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Autor: Ringleben, Joachim.
Titel: Wort und Tag. Zu Mörikes Gedicht 'Um Mitternacht' (1827).
Quelle: Martin Ammon & Lutz Friedrichs (Hrsg.): Arbeitsstelle Gottesdienst. Einer der untröstlich blieb... Eduard Mörike 1804-2004. Hannover, 01/2004, 18. Jahrgang, 2004. S. 62-69.
Verlag: Arbeitsstelle Gottesdienst.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Herausgeber.
Joachim Ringleben
Wort und Tag
UM MITTERNACHT
Gelassen
stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand;
Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
Der Zeit in gleichen
Schalen stille ruhn.
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie
singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute
gewesenen Tage.
Das uralt alte Schlummerlied
Sie
achtet's nicht, sie ist es müd';
Ihr klingt des Himmels Bläue
süßer noch,
Der flücht' gen Stunden
gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das
Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom
Tage,
Vom heute gewesenen Tage.1
Die Nacht, auf deren Erscheinen die Überschrift vorbereitet, tritt als eine große Gestalt vor unseren Blick. Sie hat etwas Erhabenes an sich; feierlich und gleichmäßig ist ihr In-Erscheinung-Treten2, um nichts bekümmert und abgeklärt, ohne Eile wie ohne Erwartung und ohne Ziel, unbeirrt und unbedrängt, in souveräner Selbstgenügsamkeit, ruhig und Ruhe findend3. Diese große Gelassenheit ist ein Eingelassensein in den unabänderlichen Rhythmus der Ablösung des geschwundenen hellen Tages durch die Nacht, seinem ins Dunkel Zurückkehren. Ihr Kommen ist unaufhaltsam; einem höheren Gesetz gehorchend, ist sie ihrer sachten Bewegung anheimgegeben, in sich schwingend und ruhend zugleich, nahe der Schlafbefangenheit.
“... stieg ans
Land” redet von ihrem langsamen und ohne irgendeine
Aufgeregtheit sich vollziehenden Hervorgang aus ruhigem Wasser, einem
stillen See. Dies hier verschwiegene Wasser ist wohl selber
schweigend und in sich verschwiegen. Dem lautlosen, langsamen
Hervorgang haftet etwas Mythisches an, wie bei der ersten Nacht
überhaupt, kommt sie doch hervor aus dem Wasser, dem
undifferenzierten, abgründigen Grund allen Lebens, dessen
Dunkel ihr eignet. Dieser Wechsel von tiefem Wasser zu festem Land
entspricht auch insofern der Mitternacht, als diese den gemächlichen
Übergang von tiefer Nacht zu ihrem langsamen Schwinden leise
andeutet4.
Der feierlich-großartige Auftritt der Nacht als einer
Gestalt5
lässt die Frage aufkommen, wie dieser Anfang überhaupt
fortgesetzt werden kann. Der zweite Vers bietet eine Auflösung
von genialer Stimmigkeit.
Die Bewegung löst sich ganz in einem Zur-Ruhe-Kommen, das leise Voranschreiten erlischt wie in einhüllender Unbeweglichkeit. So findet das “gelassene” Hervorgehen sein vorläufiges Ziel in einem entspannten Anlehnen. Angelehnt “an der Berge Wand”, verhält die voranschreitende Nacht für einen Augenblick im Ausruhen am Feststehenden schlechthin, am schweigenden Aufragen der Bergeswand, über die vielleicht ein neuer Morgen heraufziehen wird, der jetzt noch gar nicht in den Blick kommt. Im Lehnen “an der Berge Wand” entlehnt die Nacht von ihr, die massives Sein und nur “Sein” ist, ihren Halt, ihre Unbeweglichkeit. Versinkend in ihrer Nächtlichkeit ist sie nun “träumend”: wie von schwerer Müdigkeit befangen (vgl. II, 2: “müd”) und in sich selber verschlossen, nur in sich noch webend.
