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Autor: Salis, Jean Rudolf von.
Titel: Ursprung, Gestalt und Wirkung des schweizerischen Mythos von Tell.
Quelle: Tell. Werden und Wandern eines Mythos. Bern 1973. S. 9-29.
Verlag: Hallwag Verlag.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Thomas von Salis.
J.R. von Salis
Ursprung, Gestalt und Wirkung des schweizerischen Mythos von Tell
Nehmen wir die Wirkung voraus: sie war enorm. Die Geschichte von Tell ist bildhaft, balladenhaft, anschaulich, einfach und spricht zum Gemüt. Man kann sie sich leicht merken, denn ihr Ablauf: Apfelschuß, Trutzrede des Tell, seine Gefangennahme, die Fahrt auf dem See, der Sprung auf die Tellsplatte, die Ermordung des Vogtes in der Hohlen Gasse, prägt sich jedem Gedächtnis ein. Zahlreiche Chroniken, Lieder, dramatische Bearbeitungen haben seit dem Ende des 15. und besonders im 16. Jahrhundert für die Popularisierung der Geschichte vom Meisterschützen und Tyrannenmörder gesorgt. Früh ist er mit Brutus verglichen worden. Wo unterdrücktes Volk für Freiheit kämpft und Unterdrücker der Volksfreiheit überwunden werden, bietet sich der Vergleich mit der Tat des Wilhelm Tell an. Tell ist zum Begriff geworden, sein Symbolgehalt ist ohne weiteres verständlich. Die Armbrust gehört zu ihm wie der Rost zum heiligen Laurentius oder das Rad zur heiligen Katharina. Die grausame Bosheit des Landvogtes, der ihn einen Apfel vom Haupte seines kleinen Sohnes schießen heißt, steht für jegliche Bosheit von Willkürherrschaft; sie läßt den Schuß aus dem Hinterhalt auf den Vogt verzeihlich erscheinen. Verglichen mit der Befreiungsgeschichte der Leute von Uri, Schwyz und Unterwalden, die einen politischen Vorgang schildert, gewinnt die Tat des Tell an Anschaulichkeit, denn es ist eine individuelle Tat. Die Schweizer Freiheit erscheint in dem Meisterschützen verkörpert: die Politik wird personifiziert, und der Erfolg wird einem einzelnen Helden gutgeschrieben. Er wird zum «ersten Eidgenossen» erhoben, mögen auch die drei Eidgenossen auf dem Rütli und ihre Mitverschworenen das eigentliche Verdienst an dem geplanten Aufstand gegen die fremden Vögte und an deren Vertreibung aus dem geknechteten Land berechtigterweise für sich in Anspruch nehmen. Dem Tell aber gebührt in den Augen des Volkes der Ruhm.
Es gibt einen Tell-Kultus. Er hat seinen Niederschlag nicht nur im geschriebenen Wort, sondern auch in unzähligen bildlichen Darstellungen gefunden. Denn die Gestalt Tells und seine Taten sind eminent bildhaft. Sie sind auch dramatisch, und daher sind sie dramatisiert, in Opern zum Klingen gebracht, verfilmt worden. Die Apfelschußszene auf dem Platz in Altdorf, der Sprung aus dem Nachen auf die Felsplatte, das Attentat in der Hohlen Gasse sind die drei dramatischen - und bildhaften - Höhepunkte dieser Geschichte. Daneben nimmt sich der Rütlischwur wohl feierlich, aber weniger bewegt aus. Aus allem folgt der Aufstand der Bauern, die Einnahme und Zerstörung der Burgen, die Apotheose der Freiheit.
