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Autorin: Rogge, Jan-Uwe.

Titel: 'Ob auch Kinder überlebt haben?' Wie Kinder mit Tod, Trauer und Sterben in den Fernsehnachrichten umgehen.

Quelle: http://www.br-online.de/jugend/izi/televizion/16_2003_2/rogge.pdf 2003.

Verlag: Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI).

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Jan-Uwe Rogge

»Ob auch Kinder überlebt haben?«

Wie Kinder mit Tod, Trauer und Sterben in den Fernsehnachrichten umgehen

In therapeutischer Arbeit zeigt sich, wie Kinder mit den beängs­tigenden Bildern der Berichterstat­tung umgehen. Eltern und Produ­zenten können die Verarbeitung unterstützen, wenn sie die Perspek­tive der Kinder einnehmen und entwicklungspsychologische Be­sonderheiten der Heranwachsen­den berücksichtigen.

Juliane und SARS

Juliane, 10 Jahre, hat von einer Seuche gelesen, einem Virus, gegen das es kein Gegenmittel gibt. Die Eltern hatten ihr erklärt, dass dieses Virus nicht nach Europa kom­men könne.
»Aber es kann doch sein«, beharrt Julia­ne. Die Gespräche über die Seuche und die Krankheit zogen sich über Wochen hin.
»Sie fing immer wieder davon an«, so die Eltern. »Und dann hatte sie von irgend­welchen Symptomen gelesen, die den Ausbruch der Krankheit anzeigen sollten. Da war von Hautflecken die Rede, von ir­gendwelchen braunen Flecken auf der Haut.« Die Mutter rollt mit den Augen. »Die saß beim Essen und schaute nur noch auf die Hände und Finger. Fürchterlich! Ich hab die Krise gekriegt. ›Jetzt reicht es, verdammt!‹, hab ich einmal geschrien. ›Du willst wohl, dass ich sterbe‹, hat dar­aufhin meine Tochter mit gequälter Stim­me hervorgepresst. Da war ich völlig fer­tig.«
Eines Tages kam sie freudestrahlend an den Abendbrottisch.

»Was hast du?«, fragt die Mutter.
»Ich krieg den Virus nicht«, antwortet Juliane, um selbstbewusst hinzuzufügen: »Und wenn ich ihn krieg oder ihr, habe ich ’ne Adresse, wo’s ein Gegenmittel
gibt!«
»Und woher hast du die?«
»Aus dem Internet. Da habe ich jeman­den gefunden, der das herstellt. Und die Telefonnummer habe ich an die Pinnwand in der Küche geheftet.«

Dies ist nur ein Ausschnitt aus Ge­sprächen, die ich in den letzten 20 Jahren mit Kindern zum Thema Ängste und ihre Verarbeitung in der Beratung geführt habe. Anlässe wa­ren zumeist Fragen von Eltern, Erzie­herInnen und LehrerInnen, die diese in der Folge von Katastrophen, Un­glücken oder Kriegen an mich stell­ten. Ein Schwerpunkt der Fragen war, wie man angemessen mit den Verun­sicherungen der Kinder umgehen könne. Die Gespräche fanden in Kin­dergärten, Schulen und in meiner Pra­xis statt. Den Kindern wurde darüber hinaus Gelegenheit gegeben, ihre Eindrücke nachzuspielen oder zu zeichnen. Zudem berichteten Erzie­herInnen und LehrerInnen über ihre Erfahrungen mit Kindern im Nach­gang der medialen Berichterstattung über Katastrophen und Kriege.
Ein Ergebnis der Beratungsgespräche war: Kinder sind ganz individuelle Angsttypen. Sie gehen höchst unter­schiedlich mit (medialen) Angst­szenarien um.

Meist entsteht Angst, so John Bowl­by, in zusammengesetzten Situatio­nen, z. B. Dunkelheit und plötzliche laute Geräusche. Dies gilt gleicher­maßen für die durch mediale Szena­rien aktualisierten Ängste, an denen zumeist mehrere Sinne (z. B. Sehen und Hören) beteiligt sind. Zusam­mengesetzte Situationen können sein: ein unverhofftes Geräusch in der Dunkelheit, fehlende Geborgenheit während des Sehens und undefinier­bare Geräusche im Film, eine neue Situation, die plötzlich auftaucht, ein Ungeheuer, das komische Laute von sich gibt, der Schmerz einer gelieb­ten Person etc.

Es gibt eine Vielzahl inszenierter Urängste (Furcht und Schrecken bei Dunkelheit, Geräusche, unbekannte Situationen etc.), bei denen Erwach­sene und Kinder ähnlich reagieren. Doch es gibt Themen, Handlungen, Bilder und Hörelemente, die Kinder stärker betreffen als Erwachsene (z. B. Katastrophen, Ungeheuer, das Wiederentdecken einer eigenen Er­fahrung, das Ineinander von Fantasie und Realität, Tiere in Großaufnah­men), weil Kinder – wahrnehmungs­und entwicklungsbedingt – erst all­mählich Distanzierungstechniken aufbauen.

Emotionale Verunsicherungen bei Kindern sind dann zu beobachten, wenn geliebte und vertraute Personen bedroht, reale Opfer in Nachrichten­und Informationssendungen gezeigt werden und die Fantasie nahe legt, »das könnte mir und meinen Eltern auch passieren«. Ängste können ent­stehen, wenn Kinder dramaturgische Elemente (z. B. Kameraeinstellungen) nicht einordnen können. Ben, der sich von einer Riesenameise be­droht fühlt, hatte diese nicht in einem Horror-, sondern in einem Tierfilm gesehen, der normale Waldameisen in Großaufnahmen zeigte.

Je jünger die Kinder sind, desto wahr­scheinlicher ist es, dass sie über Vi­suell-Äußeres (über Monster, Geister, Ungeheuer etc.), über nicht durch­schaubare Trick- und Verwandlungs­effekte erschrecken. Je jünger die Kinder sind, desto intensiver ziehen Geräusche und Musik sie in den Bann, gestalten sie das kindliche Filmerleben auf der Grenze zwischen Freiwilligkeit und Überfahrenwer­den.

