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Autor: Ridder, Michael.
Titel: Machen Medien Politik? Thesen zur Wahlberichterstattung.
Quelle: Vortragsmanuskript. 39. Mainzer Tage der Fernseh-Kritik. Mainz 2006.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des ZDF.
Michael Ridder
Machen Medien Politik?
Thesen zur Wahlberichterstattung
Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,
machen Medien Politik? Nach der klassischen Theorie ist es nicht so. Medien, gern als vierte Macht im Staate bezeichnet, haben den Verfassungsauftrag, den Mächtigen auf die Finger zu sehen. Sie sollen Information, Analyse und Kontrolle liefern. Und manche behaupten sogar: Unterhaltung.
Die Wähler machen Politik, indem sie wählen. Und die Politiker machen Politik, indem sie exekutieren. Ganz einfach, oder?
Vielleicht macht auch das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gelegentlich Politik, weil die Politiker es nicht mehr schaffen, bestimmte Fragen verfassungskonform zu lösen. In letzter Zeit konnte man jedenfalls immer öfter den Eindruck gewinnen.
Und die Medien? Es gibt neue politikwissenschaftliche Theorien, nach denen sie nicht nur eine Beobachterrolle einnehmen. Medien, so heißt es dann, verschmelzen zunehmend mit dem politischen System. Sie prägen der Politik ihre Eigenlogik ein, setzen sie unter einen stetigen Inszenierungsdruck. Das birgt das Risiko einer Abstraktion von Inhalten, einer permanenten Präsentation des schönen Scheins. „Mediendemokratie“ lautet ein Begriff, der für diesen Zustand erfunden wurde, oder, noch weitergehend, „Mediokratie“.
Nun sind die „Mainzer Tage der Fernseh-Kritik“ aber kein akademisches Oberseminar. Zum Glück, werden Sie sagen. Außerdem fühle ich mich zur Politikwissenschaft weder befugt noch berufen. Dass wir hier in Mainz über dieses Thema sprechen, hat auch einen anderen Grund: den 18. September 2005, als 13 Millionen Fernsehzuschauer ein Ereignis verfolgten, das man mit einigem Recht als historisch bezeichnen kann.
Da legte sich ein Bundeskanzler, Sie alle werden sich an den Namen noch erinnern, mit zwei öffentlich-rechtlichen Chefredakteuren an. Aber nicht dumpf-aggressiv wie einst Franz-Josef Strauß, auch nicht notorisch übellaunig wie Helmut Kohl.
Nein, es saß dort ein Kanzler, der zwar ein miserables Wahlergebnis eingefahren hatte, aber trotzdem vor Selbstbewusstsein platzte. Der so überheblich grinste, als sei er gerade zum US-Präsidenten gewählt worden. Der es nicht zuließ, dass die Moderatoren ihre Fragen zuende stellten. Der einen pauschalen Frontalangriff auf die Medien fuhr, denen er es mit dem Wahlergebnis so richtig gezeigt hatte.
Schon kurz vor der denkwürdigen „Berliner Runde“ hatte Gerhard Schröder in einer Ansprache „Medienmacht und Medienmanipulation“ gegeißelt. Nun legte er nach. Er werde Bundeskanzler bleiben, „auch wenn Sie dagegen arbeiten“, giftete er ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender an. Der war am Ende so entnervt, dass er die Anrede „Herr Bundeskanzler“ gegen „Herr Schröder“ austauschte.
Es war aber nicht nur Schröder, der sich nach der Bundestagswahl als Medienkritiker übte. Innenminister Otto Schily sprang seinem Chef bei und tat kund, die Medien wollten sich offenbar „an die Stelle des Souveräns setzen, quasi das Wahlvolk ersetzen“. Dem Land sei Rettung „nur im Falle des Regierungswechsels“ versprochen worden. Häme, Schadenfreude und beleidigender Spott hätten die „Nachrufe“ auf RotGrün dominiert. Letzten Endes hätten viele Medien „offene oder verdeckte Wahlkampfhilfe für die schwarz-gelbe Opposition“ betrieben, so Schily.