Kein Wunder, daß unter bestimmten Verhältnissen diese Geschichte wiederholt zu neuem Leben erwacht ist. Dies geschah in der alten Eidgenossenschaft, wenn sich auflüpfische Gesellen auf Tell beriefen und ihre Gewalttaten gegen die bestehende Ordnung mit seiner Befreiungstat zu rechtfertigen suchten. Als die Tellengeschichte und die Tellenfigur von neuem aktuell und populär wurden, am Ende des 18. Jahrhunderts, besaß sie Symbolkraft für die Französische Revolution und ihren schweizerischen Ableger, die Helvetik. Man schämte sich des unzweideutig revolutionären Charakters dieser Mär und ihres Helden nicht. Im Kampf gegen gekrönte Häupter, Aristokraten und Landvögte - die es in der Alten Eidgenossenschaft bis 1798 gegeben hat - erlebte der Schütze Tell, der Tyrannenmörder, dieser trotzige Volksbefreier, seine Auferstehung in der revolutionären Propaganda. Revolution bedeutet gewaltsame Veränderung der Verhältnisse, Sturz der herrschenden Schicht, und die Tötung der Unterdrücker gehört zum blutigen Kult jeder Revolution; die Jakobiner feierten ihn auf ihre Art mit der Enthauptung des Königs und der Aristokraten.
Tell wurde in Frankreich als der geistige Vater des «ami du peuple», des aus der Schweiz stammenden Marat, betrachtet; Tell wurde zum Jakobiner «umfunktioniert». Der legendäre, von schweizerischen Chronisten als «redlicher», als «frommer» Mann gerühmte Wilhelm Tell schien zu seinen archaischen Ursprüngen als «zorniger Mann» zurückzukehren. Nirgends war er, als die französische Revolutionsarmee in die Eidgenossenschaft eindrang, populärer als in der Waadt, die mit der Hilfe fremder Bajonette ihre Unabhängigkeit von der Berner Herrschaft erlangte. Tell war eine Figur im Sinne der neuen Politikerschicht, die mit der Gründung der Helvetischen Republik Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit auch in der Schweiz einzuführen unternahm.
Goethe hatte auf seinen Reisen in der Schweiz den Stoff kennengelernt; aber seinen Aufzeichnungen fehlte es am revolutionären Pathos, am dramatischen Schwung, am aktuellen Zeitgeist. Er tat gut daran, diesen Stoff Schiller abzutreten, dem er besser lag. Schiller war - wie Pestalozzi - vom französischen Nationalkonvent zum Ehrenbürger der Einen und Unteilbaren Republik ernannt worden - freilich nicht für seinen «Wilhelm Tell», der erst 1804 entstand, sondern für die «Räuber»; aber es war beinahe zwangsläufig, daß Schillers in die Freiheit verliebte Feuerseele die Sage vom Meisterschützen und Volksbefreier zum Stoff eines erbaulichen, politisch lehrhaften, daher zitatenreichen und warmherzigen Stückes machte. (Beethovens «Fidelio» lag in der gleichen ideologischen Fahrrinne einer gegen Tyrannei, für Freiheit und Verbrüderung eingenommenen Zeitströmung.) Indessen gibt es zwei Schüsse in der Geschichte von Tell: den rühmlichen, auch rührenden, mit dem er, ohne sein Kind zu treffen, diesem einen Apfel vom Kopfe schießt, und den andern, den zwar jeder Aufrührer, aber nicht ganz ohne Vorbehalt ein ehrbarer Bürger feiern konnte, weil es ein Schuß aus dem Hinterhalt im Waldesdickicht auf einen - freilich abscheulichen - Volksbedrücker war. Dieser Sachverhalt hat auch Schiller zu schaffen gemacht; seine Skrupel verleiteten ihn zu der schlechtesten Szene seines Stückes: zu der Begegnung von Tell mit Parricida, dem Mörder des Königs Albrecht. Der Dramatiker - und damit folgte er schweizerischen Vorlagen - fühlte sich bewogen, zwischen einem «guten» Attentat und einem «schlechten» Attentat und daher zwischen dem biederfrommen Tell und dem meuchlerischen und habsüchtigen Herzog von Schwaben zu unterscheiden, der seinen königlichen Oheim getötet und nicht ganz zu Unrecht gehofft hatte, bei dem Mörder Geßlers gute Aufnahme zu finden. Er fand jedoch einen braven innerschweizerischen Bauern und Familienvater, ohne jegliches Verständnis für die Mordtat bei Brugg ...