Ältere Kinder, meist vom siebten Le­bensjahr an, reagieren betroffen-ver­unsichert auf Schmerz, Verletzungen und Vernichtung, auf realistische Si­tuationen und soziale Ängste, die dem kindlichen Alltag nahe sind und eine Wiederbegegnung mit vielleicht ver­drängten oder vermiedenen Ängsten ermöglichen. Aber auch Mitfühlen und Mitleiden können eine emotio­nale Verunsicherung mit sich brin­gen.

Generell gilt: Die Ängste, die media­le Szenarien bei Kindern wachrufen, hängen neben der intellektuellen vor allem von der gefühlsmäßigen Ent­wicklung der Kinder ab. Je jünger die Kinder sind, desto heftiger, archai­scher und ungebrochener reagieren sie. Da Distanzierungstechniken nur ansatzweise entwickelt sind, bleiben Rationalisierungen wie »Das ist doch nur ein Film!« häufig folgenlos. Das gilt auch für ältere Kinder, wenn sie subjektiv bedeutsame und gefühlsmä­ßig besetzte Themen im Film wieder entdecken. Das Vorwissen und die Vorerfahrungen sind entscheidende Bedingungen für die Wiederbelebung von Ängsten.

Ein wichtiger Faktor für den Umgang mit filmischen Emotionen
sind die psychische Gesamtsituation des Kindes
und seine Möglichkeiten, mit Ängsten umzugehen.


Entscheidend ist, dass ein Kind über Distanzierungstechniken verfügt: sei es die Möglichkeit, die Nutzung ab­zubrechen, sich die Augen und Oh­ren zuzuhalten, die Gelegenheit zu Nebentätigkeiten oder die Vergewisserung von Nähe und Geborgenheit durch Bezugspersonen. Das Wissen über die Künstlichkeit einer Szene (»Das ist ja nur ein Film!«) hilft umso weniger, je mehr das Kind in den Bann geszogen oder bereits überwäl­tigt wurde. Auch Verunsicherungen über reale Katastrophen oder Unglü­cke, die durch Nachrichten oder ande­re Informationssendungen vermittelt werden, lassen sich durch Rationa­lisierungen nur schwer bearbeiten.

Medien machen etwas mit den Kin­dern, genauso wie Kinder ihnen höchst verschiedene Bedeutungen zuweisen. So sind selbst heftige Re­aktionen auf Fernsehsendungen, die Eltern nach bestem Wissen und Ge­wissen als »gut« einschätzen, häufig nicht vorhersehbar. Und umgekehrt sind Eltern entsetzt, wenn Kinder mit gruseligen Dramaturgien »cool« um­gehen. Es gibt für Kinder keine harm­losen, soll heißen: folgenlosen Me­dienprodukte. Manchmal bewältigt das Kind seine Ängste schöpferisch, manchmal schlägt die spielerische Begegnung mit Ängsten in Furcht und Schrecken, in Unlust und Frustra­tion um. Die Vielfalt und Unvor­hersehbarkeit kindlicher Ängste, die mit der Mediennutzung einhergehen können, sollten Eltern als Zeichen nehmen, die ein Kind setzt, als Zei­chen für emotionale Entwicklungs­schritte, die das Kind gerade voll­zieht, für momentane Sorgen und Nöte bzw. als Hinweis darauf, dass mit dem Filmerleben längst überwun­dene Erfahrungen wieder belebt wur­den.

Auch wenn man nicht genau vorher­sagen kann, welche medialen Dra­maturgien Ängste auslösen und verstärken können, so lassen sich einige formale und inhaltliche Elemente benennen, die Stresssituationen und ängstigende Gefühlslagen nach sich ziehen. Kinder zeigen unsichere emo­tionale Gefühle und Regungen, wenn

Nachrichten- und Informationssen­dungen, die sich mit Katastrophen oder problematischen Ereignissen beschäftigen, berühren Kinder, ver­unsichern oder verängstigen sie. Sie beleben – unbewusst oder bewusst – Trennungs- oder Verlassensängste. Damit ist nichts über die Schädlich­keit oder Gefährlichkeit solcher Sen­dungen gesagt oder darüber, dass es sinnvoll sei, Kindern den Zugang grundsätzlich zu untersagen. Zu be­denken ist allerdings, dass die Begeg­nung mit den Sendungen häufig zu­fällig oder nebenbei geschieht – und im Übrigen Kinder auch durch ande­re Medien mit Tod und Zerstörung konfrontiert werden. Vermeidung, Verdrängung von Ängsten helfen weder Eltern noch Kindern. Notwen­diger denn je erscheint es mir, Kin­der bei der Ver- und Bearbeitung von Trennungs- und Vernichtungsängsten zu unterstützen, ihnen Vertrauen zu geben, sich mit ihren meist sehr an­schaulichen Mitteln auf die durch Bilder- und Hörwelten belebten Ängste einzulassen.

Klaus und das Erdbeben

Klaus, 6 Jahre, hat in seinem Zimmer ein unbeschreibliches Chaos ange­richtet. Viele Sachen liegen durchein­ander. Er selbst kauert unter seinem Bett, als der Vater das Zimmer be­tritt.

Vater: »Sag mal, Klaus, was ist denn hier los?«
Klaus: »Hier war ein Erdbeben und ich hab überlebt.«
Vater: »Sag mal, spinnst du?« Klaus: »Nein.«
Vater: »Räum das sofort auf!«
Klaus: »Ich hab Angst.«
Vater: »Wovor?«
Klaus: »Vorm Erdbeben. Das siehst du doch.«
Vater: »Das gibt es bei uns nicht.«
Klaus: »Wieso?«
Der Vater gibt umständliche Erklärungen, warum es in der Gegend kein Erdbeben geben kann. Klaus hört aufmerksam zu, schüttelt den Kopf.
Klaus: »Aber es kann doch sein!«
Vater: »Nein! Die gibt’s bei uns nicht. Hab ich dir eben doch ausführlich erklärt.«
Klaus: »Aber wenn’s eins gibt, sind wir dann alle tot?«
Vater: »Klaus, es gibt kein Erdbeben bei uns. Es kann keins geben, verdammt noch mal!«
Klaus: »Kann aber doch sein, dass wir tot sind.«
Vater: »Oh, Klaus!«
Klaus: »Rettest du mich, wenn ich ver­letzt bin?«
Vater: »Mein Gott! Musst du denn immer zuhören, wenn wir uns unterhalten? Du schnappst dabei alles auf, und dann be­kommst du das in den falschen Hals.«
Die Mutter betritt den Raum. Mutter: »Was ist denn hier los?«
Vater: »Erzähl ich dir gleich. Wir müssen aufpassen bei den Gesprächen und was der sich ansieht. Auch in der Zeitung. Wir können das nicht immer rumliegen las­sen. Der kann manches doch nicht verar­beiten.«
Mutter: »Klaus, räum das auf! In einer halben Stunde bin ich wieder da.«
Klaus: »Mutti hat ja auch Angst. Wenn du nicht da bist, sagt sie immer, hoffent­lich ist da nichts passiert! Und dann macht sie sich Sorgen.«
Die Eltern verlassen den Raum.

