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Autor: Rein, Wolfgang.

Titel: Akustische Räume erleben. Stereo-Verfahren für AutorInnen.

Quelle: Udo Zindel/Wolfgang Rein (Hrsg.): Das Radiofeature. Ein Werkstattbuch. Konstanz 2001. S. 235-246.

Verlag: UVK Medien.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.




Wolfgang Rein


Akustische Räume erleben

Stereo-Verfahren für AutorInnen



Für das räumliche Hören haben höhere Lebewesen zwei Ohren, die jeweils unterschiedliche Signale wahrnehmen. Aus deren Differenz bestimmt das Gehirn Richtung und damit letztlich auch Abstand der Schallquelle. Für ein akustisches Raumerlebnis muß eine Stereoaufnahme deshalb in unseren Ohren jeweils unterschiedliche Signale hervorrufen. Dafür sind zwei Lautsprecher notwendig, für links und rechts, und bei der Aufnahme entsprechend zwei Mikrofone. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese beiden Mikrofone anzuordnen. Einmal können zwei gerichtete Mikrofone ganz eng beieinander plaziert und nach verschiedenen Seiten ausgerichtet werden. Diese Verfahren nennt man XY oder MS (näheres siehe unten). Mikrofone, die zwei Kapseln fest in ein Gehäuse eingebaut haben, arbeiten nach diesem Prinzip und bieten einen idealen Einstieg in die Stereotechnik, da ihre Handhabung den Monomikrofonen vergleichbar ist. Größere klangliche Gestaltungsmöglichkeiten erhält man, wenn man zwei einzelne Mikrofone auf eine Schiene mit Handgriff montiert und im Abstand zueinander verändert, je nach Aufnahmesituation. Werden für diese sogenannte »Stereoanordnung« Kugeln verwendet, dann spricht man vom AB -Verfahren, bei Nieren in der Regel von ORTF. Daneben existieren noch eine Reihe von Mischformen und Sonderbauweisen, die sich bewährt haben.



Das XY-Verfahren - die akustische Sofortbildkamera

Es ist Standard in den gängigen Stereomikrofonen für ReporterInnen: Zwei Nierenkapseln (meist in Elektret-Technik) werden ganz nah beieinander plaziert (Koinzidenzmikrofon) und um 90 Grad (evtl. auch 120 Grad) gegeneinander verdreht. Sie liefern je ein Signal für den linken und rechten Stereo-Kanal. Weil zwei Nierenkapseln verwendet werden, finden sich im XY-Verfahren die akustischen Eigenschaften von Nierenmikrofonen wieder (siehe Kapitel »Kleine Mikrofonfibel« auf Seite 218).

Insgesamt hat ein XY-Stereomikrofon eine Richtwirkung nach vorne. Die Mittelachse ist immer markiert und muß sorgfältig auf das Zentrum der akustischen Szene ausgerichtet werden, sonst erhalten Sie eine unsymetrische Aufnahme. Der darstellbare Stereobereich beträgt ungefähr 180 Grad, reicht also von vorne nach beiden Seiten. Die leichte Richtwirkung des XY-Stereomikrofons reduziert Hall und diffuse Störgeräusche gegenüber dem gewünschten Klang der Schallquelle. Die Aufnahme klingt deshalb aber auch eher grob gezeichnet. Sie wirkt plakativ, vermittelt weniger Raum und hat eine reduzierte akustische Tiefe. Das XY-Verfahren eignet sich besonders für klar umrissene Schallquellen (im Gegensatz zu breit angelegten Atmos) und für kleine bis mittlere Mikrofonabstände. Ein Baustellenfahrzeug zum Beispiel kann damit akustisch schön groß und mächtig dargestellt werden. Übrigens klingen XY-Mikrofone am besten, wenn die Schallwellen (auch Sprache) halb-links oder halb-rechts einfallen. Die Mittelachse, direkt nach vorne, ist klanglich meist etwas schwächer.