Die Gestalt der Nacht hat ein Antlitz, das “träumend” in sich gekehrt bleibt, weil der betrachtende Blick ganz dem Traumgesicht zugewandt ist. “Nun” sieht ihr Auge, traumbefangen hingegeben an das Ruhende, und die Schau löst sich in einem simultanen Ganzen auf. Dem träumenden Blick erschließt sich, durchaus entwirklicht, ein höherer Zustand, der alles Geschiedene in verklärter Einheit in sich birgt; Gestern und Heute wie ausgelöscht, aufgehoben und ausgeglichen: “stille ruhn”. Werden und Vollendung, Bewegung und Ruhe scheinen für diesen nächtlichen Augenblick erfüllter Rückschau wie eins6.
Die Traumvision der Nacht ist vom großen Gleichgewicht, dem harmonisch ausgewogenen Moment erfüllt; träumend gewahrt sie, dass der Fluss der Zeit zum Stillstand findet, und deren unaufhörliche Veränderung wie in einem ewigen “Nun” sich aufhebt7, die Abwechselung der Zeitlichkeit zum Ausgleich gelangt. Dem Ruhen der Nacht entspricht die Ausgewogenheit der “Waage der Zeit” vor dem Goldgrund des Ewigen. Was in deren “gleichen Schalen” vor dem Auge der Nacht “stille ruhn” möchte wie in ewiger Gegenwart, das ist der rastlose Rhythmus von Vorangehen und Zurückbleiben, Zukunft und Vergangensein, Werden und Abgeschlossenheit, Weitertreiben und Zurücklassen, Noch-nicht- und Nicht-Mehr-Sein, also das ruhelose Ungleichgewicht von Erfüllung und Leere, Jetzt und Nicht-Jetzt, das Auf und Ab des gewöhnlichen Zeitflusses.
“Um Mitternacht” scheint genau dieses in einer Art Tag- und Nachtgleiche zu verhalten, und die Nacht der Zeit gänzlich entrückt zu sein. Mitternacht - das ist so etwas wie die “Höhe der Nacht”, eine geheimnisvolle Kulmination, die selber für sich nichts ist als eine “Fülle der Zeit” - wenngleich dazu bestimmt, unmerklich dem Andern des Tages weichen zu müssen. Aber als solche Mitte im Ausgleich eines entschwundenen Vorher und eines unbestimmten Danach ist die Mitternacht Inbegriff und Innesein, Versammlung eines Ganzen.
Doch das Ungleichgewicht lässt sich nicht verdrängen, die Unruhe alles Zeitlichen bricht auf.
Ein Neues meldet sich, den Frieden der Träumenden zu stören, macht etwas dringlich (“ins Ohr”), bringt etwas anderes zur Sprache. “Kecker” heben sich die Quellen vor der Stille der Nacht ab - wie es ja auch in Wirklichkeit geschieht, nämlich deutlicher bemerkbar als selbst am lauten Tage (“rauschen ... hervor”). Und ungeduldig wie Kinder, die fröhlich ihre Erlebnisse “der Mutter” erzählen wollen. So schön der Traum von Ausgleich und ewiger Ruhe auch sein mag, was sich davon kontrastierend abhebt8, ist vom Gelassen-Sein weit entfernt, ist das lebhafte Sprudeln von Quellen, die mit unbändiger Munterkeit ins Freie drängen. Sie “rauschen ... hervor”, unaufhaltsam wie die Zeit selber; sie brechen hervor in offener, unabschließbarer Bewegung. So sind sie das Andere zum ruhigen “ans Land” Steigen der Nacht und zum stillen See, aus dem diese kam, sind lebendige Wasser. Deren Träumen “an der Berge Wand” hielt inne an den “Gestaden des Vergessens”9; diese Quecksilbrigen hingegen haben mit den “Wassern des Vergessens” (Lethe) gerade nichts zu tun. Ihr Rauschen ist das “Rauschen der Zeit”10, das Unaufhörliche11, ist das Raunen, das wiederholend vom vergangenen Tage erzählt.