Klaus hatte in der Tagesschau Bilder von einem Erdbeben gesehen und von vielen toten Kindern gehört. Er war nach dem Fernsehbericht sehr ver­stört.

Klaus hat das für ihn Unbegreifliche eines Erdbebens in seinem Zimmer inszeniert. Er hat Chaos im wahrsten Sinne des Wortes hergestellt, um ei­nen sinnlichen Eindruck der Katastro­phe zu gewinnen. Er drückt seine Angst aus, um mit ihr umgehen zu können. Die Eltern missverstehen seine Symbolik, nehmen vor allem Klaus’ Betroffenheit, seinen Wunsch nach Nähe nicht an. Der Versuch des Vaters, der Verunsicherung seines Sohnes durch Erklärungen zu begeg­nen, muss scheitern. Er spricht Klaus auf eine Weise an, die ihn momentan nicht erreicht. Klaus geht es vor al­lem um die Bearbeitung seiner Tren­nungs- und Vernichtungsängste, die das Erdbeben wachgerufen hat. Dazu braucht er Vertrauen und Nähe. Wis­senschaftliche Erklärungen über Erd­beben mögen notwendig sein, helfen in dieser Situation aber nicht.

Wie aus dem Thrill Angst wird

Der 5-jährige Alex und sein Vater ste­hen vor der Geisterbahn auf dem Jahrmarkt. Sie überlegen, ob sie hi­neingehen sollen. Nach längerem Hin und Her entschließen sich die beiden, die Fahrt zu wagen. Alex drückt sich während der Fahrt durch das Dunkle ganz eng an seinen Vater, hält die Hände vors Gesicht, sodass er die Ge­spenster gerade noch sehen kann. Oder aber er versucht, sie durch lau­tes Rufen zu erschrecken. Kaum ist die Fahrt zu Ende, will Alex das Gan­ze noch einmal machen.

»Also«, erzählt mir die 7-jährige Nadja, »ich hab doch schon Angst, wenn die Biene Maja mal wieder ir­gendwo so Unsinn macht. Wie neu­lich mit den Hornissen. Da war sie eingesperrt und die wollten sie fres­sen. Aber dann hat sie das doch noch geschafft. So gerade eben noch. Also, wenn ich das nicht wüsste, dann könnte ich das niemals aushalten.«

Kinder haben Lust, sich in angstbe­setzte Situationen zu begeben, sie zu erleben – wenn dies im sicheren Rah­men, mit selbst geschaffenen und -bestimmten Regeln und Ritualen ge­schieht, so bleiben Verunsicherungen erträglich und beherrschbar. Angst­ Erleben bedeutet eine erhöhte physio­logische Erregung und geht mit der Hoffnung auf Sicherheit, dem guten Ende einher: Alex kommt gestärkt aus der Geisterbahn und Nadja weiß, dass Maja sich in jeder Situation be­freien kann.

Von der Lust an der Angst, auch Ner­venkitzel oder Thrill genannt, kann man sprechen, wenn drei Grundvo­raussetzungen zugleich gegeben sind:

  1. Das Kind setzt sich freiwillig einer gefährlichen, gefühlsmäßig verunsichernden Gefahr aus, die aber einem vertrauten und gewohnten Schema unterliegt. Hier weisen das Spiel, aber auch das Filmerleben Ähnlichkeiten auf.

  2. Es existiert eine äußere objektive Gefahr: das Ungeheuer in der Geisterbahn, das prickelnde Gefühl im Karussell, der schwarze Mann beim Versteckspielen oder der geliebte Medienheld, der sich in Gefahr begibt. Das Kind lässt sich auf das Spiel oder die Sendung ein und

  3. verzichtet auf gewohnte Sicherheit. Das Wissen um einen positiven Ausgang schafft Vertrauen und bietet die Sicherheit, nicht überfah­ren zu werden.

Ist eine dieser Voraussetzungen nicht gegeben, bleiben Schrecken und tie­fe gefühlsmäßige Verunsicherung. Setzen sich Kinder unfreiwillig ei­nem Film aus oder fehlt das Happy End, kann sich eine starke gefühls­mäßige Betroffenheit aufbauen.

Die Lust an der Angst ist für ein Kind nur deshalb auszuhalten, weil es um den Ablauf des damit einhergehen­den Erlebnisses weiß: Es ist mit Haut und Haaren beteiligt, fühlt und geht mit, es spürt sich und seinen Körper. Aber es weiß auch, dass nach dem Erregungsgipfel ein als angenehm erlebter Gefühlsabbau kommt. Kin­der atmen tief durch, lachen, toben, geben der Nervenanspannung Aus­druck: »Das war spannend!« – »Das war knapp!« – »Das war kaum zum Aushalten!« Die Nacherzählungen und Nachspiele zeugen von den in­tensiven Gefühlen, machen deutlich, wie Kinder nun das innere Gleichge­wicht herstellen müssen. Und sie sind stolz darauf, solche Erlebnisse be­standen zu haben.

Die Lust an der Angst zeigt sich an körperlichen Symptomen: Der Blut­druck steigt, Kinder erröten, bekom­men feuchte Hände, werden unsicher, halten sich Augen und Ohren zu, ver­krampfen sich oder erstarren, stöh­nen, lachen auf, schreien, setzen sich aufrecht hin, kommentieren erleich­tert, suchen Nähe und Geborgenheit oder zeigen Kleinkinder-Verhalten: Sie lutschen, stecken den Finger in den Mund oder kauen Fingernägel. Die Lust an der Angst ist für Kinder mithin ein Balanceakt, den sie häu­fig mit großer Sicherheit ausführen, der aber manchmal in einem emotio­nalen Absturz enden kann.