Das AB-Verfahren - der »Klang-Künstler«

Es arbeitet gewöhnlich mit zwei ungerichteten Mikrofonen und bringt die klanglichen Vorteile der Kugel-Charakteristik (siehe oben) in die Stereoaufnahmetechnik ein. Prinzipiell ist es aber auch möglich, eine AB-Anordnung mit Nierenmikrofonen oder gar Richtrohren aufzubauen. Der Übergang vom ORTF(siehe unten) zum AB-Verfahren ist somit fließend.

Bei AB werden die Mikrofone in einem Abstand ab etwa 20 Zentimeter zueinander auf einer Schiene montiert und parallel ausgerichtet (für den jeweils optimalen Abstand siehe Kapitel »Akustische Breitleinwand - Die Stereobasis«, Seite 244). Der richtige Abstand der Mikrofone zur Schallquelle ist beim AB-Verfahren sehr wichtig. Der Aufnahmewinkel beträgt 360 Grad, AB nimmt also die gesamte akustische Situation rundherum auf. In Innenräumen prägt die Raumakustik die Aufnahme mit, Störgeräusche werden ungedämpft übertragen. Wenn Sie mit geschlossenen Augen hören und sich dabei auch auf das konzentrieren, was hinter Ihnen stattfindet, gewinnen Sie eine konkrete Vorstellung des Klanges einer AB-Anordnung. Dieses Verfahren wurde zuerst für Aufnahmen Ernster Musik entwickelt und überzeugt, neben der beeindruckenden Räumlichkeit, auch durch klangliche Brillanz und akustische Tiefe.

Abb. 17: Zwei Kugelmikrofone, parallel auf eine Schiene montiert, ergeben eine AB-Stereoanordnung. Bei einer Stereobasis von 20 Zentimeter entspricht das Stereoklangbild ungefähr unserem »Hören mit geschlossenen Augen«. Das AB-Verfahren liefert beste Aufnahmen, wenn die Mikrofone mitten im Klanggeschehen stehen, z.B. bei Atmoaufnahmen.



Das ORTF-Verfahren - der »objektive« Zuhörer

ORTF soll ein Äquivalent zum menschlichen Hören darstellen. Es arbeitet mit zwei Nierenmikrofonen, die in einem Winkel von 110 Grad und im Abstand von 17,5 Zentimeter montiert werden (siehe Abb. 18). Dieses Maß ist dem durchschnittlichen Ohrabstand Erwachsener nachempfunden. Aufnahmen im ORTF-Verfahren klingen sehr natürlich: Richtungsabbildung, Raumklang und Darstellung der räumlichen Tiefe stehen in einem guten Verhältnis zueinander. ORTF hat eine leichte Richtwirkung nach vorne und klingt weniger räumlich als AB. Es ist universell einsetzbar, von einer einzelnen Schallquelle bis hin zu Atmoaufnahmen aus vorwiegend einer Richtung. Der praktische Aufnahmewinkel beträgt etwa 180 Grad, das heißt, ORTF »hört« gut nach beiden Seiten und nach vorne. Um einen stärkeren Stereoklang zu erhalten, kann der Abstand zwischen den beiden Mikrofonen vom Standardmaß 17,5 Zentimeter auf 30 oder auch 50 Zentimeter erhöht werden (siehe dazu Kapitel »Akustische Breitleinwand - Die Stereobasis«, Seite 244).

Abb. 18: Eine ORTF-Anordnung wird aus zwei Nierenmikrofonen aufgebaut. Sie ist für ausgedehnte Klangkulissen von vorne oder aus seitlichen Richtungen geeignet. Der Klangeindruck liegt zwischen XY- und AB-Verfahren.