Da muss wohl etwas dran sein, wenn zwei Alphatiere wie Schröder und Schily sich so weit mit Schuldzuweisungen aus dem Fenster hängen. Oder?
Hören wir uns eine weitere Stellungnahme zur Wahlberichterstattung 2005 an. Zitat: „Die Macht des Wortes kann Freiheit zerstören und Menschen vernichten. Ich plädiere für mehr Sachlichkeit.“ Das stammt nicht von Wolfgang Clement, Jürgen Trittin oder einem anderen Rot-Grünen, der sich nach der Wahl aus dem Zentrum der Macht verabschieden musste. Gesagt hat es Paul Kirchhof - der Professor aus Heidelberg, der als Schattenminister von Angela Merkei für kurze Zeit einem breiteren Publikum bekannt wurde. Er hatte offenbar den Eindruck, dass seine Vorschläge für eine Radikalsteuerreform bei den meisten Medien nicht gerade gut angekommen waren.
Die Medien als verdeckte Wahlkampfhelfer - aber für wen denn nun?
Das, meine sehr verehrten Damen und Herren, führt mich zu meiner ersten These:
Der Kanzler lag mit seiner pauschalen Medienschelte daneben, weil eine Gesamtwürdigung der Berichterstattung in den wichtigen Presseorganen und Fernsehsendern eines zeigt: Auch im Wahlkampf 2005 herrschte in der inhaltlichen Bewertung der Parteien und ihres Personals eine Ausgewogenheit, die in einer penibel auf Balance und Entradikalisierung angelegten Republik wie der bundesdeutschen typisch ist. Da gab es ein paar Ausreißer hier und dort - und in der Mitte ein riesiges Feld des wohlabwägenden einerseits-andererseits, für das Tageszeitungen wie die „Süddeutsche“ oder der „Tagesspiegel“ stehen.
Auch die gemeinhin als konservativ geltende FAZ positionierte sich nicht eindeutig zu Gunsten von Merkei und Westerwelle. Nachdem Schröder und der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering Ende Mai Neuwahlen angekündigt hatten, bürstete die Sonntags-FAZ den vermeintlichen Zeitgeist sogar gegen den Strich: Der Politik-Chef des Blattes, Thomas Schmid, porträtierte erst Gerhard Schröder - und legte dar, warum dieser Mann eigentlich unterschätzt sei. Ein paar Wochen später schrieb er über Angela Merkei - und fragte, ob diese Frau wirklich in der Lage sei, die Geschicke der Republik zu lenken.
Ebenso verhält es sich mit dem „Spiegel“. Der wurde in längst versunkenen Zeiten mal als „linke Kampfpresse“ tituliert, und Helmut Kohl pflegte zu sagen, „diese Postille“, die da montags in Hamburg erscheine, lese er nicht. Neuerdings machen kritische Beobachter aber gern einen neoliberalen Zeitgeist beim Hamburger Nachrichtenmagazin aus. Der wird meist mit dem Namen des Chefredakteurs - Stefan Aust - und dem des Hauptstadtbüro-Chefs - Gabor Steingart - verknüpft. Und auch Gerhard Schröder ging an besagtem Wahlabend einen „Spiegel“-Reporter ruppig an, den er zufällig im Willy-Brandt-Haus ausgemacht hatte.
Allein: Ein Blick in die 16 „Spiegel“-Ausgaben, die zwischen der Neuwahl-Ankündigung im Mai und der Bundestagswahl im September erschienen sind, liefert nur wenige Belege für eine tendenziöse Berichterstattung. Am 28. Mai 2005 erschien der „Spiegel“ bereits am Samstag, mit der staatstragenden Begründung, ein historisches Ereignis wie die bevorstehenden Neuwahlen mache ein schnelles Erscheinen erforderlich. Auf einer Strecke von 34 Seiten wurden dann ausgewogen die Konzepte der beiden großen Parteien präsentiert.