Das Kind kann sich schöpferisch mit seinen Ängsten auseinander setzen. Es kann aber auch verunsichert wer­den. Das Spiel mit der Angst schlägt dann jäh um in Enttäuschung und Vernichtung. Aus Lust wird Unlust, aus einer spielerisch-geschützten Konfrontation eine wirkliche Ausein­andersetzung. Lust und Angst wer­den als getrennt erlebt. Der Alltag hat das Kind wieder. Einige der Situatio­nen, die ich nun beschreibe, mögen die Vielfalt und Unvorhersehbarkeit kindlicher Angstreaktionen verdeut­lichen. Sie mögen Mut machen, nicht nach Schuld zu suchen, sondern Kin­der bei der Angstverarbeitung zu un­terstützen. Denn eine Erziehungs­haltung, die Kinder vor der Angst bewahren will, schwächt sie, hält sie klein, macht sie unmündig und nicht selten abhängig von den Eltern.

Svenja und der Absturz der Swiss­air

Svenja, knapp 6 Jahre, hatte von ei­nem Flugzeugunglück gehört. Eine Maschine der Swissair war vor der amerikanischen Küste abgestürzt. Svenja muss mit ihrer Mutter nach New York fliegen, weigert sich nun aber strikt, weil sie Angst hat abzu­stürzen. Die Mutter versucht, ihr die Ängste auszureden. Ihr Hauptargu­ment, man fliege mit der Lufthansa und deren Flugzeuge würden nicht abstürzen, hat bei Svenja keine Chan­ce. Sie lässt sich von keinem noch so rationalen Argument überzeugen. Je ungeduldiger die Mutter auf Svenja einredet, desto sturer wird sie. Sie hält sich die Ohren zu und ruft: »Ich flie­ge nicht! Ich fliege nicht!« Zwei Tage vor Abflug – die Situation zwischen Mutter und Tochter eskaliert – kommen beide in die Beratung. Svenja fragt als Erstes, ob ich mit Lufthan­sa-Flugzeugen reisen würde.

»Klar, fast jede Woche!«, antworte ich.
»Glaubst du, dass sie abstürzen können?« Sie blickt mich ernst an.
Ich zucke mit den Schultern: »Ich hoffe nicht!«
»Aber abstürzen könnten die auch?« Ihre Stirn liegt in Falten. Sie schaut mich ge­nau an.
»Das kann schon passieren!«, meine ich.
»Siehste!« sagt sie, zu ihrer Mutter ge­wandt. »Siehste!« Dann grinst sie mich an:
»Aber das passiert nicht so schnell, nicht?«
»Denk ich auch nicht!«, sage ich.
»Ja, fliegst du denn jetzt?«, will die Mut­ter wissen.
Svenja schüttelt den Kopf.
»Was müsste Mama tun, damit du fliegst?«, frage ich sie.
Sie überlegt.
»Na, nun komm schon!«, drängt die Mut­ter.
»Nun lass mich doch mal!«
Nach kurzer Zeit kommt Svenjas Antwort: »Mama muss die ganze Zeit neben mir sitzen und mich anfassen!«
»Sitz ich doch sowieso!«
»Die ganze Zeit?« Svenja sieht zur Mut­ter hoch.
»Aber warum denn?«, fragt die Mutter.
»Wenn wir abstürzen, dann bin ich nicht allein. Und wir fliegen zusammen in den Himmel. Sonst bin ich da so ganz allein!«

Ihre Antwort klingt ernst und kommt völlig selbstverständlich.
Beide versprechen, sich beim Flug nicht aus den Augen zu lassen. Svenja besteigt das Flugzeug, ist beim Start kein bisschen aufgeregter als sonst, spielt, isst, sieht Filme. Irgendwann – nach einigen Stunden – fragt Svenja unvermittelt:

»War das hier?«
Ihre Mutter denkt an etwas ganz an­deres: »Was?«
»Du weißt schon, Mama! Das Unglück!«
Während einige Passagiere entsetzt schauen, lächelt Svenja: »So Mama, jetzt festhalten!« Nach einigen Mi­nuten entzieht sich Svenja dem Griff der Mutter und blättert weiter in ih­rem Comic.

Svenja war durch den Halt, den die Mutter bot, stark genug, die Situation auszuhalten, weil sie einen eigenen Weg gefunden hatte. Erwachsene ha­ben ihr sicherlich dabei geholfen. Aber die sind nicht immer zur Stelle. Dann versuchen Kinder, Wege zu ent­werfen, zu eigenen Lösungen zu kommen, und diese enthalten nicht selten eine Menge an Kreativität und Fantasie.

Vorschulkinder werden durch Nachrichten,
die sich mit Katastrophen oder Unglücken beschäftigen,
nicht selten verunsichert und berührt.


Die Sendungen beleben tief sitzende Ängste von Kindern. Das heißt nun nicht, ihnen den Zugang grundsätz­lich zu untersagen. Zudem begegnen sie solchen Meldungen häufig zufäl­lig oder nebenbei – und im Übrigen sind Kinder alltäglich mit Tod und Zerstörung konfrontiert. Vermeidung, die Verdrängung von Ängsten hilft weder Eltern noch Kindern. Auch Trennungs- und Todesängste haben ihre Funktion. Sie können auf Reife­und Entwicklungsschritte hindeuten. Diese bringen neue Aufgaben und Anforderungen mit sich – und damit auch Ängste, die es zu bewältigen gilt. Kinderängste rütteln eben auch an Tabus. Hier ist es besonders wich­tig, die Kinder bei der Verarbeitung ihrer Ängste zu unterstützen, ihnen Vertrauen zu geben, sich mit ihren meist sehr anschaulichen Mitteln auf jene Ängste einzulassen, die durch die Bilder- und Hörwelten aktualisiert sind. Eltern können bei der Angst­verarbeitung viel von den Kindern lernen. Und umgekehrt können Eltern ihren Kindern Vertrauen geben, sich den Ängsten zu stellen, sie zu verar­beiten.