Wenn man Heinrich Füßlis (Henry Fusely's) wunderbares Gemälde vom Sprung Tells auf die Platte betrachtet, darf man nicht vergessen, daß dieser Maler einst seine zürcherische Heimat verlassen und im freien England eine neue Heimat gefunden hatte; Füßli hatte als junger Mann, mit Lavater und anderen, nonkonformistische, aus Rousseau und dem Geiste der Aufklärung geschöpfte Ideen in seiner Vaterstadt zu verbreiten unternommen, was die damalige Obrigkeit keineswegs dulden konnte. Füßlis Tell-Darstellung wurzelt im gleichen ideologischen Boden wie Schillers Tell und wie der französische und helvetische Tell-Kultus. Selbst Rossinis Tell-Oper kann als Vorläufer der «politischen» Opern Verdis, als ein früher Beitrag zu der freiheitlichen Bewegung des italienischen Risorgimento gewertet werden.
In den dreißiger Jahren war es nicht nur unvermeidlich, sondern naheliegend, daß im geistigen und politischen Abwehrkampf gegen die nationalsozialistische Propaganda-und im betonten Gegensatz zu Hitlers Diktaturstaat - die Schweizer sich wieder auf ihren freiheitlichen Ursprung und daher auf ihre Befreiungssage besannen. Schweizerisches Freiheitspathos stand gegen deutsches Volkstum- und Führerpathos. Die Machthaber des Dritten Reichs kamen uns geradezu entgegen, als sie die Aufführung von Schillers «Wilhelm Tell» auf deutschen Bühnen verboten; in der Schweiz aber war auf einmal aller Staub von diesem Drama abgefallen, es wurde mit neuer Begeisterung gespielt und aufgenommen.
Selbst die sowjetische Kulturpolitik hat ihr Scherflein zum Tell-Kultus beigetragen, als sie einen schweizerischen Tell-Film 1961 mit einem Preis auszeichnete. Die Ehrung galt zweifellos mehr dem Inhalt als der künstlerischen Form dieses Streifens, der ohne alle Zimperlichkeit in recht handgreiflichen Szenen den Freiheitskampf der Urschweizer inmitten einer herrlichen landschaftlichen Umgebung zum Gegenstand hatte. Ein geknechtetes, zum Frondienst gezwungenes, von den Vögten und ihren Schergen getretenes Bauernvolk steht auf, es stürmt die Zwingburgen, verbrennt sie und bringt seine Quälgeister um - allen voran der Tell, der den Geßler erschießt. Was dieser Film mit naiver Begeisterung erzählt, die Geschichte einer Bauernrevolte, mußte ein russisches Publikum unmittelbar ansprechen; denn die russischen Geschichts- und Schulbücher sind voll von Bauernrevolten. Der Vergleich mit Pugatschew lag nahe, die Revolution von 1917 ist zu einem großen Teil ein Aufstand der Bauern gegen ihre Herren gewesen.
Die Verbreitung einer Geschichte, ihre literarische, künstlerische, politische und ideologische Wirkung sagen an sich noch nichts darüber aus, ob sie sich in der historischen Wirklichkeit zugetragen hat. «Ob sie geschehn? Das ist hier nicht zu fragen ... », sagt Gottfried Keller in bezug auf die schweizerische Befreiungstradition. Es war ihm bekannt, daß die Geschichtsforschung seiner Zeit die Historizität der alten Chronikerzählungen von Tell und Geßler und von den drei Eidgenossen auf dem Rütli in Abrede stellte. Alle Geschichtsforschung beruht auf authentischen Quellentexten und auf Quellenkritik; auch archäologische Funde, auch volkstümliches Brauchtum, Waffen, Münzen, Gegenstände, bildliche Darstellungen, literarische Zeugnisse müssen auf ihren Quellenwert geprüft werden. Das ist von der schweizerischen Geschichtsforschung zur Erhellung des Ursprungs der ältesten eidgenössischen Bünde ausgiebig und mit größter Akribie getan worden. Das vorbildliche «Quellenwerk zur Entstehung der Schweizerischen Eidgenossenschaft», das von Spezialisten ediert und von der Allgemeinen Geschichtsforschenden Gesellschaft der Schweiz herausgegeben wurde, legt in seinen gelehrten Bänden Urkunden, Chroniken, Hofrechte, Rödel, Jahrzeitbücher bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts, ferner Chroniken und Dichtungen des späteren 15. Jahrhunderts vor. Die gleiche Gesellschaft gibt im Selbstverlag «Quellen zur Schweizer Geschichte» heraus, in denen als neuester Beitrag des Ägidius Tschudi «Chronicon Helveticum» zu erscheinen begann. Dazu kommen unzählige Forschungsbeiträge und Darstellungen nicht erst der jüngsten Zeit; denn seitdem der Luzerner Joseph Eutych Kopp - 1835 - die entscheidende -und nicht rückgängig zu machende - Wendung zur quellenkritischen Erforschung des Ursprungs der Eidgenossenschaft vollzog, gab es kaum einen unter den bedeutenden schweizerischen Geschichtsforschern, der nicht seinen Beitrag zu diesem Kapitel unserer nationalen Geschichte geliefert hat. Aus diesem Grunde müssen wir aber die Frage Kellers: «Ob sie geschehn?» unvermeidlicherweise stellen, wenn wir Klarheit über Ursprung, Gestalt und Bedeutung der Geschichte von Wilhelm Tell erlangen wollen.