Eine Woche später kam ein problematischer Aspekt ins Spiel, der uns später noch ausführlicher beschäftigen wird: Nach den aktuellen Meinungsumfragen sei eine absolute Mehrheit für die Union denkbar, meldete der „Spiegel“. Deswegen mache die „euphorisierte Union“ jetzt Druck. Eine Woche später hieß es: Rot-Grün sei vorbei, das Projekt habe sich „an der Wirklichkeit zerrieben“.
Für den Rest des Wahlkampfes gestaltete der „Spiegel“ seine Berichterstattung wieder sehr differenziert: Ein langer Abriss über die historische Genese der Staatsverschuldung. Eine Reportage über den Tag der Vertrauensabstimmung, in der unterschwellig viel Bewunderung für Schröder mitschwang. Geschichten über Stoibers Frust und Schönbohms Schnitzer. Eine Serie mit Reform-Vorschlägen für die Bundesrepublik, in der sich Soziales und Neoliberales fand. Ein kritischer Artikel über die Meinungsforschung. Schließlich, am 5. September, eine 14-SeitenGeschichte von Jürgen Leinemann über Gerhard Schröder und eine 14Seiten-Geschichte von Dirk Kurbjuweit über Angela Merkei.
Wenn das Prädikat „öffentlich-rechtliche Presse“ zu vergeben wäre, der „Spiegel“ hätte es - ebenso wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ - in den Wochen vor der Wahl verdient gehabt. Und das sind nur zwei Beispiele. Die Medienbeobachter von Landau Media haben 6900 Presseartikel aus der Wahlkampfzeit ausgewertet. Demnach haben die Zeitungen gleichermaßen „objektiv bis kritisch“ über die Inhalte von SPD wie von CDU/CSU berichtet.
Öffentlich-rechtlich-ausgewogen, und das ist nun wirklich nicht überraschend, kamen auch ARD und ZDF daher. Wie gewohnt wurde in jeder Talkrunde auf Parteienproporz geachtet, und auch in den Sondersendungen wurde niemand bevorzugt oder benachteiligt. Schröder bei Christiansen, Merkel bei Christiansen; Schröder bei Iliner, Merkei bei Iliner. Schröder und Merkei zum Duell bei Christiansen und Illner, die noch RTL-Kloeppel und Sat.1-Kausch dazuholen mussten - weil die Privatsender zwar bei der Wahl eher mit Desinteresse glänzten, aber beim Duell unbedingt mitmachen wollten. Westerwelle, Lafontaine und Fischer durften schließlich im Dreierpack auch noch zu Illner.
Dass Schröder bei Maybrit Illner von allen Gästen die schlechteste Figur machte, kann man nicht dem ZDF vorwerfen. Womöglich war seine deutlich sichtbare Verwunderung über die herzlich, aber hart zupackende Moderatorin Vorbote des kommenden Realitätsverlustes.
Verehrter Herr Chefredakteur Brender, Sie haben vermutlich an diese Ausgewogenheit gedacht, als Sie dem Bundeskanzler auf seinen Kampagnenvorwurf entgegenhielten: „Ich weise darauf hin, dass der ARD und dem ZDF dies nicht vorzuwerfen ist.“ Diese Zurückweisung war, das ergibt sich aus dem Gesagten, im Grundsatz berechtigt. ARD und ZDF haben keine Kampagnen gegen die rot-grüne Regierung inszeniert. Allein schon der Gedanke, die beiden Sender könnten dies tun, ohne dass große Teile der Presse wiederum medienkritisch darüber berichteten, ist abwegig.