Frederick und das Unglück der Estonia

Frederick, 7 Jahre, sitzt am 28. Sep­tember 1994 am Frühstückstisch, als die Radionachrichten über das Un­glück der Fähre »Estonia« in der Ost­see berichten. Er blickt entsetzt auf: »Ob auch Kinder überlebt haben?«, lautet seine erste Frage. Die Eltern sind irritiert und schweigen. »Wenn sie alt genug sind, können sie schwimmen!«, gibt sich Frederick selbst die Antwort. Danach ist er ru­hig, fragt beim Hinausgehen, wo Finnland und Estland liegen und ob »wir schon mal da gewesen sind«. Er gibt seiner Mutter einen längeren Abschiedskuss als sonst.

Als er mittags nach Hause kommt, will er sofort weitere Nachrichten hören. Dann fragt er, so seine Mutter, »mir viele Löcher in den Bauch«. Frederick will alles ganz genau wis­sen: wie die Fähre ausgesehen habe, warum die so schnell gesunken sei, die Menschen sich nicht haben ret­ten können. Frederick zeigt ein gro­ßes Interesse an technischen Details. Die Mutter kann keine befriedigen­de Antwort geben: Zum einen ist sie selbst erschüttert, zum anderen ver­fügt sie – wie auch? – nicht über die erforderliche Sachkenntnis. Aber sie bleibt geduldig, stellt häufig Rückfra­gen, die ihren Sohn ermuntern, eige­ne Vorstellungen zu formulieren. Was ihr besonders auffällt, sind seine Ide­en, wie man bei einem solchen Un­glück dennoch überleben könne. Er weiß: Im Sommer geht die Reise nach Norwegen und hierfür muss die Fa­milie eine Fähre benutzen. Fredericks Mutter vermeidet Hinweise darauf, ihnen würde das nicht passieren, weil die Fähren nach Norwegen sicher sei­en.

Fredrick entwickelt die Idee von ei­ner Wache, die rund um die Uhr ar­beitet, wenn die anderen Familienmit­glieder im Sommer auf der Fähre schlafen. Einer müsse »halt immer aufpassen« und wenn dann »etwas passiert«, dann »warnt er die ande­ren«. Die Mutter streichelt sein Haar, Frederick scheint zufrieden.

Nachmittags holt er sein Spielzeug­schiff aus Plastik, geht damit zum Gartenteich und spielt – in unendli­chen Wiederholungen – den Schiffs­untergang nach. Am Abend erklärt er seinem Vater, die »Estonia« habe kei­ne Chance gehabt. Wenn ein Schiff »erst mal richtig Schlagseite hat, dann säuft es schnell ab«. Das Spiel mit dem Schiffsuntergang erstreckt sich über einen längeren Zeitraum. Nach­dem Frederick vom Untergang gehört hat, wirkt er in den Nächten unruhig, schläft nicht durch, hat Alpträume und Angstfantasien. Der Vater will ihm angesichts der besonderen Situa­tion erlauben, im elterlichen Schlaf­zimmer zu bleiben, obgleich sein Sohn nicht darum bittet. Die Mutter hat deshalb eine andere Idee: »Wir üben schon mal die Wache für die Fahrt im Sommer«, erklärt sie ihrem Sohn am Morgen. Frederick strahlt, er will mit der Wache am Abend als Erster beginnen. Man einigt sich dar­auf, eine Stunde zu wachen, dann soll der Wechsel erfolgen. Als die Mutter in der Nacht aufwacht, findet sie Frederick im Flur auf ein Kissen ge­kuschelt – tief schlafend. Die Müdig­keit hat ihn eingeholt. Als die Mutter ihn ins Bett trägt, blinzelt er. »Jetzt bist du dran, Mama!« Sie legt ihn ins Bett, bleibt eine kurze Zeit sitzen, er schläft sofort ein.

Das Wachritual wiederholt sich in den nächsten Nächten: Fredrick über­nimmt die erste Wache, schläft dabei ein und wird von seiner Mutter ins Bett getragen. Seine nächtliche Un­ruhe, seine Alpträume und Angst­fantasien verschwinden schnell. Ge­meinsam haben er und seine Mutter einen Weg gefunden, mit den Ängs­ten umzugehen, die durch eine Kata­strophe konkrete Gestalt angenom­men hatten. Sowohl sein Spiel, das Untergang und Zerstörung zum In­halt hat, als auch die Art, wie seine gefühlsmäßige Unsicherheit durch das von ihm entwickelte Ritual kon­struktiv bewältig wird, zeigen, wie einfühlendes Verstehen dem Kind bei der Bewältigung von Krisen helfen kann. Der Weg, den Fredericks Mut­ter gefunden hat, hält ihn nicht von der Krise fern, er gibt ihm vielmehr die Kraft, sie zu bestehen.

Kinder werden immer früher in
gesellschaftliche Zusammenhänge einbezogen.


Man konfrontiert Kinder mit Informa­tionen, die sie nicht selten belasten und überfordern, die Ängste, ein Ge­fühl von Ohnmacht, Resignation und Hilflosigkeit hinterlassen. Gerade jüngere Kinder verarbeiten diese Ge­fühle im Spiel. Deshalb ist es wich­tig, den Kindern Raum dafür zu ge­ben. Ab den 90er-Jahren ist eine deut­liche Zunahme des Kriegsspiels un­ter Heranwachsenden zu beobachten gewesen. Dies ist auf eine lebens­zeitliche frühe Begegnung von Kin­dern mit kriegerischen Ereignissen, die sie auf der Mattscheibe und in den Medien erleben, zurückzuführen. Während mitteleuropäischen Kindern der symbolische Verarbeitungscha­rakter ihres Spiels deutlich ist (es wird nicht »richtig« gestorben), verarbei­ten Kinder mit realen Kriegserfahrun­gen, z. B. aus Bosnien oder afrikani­schen Bürgerkriegsgebieten, diese gravierenden Erfahrungen anders: Die »totgeschossenen« Spielkinder müssen liegen bleiben, dürfen nicht aufstehen.