Der Herausgeber des «Liedes von der Entstehung der Eidgenossenschaft» und des «Urner Tellenspiels» im genannten Quellenwerk (1952), Max Wehrli, sagt mit einem kaum unterdrückten Seufzer, die Tell-Forschung sei ein «Irrgarten» geworden. Er selber und andere haben indessen Wege gezeigt, die uns erlauben, aus diesem Irrgarten herauszufinden. Ich widerstehe ungern der Versuchung, hier ein längeres Werkstattgespräch über die Forschungsergebnisse zum Thema «Ursprung der Eidgenossenschaft» von Kopp bis heute einzuflechten; einen vorzüglichen Überblick über die Entwicklung dieser gelehrten - und zuweilen leidenschaftlich geführten - Kontroverse bietet die ausführliche Einleitung, die im Quellenwerk Hans Georg Wirz seiner Edition des «Weißen Buchs von Sarnen» mitgegeben hat (1947). Soviel sei angedeutet: Die ernsthafte Forschung, die auf Tatsachen und Beweisführungen aufbaut, hat die traditionelle Erzählung von der Befreiung der Waldstätte und die Tell-Erzählung in das Gebiet der Sage verwiesen. Kopp sagte: «Immerhin sind die bis heute geltend gemachten Beweise für 'Teil und die Vögte' nicht so stark und bindend genug, um die Erzählung ihres Seins und Handelns aus dem Zwielicht der Sage in die Tageshelle der historischen Gewißheit erheben zu können.» Georg von Wyß nahm als Ursprung eine «uralte Volkssage» aus dem Norden an. Dierauer nannte Tell den «Helden der Urner Sage». 1899 veröffentlichte August Bernoulli «Die Sagen von Tell und Stauffacher». Der Rechtshistoriker Andreas Heusler deutete (1920) diese Sagen als Rechtserlebnisse in erzählender Form: «Nur den Apfelschuß wußte er nicht zu retten», sagt Wirz. Heusler führte, wie so viele vor ihm - der Berner Pfarrer Freudenberger hatte bereits 1760 die Tell-Geschichte ein «dänisches Märchen» genannt -, die Erzählung vom Apfelschuß auf die Chronik des dänischen Klerikers Saxo Grammaticus (um 1200) zurück. Heuslers Sohn Andreas hat mit seinem «Meisterschützen» (1905) der Tell-Forschung den Weg der germanistischen Stoffgeschichte gewiesen.