Aber ich möchte jetzt auf einen Aspekt kommen, der das Dementi „ARD und ZDF haben sich nichts zu Schulden kommen lassen“ dann doch etwas relativiert. Das ist meine zweite These:
Jede Woche gab es im Bundestagswahlkampf neue Werte, bei der ARD von Infratest dimap und beim ZDF von der Forschungsgruppe Wahlen, daneben noch Emnid, Forsa, Allensbach und wie sie alle heißen. Dieses Verfahren, mit heiligem Ernst und in wachsendem Sendezeitumfang praktiziert, zementiert Augenblicksstimmungen, von denen man nicht einmal weiß, ob sie wirklich korrekt gemessen werden. Man denke nur an die zunehmende Zahl der Bürger, die ausschließlich über Handy telefonieren - und deshalb von den Umfrage-Instituten gar nicht erreicht werden.
Im medialen Präsentationsergebnis werden somit aus relativen Größen absolute gemacht - was bei einer Bundestagswahl hoch problematisch ist. Denn es ist die einzige wirklich bedeutsame politische Entscheidung, die wir Bürger in unserem System treffen können.
Der Souverän hat am 18. September 2005 die Wahrsager blamiert. Wochenlang war - wie übrigens schon 2002 - von einer satten schwarzgelben Mehrheit die Rede gewesen, phasenweise sogar von einer absoluten Mehrheit für CDU und CSU. Am 1. Juni 2005 gab Infratest dimap bekannt, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre, würden 48 Prozent CDU/CSU wählen und nur 28 Prozent die SPD. Eine geradezu lächerliche Information, wenn man bedenkt, wie es später ausgegangen ist.
Nun betonen die Meinungsforscher gern den flüchtigen Zauber des Konjunktivs, der diesen Erhebungen anhaftet: Wenn am nächsten Sonntag Wahl wäre, dann... Aber noch in der Woche vor der Wahl kam die Union laut Umfragen auf 41 bis 43 Prozent. Auch da lautete die Frage: Wenn am nächsten Sonntag Wahl wäre... Mit einem Unterschied: Am nächsten Sonntag war tatsächlich Wahl - und es wählten nur 35 Prozent CDU/CSU. Irgendetwas muss also faul sein.
An Erklärungsversuchen mangelt es nicht: Mal wird eine größer gewordene Volatilität angenommen, also eine stärkere Neigung der Wähler zu Stimmungsschwankungen; mal unterstellt man, dass die Demoskopen von den Befragten angelogen werden. Klaus Kocks hat dies mit dem Begriff „Dissoziationseffekt“ gekennzeichnet und eine Parallele zum Verhalten von Bürgern in totalitären Staaten gezogen.
Warum beschäftigen sich die Medien aber neuerdings überhaupt so stark mit den Ergebnissen der Meinungsforschung?
Früher waren Umfragewerte Randerscheinungen, seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts blickt man auf die Resultate von Infratest oder Forsa, als ob sich dadurch weise Orakelsprüche offenbarten. Nicht nur die berühmte „Sonntagsfrage“ steht im Mittelpunkt, sondern mit großer Vorliebe auch die Frage, welche persönlichen Sympathiewerte denn die einzelnen Wahlkandidaten erreichen.
So wurde bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2005 immer wieder ein scheinbar unerklärliches Phänomen erwähnt: Peer Steinbrück, damals Amtsinhaber, war seinem Herausforderer Jürgen Rüttgers bei den persönlichen Werten haushoch überlegen. Bei den Parteien lag jedoch die CDU klar vorne.
Es ist der Hang zur Simplifizierung, die zunehmende Fixierung auf Zahlen und Köpfe, die im kurzatmigen Mediengeschäft zu unterkomplexen Analysen führt. Das Privatfernsehen und die Nachrichtenhäppchen Ästhetik a la „Focus“ haben ARD und ZDF dazu getrieben, mit der unermüdlichen Bekanntgabe von Umfragewerten auf einprägsame, gut konsumierbare Interpretationen der politischen Stimmungslage zu setzen. In diesem speziellen Sinne hatte Gerhard Schröder sogar recht: Man musste bei der Verkündung der Umfragewerte den Eindruck gewinnen, die Wahl sei bereits gelaufen, der Souverän habe schon entschieden.