Mitten im Geschehen - Kunstkopf-Stereophonie

Vom ORTF-Verfahren ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Kunstkopf-Technik. Wie der Name schon sagt, handelt es sich dabei um einen in Größe und Form exakt nachgebildeten menschlichen Kopf, samt weicher (Gummi-)Haut, Ohrmuscheln und Gehörgängen. Wobei die Trommelfelle im Kunstkopf durch erstklassige Mikrofone mit Kugel-Charakteristik ersetzt werden. Moderne Kunstköpfe sind sehr kostspielig, etwas sperrig in der Handhabung und bei Außenaufnahmen zudem höchst auffällig, so daß »unbemerkte« Aufnahmen damit kaum gelingen dürften. Doch das Ergebnis ist die Mühe wert: Kunstkopf-Stereophonie, mit Kopfhörern abgehört, erzeugt bei den meisten Menschen einen realistischen Originalklang, als ob sie sich mitten im Geschehen bewegen würden. Diese verblüffende Direktheit übt eine außerordentliche Faszination auf Zuhörer aus. Dennoch gibt es auch Kritik am Verfahren: Aufnahmen sollten in jedem Fall mit guten Kopfhörern gehört werden, daß heißt vor jeder Kunstkopf - Sendung sollte man Radiohörer in der Ansage auf den Spezialeffekt vorbereiten, und ihnen Zeit lassen, Kopfhörer bereitzulegen (falls sie gute zur Hand haben). Über Lautsprecher ergibt sich ein eher konventioneller Höreindruck. Ein Schwachpunkt bei Kopfhörerwiedergabe ist die bei vielen Menschen fehlende Vorne-Ortung. Das Gehörte scheint im Rücken stattzufinden, was manche als unangenehm empfinden. Kunstköpfe neuerer Bauart sind auch als »normale« Stereomikrofone geeignet. Eine Variante der Kunstkopftechnik ist das Originalkopf-Mikrofon.



Originalkopf-Mikrofon (OKM)

Die zwei fingernagelgroßen Mikrofonkapseln werden, vergleichbar einem bügellosen Walkman-Kopfhörer, in je ein Ohr gesteckt. Sie liefern Aufnahmen von beachtlicher Brillanz und sind dabei - ein entscheidender Vorteil gar nicht als Mikrofone zu erkennen. Deshalb ist OKM das ideale Stereoverfahren im Stadtgetümmel, auf weiten Reisen, in unsicheren Regionen und bei allen Gelegenheiten, wo ReporterInnen unbeobachtet bleiben wollen. Die beiden winzigen Kapseln liefern ein »Kunstkopfsignal«, das die AutorInnen sozusagen mit dem eigenen Kopf erzeugen. Kopfdrehungen sollte man während der Aufnahmen möglichst vermeiden, denn das Stereoklangbild dreht sich mit, was Hörer später sehr verwirrt. Wichtig ist auch, die Kapseln fest in die Ohren zu stecken und nicht an den dünnen Kabeln zu zerren, damit die Mikrofone nicht im Ohr verrutschen. Jede kleinste Bewegung überträgt sich »hautnah« auf die Membrane als häßliches Krachen. Es versteht sich von selbst, daß man diese »Spionagemikrofone« nicht mißbraucht, um Menschen ohne deren Einwilligung für eine Sendung zu befragen.



Der Vollständigkeit halber seien hier noch zwei weitere Stereoaufnahme-Verfahren erwähnt:

Das OSS-Verfahren

Die Abkürzung steht für Optimales Stereosignal, auch Jecklin-Scheibe genannt. OSS arbeitet mit zwei Kugelmikrofonen in Ohrabstand (17,5 Zentimeter) und einer dazwischenliegenden, schallabsorbierenden Scheibe (Durchmesser 30 Zentimeter). Die Jecklin-Scheibe bewirkt eine akustische Abschattung für seitlich eintreffenden Schall. Sie vergrößert die Unterschiede der beiden Mikrofonsignale und verstärkt damit den Stereoeindruck.



Das Kugelflächenmikrofon

Eine ganz neue Entwicklung, besteht aus einer Holz- oder Kunststoffkugel mit ca. 20 Zentimeter Durchmesser, in deren Oberfläche auf zwei gegenüberliegenden Seiten je ein Mikrofon eingebaut ist. Analog zur Jecklin-Scheibe bewirkt hier eine Kugel die akustische Trennung der Mikrofone und damit einen stärkeren Stereoeindruck.



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