Ehe wir von der Verwirrung sprechen, die patriotische Sorge um den Verlust der Geschichtlichkeit Tells und Stauffachers bis in die gelehrte Literatur hineingetragen hat, ist eine Zwischenbemerkung über das Verhältnis von historischer Wirklichkeit und sagenhafter - oder mythologischer - Vorstellungswelt notwendig. Die Bewertung von Sage und Mythos ist in unserem Jahrhundert eine andere als im vorigen. Das positivistische 19. Jahrhundert ließ nur gelten, was es als «Realität», als handgreifliche, konkrete, äußerlich belegbare Wirklichkeit feststellen konnte. «Tageshelle» der quellenmäßig erwiesenen historischen Gewißheit wurde höher bewertet als das Geschichten erzählende «Zwielicht» der Sage. Es klang abschätzig, wenn man einen Bericht in das «Reich der Märchen» verwies. «Mythologie» war für den aufgeklärten Menschen und Rationalisten beinahe so etwas wie eine Unterhaltungslektüre für die reifere Jugend. Der Bereich des Seelischen ist aber vom 20. Jahrhundert neu erkannt und aufgewertet worden. Es gibt heute eine Mythenforschung. Wir wissen darum, daß eine mythische Vorstellung unter bestimmten Voraussetzungen eine größere Wirkung ausübt als die redliche Ausbreitung eines beweisbaren Tatbestandes. Dieses tiefenpsychologische Zwischenreich mag seine Gefahren haben, aber sein Vorhandensein und die Kraft seiner Symbole sind feststellbar. Carl Gustav Jung führte den Begriff des «kollektiven Unbewußten» ein. Ich denke, kein Kundiger stellt das Vorhandensein von «archetypischen» Vorstellungen im Leben der Völker in Abrede. Diese Dinge sind schwer zu fassen, und Jung selber hat beispielsweise in seinem berühmten Aufsatz «Wotan», den er zur Aufhellung des Phänomens des deutschen Nationalsozialismus veröffentlichte (1936), seine Beweisführung vorsichtig als «Arbeitshypothese» bezeichnet. Wir wollen im Zusammenhang mit unserem Thema nicht weniger vorsichtig sein. Aber wir können feststellen, daß heute Historiker, Volkskundler, Soziologen und Literaturkritiker mit psychologischen Begriffen wie «seelische Bereitschaft», «seelische Aufnahmefähigkeit» und dergleichen umgehen - was ein rationalistischer Forscher des 19. Jahrhunderts kaum getan hätte. Max Wehrli sagt in seiner Einleitung zum Urner Tellenspiel: «Der Satz Oskar Eberles, des Geschichtsschreibers des innerschweizerischen Theaters: 'Der Mythos von Tell wächst frisch aus der Seele des Volkes heraus', wäre umgekehrt richtiger: Die Tellengeschichte ist in die Seele des Volkes hineingewachsen.»
Für die schlichte Frömmigkeit ist es kaum faßbar, daß die Legende eines verehrungswürdigen Heiligen nicht auf der historischen Wirklichkeit beruhen könnte; noch unfaßbarer, daß ein geschichtlich schwer nachweisbarer Heiliger eine Heilung bewirken könnte. Die Verwechslung der historischen Existenz einer Gestalt mit der Stärke ihrer Wirkung auf das menschliche Gemüt, auf den religiösen Glauben oder auf die patriotische Ergriffenheit ist eine allgemeine Erscheinung. Wenn zur Zeit der äußeren Bedrohung der Schweiz durch Hitler die Menschen im Theater sich von ihren Sitzen erhoben und in tiefer Ergriffenheit den Rütlischwur mitsprachen, identifizierten sie sich mit dem Geschehen auf der Bühne - mit der schweizerischen Befreiungssage in der Version Friedrich Schillers. Dabei ist es, was diese Wirkung betrifft, völlig gleichgültig, ob sie glaubten, die Dinge hätten sich damals so zugetragen wie im Drama. Wir waren ergriffen, aber glaubten nicht an die Historizität der Handlung auf der Bühne. Was ergriff, war ihr Sinn, die Kraft des Wortes. Zugegeben: Der Vorgang hat etwas Verwirrendes. Er ist es nicht, wenn man bejaht, daß der Symbolgehalt des Mythos eine der bewegenden Kräfte des individuellen und kollektiven Seelenlebens ist. Die Vorstellung vom Schützen und Volksbefreier Tell, ja seine leibliche Figur, etwa in der Gestalt, die Kisling seinem Denkmal gab, ist freilich so intensiv, daß es ein patriotisches Gemüt beunruhigt, wenn man seine historische, seine physische Wirklichkeit in Frage stellt.