Das lag aber eben nicht an der politischen Bewertung von Personen und Programmen, sondern am partiellen Verschanzen der Fernsehjournalisten hinter vermeintlich objektiven Zahlen. Eine Ebenendifferenz, die Schröder, aber auch seine Widerparts Nikolaus Brender und Hartmann von der Tann am Wahlabend nicht wahrnahmen. Schröders blinder Fleck war zudem seine eigene, lange Zeit erfolgreiche Strategie, die Inszenierungsmodi der Medien geschickt für seine Zwecke zu nutzen.
Mit der Zweikampf-Logik hatte er schließlich 1998 die Landtagswahl in Niedersachsen zu einem Plebiszit über den Kanzlerkandidaten der SPD umfunktioniert. Da konnte Oskar Lafontaine nur verlieren. Bei der Bundestagswahl im Herbst 1998 brauchte Schröder nicht viel mehr als ein beständiges „Kohl muss weg“. Und 2002 folgte er der Losung „Ich oder er“, um gegen Edmund Stoiber Stimmung zu machen. Damals leistete der „Stern“ noch übrigens noch SPD-Wahlkampfhilfe - und titelte süffisant: „Ich oder ähh“.
Auch da hätte man schon fragen können: Machen Medien Politik? Oder, um vielleicht die Mediokratie-These mal vom Kopf auf die Füße zu stellen: Machen Politiker Medien? Ein bedeutender Aspekt des Lebenswerks von Gerhard Schröder wird sein, hier einen schier unerschöpflichen Materialfundus geliefert zu haben. Es werden noch Berge von Dissertationen zu diesem Thema erscheinen.
Wenn wir uns aber kurz noch mal beim „Stern“ aufhalten, dann erscheint der Krawall-Kanzler der „Berliner Runde“ auch als Nachfahre des Goethe'schen Zauberlehrlings: Die journalistischen Geister, die er rief, ward er nicht mehr los - 2005 in Gestalt des Weltgeist-Interpreten HansUlrich Jörges.
Jörges, das müssen wir hier natürlich auch mal sagen, ist ein kluger Mensch, ein liberaler Geist und ein glänzender Rhetoriker. Was ihn allerdings geritten hat, in seiner „Zwischenruf“-Kolumne vier Monate lang im Stil eines Sehers aufzutreten, der den heraufziehenden historischen Fortschritt verkündet, bleibt vorerst sein Geheimnis. Ein Blick in die Jörges-Kolumnen aus der Wahlkampfzeit zeigt eine erstaunliche Umfragegläubigkeit. Alles andere als ein Sieg der Opposition wäre ein „historisches Miraculum“, schrieb er am 25. Mai. Und am 1. September erklärte er mit Bezug auf Forsa, nur bei ganz optimalem Verlauf könne die SPD noch auf maximal 33 Prozent kommen.
Jörges verwechselte die Zahlen des Manfred Güllner mit Einblicken in Volkes Seele. Das erschöpfte Volk sehne eine Kraft herbei, „die den Weg unausweichlicher Veränderungen zuende geht“, schrieb er am 25. Mai. Das Volk warte „auf Führung und Erlösung“, stellte er am 11. August fest. Die letzten Kolumnen vor der Bundestagswahl priesen überwiegend die Brillanz der Steuerkonzepte von Paul Kirchhof.
Als die Wähler dann nicht so gewählt hatten, wie der „Stern“ vorausgesagt hatte, forderte Chefredakteur Thomas Osterkorn Neuwahlen. „Dieses Patt war das Letzte, was die Wähler wollten“, erklärte er im Editorial der Nach-Wahl-Ausgabe.
Was zeigt uns das? Gerhard Schröder und Otto Schily sind offenbar treue „Stern“-Leser gewesen - und Stammzuschauer von „Sabine Christiansen“ und ARD-Wahlabenden, wo Jörges meist als Experte auftritt. Sicherlich darf man sich als Politiker über den „Stern“ ärgern. Aber mit Jörges, der über eine zugegeben beachtliche crossmediale Präsenz verfügt, gleich sämtliche deutschen Medien auszuschütten, lässt dann doch ein zweifelhaftes Verständnis von Pressefreiheit erkennen.
