieren, das ausschließlich mit hörbaren Elementen geformt ist. Bemerkenswert, daß alle diese Ideale schon sehr früh definiert waren, schon in den ersten Jahren, und daß die aus ihnen hervorgegangenen Formtypen ziemlich ausnahmslos noch heute nebeneinander Geltung besitzen – also keineswegs als Moden verschwunden sind. Der durchgehende innere Monolog, der in Schwester Henriette bewundert wurde, findet sich nach wie vor auch bei Autoren so unterschiedlicher Altersstufen und Absichten wie Samuel Beckett (Aschenglut), Wolfgang Hildesheimer (Monolog), Jan Rys (Interview mit einer bedeutenden Persönlichkeit) oder Dieter Wellershoff (Die Sekretärin). Sogar das realistische oder, wenn man so will, neorealistische Radiostück, dessen imaginative Schwerfälligkeit längst erkannt ist, lebt noch; der Italiener Squarzina beweist es u. a. mit seinem aufregenden und vielgesendeten Hörspiel Der Unfall; auch in England, wo man auf Theorien sehr viel weniger gibt als bei uns, schreiben versierte Funkautoren oft noch ganz realistisch.
Am intensivsten hingegeben an die Kraft des Hörspiels zur Imagination, zur Verbildlichung durch das gesprochene Wort, scheint – seit Eduard Reinachers Narr mit der Hacke – noch immer der Typus des poetischen "Spiels für Stimmen" zu sein, wie es u. a. durch Dylan Thomas und die Mehrzahl der Arbeiten Günter Eichs, Peter Hirches und der fantasievollen japanischen und irischen Hörspieldichter vertreten wird. Den Meistern dieser Form darf man durchweg unterstellen, daß sie sie nicht aus theoretischen Gründen erfanden und handhaben. Sie sind Lyriker, besitzen ein spezifisches Verhältnis zur Sprache und haben im radiophonischen Spiel dieses Gepräges eine Möglichkeit überwiegend lyrischer Sprachstruktur entdeckt. Vielleicht hat die bildhaft-metaphorische Art des Hörspiels ein paar Jahrzehnte lang zu ausschließlich das Feld beherrscht. Zur Zeit besteht im Literaturgespräch die recht einseitige Neigung, ihre Bedeutung zu unterschätzen. – Eine Nuance des poetischen Stimmenspiels ist dann auch das balladeske Hörspiel etwa Bertolt Brechts, Wolfgang Weyrauchs und des Österreichers Gerhard Fritsch.
Dagegen ist eine Abwandlung, die mit mehr oder weniger großer Affinität zum Epischen hin tendiert, Funkerzählung oder Erzählhörspiel. Man kann diesen Typ auf zweierlei Weise beschreiben: entweder so, daß der epische Bericht das Primäre ist und aus ihm gelegentlich individuelle Figuren dialogisierend-plastisch heraustreten, oder so, daß aus einem Kreis sich selbst repräsentierender Figuren zwischendurch ein Erzähler gleichsam "an die Rampe" tritt, um die Selbstdarstellung dieser Figuren zu interpretieren oder zu ergänzen. Entscheidend für die Lebendigkeit dieser Form (wenn sie mehr sein will als zerbrochene Erzählung) ist dabei, wie schon von frühesten Hörspielpraktikern erkannt: ob und wieweit der Erzähler an den Vorgängen, die er zeigt, auch selbst teil hat, also wieweit er nicht nur berichtendes Subjekt, sondern auch selbst Objekt seiner Darstellung ist, wodurch sich erst die interessanten Perspektiv-Verzerrungen ergeben.
Im übrigen gibt es natürlich, von den bisher geschilderten imaginativen Hörspieltypen ausgehend und über sie hinausgehend, formale Möglichkeiten, soviel man will: die komödiantischen, die satirischen, die grotesken, die absurden usw. Doch sei nicht verschwiegen, daß von manchen Ideologen des Hörspiels – worunter sich Gesetzgeber von beängstigender Strenge befinden – an all diesen Formen bemängelt wird, es fehle ihnen an der letzten radiophonischen Konsequenz. Zwar rühmt Martin Walser z. B. an Wolfgang Weyrauch bereits als "Radikalität": "Was er handeln und leiden läßt, handelt und leidet lediglich als Stimme. Der Schleichweg zur Szene bleibt ungenutzt." Doch Kritikern, die entschlossen "progressiv" sind, genügt das längst nicht. Außer exponierten Szenen scheinen ihnen auch exponierte Personen und Stimmen, scheinen ihnen jegliche Art von Handlungsvorgängen, jegliche Art von inszenierbaren "literarischen" Texten, jegliche Art von Vorstellungen, die durch Sprache geweckt werden, ja am Ende verstehbare Sprache überhaupt außerradiophonische Mogeleien zu sein. Von einigen werden nur noch technisch denaturierte Sprache und denaturierte Geräusche zugelassen, "totale Schallspiele", deren akustische Sensationen die imaginierende Fantasie des Zuhörers in keiner Weise mehr inkommodieren. Friedrich Knilli (Das Hörspiel, Stuttgart 1961), findet es "äußerst bedauerlich..., daß sich die elektronische Musik vom Hörspiel trennte", weil das Hörspiel die "Ansprüche einer absolut bildfreien Kunst" bisher noch nicht erfüllen konnte. Es scheint, hier führt die Folgerichtigkeit schließlich zur Selbstaufgabe des Hörspiels an die Musik.
Dennoch sollte man den weiten Raum, der sich zwischen den traditionellen Hörspielformen und der Musik mit solchen Überlegungen für theoretische Träume und praktische Experimente auftut, auch nicht verachten. Allerdings muß man dabei bedenken, was die Erfahrung immer wieder gelehrt hat: daß eine Ideologie, je konsequenter und "reiner", auch meist desto steriler ist. Die entschiedensten Extremisten haben oft nicht einmal Ergebnisse in Form von Werken aufzuweisen, die ihren eigenen Ansprüchen genügen, geschweige denn solche, die man, selbst bei größter Weitherzigkeit, irgendwie als repertoirefähig bezeichnen kann. Dabei sind die Spekulationen und Experimente auch in dieser Richtung nicht etwa neu. Vor 1930, ehe man die Mittel der Elektronik kannte, versuchte man sie "chorisch" zu realisieren – mit Stimmakkumulationen, wie sie ja auch heute noch zum Arsenal der mehr oder weniger konsequenten "Konkretisten" gehören. Hans Bodenstedt und Leo Lehmann haben vor vier Jahrzehnten in Deutschland, Tyrone Guthrie in England so experimentiert.
Wie dem aber auch sei: sich mit dem Erreichten nicht zufrieden zu geben ist stets auf mancherlei Art fruchtbar; und die Wirksamkeit des Stachels, der uns das Wort und die Sache "radiophonisch" immer wieder zu steigern antreibt, ist vielfach erwiesen. Der Vorwurf der "Verwortung" (Knilli) hat, obwohl dieser Begriff damals noch nicht geprägt war, schon unmittelbar nach dem Krieg bewirkt, daß von der sehr viel lockereren angelsächsischen Form des Features kräftige Anregungen auch auf das Hörspiel ausstrahlten. Auch im Hörspiel galt es dann lange als Ideal, unter möglichst großzügiger Anwendung des assoziativen Prinzips freie Montagen aus möglichst zahlreichen und verschiedenen Strukturelementen zusammenzubauen; gerade der temperamentvolle Formenwechsel sei radiophonisch. Ganz gewiß war er heilsam. Später, unter Einfluß des Pariser "Club d’Essai" und der japanischen "Geräuschgruppe Osaka" und ihrer Erzeugnisse, mußten wir in Deutschland erkennen und bekennen, daß wir den Aussagecharakter des Geräuschs sträflich vernachlässigt hatten, und mußten uns anstrengen nachzuholen. Neuerdings wiederum hat die Einführung der Stereophonie große Mengen Wassers auf die Mühlen der radiophonischen Experimentatoren gelenkt. Es hat sich nämlich als zweifelsfrei herausgestellt, daß die realistische Verwendung des Rechts-Links-Prinzips (etwa durch Einführung von Positionen und Gängen wie auf der Bühne) für das Hörspiel gänzlich uninteressant, ja sogar hinderlich ist. Die Möglichkeit, die Tonquelle stereophonisch zu spreizen, so daß der Ton nicht mehr punktförmig aus einem Lautsprecher fließt, sondern die ganze Breite zwischen zwei Lautsprechern und eine beträchtliche Tiefe gewinnt, hat sich zwar als neues Ausdrucksmittel schlechthin, jedoch kaum als spezifisches Mittel zur Lokalisierung erwiesen. Die meisten Kenner meinen heute, daß wir uns bald an diese Art der Stereophonie gewöhnen und sie künftig mehr oder weniger bei allen Hörspielen anwenden werden, ohne sie dann noch als großen technischen Einbruch in die künstlerische Entwicklung zu empfinden.
Vielleicht sollte man abschließend noch einmal drei Thesen der profiliertesten unter den radiophonischen Theorien zitieren, um zu zeigen, daß sie einseitig verstanden sicherlich falsch, bei rechtem Gebrauch aber zweifellos äußerst fruchtbar sind.
Die Behauptung Knillis und der Schule Max Benses, daß das Hörspiel genaugenommen nur aus unbildhaften Hörsensationen bestehen dürfe, entspricht etwa der Theorie des "Kaleidoskoptheaters", die Annenkow und andere russische Theoretiker entwickelt haben und der zufolge auf der Bühne nur nichtfigurative optische Sensationen vonstatten gehen dürfen. Diese Theorie hat nicht vermocht, die zunehmende "Verwortung" aufzuhalten, die auch im Theater mit dem Übergang zum Kammer-, Keller- und Zimmertheater eintrat. Sie könnte und müßte aber, ebenso wie die entsprechende Hörspieltheorie, Regisseuren, Darstellern und Autoren stets ein schöpferisches "schlechtes Gewissen" verschaffen.
Die vielzitierten Sätze Paul Pörtners, des Verfassers interessanter "Schallspielstudien": "Für das Hörspiel schreiben, heißt auf Tonband schreiben" und "Hörspiel definiert sich allein als elektromagnetische Aufzeichnung", sind nur richtig, wenn man sie so nimmt, wie sie vermutlich gemeint waren – als herausforderndes "antiliterarisches" Paradox. In Wirklichkeit ist die tote magnetische Notation von der Wirklichkeit Hörspiel natürlich genausoweit entfernt, wie die tote Partitur und der tote Buchstabe. Hörspiel ist klingendes, verklingendes Geschehen, das nur aus akustischen Vorgängen besteht, und nur, falls und solange diese Vorgänge hörbar gemacht werden.
Es handelt sich immer – das muß als Wichtigstes festgehalten werden – um ein gänzlich dingloses Spiel. Und das muntere Wortspiel, das Helmut Heißenbüttel mit "Spielen" und "Hörspiel" treibt, ist vollkommen richtig, insofern es an die grenzenlose, man möchte sagen: "luftige" Freiheit dieses Spielens erinnert, die Heißenbüttel in der These zusammenfaßt: "Alles ist möglich, alles ist erlaubt... Grenzen und Pole warten nur darauf, überschritten zu werden."
Falsch jedoch ist es, wenn man das akustische "Spiel" so versteht, als ob der Spielende vorher unbedingt einen Teil seiner Freiheit, einen Teil seiner schöpferischen Kraft in der Garderobe abgeben müßte – etwa das Ganze oder wesentliche Partien seiner imaginativen und seiner Sprachfantasie. Das Hörspiel gewinnt seine schrankenlose Freiheit, seine Spiel- und Zauberkraft gerade auch durch die Sprache. In Eichs Tiger Jussuf beteiligt uns ein Tiger, der sich uns persönlich als Erzähler vorstellt, daran, wie er nacheinander durch zahlreiche Figuren hindurchschleicht, sie tigerhaft verwandelnd. In Rys’ Franta bleiben umgekehrt die Figuren konstant, mit ihrem "Ort", ihrer Umwelt wird gespielt; der "Ort" verwandelt sich immerfort unter ihren Füßen und sozusagen hinter ihrem Rücken wie ein gleichgültiger, projizierter Prospekt. Hildesheimers Hörspiel Herrn Walsers Raben gar führt uns einen Wettkampf zwischen zwei tödlich verfeindeten Magiern mit Hilfe ihrer gegeneinander eingesetzten Verwandlungskräfte vor. Dabei erweist sich, daß nur wer die Ruhe bewahrt, nur wer über volle spielerische Freiheit verfügt, die Verzauberung erreichen kann.
Es mußte hier etwas ausführlicher über die Bedeutung der Theorie und des Experiments für das Hörspiel gesprochen werden, weil für das wichtige Thema sonst kein Platz bleibt. Aufgabe dieses Buches ist ja gerade, festzuhalten, was schon einigermaßen feststeht, und zu tradieren, was schon eine Art Tradition ist. Darin liegt bei einem Stoff, der sich ständig mehrt und wandelt, natürlich eine große Schwierigkeit. Meine Mitarbeiter und ich haben sie von Anfang an nicht verkannt, aber als angesichts der Fülle des Materials die Entscheidungen dann praktiziert werden mußten, haben wir gesehen, daß wir die Aufgabe noch immer unterschätzt hatten. Subjektivität ist unvermeidlich, auch wenn man noch so gewissenhaft ist und noch so sorgsam Rat einholt. In. diesem Zusammenhang möchte ich mich besonders bei dem Stuttgarter Hörspieldramaturgen Hans-Jochen Schale bedanken.
Folgende Maximen bestimmten unsere Auswahl:
Es geht ausschließlich um originale Hörspiele, und unter diesen wieder um solche, die für das gegenwärtige und zukünftige Hörspielprogramm ihre Bedeutung vermutlich behalten oder die im literarischen Gespräch sind und bleiben. Dabei durfte, wenn das Ganze nicht höchst fragmentarisch werden sollte, zwischen bewährten deutschen Werken und ausländischen, die bei uns heimisch geworden sind, kein Unterschied gemacht werden. Wo wir aus Platzgründen zurückhaltend sein mußten, haben wir versucht, die betreffenden Autoren wenigstens mit einem Werk vorzustellen; einige Male bringen wir aus jeweils ersichtlichen Gründen nur eine biographische Notiz. Nicht ohne Einfluß auf unsere Auswahl blieb in einzelnen Fällen auch die Frage nach der hörspielgeschichtlichen Bedeutung. Auf die verschiedenen Produktionen jedoch konnte nicht eingegangen werden. Bei jedem Stück sind nur die Daten der Uraufführung oder der deutschen Erstaufführung verzeichnet; das bedeutet nicht, daß nicht vielleicht weitere Inszenierungen auf Band vorliegen. Zwischen ihnen wertend zu unterscheiden war nicht Aufgabe des Buches. Im übrigen dienen die kleinen Informationen zu den Stücken – beispielsweise über Personenzahl und Dauer – gleichfalls nur dazu, eine genauere Vorstellung von dem jeweiligen Werk zu geben.
Auf die Methode, die Hörspieltypen durch feste Begriffe zu kennzeichnen, mußten wir verzichten – es gibt solche Begriffe nicht, und sie könnten die Vielfalt der Typen auch nicht fassen. Wir wollten mit der Inhaltsbeschreibung auch immer die Form so gut wie möglich spürbar machen. Interpretationen der Werke zu geben, suchten wir zwar zu vermeiden, ohne darin jedoch allzu streng zu sein. Ein bloßes Registrieren von Figuren, Bildern oder Vorgängen bedeutet oft gerade beim Hörspiel wenig. In den besten Hörspielen fallen Form, Gehalt und Handlung in eins. Der Leser muß durchaus nicht immer wissen, wie bestimmte äußere Handlungsfäden (wo etwas Derartiges überhaupt vorhanden ist) zusammen- oder auseinanderlaufen, wichtiger ist, daß er eine Vorstellung davon gewinnt, welche Erfahrungen ihn beim Hören und Begreifen eines Stücks erwarten und was das Werk für ihn, für uns und für den Autor vielleicht bedeutet.
Die Mitarbeiter dieses Buches kommen durchweg aus der Praxis des Hörspiels, d. h. sie standen der Arbeit, die sie hier vorlegen, nicht als Wissenschaftler, sondern als Dramaturgen gegenüber. So gut wie alle Texte sind ihnen vom Hören und vom Lesen bekannt, die ausländischen oft auch in der Fassung der Ursprache.
Ich selbst habe die Hörspielgeschichte in Berlin seit ihren Anfängen verfolgt und schon die Uraufführungen der zwanziger Jahre meist miterlebt – zuerst als Hörer, seit 1929 (abgesehen von den Jahren zwischen 1938 und 1948) als Kritiker und Rundfunkredakteur, seit 1951 als Leiter des Hamburger Hörspiels. Der österreichische Autor Franz Hiesel, seit 1956 durch viele eigene Texte bekannt, war sieben Jahre in Hamburg mein Dramaturg. Ihm folgten als Dramaturg und als dramaturgischer Mitarbeiter Werner Klippers und Jürgen Tomm. Da Reclams Hörspielführer – außer auf Kenntnis der Stücke und Autoren – kaum auf Vorarbeiten fußt, erwies es sich als vorteilhaft, daß wir eine eingespielte Arbeitsgruppe waren, und wir hoffen, dies hat uns auch eine gewisse Einheitlichkeit des Buches erreichen lassen.
Hamburg 1969
Heinz Schwitzke
CBC Canadian Broadcasting Corporation
CBS Columbia Broadcasting System, New York
KI Kol Israel
NHK Nippon Hoso Kyokai, Tokio
NZBC New Zealand Broadcasting Corporation
SABC South African Broadcasting Corporation
BBC British Broadcasting Corporation
ČR Československý Rozhlas
DR Danmarks Radio
JRT Jugoslovenska Radio-Televizija
MR Magyar Rádió es Televizio
NR Norsk Rikskringkasting
NRU Nederlandsche Radio Unie
ÖRF Österreichischer Rundfunk
ORTF Office de Radiodiffusion Télévision Française
OY Oy. Yleisradio Ab., Helsinki
PR Polskie Radio i Telewizja
RAI Radiotelevisione Italiana
PIE Radio Eireann, Dublin
RTB Radiodiffusion-Télévision Belge
SR Sveriges Radio
SRG Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft
(Bei den ausländischen Rundfunkanstalten sind stets nur die jetzigen Bezeichnungen angegeben, die früheren – z. B. RTF statt ORTF – bleiben unberücksichtigt)
BR Bayerischer Rundfunk
HR Hessischer Rundfunk
NDR Norddeutscher Rundfunk
NWDR Nordwestdeutscher Rundfunk
(Vorgängerin des NDR und WDR in deren Sendegebiet bis Ende 1955 mit gleichberechtigten Funkhäusern in Hamburg, Köln und West-Berlin, Generaldirektion Hamburg)
RB Radio Bremen
SDR Süddeutscher Rundfunk
SFB Sender Freies Berlin
SWF Südwestfunk
SR Saarländischer Rundfunk
WDR Westdeutscher Rundfunk
DF Deutschlandfunk
(Westdeutsche Langwelle, deren Programm speziell die Gegebenheiten Mitteleuropas und der beiden Teile Deutschlands berücksichtigt)
RIAS Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlins (betrieben von der US- Information-Agency)
ARD Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten in Deutschland (freier Zusammenschluß der deutschen Rundfunkanstalten)
DDR Abkürzung für den Rundfunk,in der Deutschen Demokratischen Republik (Die Stationen haben eine gemeinsame Hörspielproduktion, so daß es sich erübrigt, sie hier einzeln aufzuführen)
RRG Reichsrundfunkgesellschaft
(bis 1945 Dachorganisation der deutschen Rundfunkanstalten)
NDR/SDR Die Nennung zweier oder mehrerer Anstalten bedeutet, daß das betr. Hörspiel als Gemeinschaftsproduktion dieser Anstalten entstanden ist, wobei die federführende (produzierende) Anstalt stets an erster Stelle genannt wird
P Personen (mit Angabe der Anzahl)
NP Nebenpersonen (mit Angabe der Anzahl)
CH Chor aus Sprechstimmen (zum Unterschied von Gesangs-CH)
U Uraufführung (Ursendung) mit folgender Jahreszahl und Uraufführungsanstalt(en)
DE Deutsche Erstaufführung mit folgender Jahreszahl und Erstsendungsanstalt (en)
U=DE Uraufführung eines fremdsprachigen Textes, die in deutscher Sprache und im deutschen Rundfunk stattfand
Min. Spieldauer (abgerundet)
Ü Übersetzung
AzM Anmerkungen zur Musik (nur bei Stücken, zu denen Hörspielmusiken vorliegen, die für die Wirkung des Textes besondere Bedeutung haben)
gedr. In gedruckt in einer Anthologie mit mehreren Stücken verschiedener Autoren, im Sammelband eines einzelnen Autors oder in einer Zeitschrift; es folgt der Titel: s. Bibliographischer Anhang
Druck gedruckt als Einzelausgabe (gegebenenfalls auch zusammen mit einem zweiten Hörspiel des gleichen Verfassers, das im Buchtitel ausdrücklich genannt wird); folgt Angabe des Verlags oder der Reihe z. B. Reclams Universal-Bibliothek, Hans Bredow-Institut an der Universität Hamburg
Die Angaben über die Personen und die Dauer des Stücks sollen nicht so sehr ein Hinweis für Besetzung und Programmplanung sein, sondern zur Charakteristik seiner Form dienen.
P bedeutet, wo nicht NP angegeben sind, die einzigen, sonst die Hauptpersonen des Stücks.
Zwischen "Personen" und "Stimmen" – z. B. nicht exponierten Personen, Erzählern, anonymen Personen usw. – wird wegen der fließenden Unterscheidungsmerkmale kein Unterschied gemacht.
Kam schon vor 1914 nach Deutschland, lebte während des Ersten Weltkriegs in Genf und besuchte danach die Schule in Mainz. 1946/47 gewann er in Paris plötzlich – als fast Vierzigjähriger – Einfluß auf das französische Theater. Seine Stücke praktizieren eine absurde, zeit- und ortlose Dramaturgie, die schnell internationale Beachtung fand. Bei uns vor allem bekannt: "Alle gegen alle" (1952, dt. 1953), "Pingpong" (1955) und "Paolo Paoli" (1957, dt. 1959). Adamovs Hörspiele entstanden nach 1952 auf Anregung des SDR, die beiden unten erwähnten wurden in deutscher Sprache uraufgeführt: eine frühe Aktion der später zu beträchtlicher Bedeutung gelangten Zusammenarbeit der Stuttgarter Hörspieldramaturgie mit französischen Autoren.
Der Titel ist von grausamer Ironie, denn wie unabhängig die einzelnen Menschen sind, wie unabhängig der Staat ist, der da Unabhängigkeit feiert, zeigt sich bald: Nach dem Festredner, der die Touristen jenes Landes begrüßt, auf dessen "glorreiches Beispiel" man die Augen geheftet hält, ertönen Stimmen von Polizisten und Befehle wie "das Bilden von Gruppen auf öffentlichen Straßen ist untersagt". Die Touristen verlangen nach dem Führer, dem Fremdenführer, und sie tun es mit der Hartnäckigkeit dessen, der bezahlt hat. Doch stellt sich bald heraus, daß Ludwig, der Fremdenführer, und seine Kollegin und Freundin Luise ihrer Aufgabe, den Fortschritt des Landes zu präsentieren und den Reiseplan einzuhalten, nicht gewachsen sind. Ob das daran liegt, daß man die beiden nur während der Unabhängigkeitsfeiern eingestellt hat, oder daran, daß Ludwig die sophistische Gabe des Retuschierens der Wahrheit mangelt? Auf jeden Fall gerät er in immer stärkere Isolierung. Die Touristen sind unzufrieden, weil seine Auskünfte ihnen unzureichend erscheinen und er ihren Wünschen – z. B. sofort ein Kinderheim zu besichtigen – nicht nachkommt, der Chefkontrolleur ist unzufrieden, weil die Touristen unzufrieden sind und weil Ludwig schließlich doch im Gegensatz zum vorgesehenen Plan auf das gute Zureden eines "netten Kerls" hin ihrem Ansinnen nachgegeben hat. Der nette Kerl selbst macht ihm übrigens Luise abspenstig. Ludwig, der Gesellschaft entfremdet, flieht daraufhin, wird von Polizisten niedergeschlagen und erwacht in einer Klinik, wo er für geistesgestört gehalten wird. In Anstaltskleidern erneut entkommen, verfolgt von den Stimmen der Touristen, des netten Kerls und Luisens, gerät er am Ende unter die Räder eines Autobusses. – Das Hörspiel ist – einleitenden Hinweisen des Autors zufolge – akustisch auf den Schluß hin konzipiert. Die Stimmen sollen "im Laufe der Sendung mehr und mehr einen übertriebenen und lästig werdenden Charakter" annehmen, unterstützt durch Rhythmus, Tonstärke und Geräusche, und das Stück "auf die ihm gemäße Ebene heben, die zugleich alltäglich und phantastisch ist".
3 P, viele NP – U=DE: 1952 SDR – 40 Min. – Ü: Elmar Tophoven – ungedruckt
In den Leerlauf einer sich vorzüglich selbst produzierenden und reproduzierenden Verwaltung geraten Limburger und Kleinebeck. Sie erhoffen sich berufliche Förderung, denn die Universalagentur gibt in vielfach variierten Werbeslogans vor, jedem den rechten Platz zu verschaffen. Doch Limburger und Kleinebeck durchlaufen den Instanzenweg in allen Richtungen, vor und zurück, und kommen nicht weiter. Sie erhalten Nummern, füllen Formulare aus, verhandeln mit sympathischen und unsympathischen Sekretärinnen, werden zwischen subalternen Angestellten hin und her geschickt, entschließen sich, einmal wichtigtuerisch, einmal unterwürfig bei höheren Instanzen vorzusprechen, und landen wieder ganz unten. Nun beginnen sie zu intrigieren, aber auch das mißlingt. Durch puren Zufall wird der Manager Welters auf die von beiden eingebrachte Idee Limburgers aufmerksam, durch eine akustische Isolierungsanlage das Arbeitsgeräusch zu dämpfen und damit den reibungslosen Ablauf der Verwaltung zu befördern. Plötzlich findet sich Limburger zum Direktor avanciert, offensichtlich hat er betriebskonform gedacht. Gleichzeitig geht aber auch eine Verwandlung mit ihm vor. Er, der bisher wie alle anderen kaum Charakter gezeigt hat, dafür jedoch menschlicher Regungen fähig war, spricht nun die Sprache seiner Position. Er verweist seinen Freund Kleinebeck strikt an die unterste Instanz.
2 P, 12 NP – U=DE: 1954 SDR – 40 Min. – Ü: Elmar Tophoven – ungedruckt
Verließ mit vierzehn Jahren die Schule und wurde Gelegenheitsarbeiter, nach dem Wehrdienst Inspizient und Schauspieler an einer kleinen Bühne. Erste Kurzgeschichten, dann Hör- und Fernsehspiele. Unter dem gemeinsamen Pseudonym Jimmy McReady schrieb er zusammen mit Julian Pepper das Theaterstück "Big Time", eine sehr glaubwürdige Darstellung jugendlichen Verbrechertums. Von seinen Hörspielen, mit denen er neben Mortimer, Pinter, Saunders, Compton zu einem der bekanntesten BBC-Autoren der jüngeren Generation aufstieg, wurden viele in Deutschland gesendet. Außer den beschriebenen auch "Der Karpfen" (1962), "Helen, Edward und Henry" (1966), "Ella" (1967), "Besondere Kennzeichen: keine" (1968) u. a.
Kate hört ihren Mann Harald spät nachts nach Hause kommen, aber sie zeigt ihm nicht, daß sie wach ist, obwohl sie weiß, daß es lange dauern wird, bis er einschläft. Harald dagegen hat nie Zweifel an Kates gutem Schlaf gehabt. Routinehalber fragt er leise: "Schläfst du?" und erhält, wie erwartet, keine Antwort. Nur aus den Gedanken der Eheleute, die ihre besten Jahre hinter sich haben, entsteht eine Art Doppelmonolog, der sich stellenweise fast einem bewußten Dialog nähert. Beide reflektieren über ihr Leben, dessen Gemeinsamkeit sich auf Äußerlichkeiten und die gemeinsamen Gedanken ihrer Schlaflosigkeit beschränkt – nach Entzug des gegenseitigen Vertrauens also auf ein irreales Gespräch. Kate weiß, Harald wird nun die Schlaftabletten suchen, die ihm nicht helfen, ein Lied summen und vergeblich diverse Schlafhaltungen probieren, bis er aufrecht im Bett sitzen bleibt. Sie denkt an ihr totgeborenes Kind und an die Zeit, in der sie eine begehrenswerte Frau war, während sie sich heute nur noch als eine jener "Figuren" sieht, die, einander zum Verwechseln ähnlich, in mühsam ersparten Eigenheimen hinter dem Spülstein stehen. Beide Ehepartner enthalten sich jenes winzige Maß an Zärtlichkeit vor, das sie brauchten, um sich gegen die Angst zu wehren, beide denken, sie hätten eigentlich nichts gegen eine innere und äußere Berührung, doch keiner will den ersten Schritt tun. "Gemeinsam" erinnern sie sich an die gespenstische Szene, als sie einander auf der Straße begegneten, erkannten und vorbeigingen. Einen Augenblick ist Kate, als habe Harald sie laut angesprochen, und auch er hat das Gefühl, von ihr angesprochen zu sein, doch schon ist die Chance vertan, den Vorgang bewußt zu wiederholen. Es bleibt beim Scheindialog aus Gedanken.
2 P – U: 1957 BBC – DE: 1960 RB – 25 Min. – Ü: Marianne de Barde und Hanns A. Hammelmann – Druck: Hamburg: Hans-Bredow-Institut 1962
Ein absurdes Kabinettstückchen, genauso absurd wie die Tatsache, daß ein "Tag der Arbeit" auf einen Sonntag fällt. – Zwei Personen, deren Leben seit Jahren weder Sonntag noch Arbeit kennt, werden aufeinander zugeführt: Ein junger Mann übersteigt die Mauer eines hermetisch abgeriegelten Herrensitzes und trifft auf den älteren Besitzer, der ihm sogleich sein Herz ausschüttet. Seit sechs Jahren meidet der Alte jeden Umgang mit Menschen. Drei Diener helfen ihm unauffällig, das nach einer freudlosen Jugend zusammengeraffte Vermögen von "einer Million auf laufendem Konto" in täglich zweieinhalb Flaschen Portwein und mehrere Whiskys umzusetzen. Sonntags allerdings braucht er vier Flaschen Port: gegen das "trübselige Gefühl", das ihm untrüglich den Sonntag anzeigt. "Ist nicht heute Sonntag?" fragt er den Jüngeren. Der weiß es nicht, aber ein melancholischer Suchtanfall des Alten, dem der Jüngere schnell mit einem randvollen Glas zu Hilfe kommen muß, bestätigt den Anschein. Allerdings: der ach so arme alte Mann mit all seinem vielen Geld und dem einzigen Wunsch, nicht für einen Säufer gehalten zu werden, rührt den Jüngeren nicht. Ist nicht sein Schicksal noch jammervoller? Er war Landvermesser und Häusergutachter. Sein Beruf, überall Fäulnis zu entdecken, entzog ihm die Sympathie der Menschen. Doch da auch er geliebt werden und durch seine Arbeit Freude bringen wollte, begutachtete er wurmzerfressene Häuser als einwandfrei und stellte so Verkäufer wie Käufer, die natürlich lieber heile Häuser haben wollten, zufrieden. Dafür wanderte er dann vier Jahre ins Gefängnis, wo er endlich eine positive Aufgabe fand: sich dort als Anwalt all der angeblich unschuldig Verurteilten zu gerieren. Warum hat man ihn nur ins Leben zurück entlassen? Als der Alte mit seinem Stock auf den Jüngeren einsticht, um sich zu vergewissern, daß der kein Hirngespinst ist, und der Jüngere zurückschlägt, ruft der Alte: "Mörder!" – Mörder?" Der Jüngere packt die Idee beim Schopf. Er schickt sich an, dem geschwächten Alten so viel Alkohol einzuflößen, daß der Mord ihn vielleicht auf Lebenszeit ins Gefängnis zurückbringt.
2 P – U: 1958 BBC – DE: 1966 RB – 40 Min. – Ü: Ruth und Hanns A. Hammelmann – ungedruckt
1945 Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft und Philosophie in seiner Heimatstadt. Nach kurzer Tätigkeit als Schauspieler und Regisseur langjährige Lektoratsmitarbeit beim BR. Daneben seit "Pflicht zur Sünde" und "Zwischen den Ufern" (beide 1952) und seit "Wolfszeit" (1954) beachtliche Theatererfolge; 1955 Gerhart-Hauptmann-Preis. Ahlsens bedeutendstes Hörspiel "Philemon und Baukis" wurde mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden 1955 ausgezeichnet. Das Stück lief später, erweitert, auch als Schauspiel und Film. Weitere Bühnenwerke: "Raskolnikoff" (nach Dostojewskij, 1960) und "Sie werden sterben, Sire" (1964). Weitere Hörspiele u. a.: "Die Ballade vom halben Jahrhundert" (1957) und "Alle Macht der Erde" (1961). – Ahlsen lebt in München.
In Retrospektive gibt Alexandros als Erzähler die Geschichte von Nikolaos und Marulja wieder. Der Vergleich mit dem gastfreundlichen Paar der griechischen Sage, Philemon und Baukis, drängt sich ihm auf. Sogar die beiden verschlungenen Bäume, Eiche und Linde, sind da. Sie stehen in einer Landschaft, die das Grundmotiv des Hörspiels widerspiegelt: gewaltige nackte Felsen und inmitten als Kontrast das "Fleckchen saftigen Grüns", auf dem das griechische Bauernehepaar haust. Sie haben ständig in liebevollem Streit dahingelebt, bis das Flötenspiel des alten Ziegenhirten Nikolaos durch Schüsse unterbrochen wird. Der Partisanenkrieg greift, nachdem ihnen der ferne Krieg den Sohn geraubt hat, nun auch in ihren ureigensten Lebensbezirk und macht sie zu tragischen Helden. Denn Nikolaos hat eigene Grundsätze, die er auch in Kriegszeiten nicht suspendiert. Einer davon lautet: "Wer an meine Hütte klopft, ist mein Gast." Das uralte Göttergesetz ist ihm wichtiger als die patriotische Loyalität gegenüber den Partisanen, denen er im übrigen hilft, wo er kann. So hatte er beispielsweise auch Alexandros versteckt, als die deutschen Besatzer hinter ihm her waren. Jetzt aber schleppen sich zwei verwundete deutsche Soldaten in seine Hütte; und da ist Nikolaos, trotz der Angst vor Petros, dem harten Partisanenhauptmann, und den besorgten Einwendungen seiner Frau, entschlossen, ihnen zu helfen. Er verbirgt sie im gleichen Verschlag, wo auch Alexandros versteckt war, und als Petros mit seinen Leuten auftritt, leugnet er trotzig, die Deutschen je gesehen zu haben. Die Notlüge kostet ihn später das Leben. Inzwischen sind nämlich die Deutschen nicht nur wieder im Anmarsch, sie haben auch die Absicht, Geiseln zu erschießen, ein Vorhaben, das bei einer Befragung der Gefangenen durch Petros rechtzeitig herausgekommen wäre: man hätte dann die Leute im Dorf warnen können. Als die Warnung durch Nikolaos endlich geschieht, ist es zu spät. Ein Strudel von Ereignissen knüpft sich an dieses "zu spät". Petros will die Geiseln heraushauen, aber wegen der Übermacht des inzwischen eingetroffenen Regiments schlägt das Unternehmen fehl. Der Partisanenhauptmann, der im Dorf erfahren hat, daß Nikolaos die zwei Deutschen verborgen hatte, inszeniert in der Hütte des Nikolaos eine Art Standgericht. Für Nikolaos ist die Welt "ganz verkehrt". Er, der mit seinem ganzen Dasein und gerade auch mit seinen letzten Taten für die Erhaltung von Menschenleben eintrat, soll nun am Tod der Geiseln schuld sein. Daß nicht er, sondern die kriegführenden Partisanen und Deutschen schuldig sind, kann Petros nicht zugeben. Eines aber kann er: den Wunsch Maruljas, mit ihrem Mann sterben zu dürfen, erfüllen. Betrunken, Nikolaos die Flöte blasend, Marulja auf einem Weinschlauch den Takt dazu schlagend, gehen sie zur Hinrichtung. Das Beispiel der den Tod überwindenden ehelichen Liebe und die Gnade ihres Sterbens veranlaßt Alexandros zu desertieren und Alka, die Frau des gefallenen Sohnes der beiden Alten, zu heiraten.
6 P, einige NP – U: 1955 BR, Neufassung 1955 NWDR-Hamburg – 65 Min. – Druck: Reclams UB 8591
Abitur in Wien 1939. Während des Krieges dienstverpflichtet, begann sie 1945 Medizin zu studieren, brach das Studium aber ab und wurde Lektorin beim S. Fischer Verlag und Mitarbeiterin an der Hochschule für Gestaltung in Ulm. 1948 erschien ihr Roman "Die größere Hoffnung", 1948 erhielt sie für ihre "Spiegelgeschichte" – abgedruckt im Prosabändchen "Der Gefesselte" (1953) – den Preis der Gruppe 47. Weiterhin erschienen die Dialoge "Zu keiner Stunde" (1957) und die Kurzgeschichten "Eliza Eliza" (1965). "Knöpfe", das erste Hörspiel der Autorin, wurde ebenso heftig diskutiert wie später "Besuch im Pfarrhaus". – Ilse Aichinger ist verheiratet mit Günter Eich und lebt zur Zeit mit ihrer Familie an der österreichisch-bayerischen Grenze in Groß-Gmain.
In einer Zeit allgemeiner Arbeitslosigkeit hat Ann Beschäftigung in einer Knopffabrik gefunden. Sie muß Schmuckknöpfe sortieren, die bei Zwielicht eine unheimliche Faszination ausstrahlen, Gesichter verändert erscheinen lassen und von vielen Käufern hoch bezahlt werden. Die Knöpfe tragen Mädchennamen: "Gladys", "Margaret", "June". Zuerst leidet Ann unter der drückenden Hitze des Sortierraums und ängstigt sich vor einem prasselnden Geräusch hinter der Wand. Ihre Mitarbeiterinnen Jean und Rosie aber, die dort arbeiten, seit die Knöpfe "Silvia", "Vernon" und "Elisabeth" ins Sortiment kamen, haben sich lange daran gewöhnt. Sie raten Ann, den Vertretern Bill und Jack zu gehorchen, mit denen sie liiert sind, und nicht über den geheimen Produktionsvorgang nachzudenken. Bill und Jack wissen offenbar, woraus die Knöpfe gemacht werden. Als sich bald darauf bei Jean seltsame Symptome zeigen (sie fühlt Mund und Augen vor Müdigkeit immer kleiner werden, kann sie aber nicht schließen, Ann hat den Eindruck, als bliebe Jean immer so), ist Bill über Jeans Zustand wohliger Willenlosigkeit sehr befriedigt: "Dann hätten wir dich, Jean." Und Jean: "Noch kleiner, als ich dachte." Bald kommt Jean nicht mehr zur Arbeit, Ann und Rosie machen deshalb Überstunden. Das Geräusch ist jetzt lauter. Dann verändert sich auch Rosie. Sie kann sich nicht mehr überwinden, nach Hause zu gehen, und wird von Jack ermuntert, ganz im Klima der Fabrik und bei den "schönen Knöpfen" zu bleiben, zumal bald ein neuer Knopf hinzukäme. Ann und ihr arbeitsloser Freund John beginnen die Zusammenhänge zu ahnen, zumal und obwohl, Ann erste Symptome zeigt. Als Bill nun den neuen, tomatenroten Knopf "Jean" präsentiert, versucht Ann heimlich, in den Besitz aller bereits produzierten "Jean"-Knöpfe zu gelangen. Sie hofft aus ihnen das Mädchen Jean wiederbeleben zu können. Doch die Knöpfe werden bereits vertrieben und reißend verkauft. Außerdem wird Ann von Bill überrascht, der schon lange argwöhnt, sie könne hinter das Geheimnis kommen. Er fürchtet um den Knopf "Ann" und.versucht, John, der schon fast bereit war, sich in der Fabrik als Packer zu bewerben, mit einem Posten als Vertreter zu ködern. Doch John und Ann, ein Schicksal vor Augen, das sie zuerst zu Handlangern und dann zu Opfern gewaltsamer Entmenschlichung machen würde, verteidigen ihre individuelle Existenz, obwohl sie keine Hoffnung auf andere Arbeit haben.
6 F, 2 NP – U: 1953 SDR – 60 Min. – gedr. in Hörspiele, Frankfurt a. M.: S. Fischer 1965 u. ö.
Der alte General ist ungnädig, weil die Generalin die Kohlenbestellung bis zum Stichtag für den teureren Winterpreis verzögert hat. Um so sorgfältiger aber ist sie auf den Stichtag für den Blumenschmuck vorbereitet. Eine Blumenfrau bringt Unmengen weißer Chrysanthemen ins Haus und weist gemeinsam mit der Generalin darauf hin, daß dieser Stichtag nur alle siebzig, achtzig Jahre stattfände. Man solle sich also beeilen, nicht nur die Gräber der Verwandten zu schmücken, sondern auch die eigenen, da für das schönste Grab ein Preis ausgesetzt sei. Wenn sie auch keine Namen nennen darf, so versichert sie doch, in dieser Straße hätten sich schon viele zum Sterben entschlossen. Am besten, man nähme gleich ein Taxi zum Friedhof. Nun verwirrt der General die Blumenfrau mit seiner Frage nach der Farbe des Himmels über den Friedhöfen. Auf seine Weissagung, der Himmel werde rot, "zerfetzt und kochend" sein, antwortet sie "mit veränderter Stimme", sie wüßte nichts. Das Woher und Wohin der Blumenfrau, der Verführerin zum Tod, bleibt ungeklärt. Der General geht Kohlen bestellen und "noch die Tauben auf dem Kirchplatz füttern".
3 P – U: 1960 BR – 10 Min. – gedr. in Ilse Aichinger, Besuch im Pfarrhaus, Frankfurt a. M.: S. Fischer 1961
Ein Spiel für Stimmen, das bewußt und konsequent jede metaphorische Eindeutigkeit und jede verständliche, reale "Handlung" vermeidet. Das Werk mutet vielmehr wie eine poetisch-musikalische Stickerei an, bunt, mit zahlreichen Motiven, wie es die Kinder lieben, die die Hauptpersonen des Stücks sind. Bisweilen tut sich hinter den heiteren Bildern ein düsterer Hintergrund auf, eine konkrete Deutung aber ergibt sich nicht. – Der alte Pfarrer läßt sich von zwei Kindern erzählen, was sie im Laufe des Sonntags taten. Sie beginnen mit der Hecke, die sie ums Pfarrhaus und um die Bienenstöcke pflanzten – zum Schutz gegen Wölfe. Der Pfarrer erinnert sich mühsam: "Aber das war sehr früh." Er hatte dann in einem alten Buch die Prophezeiung gefunden, die Sonne werde einmal für immer schwarz werden. So war er hingegangen und hatte seine "Kanone hell gerieben", doch die schwarze Sonne macht ihm immer noch Angst. Mehr Wölfe zu wünschen, die von der anderen Gefahr ablenken könnten, wagt er nicht. Die Kinder, unwissend-allwissend, berichten dann von der Frau Bootsverleiherin, die "hier im hohen Norden" im Fluß ein Krokodil schwimmen sah. Mit einem ihrer Boote, so erzählen die Kinder weiter, fuhren sie dann den Fluß hinunter, über das Krokodil am Grund hinweg, und kamen zum Denkmal eines Soldaten, der – angesichts einer Dame, die einen glänzenden Morgen "voller Raben" fotografierte – desertierte und erschossen wurde. "Das war zu Beginn welchen Krieges?" – "Des vierten?" "Nein, des fünften." Darauf begegneten die Kinder vier englischen Fliegern, froh, namenlos und ohne Geschichte zu sein, damit sie nur im Gedächtnis Gottes verewigt wären. Schließlich plaudern sie von Frau Korinke, die an der Westsee strickt. Ein Bursche namens Holger taucht bei Frau Korinke auf, der seinen Kameraden erschlug, weil er andere Ansichten vom Mut hatte: "Erzähle, wie es kam." – "Ich erschlug ihn. So kam’s." Die Kinder erzählen Holger, sie kämen "aus dem alten Dänemark" oder aus Paris, "aber geboren in Amsterdam". Als die Kinder am Abend wieder beim Pfarrer eintreffen und ihre Geschichte erzählt haben (und der Rahmen sich schließt), möchte der Pfarrer gern auch von seinem Tageslauf berichten. Doch die Kinder scheinen eingeschlafen zu sein.
3 F, 11 NP – U: 1962 NDR/BR – 35 Min. – gedr. in Dreizehn europäische Hörspiele, München: R. Piper 1961, und in Ilse Aichinger, Besuch im Pfarrhaus, Frankfurt a. M.: S. Fischer 1961
1947 gründete Almuro eine literarische Zeitschrift, doch vermerkt er als bedeutsamer das Jahr 1948, in dem er die "radiophonische Expression entdeckte". 1950 eröffnete er im "Maison des Lettres" in Paris das "Studio für elektronische Forschungen" und arbeitete von da an mit dem "Club d’Essai" des französischen Rundfunks zusammen. Als Stoffe seiner radiophonischen Kreationen dienten ihm Werke von Genet, Breton, Cocteau, Supervielle u. a., mit denen er in vielfältige Beziehung trat. Bald entstand auch eine deutsch-französische Produktion: "Hoffmann und seine Fantome". 1958 trat Almuro in die "Gruppe für musikalische Experimente" um Pierre Schaeffer ein und begann die Zusammenarbeit mit Jacques Polieri. Viele Vorführungen seiner Arbeiten und Diskussionen in den europäischen Hauptstädten folgten, auch Übersetzungsversuche dieser fast unübersetzbaren Realisationen ins Deutsche (SWF). Almuro war allmählich zum Exponenten des Surrealismus im radiophonischen Bereich geworden. Viele seiner Aufnahmen liegen auf Schallplatten vor. 1966 wurde sein Werk nach Julien Gracq, "Le Rivage des Syrtes", als Frankreichs Beitrag zum Prix Italia namhaft gemacht. Bei der Übersetzung fremder Texte ins radiophonische Element, das nicht mit Buchstaben, sondern nur elektrisch aufgezeichnet werden kann, muß Almuro, wenn man ihn recht versteht, als der eigentliche Verfasser gelten. Seine Arbeit ist etwa mit derjenigen Paul Pörtners (s. d.) bei uns zu vergleichen.
Bretons 1928 erschienenes Buch Nadja, eine Mischung aus Traktat, Tagebuch und Erzählung, gehört zu den bedeutendsten Schriften des Mitbegründers des literarischen "Surrealism". Im Mittelpunkt der Pariser Alltagserlebnisse, die dieses Buch beschreibt, steht eine seltsame weibliche Straßenbekanntschaft Bretons, die trotz ihrer banalen Fragwürdigkeit von einer Aura des Wunderbaren umgeben ist und mit geheimen Mächten im Einverständnis zu sein scheint, eine Pythia, ein Elementargeist, ein Medium; den meisten ist sie jedoch nur ein psychiatrischer Fall, der in die Klinik gehört. – Almuro hat nun im "Club d’Essai" der ORTF, inspiriert durch die von Pierre Schaeffer erarbeitete Klangwelt der Musique concrète, gemeinsam mit dem Regisseur Jean-Jacques Vierne ein "akustisches Ballett" (Rübenach) aus Sprache, Musik und Geräusch komponiert, das die schizoide Welt der Nadja nicht einfach illustrieren, sondern sie sozusagen mit klanglichen Mitteln neu erschaffen will. Textlich wurden verwendet: wörtliche Zitate aus Bretons Buch und aus seinen anderen Schriften, Verse Baudelaires und eine Verherrlichung des weiblichen Körpers aus der Gedichtsammlung Le revolver à cheveux blancs, ferner einige Szenenausschnitte aus einem in Paris Ende der zwanziger Jahre aufgeführten pathologisch-kriminalistischen Boulevardreißer, worin ein Mädchen aus einem Pensionat einer Untat zum Opfer fällt. Doch sind in dem "Hörspiel" Handlungsabläufe eigentlich wenig wichtig, vielmehr ist alles darauf abgesehen, Bretons Theorie der "konvulsivischen Schönheit" durch ein ohrenfälliges Beispiel zu erläutern. Das Werk wird hier angeführt, weil es bei uns immer einmal wieder – meist französisch – gesendet wird, als Beispiel gewisser Hörspiel-Klangtheorien, die im französischen Rundfunk und insonderheit im "Club d’Essai" (etwa unserm 3. Programm entsprechend) erarbeitet wurden. – Es gibt auch eine deutsche Replik des Stückes, die die französischen Musik- und Geräuschbänder verwendet und die vielleicht gerade dadurch beweist, daß zur Gesamtkonzeption doch wohl die französische Ursprache gehört.
Etwa 20 P – U: 1949 ORTF – DE: 1959 SWF – 70 Min. – Ü: Friedhelm Kemp – ungedruckt
Offizierssohn. Gymnasium und Buchhändlerlehre. 1933 als Organisationsleiter der bayerischen kommunistischen Jugend ein halbes Jahr im Konzentrationslager Dachau. Danach Industrieangestellter und schließlich Soldat bis zur Desertion im " Juni 1944 – später (1952) beschrieben in "Die Kirschen der Freiheit". Nach dem Krieg gab Andersch mit Hans Werner Richter die Zeitschrift "Der Ruf" heraus, die von den Amerikanern verboten wurde. Im Rundfunk war er nacheinander: Leiter des Abendstudios des HR, Leiter der Feature-Sendungen des NDR und Leiter des "Radio-Essay" des SDR. Seit 1957 freier Schriftsteller. Romane: "Sansibar oder der letzte Grund" (1957), "Die Rote" (1960), "Efraim" (1967). Als Funkautor schrieb Andersch vor allem Features. Auch seine Hörspiele sind z. T. Zwischenformen zum Feature hin – weniger die frühen: "Biologie und Tennis" (1951) und "Die letzten vom Schwarzen Mann" (1954), als die späteren: "In der Nacht der Giraffe", "Der Tod des James Dean" und das als Film-Entwurf verfaßte "Russische Roulette" – sämtlich 1965 vom Autor mit "Fahrerflucht" in einer Anthologie vereinigt. – Andersch lebt mit seiner Frau, der Malerin Gisela Andersch, in Berzona/Tessin.
Reflexionen dreier betroffener Personen, Vor- und Nachgeschichten zu einem Ereignis, das fast ausgespart bleibt. "Nummer eins: der Tankwart." Mit der Akribie des schlechten Gewissens überprüft er sein Verhalten auf Fehler: Als ihn um sechs Uhr morgens eine Polizeistreife nach einem beschädigten Wagen fragte, der kurz zuvor die Tankstelle passiert habe, hatte er bereits sämtliche Spuren gelöscht, das Schweigegeld knisterte in seiner Tasche. Daß ihn der von der Polizei gesuchte, flüchtige Fahrer zu bestechen vermochte, erklärt er sich aus der Erinnerung an eine Kriegsepisode. Damals, in Italien, hatte er sich von einem Vorgesetzten, der stiften gehen wollte, genauso einschüchtern lassen. – "Nummer zwei: Der Manager." Mit Cleverness hat er sich zum Generaldirektor hinaufgearbeitet. Sein Leben entspricht dem Klischee eines Managerlebens: luxuriös, aber ohne zwischenmenschliche Kontakte. Der unverschuldete Unfall und die entsetzliche Fehlleistung seiner Flucht haben ihm einen Strich durch seine Lebensrechnung gemacht – genauer: durch seine Sterbensrechnung. Denn er hat Krebs und wollte sich an diesem Morgen gerade für die letzten Monate seines Lebens absetzen. Auf der Flucht vor Beruf und Familie beging er eine Flucht vor sich selber. Der Tod des Mädchens, das er überfuhr, hat ihm die Freiheit seines eigenen Todes aus den Händen genommen. – "Nummer drei: das Mädchen": eine junge Verkäuferin mit einer Vorliebe für elegante Herrenkleidung und für Pferde. Am Tag zuvor hatte sich für sie ein Traum erfüllt, in ihren Laden war ein chinesischer Jockei gekommen, der auf den ersten Blick die heimliche Begabung des Mädchens zum Reiten erkannt und mit einer unabweisbaren Sicherheit über ihr Schicksal entschieden hatte. Ihr Leben an seiner Seite und in seinem Metier war beschlossen. Als das Unglück geschah, war das Mädchen mit dem Rad gerade auf dem Weg zu ihrer ersten Trainingsstunde. – Drei Schicksale von Menschen, die sich nicht kannten, entschieden sich an diesem Morgen, zwei davon in dem Augenblick, der ihrem Leben die kühnste Wendung geben sollte.