Indem sie der mütterlichen Nacht ins Ohr “singen”, verhalten sie sich wie die Musen, deren Mutter der alles bergende Urschoß der Erinnerung (Mnemosyne) ist. Solchermaßen wird die in sich Versunkene von etwas eingeholt, das wie abgetan schon hinter ihr zu liegen, ins Wesenlose versunken schien:
Etwas Drängendes, durch Wiederholung in der zweiten Strophe betont Insistierendes haftet diesen Worten an, die sich auch im Ohr des Lesers oder Hörers einnisten. Das Gegenteil zur gelassenen Nacht, der vom Leben erfüllte Tag, kommt ins Spiel. Er ist das eigene Gegenteil der Nacht12, und darum kann sie es nicht zum Verschwinden bringen, behält er doch hier das letzte Wort.
“Vom Tage” reden die Quellen, von dem bestimmten, einmaligen, der war, dem unwiderbringlich Wirklichen, d. h. dem, was die Nacht zu vergessen im Begriff ist: auszulöschen im weichen Dunkel ihres Traums. Dagegen behauptet sich im “Gesang der Geister über den Wassern” (Goethe) ihr Gegenspiel, das Helle und Wache.
Der “gewesene Tag”, dem die jetzt vorüberfließenden Quellen entsprechen, ist doch nicht einfach vergangen und zu nichts geworden; irgendwie ist er noch da - nicht nur im Gesang der Töchter der Nacht -, hat eine Weise von Präsenz: als “heute gewesen” west er im Heute “immer” (II, 5) noch an (“noch fort”; II, 6). Dazu stimmt: die Quellen besingen den Gewesenen - sie singen nur “vom” Tage - nicht so sehr bestimmte Einzelheiten; sie evozieren ihn als konkretes Ganzes.
Was die Quellen unüberhörbar machen - deutlich schon durch die abweichende Länge dieser Verse gegenüber den vorausgehenden -, ist eine Beschleunigung. In den vorher ruhig beschreibenden jambischen Rhythmus13 bringen sie vorandrängende Bewegung; der Zeitfluss wird aktiviert:
rauschen die Quellen hervor
’
’
’
singen
der Mutter, der Nacht, ins Ohr
’
’
’
’
Vom
Tage,
’
Vom
heute gewesenen Tage.
’
’
’
Das Lied der Töchter regt die Nacht selber aus ihrer Gelassen- und Versunkenheit nicht auf; es ist wie ein eintöniges “Rauschen”, das ihre Müdigkeit nur untermalt, ihre Träume nicht unterbricht, sondern umspielt. Sie “ist es müd'”, weil sie genug davon hatte und hat: die endlose Wiederkehr des Gleichen, nur ein schlecht-unendliches Schattenspiel.
Darum “uralt, alt”; es ist für sie gleichförmig die Wiederholung desselben. Denn jeder der unzähligen vergangenen Tage hat sein Heute gehabt und ist nicht mehr, ist an sich ein bloß Vergangenes, eine ins Unbestimmte verschwebende Botschaft, und für die Nacht, die dies alles in ermüdender Endlosigkeit hat geschehen sehen, einschläfernd wie ein Schlummerlied, das sie in ihren Träumen vom großen Stillstand nur festhält, statt sie aufzuwecken.
Vergangenes Heute, gewesener Tag - für die Nacht sind es nur die “flücht'gen Stunden”. Was demgegenüber ihren träumenden Blick festzuhalten vermag, ist “des Himmels Bläue”, der nächtliche Himmel mit seinem samtenen Dunkelblau, und er ist für sie “süßer” als die lichte Bläue des hellen Tags. In diesem Nachtblau des ruhigen Himmels schaut sie sich selber an, hat noch so ihr Genügen in sich selbst, in dem ihr auch aus ihm ihre stille Vollkommenheit entgegen scheint.
Im tiefen Blau des Himmels “klingt” etwas für sie, was schöner und großartiger ist als die vergehende Zeit, als das Lied der Quellen: die ewige Ordnung des Sternenhimmels, seine Sphärenharmonie, die unendlich erhabener und süßer “klingt” als die Ephemeriden des jeweils heutigen Tags14. Was die flüchtigen Stunden zusammenhält, bezwingt und unantastbar überragt, ist das “gleichgeschwungne Joch”15, der gestirnte Himmel mit seinen unveränderlichen Konstellationen, unter denen auch das goldene Sternenbild der “Waage” (Libra) im ruhigen Gleichgewicht steht16. Und noch einmal ist mit der “Stunden gleichgeschwungnem Joch” die Mitternacht angesprochen.