Und dies sei allen Pädagogen bei ih­ren wohl gemeinten Friedensbemü­hungen ins Stammbuch geschrieben: Kindern ist mit pädagogischen Bemü­hungen, die sich am Entwicklungs­stand von Erwachsenen orientieren, nicht geholfen. Kinder haben ein ge­naues Gespür für die symbolische wie die reale Aufarbeitung von Schre­ckenserfahrung. Wer praktische Frie­densarbeit mit Kindern leisten will, muss bereit sein, von Kindern zu ler­nen und sich auf ihr unzivilisiertes, manchmal drastisch unbekümmertes Handeln einzulassen.

Kinder brauchen Begleitung, aber keine Besserwisser, erzieherische Bevormundung oder gar eine pädago­gische Aggression, die mit Verbot und Liebesentzug arbeitet. Wenn Kinder nach dem Krieg fragen, gilt die Regel: Fragen Sie zurück. Nur so erfahren Sie, was Kinder wissen wol­len.

»Papa, was sind Napalm-Bomben?«, fragt der 6-jährige Tobias.
»Was stellst du dir darunter vor?«
»Das ist was Großes, Farbiges, was Kleb­riges!«

Man kann diese Antwort so stehen lassen, wenn das Kind damit zufrie­den ist. Irgendwann wird ihm diese Antwort nicht mehr ausreichen, dann stellt es andere Fragen und fordert genauere Antworten. Vermeiden Sie unbedingt einen endlosen Wort­schwall! Antworten Sie knapp und am Gefühls- und Entwicklungsstand Ihres Kindes orientiert. Lassen Sie dem Kind Zeit, seine Fragen zu ent­wickeln. So bereiten Sie die emotio­nale Grundlage vor, die Ihr Kind be­fähigt, später umfassende und kom­plexe Fragen zu stellen und die Ant­worten auszuhalten. Und denken Sie daran: Mit Fragen nach dem Krieg wollen Kinder sicherstellen, dass sie im Fall eines Falles nicht allein sind und sich der Nähe von Erwachsenen sicher sein können.

»Was ist, wenn der Krieg zu uns kommt?«, fragt die 8-jährige Evelyn.
»Der kommt nicht!«, antwortet der Vater.

Kinder brauchen Begleitung, aber keine Besserwisser.


»Aber was ist, wenn er doch kommt?«, beharrt sie.
»Dann bin ich bei dir!«
»Bestimmt?«
Der Vater zieht seine Tochter fest an sich.
»Bestimmt?«
Der Vater nickt. Er hält seine Tochter fest.
»Das ist gut! Das ist gut!«

Jungen und Mädchen – geschlechtsgebundene Sehweisen und Handlungen: der 11. September 2001

11./12. September 2001. »Da war ein großes Feuer. Das sah aus, als ob da der Backofen gebrannt hat. Wie bei uns mal. Ganz viel schwarzer Qualm«, so Patrick, knapp 4 Jahre, als er die Bilder des brennenden World Trade Centers auf der ersten Seite der Ta­geszeitung sah. »Ich möchte nie in ein Hochhaus ziehen, da können Flugzeuge reinfliegen. Gut, dass mein Zimmer im Keller ist«, erzählt Florian, 5 Jahre.

»Die wären mit Absicht hineinge­flogen. So blöd kann doch keiner sein«, erklärt Benedikt, 7 Jahre. »Das müssen böse Menschen sein, ganz böse Menschen.«

Sie habe keine richtige Angst, sagt Sarah, 8 Jahre. »Ich bin einfach nur traurig, weil so viele Menschen tot sind. In den Häusern waren doch auch Eltern drin und die hatten Kin­der. Und die Kinder weinen jetzt.« Sie habe, berichtet Katharina, 9 Jah­re, angefangen, ein Tagebuch zu schreiben. »Mit Eltern reden, das bringt mir nichts. Entweder erzählen die mir, dass wohl Krieg kommt, und wenn ich dann nicht einschlafen kann abends, erzählen sie, ich brauche kei­ne Angst zu haben. Die sind vielleicht komisch.«

Kinder – egal welchen Alters – sind von den Ereignissen des 11. September 2001 betroffen. Sie reagieren ge­fühlsmäßig, suchen nach Erklärun­gen, wollen das schier Unbegreifli­che irgendwie begreifen. Und ein Mittel dabei ist das Spielen.

13. September 2001, zwei Tage nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York. Eine Gruppe von 4 Jungen – Nico, Rene, Björn und Roman, alle etwa 5 Jahre alt – bauen aus Holzklötzen zwei hohe Türme und schmeißen mit ungeheurer Wucht Plastikflugzeuge in die Bau­werke. Dieses Spiel wiederholt sich unendliche Male. Zwischendurch springen sie auf, rennen herum, schreien, toben. Dann bauen sie in der Sandkiste eine Burg, bringen sie durch Trampeln zum Einsturz. Oder sie nehmen einen kleinen Ziehwagen, setzen zwei Jungen hinein, während zwei andere ziehen, und spielen da­mit Feuerwehr, die einen Brand lö­schen muss. Die Spiele verlaufen lautstark. In den Aktionen der Jun­gen ist Kampfbereitschaft sichtbar, der Versuch, sich einer unbegreifli­chen Herausforderung zu stellen.

Zur gleichen Zeit sitzt eine Gruppe von 3 Mädchen in der Puppenecke – Sabine, Mareike und Melanie, alle 5 Jahre alt. Sie lassen aus großer Höhe kleine Stoffpuppen fallen, fangen sie aber kurz vor dem Aufprall auf, bet­ten sie auf eine Matratze, versorgen sie, tun so, als hätten die Puppen Ver­letzungen. Auch dieses Spiel zeich­net sich durch endlose Wiederholun­gen in ständig wiederkehrenden Ab­läufen aus.