3 P, 6 NP – U: 1957 SWF/RB – 55 Min. – gedr. in Alfred Andersch, Fahrerflucht, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1965
Viele Jahre sind seit Nazizeit und Krieg vergangen, da wird ein unbekannter Deutscher im dreckigsten Viertel von Venedig von einem unbekannten Engländer angeschossen und schwer verletzt. In abwechselnden Monologen, getrennt durch fortlaufende Zeitungsberichte über die Tat, geben die beiden Männer nun ihr Leben zu Protokoll. Der Deutsche, den sicheren Tod vor Augen, gibt zu, daß er der gesuchte ehemalige Gestapomann Kramer ist, seit dem Krieg Fluchtexperte einer Untergrundorganisation von Nazis. Zuhörer der zynischen Lebensbeichte des fanatischen Antisemiten, der der faschistischen Rassenlehre erst als KZ-Mörder und später als Verbindungsmann zum ägyptischen Exil zahlreicher Gesinnungsgenossen diente, ist der deutsche Konsulatsbeamte Dr. Friedländer, ein jüdischer Remigrant. Kramer haßt Friedländer, besonders wegen des "Verständnisses", das die Juden für alles hätten, sogar für die Gaskammern. Mit diesem Verständnis höhlen sie, so meint er, die "gesunde Kraft der Deutschen" aus. Andererseits ist Kramer aber auch intelligent genug, zu begreifen, daß gerade das "Verständnis" Dr. Friedländers ihm seinen Lebensbericht in dieser Form ermöglicht. Der Kern dieses Berichtes ist die Geschichte eines Auftrags: Kramer sollte einen gewissen Studienrat Rott nach Ägypten schleusen. Rott aber, für Kramer der Typ des besserwisserischen Neo-Nazis und kleinen Schreiers, der gleichwohl den stolzen Massenvernichter Kramer belehren wollte, beging den fatalen Fehler, Kramers allzu blondhaarige, allzu hellhäutige Herrenmenschenerscheinung schulmeisternd als Albinismus zu bezeichnen. Daraufhin erwürgte ihn Kramer und warf ihn in einen Kanal. – Der Engländer O’Malley, der auf Kramer schoß, gibt seinen Lebensbericht gegenüber einem italienischen Kriminalbeamten ab: Kramer hat der Karriere O’Malleys als britischer Spion während des Krieges ein Ende gemacht, noch bevor sie begonnen hatte. Einen Tag nämlich nach seinem Fallschirmabsprung im deutschen Hinterland in der Nähe von Hildesheim wurde er, den seine homosexuelle Veranlagung zu seinem gefährlichen Auftrag getrieben hatte, von Kramers Leuten verhaftet und unter der Folter zu einer Denunziation gezwungen. Damit wurde für ihn eine ehrenhafte, bürgerliche Nachkriegsexistenz unmöglich, und so schoß er nun auf Kramer, um ihn wie einen persönlichen Feind zur Strecke zu bringen. Beide Männer aber sind in ihrer Schuld Werkzeuge einer Politik, die "die Ausnutzung der uralten Träume der Menschheit" betrieb: für Kramer "die Ausgeburt eines bösen Traums von der Rasse", für O’Malley der Traum von der "Ehre".
2 P, 3 NP – U: 1960 SWF/RB – 70 Min. – ungedruckt
Stammt aus einer Familie von Theater- und Romanautoren, debütierte 1936 mit der Komödie "Die Klapperschlange". Weitere Stücke, die von vielen italienischen Theatergruppen aufgeführt wurden, folgten. Daneben Rundfunkmitarbeit im Hör- und Fernsehspiel, aber auch Filmdrehbücher. Längere Zeit Korrespondent der italienischen Redaktion der BBC und Mitarbeiter der römischen Zeitung "Tempo a Londres". Er hat viele Stücke von Anouilh ins Italienische übersetzt, in eigenen Arbeiten bevorzugt er volkstümliche Stoffe. "Die Braut des Bersagliere" wurde 1960 mit dem Prix Italia ausgezeichnet.
Die Nähstubenbesitzerin Lorenzina, die bei einem Unfall beide Beine verloren hat, sitzt mit einem Fernglas am Fenster und erzählt ihren Nähmädchen, was draußen geschieht. Erinnerungen an längst vergangene Jahrzehnte knüpft sie daran. Die rührendste und geheimnisvollste Geschichte handelt von Anita und ihrem geliebten Bersagliere. – Bersaglieri marschieren draußen, Salvatore in Zivil weit hinterher. Hat er Urlaub? Absolviert er Privatmanöver? Vielleicht mit Anita, die im flammendroten Fähnchen die Straße quert? Die beiden treffen sich, sie werden bald heiraten, gehen jetzt zum Tanz in das Lokal am Fluß, das bei Liebespaaren wegen der abgelegenen Schilfbuchten und Wäldchen beliebt ist. Leichtsinnig sucht Salvatore, vom Tanz und von der Liebe erhitzt, im Fluß Abkühlung und ertrinkt. Daß Anita ihn nackt aus dem Wasser gezogen und künstlich beatmet hat, erscheint Lorenzina besonders aufregend, ebenso das prächtige Begräbnis mit Pfarrer und Ministranten und der Musikkapelle der Bersaglieri: hinter dem Sarg im schwarz gefärbten, einst roten Kleidchen Anita. – Auf dem Heimweg vom Friedhof tritt unversehens Salvatore vor Anita und spricht sie an. Woher kommt er? Infolge der Gnade des Herrn, behauptet er, sei er nun im Himmel, Anita könne das Geld für die Seelenmessen sparen. Von da an treffen sich die beiden fast täglich am Fluß. Was aber hat ein Mädchen, das seit je die Liebe liebt, von einem Geist, den man nicht anrühren darf, und der einen auch selbst niemals anrührt? Anita hält dennoch zu ihrem Bersagliere. Endlich aber will sie doch heiraten – den handfesten Kellner Carletto. Salvatore wünscht spöttisch Glück und viele Kinder und verhöhnt den Nebenbuhler. Am Tag der Hochzeit mit Carletto läuft Anita dann vom Altar weg, verweigert das Jawort, bleibt ihrem Bersagliere treu. Das ungewöhnliche Liebesverhältnis überdauert schließlich, ob Fliegeralarm ist oder fremde Armeen durch die Stadt ziehen, es überdauert Mussolini und den Krieg. Anita trifft täglich präzise sechs Uhr bei der Bank am Fluß ihren überirdischen Geliebten. Jetzt liegt die inzwischen bejahrte Anita nun freilich schon im Sterben. Sie hört Glocken läuten, also ist sie, wie Salvatore, für den Himmel bestimmt. Trompeten pflegen das Fegefeuer, dumpfe Trommeln die Hölle anzukündigen. Plötzlich, gerade noch rechtzeitig gesteht Salvatore, daß er im Fegefeuer ist. Schnell begeht die Sterbende eine große Sünde, denkt an ihr erstes Liebeserlebnis, an den Geruch des Mooses, damit aus Glocken Trompeten werden und Anita, statt einsam im Himmel zu verweilen, ewig bei ihrem Bersagliere im Fegefeuer sein kann.
7 P – U: 1960 RAI – DE: 1961 ORF – 70 Min. – Ü: 1. Alexander Giese, 2. Jürgen Bode – ungedruckt
War Architekt, als sein erstes Hörspiel, "The Life of Man", gesendet und mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Danach wandte er sich ganz dem Theater zu und schrieb u. a. "Der Tanz des Sergeanten Musgrave" (1959/60), "Der Packesel" (1963) und "Armstrong sagt der Welt Lebwohl" (1964), ferner zwei Fernsehspiele, von denen ihm "Soldier, Soldier" den Prix Italia 1961 eintrug.
Noch fahren große Segelschiffe über den Atlantik, doch Dampfschiffe ziehen schon mit schwarzen Rauchfahnen an ihnen vorbei. Dazwischen Übergangsformen, Segelschiffe mit Hilfsmaschinen. In den Hafengassen von Liverpool grölen die Matrosen. Der betrunkene Johnny Bones folgt einem Mädchen in ihr Zimmer. Ein Shanty, nebenan auf einer Geige gespielt, überflutet das benebelte Hirn des Seemanns mit Erinnerungen: Als Zweiter Steuermann kommt er an Bord eines dreckigen alten Kastens, eines Seglers mit Hilfsmaschine. "Life of Man" heißt das Schiff, und seine Ausfahrt an einem Karfreitag steht trotz günstigen Windes unter bösen Vorzeichen, da eine geheimnisvolle weibliche Gestalt – Meerjungfrau oder betrunkene alte Vettel – dem Schiff seinen Untergang prophezeit. Die Mannschaft ist zum größten Teil gepreßt, der Captain mit dem unheilvollen Namen Jonas Anthract ist ein fluchender Prophet oder etwas wie ein böser Gott, und der Erste Steuermann Love, trotz seines Namens, ein brutaler Schläger. Mit ihm gerät Bones in Streit wegen eines walisischen Hirten, der halbtot an Bord geschleppt und von Love dann noch mißhandelt wird. Seltsame Gerüchte gehen über diesen Welshman um, und als er bei aufkommendem Sturm gewisse Lieder pfeift, läßt ihn Love von der abergläubischen Crew am Bugspriet mit Seilen kreuzigen. Aber selbst in seiner Todesstunde singt und pfeift er weiter, während der Sturm zunimmt und der Himmel sich verfinstert. Als der Mann offensichtlich tot ist, läßt ihn der Captain in den Maschinenraum werfen, wo der Schiffsingenieur wie der leibhaftige Schwarze am Feuerloch haust. Am Ostersamstag tritt Windstille ein, und als die Maschine eingesetzt werden soll, versagt sie. Während der Captain eine wilde, heidnische Osteransprache hält, taucht plötzlich der Welshman als übergroße Erscheinung an Deck auf und verkündet mit sanfter Stimme seine Botschaft. Die anfangs entsetzte Mannschaft wird von Ekstase ergriffen. Als Love auf die Tanzenden schießt, bricht im Maschinenraum Feuer aus. Das Schiff geht brennend unter. – Die wirren Traumbilder ihres Besuchers haben dem Mädchen Angst gemacht. Bones, offenbar der einzige Überlebende der "Life of Man", zahlt mit einem Silberstück und geht. – Die Handlung, in der Motive der Passion christlich-heidnisch verschlüsselt zu sein scheinen, ist mit seltsamen Shanties durchsetzt.
14 P – U: 1956 BBC – DE: 1962 NDR/SDR – 95 Min. – U: Kurt Heinrich Hansen – AzM: die Musik zur deutschen Inszenierung schrieben Johannes Aschenbrenner und Oskar Sala (Trautonium) – ungedruckt
Ging in Polen zur Schule, machte Abitur an einem sowjetrussischen Gymnasium in Stanislaw und studierte dann in Lwow (Lemberg) slawische Philologie und Geschichte. Bereits als Student war er Mitarbeiter sowjetischer Zeitschriften. Bei Kriegsausbruch 1941 floh er nach Kiew und wurde nach Kasachstan evakuiert. Dort war er Geschichtslehrer in der Bergwerkssiedlung Bertschogur bis zu seinem 1942 erfolgten freiwilligen Eintritt in die tschechoslowakische Armee der UdSSR, in der er als Verbindungsoffizier zahlreiche Auszeichnungen errang. Nach dem Krieg wurde Aškenazy politischer Auslandskorrespondent des tschechoslowakischen Rundfunks u. a. in Indien, Japan und den USA. Sein Œuvre ist vielseitig, er schreibt Bühnenstücke, Fernsehspiele, Filmdrehbücher und Hörspiele, davon "Auf eigene Rechnung" ausgezeichnet mit dem Preis des Italienischen Rundfunks 1964. Gedruckt erschienen u. a. die Erzählungen "Kinderetüden" (1955), "Hundeleben" (1959) und "Liebhaber aus der Kiste" (1959). – Aškenazy lebt, verheiratet mit einer Tochter Heinrich Manns, in München.
Der Häftling Albert wird durch einen Hustenanfall wach. Er ist bereits vier Jahre im KZ und wird nicht mehr lange leben. Sein Bettnachbar Roschkott tröstet ihn mit einem Traum. Er hat eine Forelle gebraten, und die Forelle hat sich singend, im Mezzosopran, darüber beschwert, daß sie in Margarine brät; er, Roschkott, hat mit Tenorstimme zurückgesungen und erklärt, daß Krieg ist und Butter nicht aufzutreiben sei. Albert warnt: jetzt um die Weihnachtszeit wird es viele Träume geben, die das Herz brechen. Damit Roschkott nicht einschläft und träumt, spielt man "Speisekarte". Der raffinierte Roschkott ißt einfach: Erdäpfelsuppe und Schnitzel mit Salat. Albert muß sich sehr anstrengen, um seinen Partner kulinarisch zu übertrumpfen. Dafür hütet er aber einen Schatz: das Rezept für ein Dessert aus Biskuit und süßem Eierschnee, das ihm seine Frau aufgeschrieben hat. Für ein Viertel Brot gibt er es an Roschkott ab. – Kurz darauf ist Appell, gesucht wird ein Konditor, der für die Frau des Kommandanten Weihnachtskuchen backen soll. Roschkott meldet sich, er wird von dem Schreiber Klima, der bald entdeckt, daß Roschkott Buchhändler und nicht Konditor ist, eingekleidet und instruiert. Die Frau des Kommandanten ist erst achtzehn Jahre alt, man muß sich da anständig benehmen, nur dann wird was abfallen. Aber langsam essen, manche haben sich bei so einer Gelegenheit schon totgefressen! – Roschkott ißt überhaupt nichts, weigert sich sogar, Platz zu nehmen, bespricht mit der jungen Frau das Dessert. Theoretisch kennt er sich sehr gut aus, er beschreibt Zutaten, Geschmack und Aroma vortrefflich. So läßt sich die Kommandantin menschlich zu ihm herab und erzählt zutraulich, daß für den Weihnachtsabend ein hoher Gast erwartet wird. Sie gewinnt sogar etwas wie Erbarmen, als sich herausstellt, daß Konditor Roschkott nicht einmal Eier aufschlagen kann. Fürsorglich, damit er zu Kräften kommt, bereitet sie eigenhändig ein rohes Ei für ihn. Da setzt sich Roschkott endlich und – stirbt. Mit dem Tod, mit der Wirklichkeit des Lagers, möchte die junge Frau nichts zu tun haben. Etwas indigniert bedauert sie, daß dieser gräßliche Konditor ihr nun das Weihnachtsfest verdorben habe. – Schwäche und Tod, bereits im Forellentraum angezeigt, haben während dieser Vorgänge Roschkott immer wieder überfallen, eine Art Wachtraum, in dem ein Stück voraufgegangener Handlung als Duett zwischen der Forelle in der Pfanne und Roschkott rekapituliert wird. Dieser Gesang läuft in ein bekanntes Weihnachtslied aus.
4 P, 3 Gesangsstimmen – U: 1963 ČR – DE: 1966 HR/RB – 50 Min. – U: Leonie Mann und Gerhard Baumrucker – ungedruckt
Jaroslav hat bis in die Nacht mit Freunden Geburtstag gefeiert. Am Morgen ruft plötzlich Tante Anna aus Neutitschein an und schluchzt: Hähnchen sei eben gestorben. Die Nachricht löst Lawinen von Erinnerungen, konfrontiert Jaroslav, damals Jarinek genannt, mit vielen Telefongesprächen aus seiner Jugend. Es ist, als ob diese Gespräche noch in den Leitungen hingen, er braucht nur hineinzulauschen: Da sind zuerst die "neckischen" Anrufe bei Hähnchen. Jarinek hat den komischen Namen im Telefonbuch entdeckt und den Unbekannten zur Zielscheibe fernmündlicher Hänseleien gemacht; Jarineks Freundin Hanni lacht sich mit ihm in der Telefonzelle am Pankratzerplatz darüber halbtot. 1939 hört das Spaßen auf, das "Protektorat" wird eingerichtet. Anna, Jarineks heimlich verehrte junge Tante, gibt sich mit einem Deutschen namens Willi ab und wird als Gestapohure verachtet, Hanni aber muß den Judenstern tragen. Deshalb verleugnet Jarineks ängstliche Mutter gegenüber Hanni den Sohn am Telefon, bittet, nicht mehr anzurufen, er stehe vorm Abitur. Hanni versucht es aber doch noch mal – aus der Telefonzelle am Pankratzerplatz. Zufällig warten draußen zwei deutsche Soldaten, und sie trägt ihren Frühjahrsmantel, auf dem der Stern noch nicht angenäht ist. In Todesangst fingiert sie, um ein gutes Gewissen vorzutäuschen, ein munteres Gespräch, sagt, da ihr sonst nichts einfällt, ein Gedicht auf; Jarineks Mutter aber begreift Hannis Notlage nicht und hängt endgültig ein. Später geht Hanni zu Tante Anna, will ihr aus Geldnot jenen Frühjahrsmantel verkaufen und lernt dort zufällig sogar Gestapo-Willi kennen. Tante Anna erzählt telefonisch allen: Hanni habe bei ihr acht Stück Torte gegessen. Bald darauf gibt Willi Jarinek den Tip, nicht mehr in den politisch bedenklichen Jugendklub zu gehen; Jarinek aber geht doch und wird verhaftet. Für seine Freilassung bietet seine Mutter der Tante alles, was sie an Kostbarkeiten hat, sogar den Familiendiamanten. Kurz darauf stirbt sie an der Aufregung. Eines Tages wird Willi nach Theresienstadt versetzt und trifft dort Hanni. Sie bittet ihn, wenn er wieder nach Prag kommt, Hähnchen anzurufen: vielleicht erhält ihr sonst unerreichbarer Jarinek auf diesem Umweg Nachricht über sie. Willi ruft Hähnchen dann tatsächlich an, aber völlig betrunken und verzweifelt. Er will von Hähnchen nur wissen, wie man sich am besten aus der Welt schafft. Hähnchen, beklommen, hält die Frage für einen makabren Witz und rät zum Schuß in den Mund. Ehe Willi aber abdrückt, bittet er Hähnchen noch, seine Geliebte Anna von seinem Ableben zu verständigen. Wirre Zeiten! – Nach Rückkehr aus dem KZ 1945, ruft Jarinek bei Hähnchen an. Ungeheure Freude beiderseits: Nun müssen sie sich doch endlich persönlich kennenlernen! Als Jarinek kommt, sitzt, verführerisch wie immer, den Familiendiamanten am Finger, Tante Anna bei Hähnchen, sie ist seine Frau. Jarinek verläßt daraufhin grußlos das Haus. – Jetzt, nach so vielen Jahren überlegt er, ob er zu Hähnchens Begräbnis gehen soll. Das Fräulein vom Amt teilt ihm am Ende diensteifrig mit, daß alle Gespräche auf Jaroslavs Rechnung gehen.
9 P – U: 1964 CR – DE: 1964 RB/HR – 60 Min. – Ü: Carmen Melicharova – ungedruckt
Schon während des Studiums, Anfang der dreißiger Jahre, wurde Auden zum Mittelpunkt der linksradikalen "Pylon Poets" (u. a. C. D. Lewis, Stephen Spender, Louis MacNeice). Von 1933 an wirkte er eine Zeitlang in Berlin, wo er eine kurzlebige Ehe mit Erika Mann schloß. 1936 nahm er am spanischen Bürgerkrieg teil, 1938 bereiste er während des japanisch-chinesischen Krieges China. Zusammen mit C. W. B. Isherwood schrieb er Zeitstücke, mit MacNeice Prosa. Vor allem aber ist er Lyriker und ein großer literarischer Anreger. 1930 erschien sein erster Gedichtband, "Poems", 1948 (dt. 1951) "Das Zeitalter der Angst", bei Kriegsbeginn ging er in die USA und wurde amerikanischer Staatsbürger. Seit 1956 lehrte er in Oxford Poetik, ohne sein amerikanisches Domizil ganz aufzugeben. Später lebte er einige Jahre auf Ischia und danach in einem niederösterreichischen Dorf. Er schrieb auch Libretti: für Strawinsky "The Rake’s Progress" (1951) und für H. W. Henze "Elegie für junge Liebende" und "Die Bassariden" (1961 und 1966). Sein einziger Hörspieltext entstand 1940 im Auftrag des Columbia Broadcasting System, New York, geriet aber, da es in den USA eine Pflege des genuinen Hörspiels nicht gibt, lange Zeit in Vergessenheit.
In einem sonnenlosen Bergtal, in das die Stimmen der Welt nur von weit her dringen, spricht eine einsame alte Frau mit Nana, ihrer einzigen Lebensgefährtin, einer Hausgans. Liebevoll scheint sie mit dem Tier von ferner Vergangenheit zu plaudern: Ihr alter Vater, ein Wühler und Goldgräber, liegt, von Wettern erschlagen, schon lange tief unterm Berg. Damit ist nun auch zum erstenmal andeutend die Rede vom Sterben. Noch verschweigt die alte Frau ihrer gefiederten Freundin, daß sie sie bald schlachten wird. Doch halb mitleidig, halb hämisch, weil auch ihr selbst die Begegnung mit dem "häßlichen Ding, das hinter jeder Ecke lauert", eines Tages bevorsteht, bereitet sich die Alte schon auf den kaltblütigen Mord vor. Vorerst allerdings lockt sie die Schnatternde noch mit dem Märchen vom Gänseprinzen und sperrt sie hinter den Lattenrost – eine willkommene Gelegenheit, um über Freiheit zu philosophieren, über Liebe und Glück – beispielshalber über die falsche Freiheit und das falsche Glück der Wildgänse, auf die nur der Fuchs lauert. Auch die Sekretärinnen in den Städten, so schwadroniert die Alte, wissen ein Lied von echter Freiheit zu singen, auch sie haben Käfige und "ganz leichte Arbeit, acht Stunden pro Tag... und den Rest der Zeit völlig frei... und können ausspannen und sich amüsieren nach Herzenslust". Die Jugend ist tolerant heute, Freidenker und Liebhaber! Allerdings ihre Liebe ist umständlicher geworden: Seife, Badesalz, Enthaarungsmittel. "Als ich zur Welt kam, war das anders, die Liebe war ein Gott, der die Menschen zum Wahnsinn trieb." – Die Gans bekommt noch einmal Futter. Es regnet. Lawinen fallen in weit entfernten Tälern. Dann wieder Sonne und Jagdhörner. Ein Flugzeug überquert, wie täglich, um sechs Uhr das Tal. "Der Herr der Schöpfung, dem Wind und Wellen gehorchen", ist pünktlich und gewaltig: "... alle sind frei und gleich, sagt er... haben ein Recht an der Regierung teilzunehmen, auch die Gänse. Selbst deine Existenz, Nana, ist im Kapitol registriert." Doch nun wird es ernster, denn das Messer und die Dialektik sind genug geschärft: "Der Herr Pfarrer ist ein moderner Mensch, und sein Gott ist Mathematiker." Während das fromme Geläut der Abendglocken vom Dorf herüberklingt, greift die Alte die schreiende Gefährtin bei den Schwingen: "Der Allvater ist stolz auf seine schmucke Welt; er nimmt sie auf die Knie, wie ich dich jetzt nehme, Nana – und seine Welt ist glücklich... wenn sie sich auch wundert, warum die liebenden Hände sie so festhalten, daß sie nach Luft schnappen muß: Vater, warum?" – Der makabre Monolog ist genaugenommen ein Dialog zwischen der alten Frau und der schnatternden Gans bzw. den Geräuschen ringsum, ein Dialog also zwischen dem Menschen und der Umwelt, die trotz all ihres Lärms und Geschnatters auf die Frage nach dem Sinn von Leben und Tod schweigt.
1 P – U: 1940 CBS, New York – DE: 1964 BR/NDR – 40 Min. – Ü: Hanns A. Hammelmann – AzM: die deutsche Inszenierung enthält Geräusch- und Musikkompositionen für Trautonium von Oskar Sala – gedr. in der Zeitschr. "Neue Rundschau", Frankfurt a. M.: S. Fischer 1967/3
Der Sohn eines Bauunternehmers, in seiner Jugend Gerichtsschreiber, kommt mit sechsundzwanzig Jahren nach Paris und wird dort Mitarbeiter vieler großer Zeitungen und Zeitschriften, Freund Apollinaires und Mitglied der Académie Mallarmé. Sein erster Versband erschien 1930. Obwohl er vor allem Dramatiker ist, schrieb er mehr als zwanzig Romane. Neben Ionesco, Adamov und Beckett zählt Audiberti zur französischen Avantgarde, doch ist er, als letzter Symbolist, entfernt von deren Tendenz zur Sprachlosigkeit. Seine fantastischen Fabeln zwischen Illusion und Wirklichkeit sind voll metaphysischer Ironie. Damit mag es zusammenhängen, daß die Dramen des Autors der Hörspielform oft näher stehen als seine Hörspiele, so daß es Umwandlungen in beiden Richtungen gibt. Das Hörspiel "Das Schilderhaus" wurde – durch einen zweiten Akt ergänzt – zur letzten dramatischen Arbeit Audibertis. Dagegen fand das Drama "Quoat-Quoat" wohl im Rundfunk das angemessenere Medium. Originalarbeiten für Rundfunk sind außer dem "Schilderhaus" vor allem "Stöckchen und Bändchen" und "Die Langmütigen", Dramen, die immer wieder auch als Hörspiele laufen, "Die Frauen des Ochsen" und "Die Zimmerwirtin".
In der Republik Langmut lebt mit Nassia, seiner sechzehnjährigen Enkeltochter, und mit Gänseblümchen, seinem sechzehnjährigen Schüler und Patenkind, der "Meister mit dem Vogel", ein Raritätenhändler, unberührt davon, daß das Reich Langmut eigentlich nur noch ein rauchendes Schlachtfeld ist. Des Meisters Schatz ist der mit eigener Hand gebildete Vogel, ein fehlerloser Kunstgegenstand aus dem allerweißesten Porzellan, von dem er hofft, daß er eines Tages singen und, das All überwachsend, die Erlösung ausrufen wird, das Ende allen Unglücks. Vorläufig ist das Land allerdings noch voll von Unglück. Das Gejaul von Flugzeugen ("fliegende Tiger") ist in der Luft, im Dorf heben Polizisten die letzten Männer aus, und die Bewohner werden aufgefordert, sich in die Erde einzugraben. Im Haus des Meisters, das als einziges noch steht, treten nacheinander zwei Obristen auf, zum Verwechseln ähnlich, beide mit geschwollenen Händen – so sehr haben sie die Säbel geschwungen. Abgearbeitet vom Dienst an der Geschichte, sinken sie in Schlaf. Nassia ist von ihrer martialischen Kraft so fasziniert, daß Gänseblümchen, der Nassia liebt, von der Begierde gepackt wird, gleichfalls einen Helm zu tragen. Zu welcher Partei er sich schlagen wird, ist belanglos, denn die Obristen, auch wenn sie sich erwacht als Feinde erkennen, haben spiegelgleiche Weltbilder. Was Wunder, daß sie sich nach dem Schlaf sofort wieder in den Kampf stürzen! Gänseblümchen läuft mit, auch wenn seine Mutter und der Meister ihn zurückhalten wollen. Der Eros des Krieges zieht auch Nassia unter die Soldaten. Sie wuchert mit ihrem Reis (vielleicht auch mit Reiz?) und kehrt mit viel Geld aus dem Kampf zurück. Die Obristen, zu Generalen befördert, treffen ebenfalls im Hause des Meisters zu einer Konferenz zusammen. In der Zeit, in der eine Ameise eine Granate umwandert, soll der Frieden ausgehandelt sein. Der Anlaß des Krieges ist inzwischen vergessen; man meint sich zu erinnern, daß es um ein Sumpfgelände ging, das jede Partei in ihrer Karte als zu ihrem Lande gehörig verzeichnet hatte. Während sie noch Projekte für den Frieden entwerfen, zum Beispiel eine Universität für Weltbürger, die sich der "Vermoralisierung der Geographie" widmen würde, taumelt einer ihrer möglichen Kommilitonen, Gänseblümchen, zu Tode verwundet, herein. Nassia bewundert ihn, seine Mutter singt ihm ein Wiegenlied und beklagt dann seinen Tod. Die Generale, deren Karten nicht übereinstimmen, benutzen nun das Mädchen Nassia als Weltkarte, auf ihren Leib schneiden sie mit ihren Schwertern die Grenzen ein. Aber ehe sie einig sind, ist der Rundgang der Ameise um die Granate und damit der Waffenstillstand beendet. Ein neuer "Krieg erblüht". Der Meister, der nicht glaubt, daß das Leiden eine Form des Guten ist, läßt die Granate detonieren. Die Generale sind tot, aber der Krieg geht weiter, und auch der Meister überlebt, offenbar als geistiges Prinzip. Er stellt die Frage, ob jemand wünsche, daß sein Vogel singe und das schreckliche Leben für immer ein Ende nehme.
6 P – U: 1959 ORTF – DE: 1962 SDR/NDR – 75 Min. – Ü: Yvonne und Herbert Meier – ungedruckt
Der Herzog von Massacan betreibt die Verteufelung seiner Nichte, für die er die Regentschaft führt, gründlich. Er dichtet ihr kannibalische Gelüste an. Niemals soll sie, die Prinzessin Elisabeth Bornèse, "mit ihrem rundlichen Podex auf dem eckigen Thron ihrer Vorfahren sitzen". Das kannibalische Gerücht versetzt den Soldaten Bégou, der am Schilderhaus vor dem Palast Nachtwache bezogen hat, in Angst und Schrecken, zumal sein Hauptmann Nettner, der mit dem Herzog unter einer Decke steckt, ihn in dem Verdacht bestärkt und er selbst beobachtet hat, daß alle Soldaten, die vor ihm Wache standen, nicht mehr zurückkamen. Auch Bégou hat man vor seiner Nachtwache schon mit warmem Quellwasser, Pfeffer, Safran, Lorbeer und Weißwein zum Leckerbissen hergerichtet. Zu dem psychologisch solchermaßen präparierten Opfer tritt die Prinzessin, die tagsüber den Palast nicht verlassen darf und mit fleischlosen Teigwaren gemästet wird, und wundert sich über seine Angst. Als sie jedoch erfährt, daß man sie als Soldatenfresserin verleumdet, um ihre Thronbesteigung zu verhindern, ist sie entschlossen zu handeln. Durch eine Verkleidung überrumpelt sie Nettner und die mit ihm aufziehende Gendarmerie und übernimmt das Kommando über die Armee. Gerade will sie den Herzog aus dem Bett reißen, um ihn zur Verantwortung zu ziehen, da tritt dieser selbst hervor. Durch schmeichelhafte Komplimente und eine glänzende Suada, mit der er ihr die Entzückungen leckerer Fleisch- und Fischgerichte beschreibt, mehr noch durch die Tatsache, daß er die totgeglaubten Soldaten gut gepflegt aus ihrem Festungsexil heranmarschieren läßt, gewinnt er seine Nichte für sich. Sie will ihn als Ehegemahl neben sich auf dem Thron sehen. Er will ihr die Hoheitsrechte unverzüglich übertragen. Doch das Volk, das die turbulente Intrige nicht durchschaut, macht bei der Posse nicht mit; es erscheint, um den Palast zu stürmen und die Menschenfresserin zu erschlagen. Der Soldat Bégou, der sich über den wahren Charakter der Prinzessin aufgeklärt glaubt, stürzt den Revolutionären entgegen, wird aber leider von ihnen gelyncht. Die Prinzessin, der der Herzog die Entscheidung überläßt, gibt daraufhin Schießbefehl und vertreibt das Volk. Offenbar hat sie damit dem Herzog gegenüber den letzten Beweis ihrer Regierungstüchtigkeit erbracht. Sehr zufrieden miteinander, beschließt das Paar, der Mutter des Soldaten Bégou zum Trost ein Handgeld zu schicken.
4 P, 1 Sprecher, einige NP – U: 1963 HR – 50 Min. – Ü: Maria Frey – gedr. in Ich habe die Ehre, Frankfurt a. M.: S. Fischer 1965
Russischer Abstammung, bezeichnet sich als einen Schüler von Anatole France. Hat eine Anzahl Romane geschrieben, darunter den dreibändigen "La vie de Philippe Denis". Sein Hörspiel "C’est vrai, mais il ne faut pas le croire" (dt.: "Bist du es, Anna?") weist ihn jedoch eher als einen Autor in der Nachfolge Hoffmanns, Poes und der unheimlichen Geschichten des späten Maupassant aus. Es wurde 1955 mit dem Prix Italia ausgezeichnet.
Das Hörspiel ist auf weite Strecken reine Erzählung in der Vergangenheitsform. Neben dem kaum charakterisierten Ich-Erzähler hat in den letzten zwei Dritteln des Textes dann allerdings der alte Antiquitätenhändler eine wirkliche Rolle mit aktuellen (präsentischen) Emotionen. (In einer kurzen Vorrede zum Manuskript begründet der Autor diese Kontrastierung von Gegenwart und Vergangenheit.) – In einer Avenue, durch die er täglich geht, war dem Erzähler schon seit langem ein Antiquitätengeschäft aufgefallen und hinter dessen Schaufenstern, zwischen den Ausstellungsobjekten, ein grauer Sonderling, den man für eine seiner eigenen Antiquitäten halten konnte. Einmal, spät nachts, kam der Passant dort vorbei und griff – wahrhaftig zum erstenmal und in der festen Überzeugung, daß abgesperrt sei – nach der Klinke der Ladentür. Die Tür öffnete sich, und die Stimme des Alten fragte flüsternd: "Bist du es, Anna?" Nun erfuhr der Erzähler und erfährt man direkt durch Bericht und Erleben des Antiquitätenhändlers etwas Grausiges: Der alte Mann hat sich nicht von der Leiche seiner wohl schon seit Jahren verstorbenen Frau trennen können, sondern sie im unteren Teil einer alten Standuhr bei sich behalten – oder vielmehr glaubt er, sie bei sich behalten zu haben. Denn, so hört man wiederum durch den Erzähler: als der Mann die Standuhr öffnete, war nichts zu sehen, nicht einmal Gewichte oder ein Perpendikel. Nur er, der Graukopf, sah und beichtete dann angesichts der Leiche: Anna hat ihn aufgefordert, sie endlich zu begraben. Ein Grab im Hof ist schon längst ausgehoben, doch fehlte es ihm allein an Kraft, die Frau zu tragen. Und so mußte erst einer kommen und helfen. Der Rest der Geschichte stellt dar (beim Antiquitätenhändler in direkter Aktion, bei seinem Besucher in Erzählform), wie die beiden die nicht vorhandene Tote, deren Gewicht sie jedoch durchaus spüren, hinaustragen – sorgsam, damit nicht ihre langen blonden Haare am Boden schleifen. Nach erfolgter Bestattung in den Laden zurückgekehrt, hört der Alte aber gleichwohl wieder seine Frau sich regen. Und als er wiederum fragt: "Bist du es, Anna?", antwortet eine Frauenstimme (einzige Replik) mit einem eindeutigen "ja".
3 P – U: 1954 ORTF – DE: 1956 SWF – 40 Min. – Ü: Kurt Kusenberg – ungedruckt
Im Kärntner Gailtal wuchs die Dichterin auf. Ursprünglich wollte sie Musik studieren, wandte sich aber der Philosophie zu, Promotion 1950. Von 1951 bis 1953 war sie Redakteurin der Wiener Sendergruppe Rot-Weiß-Rot. In dieser Zeit übersetzte sie u. a. das Hörspiel "Dark Tower" von Louis MacNeice (s. d.). 1953 erschien ihr erster Gedichtband, "Die gestundete Zeit", 1955 folgte das erste Hörspiel "Die Zikaden", das zweite, "Der gute Gott von Manhattan" wurde mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden 1959 ausgezeicbnet. – Die Autorin erhielt zahlreiche weitere Preise, sie lebte wechselweise in Rom, Zürich und Berlin. In der Zusammenarbeit mit Hans Werner Henze, für den sie Libretti verfaßte, bewährte sich ihre frühe Liebe zur Musik. Über ihr Werk sagt Joachim Kaiser: "Es sind Höhenzüge deutscher Lyrik, die sich hier fortsetzen. Sie schrieb zwei Hörspiele und hatte eine Gattung um zwei Muster bereichert. Sie schlang ein Band um die Garbe von nur sieben Erzählungen, die alle vom Sinnfälligen ausgehen und... plötzlich hatte sie die zeitgenössische Novelle aus der Umklammerung durch die short story gelöst."
Ein Erzählhörspiel mit wechselnden Erzählern, eingeblendeten Briefen, Szenen, Stimmen. Doch die epische Gelassenheit, das genießerische Verweilen in Sprache, Bild und Reflexion, ist nicht zufällige Form, sondern angemessener poetischer Ausdruck der Einsamkeit der Inselsituation. – Auf einer kleinen südlichen Insel suchen Menschen verschiedener Art und Herkunft ihr Asyl. Sie formen dort in pausenloser Siesta mißglückte Vergangenheit zu neuen Lebenslügen um. Die Kulisse: blaues Meer, weißes Schiff, Weingarten, Feigenbaum, ist gefährlich schön, betroffen macht jedoch der Gesang der Zikaden, der immer wieder unvermittelt einsetzt. "Denn die Zikaden waren einmal Menschen. Sie hörten auf zu essen, zu trinken, zu lieben, um immerfort singen zu können." Die meisten Inselgäste werden ein solches Stadium des Selbstvergessens nie erreichen, nur Robinsons totale Weltflucht in seinem abseitigen Bungalow könnte dem nahekommen. Er will keinem Schiff mehr winken, die Lockrufe der Geliebten irritieren ihn, Worte sind ihm Konvention, Konventionen will er abstreifen. Bei Robinson sucht ein Häftling Zuflucht, ein Lebenslänglicher, der eine Nacht und einen halben Tag von der Gefängnisinsel, einem öden Felseneiland, das man an klaren Tagen am Horizont grade noch erkennt, zur "Insel der Glückseligen" geschwommen ist. Der erschöpfte Ausbrecher und Robinson loten nun ihre beiderseitigen Positionen aus. Sie sind auf der Flucht, ihre Ziele aber entgegengesetzt: in die Welt will der eine, aus der Welt der andre. In die Gespräche des Gefangenen mit Robinson sind Szenen eingebettet, Schicksale anderer Inselbewohner-. Mrs. Brown, blond und heldenhaft, fünfmal geschieden, fünfmal vernichtet von den Gewohnheiten ihrer Männer, fährt Wasserski. Antonio, der allen dienende, an allen verdienende Jüngling, lenkt das Motorboot. Mit ihm möchte Mrs. Brown nachts zum Fischen ausfahren, danach die Lampe ins Meer werfen, barfuß in der Bar tanzen und mit ihrer Mädchenstimme singen. Mr. Brown, herzkrank, fast sechzig, geht mit Flossen, Maske und Harpune unter Wasser, um Seegetier zu erlegen, sucht aber eigentlich die Spur seines Sohnes, der in Inselnähe mit einem Kreuzer abgesoffen ist. Der Maler Salvatore veranstaltet jährlich eine Ausstellung, Antonio hängt seit Jahren stets dieselben Bilder in neuen Rahmen auf. Prinz Ali ist der letzte Ableger eines Königshauses, das schon vor längerer Zeit zur Abdankung gezwungen worden ist. Seine Feste sind Inselattraktion. Er möchte den letzten Funken von Antonios Feuerwerk, als eine Spur seiner selbst, am Himmel stehen lassen. Jeanette, die weltberühmte Kosmetikerin, sucht Unsterblichkeit auf der Insel, Stefano, ein davongelaufener Junge, Indianerromantik. Nur der gefällige vielseitige Antonio, Dialogpartner in allen Einzelszenen, lebt das Leben, wie es ist, sagt entschieden "nein", wenn ihn ein Inselgast in seine Wunschtraumwelt entführen will. Benedetto, der Herausgeber des "Inselboten", nach dem Krieg auf der Insel hängengeblieben, bewundert das naive Verhältnis der Einheimischen zur Wirklichkeit. Sein Lebensziel ist einheimisch zu werden; für Illusionen hat er keine Zeit und zu wenig Geld. Nach seinem Geschmack wäre es, in seinem Fremdenblättchen beispielshalber über den Inselalltag zu schreiben oder über die Warnung, daß die Zikaden einmal Menschen waren. Er schreibt, daß Robinson nun doch einem Schiff gewunken hat, daß ein Gast die Insel verläßt, der lebenslänglich bleiben wollte, und mit ihm, von Carabinieri eskortiert, ein Flüchtling von der Gefängnisinsel. Robinson hat die Aufforderung verstanden: "Willst du nicht aufstehen und sehen, ob diese Hände zu gebrauchen sind? Such nicht zu vergessen! Erinnere dich! Und der dürre Gesang deiner Sehnsucht wird Fleisch."
9 P – U: 1955 NWDR-Hamburg – 95 Min. – AzM: Hans Werner Henze hat zu diesem Hörspiel eine Musik für großes Orchester komponiert – Druck: München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1963 u. ö.
Eine Gerichtsverhandlung. Angeklagt ist der gute Gott von Manhattan, mythischer Herr des Wolkenkratzerviertels, dem alle Eichhörnchen (in der Funktion einer Art puritanischer Sittenpolizei) bedingungslos ergeben sind. Sein Verbrechen, Mord an dem Mädchen Jennifer, steht außer Zweifel; er läßt sogar durchblicken, daß er Urheber weiterer mysteriöser Mordanschläge, besonders auf Liebespaare, ist. Zu klären sind die Motive, zu klären ist, ob die Weltordnung, die auf festen Konventionen beruht, von der Liebe zwischen Jan und Jennifer bedroht wurde. Dazu wird ihre anfangs fast banale Liebesgeschichte rekonstruiert. Jan, ein junger Mann aus der Alten Welt, trifft Jennifer, ein Mädchen aus der Neuen. Genaugenommen hat sie ihn auf dem Grand-Central-Bahnhof angesprochen, hat im Zug aus Boston zwei Reihen hinter ihm gesessen, kennt ihn vom letzten Tanzfest ihrer Universität und mag Europäer. Sie trinken in verschiedenen Lokalen und finden das erste Obdach in einem schmuddeligen Absteigequartier. Liebe ist peinlich in solchen Wänden, für Jennifer bedeutet die Nacht mit Jan Demütigung, für Jan ein unlustiges Abenteuer. Er hat eine Schiffskarte nach Europa in der Tasche, wartet nur auf die Möglichkeit einer Passage. Aus Fahrplangründen, und auch, weil dem Mädchen die Demütigung nicht die einzige Erinnerung bleiben soll, übersiedeln sie in ein erstklassiges Hotel, vorläufig in das 7. Stockwerk. Hier beginnt Liebe zu geschehen, zärtlich und verspielt. Der Versuch eines Abschieds – Jan könnte eine Passage bekommen – scheitert. Dann wird die Liebe maßlos, übersteigt jede Vernunft und Dimension, wird Weltflucht und totale Selbstaufgabe. Gemäß dem Grad der Entrücktheit darf das junge Paar in das 30., zuletzt in das höchste, das 57. Stockwerk aufsteigen. In einsamer Höhe wird die Selbstaufgabe endgültig vollzogen. Die Eichhörnchen Frankie und Billy, die das Liebespaar vom ersten Tag an beobachteten, melden dem Chef, daß es höchste Zeit zur Exekution sei. Als Jan weggeht, um die Schiffskarte zurückzugeben, bringt der gute Gott ein Paket mit Sprengstoff und hinterlegt es bei Jennifer; der Zeitzünder ist eingestellt. Doch Jan wird gerettet. Er ist auf dem Heimweg rückfällig geworden, indem er eine Kneipe aufsuchte, "ein Mann, dessen Augen sich wieder beleben an Druckerschwärze und dessen Hände sich schmutzig machen müssen an einer Theke". Jennifer ist allein aufgeflogen, sie hat dran glauben müssen, die Ordnung der Welt scheint sichergestellt zu sein. Ist diese Ordnung, in der Liebe nicht sein kann, ewig? Der Richter entläßt den guten Gott ungestraft, weist ihm noch den Weg zum Paternoster, zum Nebenausgang. Die Anklage aber bleibt aufrechterhalten.
6 P, 12 NP – U: 1958 BR/SWF/NDR – 85 Min. – Druck: München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1963 u. ö.
Der Bäckersohn, nach dem Abitur 1920 zum Geistlichen bestimmt, verließ das Priesterseminar und wandte sich journalistischer und schriftstellerischer Arbeit zu. 1927 wurde er Redakteur der Lokalzeitung in Dorfen/Obb., wo er als freier Schriftsteller lebt. Etwa seit 1931 ist Bauer als Erzähler mit vielen z. T. umfangreichen Romanen hervorgetreten. "So weit die Füße tragen", der Bericht eines Kriegsgefangenen von seiner Flucht durch Asien, wurde 1955 nahezu ein Welterfolg. 1958 folgen "Kranich mit dem Stein" u. v. a. Bauers Herkunft aus der Welt der Voralpen mit ihrer bäuerlich-katholischen Tradition ist unverkennbar – nicht nur an seiner Thematik, sondern auch an seiner breiten, direkt zupackenden Sprache. – Etwa von 1935 an hat der Autor auch zahlreiche volkstümliche Hörspiele geschrieben. Einige konnten sich längere Zeit im Repertoire halten. Wichtig außer den unten genannten: "Der Schatten eines Strohhalms" (1951), "Die Weinwirtschaft zum Auge Gottes" (1954), "Der schwarze Anzug" (1957) und "Weiße Puppen" (1965).
Eine "alte, immerhin angesehene" Räuberbande, deren Haupt der Schankwirt Deruzzi ist und zu der als Mitglieder viele wackere Handwerker gehören, u. a. ein Schuster, ein Koch und eine Weißnäherin nebst Tochter, hat soeben einen Raubzug gegen das Landgut Madagglioni hinter sich. Man hat ungeahnte Kostbarkeiten erbeutet und nebenbei – mehr zufällig – auch einen jungen Mann namens Geronimo aufgegriffen. Die Räuber wollen nun zum ehrsamen Handwerkerleben zurückkehren. Doch der junge Geronimo gefällt den Bandenmitgliedern so gut und scheint ihnen, als er sie zur Tugend mahnt, so beredt, daß sie ihn auf gemeinsame Kosten zum "Avvocato" ausbilden lassen wollen; man kann nie wissen, wozu das gut ist. – Der Vorsatz wird ausgeführt, Geronimo geht auf die Universität, und unter dem Namen einer ihm unbekannten Bruderschaft von San Agostino senden ihm die Exräuber regelmäßige Studienbeihilfe. Leider erfahren sie dann lange nichts von dem jungen Mann. Und als man den Protege endlich wieder entdeckt, ist er keineswegs Advokat geworden, sondern ein großer Bußprediger in Turin. Als die Räuber ihn predigen hören, sind sie so ergriffen, daß sie all ihr mühsam erstrittenes und erarbeitetes Geld in den Klingelbeutel tun und darum leider wieder auf Raub ausgehen müssen – zumal sie meinen, ein derartiger Rhetor müsse auf ihre Kosten auch noch Bischof werden. Bei einem ihrer Streifzüge überfallen sie leichtsinnigerweise just den Provinzpräfekten und werden geschnappt. Vor dem letzten gemeinsamen Gang zur Erschießung möchten sie allzugern wenigstens ihren geliebten Schützling, der inzwischen wirklich Bischof wurde, als geistlichen Beistand gewinnen. Doch leider kommt nur ein armer Augustinermönch in ihre Zelle, durch den dann allerdings Bischof Geronimo und ferner der Präfekt ihre Geschichte erfahren. Als im Morgengrauen die Salve ertönt, wundern sich die Räuber, wie unblutig alles vor sich geht und wie sehr das Jenseits dem Diesseits ähnelt. Bischof Geronimo belehrt sie dann darüber, daß der Präfekt sie begnadigt hat. Er beschwört sie, ihren weiteren Weg "leise" zu gehen: "Seid gut und treibt nicht mit Gott böses Spiel, nur um einen Avvocato zu haben!" Die überraschende Wendung ihres Geschicks und die eindrucksvolle Begegnung mit ihrem Geronimo überzeugt die Räuber natürlich vollkommen. Es steht fest, daß Geronimo es durch sie unbedingt auch noch zum Kardinal bringen muß. Dazu müßte mit Gottes Hilfe noch einmal ein ähnlicher Raubzug wie der auf Maddaglioni gelingen.
8 P, 3 NP – U: 1951 NWDR-Hamburg – 55 Min. – ungedruckt
Der sechzigjährigen Adegar Vilgertshof gehörte früher das ganze Haus, nun lebt sie, freilich ohne an Vornehmheit verloren zu haben, elend und verschuldet in der Mansarde. Dort träumt sie auch weiterhin allnächtlich von dem Zug, der ankommen und jenen jungen Mann wiederbringen wird, den ihr das Schicksal vor rund einundvierzig Jahren als Klavierlehrer ins Haus schickte. Neununddreißig Jahre war er fort, hat von Zeit zu Zeit aus Kanada, Mexiko oder sonstwoher geschrieben – meist um Geld, das Adegar ihm, selbst als sie einige Jahre verheiratet war, stets großzügig geschickt hat. (Seltsamerweise schrieb er öfter unter verschiedenen Namen, nur der Vorname Andreas blieb immer gleich!) Doch nun ist er plötzlich da, steht, natürlich ein Stück älter, vor ihr – noch dazu mit einem riesigen, kostbaren Rosenstrauß in der Hand, genau wie damals immer! Leider hat man als Hörer schon erfahren: er hat den Strauß auf der Treppe einem mitleidigen Hausbewohner für Adegar abgeschwatzt und besitzt nichts als einen federleichten Koffer ohne nennenswerten Inhalt. Das große Gepäck werde angeblich nachfolgen. Doch vorerst hat der Ankömmling ja viele Abenteuer zu berichten und andere, über die er neununddreißig Jahre lang in zahlreichen glühenden Liebesbriefen berichtete, zu widerrufen. Offenherzig gibt er zu, daß er gern lügt und gelogen hat. Aber wie schön und "aufrichtig" lügt er doch, charmant und bereitwillig sich selbst immer wieder entlarvend! Adegar ist, wie gesagt, bettelarm, aber alle Menschen lieben sie und sind tief gerührt, weil jetzt das vierhändige Klavierspiel, das aus ihrer Wohnung tönt, noch ihr spätes Glück bezeugt. Die Stimmung ist so, daß Andreas überall auf Adegars persönlichen Kredit hin schnorren kann. Die Miete wird erlassen, Kohlen zum Heizen werden hergeschenkt, man kauft ihr das Klavier ab und beläßt es ihr dennoch, damit sie Bargeld hat und spielen kann – woraufhin es Andreas schnell zum zweitenmal verkauft... Kurz: das Glück wird von Fall zu Fall mühsam gesichert und das Risiko immer größer. Wie aber soll es weitergehen? Plötzlich ist der Alte wieder verschwunden. Etwa weil er keinen Ausweg mehr wußte? Aber nein, er kehrt zurück. Allerdings tot. Er hatte schon zuvor über sein Herz geklagt, man hat es nicht recht ernstgenommen, nun hat ihn auf dem Bahnsteig beim Einsteigen in den Zug der Schlag gerührt. Also wollte er doch fliehen? Aber nein, man kann es auch anders interpretieren! Einer der Mitmieter des Hauses meldet, das Gepäck sei angekommen, drei schwere Schiffskoffer, auf die Andreas so lange gewartet hat. Vielleicht ist er der Koffer wegen auf dem Bahnhof gewesen? – Der Autor hat das Thema später zu einem Roman Der Sonntagslügner abgewandelt.
8 P, 8 NP – U: 1953 NWDR-Hamburg – 60 Min. – ungedruckt
Leiss, ein pensionierter Bote und früher in einem Architekturbüro angestellt, besitzt illegal einen ständigen Stehplatz im Flur des Innenministeriums, um sich dort an einem Heizkörper festzuhalten und besser über den Winter zu kommen. Er kennt deshalb in dieser Dienststelle seit langem jeden und jede, und man hält ihn für einen bejahrten Beamten, dem man Aufträge erteilen kann. Aus seinen Erfahrungen am Heizkörper hat er eine eindrucksvolle Lebensphilosophie entwickelt. Auf Leiss trifft der zur Zeit arbeitslose Chauffeur Fadenherr, der dem Minister, seinem Kriegskameraden, einmal einen Besuch machen möchte, weil er sich noch lebhaft an die wohlschmeckenden Linzer Schnitten in dessen Feldpostpäckchen erinnert. Doch die Ministergattin, die von Fadenherrs Besuch erfährt, erinnert sich an noch mehr: derjenige, der den verwundeten Minister, als noch niemand wußte, daß er Minister werden würde, aus dem Minenfeld holte, hieß Fadenherr. Ihr gutes Gedächtnis bewirkt, daß Fadenherr, dieser Patentkerl, zum Ministerfahrer und Familienvertrauensmann avanciert; bald spricht das ganze Ministerium von ihm nur noch als vom "Lebensretter". Der Lebensretter lehrt die Ministerkinder zaubern und zweistimmig pfeifen, lehrt allerdings den Sohn Herbert auch Zensuren fälschen und gibt ihm auf dem Hof heimlich ein bißchen Fahrunterricht. Gleichzeitig wird er bei den Mitarbeitern des Ministeriums sozusagen seelsorgerlicher Verbindungsmann zum Chef. Aus der allzu großen Vertrauensstellung, die er überall gewinnt, ergeben sich dann aber, vor allem beim Minister, auch gewisse psychologische Schwierigkeiten. Leiss, der inzwischen die Erfindung gemacht hat, in den Büros für Trauerkränze zu Ehren verstorbener Ministerialmitarbeiter zu sammeln, die niemals existiert haben, klärt Fadenherr über diese Schwierigkeiten auf. Als der Minister seinen Lebensretter zum Garagenmeister befördern will, weiß dieser, daß man ihn nur distanzieren möchte. In die peinliche Auseinandersetzung, die zwischen den beiden ehemaligen Kameraden stattfindet, platzt nun auch noch die Nachricht, daß der von Fadenherr unterrichtete Ministersohn bei einer Schwarzfahrt einen schweren Unfall verursacht hat. Da er ohne Führerschein fuhr, ja, viel zu jung für den Führerschein ist, ergibt sich ein öffentlicher Skandal, der in der Nervosität des auf seinem Höhepunkt angelangten Wahlkampfes den Ausschlag gibt. Der Minister wird nicht wiedergewählt. Leiss aber sammelt im Ministerium zum Abschied für ihn ein Blumenarrangement.