Die Sprache der Quellen setzt sich weiter durch - gegenüber dem “stille ruhn” der Nacht (I, 4), wo es nichts zu reden gibt, sondern ein sprachloser Augenblick alles beherrscht, weil nichts geschieht. Jene “singen ... noch fort”, ja ihr Rauschen ist jetzt artikuliertes Wort, und so begleiten sie das Träumen der Nacht (“im Schlafe”, d.h. deren) mit ihrer eigenen Stimme17. Soll man annehmen - die traumhafte Atmosphäre des Kontextes legt das vielleicht auch nahe -, die Wasser singen auch im Schlafen noch fort, so ist doch ihr Schlaf nichts anderes als ein verklärtes Weiterwirken oder - leben des einmaligen Geschehens, das als solches aufbewahrt wird im Gedächtnis ihres Gesangs.
Denn “immer” noch und stets “behalten” sie “das Wort”, das heißt: das letzte, und zwar buchstäblich auch in diesem Gedicht selber. “Behalten”, das besagt auch, im Gedächtnis haben, in Erinnerung halten, im Wort gegenwärtig erhalten. Das “Wort” ist es, was hier den gewesenen Tag in sich trägt und birgt. “Immer behalten”, das ist eine “Aufhebung” des Geschehenen, die es als wirklich Gewesenes anwesend sein lässt; eine Aufhebung als Negation des Unmittelbaren (vergangen), aber zugleich als Bewahren (es ist ja immer noch “heute”) und als Erhobenwerden auf eine neue Ebene, die der Sprache. Behalten die lebendigen Wasser das Wort, so heißt das, sie behalten im Wort (oder Gesang), also als Wort den gewesenen Tag. Singend behalten die Töchter der Nacht das Wort: ihr Wort hebt den Tag so in sich auf, dass zugleich ihr Gesang das erzählende Wort, die Prosa der Welt, ins poetische Melos hinein (“Rauschen” als “Singen”) aufhebt. Und eben dies - die Aufhebung ins Gedicht - geschieht im gestalteten Wort dieser Dichtung Mörikes selber18. Solchermaßen ist ihr Erinnern Vergegenwärtigung dessen, was zu sagen bleibt:
Drängend, zeugend, aufquellend wie die lebendigen Wasser bringt sich wiederholend und verstärkt der Tag - das spontan sich neu Erzeugende - hervor, als müsse er sein Recht bekommen und behalten, auch wenn er unmittelbar dahin ist. Die Erinnerung ans Gewesene fordert Unabweisbares ein, das nicht spurlos untergehen darf. Diese Worte “vom Tage, vom heute gewesenen Tage” haben etwas unverlierbar Bedeutsames, etwas Geheimnisvolles an sich, das sie durch Wiederholung betonen.
“... heute gewesen” - obwohl der Tag vorbei ist, ist jetzt, bei der Nacht, immer noch das Heute, zu dem er gehörte. Das Flüchtige, ins Nicht-mehr Übergegangene, ist nicht nur vorbei und kann darum von der Nacht, zu deren Heute es gehört, nicht einfach ausgelöscht werden. Was gewesen ist, ist nicht mehr unmittelbare Gegenwart, aber als gewesen auch nicht einfach nichts; in der Erinnerung ist es als Gewesenes gegenwärtig. Das Gewesene ist er-innerte, ins Innen aufgehobene Gegenwart19.
Dass das Gewesene ins erinnernde Wort der Dichtung findet, das zeigt sich besonders an der Rolle, welche die Wiederholung in diesem Gedicht spielt20. Sie gestattet, Fortschreiten und abrundende Einheit zu vereinigen, wobei allerdings das voranschreitende Reden sich eher auf die Nacht und das wiederholende sich auf die Quellen bezieht. Genau betrachtet, findet man zweimal je vier Verse zur Nacht und ebenso zweimal je vier Verse zu den Quellen (davon reden jeweils zwei vom Tage). Beide Komplexe behaupten sich im Gedicht gegeneinander, so dass im Ganzen ein “Gleichgewicht” zwischen der Ruhe der Nacht und der Bewegtheit der Quellen, zwischen der verträumten Mutter und ihren unruhigen Töchtern entsteht.