»Mein Vater«, so Sabine, »kommt aus so einem Hochhaus raus. Der würde nur nach unten rennen, der würde nicht aus dem Fenster springen.«
»Meiner auch«, meint Mareike, »der hät­te ’nen Fallschirm dabei.«
Sie zeigt auf eine Puppe, die sie fallen lässt:
»Wie die hier! Und dann«, sie fängt die Puppe mit der anderen Hand auf, »landet er ganz weich und tut sich nicht weh.«
»Und wenn doch«, fährt Melanie fort, »kommt er ins Krankenhaus, wie die hier.« Sie weist auf eine Puppe, die auf der Matratze liegt.
Etwas später im Stuhlkreis sitzen die Jun­gen und Mädchen mit anderen, etwa gleichaltrigen Kindern zusammen.
Rene: »Wie kann man so blöd sein, da reinzufliegen!«
Björn, Rene ansehend: »Find ich auch. Ich hab da so’n Computerspiel. Ich flieg nie in so ’nen Turm. Ich flieg immer drum herum.«
Rene, den Kopf schüttelnd: »Die waren nicht blöd, die waren böse, einfach böse. Meine Eltern sagen, die wollten das. Die haben das mit Absicht gemacht.«
Björn, skeptisch guckend: »Vielleicht konnten die nicht steuern. Vielleicht? Ich weiß es aber auch nicht!«
Melanie greift ein: »Ist doch auch völlig egal! Ob die das nun konnten oder nicht. Gestorben sind da viele. Das war ganz schrecklich. Als ich das im Fernsehen gesehen habe, habe ich nach Mama geru­fen!«
Sie überlegt: »Aber wenn die im Turm ’nen Fallschirm gehabt hätten, wä­ren sie nicht gestorben!«
Nico blickt genervt drein: »Oh, so ein Blödsinn!«
Melanie: »Gar kein Blödsinn!«
Nico streckt ihr die Zunge raus: »Doch Blödsinn! Ein Fallschirm öffnet sich nicht, wenn man aus einem Hochhaus springt!«
Melanie nickt mit dem Kopf. »Doch, der öffnet sich!«
Roman hat die ganze Zeit zugehört, dann meint er bedächtig: »Wenn man da raus­springt, bist du gleich ohnmächtig, sagt mein Vater. Da merkst du nichts mehr.«
Mareike nickt mit dem Kopf: »Und des­halb tun die sich auch nicht weh, wenn die unten landen!«
Sabine hat die ganze Zeit still zugehört, dann meint sie zufrieden: »Bin jedenfalls froh, dass wir nicht in einem Hochhaus wohnen. Dann muss ich auch nicht sprin­gen!«
Rene lacht: »Also Batman könnte aus dem Hochhaus springen. Der könnte das!«
Björn platzt in die Worte von Rene: »Oder Superman! Also, ich würd gern Superman sein. Dann kann mir nichts passieren!«
Sabine wirkt nachdenklich, als sie sagt: »Wenn der Superman da rausspringt, der bricht sich bestimmt auch ein Bein.«

Jungen wie Mädchen werden häufig unvermittelt mit Katastrophen, Un­glücken, mit Krieg und Terror kon­frontiert. Solche Ereignisse prägen die Gespräche, zeigen sich in den Aktivitäten, in den (Nach-)Spielen der Jungen. Dabei lassen sich ge­schlechtstypische (aber nicht -spezifische) Akzente unterscheiden:

Begleitung und Unter­stützung der Kinder

Es ist paradox und widersprüchlich zugleich: Bei Kriegen und Katastro­phen sind Pädagogen und Psycholo­gen gefragter denn je – egal, ob die Fragen nun von Eltern oder Journalis­ten formuliert werden. Die am häu­figsten gestellten Fragen in den letz­ten Jahren und meine Antworten dar­auf will ich abschließend in Form ei­nes Interviews anreißen.

Wie kann ich meinem Kind den 11. September oder den Irak-Krieg erklären?

Dies ist eine typische Herangehens­weise von Erwachsenen. Obgleich sie selbst emotional getroffen sind, wol­len sie alles mittels Verstand erklä­ren. Doch sind Kinder, je jünger sie sind, vor allem gefühlsmäßig berührt. Kinder sind verunsichert durch den Beginn des Krieges. Hintergründe, langatmige Erklärungen, theoretische Begründungen helfen ihnen nicht. Diese und auch eine vernünftige Auf­klärung, was ein Krieg ist oder wa­rum es dazu kommen konnte, sind mehr für ältere Schulkinder geeignet, zielen mehr auf Jugendliche ab.

Sollten Eltern warten, bis die Kinder mit ihren Fragen zu ihnen kommen? Oder müssen sie von sich aus auf das Kind zugehen?

Jüngere Kinder sind aufnahmeberei­ter, wenn man auf die Fragen antwor­tet, die sie von sich aus stellen. Aber sie nehmen sich manchmal Zeit, bis sie fragen. Ein forsch-neugieriges Kind wird schneller fragen, ein in sich gekehrtes versucht zunächst, selbst Antworten zu finden. Für Eltern gilt: Halten Sie sich zur Verfügung, wenn die Kinder mit ihren Fragen und ih­rem Wissensdurst kommen.

Worauf sollten Eltern achten? Was ist aus Ihrer Sicht wichtig?

Kinder wollen ehrliche, sie wollen offene Antworten, sie brauchen kei­ne Beschwichtigungen nach dem Motto: »Dafür bist du noch zu klein« oder elterliche Antworten, die die Gefühle der Kinder nicht respektie­ren: »Du brauchst keine Angst zu haben!« Bilder wie die vom Irak­Krieg lösen bei jüngeren Kindern Trennungsängste aus, sie rufen Ge­fühle des Alleinseins hervor: »Was passiert mit mir, wenn Papa und Mama tot sind?« Schulkinder stellen häufiger Bezüge zur eigenen Wirk­lichkeit her: »Was ist, wenn so etwas in meiner Stadt passiert?« Oder: »Ich habe Angst, dass der Krieg auch zu uns kommt.« Berichte, die ältere Kin­der in den Medien lesen oder sehen, hinterlassen bei ihnen Gefühle der Ohnmacht, der Hilflosigkeit, des Aus­geliefertseins.

Was ist für Kinder in dieser Situa­tion wichtig?

Kinder brauchen die Gewissheit und das Gefühl, ernst genommen zu werden. Sie brauchen Halt, Sicherheit und Geborgenheit. Sie brauchen so viel Normalität wie nötig. Kinderge­burtstage oder -feste mit dem Hinweis auf den Krieg ausfallen zu lassen trägt zu einer weiteren Verunsi­cherung bei. Sollte das Kind jetzt schlecht schlafen, nächtliche Alpträu­me haben, den Weg ins elterliche Bett suchen, um sich dort Nähe zu holen, dann ist das zeitlich begrenzt völlig in Ordnung.