8 P, 10 NP – U: 1954 NWDR-Hamburg – 60 Min. – ungedruckt
Nach Gymnasialzeit und Kriegsdienst promovierte Bayr und veröffentlichte 1945 und 1946 seine ersten Gedichte, Essays und einen Band Erzählungen. Eine Weile war er Theaterkritiker und gab eine Literaturzeitschrift heraus, später übernahm er die Leitung der Literarischen Abteilung von Radio Salzburg. Bayr verschrieb seine lyrische und dramatische Begabung vor allem dem Theater, schuf Nachdichtungen antiker Dramenstoffe, die z. T. im Wiener Burgtheater uraufgeführt wurden. Hörspiele: "Orangenblüten", "Agamemnon muß sterben", "Die Stimme, die dich stellt" und "Hochzeitstag". – Bayr lebt in Salzburg.
Liebe wächst in diesem poetischen Spiel wie etwas Fremdartiges am Rand einer Dorfgemeinschaft, die wenig Sinn für Poesie besitzt: Bürgermeister Cesare will Piera, ihre Schwester Graziella und deren Amme ausweisen. Es soll Ärger und Unruhe im Dorf geben, seit die drei Frauen im Haus auf dem Hügel wohnen. Den größten Ärger hat aber Cesare selbst, seit sein Sohn Bernardo sich von der Tochter des Kaufmanns Luigi abgewendet hat. Dennoch bestätigen die Väter das Versprechen, weil der Besitz beider sich gut zusammenfügen würde. Der hochmütige junge Bernardo verabscheut aber das sogenannte häusliche Glück. Er verehrt die leidenschaftliche Piera und verläßt nach einer heftigen Auseinandersetzung mit seinem Vater sein Elternhaus. Doch auch Piera ist widerspenstig, sie läßt sich nicht aus dem Dorf jagen, sondern verlangt die Gründe für die Ausweisung zu wissen. Die Amme, eine Art Urmutter, beruhigt sie und redet ihr Vertrauen zum Schicksal ihrer Liebe ein. Währenddessen wartet Bernardo auf Piera, Graziella verkürzt ihm die Wartezeit. Sie ist wesentlich jünger als ihre Schwester und spürt im Duft der Orangenblüten eine "zärtliche Nachricht". Piera ist nachher fast eifersüchtig – nicht ganz grundlos übrigens, denn Bernardo ist von Graziella und von ihrer naiven, unbewußten Liebesbereitschaft wie verzaubert. Trotz dieses Zwischenspiels vollziehen die stolze und selbstbewußte Piera und Bernardo jedoch ihre Liebe. – Ein heißer und trockener Sommer folgt. Auf einem Spaziergang verführt Bernardo Graziella fast. Oder wollte sie ihn verführen? Piera überrascht die beiden. Bernardo bietet ihr plötzlich nur Freundschaft an. Er will die jüngere Graziella heiraten, er hat Pieras große, bedingungslose Liebe nicht verstanden, möchte lieber mit der sanften Graziella leben, Kinder haben und einen ruhigen Lebensabend verbringen. Piera sagt, sie werde für sein Glück beten und ist am nächsten Tag verschwunden. Nun hat aber auch Graziella begriffen, wie schnöde Bernardo ihre Schwester behandelt. Sie verkauft das Haus an die Gemeinde und zieht mit der alten Amme irgendwohin fort. Am Ende rechnet Cesare mit dem leichtfertigen Sohn ab, der durch zwiespältig-romantische Gefühle nichts als Unheil angerichtet hat. Das Dorf hat auf eine bittere Weise recht behalten.
6 P – U: 1958 ÖRF – 70 Min. – ungedruckt
Studierte von 1947 bis 1949 in Köln Germanistik und war dann Redakteur an mehreren Zeitungen und Zeitschriften. Er leitet heute in Hamburg den Literaturteil des "Spiegel". Romane: "Nokturno" (1931) und "Michael Frost" (1958), ferner Erzählungen und Aufsätze. Sein Hörspiel "Ausnahmezustand" ist einzigartig durch die Wiedergabe einer geradezu teuflisch paradoxen Dialektik: trotz ganz und gar realistischer Darstellung gelingt es damit, die heute fast unvorstellbare Absurdität eines totalen geschichtlichen und menschlichen Nullpunkts, desjenigen von 1945, mit sonst kaum zu erreichender Tiefenschärfe zu dokumentieren.
Das Ehepaar Walter und Ruth stehen im Obergeschoß eines Mietshauses am Fenster und warten nach Abzug der Nazis und der deutschen Truppen auf die Ankunft der Amerikaner. Der Lärm des Krieges und der Bomben ist jäh einer totalen Stille – selbst im Radio – gewichen, die Straße ist kilometerweit mit weißen Fahnen behängt und gänzlich menschenleer. In dieser Stunde hält Walter, der sich übrigens nichts zuschulden kommen ließ, außer daß er als Komponist für schnulzige Filmmusik den Nazis schlechterdings unentbehrlich war, in dieser Stunde hält er bittere Abrechnung mit Ruth, seiner jüdischen Frau. 1932, nach einjähriger Ehe, hatte sie ihn betrogen. 1933, als er sich hätte scheiden lassen können, war ihm dieser Schritt unmöglich: Ruth war nur als seine Ehefrau sicher, ohne ihn wäre sie abtransportiert und dem Gastod ausgeliefert worden, dem alle ihre Verwandten zum Opfer fielen. Nun ist aber ihr Mann in den zwölf Jahren seither für sie durch seine menschliche Haltung überhaupt erst zu der Persönlichkeit geworden, die sie wahrhaft liebt. Er jedoch fühlt nur Ekel vor dem Schnulzier, der er zwölf Jahre lang sein mußte, und Ekel vor ihrer Verfehlung, die ihn damals unheilbar verwundet hat. Er will nun den Scheidungsentschluß endlich verwirklichen. Während des ungeheuren moralischen Sturzes, den er seine Frau mit dieser Eröffnung nach zwölf Jahren erleiden läßt, kommen mehr oder weniger harmlose Nazinachbarn und bitten die zweifellos bald allmächtige Jüdin um Zeugenschaft und Protektion, wenn jetzt die Vergeltung und "Rache" ihnen naht – nicht ahnend, daß sich gerade an dieser Frau eben eine ähnlich mitleidlose Vergeltung vollzieht. "Ich werde es nie begreifen", sagt sie zu ihrem Mann, "weil ich es nicht mehr bin, weil Vergangenheit für mich wirklich vergangen ist, undurchschaubar, nicht mehr zu entziffern, nicht mehr aufzuklären, wirklich und wahrhaftig vorbei. Ich begreife nur, wie sehr ich dich damals enttäuscht habe. Ich habe es tausendfach bereut. Ich weiß heute, wie leichtsinnig oberflächlich ich damals war, wie haltlos, wie eigentlich bloß gedankenlos. – Das ist das Schlimmste, Walter, ich kann den Grund nicht mehr finden, es erscheint mir so furchtbar banal, wenn ich jetzt daran denke... " – Analogie und Umkehrung von allgemeiner politischer Situation und privatem Bereich, wo gleichfalls ein in der eigenen Vorstellung inzwischen nahezu unschuldiger Mensch sich auf die lange Zeit beruft, die vergangen ist, und dennoch schuldig gesprochen wird – dieses Modell erlaubt erschütternde Einsichten in die Schwäche des Menschen gegenüber der Schuld überhaupt und in die Ohnmacht seiner Reue.
6 P – U: 1960 NDR – 65 Min. – gedr. in Hörspielbuch, Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt 1961
Nach dem Studium am Dubliner Trinity College wurde Beckett 1928 für zwei Jahre Lektor für Englisch an der Pariser Ecole Normale Supérieure. Während dieser Zeit lernte er James Joyce kennen, dessen Werke er teilweise übersetzte, ferner Paul Valéry, Jules Romains, Philippe Soupault und andere hervorragende Franzosen und. veröffentlichte seinen grundlegenden Essay "Dante... Bruno... Vico... Joyce". 1930 Rückkehr nach Dublin als Dozent für romanische Sprachen. Nach Wanderjahren durch Europa und ersten Kurzgeschichten 1938 endgültige Übersiedlung nach Paris und, Veröffentlichung des ersten Romans "Murphy". Während des Krieges war Beckett Mitglied der französischen Widerstandsbewegung. Zwischen 1945 und 1950 entstanden die Theaterstücke "Warten auf Godot" und "Endspiel" die Romane "Molloy", "Malone stirbt" und "Der Namenlose" sowie die "Novellen und Texte um Nichts", dazu Essays und kleinere Arbeiten, sämtlich in französischer Sprache. Seit Beckett mit diesen Werken weltweite Anerkennung als einer der bedeutendsten Autoren der Zeit fand, schreibt er wieder englisch: Neben den Theaterstücken "Krapps letztes Band" (1959), "Glückliche Tage" (1961) und "Spiele" (1963) die vier Hörspiele – davon "Aschenglut" ausgezeichnet mit dem Preis des Italienischen Rundfunks 1959 – und weitere Prosa. In letzter Zeit hat sich Beckett mit "Film" und "He Joe" auch dem Film und dem Fernsehen zugewandt, und zwar als Autor und Regisseur.
Mrs. Rooney, "ein hysterisches altes Weib, zerrüttet von Kummer... und Fett und Rheuma und Kinderlosigkeit", schleppt sich die heiße, staubige Landstraße entlang, um ihren kranken blinden Mann Dan vom Zug abzuholen. Ihr Gang gleicht einem Kreuzweg durch ein Leben, das nichts als Leiden und Unfruchtbarkeit kennt. Mit dem Fuhrmann Christy, der sich mit seinem störrischen Maulesel herumquält, und dem senilen radfahrenden Börsenmakler Tyler, die die ächzende, fluchende, jammernde Frau nacheinander ein Stück begleiten, entspinnen sich mühsame Gespräche, die aber bereits im Ansatz als Kommunikation scheitern; ihre Worte sind weniger "Sprache" als die ländlichen Tierstimmen um sie herum. Angesichts des Maultiers von Christy fragt sich Mrs. Rooney, die vor vierzig Jahren ihre Tochter verlor: "Womit habe ich das nur das verdient?" Sie wünscht sich, daß sie "platt auf die Straße fiele wie ein großer dicker Pudding. . ., um nie mehr aufzustehen". Der Sekretär der Pferderennbahn, Mr. Slocum, nimmt sie in seinem Wagen mit zum Bahnhof, doch auch diese Freundlichkeit ist mit Qualen verbunden. Als man endlich die Station erreicht, hat der Zug eine Verspätung, die niemand erklären kann. Auf dem Bahnhof, zu dem sie sich eine steile Treppe hinaufquälen muß, trifft die Alte eine Galerie lebender Gespenster, wie die "schwarze Miß Fitt" voll heuchlerischer Gottergebenheit und den alten, brutalen Bahnhofsvorsteher, der den jungen Gepäckträger mit Faustschlägen traktiert. Endlich kommt der Zug und mit ihm der blinde Dan. Über die Verspätung gibt er ausweichende Erklärungen. Gemeinsam keuchen die beiden den Weg zurück. Man erfährt, daß Dan in der Stadt ein nutzloses Büro unterhält, in dem er sich mit absurden Bilanzen beschäftigt, um nicht zu Hause dahinzusiechen. Als Kinder sie verspotten, fragt Dan: "Hast du jemals ein Kind umbringen wollen? Ein junges Unglück im Keim ersticken?" Durch einsetzenden Wind und Regen stolpern sie voran: "Sollen wir jetzt ein wenig rückwärts weitergehen? Oder du vorwärts und ich rückwärts. Das ideale Paar. Wie Dantes Verdammte, die Gesichter abgewandt, daß die Tränen über unsern Hintern fließen." In ihrer Verzweiflung brechen sie über die Verheißung des 145. Psalms, daß der Herr alle, die da fallen, erhält, in wildes Gelächter aus. Plötzlich läuft ihnen Jerry nach, ein Junge, der Dan auf dem Bahnhof ein Stück geführt hatte, und übergibt ihnen einen Kinderball oder irgend etwas, was Dan angeblich im Zug liegenließ. Der Junge weiß auch, warum die Verspätung entstand: weil ein kleines Kind aus dem Zug fiel. – Das Hörspiel variiert immerfort das Wort und den Vorgang "Fallen" – aber nicht im Sinne reifer Früchte, sondern des Fallens in Fehlgeburt und Tod.
11 P – U: 1956 BBC – DE: 1957 NDR – 80 Min. – Ü: Erika und Elmar Tophoven – Druck: Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1957 u. ö.
Henry, ein alter, einsamer Mann, läßt sich auf dem steinigen Strand nieder. Um das verhaßte Geräusch der See zu übertönen, spricht er zu sich selbst und noch zu einem andern Verlorenen: "Wer ist nun neben mir? Ein alter Mann, blind und blöd. – Mein Vater, zurück von den Toten, um bei mir zu sein." Doch der Vater, der einst an dieser Stelle beim Schwimmen ertrank, antwortet nicht. Henry spricht dennoch weiter mit ihm – von einer Geschichte, an der er zeitlebens memoriert, ohne jemals zu Ende zu kommen, Reste eines frühen Erlebnisses, dessen Fatalität sein Leben bestimmte, eine grausige Szene zweier Männer, Bolton und Holloway, am verglimmenden Kaminfeuer eines dunklen Zimmers im Winter: "Weiße Welt, große Not, kein Geräusch, nur die Aschenglut, Geräusch des Sterbens, sterbender Glut... " Wieder kommt er nicht weiter, obwohl er noch mehrmals ansetzt. Er erinnert sich, daß sein sportlicher Vater ihn einen Nichtsnutz nannte, ihn lieber tot wünschte, ähnlich wie Henry jetzt seine Tochter Addie verwünscht, Nun ruft Henry seine ebenfalls tote Frau Ada an, die sogar antwortet. Und obwohl sie ihn durch große Betulichkeit quält, läßt er sie dennoch nicht wieder gehen. Seine Einsamkeit zwingt ihn, mit irgend jemandem zu sprechen. Zwei Szenen tauchen auf: Die Klavier- und die Reitstunden Addies, die für beide Übungen gleichermaßen unbegabt scheint. Dann dringt die Erinnerung an eine Liebesszene mit Ada an diesem Strand in sein Bewußtsein; nicht minder grotesk, eine Beschwörung des Scheiterns. Ada erzählt ihm, Addie habe nach seinen Selbstgesprächen gefragt, Henry aber erwidert, Ada solle sagen, er "brülle Gebete zu Gott und seinen Heiligen". Schließlich ist Henry wieder allein. Vergeblich ruft er noch einmal den Vater; nur die Geschichte von Holloway und Bolton bleibt ihm. Holloway, vielleicht ein Arzt, fragt Bolton, warum er ihn rufen ließ und erhält keine Auskunft. Henrys Not, mit den wenigen Bruchstücken seiner Erinnerung gegen die allmächtige "Sprache" des Meeres anzukämpfen, ist ungeheuer. Am Ende weiß er, daß auch die kommenden Tage keine Veränderung bringen werden.
5 P – U: 1959 BBC – DE: 1959 SWF – 50 Min. – Ü: Erika und Elmar Tophoven – gedr. in Samuel Beckett, Dramatische Dichtungen, Bd. 2, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1964
Ein Mann (genauer gesagt eine Stimme, im Personenverzeichnis in äußerster Abstraktion ihrer Aufgabe "Worte" genannt) und ferner ein kleines Orchester, dessen Part durch Regieanweisungen bezeichnet wird, warten auf ihren Herrn. Mit einem denkbar schematisierten Vortrag über Trägheit bereitet sich "Worte" auf eins der möglichen Themen dieser Nacht vor. Das Stimmen der Instrumente wie auch jede weitere Aktion des Orchesters bereiten "Worte" große Qual. Dann schlurft der alte Krak heran und begrüßt seine "Treuen", die er Joe ("Worte") und Bob ("Musik") nennt. Er war aufgehalten worden, weil er auf der Treppe "das Gesicht" sah. Er gibt das Thema Liebe an, das "Worte" in dem gleichen Schema wie das Thema Trägheit durchführt. Mit Stößen seines Stocks fordert Krak "Bob" auf, seinen Teil dazu beizutragen. Als "Worte" beginnt, die Begriffe Liebe und Seele in rhetorischer Manier in Frage zu stellen, bittet Krak, das Thema Alter anzustimmen. "Worte" spricht zögernd ein Gedicht, die Musik intoniert taktweise und mit nachträglichen Verbesserungen die Melodie, auf die "Worte" seine Zeilen singen muß. Bei der Beschreibung einer weiblichen Person stöhnt Krak ängstlich: "Lily." Schließlich müht sich "Worte" – erst stückweise, später im Zusammenhang folgende Zeilen zu singen: "Dann hinab ein kleines Stück / durch den Dreck / dorthin, wo / alles schwarz kein Betteln / kein Geben kein Wort / kein Sinn keine Not / hinab ein kleines Stück / dahin, woher ein Schimmer / von jenem Urquell." Krak läßt den Stock fallen und schlurft davon. "Worte" bittet seufzend um mehr Musik.
2 P – U: 1962 BBC – DE: 1963 SDR/NDR – 25 Min. -Ü: Erika und Elmar Tophoven – AzM: zu dem Text gehört eine Musik von John Beckett, dem Vetter des Dichters – gedr. in Samuel Beckett, Dramatische Dichtungen, Bd. 2, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1964
Beherrschende Figur in diesem Hörspieltext ist der "Öffner". Er verfügt über zwei akustische "Kanäle", die er öffnet und schließt, gleichzeitig oder abwechselnd. Aus dem einen "Kanal" wird die "Stimme" hörbar, die sich ohne Unterlaß in abgerissenen, verzweifelten Sätzen bemüht, eine Geschichte zu Ende zu erzählen. Es ist die Geschichte eines Mannes namens Mißler, der – wie in einem Traum oder einer Vision – auf dem Weg von einer Hütte zum Meer ist, immer wieder fällt, sich jedoch, kurz bevor die "Stimme" ihn erreicht, wieder erhebt. Schließlich besteigt Mißler ein Boot und fährt, bäuchlings darin liegend, auf die See hinaus. Die "Stimme" kann die Geschichte, die offenbar ihre eigene und zugleich die des "Öffners" ist, nicht mit dem endgültigen Fall Mißlers abschließen, kann auch nicht mit Mißler zusammenfallen und endlich "schlafen". – Aus dem anderen "Kanal" ertönt Musik, ebenfalls ohne Unterbrechung. Der "Öffner" kommentiert sein Tun: "Was öffne ich? Man sagt, es ist in seinem Kopf... Ich protestiere nicht mehr, ich sage nicht mehr, es ist nichts in meinem Kopf. Ich öffne und schließe." Einen Augenblick scheint es, als sei Mißler, als er das Boot bestieg, endgültig gefallen, doch als der "Öffner" wiederum öffnet, spricht die "Stimme" immer noch notvoll von ihm weiter. Auch die Musik ist noch da, eine andere Form der Sprache, ohne Aufschluß, unaufhörlich, hilflos.
2 P – U: 1963 ORTF – DE: 1963 SDR/NDR – 20 Min. – Ü: Elmar Tophoven – AzM: die Musik der französischen Ursendung von Marcel Mihalovići, von Beckett autorisiert, wurde auch bei der DE verwendet – gedr. in Spectaculum. Texte moderner Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1963 u. ö.
Sein Vater war Anstreicher, später Gewerkschaftsführer. Auch Brendan wurde Anstreicher, nachdem er die Klosterschule hinter sich hatte. In der Zeit von 1939 bis 1946 war er mit kurzen Unterbrechungen als Bombenleger und Fluchthelfer patriotischer Freunde der IRA in Gefängnissen inhaftiert. Danach lebte er im Pariser Exil, wo sein Landsmann Samuel Beckett Einfluß auf ihn gewann. Als gefeierter Dichter kehrte er 1962 nach Irland zurück. Sein Leben wurde gleichwohl niemals bürgerlich, war vielmehr Ausdruck einer ungebärdigen Vitalität. Als Behan 1964 nach einem Alkoholexzeß in Dublin starb, verlor das europäische Theater mit ihm einen Dramatiker von faszinierender Hemmungslosigkeit und einen Tragikomiker jener unmenschlichen Drangsalierungen, die er in den Gefängnisjahren erlitten hatte. Umstrittene Aufführungen erlebten seine Stücke "Der Mann von morgen früh" (1956) und "Die Geisel" (1958), die beide im Gefängnis- und Bordellmilieu Dublins spielen. 1966 erschien sein Kriminalroman "Der Spinner", dem noch die Autobiographie "Borstal Boy" (1958) sowie ein Irlandbuch vorausgegangen waren.
Der dreihundertjährige, in Irland gelegene Herrensitz der Baldcocks ist der letzte in der Umgebung, den seine Besitzer noch nicht – aus Furcht vor Anschlägen der IRA, der irischen Freischärler – verlassen haben. Doch auch die Baldcocks, Engländer, die wie ihre Vorfahren seit Jahrhunderten auf Kosten der irischen Bevölkerung leben, können nicht mehr ruhig schlafen: Mitten in der Nacht schrecken sie durch eine Explosion auf, und bald darauf klopft ihr alter Butler Looney an die Tür und bittet um Nachtquartier für zwei Offiziere aus der soeben gesprengten Polizeikaserne. Während es sich Looney und die Polizisten gemütlich machen – draußen knattern Maschinengewehre –, überredet Mrs. Baldcock ihren Mann, Irland schleunigst zu verlassen und das Gut einem Pächter anzuvertrauen. – Der neue Pächter, ein Ire aus den Dubliner Slums namens Chuckles Genocky, und sein englischer Helfer aus ähnlichen Kreisen, Angel, sind nun Herren auf dem Gut. Die Baldcocks sind weit, Looney fürchtet um seine Zukunft, also haben die beiden Männer ihre Arbeit bald getan: sie verkaufen, was nicht niet- und nagelfest ist, Vieh, Pferde, Mobiliar, und lassen sogar die zentnerschwere Bleiverkleidung des Daches mit einem Lastauto abtransportieren. Einem Polizeiwachtmeister, der den Abbruch verhindern will, droht Chuckles mit Anzeige wegen Belästigung der probritischen Minderheit. So müssen die ohnehin gefährdeten britischen Ordnungshüter mit ansehen, wie die beiden Zuchthauskumpane das Haus zur Ruine machen. Mit einer ziemlich gemischten Horde, zu der auch zwei alte Weiber gehören, die deftig patriotische Lieder und Geschichten über ihre seligen Männer zum besten geben, feiern die Spitzbuben ausgiebig Abschied, bevor sie sich nach England absetzen. Bei der Zollabfertigung auf englischem Boden begegnen ihnen unerwartet die Baldcocks, die es zu ihrem irischen Besitz zurückzieht. Angel gibt Chuckles geistesgegenwärtig als französischen Professor aus und ruft eine Verblüffung hervor, in der er sich mit ihm aus dem Staube machen kann. Das erste und letzte Wort im Hörspiel hat das Haus selbst, das seiner einstigen – wenn auch gestohlenen – Würde nachtrauert.
10 P, etwa 15 NP – U: 1958 RE, Dublin – DE: 1959 NDR – 60 Min. – Ü: Annemarie und Heinrich Böll – ungedruckt
Pfarrerssohn, Universität Stockholm, gleichzeitig und danach Regieassistenz und erste Theaterregie. Seit 1940 ist Bergman nacheinander Theaterdirektor in Helsingborg, Göteborg, Malmö und dann, seit 1963, Chef des königlichen Theaters in Stockholm. Ebenso steil führt ihn die Filmlaufbahn bergan, seit er 1945 seinen ersten Film drehte. Von den mehr als fünfundzwanzig Titeln sind zahlreiche jedermann bekannt – angefangen von "Gefängnis" über "Einen Sommer lang" und "Wilde Erdbeeren" bis "Schweigen". Weniger bekannt ist, daß der Autor auch Theaterstücke und Hörspiele schrieb. Doch kommt seine Bedeutung für das Hörspiel der für den Film nicht gleich. Wichtige Hörspieltexte außer dem referierten: "Wandmalerei" (1965 – ein gotisches Wandbild in einer Kirche, auf dem Hexenverbrennungen und Pestnöte dargestellt sind, gewinnt Leben) und "Mir zum Schrecken" (1967 – die tragische Kontaktlosigkeit eines Mannes, der zum Nihilisten und Zweifler wurde).
Joachim, der Ich-Erzähler in diesem Hörspiel, das seine Herkunft von einem Filmregisseur nicht verleugnet, Joachim fragt sich, wo er ist, als er die Stadt betritt, die er später "Stadt der Vergangenheit" nennt. In der Tat: die Übergänge zwischen wirklichen und psychischen Vorgängen scheinen hier verwischt, Erinnerungen, bewußte und unterbewußte Seeleninhalte hier lokalisiert. Des Erzählers Haus, einst selbst erbaut, liegt in Trümmern, die ganze Stadt ist Ruine. Von einem Barkellner erfährt Joachim, daß Anna Schalter am nächsten Tag durch den Strang hingerichtet werden soll. Noch ehe klar ist, in welcher Beziehung der Erzähler zu ihr gestanden hat, kommt er mit einem Pfarrer ins Gespräch, dem er vorwirft, die religiöse Erneuerung nach den Katastrophen durch nette Phrasen, d. h. durch ein Weltbild, das einer "bewunderungswürdigen Besserungsanstalt" glich, verhindert zu haben. Auf der Straße sind Arbeiter dabei, die tiefen Risse, die sich immer wieder auftun, fortwährend zu flicken. Überall unter der Stadt sollen Kanäle sein, die mit Gruben verbunden sind, deren rücksichtslose Ausbeutung einstmals das Aufblühen des Gemeinwesens bewirkte; jetzt aber stehen sie unter Wasser, das vom Meer hereinbrach. – Irgendwo auf seinem Weg trifft Joachim Marie, eine Schauspielerin, mit der er einmal zärtlich verbunden war. Sie verabreden sich für den Abend. Ein bleicher, magerer Unbekannter bittet ihn, als er weitergeht, um Feuer und stellt sich als Oliver Mortis, Getreidehändler, vor, später als der Tod. Er prophezeit Joachim, der sich vor die Alternative gestellt sieht, sein Haus ganz abzureißen oder es auszubessern und weiter darin zu leben, daß er einen dritten Weg einschlagen werde: den des Selbstmords. Ein Datum nennt er allerdings nicht. Mortis, in einer seiner Funktionen auch Henker, führt danach Joachim zu Anna Schalter ins Gefängnis. Mit ihr setzt Joachim sich über die Schuld auseinander, über seine und ihre. Denn Anna ist seine Frau. Als er sie vor Jahresfrist verließ, hat sie drei ihrer vier Kinder umgebracht. Das Mißverhältnis in ihrer Zuneigung – er konnte Annas Liebe nicht so, wie sie erwartete, erwidern – hatte zu Lügen, Betrug, Zank und schließlich zu Gleichgültigkeit geführt. Jetzt, als man den quälenden Phasen dieser Ehe noch einmal nachgeht, ist man bereit, sich gegenseitig zu verzeihen. Doch dann, im jähen Umschlag, bricht plötzlich Haß aus, und man verletzt sich so, daß der Abschied leichtfällt. Joachim gerät in die Nähe der Gruben, wo ihm der Pumpenwart von Visionen berichtet – Bosch könnte sie gemalt haben –, die er vor Beginn des Untergangs der Stadt gehabt hat. Joachim drängt es weiter in die Kindheit zurück zu seiner Großmutter. Bei ihr findet er nicht nur die Puppen und Szenen seiner Jugend, auch die Puppen dieses Spiels: Anna, Marie, Mortis und den Pumpenwart. Am Ende, während alle Abschied nehmen, ertönen Detonationen. Die Stadt wird gesprengt. Joachim geht zum Fluß, wo er auf einer kleinen Insel das Ansteigen der schwarzen Fluten erwartet.
7 P, 2 NP – U: 1951 SR, Stockholm – DE: 1965 HR – 70 Min. – Ü: Tabitha von Bonin – ungedruckt
Ukrainisch-jüdischer Abstammung, begann als Schauspieler und Assistent an Provinzbühnen. Für sein erstes abendfüllendes Theaterstück, "Die Wolke" (1964), erhielt er ein Stipendium des Arts Council. Weitere "absurde" Stücke, die z. T. erst als Hörspiel, später auch als Theaterstück oder Fernsehspiel liefen – gelegentlich auch umgekehrt – sind: "No Quarter" (1962, dt.: "Unruhige Nacht"), "Nathan und Tabileth" (1963, dt. 1965), "The Situation" (1964, dt.: "Die Stelle") u. a. Außer Funk- und Fernseharbeiten bzw. Filmdrehbüchern realisierte Bermange vor allem vier aufsehenerregende akustische Experimente "Inventions": auf Tonband aufgezeichnete Interviews zu vier Themen – Träume, Gottesvorstellungen, das Leben nach dem Tode und das Alter – werden in diffiziler Montagetechnik in winzige Partikel und Fragmente zerlegt und nach musikalischen Gesichtspunkten mit elektronischer Musik zu neuen Einheiten kombiniert. Verschiedene deutsche Rundfunkanstalten strahlten einzelne dieser "Inventions" im Original aus.
Eine absurde Modellsituation: Trotz zwanzigjähriger Betriebszugehörigkeit ist ein älterer Angestellter in den letzten zwei Monaten achtmal von einem Zimmer ins andere und von einem Stockwerk ins nächsttieferliegende versetzt worden. Und nie hat man ihm Gründe für diese Maßnahme genannt! Auch jetzt, nachdem er in einem fensterlosen Souterrainraum gelandet ist, verwahrt sich sein "Führer" gegen den Verdacht des Verzweifelten, es handle sich um eine Schikane aus persönlicher Rachsucht; alles sei Teil eines höheren Organisationsplans. Doch langsam verliert der Geplagte Mut, Orientierung und Sicherheit. Man sagt ihm, seine Möbel seien unterwegs, und in den Zimmern nebenan warteten sein Assistent und seine Sekretärin. Der Führer schmeichelt dem Hilflosen, ein Mann seines Charakters könne nicht ernsthaft an absurde, geradezu gespenstische Machenschaften glauben; alles komme nur auf die Perspektive an. Doch der Arme ist kaum ein wenig beruhigt und der Führer gegangen, als das Telefon läutet. Es meldet sich zwar niemand, dafür aber kommt ein Besucher herein – auf der Suche nach dem Büroinhaber, der jedoch wohl nicht der eben Eingezogene ist. In einem dialektischen Gespräch wird der Unsichere dann noch unsicherer gemacht: Sekretärin und Assistent erweisen sich als nebenan nicht vorhanden. – Als der Besuch gegangen ist, wiederholt sich die Szene mit einem weiteren Besucher, der den Mann geradezu glücklich preist: der Umzug sei ein eindeutiger Beweis für seine Beförderung. Doch da der Umhergestoßene gesteht, er habe nur mit Einschränkungen Vertrauen zu diesem Optimismus, ändert der Besucher sein Verhalten und verstärkt die Not und den Zweifel des armen Opfers gleichfalls. Und als der Verzweifelte endlich wieder allein ist und aufatmen will, erscheint der Führer, um ihn erneut umzuquartieren. Auch im neuen Zimmer klingelt übrigens gleich das Telefon.
4 P – U: 1964 BBC – DE: 1965 SDR – 55 Min. – Ü: Ruth und Hanns A. Hammelmann – ungedruckt
Jurist, war an leitenden Stellen im belgischen Arbeitsministerium, in der Sozialfürsorge und der Féderation du Travail tätig. Für seine dichterischen Arbeiten erhielt er mehrere belgische Preise. U. a. schrieb er ein Don-Juan-Schauspiel. Außerhalb seines Landes ist er wenig bekannt. Sein Hörspiel "Christoph Columbus" wurde mit dem Prix Italia 1953 ausgezeichnet.
Die Entdeckungsfahrt des Columbus, dargestellt in gebundener Sprache, z. T. mit Chören. Auf der einen Spielebene, die der Autor die dramatische nennt, geschieht die eigentliche Handlung, die Auseinandersetzung des Admirals mit seinen Kapitänen, dem Schiffskaplan und seinem Günstling Quintanilla, auf einer zweiten kommt die Mannschaft zu Wort. Nach vierunddreißig Tagen Ankerzeit vor den Kanarischen Inseln läuft die kleine Flotte zu den Gestaden Indiens aus. Columbus hat den Kapitänen der beiden Begleitschiffe noch einmal die Umkehr freigestellt; segeln sie jedoch mit ihm weiter, sind sie zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet. Als dann der Zeitplan überschritten wird, drängt die Mannschaft auf Umkehr, aber auch die beiden Kapitäne und der Schiffskaplan setzen die Weiterfahrt mit einer Herausforderung Gottes gleich. Columbus erteilt seinem Ersten Offizier Quintanilla in einem verschlossenen Brief die Vollmacht, das Unternehmen zu Ende zu führen, falls ihm selbst etwas zustoßen sollte. Die Mannschaft versucht einen Aufstand, aus einem Chor der Angst erwächst der verzweifelte Entschluß, den Admiral mit Gewalt zur Umkehr zu zwingen. Dann stellen ihn drei Matrosen in seiner Kabine. Nur ein Zufall rettet ihn: Quintanilla bringt einen toten Vogel. Columbus deutet das als sicheres Zeichen, daß Land in der Nähe sein müsse. Als der Kaplan den Admiral zur Beichte zwingt, bekennt er auf den Knien den Glauben, daß Gott ihn persönlich ausersehen habe, Sein Werk zu vollenden und Seinen Willen gegen jeden Widerstand zu vollziehen. Der Mannschaft wird bei Todesstrafe untersagt, Heimatlieder zu singen und von Spanien zu reden, die Gitarren werden konfisziert. Um den Hochmut des Admirals zu brechen, zettelt der Kaplan eine Verschwörung an. Columbus aber hat durch ein Geheimfenster die Gespräche der Verschwörer mitgehört. Nun weiß er, daß er endgültig allein, nur auf sich selbst angewiesen ist. Da sieht er durch das Bullauge ein Licht: Land! Er sagt: "Mein ganzes Leben ist in dieser einen Minute enthalten. Seit einer Minute ist aus dem Narren Columbus der Mann Gottes geworden..."
5 P, 5 NP, CH – U: 1953 RTB – DE: 1954 BR/RIAS – 80 Min. – Ü: Hellmut von Cube – ungedruckt
Studierte in Ostberlin Germanistik. Veröffentlichte u. a. den in beiden Teilen Deutschlands gedruckten Roman "Bonifaz oder Der Matrose in der Flasche" und eine Anzahl Hörspiele. Von Ostberlin siedelte er mit seiner tschechischen Frau nach Prag über und erwarb die tschechische Staatsbürgerschaft. Im August 1968 verlegte er vorläufig seinen Wohnsitz in die Nähe von München. Zuletzt erschienen in Westdeutschland der Erzählband "Der junge Roth" (1968) und weitere Hörspiele.
Ein Erzähler verfolgt die Geschichte eines Klaviers in die Vergangenheit zurück. Zuerst führt er den Hörer in die Szene hinein, mit der die Geschichte des Instruments vorläufig endet: Herr Denger, Fahrer der Linie Zwei, wie man später erfährt, erscheint als Nachzügler zu einer bereits beendeten Auktion, bei der das Klavier mangels Interessenten stehengeblieben ist. Aus Lust am Ersteigern treibt Denger selbst sein einsames Angebot von 200 auf 250 Mark. – Danach interviewt der Erzähler nacheinander die Vorbesitzer des Klaviers. Zuerst die eben verstorbene Klavierlehrerin Schwaedt, der das Instrument eines Tages, wie sie meint, von einem Engel vor die Tür gestellt wurde. Sie hält es für dasselbe, auf dem sie bereits in ihrem Elternhaus geübt hat, doch ihr Klavierstimmer Maybaum weiß, daß dies nur eine freundliche Illusion ist. Außerdem hat kein Engel, sondern ihr ehemaliger Schüler Werner mit Freunden aus dem Jugendklub das Klavier heimlich angeliefert. Werner brauchte seinerzeit, um Zulassung zum Studium zu erhalten, parteiamtliche Bescheinigungen über sozialistische Aktivität, deshalb hatte er bei besagtem Jugendklub als Pianist getingelt. Im Jugendklub aber wurde das Klavier eines Tages überflüssig, da die Partei einen Flügel stiftete. Der Jugendklub hatte das Klavier zuvor von einem Herrn Schelch übernommen, der es aufgrund eines verrückten Einfalls während einer Herrenpartie als Mitbringsel für seine Frau erwarb; sie konnte ebensowenig spielen wie er, als er es (man schrieb 1950) eingepackt auf der Diele beim Bauern Otto stehen sah. Otto hatte es übrigens 1946 für einen Schinken von einer Kabarettsängerin in spe erhalten; sie bekam zwar nie eine für ihren Beruf ausreichende Stimme, wohl aber von ihrem eigensüchtigen Lehrer und Manager ein Kind, so daß sie unbedingt etwas Nahrhaftes brauchte. Die junge Dame ihrerseits hatte das Klavier 1945 mit einigen tatkräftigen Freunden aus dem ersten Stock einer Ruine heruntergeholt, wo es in einem, beim Einsturz halbierten Zimmer gleichsam trauernd an einer heilgebliebenen Wand stand. Der Vorbesitzer, ein inzwischen verstorbener Buchhändler, der mit der jungen Dame nach dem Krieg Steine geklopft hatte, überließ ihr das Klavier, er hatte an dem einstigen Hochzeitsgeschenk seiner Eltern kein Interesse mehr.
11 P – U: 1962 DDR – 45 Min. – gedr. in Manfred Bieler, Drei Rosen aus Papier, Leipzig 1966
Ein Zwei-Personen-Hörspiel, das außer inneren Vorgängen fast keine Handlung enthält. Arno, zweiunddreißig und saturierter Abteilungsleiter, hat die achtzehnjährige Janne, die in der gleichen Firma, doch nicht in seinem Büro arbeitet, in sein ziemlich komfortables Wochenendhaus mitgenommen. Gleich bei Ankunft mit dem Bus hat er ihr an einer Rummelbude drei Papierrosen geschossen. Janne aber hat die Trophäen an einer Wegkreuzung deponiert – zur Orientierung für ihren Freund, der angeblich nachkommt, den es jedoch, wie sich später herausstellt, gar nicht gibt. – Es geht dem Autor darum, das Gespräch zu zeigen, das die beiden an Alter und Erfahrung so ungleichen Menschen nun in der etwas beklemmenden Abgeschiedenheit jenes Wochenendhauses und der stummen Seelandschaft ringsum führen. Arno will natürlich zudringlich werden: erfolglos. Er erzählt, um zu imponieren, etwas sentimental Erlebnisse aus schwereren Zeiten, die Janne nicht kennt. Er bringt Bilder, die er gemalt hat und auf denen u. a. immer wieder eine Leiter dargestellt ist: Symbol, wie es scheint, für die Nachbarschaft von Glück und Tod, Absturz und Aufstieg in himmlische Freuden. Er berichtet auch von seiner kurzen, längst nicht mehr bestehenden Ehe. Janne beweist in einer Art freilich nur ironisch-theoretischen Ehe-Spiels mit Arno, daß ihre Vorstellungen frei von falscher Romantik sind. Sie erzählt ihren imaginären Kindern ein Märchen, aus dem hervorgeht, daß nur Tätigkeit, vor allem Tätigkeit für andere, Glück bedeutet. Durch die unbefangene Naivität ihres Verhältnisses zur Welt und zu den Menschen bleibt sie dem älteren Mann immer überlegen. Am Ende gesteht Arno beschämt, daß man mit zweiunddreißig zwar vielleicht ein bißchen mehr übersehen kann als eine Achtzehnjährige, daß man aber auch Fett angesetzt und daß er sich wie ein "Provinz-Casanova" benommen hat. Janne aber schämt sich, weil ihre inzwischen aufgedeckte Erfindung von dem nachkommenden Freund dumm gewesen sei. Und so konstatieren schließlich beide, ehe Janne Arno mit dem letzten Omnibus verläßt, es komme ihnen vor, "als hätten wir mit dem Ende der Geschichte angefangen". Man kann vermuten, daß die beiden nun, wenn sie sich wiedersehen, sorgsam von vorn anfangen werden und daß an die Stelle konventioneller und trivialer Zudringlichkeit bei ihnen Behutsamkeit und Respekt vor dem anderen treten werden.
2 P – U: 1963 DDR – 50 Min. – gedr. in Manfred Bieler, Drei Rosen aus Papier, Leipzig 1966
Die Elefanteninsel ist Symbol der Schuld dreier Männer am Rande der Polarzone auf Finn-Island. Von der Elefanteninsel waren sie – der Geologe Sir Edmond und die Matrosen Maple und Clyme – als freiwilliger Rettungstrupp zusammen mit Kapitän Hamilton im letzten Boot der Schiffbrüchigen des Südpol-Expeditionsschiffes "Katrin" aufgebrochen und hatten halbtot Finn-Island erreicht. Am Morgen darauf, noch steifgefroren, hatte Maple in Panik und Todesangst den Kapitän umgebracht – in dem Glauben, er werde sie sonst zwingen, mit viel zu kleinen Booten wieder in See zu stechen, um die elf verbliebenen Kameraden zu retten. Sir Edmond und Clyme hatten vorgegeben, nicht mit dem Sextanten umgehen zu können, und damit die navigatorische Leitung des Unternehmens abgelehnt. Unter dem Druck der gemeinsamen Gewissensschuld wird das Verhältnis der drei in der Hütte nunmehr außerordentlich gespannt. Clyme will sich entziehen, indem er mit dem Verwalter der Insel, Grovenor, eine Reise unternimmt, von der er vermutlich nicht wieder zurückkehren wird. Sir Edmond aber inszeniert, bevor dies geschieht, mit Grovenor als Gerichtsvorsitzendem und Clyme als Verteidiger einen Mordprozeß gegen Maple. Er hofft, damit das moralische Gleichgewicht wiederherzustellen. Als anschauliches Bild dafür dient ihm die Vorstellung vom "Meta-Zentrum, welches jener Punkt auf der senkrechten Mittelachse eines Schiffes ist, den die als Linie gedachte Auftriebskraft der verdrängten Wassermenge schneidet. Liegt das Meta-Zentrum höher als der Gewichtsschwerpunkt, kentert das Schiff nicht." In Wirklichkeit will Sir Edmond offensichtlich alle Schuld auf Maple abwälzen, der somit stellvertretend für die anderen beiden das Opfer der "reinigenden Gerechtigkeit" wird, obwohl er nur deren geheimsten Wunsch erfüllte. Maple selbst nimmt die Schuld auf sich und gelangt so in die moralisch überlegene Position der Wahrhaftigkeit. Er gibt zu, daß Existenzangst ihn zur Tat trieb und ruft dafür Wind, Meer und Eis als Zeugen auf. Grovenor, der als Unbeteiligter die Funktion des Richters hat, fällt, wenn auch unter Zögern, das Todesurteil, womit er in die Schuldverstrickung einbezogen wird. Denn Clyme vollstreckt das Urteil unmittelbar nach dem Spruch. – "Es ist eine Gerichtsverhandlung, bei der alle Teilhabenden froh und erlöst sind, sogar der Angeklagte, endlich einen Schuldigen gefunden zu haben, dem ein gemeinsames Verbrechen, ein gemeinsames Schweigen aufgebürdet werden kann, also das alte Thema von kollektiver Schuld und einzelner Verantwortung" (Bieler).
4 P – U: 1967 NDR/SR – 50 Min. – ungedruckt
Der greise Diktator eines totalitären Modellstaats, den der Personenkult anheimelnd "Vater und Lehrer" tituliert, ist über den Sitzungsprotokollen der Nationalkammer eingeschlummert. Dezent weckt ihn der Sekretär und versucht, den genießerisch-müde mit Rücktrittsgedanken spielenden Potentaten pflichtschuldigst zu erheitern. Doch was er auch vorschlägt – Massage, Tennis, Jagd, Oper oder Ballett –, nichts reizt Vater und Lehrer. Der Epikureer der Macht braucht stärkere Mittel. Vielleicht kann er bei einem Besuch im Zuchthaus, wo politische Feinde und ehemalige Freunde aufbewahrt werden, durch den Genuß seiner Überlegenheit Kraft schöpfen. Kaum ist die Idee geäußert, als die Telefone der Sicherheitsorgane zu spielen beginnen: Vater und Lehrer fährt in fabelhafter Stille, da die Zufahrtsstraßen polizeilich leergefegt sind, zur Burg seiner Allmacht. Im Zuchthaus, hinter einer Glaswand, durch die er alles sieht, ohne selbst gesehen zu werden, werden ihm "tote Männer, die noch am Leben sind", vorgeführt und müssen ihre Geschichte erzählen. Bombenwerfer, wirkliche und ideelle, passieren Revue. Der erste war parteiamtlich gedungen und mit total unbrauchbarer Bombe planmäßig festgenommen worden, um die Popularität von Vater und Lehrer anzuheizen. Als nächster naht ein Staatspoet, Funktionsmitglied des Schriftstellerverbandes, dessen Verbrechen darin bestand, in seinen gereimten Epilogen auf Vater und Lehrer beim Tugendkatalog Barmherzigkeit und Güte vergessen zu haben. Es folgt der jetzt blutarme, einst blutrünstige ehemalige Staatssicherheitschef; hinter den dicken Mauern zittert er permanent vor Kälte, weil man ihm die Strickweste versagt, die er früher unterm Hemd trug. Den dramatischen Höhepunkt der Vorstellung schafft der ständig hochtourig schimpfende Ideologe und Staatsverbesserer Gira, der den flüchtigen Gedanken eines Sommertages abbüßt, auch die Gegenseite könne ihr Gutes haben. Zum Schluß treten vier Erzähler politischer Witze auf, die ihre Kunst hierherbrachte. Jetzt beschert sie ihnen durch den Mund von Vater und Lehrer noch drei weitere Zuchthausjahre. Sie vernehmen’s und halten’s für den weitaus besten Witz des Tages. Durch den Anblick so totaler Ohnmacht erfrischt, begibt sich Vater und Lehrer mit frohem Selbstbewußtsein wieder an seine verantwortungsvollen Dienstgeschäfte.
5 P, 10 NP – U: 1968 NDR/SFB/SR – 45 Min. – gedr. in Hörspiele. Texte und Informationen, Hannover: Hermann Schrödel 1969
Nach humanistischem Abitur studierte der Pfarrerssohn in Berlin Jura und Philosophie und schrieb feuilletonistische Arbeiten in der "Vossischen Zeitung", im "Berliner Tageblatt" und im "Querschnitt". Ab 1930 war Bock freier Schriftsteller – mit zwei Unterbrechungen: 1938/39 Dramaturg der Tobis-Filmkunst und 1944/45 Soldat. Lebt als Funk- und Fernsehautor in Hamburg. – Bocks erste Hörspiele wurden 1932 von Harald Braun in der "Berliner Funkstunde" gesendet, nach 1945 war er einer der meistgespielten deutschen Hörspielautoren. Außer den referierten Stücken sind aus dem rund fünfzig Titel umfassenden Hörspielwerk noch zu nennen: "Tödliche Rechnung" (1948), "Ein Mann wie Hiob" (1949), "Vier Jahre und ein Tag" und "Kain lebt" (1951), "Seltsames Verhör" (1951). Zwischen 1951 und 1953 schrieb Bock zusammen mit Herbert Reinecker (s. d.) eine im In- und Ausland vielgesendete Serie heiterer Hörspiele.
Ein Erzähler betrachtet, am Fenster stehend, über die nächtliche Straße hinweg das Mietshaus gegenüber, in dem Lichter an- und ausgehen. Natürlich weiß man nicht, was dort geschieht, doch "eigentlich ist es auch besser, sich alles nur vorzustellen". Und nun folgen eingeblendete Szenen: Eheleute, schlaflos vor Lebensangst, weil der Mann seine Stellung verloren hat, wobei die Frau aber tapfer zu sein verspricht. Zwei vom Wohnungsamt und vom Schicksal aus Stettin und Köln in ein gemeinsames Zimmer verpflanzte ältere Frauen, die einander hassen und doch wissen, daß sie auf gegenseitige Geduld angewiesen sind. Ein junger Mann, der lebensnotwendig 300 Mark braucht und dem sein Bruder gegen das Versprechen, "die Finger von dem Mädchen zu lassen", das viele Geld vom Vater "einfach auf Vertrauen" besorgt. Ein angetrunkener Optimist, der von einem "Gesellschaftsspiel" erzählt, das "Wie begehe ich am angenehmsten Selbstmord?" heißt, und der davon als von einem "europäischen Thema" spricht. Die kranke fünfundsiebzigjährige Oma, die unbedingt weiterleben will, weil der bloß siebzigjährige Opa noch zu unselbständig ist. Ein junges Mädchen, das unerlaubt spät heimkommt und das ihr vierzehnjähriger Bruder unter Verzicht auf die Vorteile, die er sich eigentlich für seine Diskretion errechnet hatte, vor dem Zorn der Eltern schützt. Ein Fräulein, das sich aus Gewitterangst ins benachbarte Schlafzimmer eines Junggesellen flüchtet, wobei der Junggeselle, gerührt durch ihre notvollen Reminiszenzen an Bombennächte, ihre Lage nicht mißbraucht. Eine hysterische Schwätzerin, die ihren müden Mann trotz größten Eifers nicht dazu bringt, sich ihre Klatschgeschichten anzuhören. Eine Mutter, die in dem Wahn lebt, ihre Mitmieterin unterschlüge ihr ständig die Feldpost ihres Sohnes, der doch schon vor langen Jahren gefallen ist. Das Telefonat einer Frau, die ihre eigene und die allgemeine wilde Lebensgier auf eine Art epidemischen "Gehirntumor" zurückführt. Schließlich die Portiersleute, die einen Krankenwagen anrufen mußten, um jene Frau abzuholen, die angeblich die Feldpostbriefe unterschlagen haben soll; die wahnsinnige Mutter hat sie mit der Schere verletzt. Ganz am Ende tritt schließlich der "Optimist" noch einmal auf und redet etwas, was sich "von selbst versteht": Das Leben ist keineswegs ein Dreck, sondern eine wunderbare Sache, eine phantastische Angelegenheit – "meinetwegen sogar Wanzen, Küchenschaben, ganz egal". – Bock, der vorwiegend als Unterhaltungsschriftsteller gilt, hat mit diesem Hörspiel ein nicht nur zeittypisches, sondern sehr poetisches Werk geschrieben, eindrucksvoll durch das Vertrauen des Autors auf das Menschliche in den Menschen.