Was so in ausgewogener Spannung gegeneinander steht, ist zum einen das Vergangensein des vorhergehenden Tages, der mit seinem bunten Geschehen im Gold des Immer-und-ewig-Gleichen erloschen ist, und zum andern das Recht des Einmaligen und Besonderen dieses bestimmten “heute gewesenen” Tages, der sich dem spurlosen Verschwinden ins nächtliche Dunkel widersetzt. Recht verstanden, enthält schon die Wendung vom “heute gewesenen Tage” diese spannungsvolle Verbindung eines Vergänglich-Vergangenen und zugleich unaufhörlich Hervorgehenden, also das Aneinander von Ruhe der Nacht und Unruhe des Werdens, Vollendung und schöpferischer Bewegung, Urgrund und Ursprung.
In seinem letzten Horizont deutet das Gedicht auf das Geheimnis der Beziehung und des Unterschiedes von Zeit und Ewigkeit: diese als ausgleichende Vollendung und jene als immer neues Hervorgehen und ins Ewige Übergehen verstanden. Beides, die Zeitlichkeit des Freigelassenen, stets Neuen und die Ewigkeit des endgültig Bergenden, in die Vollendung Aufhebenden hat schon Augustin mit der Formel: semper agens, semper quietus (Confessiones I, 4, 4) zum Ausdruck gebracht, und er hat das dialektische Verhältnis im Zugleich von sukzessiver Entwicklung und übergreifender Einheit und Ganzheit gerade am Vollzug eines Liedes oder Gedichtes veranschaulicht (Confessiones XI, 28, 38)21.
Die vorgetragene Auslegung hat in Mörikes Gedicht ein Thema, ein Gewebe dichter sprachlicher Bezüge und gedanklicher Figuren und eine Art Botschaft aufzuzeigen versucht. Trotzdem bleibt ein Rest des Geheimnisvollen in Kraft, eine poetische Aura, die nicht in interpretierendem Nachvollzug einzuholen ist (was auch deren Auflösung wäre). Das Verhältnis von sprachlicher Bestimmtheit und dichterischer Unbestimmtheit macht den unerschöpflichen Reiz und die wundervolle Schönheit dieses Gedichtes deutscher Sprache aus.
Überhaupt kann eine Deutung nicht an die Stelle des Gedichtes treten wollen; vielmehr leitet sie, wenn sie denn gelingt, einzig zu weiterem und neuem Lesen an: die sprachliche Vollendetheit eines “Kunstgebildes der echten Art”22-zu wiederholend-fortschreitender Aneignung.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
1In: Eduard Mörike: Gedichte in einem Band, hg. von Bernhard Zeller, Frankfurt/Main und Leipzig 2001,129.
2Ohne die Unterschiede in Ton, Stil und Sprachniveau verwischen zu wollen, sei hier die Erinnerung an den feierlichen Schluss der 1. Strophe von Hölderlins Elegie “Brot und Wein” (1801) gestattet: “... die Schwärmerische, die Nacht kommt, / Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns, / Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen, / Über Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf.” (Kl. St. A.2, 94)
3Für den mystischen Sinn der „Gelassenheit" wäre Meister Eckhart zu vergleichen: “Reden der Unterweisung” (in: Deutsche Predigten und Traktate (Quint), 19693, besonders 55ff).
4Vgl. auch Mörikes Gedicht “Gesang zu zweien in der Nacht” (= “Nachts”, 1825): “0 holde Nacht, du gehsts mit leisem Tritt / Auf schwarzem Samt ... // Du schwärmst, es schwärmt der Schöpfung Seele mit”.
5Als anderes Beispiel für die groß geartete Prosopopoeia in der Poesie vgl. G. Benns schöne Verse: “der Sommer stand und lehnte / und sah den Schwalben zu” (“Astern”, in: Ges. Werke in vier Bänden (D. Wellershoff), Bd. 3, 174).