Nun lautet aber die Frage, ob diese Intensität nicht gerade davon herrührt, daß Tell eine sagenhafte, eine mythische, eine archetypische Figur ist. Historische Figuren sind selten so eindeutig und so eingängig, weil sie differenzierter sind; ihre Biographie verrät einen Menschen mit seinen bedeutenden und weniger bedeutenden Eigenschaften, mit seinen Erfolgen und Mißerfolgen. Ein Mensch, der eine historische Wirkung ausübte, Staatsmann, Heerführer oder Gründer einer wichtigen Institution, kann kaum auf ein paar wenige anschauliche und einfache Handlungen, zum Beispiel auf Apfelschuß, Sprung auf die Felsplatte, Tyrannenmord, zurückgeführt werden - denn, das fällt auf, von Tell wissen wir kaum etwas anderes als diese in allen Darstellungen stereotyp wiederkehrenden, nur in kleineren Zügen abgewandelten oder ausgeschmückten Taten. Man muß aber auf das weite und vielgestaltige Reich der Sagen und Mythen einen Blick werfen, um zu erkennen, daß gerade diese Fixierung auf beinahe schablonenhaft typische, nicht psychologisch oder biographisch differenzierte Züge bezeichnend ist für mythische Helden. Die Robin-Hood-Geschichten in England handeln auch von einem volkstümlichen Kämpfer für persönliche und politische Freiheit. Herkules bleibt im Gedächtnis haften, weil er eine bestimmte Anzahl Taten zu verrichten hatte - Prüfungen seiner Kraft und seines Mutes. Im altfranzösischen Epos zeichnen sich Roland und Olivier im Tal Ronceval durch ihre ritterliche Tapferkeit und Freundestreue aus. Die Gestalten von Siegfried und Hagen, dem reinen Tor und dem tückischen Bösewicht, gehören in den Umkreis der für deutsches Wesen typischen Nibelungensage. Für das tschechische Volk bezeichnend ist der im schwarzen Turm auf dem Hradschin gefangene Dalibor, den sein Geigenspiel rettet. Keule, Horn, Schwert, Lanze, Fiedel, Armbrust usw. sind stereotype Erkennungszeichen dieser Helden, wie die stereotypen Marterinstrumente, an denen man die heiligen Märtyrer erkennt.
Eigentlich hat nur das französische Nationalbewußtsein das in der Geschichte seltene Glück, daß die archetypische Figur, Jeanne d'Arc, Heldin und Erretterin des Vaterlandes, historisch bezeugt ist und «wirklich» war. Mythos und Historie sind identisch. Das ist ungewöhnlich und seltsam, denn hier hat eine historische Persönlichkeit tatsächlich die paar eingängigen und bildhaften Taten verrichtet, die einfach genug sind, um im Gedächtnis des Volkes haftenzubleiben: die Entsetzung von Orléans, die Krönung des Königs in Reims und der Scheiterhaufen in Rouen. Umgekehrt als bei der Tellensage in der Schweiz ist es in Frankreich vorgekommen, daß der Versuch einer Leugnung der Historizität der Jeanne nicht gelungen ist (Leugnung aus rationalistischen, antiklerikalen, antimonarchistischen u. a. Gründen); denn die authentischen Quellen, welche die Geschichte und das Martyrium des Mädchens von Domrémy erzählen, sind so zahlreich und sie sind so sicher beglaubigt, daß niemand diese Gestalt aus der «Geschichte» streichen kann. Dem Papst blieb es vorbehalten, das Wunderbare im Leben der historischen Heldin, die der Bischof Cauchon auf den Scheiterhaufen gebracht hatte, durch ihre Heiligsprechung theologisch zu beglaubigen - und Bernhard Shaw brauchte bloß die aufschlußreichen Prozeßakten zu verwenden, um aus dem bitteren Ende der Johanna ein wirkungsvolles Theaterstück zu machen ...