26 P – U: 1951 SDR – 65 Min. – gedr. in Hörspielbuch III, Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt 1952
Die folgenden drei Funkkomödien schrieben Christian Bock und Herbert Reinecker (s. d.) – zeitweilig unter dem Pseudonym Herbert Dührkop – gemeinsam:
Cäsar Bienert, Vertreter in Büroartikeln, entdeckt im D-Zug, daß sein Gegenüber, dem versehentlich das Hosenbein hochrutscht, einen Pferdefuß hat. Bienert beruft sich darauf, daß er vom Land stammt und weiß, wie Pferdefüße aussehen. Dennoch kann er den Schaffner nicht bewegen einzuschreiten: der Mann hat eine gültige Fahrkarte. Ähnlich geht es bei längerem Halt mit der Bahnpolizei. Bienert beteuert: "Solange die Welt steht, hat es noch nie solche Chance gegeben... Stellen Sie sich vor: das Böse unter Kontrolle, es wird verschwinden für immer... Heute sechs Uhr dreißig, das werden die Kinder in den Schulen auswendig lernen!" Doch der mysteriöse Reisende hat ordnungsgemäße Papiere auf den Namen Dr. Lutz Meyer; es ist nichts zu machen. Sogar als eine Dame, die sich aus purer Neugier neben den Teufel setzt, einem Herzschlag erliegt, geschieht nichts; Dr. Meyer ruft selbst nach einem Arzt. – Da der inkriminierte Fahrgast bald aussteigt, folgt ihm Bienert unter Hintansetzung all seiner geschäftlichen Aufträge. Er erklärt die Sache dem Bürgermeister der betreffenden Stadt, der ihn lässig an die geistliche Behörde verweist und dann an den Pfarrer. Man bedenke: der Teufel im Hotel zum Löwen! Doch der Pfarrer zitiert nur die Bibel. Von einem Pferdefuß ist darin nirgends die Rede, und daß der Teufel "wie ein Löwe" schreite, sei bloß bildlich gemeint. Trotz des eindrucksvollen Arguments mit Luthers Tintenfaß ist Bienert weiter auf Selbsthilfe angewiesen. Alle vernünftigen Menschen halten ihn längst für verrückt. Nach und nach wird man Zeuge, wie Lutz Meyer aus einem Hotel gewaltsam eine Spielhölle machen will (damit "in das idyllische Städtchen... mal ein bißchen Bewegung kommt und die Leute nicht sonntags in die Kirche laufen") und wie er später einen verkrachten Apotheker zum Rauschgifthandel zwingt. Außerdem wird auf den lauernden Bienert ein Anschlag verübt; er wird von einem herabfallenden Kronleuchter im Frühstückssaal des Hotels um ein Haar getötet. – Nun alarmiert der Verfolger die Presse, bewirkt bei einer unerschrockenen Revolver-Illustrierten einen "Tatsachenbericht". Erfolg: Lutz Meyers Rechtsanwalt droht ihm mit einer Verleumdungsklage, falls er nicht sofort eine Ehrenerklärung unterschreibt. Unter dem Druck seiner Frau, die bald nichts mehr zu beißen hat, nimmt Bienert alles zurück: "Eigentlich war es gar nicht der Teufel, gegen den ich gekämpft habe, eigentlich war es nur diese wahnsinnige Gleichgültigkeit der Leute... Es ist ihnen tatsächlich egal, ob sie eines Tages vom Teufel geholt werden."
Etwa 25 P – U: 1951 NWDR-Hamburg – 50 Min. – ungedruckt
Regierungsrat Naumann, Witwer mit vier sehr temperamentvollen Kindern, kann, obwohl selbst Leiter des Arbeitsamts, keine Hausgehilfin finden; findet er eine, läuft sie wegen des Kindertrubels sofort wieder weg. Der Regierungsrat wagt schon nicht mehr, seinen Bedarf übers Arbeitsamt zu decken. Lieber gibt er eine Anzeige auf. Gleichzeitig sind die Kinder, die unter den Sorgen des Vaters und unter den zahllosen Scherben beim Abwasch nicht minder leiden, auf die Idee gekommen, eine Heiratsanzeige für den Vater einzurücken; es muß endlich wieder wie bei Lebzeiten der Mutter werden! – Anfangs besuchen die Kinder die Bewerberinnen, die sich brieflich melden, in deren Wohnungen. Doch dann bestellen sie sie zu sich nach Hause, wo sie sie in einen Sessel nötigen, der so günstig aufgestellt ist, daß alle vier Geschwister die Damen durchs Schlüsselloch begutachten können. Leider fallen alle Gutachten negativ aus – bis auf das über ein gewisses Fräulein Helwig. Doch gerade diese ist auf Vaters Anzeige gekommen, und Tom, der Jüngste, grault sie gleich wieder hinaus, ehe man sie festhalten kann. Kurz darauf kommt unversehens der Vater nach Hause und auf die Anzeige der Kinder hin noch ein Fräulein Martini. Der Regierungsrat ist in einer verteufelten Situation, als er sie arglos für eine Hausgehilfin hält. Andererseits hat die Martini gute Gelegenheit, den verlegenen Mann zu umgarnen. Die erschrockenen Kinder, die nur noch an Fräulein Helwig denken, erfinden eine Intrige nach der andern, damit Vater und die Martini einander nicht zu nahe kommen. Gleichzeitig suchen und finden sie Fräulein Helwig wieder und geben nicht Ruhe, bis sie bei ihnen Hausgehilfin ist. Zuletzt gelingt es Tom, der sich diesmal äußerst geschickt anstellt, den Vater bei einem Besuch der Martini in Schrecken zu setzen, indem er den unauffindbaren Ausreißer spielt. Da die Martini gleichgültig bleibt, durchschaut der Vater nun den Egoismus dieser Person. Danach aber ist es bis zur Hochzeit mit Fräulein Helwig nicht mehr weit. Ulla sagt während des Orgelspiels gerührt: "Schön, wenn man sieht, wie so Eltern heiraten."
16 P, davon 4 Kinder – U: 1951 NWDR-Hamburg – 60 Min. – gedr. in Hörspielbuch, Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt 1953 u. ö.
Gemüsehändler Kroff ist mit vierhundert Mark zum Erwerb einer dringend nötigen Registrierkasse von zu Hause fortgegangen, als Besitzer eines Karussells mit Elefanten und Schwänen kehrt er zurück. Es war eine fabelhafte Gelegenheit, großzügig will er es seinen und allen Kindern zum Umsonstfahren überlassen. Doch leider findet er bei seiner allzu sachlichen Frau keine Gegenliebe: ihr Versuch, den Kauf rückgängig zu machen, scheitert zwar, bald aber wird die Rechnung präsentiert. Auf der Habenseite nur die Begeisterung der Kinder. Die Sollseite dagegen wiegt schwer: Zorn der Nachbarn und des Hauswirts, Rückgang des Gemüsegeschäfts, polizeiliche Anzeigen, Forderungen auf Standgeld, Handwerkslohn für Kabel und Stromgeld und nahezu unerfüllbare Formalitäten wie Gewerbeanmeldung, Genehmigung des Bezirksamts und baupolizeiliche Abnahme. Was Dr. Brand, der Arzt von nebenan, vorausgesagt hat, trifft zu, Idealisten und Verrückte kann die Öffentlichkeit meist nicht unterscheiden: "Jeder, der etwas anderes tut als die andern, wird es irgendwie bezahlen, Sokrates mußte den Giftbecher trinken, Napoleon auf die Insel Elba, wer weiß, wohin der Gemüsehändler Kroff noch muß!" Vorerst einmal kommt er wegen Beleidigung und Verkehrsgefährdung vor Gericht, weil er auf einer von den Kindern zusammengetrommelten Massen-Protestversammlung im Park notgedrungen hat reden müssen. Selbst als er schließlich das Karussell dem Magistrat schenken will, bleibt er erfolglos; die Stadt hat für derlei Spielereien keinen Etat, die Welt der Erwachsenen ist wirklich "miesepetrig", wie Kroff sagt. Doch dann veranstalten, damit die Sache am Ende noch gut ausgeht, die Stadtväter eine Geldsammlung unter den Honoratioren, und der weitere Betrieb des Karussells wird trotz allem gesichert.
26 P, davon 6 Kinder – U: 1952 NWDR-Hamburg – 55 Min. – Druck: Lübeck: Matthiesen 1964
Sohn eines Kopenhagener Universitätsprofessors, debütierte 1958 mit dem Roman "De lyse naetters tid", dem inzwischen weitere Prosabände folgten. Bodelsen ist einer der eifrigsten Teilnehmer am literarischen Leben Dänemarks und seinen Debatten und schreibt in vielen Kopenhagener Tageszeitungen. "A Hard Day’s Night", sein erstes Hörspiel, erhielt 1967 den Prix Italia.
Henrik ist überraschend Prokurist geworden. Seine Frau Susanne ruft gleich Birgit und Lars an, der Henriks Kollege und Freund ist, und man improvisiert mit bescheidenen Mitteln in Henriks und Susannes kleiner Wohnung eine Party zu viert. Dabei schwätzt man über alle möglichen alltäglichen Dinge, über Firma und Sport, Auto und Reisen, Papst und Pille, und die Männer werden langsam von Porter und Whisky ein wenig beschwipst. Nur zwei ernstere Angelegenheiten geraten gelegentlich in den Mittelpunkt des plätschernden Gesprächs: daß Henrik die "altersschwache Firma" unbedingt wieder hochbringen will und dabei mit dem Eifer von Lars, dem er als neuer Chef freundschaftlich-jovial auf die Schulter klopft, desto zuverlässiger rechnet; und ferner, daß Birgit mit ihren Kindern protzt, gerade weil Susanne immer angibt, ihre Kinderlosigkeit beruhe auf Überzeugung. Lars möchte, die Frau des neugebackenen Prokuristen beim Tanz an etwas verfänglichen Stellen tätschelnd, am liebsten auf seine Weise zur Lösung dieses Problems beitragen; irgendwie wäre das, wegen der Beförderung des andern, doch eine Sache ausgleichender Gerechtigkeit. Aber Susanne ist von den vier jungen Leuten weitaus die überlegenste und vermag hinter dieser Überlegenheit sogar ihre Empfindlichkeit und ihren geheimen Kummer zu verbergen. Als der Morgen dämmert, ertrinkt das ein bißchen triviale, ein bißchen sinnlose kleine Fest dann in Müdigkeit. Außer daß ein wenig getanzt, getrunken, geflirtet und mit Schallplatten Lärm gemacht wurde, ist nichts geschehen; nur vier einigermaßen gutmütige junge Menschen, mittlere Angestellte in einer dänischen Kleinstadt, haben sich, ihre Wünsche und ihre Entsagung dem schmunzelnden Hörer offenbart.
4 P – U: 1966 DR – DE: 1967 NDR – 55 Min. – Ü: Walter Kolbenhoff – ungedruckt
Nach dem Abitur Buchhandelslehre bis 1938, dann Arbeitsdienst und Wehrmacht bis 1945. Erste literarische Versuche seit 1936, erste Veröffentlichungen in literarischen Zeitschriften seit 1947. Seitdem lebt Böll mit wenigen Unterbrechungen als freier Schriftsteller, und zwar, wenn er nicht in Irland ist, in seiner Heimatstadt Köln. – Das umfangreiche und vielseitige Prosawerk des Dichters ist bei uns und im Ausland, in Ost und West, weithin bekannt. Als Hörspielautor bedient sich Böll der sachlichen und realistischen Darstellungsweise, die auch seine Prosaarbeiten kennzeichnet; Zeit- und Gesellschaftskritik bleiben Hauptthema. Seine beiden ersten Hörspiele, "Die Brücke von Berczaba" (1952) und "Ich begegne meiner Frau" (1953), sind Bearbeitungen eigener Erzählungen. Dann folgen die eigentlichen Rundfunkarbeiten. – Böll wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, 1967 mit dem Georg-Büchner-Preis.
Eugen ist in einem armen Land aufgewachsen, wo er einst gemeinsam mit dem Räubersohn Mulz das väterliche Vieh hütete. jetzt ist er Oberer eines Mönchsklosters und ein alter Mann, der außer andern auffälligen Taten auch die Sünderin Agnes bekehrt hat und den Ruf großer Heiligkeit genießt. Doch ist er durch diesen Ruf einsam geworden, und so betet er zu Gott: er möchte gern den Menschen kennenlernen, der ihm am ähnlichsten ist. Eugens Gebet wird beantwortet, einem Mitbruder wird der Name des Ersehnten im Traum offenbart: Milutin heißt er, wohnt im fernen, armseligen Dorf Beguna. Ohne Begleitung macht sich Eugen auf den Weg, der berühmte Heilige wird auf seiner Pilgerschaft überall von den örtlichen Bischöfen und Geistlichen ehrfurchtsvoll empfangen. Viele kennen auch das Dorf Beguna, aber einen heiligmäßigen Mann namens Milutin kennt dort niemand. Eugen will schon verzweifeln, da erscheint ihm im Traum Mulzens verstorbener Vater, der Räuber Bunz, verehrt von Königen, Priestern und hohen Herren, und verheißt ihm Erfolg. Und siehe da: als Eugen nach Beguna kommt, zeigt sich, daß der Gesuchte Milutin niemand anderer als sein Jugendfreund Mulz ist, jetzt Spielmann und Sänger in Begunas Kneipen. Da Mulz tagsüber zu tun hat, muß Eugen in dessen Kammer bis zum Abend warten. Dabei erfährt er von Mulzens Wirtin, daß Mulz zwar lange im Gefängnis saß, aber ein "halber Heiliger" ist, den alle Kinder des Dorfs lieben, der dem Sohn der Wirtin die Priesterlaufbahn ermöglichte und der mit seinem Geld einmal eine Dame aus den Händen der Räuber erlöst und sie vor Schande bewahrt hat. Da wird Eugen der Satz klar: "Viele wohnen im Haß, welche glauben, in der Liebe zu wohnen, und viele glauben im Haß zu wohnen, welche in der Liebe wohnen." Milutin, dessen Name in Beguna "über die zehn Gassen, in denen die Armen wohnen", kaum bekannt ist, wird von vielen geliebt, indessen Eugen, den fast alle kennen, keiner zu lieben scheint. – Die Handlung des Hörspiels ist verwandt der – übrigens oft in Funkbearbeitungen gesendeten – Erzählung Nikolai Lesskows Der Gaukler Pamphalon. Doch kannte Böll nach eigener Bekundung diese Erzählung bei Abfassung seines Textes nicht, er hat den Stoff aus den Heiligengestalten von Ernest Hello. Gerade darum ist ein Vergleich der Darstellung Bölls und der Lesskows sehr interessant, vor allem theologisch. Dem betonten katholischen Sozialismus und Moralismus Bölls steht bei Lesskow der orthodoxe Glaube an die Begnadung gerade dessen gegenüber, der sich schwach und sündig weiß. Lesskow zitiert Laotse: "Schwäche ist stark, Stärke nichts."
12 P, einige NP – U: 1953 NWDR-Hamburg/SDR – 65 Min. gedr. in Heinrich Böll, Erzählungen, Hörspiele, Aufsätze, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1961
Eine Groteske über die Gutherzigkeit: "Herr, schicke uns Bettler und Tiere", wünschen die sechs Kinder des Ehepaars Elbertz täglich im Abendgebet. Die Floskel ist variabel, etwa: "- und erhalte unserem Vater das Beamtenverhältnis." Hans Elbertz ist Lehrer und sein Schulrat nicht zufrieden mit seiner pädagogischen Leistung. Doch gibt es eigentlich nur einen Grund, der ihn vom Lehramt ablenkt: die Gutherzigkeit seiner Frau Anita. Kein Hausierer, Vertreter, Agent klopft umsonst an ihrer Tür. in allen Schubläden liegen Berge von Seifen, Rasierklingen und Bürsten, und Dutzende periodischer Schriften flattern ins Haus, ungezählte Raten- und Versicherungsverträge sind abgeschlossen. Eines Tages nun nimmt Frau Anita sogar ein junges Artistenehepaar mit Dromedar in die Wohnung auf. Nämlich der Zirkus Fanchini hat Pleite gemacht, und man hat sowieso schon eine eigene kleine Menagerie. Wovon aber das Kamel und die Gäste ernähren? Man ist auf das Existenzminimum gesetzt. Doch Hans tröstet Anita: wenn man auch mit Brot, Margarine und Kartoffeln zufrieden sein muß, ein Beamter steht so unerschütterlich im Leben wie eine dreihundertjährige Eiche. Um das Existenzminimum aufzubessern, hat Hans übrigens einen grandiosen Einfall, er verkauft das riesige Warenlager, das Anita sich an der Wohnungstür hat aufschwatzen lassen, in entlegenen Vororten, verkleidet, weit unter Einkaufspreis. So kommt man wieder auf den aufsteigenden Ast. Doch leider gibt es neue Schrecken. Einmal z. B. klopft Hans an die Tür seines Schulrats und wird fast erkannt. Seine schlimmste Klage aber ist: "Wenn meine Nerven durch eine Mahlzeit gestärkt sind, gesteht man mir noch rasch, daß man einen neuen, zusätzlichen Gast in der Vorratskammer versteckt hält: schüchterne Männer nehmen dann händereibend am Tisch Platz, Milch wird für schreiende Babies erhitzt, Zwieback wird aufgeweicht, und in der Regel wird eine Flasche Wein geöffnet, denn es steht geschrieben: ‚Der Wein erfreut des Menschen Herz.’" Schließlich erhebt auch noch der Elefant des Zirkus Fanchini Anspruch auf den Keller, und ein goldblonder Löwe sucht Zuflucht in der Küche. Als endlich Dromedar, Elefant und Löwe gegangen sind und sogar der Schulrat einmal zufrieden ist, möchte Hans für die Zukunft wenigstens die größeren Tierarten ausgeschlossen wissen. Doch Anita läßt ihrer Gutherzigkeit keine Grenzen setzen.
2 P, 5 NP, CH (6 Kinder) – U: 1955 NWDR-Hamburg – 60 Min. – ungedruckt
Dr. Borsig Werbeleiter eines Konzerns der Heilmittelindustrie, tat von einem jungen Dichter namens Robert eine Public-Relations-Denkschrift verfassen lassen, die er dann allerdings selbst noch werbetechnisch perfekt machen mußte. Konzernpräsident Söntgen wirft deshalb die Frage auf, ob man einen Firmenfremden mit ernsten literarischen Ambitionen überhaupt dazu bringen kann, so zuverlässig mitzumanipulieren, wie dies Industriewerbung nun einmal verlangt. Andererseits wird ein einfallsreicher Mann gebraucht, weil von dem neuen Mittel Prokolorit erst 50 000 Schachteln verkauft sind, während 500 000 produziert wurden. Man müßte einen jener zugkräftigen Slogans haben, wie sie der berühmte Staatspreisdichter Nadold (natürlich anonym) und Dr. Borsig selbst, bevor ihre Phantasie versiegte, für frühere Firmenprodukte geschrieben haben. – Robert wird, um ihn für die Aufgabe zu gewinnen, bei Dr. Borsig zum Tee eingeladen. Roberts Mädchen Franziska aber und auch Frau Borsig, die Tochter des verstorbenen Dichters Nadold, reden auf ihn ein: er solle sich auf das verlogene Werbegeschäft nicht einlassen. Dennoch, obwohl die in einem Büro tätige Franziska sich für diesen Tag mit Robert eigens hat krank schreiben lassen, nimmt ihr neugieriger Freund, den das Geld lockt, die Einladung an. Dabei wird ihm dann klargemacht, was man von ihm verlangt: Mittel gegen Farbenblindheit können in großem Maßstab nur verkauft werden, wenn man die Angst der Menschen vor der Farbenblindheit vermehrt. Zum Glück kommt Robert zu dem Schluß, daß ein Schriftsteller "keinen billigen Trost schenken – – aber noch weniger die billige Angst vermehren" kann. Offensichtlich begreift er, was – zu spät – auch der Staatspreisdichter Nadold begriff, indem er – laut Tochter – beteuerte: "Als ich älter wurde, zog ich die Welt der unrasierten Schwindler wieder der der rasierten vor." Robert stimmt nun Franziska zu: "Man kann nicht ein bißchen im Sumpf spazierengehen: man bleibt ganz draußen oder versinkt." Und so kehrt er, eines Besseren belehrt, zu seinem Mädchen zurück. Franziska, die Einsichtige, aber hat inzwischen auch gegen Roberts berühmtes eschatologisches Gedicht von der Sintflut Bedenken, obwohl oder weil es Frau Borsig so gefiel. jedenfalls scheint er ihr unwahrer als selbst die Tränen der Menschen im Kino, "ein Gedicht für Leute, die mit Brechreiz erwachen", "Brechreiz, der nach Kaviar schmeckt", "Tod mit Trauer parfümiert".
5 P, 2 NP – U: 1955 HR – 50 Min. – gedr. in Heinrich Böll, Erzählungen, Hörspiele, Aufsätze, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1961, und in Heinrich Böll, Zum Tee bei Dr. Borsig, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1965
Kaplan Brühl wird nachts gewaltsam entführt zu einer Kranken, um sie mit den Sterbesakramenten zu versehen. So unüblich Pietät bei Gangstern auch ist, ihre Vorsichtsmaßnahmen sind die üblichen: Pistole, verbundene Augen, verwirrende Umwege zur Täuschung des Entführten, der jedoch den Stadtplan gut im Kopf hat. – Brühl ist auch am nächsten Vormittag noch nicht von seinem Versehgang zurück. Die Priesterkollegen Pölzig und Druven fürchten um ihn. Pölzig erzählt von "gefallenen" Priestern, Druven ist sicher, daß Brühl in Gefahr ist. Polizeilich wurde inzwischen ermittelt, daß um zwei Uhr nachts 180 000 DM in Gold aus dem Tresor der Centralbank geraubt worden sind. Mit demselben Auto, das beim Einbruch benutzt wurde, ist eine Stunde später Brühl abgeholt worden. Der Kriminalist Kleffer schließt nicht aus, daß der Kaplan Komplice einer Bande ist, die alle drei, vier Jahre einen sorgfältig vorbereiteten Monstereinbruch startet, um gleich wieder spurlos zu verschwinden. Er kombiniert alle Möglichkeiten, läßt nur eine nicht zu: daß Brühl tatsächlich zu einem Versehgang entführt wurde. In der gegebenen Situation hätten sich ja wohl selbst die frömmsten Verbrecher nicht auf ein solches Risiko eingelassen. – Nach zwei Tagen ist Marianne, die Frau des Bandenchefs, soweit wiederhergestellt, daß die Flucht gewagt werden kann. Die Komplicen und die Beute sind längst in Sicherheit. Brühl protestiert, daß man ihn so lange festgehalten hat. Zur Rechtfertigung lüftet Bandenchef Kröner das Geheimnis der "Spurlosen": 1944 desertierte in Dänemark die gesamte Besatzung eines kleinen U-Bootes, lebt heute irgendwo außerhalb der Welt – zehn Familien mit fünfundzwanzig Kindern. Auch eine verfallene Kirche gibt es da, man könnte einen Priester gut gebrauchen. Brühl lehnt die Einladung ab – nicht nur, weil sich diese kleine Gemeinschaft von Einbrüchen finanziert, er kann sich als Priester nicht wie Bandenchef Kröner von der Welt lossagen. Kröner erklärt: "Ich habe die Männer gehaßt, die mir zu zerstören befahlen, aber ich hasse sie noch mehr, seitdem ich weiß, daß sie jetzt wieder Lateinunterricht geben, Heringe verkaufen oder sich darüber erregen, wenn ihr Kind einen Suppenteller zerbricht." – Kommissar Kleffer hat endlich eine heiße Spur, als Brühl aufgefunden ist, die richtige sogar. Brühl müßte ihm helfen. Das Gesetz verlangt auch von einem Priester, daß er eine solche Bande verrät. Auch die Kirche erwartet, daß er in diesem Fall redet. Der Kaplan Brühl aber schweigt.
7 P, 3 NP – U: 1957 NDR/BR – 65 Min. – gedr. in Heinrich Böll, Erzählungen, Hörspiele, Aufsätze, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1961, und in Heinrich Böll, Zum Tee bei Dr. Borsig, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1965
Herr Chrantox, eigentlich Donath, kommt nach jahrzehntelanger Abwesenheit durch Zufall in seine Heimatstadt. Er hat im Fahrplan übersehen, daß er hier umsteigen muß und eine Stunde Aufenthalt hat, sonst hätte er eine andere Route gewählt. Um sich jemandem mitteilen zu können, engagiert er einen Kofferträger gegen ortsübliche Gebühr für diese Stunde als Begleiter. Zuerst fährt man zum Friedhof. Hier hat die Hautevolee der Stadt, hat auch die Familie Donath, ihre marmornen Visitenkarten abgegeben. Die Eltern sind tot, die empfindsame Schwester Fritzi, verehelichte Schmilling, ist an Schmilling gestorben, Lieblingsbruder Krumen, Jahrgang 17, ist vor Bjeljogorsche gefallen (später erfährt man: als "Defätist" erschossen). Chrantox ist kein Jude, kein politisch Verfolgter, er ist bereits 1931 mit dem Auto seiner Mutter und einigen Moneten aus dem Schreibtisch seines Vaters ausgerissen und nach Südamerika gegangen. Warum? Vielleicht, um ein anderes Leben zu leben als das der Donaths. Er hat, damals ganze dreizehn Jahre alt, seine Mutter beim Ehebruch überrascht. Die vornehmen Familien in der Sophienstraße tauschten öfter einmal Geschlechtspartner untereinander aus. Ihr Dasein war schal. – Chrantox’ Freundin war die sechzehnjährige Anne von dem Hügel, sein Lieblingsbruder Krumen war vierzehn, als er sie verließ, die drei waren zuvor unzertrennlich. Doch am Abend vor seiner Flucht glaubte er zu entdecken, daß Anne und Krumen im Einverständnis miteinander sind. Ist er vor einem Konflikt mit Krumen geflohen? Vor Anne? In einer nicht unwichtigen Beziehung ist er ein Donath geblieben: er ist reich, drüben schnell reich geworden, Reichtum ist für die Donaths wie eine Hautfarbe. – Auf dem Bahnhof läßt er durch den Träger Anne anrufen, die einzige von allen, die noch lebt, fingiert ein Gespräch aus New York, legt einen Ozean zwischen sich und seine Stadt. Anne erkennt nach einem Vierteljahrhundert seine Stimme sofort. Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr hat sie auf ihn gewartet. Auch Krumen. Sie hätten ihn so dringend gebraucht in der schrecklichen Einsamkeit unter all den Donaths in Krieg und Not. Jetzt existiert er nicht mehr für sie. Er hat sich losgesagt, kein Lebenszeichen all die Jahre, man kann nur miteinander, leben, wenn man miteinander gelitten hat. Chrantox ist für Anne tot. – Auf dem Bahnsteig steht Chrantox’ Träger und winkt. die Stunde ist um. Der Träger soll in Chrantox’ Namen die Gräber der Donaths mit Blumen schmücken.
2 P, 2 NP – U: 1957 SWF/NDR – 45 Min. – gedr. in Heinrich Böll, Erzählungen, Hörspiele, Aufsätze, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1961, und in Heinrich Böll, Zum Tee bei Dr. Borsig, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1965
Clara, Ende Fünfzig, liegt im Sterben. Der Arzt war da und hat ihr Morphium gegeben, der Priester war da und hat sie auf den Tod vorbereitet, an die Kinder sind Telegramme gegangen, die das Schlimmste ahnen lassen. Doch Martin, Claras Mann, redet noch um den Tod herum, will ihn, vielleicht aus Liebe zu seiner Frau, nicht wahrhaben. Claras letzter Wunsch ist: sie möchte einen einzigen Menschen wirklich kennenlernen. Kennt sie nach achtunddreißigjähriger Ehe ihren Mann? Kennt er sie, die Mutter seiner fünf Kinder? Clara will jetzt nicht Ruhe geben, ehe nicht alles ausgesprochen ist, was sie einander verschwiegen haben. Zunächst ist von den Kindern die Rede, drei sind in der Gesellschaft etabliert, Lorenz aber sitzt im Gefängnis. Er war im Krieg Flieger und hat danach mehrmals aus Passion Flugzeuge entwendet. Gerichtspräsident Kramer, ein Jugendfreund Martins, will versuchen, Lorenz für den Abschied von seiner Mutter freizubekommen, obwohl Lorenz bei ähnlich günstigen Gelegenheiten schon drei Fluchtversuche unternommen hat. Heute will Kramer den jungen Mann selbst mitbringen und ihn dann wieder im Gefängnis abliefern; er hat sich persönlich verbürgt und würde bei neuerlichem Fluchtversuch sein Amt verlieren. Doch ist Kramer kein Einsatz zu hoch, er hat immer, schon in der schweren Zeit der dreißiger Jahre, geholfen. Damals war Martin, Claras Mann, Gerichtspräsident und hat sein Amt aufgegeben, weil er unter einem Unrechtsregime nicht Richter sein wollte. Damals auch ist Lieselotte, eben siebzehnjährig, vom Rad gestürzt: eine Schürfwunde, ein Pflaster, darunter Fäulnis, dann Wundstarrkrampf und Tod. Martin begann zu trinken, trieb sich nächtelang herum und nahm ab und zu eine bestimmte Kellnerin mit in ein schmuddeliges Zimmer, wo aber nichts geschah: – man trank und lachte nur miteinander. Clara war damals allein gelassen mit den Kindern, die Ehe unterbrochen. Doch es gab Freund Kramer, der sie immer schon umworben hatte, und so wurde Clara dessen Geliebte, sie weiß bestimmt, daß sie nie mit ihm getrunken und gelacht hat. – Nach dem Bekenntnis der damaligen Schuld, als Clara und Martin ein wenig mehr voneinander wissen, kommt Kramer mit Lorenz. Clara besteht darauf, mit ihrem Jungen allein zu sein, und nützt dann die Gelegenheit, ihm zur Flucht zu verhelfen. Sicherlich wird er bald wieder ein Flugzeug entwenden, und Kramer wird große Schwierigkeiten haben. Aber Kramer soll zahlen; sie will ihrem Ikarus noch einmal Flügel verleihen.
5 P – U: 1958 WDR/HR – 50 Min. – gedr. in Heinrich Böll, Erzählungen, Hörspiele, Aufsätze, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1961, und in Reclams UB 8846
"Man kann in die Zeit fallen, wie in ein Loch; da ist alles gegenwärtig, vergangen oder zukünftig – und du weißt nicht, ob das Vergangene Gegenwart oder das Gegenwärtige Zukunft ist." Am Vorabend der Erstkommunion seiner Tochter wird einem Vater seine Vergangenheit lebendig. Er findet sich in einer Zelle wieder, links von ihm ist ein Priester inhaftiert, rechts Julius. Mit Klopfzeichen hat er damals Taufunterricht vermittelt: die Fragen von Julius an den Priester und des Priesters Antworten. Geraume Zeit später wurde Julius dann im Duschraum des Gefängnisses getauft, vor seiner Erstkommunion aber hingerichtet. – Gefängnis, Klopfzeichen als Auftakt zu dem Fest eines kleinen Mädchens, das zum erstenmal den Leib Gottes empfängt? Julius Hinrichtung geschah, weil er einen halben Löffel Mehl aus der Gefängnisküche gestohlen hatte und auf einem Bügeleisen pfenniggroße Hostien buk. Als dann die Schüsse fielen, trommelten ihm zu Ehren die Gefangenen an ihre Zellentüren. Die Mutter der Erstkommunikantin klopft in der Küche Mürbeteig für den Festkuchen, die Kinder schlafen schon, im Badezimmer ist der Wein bereitgestellt, morgen wird eine Eisbombe gebracht werden, Ananasbüchsen sind zu öffnen, die Frau wird mit dem Büchsenöffner nicht fertig, und nun passiert es ihr, daß sie den Mehltopf fallen läßt. Julius wurde für einen halben Löffel Mehl hingerichtet! Der Mann klopft sich, wenn er nachts daran denkt, noch heute die Knöchel an seinen eigenen harmlosen Wänden wund, so daß seine Frau mit Salbe helfen muß. Damals im Gefängnis hat ihm der Sanitäter diesen Dienst erwiesen: es braucht viele Schläge, bis die Antwort "Ich glaube" kommt. – Der Priester im Gefängnis hat wie ein Mörder ausgesehen, sie sahen im Gefängnis alle wie Mörder aus Aber der, der damals im Gefängnishof die winzige Hostie an ihn weitergab, war zufällig wirklich ein Verbrecher. Ihn trifft der Vater der Kommunikantin noch ab und zu auf der Straße. Dennoch: seine Angst ist, daß die ganze jetzige Wirklichkeit, seine Frau, die schlafenden Kinder, und morgen das Fest zerfallen könnten, wenn er nur den Haustürschlüssel ins Schloß steckt. Und so klopft er immer wieder an die Wände dieser Welt, er will sich ihres Vorhandenseins versichern.
2 P, 3 NP – U: 1962 NDR/SWF – 25 Min. – gedr. in Heinrich Böll, Erzählungen, Hörspiele, Aufsätze, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1961, und in Reclams UB 8846
Keine Dialoge, sondern die Geschichte einer Familie, nacheinander von vier Stimmen und aus vier Perspektiven erzählt: Vater (Baß), Mutter (Alt), Tochter (Sopran), Sohn (Tenor). – Der Vater ist in seinem Fach ein Genie. Er entwirft mit Welterfolg Hüte. Selbst die gewagtesten Modelle erhöhen den Absatz, vermehren seinen Ruhm. Seine Werbemethoden sind feudalistisch, er fängt oben an, bei den Intellektuellen. Gelingt es ihm, einem der großen Efs (Film-Funk-Fernsehleuten) ein neues Modell auf den Kopf zu zaubern, so ist es gemacht. "Intellektuell ist einfach Mode, und stimmt etwa der uralte, uns von unseren Vätern überkommene Spruch nicht mehr: Wes Hut ich trag, des Geist ich bin?" Leider sind auch bei einem Hutkonstrukteur, falls er an höhere Werte glaubt, Gewissensbisse unvermeidlich; bei jedem Modell entdeckt er aufs neue die Manipulierbarkeit der Menschen. Seine Frau versteht ihn allerdings nicht, er zwingt schließlich niemanden zu seinen Hüten. Auch der Priester, bei dem er in Sachen Gewissen vorstellig wird, spricht lediglich von Gott, von der Pflicht zur Schönheit, von Hüten als legitimem Schmuck des Menschen. Was soll der Hutkonstrukteur also tun? Er konstruiert weiter: einen Zylinder für die Jugend, einen modernisierten Chapeau claque für Sportwagenbesitzer, eine Art Kardinalshut aus Ziegenleder, einen Spitzhut, wie ihn die mittelalterlichen Juden trugen. Man schlägt sich in den Hutläden um seine Modelle. Doch je sensationeller der Erfolg, um so tiefer läßt sich der Hutmacher fallen. Er geht nicht mehr zur Kirche, sondern liest statt dessen daheim den Sonnengesang des hl. Franz. Er wäscht und rasiert sich nicht mehr, wechselt die Wäsche nicht mehr und entzieht sich den Säuberungsversuchen seiner Frau, indem er mit der Unterwäsche, schließlich mit Anzug und Schuhen zu Bett geht. Seine Familie, der Chef, die Mitarbeiter im Büro – alle leiden entsetzlich unter seinem Gestank. Das Phänomen ist unerklärlich, auch die Psychoanalyse kann es nicht ergründen. Die Diagnose lautet immer: blitzgescheit, völlig gesund, enormer Appetit. Sein Chef will sich allerdings mit dem Gedanken, als nächstes Modell eine Tiara zu kreieren, dennoch nicht anfreunden. Aber kann man dem Erfolg eines Mannes mißtrauen, der in tragischer Größe gegen seinen Erfolg selbst anzustinken sucht?
4 P – U: 1962 NDR/SWF – 30 Min. – gedr. in Heinrich Böll, Zum Tee bei Dr. Borsig, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1965
Eine Atmosphäre solider Bürgerlichkeit: Vater und Sohn Kehbach sitzen in ihrer Dachwohnung über einem Briefmarkenalbum. Mit sanfter Lehrhaftigkeit erklärt Rehbach spanische und Schweizer Marken. Als von unten geklingelt wird, bittet er, der Sohn möge durch die Sprechanlage sagen, er sei nicht zu Hause. Aber der Mann am Haustor ist nicht abzuweisen, er läßt bestellen, "Robert" stehe unten. Robert, offenbar ein Jugendfreund oder ein Kriegskamerad, will nicht raufkommen, und wenn Rehbach runterzukommen versucht, wird er weglaufen. Bleibt also nur die Sprechanlage als Mittel zur Verständigung. Mit spärlichen Indizien deutet Robert vage eine Schuld Rehbachs an: Bei Kriegsende lebten Rehbach, Helene und Robert in einer Höhle versteckt; damals hat Robert Rehbachs Leben gerettet, indem er irgendein Medikament besorgte, seitdem hat Rehbach nichts mehr von ihm gehört, all die Jahre nicht. ("Robert lacht immer, Lachen ist sein Hauptnahrungsmittel, es ist sein Brot und sein Wein.") Damals unter den Franzosen ist er Bürgermeister geworden mit viel Vollmacht und Freiheit, aber er war nie ein Bürgermeister, stets nur Maler. Im Augenblick, so sagt er, hängt seine Kunst allerdings von der Temperatur ab: er zeichnet mit dem Finger auf beschlagene Scheiben. Auch im Gefängnis war er, jedoch nicht die ganze Zeit. Und jetzt braucht er Geld. Helene hat er schon angepumpt, aber die erinnerte ihn zu sehr an seine Begabung. -Rehbach bietet sein halbes Vermögen oder wenigstens einen größeren Scheck. Einen Scheck? Wenn Robert sich in einer Bank sehen läßt, drückt der Portier den Alarmknopf. So wird also vereinbart, daß Rehbach alles Bargeld, das er hat – er behauptet, etwa 500 Mark –, in einer Schachtel runterwirft. Tatsächlich erhält Robert dann aber nur etwas über 200 Mark. Er lacht ironisch und fordert mehr. Plötzlich kommt Marianne, Rehbachs Frau, nach Hause. Sie hat den Mann am Haustor gesehen und will wissen, ob das etwa Robert war, von dem Rehbach immer erzählt, daß er ihm sein Leben verdankt. Wie er ausgesehen habe, fragt ihr Mann. Marianne kann ihn nicht beschreiben. War es wirklich Robert? Existiert er noch? Vielleicht nur als Stimme in der Sprechanlage.
2 P, 2 NP – U: 1962 NDR/SWF – 20 Min. – gedr. in Heinrich Böll, Zum Tee bei Dr. Borsig, München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1965
Nach der Schulzeit war Borchert Buchhändlerlehrling, in Lüneburg Schauspieler und ab 1941 Soldat. 1942 verwundet, kam er 1942 und 1944 wegen "defätistischer" Äußerungen ins Gefängnis, dann zur "Bewährung" an die Ostfront. 1943 entließ man ihn schwer krank. Dennoch war er nach dem Krieg noch Regieassistent am Hamburger Schauspielhaus, Mitglied eines Kabaretts und Regisseur in Westerland. Er schrieb Prosa und Lyrik für Zeitungen, 1946 erschien sein erster Gedichtband "Laterne, Nacht und Sterne", 1947 zwei Bände mit Kurzgeschichten: "Die Hundeblume" und "An einem Dienstag". Die Ursendung seines Stücks, "das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will" des Hörspiels "Draußen vor der Tür", in Hamburg konnte der Dichter nicht hören, da er bettlägerig war und sein Stadtteil Stromsperre hatte. – "Draußen vor der Tür" lief nicht nur als Hörspiel, sondern auch als Theaterstück, die Theateruraufführung in den Hamburger Kammerspielen fand erst nach Borcherts Tod statt. Der Text hatte als Ausdruck der physischen und psychischen Not der Zeit ein ungeheures Echo – in jeder Form, doch ist er wohl mit seinen abstrakten Gestalten (der Alte Mann, der Andere, die Elbe usw.) und mit seinen typischen Hörspielblenden ein Rundfunkwerk. Daß der Dichter es mit Blick auf die Sendung schrieb, besagt auch das Zeugnis des damaligen Hamburger Hörspieldramaturgen Ernst Schnabel, der Borchert bei der Arbeit am Text beriet.
Das Werk spricht in expressiver Sprache und sehr direkt das Leiden und die Sinnlosigkeit jener Zeit aus, wird also auch als Dokument immer wichtig sein. – Den Anfang macht ein wehklagendes Gespräch zwischen dem "Alten Mann", d. h. dem lieben Gott, "an den keiner mehr glaubt", und dem "Beerdigungsunternehmer", d. h. dem "neuen Gott", dem Tod, der sich in den Kriegen des Jahrhunderts überfressen hat und ständig rülpst. Danach tritt die Hauptgestalt, der hinkende Sibirienheimkehrer Unteroffizier Beckmann, auf und stürzt sich selbstmörderisch in die Elbe. "Die Elbe" aber diskutiert mit ihm und wirft ihn bei Blankenese wieder auf den Sand. Worauf ihn "Der Andere", der "Antworter", der "Optimist" in Empfang nimmt, der ihn nun das Stück über begleitet und ihn dem Leben zurückzugewinnen sucht. Zuerst greift sich eine junge Frau den Lebensmüden und holt ihn in ihre Stube. Doch da erscheint das Gespenst des "Einbeinigen", des durch Beckmanns Schuld (aufgrund eines von ihm weitergegebenen Befehls) gefallenen Ehemanns der Frau. Er ist zugleich Spiegelbild der eigenen Erfahrungen Beckmanns, der kurz zuvor im Bett seiner Frau auch einen anderen gefunden hatte. Nun folgen drei weitere Begebenheiten: mit seinem Oberst, dem Beckmann "die Verantwortung zurückgeben" will und der nebst Familie von dem hungernden Heimkehrer beim Abendbrot aufgestört wird – sodann mit dem Kabarettdirektor, dem Beckmann als "komische Figur" mit der Gasmaskenbrille vorsingt – und schließlich mit Frau Kramer, die jetzt in der Wohnung der Eltern Beckmanns lebt. Von ihr erfährt der Sohn, der Vater sei "ein bißchen sehr aktiv" gewesen, "ein bißchen doll auf die Juden", deshalb hätte er nebst Gattin sich "selbst endgültig entnazifiziert" – mit Gas, so daß sie jetzt in Kapelle fünf des Ohlsdorfer Friedhofs wohnen. Der Verzweifelte, dem überall die Tür vor der Nase zugeschlagen wird, spricht nun mit dem "Straßenfeger", einem "deutschen Generalstraßenfeger", der die "im Kurs gesunkenen Toten" von den Straßen fegt. Schließlich hat er eine letzte Auseinandersetzung mit dem optimistischen "Andern", der an ihm noch einmal wie in einem Karussell alle Gestalten des Stücks vorbeiziehen läßt und behauptet: "Du kennst die Menschen nicht, sie sind gut." Als Beckmann erneut spürt, daß er sich der jungen Frau, die vielleicht wirklich gut ist, wegen des Gespenstes des "Einbeinigen" nicht nähern kann, daß er immer "draußen" bleiben muß, fragt er voller Entsetzen: "Der Mörder bin ich? Ich? Der Gemordete, den sie gemordet haben, ich bin der Mörder?" Worauf das Stück mit dem berühmtgewordenen Schrei endet: "Wo bist du, Anderer? Wo bist du, Antworter, der mir den Tod nicht gönnte? Wo ist der Alte Mann, der sich Gott nennt? Warum schweigt ihr denn?... Gibt denn keiner, keiner Antwort?"
14 P – U: 1947 WDR-Hamburg – 80 Min. – Druck: Hamburg: Rowohlt 1947 und gedr. in Wolfgang Borchert, Das Gesamtwerk, Hamburg: Rowohlt 1949
Stammt aus flandrischer Familie, ist viel gereist, vor allem durch Nordafrika, wo er Redakteur des französischen Wirtschaftsministeriums war, durch Brasilien und durch Europa. Heute lebt er, mit einer Ärztin verheiratet, in Paris. In Zeitschriften wie "Les Temps Modernes" (herausgegeben von Sartre) und "La Nouvelle Revue Française" veröffentlichte er Reiseberichte, Gedichte und Erzählungen. Außerdem arbeitet er für den Film, schreibt Dialoge und Drehbücher und wirkt gelegentlich auch als Schauspieler mit. Das Drehbuch zum Film "Liebesspiele", der in Berlin den "Silbernen Bären" erhielt, stammt von Boulanger, ein Roman, "Die schwarze Tür", ist 1965 deutsch erschienen. Der Autor steht dem Nouveau Roman nahe. Sein Hörspiel "Die Reise nach Maronne" ist eine Auftragsarbeit des SDR.
Ein Kriminalhörspiel mit Hintergrund, der bei bloßer Inhaltsangabe kaum wiederzugeben ist. Einheit des Orts: Büro eines Polizeikommissars, der Edouard Clamerand wegen Mordverdachts vernimmt. In das Verhör hinein sprechen aus sozusagen imaginären Erinnerungsräumen – zum Kommissar seine Frau, er erzählt, daß sie vor ihrer Ehe kurz dem Liebesgewerbe oblag – zu Edouard die Ermordete (oder die Selbstmörderin?) Lucie Vérane. Folgendes ist geschehen: Das Seebad Maronne hat tote Jahreszeit, als Edouard, der wunderliche Zufallsreisen in die Einsamkeit zu unternehmen pflegt, mit dem Omnibus dort eintrifft. Als Retuscheur von Porträtfotos liebt er es, die Wirklichkeit zu retuschieren, als Privatmann, ihr zu entfliehen. In dem menschenleeren Ort ist nur ein einziges Hotel geöffnet, wo sich keine Seele meldet, auch kein Bediensteter. Dorthin stellt er sein Gepäck, um einsam spazierenzugehen. In den Dünen trifft er die einsame Lucie, die zu jenem Hotel gehört. Die beiden Sonderlinge schütten einander die Herzen aus. Lucie, "ein welkes Blatt von Anfang an", ist mit dem Sohn des Hoteliers, der zur Zeit seinen Wehrdienst ableistet, verlobt und hat zugleich mit dem Hotelier ein Verhältnis. Schon in einer früheren Stellung hat sie einmal derartiges erlebt, war Geliebte, Mutter und Schwiegertochter zugleich. Nun glaubt sie, die Männer mögen es so. Sie kann sich ohnehin nicht leicht jemandem entziehen. Edouard wird von einer rauschhaften Zuneigung zu dem Mädchen erfaßt, die für sie ungewöhnlich ist und die sie beglückt spürt. Hand in Hand gehen sie durch die dunklen Straßen des stillen Städtchens, er macht ihr ernste Versprechungen. Als sie ins Hotel zurückkommen, wird Edouard jedoch durch mehrere Umstände, vor allem durch den überwachenden Anruf des Alten, jäh abgekühlt und läßt es Lucie merken. Immer wieder versucht der Kommissar an dieser Stelle der Vernehmung Edouard dazu zu bringen, daß er den Mord zugibt, zumal Selbstmord unwahrscheinlich ist: die Leiche lag mit einem Schuhriemen erdrosselt auf dem Bett. Edouard behauptet aber, mit einer fiebrigen Erkältung schlafen gegangen zu sein und – nicht ganz ohne Bedenken – das Mädchen allein gelassen zu haben; erst spät sei er aufgewacht und habe die Tote entdeckt und die Polizei gerufen. Schließlich scheint der fast unmögliche Fall einer Selbsterdrosselung des Mädchens aus Enttäuschung über Edouards Verhalten vorzuliegen. Wie Edouard die Verzweifelte von sich stieß: auch dies, sagt der Kommissar, sei ja fast unmenschlich gewesen. – Als das Ringen zwischen dem Kommissar und Edouard auf einem Höhepunkt ist, läutet das Telefon. Nach dem Telefonat erklärt der Kommissar: der Sohn des Hoteliers, Lucies Verlobter, habe soeben ein Mordgeständnis abgelegt, ein Kamerad habe angezeigt, er hätte ihn mit dem Motorrad nachts aus der Garnison nach Maronne fahren sehen, Edouard sei frei. Auf einmal jedoch, als der Kommissar von der offenen Tür hinter Edouards Rücken spricht, wird Edouard von einer Anwandlung überwältigt, der er nicht gewachsen ist. Er erinnert sich, wie das Mädchen mit dem Rücken zur offenen Tür dastand und ihn, der ebenfalls die Tür im Rücken hatte, bat, ihr die Schlinge umzulegen.
4 P – U=DE: 1964 SDR/NDR – 60 Min. – Ü: Erika und Elmar Tophoven – ungedruckt
Nach Studium der Philosophie und Polonistik, abgeschlossen mit der Promotion, hielt sich Brandstaetter einige Zeit in Paris auf und emigrierte dann im Zweiten Weltkrieg in den Vorderen Orient. 1946 wurde er Kulturattaché in Rom. Seit 1948 lebt er als freier Schriftsteller in Zakopane und Posen. Der Autor setzt als Dramatiker und Lyriker die Tradition der katholischen Dichtung in Polen fort und ist dort deren wichtigster Vertreter. Die Österreicherin Gerda Hanau hat eine Reihe von Theaterstücken Brandstaetters, ferner Lyrik und das Hörspiel "Odysseus weint" (1956) ins Deutsche übertragen. Der Gedichtband "Das Lied von meinem Christus" und ein Band Dramen, "Das Wunder im Theater", aus dem "Das steinerne Haus" einige Male auch als Hörspiel gesendet wurde, sind 1961 deutsch erschienen.
Ein Radiotext in gebundener Sprache: Penelope glaubt noch immer an die Heimkehr des Gatten, jedoch der Chor (den man sich als einzelne Stimme, aber als Repräsentant des ganzen Volks vorzustellen hat) will die Herrin überreden, endlich das Brautgewand für die Eheschließung mit dem jüngsten und stärksten der Freier zu weben, damit das Land Frieden findet. In das Gespräch tritt ein Landstreicher, den die Flöte des Telemach anlockte und der nach dem Flötenspieler fragt. Er kennt Odysseus und berichtet von ihm: Odysseus fürchte die Heimkehr, weil er jegliche Besitzergreifung, jegliche Gewalt fürchtet. Er habe damals "das hölzerne Pferd nicht nur in die Stadt Troja, sondern auch in die eigne Seele eingelassen". Mit eigener Hand habe er den Menschen Mord und Elend bereitet und "die ganze Sinnlosigkeit der Welt" erlebt. Nun läßt er sagen, daß Penelope nicht mehr auf ihn warten soll. "Er liebt seine Irrfahrt, die kein Ende hat. Ziellos wandern, das heißt arm sein, heißt nichts besitzen. Nichts besitzen aber ist Freiheit. Odysseus ist des Besitzes müde, er ist sehr müde." Vor allem soll "jeder frei sein, sich zu wandeln, denn diese Freiheit ist das größte Glück". – Penelope erschrickt für Telemach. Er neigt ohnehin dazu, "ein Flötenspieler, ein Dichter mit dem Herzen eines Vogels zu sein. Ein Kind muß an das Beständige glauben." Darum verhindert sie, daß der Landstreicher mit ihrem Sohn spricht und schickt ihn fort, auch als er sich schließlich als der heimgekehrte Gatte zu erkennen gibt. Dem Sohn aber sagt sie: "Er hat Lügen über Odysseus verbreitet" und dem Chor: "Es war niemand hier."
4 P – U: 1962 PR – DE: 1963 NDR – 35 Min. – Ü: Gerda Hagenau – ungedruckt
Studium, Tätigkeit als Lagerverwalter in einem Verlag, danach Versuch, Schauspieler zu werden, seit 1932 freier Schriftsteller. Er gehörte in seiner Generation zu den literarischen Exponenten Dänemarks. Die Romane "Ein Dutzend Menschen" (1936), "Traum um eine Frau" (1941), "Die Geschichte vom Borge" (1942) und "Der Reiter" (1949) liegen auch in deutscher Sprache vor, außerdem Erzählungen "Die blauen Wellensittiche". Als Dramatiker wurde er vor allem mit den Schauspielen "Die Geschwister" und "Der Reiter und sein Schatten" bekannt, die beide 1952 auch bei uns aufgeführt wurden (Staatstheater Stuttgart – Landestheater Detmold). Auf dem Gebiet des Hörspiels hatte Branner mit "Illusion" wohl einen der größten und dauerhaftesten internationalen Erfolge, die je ein Rundfunktext errang. Doch wurden auch andere Hörspiele des Autors – "Spiel um Liebe und Tod" und "Dunkel zwischen den Bäumen" – bei uns gesendet.
Die Geschichte einer Ehe, zusammengedrängt in eine einzige Nacht und in sieben Gespräche, die "Er" und "Sie" miteinander führen. Doch scheinen – vorerst – nur das erste und das letzte Gespräch Realität zu haben. 1. Am Abend nach ihrer Hochzeitsfeier (mit abschreckend bürgerlichen Gästen) erwägen die beiden, "daß manche Menschen schon bei Lebzeiten tot sind". Glücklich und ihrer selbst sicher schlafen sie danach ein. 2. Er kommt leicht angetrunken und von einem Zusammensein mit einer anderen Frau nach Hause. Zorn, Vorwürfe und Selbstvorwürfe beider Ehepartner, dem Verständnis und Versöhnung folgen. 3. Das dreijährige Kind liegt todkrank in der Klinik. Es ist vom Balkon gestürzt, und Mann und Frau geben sich gegenseitig die Schuld. Werden sie noch miteinander leben können? Doch es wird weitergehen, welche Nachricht das Telefon, das am Schluß der Auseinandersetzung läutet, auch bringen mag. 4. Geschäftlicher Zusammenbruch, vielleicht wird ein Konkurs nötig werden. Wird sie zu ihm stehen, ihm möglicherweise mit ihren Mitteln helfen? Vermutlich wird man sich hindurchschwindeln, seine Position in der Ehe wird angeschlagen sein, aber die Ehe wird halten. 5. Gespräch zwischen ihm (jetzt ungefähr fünfzig Jahre alt) und einer anderen "Sie", die noch jung ist. Sie stellt ihn vor die Entscheidung, die Schuld an der Kalamität seines Lebens seiner Frau zu geben und zu ihr, der jüngeren, zu ziehen, die noch alles aus ihm machen zu können behauptet. Obwohl sie darüber hinaus keinerlei Forderungen an ihn stellt, kann sie seinen Mut und sein Selbstbewußtsein doch nicht zu einer solchen Entscheidung entfachen. 6. Der Altverheiratete hat erneut schwere berufliche Enttäuschung erlitten. Das Leben des alternden Paares ist nun wirklich medioker geworden, vielleicht sind auch sie nun "schon bei Lebzeiten tot". Immerhin versucht seine Frau, ihn aufzurichten, was ihm jedoch kaum soviel Trost gibt, wie, daß die entlaufene Katze wiedergefunden wurde. 7. Erwachen nach der ersten Nacht im Hotelzimmer des ersten Gesprächs mit eitel Glück und bedenkenloser Freude. – Die sieben Gespräche werden durch Leitmotive aus jeweils von fern heraufklingender Tanzmusik verbunden; zwischen den Gesprächen, gleichsam als Blenden, lange Pausen voll nächtlich strömenden Regens.