6Im oben erwähnten Gedicht (s. Anm. 4) kann zu der Nacht gesagt werden: (die du) “Dich lieblich in dir selbst vergissest -”. Ihr “goldenes” vor sich hin Träumen hat etwas mit der Schönheit, dem Schönen selber Gemeinsames, von dem das berühmte Gedicht “Auf eine Lampe” (1846) sagen wird: “selig scheint es in ihm selbst”; (vgl. Augustin: Pulchrum enim per seipsum consideratur atque laudatur; MPL 33, 527).
7Das Nunc stans bzw. ewige “Nu” ist ebenfalls ein mystischer Begriff.
8“Und” klingt wie: Und doch! (Vgl. 11, 5: “Doch”).
9Vgl. das Gemälde von Eugen Bracht “Das Gestade der Vergessenheit” (1889), Darmstadt, Hessisches Landesmuseum.
10Vgl. die unter diesem Titel erschienene autobiographische Prosa von O. Mandelstam (Zürich 199,2).
11Vgl. das - von P. Hindemith vertonte - Oratorium G. Benns: “Das Unaufhörliche” (1931), in: Ges. Werke in vier Bänden (D. Wellershof), Bd. 3, 47611.
12“Vom Tage” zu reden, wie die Quellen tun, das erinnert sehr mittelbar, unbetont und leise andeutend vielleicht auch daran, dass ein neuer kommen wird - eben weil ein anderer - der gewesene - vor der Nacht schon war. Mitternacht ist auch Wendezeit für die Nacht.
13Die jeweils ersten sechs Verse jeder Strophe enden mit männlichem Reim, und erst die beiden Schlussverse enden zweisilbig offen: “Tage”.
14Vgl. Mörikes Gedicht “Johann Kepler” (1837): “Und euch Sterne berührt nimmer ein Menschengeschick: / Ihr geht ... / Euren seligen Weg ewig gelassen dahin!”
15“Joch” lässt auch an “der Berge Wand” zurückdenken.
16Auch sie (1, 3) war also schon am Himmel lokalisiert.
17Vgl. G. Benn: “bis in die Träume: Silben -” (“Worte”, in: Ges. Werke, aaO. Bd. 3, 299).
18Dass der Dichter “singt” bzw. Dichtung “Gesang” ist, ist ein traditioneller Topos.
19Hegel hat das Heute (“Jetzt”) als Tag und Nacht bzw. existierende Dialektik von Vergehen und Gewesensein gedacht (Phänomenologie des Geistes (19526), 81f. u. 85). Auch hier ist das Wort das Allgemeine, in dem das Vorübergehende (Einzelne) aufgehoben ist (vgl. 82 u. 88f.). Diese Ähnlichkeit kann beobachtet werden, ohne eine historische Beziehung zu Hegels Philosophie annehmen zu müssen. (Eine sachliche Übereinstimmung bezüglich der o. Anm. 6 aus dem Gedicht “Auf eine Lampe” zitierten Verszeile nimmt immerhin M. Heidegger an; vgl.: Zu einem Vers von Mörike. Ein Briefwechsel mit Martin Heidegger von Emil Staiger (1951), in: M. Heidegger, Gesamtausgabe, Bd. 13 (1983), 95ff).
20Vgl. vor allem das zweimalige “Vom Tage, vom heute gewesenen Tage”, aber auch: “das uralt, alte”.
21Im vorliegenden Gedicht Mörikes erscheint dies, wie gezeigt, im Verhältnis von Fortsprechen und Wiederholen. Man könnte auch an das Verhältnis des vorausgesetzten, ruhigen Sees (I,1) zu den unruhigen quellenden Wassern (II,6) denken: Wie der Tag in die Nacht wieder zurückkehrt, aus der er hervorging, so ließe sich ein Kreislauf des Wassers vorstellen, in dem stilles Ruhen und rauschendes Hervor- und Zurückströmen zusammen gehören.
22“Auf eine Lampe” 8V.9).