Und wenn man noch die Information hinzunimmt, dass Schröder in der „Berliner Runde“ auch deshalb so kraftprotzend auftrat, weil er unmittelbar vor der Sendung neue Forsa-Zahlen gehört hatte, die ein Überholen der CDU durch die SPD nahelegten - dann, meine Damen und Herren, beißt wirklich der Schwanz in den Hund.
Die Medienschelte ging an den Verantwortlichen von ARD und ZDF nicht spurlos vorbei. Die ARD/ZDF-Medienkommission legte gleich nach der Wahl eine Forsa-Umfrage vor, wonach zwei Drittel der Bürger ARD und ZDF eine ausgewogene Wahlberichterstattung attestierten. Ein Wert, der vermutlich durchaus richtig war.
Allerdings kann man mit Umfragen schlecht ermitteln, ob man zu umfragehörig ist, weil man dann zwangsläufig das produziert, was die Psychologen „double-bind“ nennen.
Begeben wir uns daher nun in die Aktualität, zur Berichterstattung über die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, in Baden-Württemberg und in Sachsen-Anhalt, die gerade mal eine Woche zurückliegen. Und schauen wir, wie die Sender da mit den Umfragewerten umgegangen sind. Meine dritte These lautet:
Das Grundproblem eines Vergleiches besteht ja schon darin, dass eine Landtagswahl nun mal keine Bundestagswahl ist. Überwiegend läuft die Berichterstattung in den Dritten Programmen, wo regionale Moderatoren mit regionalen Politikern über regionale Themen reden. Es gibt auch nicht jede Woche mindestens vier neue Umfragen, sondern insgesamt nur wenige Erhebungen im Vorwahlzeitraum. Auffällig war aber schon, dass die Relativität der Umfragewerte stärker herausgestellt wurde als früher.
Als Bettina Schausten am 17. März im „heute journal“ die aktuellen Erhebungen aus den drei Bundesländern präsentierte, betonte sie gleich zu Beginn, viele Wähler seien noch unsicher, in Baden-Württemberg wüssten etwa 46 Prozent noch nicht, was sie wählen sollen. Man könne das Ergebnis nicht sicher vorhersagen, sagte Schausten fast mahnend in die Kamera, die Umfragen stellten „Momentaufnahmen“ dar.
Das war auch gut so, denn obwohl die Meinungsforscher besser lagen als bei der Bundestagswahl, so hatten sie den Absturz der SPD in Baden-Württemberg und das Debakel der CDU in Rheinland-Pfalz nicht in dem Ausmaß auf der Rechnung gehabt.
Was sich aber fortsetzte, war die starke Gewichtung der persönlichen Sympathiewerte der einzelnen Kandidaten. Beim TV-Duell im Südwestrundfunk zwischen Günther Oettinger und Ute Vogt fragte Moderatorin Jacqueline Stuhler den Amtsinhaber drei Mal hintereinander, warum seine persönlichen Werte nicht so gut seien wie die seiner Partei.
Oettinger wich drei Mal souverän aus. Im ZDF-„Länderspiegel“ vom 25. März hatte man dasselbe Thema andersherum gewendet: Dort hieß es, die Persönlichkeitswerte von Ute Vogt seien besser als die ihrer Partei, und darauf setze die Kandidatin im Endspurt.
Hier wird die politische Berichterstattung zur Null-Information. Deutschland ist nun mal nicht nach dem Modell einer Präsidialdemokratie gebaut. Ansonsten wäre Steinbrück nicht Finanzminister unter Merkel, sondern immer noch Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.
Ansonsten: Parteienproporz allerorten - und die üblichen Verdächtigen als Experten in den Talk-Sendungen. Im Intro-Filmchen zur „Christiansen“-Runde vom 19. März waren es wieder einmal - richtig, Hans-Ulrich Jörges und Gabor Steingart, die als Quasi-Politikberater die Lage der Nation kommentierten. Steingart diagnostizierte: „Der Stillstand ist jetzt weiblich.“ Womit er aber nicht Sabine Christiansen meinte.