2 P, 1 NP – U: 1946 DR – DE: 1947 SDR – 60 Min. – D: Fritz Nothardt – gedr. in Hörspielbuch, Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt 1959
Ein Illusionist, der
Kaninchen aus dem Hut zaubern und zerrissene Geldscheine wieder ganz
machen kann, läßt mit verbundenen Augen einen
Hundertkronenschein beim Publikum kursieren. Er weiß genau, wo
sich der Schein jeweils befindet, und das Publikum, wenn es die Augen
schließt und sich konzentriert, erlebt mit, was derjenige, der
den Schein gerade festhält, bei der Berührung erfährt
und erinnert. Und nun werden, gelegentlich unterbrochen von den
Kommandos zur Weitergabe des Scheins, szenisch Bilder und Schicksale
auf- und eingeblendet: Eine Dame und ein Herr (seine Ehe ist eine
"Hölle"), der sein Verhältnis zu ihr aber nicht
legalisieren kann, weil ihm das Geld für die Ehescheidung fehlt;
die Dame aber wird wohl einen andern heiraten müssen, der ihr
die fehlenden hundert Kronen zur Miete gibt. Ein "Bruder Adam",
mit dem ein "Chorus" nach einem unvorstellbaren Freßgelage
wettet, daß er noch eine weitere Portion Aal zwingt, gewinnt
hundert Kronen. Ein selbstmordanfälliger Fremder erzählt
"Bobby", daß sogar beim Billard unaufhörlich
wiederkehrende Situationen vorkommen; die Hölle denkt er sich
als Wiederholung immer derselben Lebenssituationen. – Nach
diesen nur angedeuteten Bildern werden in kunstvoll
durcheinandergestellten Szenen vier Schicksale entwickelt. Dabei ist
die Gestalt, die jeweils die in Geldnot befindlichen Menschen quält,
identisch mit dem Illusionisten:
1. Ein Schriftsteller, der
seiner Frau Texte für Comics diktiert, weil sein hartherziger
Verleger an den angekündigten sozialen Roman nicht mehr glaubt
und sich keinen Vorschuß mehr abhandeln läßt. 2. Ein
alter Seiltänzer, den der Agent trotz aller Welterfolge nicht
mehr will. 3. Ein Angestellter, dem hundert Kronen in der Kasse
fehlen, und den sein Bürochef um eine Gehaltsstufe, monatlich
hundert Kronen, zurücksetzt. 4. Eine verheiratete kleine
Kontoristin, der ein Geschäftsmann anbietet, ihren Mann, gegen
gewisse Gegenleistungen ihrerseits, zum Reisenden mit hundert Kronen
monatlicher Zulage zu befördern. – Bei den letzten beiden
Geschichten, die genau gegensätzlich verlaufen, werden die
einzelnen Etappen bis zur Katastrophe abwechselnd szenisch
weiterentwickelt: Die Frau des geschädigten Mannes bekommt ein
Kind und weiß, obwohl sie sich freut, nicht, wie es ernähren,
die Frau des geförderten will kein Kind von ihm, ehe er nicht
selbst weniger kindisch ist. Der Mann, der als Reisender weggeschickt
wird, tut alles für seine Frau, die sich ihm entzieht, der Mann,
der sich seiner Armut schämt, entzieht sich seiner Frau, die
alles für ihn tun will. Im einen Fall kommt es zum
Ehescheidungsprozeß, bei dem der Illusionist als Anwalt sowohl
den Mann als auch die Frau erpreßt, im andern Fall erpreßt
der Illusionist gleichfalls, nämlich den Angestellten, der, um
Miete zahlen zu können, hundert Kronen unterschlug und sich nun
ganz dem Illusionisten ausliefern muß. Als dem Seiltänzer
von dem Illusionisten (Agenten) das Angebot einer Gehaltsaufbesserung
um hundert Kronen gemacht wird, falls er ohne Netz arbeitet, spricht
der Gequälte es direkt aus: Der Erpresser ist der Leibhaftige.
Den Illusionisten ehrt diese Mutmaßung: "Ich habe Sie nie
im unklaren gelassen, daß Sie sich Illusionen machen." –
Am Ende findet die Versteigerung einer monströsen Figur statt:
ein Mensch, ein Tier, ein Gott? Sie erbringt hundert Kronen. In die
Versteigerungsszene ist die Sterbeszene eines Mannes eingeblendet,
der auf einem mit Banknoten vollgestopften Kissen liegt und um
hundert Kronen jammert.
Etwa 25 P – U: 1949 DR – DE: 1950 SDR – 70 Min. – Ü: Fritz Nothardt – ungedruckt
Drei Paare, die einander nicht oder nur flüchtig kennen, geraten nach einer Kinovorstellung mit sentimentalem Liebesfilm in einem Tanzlokal an einen gemeinsamen Tisch. Es sind: ein etwa fünfzigjähriger saturierter Rechtsanwalt mit Frau, ein strebsamer dreiundzwanzigjähriger Jurastudent mit seinem Mädchen, das erst seit kurzem im Anwaltsbüro als Büroanfängerin tätig ist, und ein ältlicher, halbseidener Kavalier mit etwas krimineller Vergangenheit und einer schon lange engagementlosen Schauspielerin als Gefährtin. Die sechs Menschen tanzen abwechselnd miteinander, und dabei bemühen sich der Rechtsanwalt und der ältliche Kavalier in der peinlichen Art überreifer Liebhaber um das achtzehnjährige Mädchen. Ebenso bemüht sich die Schauspielerin – erst um den Rechtsanwalt, dann um den Studenten. In Gesprächen im verlogenen Kolportagestil, wie er in Film und Leben heute gang und gäbe ist, fällt stets schnell das Stichwort Liebe, und die ältlichen Herren und die ältliche Aktrice beklagen mit larmoyanter Vertraulichkeit gegenüber den fremden Menschen zielbewußt die angebliche "Hölle" des Lebens mit ihrem derzeitigen Partner. Vor dem Hintergrund des von trivialen Schlagermelodien und -texten durchtönten Amüsierbetriebs spielen sie stümperhaft Tragödie – was fast unfreiwillig komisch, aber auf jeden Fall sehr trist gerät. Danach folgen bei den jeweils zusammengehörigen Paaren melodramatische häusliche Szenen, die zum Glück ohne Katastrophen enden. Innerlich einigermaßen integer gehen aus dem Spiel mit falschen Gefühlen, hinter dem sich Egoismus und Lüsternheit nur allzu sichtbar verbergen, allein das junge Mädchen und die bürgerliche Rechtsanwaltsfrau hervor, die bereits resigniert hat.
6 P, 6 NP – U: 1956 DR – DE: 1958 HR – 60 Min. – Ü: Fritz Nothardt – ungedruckt
Brechts Leben, sein großes dramatisches, lyrisches und episches Werk bedürfen hier keiner Würdigung, sind hinreichend bekannt. Er hat zwei wichtige Funkarbeiten verfaßt: 1929 – als auch andre namhafte Autoren, Bronnen, Döblin, Ehrenstein, Kasack, Reinacher, Schäfer usw., sich für den jungen Rundfunk zu interessieren begannen – entstand "Der Flug der Lindberghs", später umbenannt in "Ozeanflug". (Der Name Lindbergh wurde nachträglich aus dem Text entfernt, als Brecht den berühmten Flieger der Zusammenarbeit mit den Nazis für schuldig hielt. Das Stück ist auch wohl nicht eigentlich als Hörspiel, sondern als Lehrspiel konzipiert, es benutzt auf besondere Weise "Das Radio" als sichtbare Gruppe, die die Elemente, die Chöre, die Wasser- und Motorengeräusche verkörpert, zur Mitwirkung bei öffentlicher Aufführung. Auch besitzt der Text nach Brecht "keinen Kunstwert... wenn man sich nicht daran schult... ist ein Lehrgegenstand".) Als Hörspiel schrieb der Dichter 1940 in der Emigration "Das Verhör des Lukullus". Paul Dessau benutzte es später als Opernlibretto. Als solches löste es 1951 bei der Inszenierung in der Ostberliner Staatsoper eine weitbeachtete Auseinandersetzung zwischen dem Dichter und den Machthabern aus. Brecht änderte das Stück nach den Wünschen des "Ministeriums für Volksbildung" und verdeutlichte den Schluß und den Charakter des Helden, machte beides sozusagen "narrensicher". Diese "amtlicbe" Opernfassung wird jetzt ausschließlich gedruckt. Brecht hat aber den in Westdeutschland mit Recht meistaufgeführten, ursprünglichen Text 1955 für eine Neuinszenierung des NWDR-Hamburg persönlich wieder ausdrücklich sanktioniert.
Radiolehrstück für Knaben und Mädchen
"Das Gemeinwesen bittet euch: wiederholt / Den Ozeanflug des Kapitän Lindbergh / Durch das gemeinsame / Absingen der Noten / Und das Ablesen des Textes. / Hier ist der Apparat / Steig ein / Drüben in Europa erwartet man dich" – so beginnt das Stück. Dann stellt sich der Flieger vor – mit Angaben zur Person und Maschine. Im Verlauf des Spiels (des Flugs) redet er mit Amerika, den Schiffen, denen er begegnet, dem Schneesturm und dem Schlaf, die ihn bezwingen wollen, mit dem Wasser, mit Europa, seinem Motor und der Menschenmenge in Le Bourget; er und seine Dialogpartner bedienen sich der für Brecht typischen freien Rhythmen. Zum Schluß ist alles Entgegenstehende besiegt; nach Ankunft in Europa vereinen sich sämtliche Stimmen zu einem hymnischen "Bericht über das Unerreichbare", das doch erreicht wurde. In der Mitte des Stücks steht als Lindbergh-Solo ein dreiteiliges didaktisches Gedicht "Ideologie". Ihm zufolge kämpft die Vernunft, gleich der dialektischen Ökonomie, gegen das Primitive und die Natur, bis die Vernunft selbst an die Stelle der Natur getreten ist; den von der Unordnung erzeugten Gott liquidiert sie, "es vertreiben ihn die verbesserten Apparate aus der Luft". – Brecht stellt schon in der Nachbemerkung zur ersten Fassung fest: er wolle nicht den Erfolg eines einzelnen "Helden" gegen eine Unzahl von Widerständen zeigen, der Flieger sei nur Exponent des Kollektivs, seine Leistungen seien Kollektivleistungen der Erfinder, der Erbauer, aller Schaffenden. Deshalb müsse der Lindbergh-Part möglichst im Chor (von Schülern, "übend") gesprochen bzw. gesungen werden, obwohl er als Ich-Aussage formuliert ist. Dagegen solle die Vielzahl aller anderen Stimmen nur den einen, anonymen Widerstand der Dinge gegen die Vernunft darstellen, und dies werde am besten durch einen anonymen Apparat repräsentiert, dazu will Brecht "Das Radio" benutzen. Bei der Uraufführung stellte er vor die entsprechende Gruppe der Mitwirkenden einfach ein Schild: "Das Radio". – Brechts theoretische Darlegungen beweisen ebenso wie die weithin zum Singen bestimmten Texte, daß das Werk nicht als Hörspiel, sondern als Schuloratorium gedacht ist. So beruhen Rundfunksendungen als Hörspiel eigentlich auf einem Mißverständnis. Diese Feststellung schließt nicht aus, daß das Stück ohne die überwuchernde Musik, als reiner Text, durchaus auch als Hörspiel aufzuführen und in der (beabsichtigten) Naivität seiner Sprache nicht ohne Wirkung ist.
1 P (gemäß Brecht stilgerecht als CH), 10 NP (heute wohl stilgerecht auf Magnetband) – U: Baden-Badener Musikwoche 1929, erste Rundfunkaufführung wenig später – 25 Min. – AzM: es existiert je eine Vertonung von Paul Hindemith und Kurt Weill – gedr. in Bertolt Brecht, Versuche 1-3, Berlin: Kiepenheuer 1930; veränderte Fassung in allen heutigen Werkausgaben
Eine Art großer Ballade mit Erzählstimmen ("Ausrufer", "Fahle Stimme", "Sprecher des Totengerichts") und mit Chören von Kindern, Zuschauern und Soldaten, die den großen Mann preisen bzw. ironisieren; dazu viele Figuren innerhalb der szenischen Partien. Zu Anfang: Staatsbegräbnis des Lukullus und unterschiedliche Stellungnahmen der Bürger bei Beobachtung des Trauerkondukts. Zusammen mit einem Fries, der die Taten des Feldherrn darstellt, wird der Tote in den Grabbau an der Appischen Straße getragen. Dort tagt ein Totengericht. Doch Lukullus muß zu seinem Ärger warten, weil vor ihm andere an der Reihe sind, z. B. eine alte Frau, die ihn tröstet und beruhigt. Er erbittet als Fürsprecher den großen Alexander, doch der weilt nicht in den Gefilden der Seligen. Da ruft man als Zeugen die Gestalten des Frieses auf: König, Bauer, Bäcker wurden von den Heeren des Eroberers beraubt, die Königin und ihre Mägde vergewaltigt. Umsonst stellt der Angeklagte fest, daß diese Herrscher gleichfalls Unterdrücker waren. Götter, Menschen, Gold, von Lukullus verschleppt, zeugen gegen ihn – besonders jedoch ein römisches Fischweib, deren gefallener Sohn Faber ihr einziger Trost war. Der Totenrichter sagt: "Deine Sache steht schlecht. Hast du keinen Zeugen für irgendeine Schwäche, Mensch? Deine Tugenden scheinen wenig nützlich." Und nun kommt ein Koch, dem der Feldherr wegen seiner Kochkunst Achtung erwies, ferner ein Zeuge dafür, daß Lukullus in einer "Tochterstadt des herrlichen Athen" eine kostbare Bibliothek vor dem Brand rettete, indem er seine Soldaten unter Tränen beschwor, kein Feuer anzulegen, und am Ende spricht ein Bauer, der einen Kirschbaum trägt. In schwärmerischer Zwiesprache verbreiten sich Bauer und Feldherr über die Kirschen, diese köstlichen Früchte, die von den Feldzügen mitgebracht und an den Hängen des Apennin heimisch gemacht wurden. Der Totenrichter zieht das Resümee: "Von deinen Zeugen, Schatte, waren die glänzenden nicht die dir günstigsten. jedoch fanden sich kleine am Schluß... Freilich war selbst für die beste Gabe, den Kirschbaum, die Bezahlung sehr hoch. Leicht hättest du mit nur einem Mann diese Eroberung machen können." Das Stück schließt: "Der Gerichtshof zieht sich zur Beratung zurück." – Die Opernfassung von 1951 (Musik: Paul Dessau) unterscheidet sich von der geschilderten im wesentlichen dadurch, daß die Episode mit der Rettung der Bibliothek gestrichen und der den Machthabern in der DDR zu indirekte Schluß unzweideutig gemacht wurde: das Gericht zieht sich demnach nicht zurück, sondern man hört am Ende den genau zehnmal wiederholten Verdammungsschrei: "Ins Nichts mit ihm!"
Etwa 22 P, ferner CH – U: 1940 (während des Hitler-Einmarsches in Frankreich) SRG – DE: 1949 BR (in der damals noch nicht veränderten Fassung) – 50 Min. – in der ersten Fassung ungedruckt (?), Opern-Neufassung in allen Werkausgaben
Studium in Wien, Kriegsdienst, danach wieder in Wien Warenhausangestellter. 1921/22 trat er, fast zugleich mit dem zeitweilig ihm befreundeten Brecht, in Berlin als Theateravantgardist hervor, der literarische Skandale liebte. Diese Rolle spielte er bis etwa 1927 mit zahlreichen Bühnenwerken. 1929 wurde sein Roman "O.S." zur Sensation, da er Bronnens Schwenkung zur äußersten Rechten brachte. 1945 tauchte er erneut auf, zuerst in Wien, später in Ost-Berlin – als Kommunist, Kritiker und Memoirenschreiber. Bronnen gehörte seit 1928 als Dramaturg zur "Berliner Funkstunde" und blieb auch in der NS-Zeit in vergleichbarer Rundfunkposition, im Krieg als Programmleiter des Fernsehens. Seine Bedeutung für das Hörspiel beruht auf seiner Zusammenarbeit mit den um 1928/29 in Berlin tätigen Schriftstellern, die sich für die junge Kunstform einsetzten: Döblin, Brecht, Gasbarra u. a. – Hörspiele nach eigenen Stoffen hinterließ Bronnen nicht, dagegen eine durch ihre formale Eigentümlichkeit bedeutsame Hörspielbearbeitung von Kleists "Michael Kohlhaas" (1928). Dabei war der Rahmen ein Frage-Antwort-(Ankläger Verteidiger-)Spiel, hierdurch wirkte das Stück wie eine Wiederaufnahme des "Falls" vor der Instanz der Rundfunkhörer. Bronnens "Kohlhaas" erlebte nach 1945 zwei Neuinszenierungen (1958 HR, 1962 NDR). Auf eine Wiedergabe des Inhalts, der im wesentlichen der Novelle Kleists entspricht, wird hier verzichtet.
Kam 1933 in Newcastle (England), wohin seine Eltern gezogen waren, zur Schule, schon 1936 kehrte er mit ihnen wieder in das Zuludorf Msinga und in das Leben des Stammes zurück. Er hütete, zusammen mit anderen Jungen, nach dem Schulunterricht Rinder, jagte Wildkaninchen und Vögel und lauschte abends den Erzählungen am Feuer. Danach ließ er sich als Lehrer ausbilden, wobei er auch Gelegenheit hatte, in der Studentenbühne am College mitzuwirken. 1951 gewann der College-Chor unter Leitung von Buthelezi einen ersten Preis. 1961 gab Buthelezi den Lehrerberuf auf, um am Südafrikanischen Rundfunk zu arbeiten. Außer "Nokhwezi" hat der Autor noch mehrere andere Zululegenden in Hörspielform vorgestellt.
Ähnlich wie das japanische Hörspiel Marathon von Naoya Uchimura wird dieses Zulumärchen bei uns in der Originalsprache gesendet und infolge der ausdrucksvollen Sing- und Spielweise auch verstanden – mit Hilfe einer vorausgeschickten Erklärung oder des übersetzt eingeblendeten Erzählertextes: Während eines Gewitters erzählt der Stammesälteste den angstzitternden Dorfbewohnern unterm Affenbrotbaum eine Geschichte, um sie zu beruhigen. Beim Mannbarkeitsfest umwerben alle Jünglinge nur eine einzige, die Königstochter Nokhwezi; alle andern Mädchen sind sehr eifersüchtig. Leider ist der tapferste Freier, Mdlalakwendoda, auch der ärmste, er kann am wenigsten für Nokhwezi bieten. Die eifersüchtigen Mädchen überreden Nokhwezi nun, am nächsten Morgen zum Schilfschneiden auszuziehen, sie wollen sie in den weit entfernten reißenden Fluß stoßen. Die Königin-Mutter gibt Nokhwezi zum Schutz eine geweihte Halskette mit. Als sich die Mädchen in einem Teich erfrischen, reißt die Kette leider, doch Nokhwezi sammelt alle Perlen und trägt sie nun in der Hand mit. Im Zauberwald, wo es von wildem Getier und von warnenden Vögeln wimmelt, treffen die Mädchen ein altes Weib, das zur Umkehr mahnt. Doch schon naht ihr Mann, ein Ungetüm, ein hungriger Menschenfresser. Weil ihm die Mädchen zwischen seinen Beinen hindurch entwischen, bringt er sein Weib um, deren Blut nun künftig die Frühsonne rötet. Erschrocken stellt Nokhwezi auf dem Weitermarsch fest, daß sie ihre Perlen unweit der Hütte des Menschenfressers liegenließ; sie muß umkehren. Nun frohlocken ihre Gefährtinnen, sie sei tot; der König, Nokhwezis Vater, läßt alle, als sie die schlimme Botschaft überbringen, wegen ihrer Heimtücke töten. Ganz Afrika trauert um Nokhwezi. Plötzlich aber kündet der Morgenstern durch verdoppeltes Licht: Nokhwezi ist nicht tot, sie ist in der Gewalt des Menschenfressers. Mdlalakwendoda bricht sofort auf und erfährt vom sprechenden Honigvogel, der Unhold habe das Mädchen in einen Sack aus Menschenhaut gesteckt und zöge nun mit ihm von Dorf zu Dorf, um den singenden Sack gegen fünf Kannen Bier und ein halbes gebratenes Schwein überall vorzuführen. Der kluge Mdlalakwendoda lockt den Menschenfresser mit der Versprechung nach höherem Lohn ins Zulureich; die Zulus bereiten ein großes Fest vor, als sie den Helden schon von weitem das Lied von der Heimkehr Nokhwezis anstimmen hören. Doch seltsamerweise gibt der Zaubersack vor den Zulus keinen Ton von sich. Ist Nokhwezi etwa erstickt? Nein, heimlich befreit die Königin ihre Tochter, während der Menschenfresser ißt und trinkt, aus dem Sack und tut schreckliches Getier, Skorpione und Schlangen hinein, die den Unhold, als er in der Hütte den Sack öffnet, überfallen und umbringen. Seitdem nisten wilde Bienen in seinem Skelett. Nokhwezi aber wird Mdlalakwendodas Frau.
Ungezählte Gesangs- und Sprechstimmen – U: 1965 SABC – DE: 1966 SWF/BR – 50 Min. – Ü des Erzählertextes: Johann M. Kamps – ungedruckt
Wuchs in Paris auf und erwarb nach Studium an der Sorbonne "Licence et Diplôme de Philosophie". Danach war er als Lehrer für Französisch tätig, und zwar in Sens, Minieh (Ägypten), Manchester, Saloniki, Genf, Brun Mawr, Middlebury und Buffalo. Er bereiste vor allem Afrika und Südamerika. 1964 war er Stipendiat der Ford Foundation. Er ist Romancier und Essayist, als Wortführer des Nouveau Roman lehnt er jedoch den traditionellen Roman ab. Seine "Beschreibungen" oder "Orte" genannten kollageartigen Berichte aus Impressionen, Stimmen und "Notizen" haben formal eine auffällige Verwandtschaft mit gewissen Formen, die wir nach dem Kriege im englischen Rundfunk unter dem Begriff "Feature" kennengelernt haben und die bei uns seit Ende der vierziger Jahre Ernst Schnabel u. a. pflegten. So lag der Schritt zu featureartigen Hörspieltexten nahe, wie sie Butor im Auftrag des SDR schrieb. – Der Autor lebt in Paris.
Dieses Hörspiel ist exemplarisch für eine Grundtendenz im Werk Butors, die Sehnsucht nach möglichst vollständiger Erkenntnis der Wirklichkeit durch systematische Versuchsanordnung: um den ganzen Globus ist ihr Gitternetz gespannt, in zeitlicher und räumlicher Allgegenwart. Geographische Orte geben Anhalte: Paris als Startplatz der beiden Maschinen, die in entgegengesetzter Richtung das gleiche Ziel anfliegen, nämlich Nouméa auf Neukaledonien im Pazifik – sozusagen als gegenüberliegenden Flugpol. Die beiden Luftreisen ergeben, da die eine über Amerika, die andre über Asien führt, zusammen ein nahezu weltumgreifendes Gefüge. Doch sind dies nur zwei Langstreckenflugzeuge von zehn über die ganze Erde verteilten, aus denen im Hörspiel Gesprächselemente eingeblendet werden. Fast gleichzeitig spricht man von Dämmerung und strahlender Sonne, von der tiefen Nacht über dem eben in Schlaf gesunkenen Teheran und von dem am Horizont aufsteigenden Morgenlicht. Die Tagesfolge ist aufgehoben, die Zeit relativiert. Relativiert sind auch die Personen; sie werden von zehn Stimmen dargestellt, die für alle zehn Flugzeuge zuständig sind, fünf Männern und fünf Frauen. Das junge Paar in Flugzeug 1 (der Mann hat sich grade als Lehrer nach Nouméa verpflichtet) und das ältere in Flugzeug 2 (das diesmal die andre Route genommen hat, weil es Nouméa schon zu oft über Asien anflog) wird von den gleichen Sprechern repräsentiert. Jedes Paar spricht jeweils einen Dialog, der sechs Repliken umfaßt. So gleichen die Dialoge zunehmend den Strophen eines Gedichts, und die individuellen Spuren der Gespräche verlieren sich, ehe sie recht greifbar werden. Für das Paar etwa, das sich im Flugzeug kennenlernt (sie, die Kanadierin, hatte ein Stipendium in Poitiers, er, Franzose, fliegt zum Studienaufenthalt nach Montreal), endet der Flug, ehe über die ausgetauschten Informationen hinaus die vagen Verabredungen Gestalt gewinnen. Zurück bleibt die Neugier des Hörers auf das, worauf die beiden sich aufmerksam machten: auf den Winter in Quebec und die Felsenküste der Gaspé-Halbinsel. Auch bei den übrigen die üblichen Reisegespräche: über die Verwandtschaft, über frühere Reisen, über das, was man erwartet. Eine Frau strickt unentwegt, andre lesen Zeitungen und trinken Tee. All das sind nur kleine Manöver, um das große Manöver des Flugs, den Raum und die Zeit banalisierend, zu bewältigen. Beherrschend ist die Flugbewegung und das Panorama, das durch sie ins Blickfeld rückt, undifferenziert und gerade deshalb universale Neugier anregend. – Offenbar sind der den Globus umgreifende Rundfunk und der globale Flugverkehr Ausdruck eines gleichen universalen Weltgefühls. Es ist sehr interessant, unter diesem Gesichtspunkt Butors Rundfunktext mit den rund anderthalb Jahrzehnte früher entstandenen Flug-Features des Deutschen Ernst Schnabel zu vergleichen.
10 P – U: 1962 ORTF – DE- 1962 SDR/NDR – 105 Min. – Ü: Helmut Scheffel – Druck: Neuwied: Luchterhand 1965
Der "Étude stéréophonique" genannte Versuch, das komplexe Phänomen der Niagarafälle bis in die privaten Reflexe der Besucher darzustellen, hat keine Fabel im üblichen Sinn und kann deshalb auch nicht nacherzählt werden. Butor hat mehrere Sprach- und Klangebenen, die er sich in sieben verschiedenen "Lautstärken" vernehmlich gemacht wünscht, so ineinander montiert, daß bei einer rhythmisch formierten Inszenierung ein akustisch-semantischer Strom entsteht, der alles mitführt, was im Umkreis der Niagarafälle zu benennen und zu hören ist. Ein Leser bringt, indem er die berühmten Schilderungen Chateaubriands (er besuchte 1791 die Fälle) liest, sozusagen das Urphänomen zur Erscheinung. Geschildert wird, was die Katarakte so heftig macht, die Form der Wassermassen in den einzelnen Teilen, die Lichtspiele der aufgewirbelten Dunstschwaden, Felsen, Fauna und Flora. In kurzen und längeren Wiederholungen ziehen sich diese Texte leitmotivisch durch das ganze Hörspiel. Dazwischen führt ein Sprecher, eine Art Reiseführer, als Informant durch das um "die Fälle" entstandene zivilisatorische Exterieur. Er nennt Autos und Ausrüstungsgegenstände, mit denen die Besucher von allen Punkten der Vereinigten Staaten anreisen, beschreibt Straßen, Motels und Hotels, besonders aber die Unzahl von Andenken, die zum Verkauf stehen, alle mit "den Fällen" bedruckt, und berichtet über Attraktionen und Veranstaltungen. Er folgt der Schar der touristischen Pilger, die, in goldgelbe Gummimäntel gekleidet, auf Flußdampfern, in Fahrstühlen und über klitschnasse Pfade bis hinter die mächtige Wand des herabstürzenden Wassers vordringen. Er registriert aber auch die verrinnenden Stunden-, Tages- und Jahreszeiten und die Personen. Ungewöhnlich viele Stimmen nennt das Personenverzeichnis, es sind meist Paare, die hier Liebe finden oder ihren Honigmond erneuern wollen, aber auch Einsame und Gruppen. Dies soziographische Spektrum von individuellen Äußerungen vermischt sich mit konkreten und symbolischen Geräuschen zu einer radiophonischen Widerspiegelung, zum Feature der Niagarafälle.
47 P – U=DE: 1965 SDR/NDR – 90 Min. – Ü: Helmut Scheffel – ungedruckt
Von Beruf Diplomat und zur Zeit Generalkonsul Brasiliens in Barcelona. Er hat zwischen 1942 und 1966 ein Dutzend schmale Lyrikbände veröffentlicht, 1956 die Funkdichtung "Morte e Vida Severina", mit deren Bühnenaufführung die Theatergruppe der katholischen Universität São Paulo bei dem "Weltfestival der Universitätstheater" im Sommer 1966 in Nancy den ersten Preis errang. Eine Gesamtausgabe seines dichterischen Werks erschien in Rio de Janeiro 1968.
Ein pernambukanisches Weihnachtsspiel in z. T. gereimten Versen, die ein wenig an die Sprache Brechts erinnern, und in Wechselgesängen. Es werden die Stationen dargestellt, die Severino auf seiner Flucht aus dem dürren Hinterland, dem Sertão, an die Küste durchwandern muß; jede Station ist mit einem charakterisierenden Motto überschrieben. – Severino ist einer von vielen Severinos. Er hat nicht einmal einen Namen für sich allein, kein eigenes Schicksal und keinen eigenen Tod. Im Sertão sterben die meisten, bevor sie zwanzig oder dreißig sind – immer denselben Severino-Tod, den Hungertod. Dieser Severino versucht vor ihm zu fliehen, wohin schon viele Severinos geflohen sind: an die gelobte Küste mit der Hoffnung auf Arbeit und Brot. Zunächst begegnet der Landflüchtige zwei Männern, die in einer Hängematte einen Toten tragen. Ihn traf aus dem Hinterhalt eine Kugel – nur weil er einen winzigen Flecken eigenes Land besaß; jetzt muß er wenigstens nicht mehr nach Hause zurück, nicht mehr ins Elend. Severino löst den einen der Totenträger ab, der Friedhof von Torritama liegt auf seinem Weg, und es ist nun nicht unbedingt ein trauriger Weg, die Menschen leben in einer Art Todeseuphorie und feiern freudig jeden, der hinübergegangen ist. Danach fürchtet Severino, sich zu verirren, denn sein Führer, der Fluß, ist von der Sonne ausgetrocknet. Severino hat zwar zu Hause die Orte auswendig gelernt, die er durchwandern muß, aber dazwischen gibt es blanke Landstriche, die von Tier und Pflanze entblößt sind. Erschöpft sucht der Wanderer, endlich wieder in belebteren Gegenden, Arbeit. Aber Männer, die von der Landwirtschaft etwas verstehen, sind nicht gefragt, sie sind nicht unterzubringen. Zum Glück kennt er die Gebete und Litaneien zum Aussegnen Verstorbener. Nur am Tod, am Hungertod, ist hier noch zu verdienen. Später, in der Urwaldzone, darf Severino dafür desto fruchtbareren Boden bewundern. Hier müßte man pflanzen und säen! Leider gehört alles Land ringsum nur Großgrundbesitzern. So beschleunigt Severino also seinen Schritt, um endlich an die gelobte Küste zu kommen. Als er jedoch nach vielen Entbehrungen und Enttäuschungen ans Meer gelangt und sieht, daß die arme Bevölkerung von Recife nicht besser dran ist, sondern hungernd in den Lehm- und Pfahlhütten der Lagune ein klägliches Leben fristet, will er sich verzweifelt von einer Brücke ins Wasser stürzen. Aber beim Anblick eines Neugeborenen in einer elenden Herberge kommt ihm plötzlich etwas wie eine Erinnerung – und vor allem wieder Mut zum Leben, auch wenn es nur ein Severino-Leben ist.
13 P, 10 NP, FrauenCH – Laienspiel – U: 1966 São Paulo, Hörspiel – U: 1967 NDR/WDR – 45 Min. – Ü: Curt Meyer-Clason – ungedruckt
Sohn eines elsässischen Handwerkers und einer Spanierin, studierte Philosophie in Algier und wirkte dann bei verschiedenen Theaterunternehmungen und Tourneen als Schauspieler, Regisseur und Autor. Während des Krieges war er Journalist, zunächst in Algier, dann in Paris, 1941 trat er der Résistance bei. Nach der Befreiung wurde er Chefredakteur der bis dahin illegalen Zeitung "Combat". 1947 Prix des Critiques, 1957 Nobelpreis. 1960 verunglückte Camus tödlich. – Die Prosa und die Stücke des Dichters sind bekannt. Fast unbekannt dagegen ist, daß Camus auch eine Rundfunkarbeit – eher ein Feature als ein Hörspiel – schrieb: "Les Silences de Paris" (künstlerische Mitarbeit und Dokumentation: Nicole Vedres).
Der Text besteht im wesentlichen aus einer Erzählung im Imperfektum: Reminiszenzen eines Pariser Bouquinisten an die Zeit der deutschen Besatzung. "Es gibt da Leute, die jetzt versichern, es sei eine gute Zeit gewesen... Die große Herde findet die Suppe immer gut. Aber es war weder eine gute noch eine schlechte Zeit. Es war die Aufhebung der Zeit... Man hat uns in den Ohren gelegen damals. Wir hätten einiges darum gegeben, taub zu sein... Unsre Eliten hörten nicht auf, über die Grenzen hinweg zu brüllen und Erklärungen abzugeben... Am Himmel ein gewaltiger Lärm von Flugzeugen, Sirenen, Radios und Lügen... Ich weiß, daß es eine Zeit für das Ohr war. Es galt..., sich eine akustische Moral zuzulegen. Gut war, was schwieg. Was schlecht war, hörte man von weitem ohne Unterlaß, tagein, tagaus." – Dieses Schlechte (allerlei Geräusche und Lärm, Singen und Marschtritt deutscher Patrouillen und französischer Miliz, Gehupe und Leerlauf von Motoren auf verstopften Brücken, Reden Petains und Churchills, Worte Hitlers und Mussolinis, BBC-Pausenzeichen und wieder Rundfunkreden und -durchsagen, dazu Stimmen hungriger Frauen und Männer in Einkaufsschlangen und beim Essen, Metro- und Eisenbahnlärm usw.) – dieses Schlechte klingt immer wieder durch die Stille, durch das Schweigen des eigentlichen Paris. "Es gab nur noch die kleinen Stimmen... und das große Orchester der Macht" – bis auf einmal "selbst die Pflastersteine zu brüllen" begannen und alle und alles ringsum zu schreien anfing, die Glocken von Sankt Ambrosius, Straßenkämpfe, Panzerrasseln und schließlich die Stimme von Camus im Rundfunk: "Hier spricht Paris, hier spricht Paris."
Etwa 8 P – U: 1949 ORTF – DE: 1963 HR/RB – 45 Min. – Ü: Guido Meister – gedr. in Spectaculum. Texte moderner Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1963
Finnland-Schwede französischer Abstammung, schreibt schwedisch. Ehe er sich als freier Schriftsteller in Helsinki niederließ, war er Lehrer. Seit 1950 unterrichtet er wieder an einem Gymnasium und an einer Schauspielschule Psycho1ogie. Er ist Vizepräsident, war lange Präsident des finnischen Schriftstellerverbandes. Sein Werk umfaßt viele Romane (die Trilogie "Das Mädchen Miriam" erschien auch deutsch), ferner Bühnenstücke, Hörspiele, Fernsehspiele und Filmdrehbücher. Mit acht übersetzten Hörspielen gehört Chorell zu den meistgesendeten skandinavischen Rundfunkautoren in Deutschland. Titel neben den referierten: "Vor dem Wort", "Fieber", "Die Stimmen", "Ergrauter Eros", "Andrea Sölverne" und "Die Flaschenjule".
Zwei vom Tode Gezeichnete liegen im Krankenhaus in einem gemeinsamen Krankenzimmer. Derjenige von beiden, der dem Tode am nächsten ist, hat das Bett am Fenster bekommen, er kann hinausschauen in die Welt. Der andre, dem beide Beine amputiert sind, genösse ebenfalls gern diesen tröstlichen Blick. Darum quält er seinen Zimmergenossen, beneidet ihn und will von ihm immerfort erzählt haben, was draußen zu sehen ist. Der Todkranke berichtet mit großer Geduld – von einem Baum, der vorm Fenster stehe, von der Begegnung zweier Menschen unter diesem Baum und von den Vögeln, die ihr Nest in die Zweige gebaut haben. Der Amputierte ist von diesen Schilderungen nicht befriedigt, er verlangt erbarmungslos, daß die Betten getauscht werden und daß auch er einmal ans Fenster kommt. Ehe es so weit ist, stirbt der Zimmergenosse jedoch. Und nun wird also endlich der andere hinausschauen. Voller Sehnsucht nach der Fülle des Lebens, die er wiedersehen will, hebt er den Blick – und sieht nichts als eine nackte, kalte Mauer.
2 P – U: 1948 OY, Helsinki, Schwedisches Programm – DE: 1951 SDR – 25 Min. – Ü: Rita Öhquist – ungedruckt
In diesem Stück gibt es keine festgefügten Szenen und keine Dialoge, die mehr als ein paar Repliken umfassen. Die drei Personen – Vater, Sohn und das Mädchen Marta – wechseln in fließenden Übergängen ihre Funktionen und die Erzählperspektive. Sie sind Gesprächspartner und Erzähler, sie monologisieren und wenden sich direkt an den Hörer. – Der angehende Architekturstudent Henrik, von einer Studienreise in die heimatliche Kleinstadt zurückgekehrt, beschreibt ein Bild von Chagall. Am Himmel über dem stillen russischen Flecken Witebsk mit seinen vielen armseligen und wenigen vornehmen Häusern liegt eine nackte junge Frau. Sie wendet dem Betrachter den Rücken zu und weint, "weint vor Scham... als wäre die ganze Stadt ihr Bett". Für Henrik ist diese Frau die Hausgehilfin Marta, deren Dienstergebenheit er vor seiner Abreise ausnutzte, indem er sie verführte. Henriks gescheit-unbekümmerte Deutungen des rätselvollen Bildes treffen unbewußt einen Sachverhalt, den er nicht kennen kann, den Henriks Vater aber mit den Worten kennzeichnet: "Ich warne Euch, Zuhörer! Dies ist die Geschichte eines Verbrechens." Nach Henriks Abreise wurde Marta nämlich die Geliebte des Vaters, eines Porzellan-Flickers, der am Tod seiner Frau nicht ganz unschuldig war und die Verführung Martas durch seinen Sohn in qualvoller Einsamkeit beobachtet hatte. – Henriks Interpretationen des Chagall-Bildes steigern die Beschämung des Vaters und des Mädchens über ihr Verhältnis. Sie wagen nicht, Henrik, den die abweisende Haltung Martas befremdet, die Wahrheit einzugestehen – bis die Situation unerträglich wird und sie beschließen, Henrik durch ein bereitgestelltes Getränk zu vergiften. Das Verbrechen gelingt, ohne daß jemand Verdacht schöpft. Doch die magische Bedeutung des Bildes überträgt sich auf das stille, immer noch von Abhängigkeit gegenüber dem "Herrn" gekennzeichnete Verhältnis des Mörderpaars. Dem Vater gelingt seine Arbeit nicht mehr, das Mädchen muß Anspielungen wegen ihrer Schwangerschaft ertragen. Endlich richten Marta und der Vater die Wohnung für eine längere Abwesenheit her, kleiden sich festlich und gehen – zum erstenmal gemeinsam in der Öffentlichkeit des Städtchens – zur Polizeiwache, um sich zu stellen.
3 P – U: 1962 OY, Helsinki, Schwedisches Programm – DE: 1963 SDR – 45 Min. – Ü: Tabitha von Bonin – ungedruckt
Abitur 1954, 1958 Lehrerinnenexamen. 1962/63 debütierte sie mit den Gedichtsammlungen "Lys" ("Licht") und "Graes" ("Gras"), 1964 erschien ihr Roman "Evighetsmaskinen" ("Perpetuum mobile"), in dessen Symbolwelt religiöse Motive verschlüsselt sind. Das Hörspiel "Spiegeltiger" entstand, ebenso wie die beiden folgenden, "Angekleidet um zu überleben" (1967) und "Ein unerhörtes Spiel" (1968), als Auftragsarbeit des dänischen Rundfunks. – Inger Christensen ist mit dem dänischen Lyriker Poul Borum verheiratet.
Der Titel des Stücks läßt sich nicht leicht erklären, es sei denn, man begnüge sich mit der Feststellung, daß Tiger, die nur im Spiegel erscheinen, nicht beißen. – Ein Ehepaar im mittleren Alter sitzt beieinander. Gemeinsam erinnert man sich, wie das Zusammenleben beide Partner seit langem anödete, wie sie nur beieinandersaßen, aßen und unreflektiert über alles und jedes redeten und wie sie deshalb unlängst beschlossen, nur noch klar und gezielt zu handeln und zu reden. Sie hatten sich vorgestellt, auf der Basis objektiver Bewußtheit müsse Kommunikation zustande kommen können, und deshalb beschlossen, verschiedene "Spiele" zu erfinden, die sie durch Benennen dessen, was vor ihren Fenstern vorgeht, in Kontakt mit "den andern" und miteinander bringen sollten. Heute nun beginnt der Mann das Spiel. Er besteht darauf, nur das für relevant zu halten, was er sich ausdenkt, die Frau dagegen beschreibt minuziös, was wirklich vorgeht. Sie einigen sich auf eine Art metaphorischen Dialog, der ihnen auch die körperliche Kommunikation erleichtern soll, doch der Versuch mißlingt. Danach glauben beide, "Gespräch" nur durch gegenseitiges Vorlesen verschiedener Texte verwirklichen zu können. Doch auch diese Bemühung scheitert, und so versuchen sie es noch einmal mit Metaphorik. Aber zu körperlicher Befriedigung, zu einem Ineinsfallen von Sprechen und Tun, kommt es wieder nicht ganz, alles bleibt eine enttäuschende Vergeblichkeit. Der Satz aus einem Märchen, den die Frau unentwegt repetiert, mag vielleicht als Schlüssel dieser immer schon im Ansatz verhinderten Bestrebungen gelten: "Sie wurden in Spiegel eingeschlossen, und es wurde ihnen auferlegt, die Handlungen der Menschen wie in einem Traum zu wiederholen."
2 P – U: 1966 DR – DE: 1967 NDR/SDR – 65 Min. – Ü: Walter Kolbenhoff – ungedruckt
Verließ 1949 seine Heimatstadt und studierte in Belgrad Philosophie. Dort schloß er Freundschaft mit Miroslav Belovič, der 1962 Intendant des jugoslawischen Dramaturgischen Theaters wurde und Čirilov zu dessen künstlerischem Leiter ernannte. Belovič und Čirilov schrieben gemeinsam mehrere Bühnenwerke, Čirilov vor allem Hörspiele. Das hier beschriebene und neuerdings auch das Hörspiel "Der Selbstmörder" (1966) wurden als einzige Funktexte ihres Autors auch ins Deutsche übersetzt.
Drei durch einen "Sprecher" verbundene Szenengruppen, drei Artistenschicksale. 1. Die Geschichte eines Seiltänzers. Beim Abendessen im Hotel, am Tag, ehe er auf dem über die Straße gespannten Hochseil seine Kunst ausüben will (wie immer ohne Netz), meldet sich bei ihm am Tisch eine junge Dame, eine Berufskollegin, offensichtlich nahezu verhungert. Doch schlimmer sei, daß sie aus Partnermangel seit langem nicht hätte auftreten können, "jahrelang sinnlos auf der Erde herumkriechend", "gefesselt an die Niedrigkeit der Welt". Sie bringt es dahin, daß der einsame Artist sie sofort liebgewinnt und sie ohne Probe am nächsten Tag aufs Seil mitnimmt. Dort kann er sie im letzten Augenblick vor dem Absturz greifen und retten. Sie war noch nie auf einem Seil, sondern ist Schülerin des städtischen Gymnasiums, die lediglich ihren Freundinnen mit diesem Experiment imponieren wollte. Der Artist resümiert melancholisch, niemals sei er einer Frau mit so wunderbarer Phantasie begegnet. 2. Ein Wahrsager und ein Mann mit singender Säge sind gemeinsam auf Tournee. Wie in jeder neuen Stadt sucht der Wahrsager mit Sehnsuchtsblicken "die Auserwählte". Endlich spricht ein junges, schönes Mädchen die beiden an. Die beiden? Nein, offensichtlich den bescheidenen ältlichen Mann an der Säge, der sich, weil er um seines Gefährten willen möglichst viel Herz in sein Spiel legen wollte, eben an seinem Instrument die Hand blutig geschnitten hat. Dennoch scheint der Wahrsager mit Hilfe seiner Kunst das Mädchen überreden zu können: er sei der "Wanderer", auf den ihre Handlinien als auf ihren Lebensbegleiter hinweisen. Am Ende aber flieht dann das Mädchen doch gemeinsam mit dem demütigen und bescheidenen Musikanten. Freilich gesteht sie ihm unterwegs, sie sei nicht um seinetwillen geflohen, sondern vor einem Leben, das ihr "vom Schicksal aufgezwungen" werden könnte. 3. Der greise Messerwerfer trifft nach ungezählten Jahren zufällig die alte Partnerin wieder, die ihn einst, wohl wegen eines andern, verließ. Die beiden blicken sich versunken an, so als wollten sie sich selbst und die vergangene Zeit in ihren runzligen Gesichtern wiederfinden. Der alte Mann kommt auf den Gedanken: er möchte sich und die Zuneigung der Gefährtin noch einmal in einem Versuch bestätigen dürfen. Ob sie sich für ihn auch jetzt wieder vor das Brett stelle, wenn er mit seinen scharfgeschliffenen Messern nach ihr werfe und auf dem Brett mit den Klingen die Konturen ihres Körpers nachzeichne? Diese Klingen "werden unserm Leben neue Hoffnung geben". Als die alte Frau sich bedenkenlos bereit erklärt, gesteht er ihr, daß er seit langem vollständig blind ist.
8 P, 4 NP – U: 1960 JRT, Belgrad – DE: 1961 NDR – 50 Min. – Ü: Milo Dor – ungedruckt
Als Sohn eines Kaufmanns im Quartier des Halles absolvierte er das Lycée Louis Le Grand und wurde dann Journalist. In dieser Eigenschaft entdeckte er den Film, wo er zuerst als Darsteller fungierte, jedoch sehr schnell auf die andere Seite der Kamera überwechselte. Als erster Film unter seiner Regie entstand 1923 "Paris qui dort". Seitdem ist sein Name mit der Geschichte der Filmkunst eng verbunden. Anfang der dreißiger Jahre – "Le Million" (1931), "Le Quatorze Juillet" (1932) usw. – besaß er Weltruhm. Weniger bekannt ist, daß er auch Hörspiele schrieb. Sein Hörspieltext nach Théophile Gautier "Une Larme de Diable" (zusammen mit Jean Forest, s. d.) gewann 1951 den Prix Italia. Als Rene Clair 1962 in die Académie Française gewählt wurde, sagte er in seiner Antrittsrede: "Je ne suis qu’un monteur d’ombres."
Der "Spielleiter", der Magier, der die Figuren ruft, zaubert zuerst den Dichter Théophile Gautier herbei, der "auf der vollkommensten Bühne, die es gibt, auf der alle Wunder und Märchen Ereignis werden können, auf der Bühne der Einbildungskraft", eine "universelle Komödie" verspricht, "die Himmel und Erde umspannt". Zuerst die Erde. Dort leben zwei reizende Mädchen von so großer Frömmigkeit, daß sie in Gesellschaft ihrer in sie verliebten Schutzengel immer nur Chorröcke und Paramente sticken; ihre Verführung erscheint daher unmöglich. Dann der Himmel. Dort tritt vor die Throne des lieben Gottes und der Jungfrau Maria wieder einmal der Satan, um zu wetten – diesmal um die zwei Mädchen. Und nun die Verführungsversuche: beim Morgengebet, auf der Straße, in der Messe, wo Blancheflor eine illustrierte Liebesfibel als Meßbüchlein untergeschoben erhält und wo der heilige Bonaventura aus dem Kirchenfenster rechtzeitig seinen Schatten warnend über Alix wirft, und schließlich in der alterprobten Rolle des Teufels gegenüber jungen Mädchen – als Galan, der die Eitelkeit anstachelt und jeder der zwei Schwestern gleichzeitig vorgaukelt, nur sie sei die Erwählte. "Ich kenne kein ermüdenderes Geschäft", sagt er dabei spöttisch, "als sich verliebt zu stellen, wenn man es gar nicht ist. Genauso gern wäre ich ein Mietpferd." Doch wie unter seinen Anstrengungen, Liebe zu wecken, sogar Schnecken den Rosen und Lehnstühle den Schaukelstühlen Liebeserklärungen machen, so gelingt es ihm schließlich auch, daß Blancheflor als erste wankend wird. An dieser Stelle greift nun der Spielleiter wieder ein. In der Besorgnis, daß die Geschichte langweilig werden könnte, wirft er nämlich Monsieur Gautier vor, wie künstlerisch ungeschickt es gewesen sei, zwei Mädchen zu erfinden: die Verführungshandlung, "wenn man hier von einer Handlung reden kann", müsse das gleiche Geschehnis ja dadurch zweimal enthalten. Und in der Tat unternimmt Satan den bei Blancheflor so bewährten Versuch nun bei Alix noch einmal. Doch da geschieht etwas Seltsames: die liebliche Alix leistet dem Satan keinerlei Widerstand, sondern, von ihm "zugleich geschreckt und gefesselt", erkennt sie seine ganze Armseligkeit und empfindet liebevoll Mitleid, so daß er, kurz bevor die ausgemachte Zeit der Wette verstreicht, eine Träne der Rührung vergießt. Eine Träne des Teufels, ein wahrhaft heilsgeschichtliches Ereignis! Gott wird ihn dafür auf Bitten der Maria vermutlich in ein paar hunderttausend Jahren erlöst in den Himmel zurückkehren lassen.
9 P, 25 NP – U: 1951 ORTF – DE: 1953 NWDR-Hamburg/SDR – 60 Min. – Ü: Walter Andreas Schwarz – ungedruckt
Stammt aus einer Theaterfamilie, Stückeschreiben lag ihm im Blut. Er ging nach Schule und Militärzeit an eine Provinzbühne. Seit etwa 1960 schreibt er (neben Kriminalromanen, von denen er nicht gern spricht) vorwiegend Hörspiele. Außer den beschriebenen: "Der Musikpavillon", "Der Leuchtturm", "Der Köder" ("The Real People") u. a., von denen die meisten auch bei uns gesendet wurden. – Er lebt in Devon.