Man hört immer wieder, Eltern müssen jetzt mit Kindern reden. Worauf müssen sie dabei achten?

Wichtig sind altersgemäße Antwor­ten. Bei jüngeren Kindern ist das Prinzip der Rückfragen besonders geeignet. »Kann das auch bei uns passieren, Papa?« – »Was meinst du?« – »Ich glaube schon, Papa. Aber wenn was passiert, bist du bei mir!« Der Vater nickt und nimmt seinen Sohn in den Arm. An diesem klei­nen Dialog erkennt man: Es geht dem Kind nicht darum, ob der Krieg kom­men kann, sondern um die Folgen, die sich daraus ergeben. Das Kind will Gewissheit, ob es sich dann auf den Halt der Eltern verlassen kann.

Sie sprechen von altersgemäßen Antworten und Formen der Ver­arbeitung. Was ist damit gemeint?

Jüngere Kinder verarbeiten Ängste in ihren Spielen, in ihren Träumen, äl­tere Kinder suchen das Gespräch mit den Eltern, vor allem aber auch die Unterhaltungen mit gleichaltrigen Freunden. Sie reden aber nicht nur, sie tun auch etwas: Sie stellen Ker­zen auf, sie demonstrieren, sie legen Blumen nieder, sie schreiben Briefe und Tagebücher. Solche Aktivitäten sind Versuche, mit Gefühlen der Ohn­macht und Hilflosigkeit umzugehen.

Erwachsene haben doch auch Ängste. Sollen Eltern diese ver­bergen?

Eltern sind keine angstfreien, allwis­senden Wesen! Das nehmen Kinder ihren Eltern nicht ab. Für Eltern gilt: ehrlich sein! Unsicherheiten zuge­ben! Und wenn man etwas nicht er­klären kann, dies dem Kind auch mit­teilen. Sätze wie: »Dafür bist du noch zu jung!« nehmen kindliche Persön­lichkeiten mit ihrem Drang, Wirklich­keit zu begreifen, nicht ernst.

Dürfen Kinder jetzt Nachrichten sehen?

Nachrichten über die Weltlage erfährt ein Kind nicht allein über die Fern­sehprogramme. Alle Medien sind voll von Nachrichten. Berichte über Ka­tastrophen lösen bei Kindern Tren­nungsängste, Gefühle des Verlas­senwerdens aus. Zwei Dinge sind wichtig: Bei jüngeren Kindern gilt es, bezüglich Nachrichten, die für Er­wachsene gemacht sind, klare Gren­zen zu setzen. Aber sollten Kinder damit doch konfrontiert werden, dann muss man ihnen Gelegenheit geben, das Gesehene zu verarbeiten.

Sie tun dies über das Spiel oder, wenn sie älter sind, über das Gespräch. Hinzu kommt ein zweiter Gesichts­punkt: Es gibt Informationssendun­gen für Heranwachsende wie logo!, die solch dramatische Ereignisse für Kinder vom 8. Lebensjahr an hervor­ragend aufbereiten.

Wann gehen Kinder wieder zur Tagesordnung über?

So schnell und so komplikationslos wird das nicht gehen. Beim ersten Golfkrieg konnte man beobachten, wie Elemente des Krieges noch nach vielen Wochen und Monaten in den Spielen und Träumen der Kinder, in ihren Zeichnungen und Gesprächen enthalten waren.

Kinder brauchen Zeit, um ihre Ängste und Unsicherheiten zu verarbeiten. Und wir sollten ihnen diese Zeit auch geben. Halt, Geborgenheit, Norma­lität sind wichtig. Und letztlich kommt es auch darauf an, den Kin­dern weltanschauliche Toleranz vor­zuleben, ihnen Achtung und Respekt vor den unterschiedlichen Kulturen zu vermitteln. Die Reaktion vieler Kinder auf die Ereignisse am 11. September 2001 macht dabei Mut: Kinder haben – egal welcher Kultur und Religion sie angehören – getrau­ert. Erwachsene könnten von Kindern lernen, was es heißt, respektvoll und würdevoll miteinander umzugehen.

Was können Produzenten und Nachrichtenmacher tun, um Kinder nicht zu verunsichern?

Seit dem ersten Golfkrieg Anfang der 90er-Jahre lässt sich eine Verände­rung in der medialen Berichterstat­tung über Katastrophen und Kriege feststellen. Mit Großaufnahmen wer­den die Opfer im wahrsten Sinne des Wortes vorgeführt. Solche Bilder, in deren Mittelpunkt nicht selten wei­nende Kinder und verunsicherte Müt­ter stehen, erschrecken nicht nur die zusehenden Heranwachsenden. Der Berichterstattung fehlt es an mitfüh­lender Distanz zum Geschehen. Es ist einfach, die Kamera auf das Opfer zu halten, es ist ungleich schwieriger, in Bild und Ton hintergründig und getragen von Solidarität über Kriege und Katastrophen zu berichten. Wie man dies auf eine für Kinder ange­messene und nachvollziehbare Wei­se tun kann, das beweist die Kinder­nachrichtensendung logo! in ihren Standard- und Spezialsendungen Wo­che für Woche immer aufs Neue.

Literatur

Gangloff, Tilmann P.: Schlechte Nachrichten – schreckliche Bilder. Freiburg: Herder 2002.

Neuß, Norbert: Symbolische Verarbeitung von Fern­seherlebnissen in Kinderzeichnungen. München: Kopaed 1999.

Rogge, Jan-Uwe: Kinder haben Ängste. Reinbek: Rowohlt 1997.

Theunert, Helga; Schorb, Bernd: Mordsbilder: Kin­der- und Fernsehinformation. Berlin: Vistas 1995.

Der Autor

Jan-Uwe Rogge, Dr. rer. soc., ist freiberuflicher Erziehungs- und Fa­milienberater in eigener Praxis und seit mehr als zwei Jahrzehnten als Medienforscher und -berater tätig.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Rechteinhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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