Wie gesagt: Landtagswahlen sind keine Bundestagswahlen, und die Rückschlüsse, die man aus der jüngsten Landtagswahl-Berichterstattung ziehen könnte, sind mit großer Vorsicht zu genießen. Mal angenommen, es käme zu dem unwahrscheinlichen Fall, dass Angela Merkel in einen großen Politik-Skandal verwickelt würde. Sie müsste zurücktreten und Bundespräsident Köhler für den Herbst abermals Neuwahlen ansetzen.
Ich würde ehrlich gesagt nicht viel Geld darauf wetten, dass wir nicht wieder monatelang mit endlosen Zahlenreihen von Infratest, Forschungsgruppe Wahlen und Forsa überschwemmt würden - und dass der komplexe Wettkampf zwischen zwei großen und drei, eigentlich vier kleinen Parteien nicht in die simple Western-Formel „Platzeck gegen Wulff` gedrängt würde.
Deshalb meine vierte These, die eigentlich eine Forderung ist:
Das gilt zumal für die öffentlich-rechtlichen Sender, die qua Funktionsauftrag zu einer seriösen, inhaltlichen Auseinandersetzung verpflichtet sind. Die Reduktion einer immer komplizierteren politischen Wirklichkeit auf Zahlen, Personaltableaus und Koalitions-Spekulationen mögen ARD und ZDF getrost der Boulevardpresse und den entsprechenden TV-Formaten der privaten Konkurrenz überlassen. Und gute Ansätze gibt es: Mit „Hart aber fair“ hat der WDR eine exzellente politische Talksendung konzipiert, die sowohl informiert als auch unterhält. Warum ist diese nicht längst im Ersten Programm zu sehen?
Ebenfalls lohnend ist der Ansatz der von Jörg Schönenborn mitkonzipierten „Wahlarena“, die 2002 und 2005 im WDR und im NDR zu sehen war. Wie im römischen Reich sind die Bürger da ganz nah dran an ihren Vertretern, auf diese Weise lässt sich etwas transportieren von den Meinungen, Bedürfnissen und Problemen im Wahlvolk. Allerdings müsste man auf größere Spontaneität und auf einen größeren Redeanteil der eingeladenen Bürger achten. Und warum eigentlich veranstaltet man so eine „Arena“ nur zu Wahlzeiten? Und warum nicht im Ersten Programm?
ARD und ZDF könnten sich abseits einer diffusen virtuellen Umfragerealität neue Formate zulegen. Diese stünden dann bei überraschend angesetzten oder auch ganz regulären Wahlen schon erprobt zur Verfügung.
Eine neue, freilich nicht unbedingt wegweisende Form entwickelte im vergangenen Jahr der Privatsender ProSieben. Da präsentierten Entertainer Stefan Raab und N24-Chefredakteur Peter Limbourg am Vorabend der Wahl die „TV Total Bundestagswahl 2005“. Erst gab es eine Diskussionsrunde mit Müntefering, Wulff, Beckstein, Westerwelle und Trittin. Dann konnten die Zuschauer anrufen und sagen, welcher Partei sie ihre Stimme geben würden.
Bundesweit kam dabei folgendes Ergebnis zustande: SPD 36,5 Prozent, CDU 30,2 Prozent, FDP 13,7 Prozent, Linkspartei 10,8 Prozent und Grüne 8,8 Prozent. Das bedeutet, in der Gesamtabweichung war das Ergebnis von „TV Total“ kaum weniger zutreffend als die Forsa-Umfrage, die zwei Tage zuvor herausgekommen war.
Wenn das Zufallsprinzip eines Entertainers zum gleichen Ergebnis führt wie das wissenschaftliche Erhebungsverfahren eines Demoskopie-Instituts: Dann, meine Damen und Herren, ist es Zeit, zu neuen Ufern aufzubrechen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
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