Major Basset und seine "Haushälterin" Agnes Gurd spielen Karten. Agnes mogelt, und der Major warnt sie, man müsse die Regeln einhalten: "Das ist ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Zusammenlebens." Irritierend ist dabei, daß dicht neben den beiden Alten auf der Landstraße Autos durch den strömenden Regen fahren. Unabsichtlich stößt Agnes gegen eine Hupe – und allmählich erfährt man, daß das seltsame Paar in einem uralten geräumigen Autowrack lebt, das seit neun Jahren nahezu an der gleichen Stelle parkt. Zur Abwechslung wetten sie, welches die Marken der draußen vorbeifahrenden Wagen sind. Doch da Agnes stets auf einen mittlerweile nicht mehr existierenden "Potchkiss" wettet, steht sie schließlich mit siebentausend Pfund beim Major in der Kreide. Das "menschliche Zusammenleben" der beiden, das sich nach den Regeln traditioneller Standesunterschiede abspielt, könnte nicht irrealer sein; dennoch glaubt der Major, daß gerade sie die Realität verkörpern, die Insassen der vorbeifahrenden Autos aber nur auf die Scheiben gemalt sind. "Wirkliche Menschen existieren nicht." Agnes’ Bedenken ("Vielleicht bin ich auch kein wirklicher Mensch...") werden lapidar entkräftet: "Hör doch nur, wie wir miteinander reden – wir existieren, verlaß dich drauf." Allerdings dringen nun doch reale Stimmen in diese so isolierte irreale Welt ein. Freundlich kündigt ein Polizist dem Major an, leider müsse sein Wagen demnächst als Verkehrshindernis abgeschleppt werden. Der Major sagt, trotz des Regens, widerwillig zu, seine neunjährige Rast demnächst zu beenden, und läßt zur Probe den Motor gewaltig aufbrausen. Der Polizist hört freilich nichts; für ihn regnet es auch nicht. Plötzlich kommt ein junger Vikar und bittet – vergeblich – um die Hand von Bassets Tochter Jasmin, von deren Existenz auch Agnes nichts wußte. Als aber eine alte Bekannte des Majors aus der Kolonialzeit, Lady Shelmerdine, vorfährt – in einem "Potchkiss" – und für den Vikar wirbt, stimmt Basset der Heirat zu, obwohl auch der Vikar an der Fahrtüchtigkeit des Wagens zweifelt. – Kaum sind die beiden alten Schicksalsgenossen wieder allein, erscheint ein Trödler, der das schrottreife Auto kaufen will, bevor der Abschleppwagen kommt. Der Major aber handelt dem Mann statt dessen ein Grammophon ab, das er später mit dem Wagen bezahlen wolle. Während Basset und Agnes nach alten Platten tanzen, rollt der Abschleppwagen vor. Die Arbeiter können allerdings keine Menschen in dem Haufen Schrott entdecken.
2 P, 6 NP – U: 1961 BBC – DE: 1962 RIAS/SWF – 50 Min. – Ü: Ruth und Hanns A. Hammelmann – gedr. in Spectaculum. Texte moderner Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1963
Mrs. Caroline Beaumont ist eine selbst für englische Begriffe etwas exzentrische alte Dame, die den Kopf voll skurriler Theorien hat, das Haus voll Katzen und jeden einzelnen Raum so voll Möbel, daß man die Wände kaum noch sehen kann. Zu ihren Theorien gehört zum Beispiel die Notwendigkeit eines wohlklingenden Familiennamens für eine gute Ehe, die unzähligen Katzen dienen der Gesellschaft, und die Möbel sollen, so gut es geht, die gähnende Leere füllen, die der Beaumont-Gatte bei seinem Hingang hinterließ. – Einen wohlklingenden Namen haben Harvey und Millicent Wimple ("Pickel") nun eigentlich nicht, da sie aber versprechen, alle Möbel stets gut abzustauben, dürfen sie zwei Zimmer billig bei Mrs. Beaumont mieten. So gutwillig die jungen Leute gegenüber den Schrullen der Alten sind: deren Präsente in Form weiterer unbrauchbarer Möbel und die ständigen Attacken der hungrigen Katzenmeute auf ihre Vorräte nötigen sie zu Gegenmaßnahmen. Zuerst fangen sie die Katzen einzeln und schmuggeln sie heimlich in einem Papageienkäfig aus dem Haus. Dann zerhacken sie den Möbelüberschuß und lassen das Holz in Form von Geschenkpaketen an Neffen und Nichten verschwinden. Dafür muß ihnen eines Tages sogar Mrs. Beaumont danken: als nämlich die Polizei Wind bekommt, daß die Dame Beaumont Möbeltransporte abfängt, die für ein Altersheim bestimmt sind. Dabei hilft ihr ein pensionierter Major, der die Möbel-Sammelaktion durchführt. Die haussuchende Polizei fahndet ausgerechnet nach den Stücken, die die Wimples zerkleinert haben. Mrs. Beaumont ist deshalb ganz Reue und Rührung über diese "Rettung", und so machen die jungen Leute mit der Alten und einem Rest von vier Katzen ihren Frieden.
5 P – U: 1961 BBC – DE: 1964 WDR – 50 Min. – Ü: Ruth und Hanns A. Hammelmann – ungedruckt
Zwei schrullige alte Damen, wie sie im englischen Unterhaltungshörspiel zu Hunderten mit ihren echten und eingebildeten Vergangenheiten auf mehr oder minder gutem Fuß leben, die Schwestern Henrietta und Flora, machen einander den lieben langen Tag schwer. Die resolute Flora stimmt herzzerreißend falsch das Klavier; Henrietta – sehr zerbrechlich, in ihrer Einfalt aber noch Reste früherer Intelligenz bewahrend – spielt ausgiebig die Rolle der von der Pflegerin Verfolgten. Doch auch, wenn sie unter dem Tisch sitzt, ist sie sich bewußt, daß "Würde etwas Innerliches ist, eine geistige Haltung, keine körperliche". Plötzlich macht Henrietta ihre Schwester darauf aufmerksam, was für einen Tag sie heute mit so unnützem Tun vertrödeln: Vor genau siebenundzwanzig Jahren ist Henriettas Verehrer Bamford für immer abgereist, und seit siebenundzwanzig Jahren gehen die Schwestern an diesem Tag stets zum Bahnhof, um in einem Spiel das Endgültige nicht ganz so endgültig sein zu lassen. Bevor sie aufbrechen, erscheint allerdings ihr junger Untermieter und bittet um einen Rat. Statt einer Antwort muß er sich Henriettas Theorie anhören, derzufolge Bamford nicht zurückkam, weil Flora den Abschiedsmoment im Foto "verewigte". Auf dem Bahnhof angekommen, nimmt Henrietta – das Foto in der Hand – genau die damalige Abschiedsposition an der Bahnsteigkante ein. Und siehe da: der Zug mit Bamford läuft (in ihrer Fantasie) rückwärts in die Halle. Henrietta und Bamford (mit der Stimme des Untermieters) wiederholen nun die Abschiedsrepliken von damals in umgekehrter Reihenfolge, vom Einsteigen in den Zug angefangen bis zum damaligen Betreten des Bahnhofs. Das Spiel scheitert mehrmals, weil Bamford die Worte nicht findet (und nicht finden kann), die es Henrietta ermöglichen, immer noch auf Bamfords Heimkehr in ihre Arme zu hoffen. Endlich aber meint Henrietta, solche Worte doch zu hören. Sie verdrängt die Erkenntnis, daß Bamford abreiste, weil er sich weder für Henrietta noch für Flora entscheiden wollte, und der Abschied kann nun wieder "vorwärts" bis zum Einsteigen und Abdampfen des Zuges ablaufen. – Flora bereitet Henriettas Träumen ein Ende und führt sie vom Bahnhof zurück in die Welt gemeinsamen Alterns.
3 P – U=DE: 1967 RIAS – 45 Min. – Ü: Hanns A. Hammelmann – ungedruckt
(eigtl. Marcus Cook)
Zwischen 1910 und 1915 Reporter in Pittsburgh, seitdem freier Schriftsteller in New York. Er schrieb von 1921 bis 1924 – meist zusammen mit G. S. Kaufman – satirische Komödien. Bekannt wurde er erst durch sein Theaterstück "The Green Pastures", ein Spiel, das die biblischen Geschichten des Alten Testaments in der liebevoll-naiven Sicht von Negerkindern darstellt und das in den USA von farbigen Ensembles viel gespielt wird (U: 1930 New York). In Deutschland ist es, weil eine Besetzung ohne die Tradition der amerikanischen Negerkultur nicht gelingen kann, bei einem einzigen Aufführungsversuch (1958 Frankfurt) geblieben. Dagegen hat sich bei uns der Text als Hörspiel – unter Verwendung zahlreicher Spirituals – in der nur etwas abkürzenden Funkfassung des Übersetzers Kurt Heinrich Hansen unter dem Titel "Sonntagsschule für Negerkinder" durchgesetzt.
Mr. Deshee erzählt den Negerkindern der Sonntagsschule biblische Geschichten. Nur schwer leuchtet es ihnen ein, daß vor Erschaffung der Welt noch kein New Orleans und keine Rampart-, keine Kanalstraße da waren. Aber Deshee weiß ihnen das meiste so zu erklären, daß sie es sich in richtigen Bildern und Szenen vorstellen: z. B. wie auf einem Himmelsfest nach der Zeugnisverteilung in der dortigen Sonntagsschule Gott die Fischbratküche der Engel besucht; von den Eierrahmmachern bekommt er eine Zehn-Cent-Zigarre angeboten, und beim Kosten des Eierrahms meint er, daß noch etwas Firmament am Teig fehlt. Freundlicherweise tut er dann ein Wunder und erschafft Firmament, aber gleich so viel, daß entsetzlicher Regen fällt und weitere Wunder, die Erschaffung der Meere und Flüsse und des Landes nötig werden. Dazu gehört dann schließlich "als eines der wichtigsten Wunder von allen" auch der Mensch. Zu Adam kommen Eva und Abel und Kain, der "ein gemeiner Schuft" war und, als er unstet umherirrt, auch noch an ein lockeres Mädchen gerät. Und so folgt die Sache mit Noah, der ein Prediger ist, aber jedesmal, wenn er predigt, "kommen die Leute scheint’s immer ein bißchen mehr auf den Hund". Die Arche, zu der Gott die Bauzeichnung macht, und Noahs Trunkenheit werden besonders eindrucksvoll dargestellt: "Auf einer so weiten Reise kann der Kapitän eines Dampfers schon mal einen kleinen übern Durst trinken." Ebenso farbig, und dabei mit immer genauerer und verständnisvollerer Interpretation, geraten die Geschichten von Moses und Pharao und von Moses, Aaron und Josuah nebst der Schilderung der grünen Auen Kanaans, sodann die Greuel Babylons, die fast zu neuem Vernichtungszorn Gottes führen. Doch da hört man zum Glück, als Gott sich so sehr grämt und leidet, in einer Himmelsecke die Stimme Hoseas: "Statt daß man von den Hebräern sagt: ‚Ihr seid nicht mein Volk!’, soll man sie Söhne des lebendigen Gottes nennen." Und ferner ruft noch jemand anders von der Erde herauf, nämlich der streitbare Hezdrel, der nicht zulassen will, daß Gott die Menschen aufgibt: "Den Jehova wollen wir nicht mehr, den alten Gott des Zorns und der Rache. Es gibt nur einen Gott, den hat uns Hosea verkündigt, den Gott des Erbarmens." Gott versucht Hezdrel nun zwar klarzumachen, daß beides derselbe Gott ist, aber Hezdrel bleibt hart: "Darüber zerbrech ich mir nicht weiter den Kopf. Es kann natürlich sein, daß der Gott des Erbarmens was mit dem Gott des Moses zu tun hat." Und so beginnt Gott zu sinnieren, daß die Menschen immer nur durch Leiden das Erbarmen lernen und daß nun wohl auch Gott leiden muß, wenn er so recht zum Erbarmen kommen will. Dies aber führt zum andeutenden Ausblick auf das Geschehen des Neuen Testaments.
Etwa 50 P – Theater-U: 1930 New York, U der deutschen Hörspielfassung: 1953 NWDR-Hamburg – 100 Min. – Ü: Kurt Heinrich Hansen – überarbeitete Fassung der Bühnenversion gedr. in Hamburg: Furche-Verlag 1964
Schrieb Filmdrehbücher, Hörspiele und Dramen und errang mit "General Frédéric" 1949, kurz nach Stiftung des Prix Italia, als erster diesen hochangesehenen, einzigen internationalen Hörspielpreis. Nicht zuletzt auch dank der seit 1950 von allen deutschen Rundfunkanstalten häufig gespielten, hervorragenden Inszenierung durch den genialen Hörspielregisseur Kurt Reiss wurde das Stück in Deutschland das weitaus meistgespielte französische Hörspiel. – Lebt als freier Schriftsteller in Paris.
General Frédéric – sein Denkmal steht in Dublin, sein Grab befindet sich in Kopenhagen – wird von einer gewaltigen Stimme "aus den Reihen der Toten des Jahres 1740" auf die Erde zurückgerufen, um seine Geschichte zu erzählen. Die Erzählung verdichtet sich zu den Szenen des irdischen Leidenswegs, den Frédéric um seiner angebeteten Mabel willen gehen mußte. Der Vater des Mädchens, von Beruf Uniformhändler, wollte sie Frédéric nämlich nicht zur Ehe geben, weil der Patriotismus des jungen Mannes trotz seiner militärisch hochverdienten Ahnen zu wünschen übrigließ. Nur wenn er ein Regiment anwerben und für Größe und Freiheit des von den Feinden bedrängten irischen Vaterlandes streiten würde, hätte er Aussicht auf die Geliebte. Nun sagt Frédéric zwar geringschätzig: "In Irland schlägt man sich schon seit zwölfhundert Jahren, und erst seit fünf Jahren lieben wir uns", aber dann geht er doch – gegen den Rat seiner gleichfalls kriegsunlustigen Mutter – zu dem alten armenischen Händler Atlan, um sich dreitausend Kerle und den Generalsrang zu kaufen. Seine Männer sind Bestien und Mordbrenner, die unter fortwährendem, rhythmischem Geschrei und Absingen ihrer Hymne "Schlagt tot... schlagt tot" Sieg auf Sieg häufen. Seinen Generalshut bereichert Frédéric nach jeder Schlacht um eine weitere Feder, so daß er, der dauernd in heroischen Ansprachen beteuern muß, wie stolz und glücklich er ist, infolge des Federwalds bald kaum mehr aus den Augen sieht. In Wirklichkeit wird er immer verzweifelter, da jeder Versuch, mit Mabel endlich die Ehe zu schließen, mißlingt: über Feldzügen und Siegen bleibt ihm einfach keine Zeit. Einmal schickt er sein Söldnerheer allein in einen Krieg, um sich rasch in der Kathedrale kopulieren zu lassen. Doch die Horde kehrt so schnell siegreich zurück, daß der Bischof die Zeremonie im entscheidenden Moment infolge des Trubels abbrechen muß und nur noch rufen kann: "An mein Herz, General! Es lebe der Katholizismus! Christus hat obgesiegt!" Ein andres Mal zwingt Frédéric seine Soldaten, um sie endlich loszuwerden, nahezu waffenlos gegen eine zehnfache Übermacht anzutreten. Aber die Eisenfresser kehren wiederum erfolgreich zurück, und er muß mit ihnen feiern. Daraufhin versucht Frédéric mit seinem Mädchen per Schiff nach Dänemark zu fliehen, erleidet aber Schiffbruch; das Paar wird ans Land zurückgeworfen – ausgerechnet auf das Gebiet der einzigen Stadt, die Irlands letzter Feind, der Herzog von Lancaster, noch besetzt hält. Hier nun könnten Frédéric und Mabel vielleicht unerkannt bei Nacht getraut werden. Doch die Stadt wird von den Seinen noch kurz zuvor erobert, und statt daß man Frédéric, wie er befürchtet, wegen Fahnenflucht aufhängt, wird er als ein tapferer Held gefeiert, der sich ganz allein ins feindliche Lager wagte. Dennoch gibt es nun endlich ein Happy-End. Frédéric macht die Stadt für sein siegreiches Heer zur Mausefalle, indem er ihre Tore von außen abschließt. Und bevor er mit Mabel entkommt, schreibt er noch mit Kreide an die Stadtmauer: "Sehr günstige Gelegenheit! Zu verkaufen die Frédéric-Guard! Zu erfragen bei Frédéric Stone, General a. D., Professor der Philosophie in Kopenhagen."
Etwa 25 P – U: 1949 ORTF – DE: 1950 NWDR-Hamburg – 90 Min. – Ü: Hans Jürgen Soehring – gedr. in Dreizehn europäische Hörspiele, München: R. Piper 1961
Besuchte nach der Schulzeit ein Jahr die Universität Grenoble und dann eine Schauspielschule, anschließend Soldat. Erst 1946 konnte er sich dem Theater zuwenden. Doch sind, schreibt John Russel Taylor in "Anger and After", "seine besten Arbeiten so konzipiert, daß sie in keinem andern Medium als dem des Funks realisiert werden können". Mit Recht hat darum der SWF Cooper als den vielleicht bedeutendsten unter den englischen Hörspielverfassern 1965 mit einer aus elf Stücken bestehenden Serie präsentiert. – Cooper schrieb auch Bühnenstücke, von denen "Happy Family" erst 1966, nach seinem Unfalltod herauskam.
Der Oxford-Absolvent John tritt bei einem traditionsbewußten ländlichen Internat seine erste Lehrerstelle an. Er übernimmt die Klasse des Lehrers Pelham, der bei einem Spaziergang im Nebel tödlich verunglückte. Johns etwas ordinäre Frau langweilt sich in dem pharisäerhaften Klima der Kleinstadt, dem Ehrgeiz ihres Mannes aber kommt die Berufung gelegen. Allerdings schon in der ersten Unterrichtsstunde versuchen die Schüler durch Zusammenspiel zwischen raffinierten Rädelsführern und rabiaten Sitzenbleibern obstinate Marotten durchzusetzen, die Pelham offenbar seinerzeit zugelassen hat. Als John daraufhin Nachsitzen anordnet, informiert ihn die Klasse mit eindeutiger Drohung, der gleichen Strafe wegen hätten sechs von ihnen Pelham umgebracht. Aus der sicheren Position gegenseitig gedeckter Alibis schildern die Schüler zynisch und glaubhaft, wie sie dem Lehrer auflauerten und den Mord als Unfall tarnten. John versucht den Schulleiter davon in Kenntnis zu setzen, doch der ignoriert die Anspielungen autoritär, ist nur an dem Ruf der Schule interessiert. Da John mit seiner unzufriedenen Frau nicht reden kann, zieht er den Zeichenlehrer Cary ins Vertrauen, einen Trinker aus Resignation, der ihm rät, sich auf jeden Fall mit der Klasse zu arrangieren. Durch Johns Schlappe beim Direktor sicherer geworden, diktieren jedoch die Schüler die Bedingungen eines solchen Arrangements. Proforma-Unterricht lediglich für die Stipendiumskandidaten der Klasse, Einzahlung ihrer verbotenen Wetteinsätze bei Pferderennen durch den Lehrer und ausreichende Zensuren. Gegenleistung: Deckung bei Stippvisiten des Direktors. Doch Johns Frau blamiert sich und ihn bei einem offiziellen Abendessen im Kreise der Kollegen durch ihr ordinäres Mundwerk. Daraufhin spricht der Direktor die Kündigung des unbequemen Lehrers zum neuen Schuljahr aus. Nachdem so Karriere und Ehe gleichermaßen in Frage gestellt sind, geht es John nur noch darum, den heimlichen Hauptschuldigen des Mordkomplotts zu entdecken. Versuche, einzelne Schüler zum Denunzieren zu bewegen, scheitern jedoch an deren Kaltblütigkeit. Daraufhin bricht John das Abkommen und überläßt die Klasse sich selbst, damit sich der Rädelsführer exponiert. Er bleibt sogar passiv, als die Schüler mit einem Attentat auf seine Frau drohen und es fast ausführen. Da bringt der Selbstmord eines in Johns Gegenwart mißhandelten Klassen-Schwächlings alles ans Licht, die Jungen gestehen. John aber erkennt, daß nicht die Schüler und ihr Rädelsführer verantwortlich zu machen sind, sondern Pelham selbst, der den Jungen zuviel Macht überließ – so wie er, John, sich ihnen beugte und damit zum Selbstmord des Schülers beitrug. Zuletzt erkennen John und Cary in diesem Verbrechen in der Schule ein Modell für die Mechanik der Macht schlechthin, auch der politischen Macht. Gleichwohl sieht John keine Veranlassung, sich selbst zu denunzieren und seine Mitwisserschaft einzugestehen. Der Schwur, er hätte die Mordgeschichte einfach nicht geglaubt, wird ihn zwar um seinen Posten, nicht aber auf die Anklagebank bringen.
4 P, 14 NP – U: 1958 BBC – DE: 1964 HR – 75 Min. – Ü: Marianne de Barde und Hubert von Bechtolsheim – ungedruckt
Frank und Susan haben für sich, ihren kleinen Sohn Angus und den alten Onkel Arthur einen Ferienbungalow an der See gemietet. Da sich sonst niemand um den alten Onkel kümmert, mußte die Familie ihn mitnehmen, obwohl er lästig ist und nur von seiner großen Zeit im Ersten Weltkrieg redet. Auch wenn Onkel Arthur mit Angus am Strand ist oder den alten Bunker in der Nähe inspiziert, schwadroniert er so. Sogar der kleine Junge wird schließlich ganz martialisch. – Frank dagegen fühlt sich in der BlockhausAtmosphäre trotz dreizehnjähriger Ehe wieder jungenhaft verliebt. Leider hat Susan inzwischen allen Liebeselan eingebüßt, ist entweder zu müde oder zu beschäftigt oder nimmt Rücksicht auf die dünnen Wände, hinter denen Angus und Onkel Arthur schlafen. Einmal platzt auch der Eismann störend in Franks Liebesbemühen hinein. Susan benutzt die Gelegenheit, eine Partyeisbombe für die ganze Familie zu bestellen – ausgerechnet für den Hochzeitstag, den Frank sich besonders zweisam gedacht hatte. Melancholisch geht er an den Strand und zieht Vergleiche zwischen dem langsam abbröckelnden Land und seinem Leben. Als Onkel Arthur wieder einmal vom Krieg anfängt, fordert Frank ihn brüsk auf, von etwas anderem zu reden, und der senile Onkel erzählt stolz von einer ausgemachten Schuftigkeit gegenüber einem buckligen Mädchen. Frank wird wütend, schickt den Alten grob ins Bett und verbietet ihm das Spazierengehen mit Angus. Am nächsten Morgen findet man den Onkel, durch Schlaganfall gelähmt, in seinem Zimmer. Er hatte sich überanstrengt, als er in aller Frühe mit Angus aus dem Fenster gestiegen war, um – wie Angus berichtet – Minen um das Haus zu verlegen, die sie auf ihren Spaziergängen am Strand gefunden hatten. Der Junge kann sich nicht mehr genau erinnern, wo überall sie die Tretminen vergruben, und Onkel Arthur war nicht mehr dazu gekommen, eine Skizze anzufertigen. In der daraus resultierenden Situation des Eingeschlossenseins kommt es zu zynischem Streit zwischen Frank und Susan. Angewidert vom Haß seiner Eltern rennt Angus davon, Susan hinterher, ohne daß eine Mine explodiert. Onkel Arthur stirbt. Nun erscheint der Eismann mit der Partyeisbombe. Als Frank ihn warnt näherzukommen, klärt ihn der Eismann auf: die vermeintlichen Minen seien gewöhnliche Fischernetzkugeln. Frank bleibt mit der schmelzenden Eisbombe in seinen Händen allein zurück.
5 P – U: 1960 BBC – DE: 1962 SDR – 65 Min. – Ü: Marianne de Barde und Hanns A. Hammelmann – ungedruckt
Der Elektrokarren des Milchmannes ist nächtens über die Strandpromenade ins Wasser gestürzt worden. Empört fragen sich Einheimische und Kurgäste, wer wohl diesen Akt von Vandalismus auf dem Gewissen hat. – Henry, Literaturkritiker, gleichwohl aber von der mimosenhaften Empfindlichkeit des "echten Künstlers", bedauert, seiner Frau Alice wieder einmal nicht zugehört zu haben. Vielleicht hätte er sonst verhindert, daß sie die Kinder ihrer kranken Schwester für drei Wochen aufzunehmen versprach. Er gibt sich betont kinderfeindlich, und der Lärm, mit dem Derek, 9, Susan, 8, und Hugo, 5, eintreffen, scheint ihm auch recht zu geben. Die Gören fordern, sofort zum Strand zu dürfen, und sind dabei derart ungezogen, daß Alice gleich drei Tage Stubenarrest verhängen muß. Regen am nächsten Tag beruhigt ihr Gewissen über die harte Strafe, und das scheinbar friedliche Bild dreier schlafender Kinder veranlaßt sie dann zu vorzeitiger Begnadigung. Die jungen Gäste sind sich vom ersten Augenblick an sicher, daß der Onkel und die Tante üble Menschenexemplare sind. Sogar die sonst so gelehrige Sonntagsschülerin Susan wünscht sie in die Hölle. Derek, der Alteste, aber erklärt, daß sie "Krauts" sind. "Krauts" ist ein Spitzname der bösen deutschen Kriegsgefangenenwärter, den er aus einem Buch kennt. Das Buch liefert ihm auch die Strategie für krautgerechtes Verhalten: ein Fluchttunnel muß gegraben werden. Durch den Speisenaufzug gelangen Derek und Susan in den Keller, wo sie emsig schaufeln, während Hugo oben durch lautes Reden gemeinsames Spiel simuliert. Um ihre Aktion nicht zu gefährden, verhalten sich die Kinder so brav, daß sie selbstverständlich zum Strand geführt werden. Doch was ist die Erfüllung ihres ursprünglichen Wunsches gegen den erwachten Freiheitsdrang und den Genuß eingebildeter Gefahr! Nach den Anweisungen des Buches horten die Kinder Proviant und fertigen falsche Papiere für den Ausbruch an – ungeachtet der Tatsache, daß Henry sich, um seine Frau zu ärgern, inzwischen mit den Kindern anzufreunden sucht. Der Ausbruch gelingt übrigens. Unbemerkt von den "Krauts", kommen die Kinder zum Bahnhof. Leider fahren sonntags keine Züge. Der kleine Hugo verzagt bereits, da entdecken sie den Milchwagen, der natürlich auch einem "Kraut" gehört. Der Chauffierversuch des Neunjährigen endet mit jenem Akt von Vandalismus, der die Bürger aus dem Schlaf schreckte. Die Kinder aber bleiben unentdeckt. Derek weiß sogar, wie man sich gegen das Eingeständnis einer Niederlage schützt, er erklärt einfach, daß nun ein ganz anderes Spiel beginne.
6 P, davon 3 Kinder, 2 NP – U: 1961 BBC – DE: 1963 HR/BR – 70 Min. – Ü: Marianne de Barde und Hanns A. Hammelmann – ungedruckt
Trotz aller Liebe zum Alkohol weiß Pepe, Herzog von Pesamonte, die Karikatur eines dekadenten Granden, durchaus, wozu der ehrwürdige Name seines Geschlechts seiner kanadischen Ehefrau Helen und ihren englischen Geschäftspartnern Harold und Freddy dient. Er muß als Strohmann jener Geschäftemacher herhalten, die kilometerlange Streifen an der spanischen Küste aufkaufen, um sie für Touristen in Urlaubsparadiese und für sich selbst in Goldgruben zu verwandeln. Auch in seiner Ehe mit der eiskalten Helen ist der alte Pepe nur ein Strohmann, der den wechselnden Verhältnissen seiner Frau belustigt zusieht. – Bei der Suche nach potentiellen Feriendorados stoßen die beiden Kompagnons auf das schwer zugängliche Fischerdorf Tiburon, das zwar touristisch ideale Möglichkeiten bietet, dessen Bewohner aber einem archaischen Aberglauben ergeben sind. Herr über den Ort ist seit Jahrhunderten jeweils ein Mann, der als Kind rituell am Strand ausgesetzt, im entsprechenden Alter als regierender "Graf" inthronisiert und mit siebzig Jahren feierlich zum Meer zurückgeleitet wird, um dort gemäß dem Ritus zu ertrinken – worauf die Herrschaft an seinen Nachfolger übergeht. Für die Touristenmanager kommt jetzt alles darauf an, den "Grafen" von Tiburon, der gerade siebzig geworden und nicht weniger vertrottelt als Pepe ist, noch rechtzeitig zum Verkauf des Territoriums zu überreden. Am Abend, an dem der Kaufvertrag unterzeichnet werden soll, müssen sie aber zu ihrer Bestürzung feststellen, daß "Graf" Tiburon, gehorsam dem Gesetz des Orts, ins Meer gegangen ist. Harold, Freddy und Helen können ihn allerdings noch auffischen. "Graf" Tiburon unterschreibt. Nachdem ein Mordanschlag des neuen "Grafen" von Tiburon auf seinen gesetzwidrig weiterlebenden Vorgänger vereitelt wurde, verwandeln die Engländer das Fischernest in einen feudalen Badeort. Doch sie haben nicht mit dem irrationalen Ehrgefühl des Herzogs und des "Grafen" gerechnet. Als Helen und Freddy zu ihrem Vergnügen in einem Tretboot aufs Meer hinausfahren, besteigen Herzog Pepe und der alte "Graf" ein zweites Fahrzeug, um mit dem Schlachtgeschrei "Rache für die Armada" und "Für Gott und Kastilien" Helen und Freddy niederzuschießen. Dann holt der greise "Graf" das vorgeschriebene Ertrinken nach, und auch Herzog Pepe radelt heroisch in den feuchten Tod. Doch ihr stolzer Glaube, die Tradition gerettet zu haben, war ein Trugschluß. Der junge "Graf" erpreßt mit rasch erlerntem Geschäftssinn den überlebenden Touristenmanager und wird Hauptaktionär der Hotelgesellschaft.
6 P, 8 NP – U=DE: 1965 SWF/NDR – 85 Min. – Ü: Marianne de Barde und Hubert von Bechtolsheim – ungedruckt
Seit 1929 Journalist. 1938-48 Direktor, Regisseur und Textschreiber des Columbia Broadcasting System in New York. Nur in dieser Zeit des Zweiten Weltkriegs haben sich die Schriftsteller in den USA intensiv mit radiophonischen Spielformen befaßt; Corwin wurde zum wichtigsten amerikanischen Feature- und Hörspielautor mit großer Wirkung im angelsächsischen Sprachraum. Bedeutende Textveröffentlichungen: "Thirteen by Corwin" (1942), "More by Corwin" (1944), beide Bücher 1945 zusammengefaßt mit einem Album von Aufnahmen, ferner "Untitled and Other Dramas" (1947), "Dog in the Sky" (1952) usw. Corwin, der sich auch dem Theater, dem Film und dem Fernsehen widmete, erhielt viele Auszeichnungen und Ehrungen. 1962 Aufnahme in die "Radio Hall of Fame". Nach dem Krieg wurden seine Hörspiele auch in Deutschland gesendet, und zwar vor allem "Die Odyssee des Johnny Wren" ("Dog in the Sky") und "Doppelkonzert".
Heribert Twombly hat einen undankbaren Beruf, er ist Manager zweier Pianisten, die so berühmt sind, daß sie sich nur noch gegenseitig den Rang, der Genialste zu sein, streitig machen können. Entsprechend hassen sie einander. Obendrein lieben José Zaragoza und Laszlo Poganyi mit der sprichwörtlichen Heißblütigkeit ihrer Nationalitäten ein und dieselbe Dame: Estella. Welche Formen die Rivalität annimmt, erfahren Manager Twombly und seine Frau, als Zaragoza an ihnen die teuflische Wirkung einer Geräuschmaschine ausprobiert, die er direkt über dem Studio Poganyis installieren will. Diese Maschine wird den Konkurrenten bereits beim Üben erledigen. Der Ungar jedoch läßt sich von dem Geisterlärm nicht entnerven, läßt sich sogar zu neuartigen Kompositionen inspirieren. Stürmisch feiern die Kritiker die Geburt der neuen Kunstrichtung des "Poganyismus". Jedoch bedeutet der Erfolg nicht etwa den Verzicht auf Rache an Zaragoza. Vor dem nächsten Konzert des Spaniers läßt Poganyi kleine Sprengladungen in dessen Flügel einbauen, die die Saiten während des Spiels bündelweise zum Reißen bringen. Aber Meister Zaragoza gelingt es, improvisierend die Detonationen und die Reduzierung auf immer weniger intakte Töne als musikalische Absicht erscheinen zu lassen, er wird von den Kritikern als Schöpfer einer Art "pyrotechnischer Paraphrase von olympischem Humor" frenetisch bejubelt. Indessen, Rache muß sein: Zaragoza läßt Poganyi nun durch allerlei Besucher bei der Arbeit stören. Als es zum viertenmal klingelt, greift Poganyi zu einer Vase. Wenig später ist er hinter Schloß und Riegel, denn das Opfer seiner klirrenden Wut war ein Polizist. In der Zelle findet Poganyi zu seiner Überraschung Zaragoza vor, eingesperrt als Auftraggeber der Störversuche. Die Lage scheint Twombly ideal für die Versöhnung der Kontrahenten, besonders da er ihnen mitteilen muß, ihre Geliebte Estella habe inzwischen einen Aluminiumfabrikanten geheiratet. Zum Leidwesen Twomblys aber gelingt die Versöhnung so gut, daß die Pianisten beschließen, sich in Zukunft gegenseitig selbst zu managen. – Der Hauptreiz dieser Burleske liegt – neben den Textpointen – vor allem in den musikalischen Effekten.
3 P, 12 NP – U: 1941 CBS, New York – DE: 1953 NWDR-Hamburg – 45 Min. – Ü: Gerhard Niezoldi – AzM: Hans Martin Majewski und Siegfried Franz haben zu der ersten deutschen Inszenierung die zwei "konkurrierenden" Klavierparts geschrieben – ungedruckt
Wie bei allen Franzosen seiner Generation ein Leben im Zeichen von Krieg und Besatzungszeit. Seit 1945 Gedichte und Essays in literarischen Zeitschriften, seit 1950 journalistische Tätigkeit u. a. bei "L’Express". Von 1960 an Filmdrehbücher und Rundfunkfeatures. 1963 erhielt er für das Hörspiel "Les enfants du palais" (dt.: "Sie brauchen mehr als die anderen") den Prix Italia. – Lebt als freier Schriftsteller in Paris.
Das Stück macht eher den Eindruck einer Dokumentation als eines Hörspiels. Mehr als eine Stunde lang erlebt man die Gespräche im Amtszimmer eines Jugendrichters mit. Außer dem Direktor eines Jugendgefängnisses, der Krankenschwester einer Strafgefangenenstation, einer instinktlosen, selbst fast kriminellen Mutter und einem linkischen, wenn auch wohlmeinenden Vater sitzen dem Richter im Laufe dieser Stunde vier schwergefährdete oder straffällige junge Menschen gegenüber; von einem halben Dutzend weiterer ist die Rede. Nur umrißhaft erhält man Einblick in ihre Biographien, dafür mit desto beklemmenderer Genauigkeit in ihre ausweglosen Situationen und oft schon unabwendbaren Katastrophen, verschuldet durch Mangel an Liebe und Fürsorge. Bei den Halbwüchsigen handelt es sich keineswegs nur um Herumtreiber, Diebe und Einbrecher, sondern auch um Gewaltverbrecher, Prostituierte, Totschläger – oder um potentielle Selbstmörder; manche sind stumpf, andre hochbegabt, einer war, bevor er von seinen Mitzöglingen ermordet wurde, sogar als Lehrer eingesetzt. Die Behandlungsmöglichkeiten reichen von Gefängnis und Besserungsanstalt bis zu offizieller oder inoffizieller Überwachung und psychiatrischer Betreuung. Doch die wichtigste ist die selbstlose, ja selbstverschwendende Anteilnahme derer, die ihnen helfen wollen. Denn das Gespräch mit den aus Ratlosigkeit und Verzweiflung in die Irre gehenden jungen Menschen ist fast immer äußerst einseitig, die Angeredeten schweigen: aus Trotz, aus Scham, aus mangelndem Selbst- und Weltverständnis. Doch stets spricht aus diesem Schweigen eine berechtigte Anklage gegen die Umwelt und die Gesellschaft, von der man erst allein gelassen, dann gar verstoßen wird. Darum gibt es für die Gesellschaft keine Rezepte mehr, sich den hoffnungslos Enttäuschten wieder verständlich zu machen. Der Richter im Stück versucht es mit Güte wie mit Härte – einmal sogar, als er keinen anderen Weg weiß, einem Selbstmordgeneigten die notwendige, intensive Anteilnahme auszudrücken, mit Ohrfeigen. Erfolge sind selten, Mißerfolge alltäglich. Die Schwester gesteht: "Einmal hatte ich da einen Jungen... inzwischen haben sie ihn einen Kopf kürzer gemacht. Er ist ganze sechs Wochen geblieben. Ich kann es Ihnen ja sagen, Herr Jugendrichter, das waren die einzigen Tage, die in meinem Leben zählen." Und der Richter selbst erlebt am Ende des Stücks, wie einer der Jugendlichen bei einer Straftat von der Polizei über den Haufen geschossen wird; er "war gerade dabei, ihn zu retten". Er charakterisiert diese jungen Menschen so. "Sie brauchen mehr als die andern... aber sie haben weniger."
12 P – U: 1963 ORTF – DE: 1964 BR/HR/WDR/ORF/SRG – 85 Min. – Ü: Ré Soupault – ungedruckt
Nach Studium der Musiktheorie bei Boris Blacher eine Zeitlang Dramaturg und Funkregisseur in Berlin. Lebt seit 1952 als freier Schriftsteller auf der Insel Procida bei Neapel. Cramer ist sehr vielseitig, bekannt als Erzähler ("Die Kunstfigur", 1958, "Der Paralleldenker", 1968), Hörspielautor, Librettist (für Blacher, von Einem, Henze) sowie als Film- und Funkregisseur. Von seiner Regietätigkeit sind bedeutende Anregungen für die Entwicklung des Hörspiels ausgegangen.
"Das Stück ist der Versuch, so etwas wie eine Tragikomödie der Zivilcourage zu schreiben, eine ‚traurige Posse’", schreibt der Autor. – Friedbert Taube, einer der braven Leute, die dazu neigen, ihr Leben in ständiger Subordination hinzubringen, hat seine große Stunde. Er geht aus sich heraus und ohrfeigt den General, der ihn vor vierzehn Jahren am Ende des Krieges mit einer Gruppe von zwanzig Mann in einen sinnlosen Kampf schickte und sich selbst in Zivil absetzte. Dem privaten Exzeß seines Gerechtigkeitssinns soll eine öffentliche Verurteilung des Generals folgen, zu welchem Zweck sich Taube als Belastungszeuge bei Gericht meldet, wo ein Berufungsverfahren gegen den General anhängig ist. Doch ehe es so weit ist, wird Taube, der im ersten Hochgefühl seiner Tat beschlossen hat, sein Leben umzukrempeln, vom Establishment zur Räson gebracht. Nach einer Nacht verzweifelter, allerdings unpolitischer Selbstbefreiung – er hat seine Wohnung entrümpelt, sich mit seinem Stammtisch angebunden, Gläser und Flaschen zerschlagen, einen Polizisten beleidigt und bei einer hilfreichen Dame geschlafen – erscheint er verspätet und etwas derangiert im Büro und wird zusammengestaucht. Abteilungsleiter, Prokurist, Direktorstellvertreter und der Herr Direktor persönlich, später auch sein Onkel "Ziethen-aus-dem-Busch" machen ihm klar, daß man auch heute keinen General ohrfeigt, wenn man sich nicht gesellschaftlich und beruflich ruinieren will. Dergestalt unter Druck gesetzt, kann sich Taube bei Gericht an wichtige Dinge nicht mehr erinnern, so daß er als einziger Belastungszeuge unter all den als Entlastungszeugen auftretenden Generalfeldmarschällen für die Staatsanwaltschaft ausfällt und dem General zum Freispruch verhilft. Damit ist die gehabte Ordnung wiederhergestellt und Taube wird als ihr gelehriger Schüler wiederaufgenommen.
14 P – U: 1959 RIAS/BR – 65 Min. – gedr. in Sechzehn deutsche Hörspiele, München: R. Piper 1962
(eigtl. Stig Halvard Jansson)
Sohn eines Sprengmeisters, stand, kaum zweiundzwanzigjährig, im Mittelpunkt des Stockholmer literarischen Lebens. Einer der führenden Autoren der " fyrtiotalister" ("Vierziger"), Redakteur der literarischen Zeitschriften "40-tal" und "Prisma", seit 1951 an "Dagens Nyheter". Innerhalb weniger Jahre entstand ein relativ umfangreiches Werk, vorwiegend aus Prosa und Bühnenstücken. Deutsch liegen u. a. vor: "Nattens lekar" (1947, "Spiele der Nacht") und das Theaterstück "Den dödsdömbe" (1947, "Der zum Tod Verurteilte"), ferner die Hörspiele "Die Spielmannsmütze" und "Der Entdeckungsreisende". – Nach einer mehrere Jahre anhaltenden schöpferischen Krise nahm er sich das Leben.
Der Entdeckungsreisende zieht mit kleiner Karawane durch die Wüste – mit einem Karawanenführer, einem Kameltreiber und Trägern. Alle sind vor Hitze und Anstrengung mürrisch, ein jüngerer Träger jammert nach Ayscha, seiner Frau, und die andern spotten, daß Ayscha wohl kaum genug geduldige Treue aufbringen dürfte. Am bösartigsten ist der Kameltreiber; mit Seitenblick auf den Entdeckungsreisenden zieht er ein Messer und erzählt gewalttätige Geschichten. Nur der Karawanenführer hält zu seinem Auftraggeber. übrigens schläft der Entdeckungsreisende vielleicht mit offenen Augen, so daß niemand weiß, ob er nicht lauscht. – Nach Durchquerung der Wüste ist man (2. Szene) im noch beschwerlicheren Urwald. Der Kameltreiber mußte den schwächlichen Herrn sogar ein Stück tragen, und immer noch spielt er mit dem Messer und seinen blutigen Geschichten. Die Leute aber fragen, wozu das Entdecken diene. "Verliert nicht alles beim Entdecktwerden gerade die Eigenschaften, die es jetzt erstrebenswert machen, nämlich unentdeckt zu sein?" Läßt der Entdecker "nicht gleichzeitig seine grundlegenden Erfahrungen von Frauen und Gärten seiner Heimat und alle seine früheren Entdeckungen hinter sich zurück?" Was ist überhaupt ein Entdecker? Einer, der Macht hat, "sich in halbtotem Zustand durch die Welt tragen zu lassen?" – Auf dem Strom, zu dem sie gekommen sind (3. Szene) verlieren durch Ertrinken und durch Krokodile zwei Menschen das Leben. Weit voraus im Boot fährt der Karawanenführer mit dem Entdecker, der im Schlaf laut aufschreit. Was schreckt ihn? Natürlich will er nicht gern durch das "Messer der Feigen" sterben. Doch noch größer ist die Furcht, eines Tages angelangt zu sein; davon träumt er. Und siehe da: der Strom führt zum Meere. Nach dieser Entdeckung aber ist die Reise zu Ende, und der Reisende hat "das gleiche Gefühl wie im Traum". – Zufrieden, von der Heimkehr redend, lagert nun die Karawane am Meer (4. Szene), und man erfährt, daß das "Messer der Feigen" schließlich doch noch zugestoßen hat. "Ihr habt den Fluß, den Urwald, die Wüste wieder zu einem unentdeckten Land gemacht", sagt der Führer und wirft dem Kameltreiber seine Feigheit vor und daß er aus Angst sogar schon einmal zwei Kinder in der Wüste allein gelassen habe. Doch der Kameltreiber bleibt unbeirrt. Als der junge Träger von seiner Ayscha schwärmt: "Bald küsse ich das Muttermal unter ihrer rechten Brust", erwidert der Kameltreiber kalt: "Du irrst dich, das Muttermal sitzt unter ihrer linken."
5 P – U: 1952 SR, Stockholm – DE: 1953 RB – 30 Min. – Ü: Tabitha von Bonin – gedr. in Spectaculum. Texte moderner Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1963
Ein junger Mann namens Lennart sitzt, mit einem gewissen Herrn Blohm verabredet, in einem Lokal und sieht durchs Fenster auf der Brücke draußen einen blinden Spielmann mit seiner Geige, vor ihm die Mütze für die Münzen der Vorübergehenden. Der junge Mann, Werkstudent, Musiker, der, um Geld zu verdienen, auch schon selbst auf Straßen und Höfen gespielt hat, ist sehr befangen; es fällt ihm schwer, ja, ist ihm fast unmöglich, Menschen direkt in die Augen zu sehen. Doch blickt er immerfort nach dem blinden Musikanten, so daß der saturierte und energische Herr Blohm schließlich dem Kellner befiehlt, die Vorhänge zuzuziehen. Nun kann Blohm endlich auf sein Anliegen kommen. Der junge Mann bittet, es schnell zu sagen, schnell sei vielleicht weniger peinlich. Daraufhin steckt ihm Blohm einen Umschlag zu und erklärt, daß seine Aufgabe darin bestehe, sich mit Frau Blohm in einer verfänglichen Situation ertappen zu lassen. Was daraus erwachse, gehe Lennart nichts an, er habe zu schweigen. – Als der junge Mann begriffen hat, brechen die beiden auf. Herr Blohm stellt ihm noch schnell jovial eine Aufgabe, die der junge Mann einigermaßen befriedigend löst: Er muß im Hinausgehen den Entgegenkommenden zur Übung fest in die Augen blicken. Dann überreicht ihm Blohm noch einen Geldschein für die Spielmannsmütze. Da er in eine andre Richtung muß, soll der junge Mann ihn im Vorübergehen zugleich auch für Blohm spenden, für beide sei ein solcher Geldschein ja nicht allzu viel und allzu peinlich. Doch bald nachdem Herr Blohm fort ist, hört man den jungen Mann ihm aufgeregt und verzweifelt nachlaufen: "Ihm konnte ich nicht in die Augen sehen, Herr Blohm, dem blinden Musikanten nicht."
2 P – U: 1955 SR, Stockholm – DE: 1960 NDR – 25 Min. – Ü: Tabitha von Bonin – ungedruckt
Sohn spanischer Eltern, wuchs in Chile auf, studierte an der Universität Santiago de Chile Architektur, widmete sich auch der Malerei und veranstaltete eigene Ausstellungen. 1959 wurde er literarischer Berater und Regisseur am Theater "Ictus" in Santiago de Chile, das sich durch Experimentierfreudigkeit auszeichnet. Hier werden seit 1961 auch seine Stücke uraufgeführt. "Requiem für eine Sonnenblume" (1961), "Das Segelschiff in der Flasche" (1962) und "Der Ort, wo die Säugetiere sterben" (1963) wurden nicht nur gespielt, sondern auch gedruckt und in viele Sprachen übersetzt. Dîaz ist, wie Dürrenmatt, der Meinung, daß die heutige Gesellschaft nur mit den Mitteln bitterer Groteske dargestellt werden kann. Seine Hör- und Fernsehspiele wurden von vielen europäischen Rundfunkanstalten gesendet. – Lebt seit 1965 in Spanien.
Eine Satire auf die Methoden der Fernsehwerbung und der Quizkämpfe – mehr noch auf den unbarmherzigen Sensationsverbrauch der Zeit. – Inocencio findet in der ersten wohlschmeckenden Suppe, die seine Frau Maxima zustande gebracht hat, eine Fliege. Beim Versuch, sie zu entfernen, wird die Reinheit seines Sonntagshemds befleckt. Nach langem Streit entschließt sich das Ehepaar, das Hemd mit "Tersol" auszuwaschen. Das Waschmittel wäscht zwar nicht, dafür findet sich in dem Paket aber ein Gutschein, der zur Teilnahme an einem Millionenquiz des Fernsehens berechtigt. Bald schon sitzen Maxima und Inocencio wohlvorbereitet in schalldichten Glaskäfigen. Tausende kommen, um an Ort und Stelle zuzusehen, wie der weltberühmte Quizmaster mit dem Ehepaar in den Clinch geht. Die Hälfte der Menschheit hockt vor den Bildröhren, während die hochnotpeinliche Prozedur des Befragens zwischen fabelhaften Werbespots anläuft. Maxima und Inocencio beantworten über Lautsprecher alles mit einzigartiger Gelassenheit. Der Millionengewinn rückt näher und näher. Doch noch ist nicht aller Tage Abend. Wer Erfolg haben will, muß bei jeder Veranstaltung mehr bieten. Nächste Aufgabe: die geheimsten Scheußlichkeiten über sich selbst auszupacken. Dabei erleichtert man den beiden die Sache etwas, indem man sie mit phantastischen Werkzeugen zwackt und foltert – so daß ihnen beispielshalber auch einfällt, wer Inana Soria war: ihr Dienstmädchen, das sich nach einer makabren Vergewaltigung durch Inocencio aufhängte. Nachdem auch dies siegreich überstanden ist, werden unter frenetischem Zuschauerjubel die Körper von Maxima und Inocencio schon ziemlich deformiert zur letzten Prüfung gebracht. Die Glaskäfige wurden diesmal mit Gas gefüllt, um festzustellen, wie lange die beiden aushalten, ohne ihren Geist aufzugeben. Ihre Leistung ist wahrhaft enorm, wenn auch leider nicht ganz ausreichend. Auf dem tersolweißen Hemd des toten Inocencio spaziert in Großaufnahme seelenruhig eine Fliege. Bei so einmaligem Reklameeinsatz ist wohl kaum mehr fraglich, welches Waschmittel das beliebteste der Welt wird.
4 P, 3 NP – U=DE: 1967 SR/NDR – 40 Min. – Ü: Juan Enrique Bequer – ungedruckt
Besuchte Brighton College und studierte in Oxford. 1936 Korrespondent der Agentur Reuter in Wien und Prag. Danach Militärdienst. Als Stabshauptmann Angehöriger der britischen Befreiungsarmee für Nordwesteuropa, 1945 in Berlin, 1946 bei der britischen Rheinarmee. Ab 1947 beim Deutschen Dienst der BBC, von 1960 bis 1964 Nachrichtenredakteur und Mitarbeiter vieler Zeitungen und Zeitschriften. – Als Besatzungssoldat in Deutschland glaubte Dimont, in der Armseligkeit und Rechtlosigkeit der Besiegten gegenüber der fremden Militärbürokratie etwas von der Situation zwischen Macht, Hilflosigkeit und Schuld zu erleben, in der an der Zeitenwende die Geburt Christi geschehen war. Diese Impression spiegelt sein Hörspiel "Karfreitag", das in Ernst Schnabels (s. d.) Übersetzung und Bearbeitung vor allem in Hamburg mehr als ein Jahrzehnt lang fast alljährlich im Programm der Karwoche stand.
Passionsszenen zwischen Gefangennahme und Kreuzigung, vorwiegend aus der Perspektive der Besatzungssoldaten und der Militärbürokratie. Die Soldaten ärgern sich, zu lästigem Dienst eingeteilt zu sein, die Offiziere finden ihre Aufgabe gleichfalls lästig und peinlich. Jesu Name fällt in den Szenen nicht, Jesus spricht auch nicht; vor Gericht zum Sprechen aufgefordert, gibt er keine Antwort. Das politisch-gesellschaftliche Intrigenspiel zwischen Pilatus einerseits und Herodes und den Anklagevertretern Dr. Annas und Dr. Kaiphas andrerseits sowie die Verdrossenheit der Exekutive könnten die weit- und heilsgeschichtlichen Vorgänge fast vergessen lassen, wenn nicht zwischendurch Andeutungen an Bekanntes erinnerten. Einer wird bei der Verhaftung eines Mannes im dunklen Garten am Ohr verletzt und sofort geheilt; ein "Galiläer" leugnet am Feuer im Hof, mit dem Verhafteten zu tun gehabt zu haben; der Verteidiger Dr. Nicodemus läßt als Zeugen ehemalige Kranke und Blinde vorführen, die von dem "Kurpfuscher" erfolgreich behandelt zu sein behaupten; unterm Kreuz wird es so finster, daß die Soldaten die Augen der Würfel nicht erkennen u. ä. Zwischen den Szenen zitiert ein "Evangelist" kurze Evangelientexte, die als stilistischer Kontrast zugleich trennen und verbinden. Doch ist für die Wirkung des Ganzen zweierlei noch wichtiger: erstens die unbegreifliche Distanziertheit der Soldaten (Longinus zu Pilatus: "Nichts, das uns unmittelbar angeht..."; Landser schreiben, unterm Kreuz sitzend, nach Hause, daß in diesem Land, im Unterschied zu Rom, leider absolut nichts passiere...) und zweitens als schockierender Gegensatz dazu die mystische Theologie des Kaiphas, die unterm Kreuz plötzlich wie eine prophetische Offenbarung aus ihm hervorbricht. Kaiphas zu Longinus: "Ihr vollzieht Recht, und dieser unglückliche Mensch da stirbt... Aber es war kein Menschengesetz, weshalb er sterben mußte. Es war Gottes Gesetz... Wir Juden sind es, denen Gott es gab, und wir müssen es halten – oder untergehen vor seinen Augen. Das ist ernst und hart, und Sie verstehen es wohl nicht. Aber der da, der hat’s gewußt... Er war sehr klug für seine Jahre. Er hat auch nicht gefehlt, gegen keinen Menschen.... Kaiphas redet prophetisch über die von Gott den Juden aufgegebene Pflicht, das Gesetz auch in Verfolgungen zu bewahren, und über den verheißenen König: "ein Gerechter... arm... und reitet auf einem Esel...".
11 P, viele NP – U=DE: 1954 NWDR-Hamburg – 55 Min. – Ü und Bearbeitung: Ernst Schnabel – ungedruckt
Studium der Kunstgeschichte an der Universität Zagreb, 1949 bis 1960 Film- und Kunstkritikerin, seit 1960 Dramaturgin des Hörspiels und seit 1963 des Fernsehspiels in Zagreb. Schreibt Filmszenarios, Hörspiele, Fernsehspiele und Theaterstücke. Von ihren etwa sechs Hörspielen wurden einige auch im Ausland, in Frankreich, Belgien, Holland, der Schweiz, Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Israel und Kanada gesendet. Bei uns setzte sich vor allem das Hörspiel "Alchimons Apfel" durch, von dem später in Jugoslawien auch eine Bühnenfassung herauskam.
Alchimon, Soldat vor Troja, träumt unentwegt denselben Traum: Gott Apollo persönlich erklärt ihm, in diesem Krieg gehe es durchaus nicht um den goldenen Paris-Apfel, sondern um anderes Obst – eine goldene Feige. Die Soldaten erfahren Alchimons Traum und beginnen am ideologischen Ziel des ganzen Krieges zu zweifeln, am goldenen Apfel, der sie doch nun schon zehn Jahre zum Dienst für Volk und Vaterland ruft. Erst nachdem ein Dutzend Männer demoralisiert und desertiert sind, erkennt die Führung, wie gefährlich Alchimons Traum für die Armee, die Staatsräson und die "heiligsten Güter" ist. Da dem einfältigen Soldaten der Gott aber hartnäckig weiter erscheint, wird er einfach für verrückt erklärt und aus der Armee entlassen. – In der Heimat angekommen, weckt er leider seine Frau Philomena und deren Liebhaber Popillion aus friedlichem Beischlaf. So kurzsichtig (und daher wehrunfähig) Popillion auch war, so weitsichtig war Philomenas Wahl: mit Alchimon war sie keine zehn Wochen verheiratet, als er nach Troja zog, Popillion aber liegt nun schon zehn Jahre an ihrem Busen. Leider bekennt Alchimon den Grund seiner vorzeitigen Heimkehr, und so können Philomena und ihr Liebhaber die Situation dialektisch umdrehen: Ehebruch ist ja schließlich kein Beinbruch, wer aber den goldenen Apfel für eine Feige hält, ist ein Hochverräter! Vor der so gefährlichen Bezichtigung flieht Alchimon vorsichtshalber auf sein Landgut. – Der Verwalter und Freund Heron empfängt ihn mit Wein und offenen Armen. Er möchte nach zehnjähriger freundesgetreuer Radierei in Alchimons Weingarten dieses schöne Stück Land nun gern zu dem seinen schlagen. Wenn Alchimon landes- und hochverräterisch von Feigen träumt, sei sein Besitz ohnehin gefährdet. – Alchimons Philosophielehrer Praxēn, dessen Rat der Träumer und Heimkehrer nunmehr sucht, ist inzwischen leider Modephilosoph geworden; seine heroische Ideologie verkümmert in Partys und Sexgelagen. Deshalb weiß auch er keine Antwort auf die Frage: Apfel oder Feige. Bei so staatsgefährdenden Entscheidungen könnte seine Lehre gar zu leicht verboten werden. Außerdem kandidiert er für die nächsten Wahlen. – Doch noch vor diesen Wahlen wird Alchimon inhaftiert. Die Produktion von Feigen und Feigenmarmelade ist inzwischen längst verboten. Deshalb bedrängen Verwandte und Freunde den Alchimon, seinem unseligen Traum endlich abzuschwören. Im Gerichtssaal ruft Alchimon dann verzweifelt den Gott Apollo um Hilfe an. Schließlich geht es ja um die Würde des Menschen und die Wahrheit! Zum Glück kommt plötzlich die Nachricht, daß Troja gefallen ist. Plötzlich hat man Frieden und an der Obstfrage weit und breit kein Interesse mehr.
11 P, 13 NP – U: 1959 JRT, Zagreb – DE: 1963 NDR – 60 Min. – Ü: Milo Dor – gedr. in Der Flug des Ikaros, Herrenalb: Erdmann 1964
Trat 1946 mit einem Prosafragment zum erstenmal an die Öffentlichkeit und schrieb dann "Schatten über Belgrad", eine Chronik aus der Besatzungszeit, vier Bände Erzählungen und drei Romane. Auch ein halbes Dutzend Theaterstücke von ihm hat man in Jugoslawien aufgeführt. Von seinen Hörspielen wurden international gesendet: "Die Heimkehr", ein Stück, das die nach dem Krieg vielbeschriebene Not des Wieder-nach-Hause-Findens behandelt (1954, in Deutschland auch im Hörspielbuch 1959 abgedruckt), und "Der Sieger". Dies brachte dem Autor, der z. Z. Chefdramaturg der Belgrader Hörspielabteilung ist, den Preis des jugoslawischen Hörspielfestivals von 1957 ein.
Scharko, der sich an die landfremden Machthaber als "Sicherheitsmann" verkauft hat, hat zwei alte Kampfgefährten aus dem Freiheitskampf, Stojan und die mit Stojan engverbundene Olga, festsetzen lassen. Nun verhört er beide, und man muß das Schlimmste befürchten. Doch während der Vernehmung von Stojan und später während derjenigen von Olga wird immer klarer, daß Scharko Gericht nicht über sie beide, sondern über sich selber hält. Gelingt es ihm, die immer noch heimlich verehrten Vorbilder zu Fall zu bringen und auf seine Seite zu ziehen, dann könnte er sein gequältes Gewissen, mindestens für eine Weile, zum Schweigen bringen. Doch sowohl Stojan als auch Olga bleiben standhaft. Da aber geschieht etwas Unerwartetes: Scharko gibt den Befehl, das Paar sofort aus der Haft zu entlassen, ein Gendarm muß sie in Sicherheit bringen. Man weiß, daß Scharko dem Kommissar, den man zuvor in einem kurzen Auftritt kennengelernt hat, Rechenschaft wird geben müssen. Doch dazu kommt es nicht mehr. Mit dem Gefühl tiefer Genugtuung, weil es ihm gelang, Olga und Stojan zu düpieren: "Jetzt habe ich sie besiegt!", greift er zu seiner Pistole und erschießt sich.
3 P, 3 NP – U: 1957 JRT, Belgrad – DE: 1960 RB/SDR – 30 Min. – Ü: Milo Dor – gedr. in Der Flug des Ikaros, Herrenalb: Erdmann 1964
Studium der Medizin, in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren Kassenarzt im Zentrum des proletarischen Berlin. Mit seinen ersten Arbeiten ("Ermordung einer Butterblume", 1913) zählt er zu den Expressionisten, er blieb dieser Richtung z. T. auch mit seinen späteren Romanen verbunden. Döblin hat sich schon 1927/28 für das Instrument Rundfunk interessiert. Wie intensiv der große Romancier damals an der Diskussion um das neue Medium teilnahm, zeigen seine von Hans Bredow ("Aus meinem Archiv", Heidelberg 1950) überlieferten Reden zum Thema. Leider existiert von Döblin nur ein einziger Hörspieltext, der sich an seinen Roman "Berlin – Alexanderplatz" anlehnt und 1929, ein Jahr nach Erscheinen des Buches, gesendet wurde. Der Text, vom Autor zusammen mit dem Regisseur der "Berliner Funkstunde" Max Bing erarbeitet, ist auf einem teilweise sehr abgespielten Schallplattensatz der damaligen Aufführung erhalten, nachstenographiert und von Wolfgang Weyrauch überprüft und eingerichtet worden; er wurde 1962 beim NDR neuinszeniert. Auf eine Wiedergabe der Handlung wird hier verzichtet, da sie mit den Vorgängen des Romans übereinstimmt. Formal enthalten die Szenen eine Reihe prägnanter radiophonischer Erfindungen, und die fantastisch expressive Sprache der Dialoge kommt im Hörspiel besonders zur Geltung. – Döblin emigrierte 1933, erst nach Frankreich, dann über Spanien und Portugal nach Kalifornien. Nach dem Krieg kehrte er nach Deutschland zurück und gab eine Zeitlang die Literaturzeitschrift "Das goldene Tor" heraus.
Pfarrerssohn, besuchte das Gymnasium in Bern, studierte in Zürich und Bern Philosophie, Theologie und Germanistik. Betätigte sich als Graphiker und Illustrator, war eine Zeitlang Theaterkritiker der "Weltwoche". Sein episches und vor allem sein dramatisches Œuvre, das rund ein Dutzend Titel umfaßt, ist bekannt. Dürrenmatt interessiert sich sehr aktiv für das Hörspiel. Schon als Student schrieb er den erst 1960 mit ihm selbst in der Rolle als "Hörspielautor" uraufgeführten Text "Der Doppelgänger". Für "Die Panne" erhielt er den Hörspielpreis der Kriegsblinden 1956, für "Abendstunde im Spätherbst 1958 den Prix Italia. Der 1961 erschienene Band "Gesammelte Hörspiele" enthält alle seine bisherigen Rundfunkwerke. – Dürrenmatt, der sich mit Bearbeitung und Inszenierung eigener Stoffe auch an Filmen und Fernsehspielen beteiligt bat, ist neuerdings in der Leitung des Basler Schauspielhauses tätig. – Er lebt mit seiner Familie in Neuchâtel.
Zwischen einem der letzten freien Menschen, einem Schriftsteller, der den Machthabern als Feind gilt, weil er nachdenkt, und dem Abgesandten der Machthaber, dem Henker, wird die Dialektik von Geist und Gewalt erörtert – in einem letzten Gespräch über das Sterben der Ohnmächtigen. Der Henker, ein älterer Mann, Berufsmörder, Beamter, der später fürs Töten Pension bezieht, ist während einer hellen Sommernacht ins Fenster des Schriftstellers eingestiegen, um ihn ohne Aufsehen zu liquidieren. Die beiden sprechen über das, was bevorsteht, der Henker berichtet aus seiner jahrzehntelangen Praxis über die Reaktion seiner Opfer. Es gibt, wie er es nennt, den gesunden Tod derer, denen ihr Leben einziger Besitz ist; oft kämpfen sie zuletzt noch einen wilden Kampf darum, er versteht das gut. Daneben gab es früher den imposanten Tod, bei dem die Hinzurichtenden stolz in die steinernen Gesichter des Gerichts und der Hinrichtungsdelegation oder gar in die Trommelwirbel der Soldaten hinein protestierten – zugunsten der Gerechtigkeit. Doch gehört zu diesem Tod Öffentlichkeit, und sei sie noch so klein. Heute stirbt man allein – meist den traurigen Tod, stumm wie das Tier; der Verurteilte pflegt ein gebrochener Mann zu sein, auch der Tod hat sein Ansehen eingebüßt. Dennoch: es gibt eine besondere Art, eine große Kunst des Sterbens auch noch und gerade in dieser Zeit diktatorischer Gewalt. Diese Kunst des Sterbens hat den Henker anfangs sehr geängstigt, wenn er ihr begegnete, denn bei ihr geht es nicht um Protest (Protest ist Sache der Lebenden), sondern um etwas anderes, um einen demütigen Tod. Die Demütigen unter den Unschuldigen ergeben sich bei weitem nicht aus Müdigkeit. Im Gegenteil: bei ihnen lernte er etwas kennen, was sogar ihn, den Henker, besiegt, und woran alle Macht der Welt ihr Ende findet. "Wäre der Mensch nur Leib, es wäre sehr einfach für die Mächtigen, sie könnten ihre Reiche bauen, wie man Mauern baut, Quader um Quader gefügt zu einer Welt aus Stein. Doch wie sie auch bauen, wie riesenhaft auch ihre Paläste sind, wie übermächtig ihre Mittel... in die Leiber der Geschändeten, in dieses schwache Material, ist das Wissen eingesenkt, wie die Welt sein soll, und die Erkenntnis, wie sie ist, die Erinnerung, wozu Gott den Menschen schuf, und der Glaube, daß diese Welt zerbrechen muß, damit sein Reich komme, als eine Sprengkraft, die den Menschen immer wieder umprägt, ein Sauerteig in seiner trägen Masse, der immer wieder die Zwingburgen der Gewalt sprengt......." Der Schriftsteller, den das Pathos vielleicht stört, sagt "Binsenwahrheiten!" Doch weil auch er erkennt, "es geht heute nur um Binsenwahrheiten", stirbt er dann selbst den demütigen Tod derer, die wissen, daß der Kampf immer aufs neue aufgenommen wird.
2 P – U: 1952 BR – 35 Min. – Druck: Zürich: Verlag der Arche o. J.
Unter Benutzung der berühmten Fabel und einiger Textabschnitte aus den Abderiten Wielands (dem Dürrenmatt sich als Autor besonders verwandt fühlt) erzählen die handelnden Personen, einer nach dem andern, mit eingeblendeten Szenen die Geschichte des Zahnarztes Struthion und ihre Folgen. – Auf einer Geschäftsreise durch die sonnendurchglutete Hitzschlag-Ebene will Struthion sich in den Schatten des gemieteten Reitesels setzen, um sich etwas zu erholen, aber der Eselbesitzer und -treiber Anthrax bestreitet ihm das Recht dazu, weil der Schatten nicht mitgemietet sei. Der Streit der beiden wird vom Stadtrichter um ein Haar geschlichtet, doch da gesellt sich den Kontrahenten je ein Advokat bei. Beide Advokaten bringen, teils aus wissenschaftlichen Gründen, teils um die Sache der Proletarier gegen die Ausbeuter zu vertreten, ihre Mandanten buchstäblich um Weib und Kind, Hab und Gut ("Für das Prinzipielle ist kein Opfer zu hoch"). Sie machen die Auseinandersetzung zu einer Sache der gesamten Republik: Der Latrona-Oberpriester wird gegen den Jason-Erzpriester aufgebracht, beide werden gesellschaftlich aufs schwerste kompromittiert, der Streit wird "eine Angelegenheit der Philosophie, der Ideale und weiß Gott was für heiliger Güter", der Freiheits- und Fortschrittsglaube und die Privatwirtschaft stehen gegen den Aberglauben und das Recht der Schwachen, Staats- und Volksversammlung erheben ihre Stimme, der Fremdenverkehr, der Tierschutz, die Zünfte schalten sich ein ("Griechenland ist groß, aber Thrazien ist größer, denn die Heimat ist immer am größten"), und schließlich offeriert der Direktor der friedliebenden Korinther Waffen-AG auch schon Schwerter, Wurfspeere und Libanonzedernschilde. Entschieden wird das Ganze jedoch – radikal – durch den immer trunkenen Vollblutkapitän Tiphys, der, eine – von Brecht übernommene – Seemannsballade singend, sich von beiden Parteien, der Esel- und der Schattenpartei, gewaltig bestechen läßt und mit seinen Mannen im Auftrag beider Lager beide gegnerischen Tempel und die ganze Stadt in Flammen setzt. Als am Ende die Interessenten und Kontrahenten in den rauchgeschwärzten Ruinen ihrer Stadt stehen, ergreift zum erstenmal derjenige das Wort, der, obwohl der Mittelpunkt, bisher stets geschwiegen hat. Zweifelnd fragt er sich: "War ich in dieser Geschichte der Esel?"
Etwa 30 P – U: 1952 BR – 70 Min. – Druck: Zürich: Verlag der Arche o. J.
Der "Ansager" erzählt die Geschichte von Stranitzky, dem Beinlosen, und seinem Freund, dem blinden Seemann Anton, der Stranitzkys Rollstuhl zu schieben pflegt, wobei ihm Stranitzky seine Augen leiht. Das Schicksal der beiden bisher so unauffälligen Kriegsinvaliden wird akut, als an der linken Zehe des Staatsoberhaupts und Nationalhelden Baldur von Moeve plötzlich unter großer Anteilnahme der Nation Aussatz entdeckt wird; er hatte ihn sich beim Staatsbesuch in Afrika zugezogen, wo er, um seine sozialen Gefühle zu demonstrieren, nacktfüßig eine Eingeborenenhütte betrat. Die Invaliden jubeln, als sie die Farbabbildung der Zehe in der Illustrierten sehen: Nun ist Baldur mit ihnen solidarisch, nun werden sie ihn besuchen und Stranitzky wird ihm den Vorschlag machen, gemeinsam eine Regierung von Invaliden zu bilden; dann ist es endlich aus mit dem Elend ihres Elendsquartiers in der Mozartstraße, mit dem Elend Fräulein Maries, die Stranitzky liebt, und mit dem Sammeln milder Gaben vor der Sebastianskathedrale. Laut singend rollt Anton seinen Freund zur Bethlehemklinik, wo der "Held von Finsterwalde und Plinplin", von adligen Fräuleins und den Bequemlichkeiten moderner Technik umgeben, im Rollstuhl gepflegt wird. Doch der erste Versuch, zu ihm zu kommen, mißlingt. Die Polizei drängt die beiden ab. Im Chausseegraben liegend, beschließt Stranitzky: in der neuen Regierung muß er unbedingt Polizeiminister werden. Erst ein zweiter Versuch bringt die Freunde dann zu Baldur – indem nämlich ein Journalist die Begegnung des Nationalhelden mit den Invaliden protegiert, um sie in der "Epoche" und im Funk aktuell auszuwerten. Endlich kann Stranitzky vor dem kranken Baldur seine Rede halten und sich und Anton zu Ministern anbieten. Leider sind Exzellenz müde, reagieren schwach, scheinen jedoch durchaus nicht ganz abgeneigt; im Hinblick auf die gemeinsamen Kriegserlebnisse redet der Nationalheld die beiden sogar als "Kameraden" an und schenkt ihnen sein Bild mit Unterschrift. Darum feiern sie nun mit ihren zahlreichen armen Freunden in der Mozartstraße ein großes Fest, bei dem alles aufs reichlichste, wenn auch auf Abzahlung (in Hinblick auf das baldige Ministergehalt), vorhanden ist. Als man aber, auf dem Höhepunkt des Festes, im Rundfunk gemeinsam die Reportage ihres Besuchs bei Baldur hören will, ist just die Stranitzkyrede mit dem Regierungsangebot herausgeschnitten. Die Freunde in der Mozartstraße halten daraufhin Stranitzky und Anton natürlich für Betrüger, mit knapper Not entkommen die Invaliden samt ihrem Rollstuhl dem empörten Volk. Lebensmüde vor Enttäuschung lenkt Stranitzky Anton und sein Fahrzeug ins Meer, in dem sie versinken. Erst sehr viel später, als der Nationalheld schon wieder auf den Beinen ist und mit einem nationalen Festzug über eine Kanalbrücke zieht, begegnen ihm die Invaliden noch einmal kurz als angeschwemmte Wasserleichen. Doch auch diesmal kann allzu große Peinlichkeit vermieden werden.
18 P, viele NP – U: 1952 NWDR-Hamburg – 65 Min. – Druck: Zürich: Verlag der Arche o. J.
Polybios, Werbechef des Herkules und Vorgesetzter von zehn festangestellten Propagandadichtern, erzählt von den unerhörten Sorgen seines Herrn: Die Gläubiger drohen den Helden fertigzumachen. Dabei ist er doch so viel besser als sein unverdient abgesunkener Ruf, an jedem Kiosk Griechenlands kann man nämlich die bunten Hefte der Herkulesbücherei kaufen, die den Heros, wie er selbst mit Bitternis formuliert, als "ewig betrunkenen Kraftmeier" darstellen. Aber obwohl Herkules den Polybios, als er ihm eine Offerte des Augias auf Reinigung seiner total vermisteten Stadt Elis überbringt, in stolzem Zorn, wie üblich, die Treppe hinunterwirft: das Angebot des Kuhbauernpräsidenten kann er nicht mehr ausschlagen, die Not ist zu groß. Bald darauf wird auf dem elischen Marktplatz, dessen köstliche Bauwerke und Kulturdenkmäler unter haushohen Mistbergen schlummern, der Held mit seiner geliebten Dejaneira feierlich empfangen. Schon träumt des Augias achtzehnjähriger Sohn Phyleus, der noch nie Kultur sah, von einer gereinigten Zukunft, und der etwas müde Held erwägt, angesichts der aufkeimenden Liebe zwischen Phyleus und Dejaneira, die Geliebte dem Jüngling aufopferungsvoll zu überlassen, damit die schöne Frau, nach der bloß negativen Arbeit, "dem gesäuberten Land die Fülle, den Geist, die Schönheit, den Sinn" gibt. (Übrigens, den zudringlichen Elierinnen gegenüber läßt sich Herkules nachts in seinem Zelt durch den Sauhirten Kambyses vertreten.) Doch plötzlich stellen sich Schwierigkeiten heraus- In der Säuberungskommission des Landtags äußert Pentheus vom Säuliboden, die unterm Mist liegenden Kunstwerte, die ganze alte elische Tradition, könnten beim Ausmisten zerstört werden; und Kadmos von Käsingen fürchtet er, es könne sich erweisen, daß die geheiligten Werte, außer im Glauben der Elier, überhaupt nicht existieren, so daß die Elier dann ohne Glauben leben müßten, was doch unmöglich sei. Nun werden immer neue Kommissionen bestellt, es tauchen aber auch immer neue, bedrohliche Versionen auf. Mit der Zeit wird auch des Herkules Finanzlage immer bedrohlicher, und er sinkt von Stufe zu Stufe. Zuerst braucht er beim Zirkusdirektor Tantalos, der ihn engagiert, nur mit Verbeugungen aufzutreten. Doch als das nicht mehr zieht, muß er vorm Zirkuspublikum mit einem Berufsathleten und schließlich sogar mit einem Nashorn ringen. Da die elische Entmistung vermutlich wegen hinzukommender außenpolitischer Schwierigkeiten überhaupt nicht mehr stattfinden kann, nimmt der Held am Ende einen Ruf nach Stymphalien an, wo der noch viel üblere Mist der stymphalischen Vögel zu beseitigen ist. Mit Dejaneira, die ihn sicherheitshalber, wenn sie ihn einst heiratet, mit dem berühmten Nessoshemd an sich fesseln (und damit unfreiwillig töten) will, verläßt er Elis – und den Knaben Phyleus. Augias schenkt seinem Sohn zum Trost einen von ihm insgeheim eigenhändig gereinigten Garten und belehrt ihn, daß, wenn schon das Ganze, der Staat, nicht zu entmisten ist, doch jeder einzelne an seinem Platz Mist in Humus verwandeln könne.
13 P, CH – U: 1954 NWDR-Hamburg – 65 Min. – Druck: Zürich Verlag der Arche o. J.
Dr. med. Mannerheim, Geheimdienstmitglied, erläutert (auf Band) dem Präsidenten der freien Staaten Europas und Amerikas geheime dokumentarische Tonaufnahmen vom eben beendeten Unternehmen des Raumschiffs Wega. Da nämlich auf der Erde nunmehr – man schreibt 2250 – ein neuer Weltkrieg, erstmals seit 1945, unvermeidlich scheint, sind Beauftragte des Westens, geführt vom West-Außenminister Sir Horace Wood und begleitet u. a. vom Sieger bei den berühmten Handstreichen auf Hanoi und Warschau, Oberst Roi, zur Venus geflogen. Die Bewohner dieses Planeten mußten zu Bundesgenossen gemacht oder, wie Roi wußte und Sir Horace ahnte, mit Kobaltbomben ausgerottet werden, damit sie nicht etwa auf der gleichstarken östlichen Seite kämpfen. – Die Venus, ursprünglich unbewohnt, ist seit zweihundert Jahren Strafkolonie der Erde; der Westen schickt, außer Kriminellen, nur Kommunisten dorthin, der Osten nur westlich Infizierte. Da der Stern fast kein Leben zuläßt – unabsehbare Urwälder, undurchsichtiger Dunst, ungeheure Vulkanausbrüche, Erd- und Seebeben, Existenzmöglichkeit nur auf Schiffen –, hat man sich bisher nicht weiter um ihn und die dort Ausgesetzten gekümmert, sich nur gewundert, daß auch die Kommissare, die beide Seiten entsandten, nie zurückkamen. Jetzt, als das Raumschiff oben landet, stellt sich heraus: die Venus hat nicht einmal eine Regierung, die man ansprechen kann, Politik gilt dort als überflüssig, und jeder beliebige, der einen Funkspruch von sich Annähernden unweit der Landestelle empfängt, ist verpflichtet, als Unterhändler zu fungieren. – Sir Horace redet zuerst mit drei Männern: einem deutschen Mörder, einem Kommunistensohn und einem Russen. Dann, als die drei zum Walfang gebraucht werden, mit einer ehemaligen Straßendirne, die ihren hilflos-taubstummen Mann mitschleppt und die Sir Horace, um sie durch Macht zu verführen zum westlich anerkannten Staatsoberhaupt ernennt. Jedoch den Venusbewohnern ist Anerkennung und Macht, ja, sogar Rückkehr zur Erde schlichtweg unverständlich und uninteressant. Die verwirrten Insassen des Raumschiffs müssen sich deshalb immer wieder zur Beratung in den Weltraum zurückziehen. Bei ihrer dritten Landung tritt Sir Horace plötzlich ein alter Studienkamerad aus Oxford und Heidelberg als Bevollmächtigter gegenüber – dem irdischen Politiker und Ränkeschmied ein Mann, der den Menschen und sein Leben auf dem unwirtlichen Stern als etwas unendlich Kostbares zu schätzen gelernt hat: "Die Venus zwingt uns, nach unsern Erkenntnissen zu leben. Das ist der Unterschied. Wenn wir hier einander nicht helfen, gehen wir zugrunde... Die Erde ist zu schön. Zu reich. Ihre Möglichkeiten sind zu groß. Sie verführt zur Ungleichheit. Auf ihr ist Armut eine Schande, und so ist sie geschändet. Nur hier ist die Armut etwas Natürliches. An unsrer Nahrung, an unsern Werkzeugen klebt nur unser Schweiß, nicht noch Ungerechtigkeit wie auf der Erde. Und so haben wir Furcht vor ihr. Furcht vor ihrem Überfluß, Furcht vor ihrem falschen Leben, Furcht vor einem Paradies, das eine Hölle ist." – Sir Horace verspricht tiefbewegt, die Bomben, mit denen er seinem Freund gedroht hatte, nicht zu werfen, auch wenn er seine Mission nicht erfüllt hat und die Venusbewohner nicht zu Bundesgenossen gewann. Doch bald nach dem Abflug läßt er sich von den Experten versichern, daß die Gefahr eines Bündnisses zwischen der Venus und den Russen doch wohl zu groß sei, und zieht sich zur Lektüre Thomas Stearns Eliots zurück.
10 P, 2 NP – U: 1955 BR/SDR/NDR – 65 Min. – Druck: Zürich: Verlag der Arche o. J.
Generalvertreter Traps’ Auto streikt, so daß er unversehens in einem Kuhdorf übernachten muß. Da die Gasthöfe voller Lärm und überdies besetzt sind, weist man ihn in eine einsame Villa, wo gelegentlich ebenfalls Gäste unterkommen. Dort findet er vier alte Herren vor, die ihn zu einem köstlichen Abendschmaus nebst wundervollen Weinen einladen – vollständig gratis. Traps ist freudig erstaunt und sagt zu, das Spiel der alten Herren mitzuspielen; dies nämlich machten sie zur Bedingung. Die Herren sind vier, seit langem pensionierte Gerichtspraktiker: ein Staatsanwalt, ein Verteidiger, ein Richter und auch einer, der den "Henker" abgibt. Sie spielen wöchentlich zweimal Verhandlung und bedürfen dazu natürlich auch der "Angeklagten", die sie jeweils von draußen hereinholen. Traps findet die Rolle ebenso angenehm wie das gepflegte Mahl. Doch sein Verteidiger warnt ihn von Anfang an: er möge nicht leichtsinnig Unbedachtes reden. Vor allem erschrickt er, als Traps stolz von seinem fabrikneuen Studebaker, dem Nachfolger des billigen alten Citroën, spricht – und davon, wie er, seinen plötzlich verstorbenen Boß ersetzend, aufrückte. Sehr vergnügt gesteht Traps obendrein, daß dieser Boß an einem jähen Herzinfarkt einging, daß er mit dessen Frau ein amüsantes, kleines Verhältnis hatte und daß es ihm Spaß machte, dies dem unsympathischen, ellenbogenbewehrten Chef durch Dritte hinterbringen zu lassen. – Nun folgt die Rede des Staatsanwalts, die auf Mord und Todesstrafe lautet. Daran schließt sich die Rede des Verteidigers an, der auf Freispruch plädiert, weil Traps "nicht als ein Verbrecher, sondern als ein Opfer unserer Zeit anzusehen ist... Unsre Zivilisation, die den Glauben, das Christentum, das Allgemeine mehr und mehr verlor, ist chaotisch geworden, so daß dem einzelnen kein Leitbild blinkt... Zur großen, reinen, stolzen Schuld, zur eindeutigen Tat, zum entschlossenen Verbrechen nicht fähig", träume Traps bloß "aus diesem Mangel heraus, es begangen zu haben". Doch Traps, ziemlich geschmeichelt durch die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird, aber auch voll trunkener Reue, verwahrt sich gegen die Beleidigungen seines Verteidigers: er sei durchaus Mörder. Und der Richter fügt, des sicheren Erfolges froh, hinzu: ein Mörder "durch die Gedankenlosigkeit der Welt, in der du lebst". Man erkennt: das Privatgericht der alten Emeritierten hat einen großen Tag und kann genießerisch in Funktion treten. Schauerlich, wie der zum Tode Verurteilte vom "Henker" die Treppe hinauf ins Obergeschoß, in das für Todeskandidaten bestimmte Gemach, mehr geschoben als begleitet wird. Gräßlich, wie der Vollzugsbeamte der Gerechtigkeit dem Abgeurteilten kaltblütig den Halskragen öffnet. Doch tut er es nur, um Traps friedlich zu Bett zu bringen. – Am nächsten Tag kann der Generalvertreter dann mit seinem reparierten Studebaker einigermaßen ausgeruht weiterfahren, neuen geschäftlichen Erfolgen und Morden entgegen.
6 P, 3 NP – U: 1956 BR/SDR – 70 Min. – Druck: Zürich: Verlag der Arche o. J.
Maximilian Friedrich Korbes, Schriftsteller von Weltruhm und Nobelpreisträger, frauenumschwärmt und skandalumwittert, bewohnt z. Z. das oberste Stockwerk eines Schweizer Grandhotels mit luxuriösem See- und Alpenblick. Nach zweiundzwanzig in alle Sprachen übersetzten Romanen voller Blut und Temperament – grandiose psychologische Abenteuer- und Mordgeschichten – ist er gerade wieder auf Stoffsuche, als unversehens ein Männlein vor ihm steht, das sich als Fürchtegott Hofer, pensionierter Buchhalter der Firma Oechslin und Trost in Ennetwyl bei Horck vorstellt. Korbes, anfangs einen simplen Autogrammjäger oder Journalisten vermutend, horcht auf, als sich das Männlein nicht nur als profunder Kenner seiner Werke, sondern als "literarischer Kriminalist" zu erkennen gibt. Der Dichter, so führt der Besucher aus, habe den mörderisch-dunklen Seiten des Lebens nur deshalb die von allen bewunderte und genossene Größe abgewonnen, weil seine Bücher Tatsachenberichte seien – und zwar über Morde, die der Autor persönlich begangen habe. Trotz der Kosten, die das Vermögen eines Pensionisten weit übersteigen, sei er, Hofer, an alle Orte gereist, an denen Korbes einmal weilte und wo seine Romane spielten, und habe die literarisch kaum getarnte, erregende Wirklichkeit überall mit voller Evidenz aufgedeckt. Mehr als zwanzig Morde! Dennoch habe er sich notgedrungen entschlossen, Korbes nicht anzuzeigen – vorausgesetzt, der Autor gewähre dem durch seine Nachforschungen endgültig bankrott Gewordenen zu seiner Pension ein bescheidenes Taschengeld von 700 sFr. – Korbes ist weit entfernt, auf die armselige Erpressung einzugehen. Triumphierend weist er seinen Sekretär an, sich unmittelbar anschließend zum Diktat bereitzuhalten, und erklärt dann stolz aufgerichtet dem bittstellenden Kriminalisten, daß niemand auf der ganzen Welt je den so albernen Gedanken verwirklichen würge, ihn, den großen Dichter und Erfüller aller unausgesprochenen Wünsche und mörderischen Sehnsüchte ("Literatur ist eine Droge") anzuklagen oder gar zu verurteilen. Doch habe er jetzt – dank Fürchtegott Hofer – endlich den neuen, passenden Stoff gefunden, und zwar zu einem Hörspielwelterfolg. Und damit drängt er den angstzitternden Hofer mit seiner ganzen monumentalen Größe und mit dem ungeheuren moralischen Gewicht seines Weltruhms vor sich her auf den Balkon, wo dem entsetzt Ausweichenden nichts übrigbleibt, als sich über die Brüstung in den Vordergarten hinabfallen zu lassen. Dann, während der wunderliche Besucher zerschmettert tief unten im Rosenbeet liegt, beginnt der große Mann die groteske Episode als Hörspiel zu diktieren; der Schluß des Stückes mündet wortwörtlich in den Anfang ein, so daß das Ganze gleichsam die Form eines endlos umlaufenden Bandes erhält.
2 P, 4 NP – U. 1957 NDR – 50 Min. – Druck: Zürich: Verlag der Arche o. J.
Der "Hörspielautor" erzählt dem "Hörspielregisseur" eine Geschichte, ein theologisches Gleichnis; der Regisseur nimmt dazu Stellung; die Szenen der Geschichte werden in das Gespräch der beiden eingeblendet, so als übersetze sie der Regisseur sofort in lebendigen Dialog. – Einem später Pedro genannten, sonst nicht näher bestimmten Manne ("Jeder von uns könnte der Mann sein... "), erscheint im Schlaf sein Doppelgänger, der später als Diego bezeichnet wird. Dieser ihm zwillingshaft ähnliche Mensch eröffnet ihm: er, Diego, habe einen Mord begangen und Pedro sei an seiner Stelle als Mörder erkannt und, sosehr er jetzt auch seine Unschuld beteuert, zum Tode verurteilt. Von wem? fragt entsetzt der Regisseur, sozusagen für Pedro. Vom hohen Gericht, antwortet der Autor gleichgültig. – Bald darauf kommen Schergen und holen Pedro ins Gefängnis. Doch Diego erscheint wiederum, befreit Pedro und bringt ihn in sein Haus, das sich mitten im seltsam altertümlichen Stadtkern einer Großstadt befindet. Hier führt Diego Pedro sofort mit seiner Frau Inez zusammen, die ihm gesteht, daß sie ihren Mann zu einem (ihretwegen begangenen) Mord bewußt gezwungen habe. Sie gibt Pedro zwei Gläser Wein, von denen er eines, das vergiftet ist, Diego reichen soll; durch einen Kuß glaubt sie ihn dazu zu verpflichten. Als die drei danach beisammen sind und der Giftmord geschehen soll, zieht Pedro unversehens aus dem halboffenen Schubfach des Tisches einen Revolver, der wie zufällig dort liegt, und erschießt die Frau. Doch dann trinkt Diego dennoch von dem vergifteten Wein. Bevor er stirbt, wird zwischen den beiden Doppelgängern resümiert: Pedro hat getötet, weil er nicht töten, ist schuldig geworden, weil er nicht schuldig werden wollte; die anfängliche Ursache all der verhängnisvollen Vorgänge war, daß Pedro sich weigerte, Diegos Schuld, sein Verbrechen, auf sich zu nehmen; hätte er das getan, wäre Diego wiederum an seine Stelle getreten und für ihn gestorben. – Der Regisseur stellt fest: "Zwei Morde in zehn Minuten, wie im Kino." Oder wie im Traum? Der Autor beteuert, daß er keinen Traum habe erzählen wollen. Der Regisseur repliziert: da Diego und Inez alles vorher gewußt, ja, das Geschehen z. T. gelenkt hätten, sei lediglich Pedro als unschuldig zu bezeichnen. Doch Pedro selbst und der Autor denken anders darüber. Pedro sagt: "Nur wer seine Ungerechtigkeit annimmt, findet seine Gerechtigkeit, nur wer ihm" – dem hohen Gericht – "erliegt, findet seine Gnade." Der Regisseur will Pedro retten und zwingt den Autor, ihn zum Sitz des hohen Gerichts zu führen, in ein Rokokoschlößchen, über eine "steinerne Treppe, ausgehöhlt von den unzähligen Schritten der Schuldigen". Doch das Gerichtsgebäude ist leer, ein hohes Gericht ist nicht vorhanden. "Damit müssen wir uns zufriedengeben", heißt der Schlußsatz des Autors.
5 P – U: 1960 NDR/BR – 45 Min. – Druck: Zürich: Verlag der Arche o. J
1932 Studium in Paris. Während des Krieges als Mitglied der Resistance nach Deutschland deportiert. Danach Journalistin beim "Observateur". Die französische KP schloß die Autorin nach zehnjähriger Mitgliedschaft aus, weil sie "die Freiheit der Kultur verteidigt". Marguerite Duras huldigt einem unbedingten Humanismus und ist scharf "antiklerikal“,: die Kirche behindere die Menschheitsentwicklung. Prominente Vertreterin des Nouveau Roman ("Heiße Küste", 1950, dt. 1952). Weltberühmt wurde sie durch das Drehbuch zu "Hiroshima mon amour". Über die Hörspielarbeit, der sie sich, angeregt durch den SDR, widmete, sagt sie: "Der Funk gestattet dem Schriftsteller eine größere Konzentration als das Theater oder der Film, weil das Wort im Funk auf sich selbst angewiesen bleibt."
An hochgelegenem Ort erwartet der alte Herr Andesmas den Architekten Michel Arc, der ihm hier oben eine Aussichtsterrasse bauen soll, die alles beherrscht, das Dorf unten und den Wald ringsum und das Meer. Doch der Architekt hat ihm vorerst nur seine sehr kindlich gebliebene Tochter geschickt, um ihn etwas zu vertrösten, und Herr Andesmas spricht mit ihr auch wie mit einem Kind, obschon sie etwa gleichaltrig mit seiner achtzehnjährigen Tochter Valérie ist, der zuliebe er das Haus auf dieser Höhe gekauft hat. Herr Andesmas ist sanft, höflich und heiter und faßt sich in Geduld, doch es bleibt nicht verborgen, daß er die Ankunft Michel Arcs, mehr aber noch die seiner Tochter, innig herbeiwünscht. Statt dessen erscheint nun die Frau des Architekten, und es entspinnt sich ein Gespräch, das anmutet, als führten die beiden Partner innere Monologe und ließen den anderen nur einen Bruchteil ihrer Überlegungen erkennen. Vom Dorf her weht Musik herauf, man tanzt dort, und offensichtlich sind Valérie und Michel Arc unter den Paaren. Oben, in den seltsamen Monologgesprächen, geht es gleichfalls um Valérie, von der Herr Andesmas nicht wahrhaben will, daß sie im Begriff ist, die Kindheit und damit auch ihn zu verlassen, selbst wenn sie noch bei ihm bleibt. Frau Arc aber hat die Erkenntnis heraufgetrieben, daß Valérie ihr ihren Mann nehmen wird, und zwar heute abend endgültig. Sie ist gekommen, den Vater dieses Mädchens zu sehen und mit ihm zu sprechen – doch nicht etwa, um zu verhindern, was sie in fast antiker Schicksalsentschlossenheit bewußt annimmt. Sie hat Valérie vom ersten Augenblick beobachtet, schon als sie im Dorf auftauchte und über den Markt ging, gefolgt von den Blicken der Männer und "unglaubwürdig blond", hat das Mädchen an sich gezogen und ihr beigebracht, wie man den Mittagsschlaf des Vaters zu einem ersten Heraustreten aus seinem Blickfeld ausnutzen kann. jetzt warten die beiden, die man verlassen wird, der reiche alte Mann vor seinem letzten Liebesverlust und die junge Frau, die schon an andere Männer denkt, in einer eigentümlichen Atmosphäre von höflicher Zärtlichkeit auf das ankommende Paar. Dessen Lachen kündigt an, daß die Vorahnungen eingetroffen sind.
3 P, 2 NP – U=DE: 1967 SDR/NDR – 60 Min. – Ü: Walter Boehlich – ungedruckt
Nachts um zehn klopft es. Zaghaft wird geöffnet. Zwei Männer stehen sich gegenüber, die früher derselben revolutionären Partei angehörten und die als Kampfgefährten wie Brüder waren, bis es eines Tages zwei sich aufs äußerste bekämpfende Fraktionen gab. Der eine, auf der Seite der Macht stehend, wurde dann Ankläger im Schauprozeß von Xanatta, der andere saß auf der Anklagebank und wurde dank der leidenschaftlichen Wut des Staatsanwaltes zum Tode verurteilt. Zum Glück konnte er entfliehen, er lebt nun in jenem Haus, in dem die für ihn unerwartete nächtliche Unterredung stattfindet. Beide Männer versuchen, die Bedeutung der Ereignisse für ihre Person zu ermitteln und die gegenseitigen Vorbehalte, ja die geheime Furcht voreinander abzubauen. Das Menschenglück, für das beide eintraten, wird zum gedanklichen Ausgangspunkt ihrer Auseinandersetzung. Der ehemalige Staatsanwalt, obschon jetzt gestürzt und, wie er mehrmals andeutet, mit einer Bitte gekommen, scheint immer noch der gleiche Ideologe geblieben zu sein, der er war. Selbst als Kuli und Botengänger für die, die ihn stürzten, kann er sich kein anderes Leben als das im Dienste der Partei vorstellen. Der Hausherr hat notgedrungen das kleine Glück bürgerlicher Existenz gewählt. Seine Frau ruht im Nebenzimmer, die drei Kinder sind zu Bett gebracht. Er hat, mit einer Begabung zum Bankfach, einen gewissen Wohlstand erreicht. Aber ob Bürger oder Aktivist, beide konstatieren, daß ihre Daseinsform nur ein Übergang ist. "Sie sind schon unterwegs, sie, denen das augenblickliche Glück nichts mehr bedeutet." Dabei fühlt sich der Mann, der dem Todesurteil entkam, dem Parteimann allerdings weit voraus. Seine Resignation, durch die Geschichte bestätigt, ist ihm Trost. Er hat am eigenen Leib erfahren, zu welchem Wahnsinn das gute Gewissen die Ideologen treiben kann und daß Ideologie sogar Verbrechern ein gutes Gewissen bereitstellt. Der Staatsanwalt – er hat es inzwischen selbst erkannt – war "ein Verbrecher in der sozialistischen Gesellschaft". Ihm geht es jetzt darum, einen Fürsprecher zu finden – nicht um als Privatperson zu überleben, sondern um die Chronik jenes Prozesses zu schreiben, die kein anderer wie er kennt, und um kommende Generationen davon zu überzeugen, "daß sein Handeln nicht nur eine unausweichliche geschichtliche Notwendigkeit war". Als die denkerische Anstrengung der beiden Männer nicht weiterhilft, gibt die Frau des Hauses mit ihrer Gastfreundschaft einen Hinweis auf humane Verhaltensweisen vor aller Ideologie.
3 P – U=DE: 1968 SDR/NDR – 35 Min. – Ü: Werner Spies ungedruckt
Sohn ungarischer Eltern, studierte in Wien Geschichte, Philosophie und Philologie, promovierte 1910. Karl Kraus druckte in der "Fackel" seine Gedichte. Nach der Veröffentlichung des von seinem Freund Kokoschka illustrierten Prosabuchs "Tubutsch" schloß er sich in Berlin dem expressionistischen "Sturm"-Kreis an. Doch war er viel auf Reisen, auch in Afrika und Asien, und blieb eine Zeitlang in China. Ende 1932 emigrierte er nach Zürich, 1941 nach New York. Nach dem Krieg kam er noch einmal in die Schweiz, ging aber dann doch wieder nach New York, wo, wie Kurt Pinthus schreibt, "der Dichter der bittersten Gedichte deutscher Sprache nach einem bitteren Leben in Armut einen bitteren Tod starb" – in einem Armenhaus. – Ehrenstein hat seit 1922 eine Reihe von Übersetzungen aus dem Chinesischen veröffentlicht, 1927 unter dem Titel "Räuber und Soldaten" auch einen Roman "frei nach dem Chinesischen", der im wesentlichen die im "Schui hu tschuan" ("Die Räuber von Liang Schan Moor") und im "Kin Ping Meh" überlieferte Episode von Wu Sung, Goldlotos und Hsi Men erzählt. Diesen Stoff hat er dann auch für das im Auftrag des Kölner Rundfunkintendanten Ernst Hardt geschriebene Hörspiel benutzt.
Wu Ta, den Bohnenpufferverkäufer, verspotten sogar die Kinder. Doch seinen jüngeren Bruder, Hauptmann Wu Sung, den Tigertöter, achtet man überall. Goldlotos, Wu Tas Frau, versucht, ihres Ehegatten überdrüssig, den Tigertöter zu verführen. Doch dieser bewahrt Keuschheit und Ehre. Leider findet sich bald eine andere Gelegenheit für die Leichtfertige – durch die Kupplerin und Teestubenbesitzerin Frau Wang. Bei ihr trifft sich Goldlotos nun täglich mit dem an Einfluß und Geld reichen Si Men. Selbst als Yüng Ke, ein junger Obsthändler, dahinterkommt und Wu Ta informiert, trägt der Ehemann bei dem Versuch, seine Frau und ihren Liebhaber auseinanderzubringen, nur einen Tritt in die Herzgrube davon. Krank und von der treulosen Gattin vollständig abhängig, muß er nun schweigen. Doch das genügt dem Verbrecherpaar noch nicht. Die Kupplerin, hoch belohnt von dem reichen Verführer, besorgt Gift. Dann wird auch der Leichenbeschauer, der Neunte Onkel, noch bestochen, damit er die Leiche Wu Tas verbrennt. Aber der Neunte Onkel sichert sich ein Indiz, indem er zwei Knochen für die Giftprobe zurückbehält. Und als der Tigertöter heimkehrt, genügen das Zeugnis des Obsthändlers und die Beweismittel des Leichenbeschauers, das Verbrechen offenbar zu machen. Wu Sung, der Tigertöter, stellt Goldlotos zur Rede und geht dann vor Gericht. Das Gericht jedoch, von Si Men beeinflußt, macht nur Ausflüchte. Da greift der Wütende zur Selbsthilfe, indem er die Nachbarn als Zeugen herbeiruft, Goldlotos zum Geständnis zwingt und das Geständnis protokollieren läßt. Danach tötet er die Ehebrecherin und legt das Protokoll dem Gericht vor. Nun müssen die Richter wohl oder übel auch die Kupplerin zum Tode verurteilen. Jedoch auch der "gewesene" Hauptmann, der Rächer seines Bruders, erhält schwere Strafe. Ein mit spitzen Eisenstücken besetztes Holzbrett um den Hals gelegt, muß er sich demnächst dem Militärgericht stellen. Sein letztes Wort ist ein Racheschwur gegen die korrupten Richter. – Ehrenstein benutzt das Motiv aus den berühmten Romanen der Mingzeit, um eine Art Kohlhaasgeschichte daraus zu machen, und, wie er selbst sagt, "den Bluttaten des Helden einen metaphysischen Überbau zu geben".
12 P – U: 1932 WDR – 75 Min. – gedr. in der Zeitschr. "Rundfunk und Fernsehen", Hamburg: Hans Bredow-Institut 1959/1,2
Studierte Volkswirtschaft und Sinologie in Berlin, Leipzig, Paris, fand 1930 mit einem ersten Bändchen "Gedichte" Beachtung und gehörte damals zu einem Kreis jüngerer Autoren, der sich um die Zeitschrift "Die Kolonne" sammelte. Nach Krieg und amerikanischer Gefangenschaft und seit den Gedichtbänden "Abgelegene Gehöfte" (1948) und "Untergrundbahn" (1949) gilt Eich als einer der bedeutendsten Lyriker seiner Generation, seit dem Hörspiel "Träume" (1951) als der hervorragendste deutsche Hörspieldichter. Neuere Gedichtbände: "Botschaften des Regens" (1955), "Zu den Akten" und "Anlässe und Steingärten" (beide 1964). Ferner "Maulwürfe" (1968). Auch Übersetzungen chinesischer Lyrik (in "Lyrik des Ostens") und Marionettenspiele: "Unter Wasser" (1959) und "Böhmische Schneider" (1961). – Eich schrieb schon vor dem Krieg Hörspiele. Wichtigste Arbeiten der Gattung s. u. Auch drei Funkbearbeitungen Eichs erscheinen in den Programmen: Lesskows "Toupetkünstler", Merimées "Venus von Ille" (bei Eich "Beatrice und Juana,) und Fontanes "Unterm Birnbaum". – Von 1958 an hat Eich einigen seiner Arbeiten, die ihm revisionsbedürftig schienen, Neufassungen gegeben. Dabei wurden "Die Gäste des Herrn Birowski" unter dem Titel "Meine sieben jungen Freunde" und "Blick auf Venedig" und "Die Stunde des Huflattichs" unter den bisherigen Titeln zu neuen bedeutenden Rundfunkstücken. "Das Jahr Lazertis", "Die Andere und ich", "Die Mädchen aus Viterbo" und "Der Tiger Jussuf" werden meist noch in den alten Textfassungen gesendet, jetzt jedoch ausschließlich in den neuen gedruckt. – Eich lebt mit seiner Frau Ilse Aichinger (s. d.) an der österreichisch-bayerischen Grenze in Groß-Gmain. Er wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden 1952, dem Georg-Büchner-Preis (1959) und dem Schillerpreis (1968).
Im einsamen Forschungszelt am Rande der Wüste Gobi macht Ludwig, der junge Wissenschaftler, die täglichen metereologischen Aufzeichnungen. Zwei Jahre schon führt er, gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Bernhard, der gerade auf einer kleinen Exkursion ist, ein Leben in trostloser Einöde. Während Müdigkeit ihn überfällt, trägt er plötzlich in das Tagebuch ein: Bernhard käme heute von seiner Tagesexkursion nicht zurück, weil sein Trinkwasser von ihm, Ludwig, vergiftet worden sei. Er erschrickt über die verräterische Eintragung selbst, spekuliert aber dennoch weiter: in elf Tagen, wenn das Postflugzeug kommt, wird er nach Berlin zurückfliegen und sich mit Hilfe eines gefälschten Testaments die Geliebte Bernhards und dessen ganze Existenz aneignen. So wird er seiner quälenden Glücklosigkeit entkommen. Doch an dieser Stelle geht der Traum für Ludwig unvermutet als Alptraum weiter: die Zeit nach der Rückkehr und dem Genuß des erschlichenen Glücks in der Berliner Heimat wird Ludwig zum Gericht. Als Ankläger tritt ihm dort der tote, wieder zum Leben erwachte Bernhard entgegen, der wechselnde Gestalten annimmt. Glücksanspruch steht gegen Glücksanspruch. Die Gewissensqualen des Mörders sind entsetzlich. Endlich erwacht Ludwig, und Bernhard, der sein Trinkwasser vergessen hatte, erscheint unversehrt vor dem Zelt. Als verfrüht das Flugzeug eintrifft, betet Ludwig, niemand möge an ihn gedacht haben, niemand ihn mit fremdem Glück in Versuchung führen. Und man hat ihn wirklich vergessen: nur Bernhard erhält Post.
5 P – U: 1931 "Berliner Funkstunde" – 30 Min. – gedr. in der Zeitschr. "Die Kolonne", Dresden: Jess 1932/4
Das Stück spielt in den Nachkriegsjahren, der sog. R-Mark-Zeit. Der Schüler Weber, der dank seines Geschäftsgeistes größere Erfolge auf dem Schwarzen Markt hat als in der Schule, versucht, sich das Abitur zu erkaufen. "Wem Gott ein Amt gibt, dem mangelt es auch nicht an Bestechlichkeit", argumentiert er zynisch-arrogant. Mit einem der Lehrer, Balfrin, einigt er sich schnell. Dr. Wolburg dagegen weist ihm die Tür, obwohl er durch sein unerschütterliches Bekenntnis zu Ehre und Pflicht die letzte Hoffnung preisgibt, seine Familie vor dem Verhungern zu bewahren. Wolburgs Frau bringt ihren Mann durch den Hinweis auf ihre kranken Kinder dann aber schließlich doch dazu, Prüfungshilfen gegen Kaffee und Schmalz zu tauschen. Wolburg ahnt nicht, daß er dadurch die kaum erwachte Achtung Webers vor den ethischen Kategorien wieder zerstört. Weber besteht das Abitur. Doch Wolburg – inzwischen war Währungsreform, Weber hat die Universität bezogen –, Wolburg findet vor Gewissensnot keinen Schlaf. Die Schuld, gegen, wenn auch lebensnotwendige, Kalorien die Maximen ethischen Handelns verschachtert zu haben, treibt ihn zur Selbstanzeige bei Balfrin, der inzwischen Schuldirektor geworden ist. Balfrin versucht, jedes Aufsehen zu vermeiden und Wolburg die Folgen für die Schule und ihn, Wolburg selbst, klarzumachen. Nachdem sich auch noch Webers Mutter eingeschaltet hat, die von den Machenschaften ihres Sohnes nichts ahnte, ihn aber nun sogar gegen ihre eigenen Grundsätze verteidigt, steht Wolburg am Scheidewege. Und jetzt stellt der Autor drei Szenen als mögliche Stück-Schlüsse zur Diskussion: 1. Wolburg bezichtigt sich der passiven Bestechung, allen Folgen zum Trotz – 2. Seine Frau überzeugt ihn, daß sein Schweigen mehr Gutes stifte als sein Bekenntnis 3. Wolburg begeht Selbstmord und tarnt ihn als Unfall, um niemandem Schaden zuzufügen. – Einschichtiger und szenisch einfacher als in den späteren Arbeiten zeigt Eich hier, in seinem ersten Originalhörspiel nach 1945, die äußerst schwierige Dialektik des scheinbar so simplen Pflichtbegriffs.
9 P – U: 1950 NWDR-Hamburg – 65 Min. – ungedruckt
Der Kaufmann Mohallab strebt mit seiner reichen Karawane heimwärts nach Damaskus und in die Arme seiner geliebten Fatime, die er bald zu heiraten gedenkt. Fünf Tagereisen vor Damaskus warnt ihn am Ortseingang von El Kuwehd ein Bettler (in Wirklichkeit ein Kundschafter von Räubern, der ihn nur verwirren will) vorm Eintritt in das Städtchen. Mohallab hört nicht darauf. In El Kuwehd, das ihm schicksalhaft vertraut vorkommt, winkt ihm eine verschleierte Frau, die Fatime ähnelt. Gegen den Rat seines Dieners Welid und von eigenen zwiespältigen Gefühlen gewarnt, folgt Mohallab dann, schon in der Karawanserei angekommen, einer Botin der schönen Winkenden. So gerät er in die Hände des Räubers Omar, der Mohallabs Karawane an sich bringt und den Kaufmann zwingt, den Diener Welid nach Damaskus zu schicken, um Lösegeld zu holen. Doch seltsamerweise gelingt es Welid nicht, seinen Herrn freizukaufen, dieser wird auf dem Sklavenmarkt an den Parsenfürsten Saad halb verschenkt. – In Saads Palast hat es Mohallab nun zwar gut, doch des Fürsten Gemahlin Schirin verliebt sich in ihn und bedrängt ihn. Mohallab bleibt aber standhaft – bis ihn eines Tages Welid aufspürt. Da täuscht er Schirin die Absicht vor, sie zu entführen, und als sie zwei Pferde besorgt, flieht er, sie zurücklassend, mit Welid. Unterwegs erwartet ihn jedoch eine schreckliche Enttäuschung. Welid gesteht, daß er ihn nur in einer Anwandlung von Reue gerettet hat, in Damaskus würden sie Feinde sein. Er ist nämlich inzwischen dort an Mohallabs Stelle getreten und Teilhaber seines ehemaligen Schwagers und Fatimes Verlobter geworden. Da Mohallab sich daraufhin zur Wehr setzt, stößt Welid ihn mit einem Dolch nieder und läßt ihn verwundet zurück. So wird Mohallab von Saad wieder eingefangen, und der Fürst überantwortet ihn dem Henker, nachdem er von seiner Gattin Schirin die Umstände der Flucht erfahren hat. Damit scheint Mohallabs Ende gekommen. Der Henker stürzt den zum Tode Verurteilten vom steilen Felsen in eine tiefe Schlucht. Plötzlich indessen, statt zerschmettert zu werden, erwacht Moballab aus dem Schlaf: er befindet sich in der Karawanserei von El Kuwehd; seit der Ankunft hier war alles nur ein böser Traum. Als Mohallab dies eben erkannt hat, klopft es an die Tür, und jene Botin kommt mit der Einladung ihrer Herrin, die, Fatime ähnlich, am Ortseingang gewinkt hat. Gegen den Rat seines Dieners Welid und trotz seiner eigenen zwiespältigen Gefühle folgt Mohallab ihr... – Das Stück vermittelt, etwas vom mystischen Schauer des Schicksals; es macht deutlich, was Schirin einmal sagt: "Du kannst aus der einen Einsamkeit und reitest in die andre -"
9 P – U: 1950 BP – 75 Min. – gedr. in Günter Eich, Träume, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1953, und in Günter Eich, Fünfzehn Hörspiele, Frankfurt a, M.: Suhrkamp 1966
Fünf Szenen geben fünf Alpträume wieder, Ausgeburten der eschatologischen Angst, mit der wir heute leben. Die Szenen spielen je in einem der fünf Kontinente, und vor jeder wird durch einen Sprecher in der nüchternen Sprache einer Nachricht von irgendeinem harmlosen Menschen berichtet, der den jeweils folgenden Alptraum erleidet. ("Vermutlich werden die angenehmen Träume dieser Welt von den Schurken geträumt.") Ferner stehen am Anfang und Schluß des Stücks und zwischen den Szenen provozierende Gedichte. In diesen Gedichten formuliert Eich u. a. erstmals ein Leitmotiv seines ganzen weiteren Dichtens: "Alles, was geschieht, geht dich an!" – Die einzelnen Traumszenen: 1. Eine Familie aus Uralten, Alten und Kindern fährt, offenbar seit vielen Jahrzehnten schon, im dunklen Güterwagen, der sich ständig beschleunigt, und durch eine Welt, "die es nicht gibt", da sie der Erinnerung der Eingeschlossenen längst entschwand. Nur die Uralten wissen noch seltsame Einzelheiten von draußen und früher, ehe man sie abholte. Die Enkel glauben ihnen jedoch nicht; sie stopfen einen schmalen Lichtspalt, durch den sie auf einer Löwenzahnwiese deformierte Menschen, Riesen, wandeln sehen, erschrocken zu, während der Zug in immer schnelleres Rollen kommt. – 2. In China verkauft ein erbärmlich armes Menschenpaar ("Wir liefern nur gesunde Kinder von erstklassiger Zucht") sein sechsjähriges Söhnchen an einen reichen asthmatischen Greis, dem das Blut des ahnungsvoll-ängstlichen Kindes mit Hilfe einer "neuen Therapie" sein elendes Greisendasein verlängern soll. – 3. In einer australischen Siedlung erwarten die Einwohner in Todesangst "den Feind". Er naht sich, ein blindäugiges kleines Männchen, mit polternden Schritten, und das Haus, in das er einzieht, wird von ihm mit allem Inhalt in Besitz genommen. Eine Familie, Vater, Mutter und Kind, deren Wohnung er okkupiert, kann im letzten Augenblick fliehen. Die Nachbarn nehmen sie auf – bis sie merken, daß "der Feind" weiter nach den Flüchtlingen schnüffelt, vermutlich, weil das Kind "widerrechtlich" eine Puppe aus dem Hause mitnahm. Nun distanzieren sich alle Mitmenschen peinlich von den Vertriebenen, die verlassen und verloren ins Weite ziehen müssen. 4. Zwei Forscher im afrikanischen Busch befriedigen, von der Tagesarbeit müde, ihren Hunger an einem köstlichen Mahl, das ihnen die eingeborenen Träger gekocht haben. Da plötzlich zeigt sich – die beiden spüren es noch selbst –, daß ihnen das wohlschmeckende Kraut Gedächtnis und Sprache raubt. Die Neger lassen sie dann allein, liefern sie den Dämonen aus. – 5. In unersättlicher Freßgier benagen die Termiten schlechterdings alles, höhlen jedes Ding und jeden Körper unbemerkt von innen her aus, bis nur eine hauchdünne Außenhaut bleibt, die eines Tages zu Staub zerfällt. Das geschieht drei Menschen in ihrer einsamen Wolkenkratzerwohnung in New York. Die Mutter, die zu Besuch ist, wird zuerst müde und zerfällt, danach beim Donnerschlag während eines Gewitters der Schwiegersohn und die Tochter. – Das Hörspiel schließt mit Gedichtzeilen, die lange zu den meistzitierten Texten gehörten. "Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht!... Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!"
(Eich hat später einen weiteren Traum unter dem Titel Der sechste Traum veröffentlicht, der gelegentlich – meist anstelle des stilistisch etwas herausfallenden zweiten – gesendet wurde. Der Finanzbeamte Bayar aus Smyrna will nachts in einem fremden Hotel durch wiederholte Betätigung des Klingelknopfs Bedienung herbeirufen und erfährt schließlich von einer bezechten Gesellschaft, die sich über den Spaß köstlich amüsiert, daß er durch sein "Klingeln" jedesmal ein Fallbeil betätigt hat und zum Scharfrichter geworden ist.)
2 Sprecher und für die sechs Träume 5, 5, 6, 3, 3, 4 P – U: 1951 NWDR-Hamburg – 75 Min. – gedr. in Günter Eich, Träume, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1953, und in Günter Eich, Fünfzehn Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1966, Der sechste Traum, gedr. in der Zeitschr. "Neue Deutsche Hefte", Gütersloh. Bertelsmann 1956-57/32
Ein Erzählhörspiel, in dem abwechselnd, die Szenen einleitend, die junge Lehrerin, die Bäuerin Frau Fortner, ihre neunjährige Tochter Elisabeth und wiederum die Lehrerin von einem seltsam metaphysischen Erlebnis berichten: Elisabeth hat in der Schule – versehentlich und gegen das Verbot der Eltern – davon geplaudert, daß auf dem abgelegenen Gehöft der Fortners seit einiger Zeit ein freundlicher, menschengroßer Rabe umgeht, der sprechen kann. Die Lehrerin glaubt natürlich zuerst an ein Erzeugnis kindlicher Phantasie. Doch dann, etwas besorgt um Elisabeth, begibt sie sich auf den Fortnerhof, wo sie dem wunderbaren Wesen selbst begegnet. Von Stund an bemüht sie sich, hinter sein Geheimnis zu kommen und seine Vorgeschichte zu erfahren – teils aus Neugier, teils aus wissenschaftlichen Gründen, hauptsächlich aber, um ihrem verehrten Schulleiter zu imponieren, der ihr später bei den Nachforschungen hilft und sie heiratet. Leider ergeben ihre Bemühungen nur wenig. Erst seien viele solcher Raben dagewesen, sehr geliebt von den Fortners, die sich durch sie überaus glücklich fühlten, auch wenn manches anfangs merkwürdig verquer ging. Dann sei Sabeth (so nannte man den großen Schwarzgefiederten mit dem wunderbar tiefen Rabenauge) plötzlich allein zurückgeblieben, von den andern verlassen und "ausgestoßen". Die Lehrerin meint, Sabeth vergesse täglich mehr und mehr von seinem Ursprung. Nur Elisabeth kann sich noch an wunderliche Dinge erinnern: vor allem, wie sie eines Tages, an Sabeths Füßen hängend, mit ihm durch eine die Augen blendende Finsternis geflogen sei, eine halbe Ewigkeit lang – so lange, wie die Zeit zwischen Ruf und Echo. (Vergebens versucht sie dies später mit Sabeth noch einmal.) Schließlich geht aus den Gesprächen, mit dem Raben etwas wie die ahnende Erinnerung an eine wundervolle Welt hervor, in der man ohne in unmittelbare Beziehung zum Wirklichen und Eigentlichen treten kann. Erst seit er die Sprache der Menschen erlernt habe, so scheint dem Raben, besitzt er ein Gedächtnis; er habe es daran bemerkt, daß er alles Frühere immer schneller und radikaler vergaß. Doch sei ihm stets ein melancholisches Gefühl der Einsamkeit unter den Menschen geblieben, die er gleichwohl bewundere, denn sie haben den großen Vorzug, lieben zu können. – Vor den Methoden gemeinsamer exakter Forschung des Schulleiters und der Lehrerin verschwindet der zauberhafte Hausgefährte dann plötzlich. Sogar die zurückgelassene riesige Rabenfeder, als man sie zum Beweisstück aufbewahren will, verwandelt sich in einen schlichten Platanenzweig, und auf der Fotografie ist nichts. – Sabetb ist Eichs erstes Stück, in dem es um das für ihn so entscheidende Problem der Sprache, ihrer bedrückenden Grenzen und ihrer beglückenden Möglichkeiten geht.
12 P, davon 1 Kind – U: 1951 SDR – 70 Min. – gedr. in Günter Eich, Träume, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1953, und in Günter Eich, Fünfzehn Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1966
Die Fabel des Stücks hat trotz ihrer Irrealität etwas von der Einfachheit Tolstoischer Volkserzählungen: Die bürgerlich wohlhabende Amerikanerin Ellen Harland berichtet in längeren Prosatexten zwischen den Szenen, wie sie an ihrem vierzigsten Geburtstag nach dem Besuch von Ferrara mit Mann und Kindern im Auto durch die schwarze, stinkende Lagune von Comacchio fährt und im Vorübergleiten mit einer alten Fischersfrau am Weg einen seltsamen Blick tauscht. Später, beim Baden in Porto Garibaldi, stiehlt sie sich heimlich davon, um die alte Frau in Comacchio aufzusuchen. Sie gerät dort in ein Haus und zu einer anderen Frau, die ihr irgendwie bekannt scheint und von der sie mit dem Namen "Camilla" angeredet wird. Von da an ist die Amerikanerin Ellen plötzlich das italienische Proletariermädchen Camilla und lebt nun vierzig Jahre lang deren Leben. Sie heiratet, um ihren Eltern aufzuhelfen, einen alten ungeliebten Mann, hat ein Verhältnis mit einem jungen Knecht, der den Mann umbringt und mit dem sie in einer zweiten Ehe vier Kinder zeugt, und verliert die Kinder nacheinander in Krieg und Elend, nachdem sich ihr zweiter Mann erhängt hat. Die spärlichen Feste der Armen gierig genießend, darbt sie am Ende mit zwei Enkelkindern, die sie aufzieht, fast schicksallos dahin, bis das Auto jener Amerikanerin an ihr vorüberfährt, aus dem sie der Blick trifft, der sie auslöscht und der die andere, die Vorüberfahrende, an ihre Stelle setzt. – Entscheidend ist, daß es immer Ellen bleibt, der das Leben Camillas widerfährt und die es im Ich-Bericht erzählt, und daß zwischendurch Ellen in ihr eigenes, ursprüngliches Leben auszubrechen versucht – erst durch eine Art Flucht an den Strand von Porto Garibaldi, wo sie jedoch nicht zu ihren Angehörigen, sondern in eine vergangene Zeit (vier Jahrzehnte früher, in das Jahr von Ellens Geburt) gerät – später durch Sparmaßnahmen und Hoffnungen auf eine Reise nach Ohio, wo Ellen gerade heiratet usw. Erst am Ende des Camilladaseins verblaßt für die Erzählerin ihre Ellenexistenz mehr und mehr, sie wird ohne Ausbruchshoffnungen wirklich zu Camilla, die schließlich in der Begegnung mit Ellen verlischt. – In diesem "Augenblick" ziehen Mr. Harland und die Kinder die beim Schwimmen ums Haar ertrunkene Ellen in Porto Garibaldi an den Strand. Sie aber macht sich hinter dem Rücken ihrer Familie auf nach Comacchio in jene Hütte, in der sie vierzig Jahre lang gelebt hat und tritt in die Stube, wo der alte Vater und die beiden Enkelkinder der im Sarg liegenden Camilla Litaneien singen. "Sie war tot, die für mich einen Teil des Leides erlitten hatte, das es auf der Welt gab. Ich hatte ihr nichts abgenommen davon. Und wie viele gab es, denen ich nichts abnahm!" (In einer späteren Fassung ist diese direkte Aussage und die etwas opernhafte Schlußszene weggelassen, das Stück endet damit, daß Ellen mit der toten Camilla wortlos allein bleibt.)
17 P – U- 1952 SDR/NWDR-Hamburg – 80 Min. – gedr. in Günter Eich, Träume, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1953, und in Günter Eich, Fünfzehn Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1966, erste Fassung nur in Hörspielbuch III, Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt 1952
In tiefem Zweifel über die eigne Identität, da er auch die Natur derer annahm, die er fraß oder in die er sich magisch hineinversetzte, erzählt ein entsprungener Zirkustiger von seinem Wandel und seinen Verwandlungen unter den Menschen – zuerst mit eigner Stimme, dann mit der des Max, des Sohnes von Kommerzienrat Rimböck. Wir lernen Max in einer morgendlichen Szene auf der Hochzeitsreise mit der Kunstreiterin Anita kennen, wo er schon nicht mehr recht weiß, wer er ist, ob er Märchen oder Wirklichkeit erlebt und ob der Trompeter von Säckingen am Rhein oder an der Donau bläst. Im übrigen ist die sprunghafte Tigergeschichte in einem einigermaßen übersichtlichen Andante beim besten Willen nicht wiederzugeben; sie ist nicht nur durch Schuld der Bestie, sondern auch aufgrund der Schuld der Bestie Mensch unmenschlich kompliziert. Man bedenke, daß der Tiger nicht allein in Max, sondern zugleich auch in dessen Eltern wohnt, vor allem in der Kommerzienrätin, die seit der Dauer ihrer Ehe in einem Kontokorrent punktweise alle Bosheiten und Verbrechen der Ehegatten gegeneinander aufrechnet und den Gemahl dann zum Zwecke des Kontenausgleichs vergiftet. Ferner ist im Tiger – und damit auch in Max – ein guter Teil vom Dompteur Williams, dessen Blut er schleckte und den Anita verabscheut; nun aber hat sie, indem sie Max ehelichte, tragischerweise auch Williams geehelicht. Neben Figuren mit so aufregender Tigerhaftigkeit ist schließlich noch das Bäckerehepaar Matthison, Richard und Paula, nennenswert, weil Paula, die zeitlebens vergeblich von einem mutig-männlichen Gatten träumte, dank dem Tiger, der in ihn schlüpft, überraschend ihren Lieblingswunsch erfüllt sieht. Zu alledem erlebt man, wie der Tiger sich während einer Vorstellung mit seinem Dompteur unterhält und ihn anfällt, wie er, von Polizei und Feuerwehr gejagt, sich durch Wälzen in einem Kokshaufen tarnt, wie er in der Backstube Semmeln frißt usw. Die Anekdoten aus dem Tiger- und Menschenleben sind zahl- und lichtreich. Am Ende kommt Max, der für seine Liebe des elterlichen Segens nicht teilhaftig werden konnte, auf der Hochzeitsreise mit Anita in finanzielle Bedrängnis. (In einer späteren – seltener gesendeten, aber meist gedruckten – Fassung, die im Text stark abweicht und bei der viel Aktion in die Erzählung verlegt ist, erfährt man sogar, daß Max – wohl auch dank der Tigerblutsverwandtschaft-zum Sohn der Bäckersleute degradiert wird.) Das Stück, aus ähnlichem Mutwillen entsprungen wie Grabbes Scherz, Satire... oder Büchners Leonce und Lena, endet in jedem Fall damit, daß man sich fragt, wo denn der Tiger geblieben sei . Unbestreitbar blickt er uns auch aus den sanften, sandgelben Augen der Anita an.
9 P – U: 1952 NWDR-Hamburg/SDR, zweite Fassung 1962 BR – 75 Min. – gedr. in Günter Eich, Fünfzehn Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1966, erste Fassung nur in Günter Eich, Träume, 1. Aufl., Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1953
Zwei Handlungen laufen nebeneinander her und werden abwechselnd szenisch entwickelt. Beide stellen die Geschichte von Menschen dar, die gefangen sind, ohne sich wirklich in Gefangenschaft zu befinden. Einerseits Gabriele, ein jüdisches Mädchen, mit ihrem Großvater, die sich vor dem Hitlerterror seit Jahren bei einer Bekannten, Frau Winter, in der Berliner Prinzregentenstraße verborgen halten und denen Tag und Nacht vor dem Entdecktwerden graut, weil es für sie Tod bedeutet. Andrerseits die Mädchen einer Schulklasse aus Viterbo, die mit ihrem Lehrer Bottari bei einer Exkursion in den römischen Katakomben die Verbindung zur führenden Gruppe verloren haben und nun im Dunkel wartend umherirren und das Entdecktwerden herbeisehnen, das sie dem Leben wiedergibt. Die Geschichte der Schulklasse ist nur eine Erfindung, eine Erdichtung der beiden Eingeschlossenen in der Prinzregentenstraße, die, angeregt vom Bericht einer alten Illustrierten, die Schicksale der verirrten Mädchen, mit denen sie sich in Angst und Hoffnung solidarisch fühlen, und die Möglichkeiten zu deren Rettung oder Untergang sozusagen experimentell durchdenken. Die ausgedachte Geschichte wird zur Funktion der selbsterlebten und umgekehrt. Der Sinn des Dichtens und der Sinn oder die Sinnlosigkeit der Leiden und Schrecken der Wirklichkeit werden zum Hauptthema des Hörspiels. Sonst geschieht bei den beiden jüdischen Menschen eigentlich nichts – außer der Monotonie der täglichen Ängste, der Bombenangriffe und Nahrungssorgen, des Lauschens auf Schritte im Treppenhaus und auf die Wohnungsklingel. Ihre Hoffnungen werden einmal kurz belebt und zunichte gemacht durch die Flucht der Familie Hirschfeld. Frau Winter bringt eine Postkarte der Freunde aus Singen am Hohentwiel: also sind sie wohl nun in der Schweiz. Gleich darauf kommt die Nachricht, eine Bekannte habe die Geflüchteten im Polizeigefängnis Moabit gesehen: also ist alles am Ende mißlungen. Auch andere Zeichen gibt es, daß das Entsetzliche sich nähert. Das junge Mädchen und der alte Mann haben ein genaues Gefühl dafür, darum verschlimmern sie auch, nachdem sie anfangs mit der Liebe rechneten, die die Schulmädchen befreit, das Schicksal der Gefangenen in der Katakombe. Die Lehrersfrau Bottari, die ehebrüchig ist, gibt nun ihrer Lieblosigkeit schuld, daß die Rettungsaktion nicht energischer betrieben wird, die Schulmädchen aber werden immer mehr von der Frage nach dem Wozu ihres qualvollen Untergangs gepeinigt. Gabriele und ihr Großvater mahnen sich gegenseitig, ja nicht etwa aus Bequemlichkeit verlogene Lösungen zu suchen: es gibt für die Schulklasse keine Hoffnung mehr. Als sich im Treppenhaus die Schritte von schweren Stiefeln nähern und die Klingel der Wohnungstür nicht mehr zu schellen aufhört, berichtet Gabriele noch schnell von den letzten Erkenntnissen der Schülerin Antonia: "Ich erinnere mich, daß alle beteten, als sie noch hofften. Ich aber glaube, man kann erst beten, wenn man nichts mehr von Gott will." Und sie betet: "ja, Gott, ja, ja, ja." Danach hört man, wie die Wohnungstür eingeschlagen wird und die Häscher sich den beiden versteckten jüdischen Menschen nähern.
12 P – U: 1953 SWF/BR/RB – 70 Min. – gedr. in Günter Eich, Fünfzehn Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1966, erste Fassung nur in Hörspielbuch, Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt 1954
Die Grundgedanken des Stücks sind mit denen von Sabeth geht es um das mystische (zugleich verhüllende und enthüllende) Verhältnis der Sprache zur Wirklichkeit. Doch wird dies nicht, wie in Sabeth, in einer Art Märchenhandlung ausgedrückt, sondern durch einen seltsamen, fast realistisch anmutenden Reisebericht. Stationen der Reise sind zugleich die sinnvollen Abwandlungen eines Worts, das an sich weder Sinn noch Bedeutung hat. Paul, der Erzähler, von Profession Maler wissenschaftlich exakter Tierbilder, hört es im Halbschlaf an einem Neujahrsmorgen aus dem Munde von Leuten, die an seinem Fenster vorbei gehen. Nein, nicht dieses Wort hört er, sondern ein andres, das er sogleich vergißt. Es klang ähnlich wie "Lazertis". Er zählt später die Jahre nach dem Jahr dieses Erlebnisses. Wüßte er das genaue Wort, besäße er etwas wie den Stein der Weisen, denn es lüftet das Geheimnis einer höheren Wirklichkeit. Deshalb läuft Paul diesem Wort und denen, die es aussprachen, nach. Doch findet er statt ihrer nur Laparte, einen reichen, buckligen Sonderling, der den Sparren hat, seinen Buckel in der Neujahrsnacht gegen ein kleines Entgelt berühren zu lassen, weil das Glück bringt. Laparte erforscht Eidechsen, wissenschaftlich Lazerten genannt. Lazerten? Dies scheint die erste sinnhafte Variation jenes Worts. Paul hat vor wenigen Stunden von einer Frau namens Manuela die Geschichte ihrer Begegnung mit einer wundersamen Wirklichkeit gehört, bei der gleichfalls eine Eidechse mitspielte. Nun folgt er Laparte, der ihn auf eine Brasilienexpedition einlädt, um dort für ihn Eidechsen zu malen. In Pernambuco, beim Arzt Dr. Bayard, begegnet er der zweiten Variation: Laertes. Dies der Name des Vaters des Odysseus. Bayard wartet wie Laertes zwölf Jahre auf seinen verschollenen Sohn. Später, als Dr. Bayards Schwester sich im Wahnsinn ertränkt, erinnert man sich, daß auch der Bruder der von Hamlet geliebten Ophelia Laertes hieß. Bei der Expedition in den Urwald trifft und pflegt Paul einen Leprakranken, dessen Gesichtshaut schon in Fetzen hängt , einen armen Lazarus: dies die dritte Variation. Bei ihm scheint sich Paul angesteckt zu haben; Dr. Bayard glaubt ihm darüber Gewißheit ("la certitude") geben zu können. Gewaltsam wird Paul nun in die Kartause ("La Certosa"), ins Lazarett der Leprakranken, geschafft, wo er erst nach drei Jahren endgültig die Fehldiagnose erkennt. Als er jedoch daraufhin beschließen will, die Kartause zu verlassen, erinnert er sich der vielen Kranken, deren Gefährte er war. "Gewiß, sie konnten alle ohne mich sterben, aber ich konnte nicht ohne sie leben." Und nun bleibt eine weitere mögliche Variation des Wortes Lazertis, Caritas, unausgesprochen, vielleicht soll man sie erraten.
9 P – U: 1954 NWDR-Hamburg – 95 Min. – gedr. in Günter Eich, Fünfzehn Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1966, etwas abweichende frühere Fassung in Hörspielbuch, Frankfurt a. M.: Europäische Verlagsanstalt 1956
Der junge Bolivianer Valera, fanatischer Sozialrevolutionär, als Journalist aber z. Z. ohne Anstellung, arbeitet als Nachtkellner in einer Bar. Auf einem Gartenfest des bolivianischen Konsulats sagt er Manuel, dem Sohn des gewaltigen südamerikanischen Zinnmagnaten Rubio, ins Gesicht: sein Vater sei in seinen Augen der Mörder tausender indianischer Arbeiter. Eine Forderung zum Duell ist die Folge. Valera erzählt die Geschichte in seiner Bar Paulette, der Schönheitstänzerin, die einmal "so weit kommen" möchte, daß sie "selber bestimmen darf, wann ihre Kleider fallen". Doch bald erfährt Manuels Vater, der Zinnkönig, in seinem Londoner Geschäftshaus von der Affäre des Sohns und schickt Calvo, einen ehrgeizigen Allroundman und Charmeur, nach Paris zu weiterer Veranlassung. Manuels Diener, ein literarisch versierter Herr, der selbstverfaßte Verse rezitiert, berichtet Manuel von einem Anruf des Spions Calvo, mit dem zugleich auch die Ankunft von Manuels Mutter avisiert wurde. Folgt ein Telefonbericht Calvos nach London über Valera, den "Wortführer" der revolutionären südamerikanischen Studenten in Paris. Dann begibt sich Calvo in die Nachtbar, um Valera auf seine Weise zu veranlassen, auf das Duell zu verzichten. "Mach’s nicht zu billig", flüstert Paulette ihrem Kollegen zu. Calvo aber lockt: "Kein Geld hat einen schlechten Geruch, wenn es der revolutionären Bewegung zugute kommt." Inzwischen ist Frau Rubio, Manuels Mutter, begleitet von ihrer Kartenlegerin, Manuels alter indianischer Amme, im Grandhotel Riz abgestiegen. Manuel kann ihr bei seinem Besuch die schriftliche Absage des Duells durch Valera vorlesen, die allerdings neue herausfordernde Beleidigungen enthält. Die Mutter sucht ihn durch Aufzählung der karitativen Einrichtungen ihres Mannes, seines Vaters, zu beruhigen. Manuel erwidert- "Jetzt sind wir nahe daran, Mama! Es gibt also eine Schuld." Inzwischen redet Calvo, von Paulette unterstützt, dem Journalisten Valera in der Bar zu, gegen fürstliches Honorar einen Zehn-Seiten-Text für eine Jubiläumsschrift der Firma Rubio zu verfassen. Valeras Anhänger aber, denen er bei ihren Diskussionen fehlt, werden bedenklich wegen des erstklassigen Schneiders, über den er neuerdings verfügt. Was Manuel betrifft, so kommt Calvo da freilich nicht ganz mit; er kann nach London keine Informationen über seinen Verbleib geben. Am Ende erfährt man: Valera macht sich, von dem Zinnmagnaten engagiert, auf eine Londonreise, während Manuel seinen Namen, sein Erbe und seine Schuld an den Toten abzustreifen sucht, indem er (ahnungslos) Valeras Nachfolge in der Nachtbar antritt. Paulette flüstert dem scheidenden Valera zu: "Ich glaube, daß er sein ganzes Leben lang ein Narr sein wird." Der Wirt jedoch freut sich, weil er das Schild "Se habla español" nicht von der Tür zu entfernen braucht.
14 P – U: 1955 NWDR-Hamburg – 70 Min. – gedr. in Günter Eich, Fünfzehn Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1966
Am Vorabend des Allerheiligentags, an dem während der Frühmesse die Stadt Lissabon über Gerechten und Ungerechten zusammenstürzen wird, findet ein Gespräch zwischen einem von der Inquisition zum Verbrennungstod verurteilten Geistlichen und seinem Gefängniswärter statt. In das Dunkel der Zelle hinein tönen von fern die Lockflöten zweier Blumenverkäufer, die mit ihren Wagen durch die Stadt ziehen und die zeitlebens Konkurrenten und Freunde zugleich waren. Der verurteilte Priester kennt natürlich ungezählte Menschen. So erzählt er denn dem Wärter noch von weiteren Schicksalen. Akustische Signale aus der Wirklichkeit der Stadt werden in seiner Erzählung zu ergreifenden Szenen menschlicher Bemühung. Ohne hier Einzelheiten wiederzugeben, kann gesagt werden, daß diese Szenen meist in einem übereinstimmen: diejenigen, von denen berichtet wird, quälen sich mit dem Versuch, eine peinigende, unüberwindliche Schwelle in ihrem Leben zu überwinden, doch der Versuch erweist sich trotz aller Mühe jedesmal als fruchtlos. Entsprechend ist auch das Schicksal des Priesters selbst. Der Wärter eröffnet ihm am Ende des Stücks, daß er von seinen Richtern begnadigt sei, ja sogar am Morgen des heraufdämmernden Allerheiligentags wieder die Messe lesen solle; der Hörer aber weiß, daß er nur begnadigt ist, um unter den Trümmern der Kathedrale begraben zu werden.
Etwa 25 P – U: 1956 BR/SWF/RB – 70 Min. – ungedruckt
Hakim, Hausmeister der ägyptischen Botschaft, erzählt (mit viel Szeneneinblendungen) beim Reinigen der Botschaftstreppe einem jungen Mann, der ihn nach dem hundertsten Namen Allahs fragt: nur neunundneunzig Namen könne er nennen, doch sei ihm, dank Allah, auch der hundertste bekannt. – Als jüngster einer Abordnung von sechzehn Männern – sämtlich Onkels von Hakim – war er einst beim Imam von Alamut zum Essen eingeladen, als er Allahs Stimme zum erstenmal hörte und von ihr – und dann auch von der Imam-Tochter Fatime – vor dem Genuß des Festbratens gewarnt wurde. Deshalb kam er als einziger mit dem Leben davon. Mit Fatime, die er dann heiratete, entfloh er. – Allahs Stimme befahl ihm nun, in Damaskus einen Fischhandel aufzumachen und das Geschäft, das bald sogar eigne Transportflugzeuge besaß, in Fatimes Obhut zu geben. Er selbst mußte auf Allahs Befehl nach Paris, um den Schuster Dupont, rue Geoffroy 17, nach dem hundertsten Namen Allahs zu fragen. Leider war Dupont eine Enttäuschung; nur ein Paar köstlich gearbeitete grüne Schuhe konnte er ihm anmessen, dann starb er. Daraufhin verwies Allah den ratlosen Hakim erst an Jeanin im Restaurant "Au Poisson Rouge", dann an Mademoiselle Ninon, beide, wie der Schuster, nicht Mohammedaner und ahnungslos. Die Köchin bereitete ihm freilich, ehe sie wegen ihrer Einzigartigkeit von der Konkurrenz abgeworben wurde, noch einen meisterhaften Kalbsbraten, und Ninon empfing ihn trotz der "anstrengenden Zeit so kurz nach dem Ersten" eine ganze Nacht lang, ehe sie mit seiner Brieftasche entschwand. Da Hakims letzter Besitz, ein Scheck, der bei der sechsten Sure im Koran lag, nicht mehr zu Geld zu machen war, mußte er sich, statt heimzufliegen, auf die Strümpfe bzw. die grünen Schuhe machen. Auch am Zusammenbruch des Fischgeschäfts war nach Fatimes Aussage der Prophet schuld: "Er hat immer das Falsche geraten und dann sitzenlassen." Fatime war, ehe Hakim zurückkam, Putzfrau in der Botschaft geworden, nun besorgte sie ihm dort die Hauswartstelle im Bad der Botschaft, das er in Abwesenheit des Botschafters zu benutzen pflegte, und geduscht von seiner Gattin, fiel ihm dann plötzlich ein, daß Allah wohl doch nicht gelogen habe, daß vielmehr seine Erlebnisse in Paris – Schuhe, Kalbsbraten und Liebesnacht – in Wirklichkeit Übersetzungen des hundertsten Allahnamens gewesen sind. Seitdem sieht er den Namen des Propheten in allem Schönen und Guten, zuletzt setzt er ihn täglich gleich mit dem Glanz der Botschaftstreppe.
16 P – U: 1957 SWF/BR/RB – 70 Min. – Druck: Wiesbaden: Insel 1958, und in Günter Eich, Fünfzehn Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1966
Die vornehm-wunderliche Dona Catarina, einst Hofdame der Königin und Geliebte des großen Dichters Camoes, der sie in seinen Gedichten Natercia nannte, lebt, seit dreißig Jahren vom Hof verbannt, in Setúbal ein einsames Leben, tröstet sich mühsam am Rotwein und lauscht der Brandung. Als sie eines Morgens einen belanglosen Irrtum aufdeckt, in dem sie jahrelang befangen war, kommt ihr der Verdacht, überhaupt alles, was sie bisher für Wirklichkeit hielt, sei Irrtum und Täuschung: auch der vor zehn Jahren erfolgte Pesttod des Camoes’. Mit zwei Kutschen macht sie sich nach Lissabon auf, um den Geliebten zu suchen. Zofe und Diener, die ein Verhältnis miteinander haben, begleiten sie und verabreden, sie unterwegs zu bestehlen und zu fliehen. Auf halbem Weg in der Herberge, in der sie vor zehn Jahren des Camoes’ Pesttod erfuhr und daraufhin umkehrte, verspottet der Wirt sie ihrer Einbildungen wegen und warnt sie wiederum, weil die Pest auch diesmal in Lissabon wüte. Er kennt Camoes, war dessen Kampfgefährte und weiß genau, daß er in irgendeinem Massengrab beigesetzt wurde. Die Dame aber findet er so starrköpfig wie seine Eselin, die danach auch Natercia heißen müßte. – Dona Catarina reist weiter in die Hauptstadt zu des Camoes’ altem Diener Ojao und zu der greisen Mutter des Dichters. Gelegentlich scheint es fast, als könne sie die beiden durch ihre herrische Hartnäckigkeit von dem Hirngespinst überzeugen, daß ihr Geliebter noch lebt. Allerlei Theorien erfindet sie. Am Ende aber quält sie der Verdacht, Camoes halte sich wegen ihrer verlorenen Schönheit vor ihr verborgen, und so sucht sie verzweifelt beim König um Audienz nach, um die Rückgabe ihrer in dreißig Verbannungsjahren verwelkten Jugendblüte zu fordern. Nach mehreren Versuchen wird sie vorgelassen, doch dann sieht sie sich im Audienzsaal statt des Throns dem königlichen Sarg gegenüber. – Auf der Rückreise nach Setúbal hat Catarina keine Sorge um ihr Gepäck mehr, der Diener hat sie um alles erleichtert, hat die Zofe aber zurückgelassen. Beim Übersetzen über den Tejo stellt sich dann heraus, daß Catarina sich beim Berühren des Purpurs am königlichen Sarg mit der Pest angesteckt hat; ihre Fingernägel verfärben sich. Nun leiht sie sich die Eselin Natercia des Wirts aus, um nach Setúbal heimzureiten. Sie sagt: "Seit ich die Pest habe, weiß ich, daß es die Pest gibt. Und da es die Pest gibt, gibt es auch das andere. Da es wahr ist, daß Camoes gestorben ist, so ist es auch wahr, daß er nach mir verlangt hat. Seine Liebe, das ist die Wahrheit, und die Pest hat sie mir zurückgegeben." – Eich stellt dem Hörspiel als Motto die Jargonwendung "daran glauben müssen" voran: Sterben und Glaubenmüssen als Synonyma. Erst die Wirklichkeit des Todes gibt uns Gewähr, daß unser Leben mehr ist als Täuschung.
8 P – U: 1957 NDR/BR/HR – 75 Min. – gedr. in Günter Eich, Fünfzehn Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1966
Neben Geh nicht nach El Kuwehd und Allah hat hundert Namen ein weniger bekanntes, drittes "orientalisches" Hörspiel Eichs. Der Kalif und ein armer Lastträger, die beide Omar heißen und sich am Beginn des Stücks nacheinander vorstellen, träumen allnächtlich einer des andern Leben. Der Kalif träumt, er sei ein Träger schwerer Lasten, der nur mühsam sein Weib und sechs Kinder ernährt, der Lastträger, er sei Kalif und besitze 365 Frauen, eine für jeden Tag. Der Kalif hat von den Anstrengungen in seinen Träumen schon wunde Schultern und läßt sich erst ein Lederpolster, dann einen Karren anfertigen. Der Lastträger erzählt seinen begeisterten Kindern von den salomonischen Urteilssprüchen, die er als Kalif fällt. Eines Tages macht sich der Kalif, der geschwächt durch die nächtliche Lastträgerei nicht mehr gut regiert und gegen den das Volk murrt, heimlich auf den Weg, um den Heimathafen des Lastträgers zu finden, der er träumend zu sein pflegt. Der Lastträger gerät, allerdings unfreiwillig, indem er bei der Arbeit in ein abfahrendes Schiff stürzt, in die umgekehrte Richtung – nach Bagdad. Beide begegnen sich unterwegs, und der Kalif erkennt sein nächtliches Gegenbild. Zuerst horcht er den Lastträger aus, um in der Lastträgerfamilie Bescheid zu wissen, dann tauscht er mit dem andern die Ringe und schließlich sorgt er dafür, daß der Lastträger nach Bagdad in den Kalifenpalast gelangt. In Bagdad vom Wesir – anfangs nur spaßhalber – auf den Thron gesetzt, spricht der Lastträger bewundernswert Recht; er hat ja auch Glück, ihm wird ein Fall vorgetragen, den er im Traum schion vorbildlich gelöst hat, und so wird er ein glanzvoller Kalif. Der Kalif aber, im Haus des Lastträgers, findet Gefallen an der Bohnensuppe und den Kindern und wird ein sehr geschäftstüchtiger Lastträger, der seinen Kollegen im Hafen durch Gründung einer erfolgreichen Lastträgergewerkschaft ungewöhnliche Dienste leistet.
12 P, davon 6 Kinder – U: 1957 NDR – 55 Min. – ungedruckt
Neun Szenen, die teils im Paradies, teils in der Hölle spielen. Der kleine, von Löwen gefressene Märtyrer Festianus ("einer von den Guten, der fast nur mit Bösen umging" – "mit seiner Unkenntnis der Bösen war er nahe daran, sie gut zu machen") ist eben unter den Seligen eingetroffen und erkundigt sich schüchtern bei dem berühmten Märtyrer Laurentius, der einst für sein Eintreten zugunsten der Armen geröstet wurde, nach Vater und Mutter und nach vielen andern, die er hier vermißt. Er vermißt eigentlich alle, die nicht im Paradies sind. Laurentius gibt die Frage an Petrus weiter, der auf "die breite Straße, die hinabführt", verweist. Dem Festianus "klingt es wie eine Wegangabe", und er steigt hinunter. – In der Hölle übt Belial mit den Verdammten Laufschritt und Hinlegen, bis er plötzlich in der Formation einen Heiligenschein entdeckt. Höflich läßt er Festianus heraustreten und erklärt ihm die hiesigen Betriebsanlagen, die denen von irdischen Konzentrationslagern ähneln. Es folgt ein theologisches Gespräch zwischen dem mitleidigen Heiligen und dem Teufel, dem man entnimmt, daß die Beziehungen zwischen den Geretteten und den Verdammten völlig abgebrochen sind. Früher gab es noch "missionarische Bestrebungen": Origines wollte alle erlöst wissen. Festianus versucht vergeblich, leidende Freunde, die er trifft, zu trösten, und[ vergeht vor Schmerz beim Anblick der Qualen von Vater und Mutter. – Nun schickt Petrus dem Zerstörer der "Heilsordnung" den Heiligen Laurentius nach, damit drunten kein Unheil geschieht; er hat den Verdacht, so sagt er, daß Festianus im Grunde für ihn hinabgestiegen sei. Aber Festianus fragt Laurentius nur, wie es angehe, daß die Verdammten noch mehr leiden als die Märtyrer, er ist entschlossen, bei diesen Leidenden zu bleiben, da sie ihn brauchen. Entsetzt hört es Belial. Er macht ihn darauf aufmerksam, daß ihm, dem Festianus selbst, dann alle Qualen gleichfalls zuteil werden, und ruft aus: "Laß alle Hoffnung fahren!" Festianus aber entgegnet ihm gelassen: "Sie fährt, ein Boot, das uns alle aufnimmt, auch dich." – Es geht Eich natürlich hier nicht um eine theologische Theorie – etwa die des Origines (185-254) von der "Errettung aller"; es geht ihm darum, so wie Festianus es durch seinen Übertritt in die Hölle tut, zu zeigen, daß jeglicher Besitz, nicht nur Geld und Gut, nicht nur der Anspruch auf den Besitz der Wahrheit oder des Glücks, sondern auch die "Erwählung", ein Raub an den anderen, den Armen ist, die an alledem Mangel leiden. Die alte Sicherheit, auch die alte Heilshierarchie muß zerschlagen werden, um eine neue, die der bedingungslosen Liebe, an ihre Stelle zu setzen: Liebe heißt, persönlich Leid und Mangel der Leidenden auf sich nehmen.
9 P – U: 1958 NDR/BR – 60 Min. – Druck: Reclams UB 8733 und in Günter Eich, Fünfzehn Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1966
Emilio und Benedetto sind zwei Blinde, die mit ihrer gleichfalls blinden Freundin Gaspara in Venedig zu Hause sind. Sie leben von Emilio und dem Telefonvermittlungsdienst, den er im Hotel "Zur Lagune" ausübt, und ferner von der Wohltätigkeit der Fremden, die Benedetto, auf den Straßen singend und Gitarre spielend, in klingende Münze und sanft raschelndes Papiergeld umsetzt. Geistig zehrt Benedetto von einer Philosophie, deren Hauptproblem – ein wenig vom Galgenhumor eingefärbt – in der Bemühung um eine Sprache besteht, die nicht durch die Erfahrungswelt der Sehenden bestimmt ist, sondern nur die spezifische Welt der Blinden ausdrückt. Für diese Sprache begeistert er seine Freunde. Auch an einen Werbeprospekt ist gedacht, der Fremde anlocken und sie lehren soll, das unbekannte Venedig, so wie es nur Blinde kennen, zu besuchen: "die Stadt aus Gerüchen und Wind" und die "Geheimnisse der Echos und Abwässer". "Der Prospekt muß die ganze Welt enthalten, die Wirtschaft und die Theologie, den Luftzug, der die Gardine bauscht, und den Geruch aus dem Neuen Kanal. Und vor allem: das Gegenteil der Farben. Ein erstes Dokument blinder Kultur. Mit dem unausgesprochenen Refrain: Der fünfte Sinn ist nicht bewiesen." Die schwierigen Formulierungen sollten die Beschäftigung der Freunde an den langen Winterabenden werden. Doch statt dessen wird Emilio durch seinen Vetter Anselmo in eine Klinik in Pachia gebracht und durch eine Operation sehend. Zuerst versprechen sich alle viel davon. Aber dann verliert der Sehende seine Arbeitsstelle, die ihm nur aus sozialen Gründen zugeteilt war, und findet keine andere. Und auch die Lebensgemeinschaft mit den ehemaligen Leidensgefährten droht zu zerfallen, wird auf böse Weise verdächtigt: "Eine Frau mit zwei Männern!" Emilio greift daraufhin zur Pistole seines Vetters, des Polizisten Anselmo, und will sich erschießen, er sieht keinen Ausweg mehr. Zum Glück schießt er sich aber nur blind, und nun kommt das Leben der drei Freunde endlich doch noch einmal in die gewohnten Geleise. . . – Das Hörspiel setzt die Gedanken Eichs über Sprache und Wirklichkeit fort, die ihn mindestens seit Sabeth beschäftigen. Doch was dort nur mystisch-märchenartige Andeutung war, wird hier am Beispiel der drei Blinden mit ironisierender Konsequenz abgehandelt.
Ihre Sprachlehre "füllt die Lücke zwischen der Göttlichen Komödie und dem Städtischen Kasino, zwischen dem Canale Grande und unsrer Fröhlichkeit, alle Lücken, die nie geschlossen werden". In solchen Formulierungen wird auch klar, was für Eich die Ausdrucksmittel des Hörspiels bedeuten.
5 P, 2 NP – U: 1960 NDR/BR, erste Fassung 1952 NWDR-Hamburg/SDR – 70 Min. – gedr. in Günter Eich, In anderen Sprachen, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1964, und in Günter Eich, Fünfzehn Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1966, erste Fassung ungedruckt
In einem Haus weit abseits der Straße – früher soll der Henker dort gewohnt haben – sind drei alte, alleinstehende Leute untergebracht. der vorzeiten sogar hebräischer und griechischer Lettern kundige pensionierte Schriftsetzer Birowski, die infolge einstigen Besitzes eines Schreibwarenladens nicht ganz unbelesene Paula und die schwerhörige Therese, die "immer was" hört und angeblich früher Gesellschafterin in fürstlichen Häusern im Lande Krain war. Zugleich entrüstet und neidvoll wegen Birowskis Ausschweifungen – er trinkt täglich ein gehöriges Quantum Spiritus –, bespitzeln die beiden im Grunde gutmütigen Weiberchen das Mannsbild nebenan mit scheuer Liebe, lauschen an seiner Tür und geben sich Spekulationen hin über die sieben Gäste, die Birowski täglich empfängt: irreal-reale Ausgeburten seiner Fantasie, geliebte Gefährten gleichen Elends und gleicher Verkanntheit durch die Welt, bedeutende Spezialisten je auf einem abgelegenen Gebiet des Geisteslebens. Am subtilsten ist wohl Jaroslaw, der Verfasser der hesperidischen Grammatik, einer Sprache, die erst gebraucht wird, wenn die ersten Fahrzeuge den Planeten Hesperos, die Venus, den Abendstern, erreicht haben. (Die Sprache ist unübersetzbar, besteht nur aus der immer wiederholten Silbe "mang", es liegt alles an Betonung und Ausdruck.) Sodann Leonard- er wäscht Fassaden und schreibt für Publikationen im Jenseits. Ferner Agnes, die Apothekerin und Kindsmörderin, Cäcilia, die Vorsängerin in der Gnadenkapelle mit Angeboten ans Kabarett, Erdmuthe, kleptomanische Seifenvertreterin, und Karl, Realitätenbesitzer in der Fränkischen Schweiz und Besitzer eines Wallachs Marius, der als siebenter Freund mitzählt und verständnisvoll während der Sitzungen das Haus umtrabt oder zum Fenster hereinschnaubt. Die elf Szenen des Stücks spielen abwechselnd bei den etwas spießigen alten Frauen und bei den Gästen in Birowskis Stube. Beide Welten schließen sich anfangs aus. Aber als Birowskis Orgien schließlich darin gipfeln, daß sein Bett zu einem fantastischen Karussell, zu einer riesigen Luftschaukel wird, wird er ganz plötzlich mit der sozusagen giftig-lügnerischen Irrealität seiner Besucher fertig. Er enthüllt z. B., daß der Realitätenbesitzer vor allem Sargtransporte ausführt. Und als Paula von einem Besuch in der Stadt zurückkehrt, wo es zu ihrem Staunen alles noch gab, was sie schon unwirklich wähnten, ziehen die sieben jungen Freunde, die "heruntergekommenen Engel", die "Gesellschaft aus dem Wartesaal", aus der Stube nebenan, in der der tote Birowski liegt, hinüber in das Zimmer der beiden Frauen, die sie nunmehr herzlich willkommen heißen.
9 P – U: 1960 NDR/BR, erste Fassung u. d. T. Die Gäste des Herrn Birowski 1952 NWDR-Hamburg – 60 Min. – gedr. in Günter Eich, In anderen Sprachen, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1964, erste Fassung ungedruckt
Vier Lebewesen ohne Namen, Alter und Geschlecht – sie nennen sich hilfsweise Alpha, Beta, Gamma, Delta – hausen seit mindestens einem Jahrhundert in urweltlicher Landschaft, in einer der Höhlen der Auvergne. Längst ist das Menschenzeitalter vorbei, die Fülle der Tier- und Pflanzenarten starb aus, nur der Huflattich hat seine große Stunde. Wie einst Baumurwälder verdunkelt nun er den Himmel, und seine Samenbälle fliegen riesenhaft durch die aufragenden Stengel. Die vier Lebewesen kleiden und nähren sich von seinen Blättern, Wurzeln und Keimen, geistig aber zehren sie von blassen, ungenauen Reminiszenzen an die Welt, deren jähes Vergehen sie noch erlebt zu haben scheinen. Dem Alpha liegt vor allem ein Ort namens Ottobrunn am Herzen sowie eine Anzahl von Menschen dort, von denen er freilich nicht mehr weiß, mit welchem er identisch war; er kommt immer wieder darauf zurück. Beta will am wenigsten von Erinnerungen wissen, er ist Aktivist und um die Ausgrabung von Konserven bemüht: "Man nennt es Archäologie, Freilegung alter Kulturen." Die Gespräch der vier werden von Szenen aus Ottobrunn unterbrochen, wobei ihnen eigentlich alles fremd ist: "Die Requisiten sind so unwahrscheinlich, Fenster, Türen und Liebe." Am Fenster von Raimunds Studentenbude erleben Raimund und Cornelia, wie der erste Huflattich in der Dachrinne sprießt, später, wie er in der Schalterhalle des Bahnhofs wuchert, von wo die Menschen zu fliehen suchen; als Hilfsmaßnahmen werden von Flugzeugen Gartenscheren abgeworfen. Die Mutter die mit ihrem Knaben Silvester französische Vokabeln übt: erschrickt über das knisternde Geräusch beim Wachsen des Huflattichs fast zu Tode. Der Kaufmann Jänisch aber, sonst berechnend und unzugänglich, sucht Anschluß bei seinen Kunden und lädt sie dringend zu sich ein. Schließlich bricht man gemeinsam in die Auvergne auf, wo (von der Regierung? von religionsfeindlichen Mächten?) Konservendepots angelegt sein sollen: eine jahrelange Reise mit schwieriger Orientierung an Eisenbahnstrecken, Seen und Flüssen, "hin und wieder ein Überblick von Türmen und Hochhäusern". – Während dieser Erzählungen verwandelt sich auch die Welt der Höhlenbewohner mehr und mehr. Der Huflattich läßt "Gassen frei", "nimmt Umgangsformen an", hat "den höheren Rang des Menschen erkannt". Merkwürdige Gewitter, die keine sind, werden ringsum hörbar. Die Huflattichblüten zucken und zeigen Symptome von Angst. Nur Beta, der die gefundenen Konservenbüchsen mit Thunfisch, Birnen, Kürbis und Karotten öffnet, bleibt ungerührt, als ein hinzugekommener Mitmensch, Epsilon, das Ende des Huflattich-Zeitalters für gekommen erklärt. Es weiche nun dem Zeitalter der Berge, die einander schon Feuerschleier zuwerfen: "Keine Lava... Es handelt sich um einen Gruß, um Zärtlichkeit." Man beschließt zu fliehen. "Es gibt Ebenen, wo die Gefühle nicht aus Feuer sind und die Sprache der Berge nicht verstanden wird." Beta aber bleibt, in den Anblick des Eingemachten versunken.
14 P – U: 1958 BR/NDR, Neufassung 1964 NDR – 75 Min. gedr. in Günter Eich, In anderen Sprachen, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1964, und in Günther Eich, Fünfzehn Hörspiele, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1966, erste Fassung ungedruckt