Übrigens haben wir in der Schweizer Geschichte ein echtes, wenngleich schlichteres Gegenstück zur Jeanne d'Arc: den ebenfalls historischen Bruder Klaus - Niklaus von der Flüe. Wir besitzen eine große Zahl zeitgenössischer Berichte von Leuten, die den Einsiedler im Ranft besucht haben. Er hatte in seinen jüngeren Jahren aktiven Anteil an der Politik genommen, ehe ihn sein Mystizismus bewog, der Welt abzuschwören und das kontemplative Leben eines asketischen Gottesmannes zu führen. Im Jahre 1478 - genau in der Zeit, da die ältesten Chroniken und Lieder von Tell und von der Bundesgründung bekanntwurden - begann sein vermittelndes und friedenstiftendes Wirken unter den Eidgenossen. Sein Einfluß hat 1481, als die Tagsatzung in Stans stattfand, einen Bürgerkrieg verhindert. Daß die Chronisten und ihre Illustratoren den Einsiedler persönlich an der Tagsatzung erscheinen lassen, zeugt einmal mehr von dem Bedürfnis, die Vorgänge bildhaft anschaulich darzustellen, selbst wenn sie sich in Wirklichkeit abstrakter, durch Beratungen mit dem Einsiedler im Ranft, abgespielt haben. Sie führten zu dem politisch wichtigen Stanser Verkommnis. Auch Bruder Klaus ist kanonisiert worden. Ist er weniger populär als Tell? Zwei typisch schweizerische Haltungen kommen in den beiden Figuren zum Ausdruck: die zu trotziger Abwehr von Tyrannei entschlossene, kämpferische und die vermittelnde, friedfertige, den politischen Kompromiß suchende und herbeiführende. Die für die Landesausstellung 1939 geschriebene Dramatisierung der Geschichte von dem friedenstiftenden «Nicolas de Flüe» von Denis de Rougemont in der Vertonung von Arthur Honegger ist in jenen Tagen des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus nicht populär geworden: sie kam zur Unzeit.
Wenn wir mit Wehrli in Tell ein «archetypisches Muster» zu erkennen glauben, enthebt uns diese Arbeitshypothese nicht der Pflicht, die alte Befreiungsgeschichte wissenschaftlich zu untersuchen. Während eines Gastsemesters des damals jungen Professors Karl Meyer an der Universität Bern nahm ich als Student an einem Seminar teil, an dem er mit beredter Frische und großer Energie Thesen vertrat, mit denen er die sagenhafte Überlieferung von der Entstehung der Eidgenossenschaft in Übereinstimmung zu bringen versuchte mit den Ergebnissen der Quellenkritik. Drei Jahre danach erschien seine «Urschweizer Befreiungstradition» (1927). Karl Meyer erblickte in der chronikalischen Erzählung des Weißen Buchs von Sarnen, die allen späteren Darstellungen zugrunde liegt, die Vorgeschichte des Bundes von Anfang August 1291. «Die Hauptfrage, die sich dabei erhob», sagt Hans Georg Wirz, «war, ob nicht alles, was das Weiße Buch an entscheidenden Vorgängen erzählt, der Niederschlag einer Überlieferung sei, die ihren festen Kern und Sinn viel weniger dem Volksmund als einer älteren Feder zu verdanken habe, die selbst wieder aus schriftlichen Quellen, so aus verlorenen Prozeßakten und Schiedssprüchen, geschöpft haben könnte.» Karl Meyer forschte nach historischen Wurzeln der durch das Weiße Buch überlieferten Geschichten, und er neigte dazu, in ihnen die zu einer erzählerischen Einheit gewordene Verbindung verschiedener Elemente aus verschiedenen Epochen zu erkennen. Tell war dann nicht mehr - wie bisher - ein Fremdkörper, der störend in die planmäßige Vorbereitung des Aufstandes gegen das Vögte-Regiment eingriff (wie in der Chronik des Ägidius Tschudi), sondern eine überragende Persönlichkeit, die eine an ihr verübte Missetat durch ihr Attentat in der Hohlen Gasse rächte. Werner Stauffacher in seinem Steinhaus in Steinen war nun kein anderer als der Landammann, der zur Zeit König Rudolfs lebte und dessen Söhne bei Morgarten kämpften. Den sagenhaften Vogt Geßler glaubte Meyer in dem Ritter Konrad von Tilndorf wiederzuerkennen, der uns bis 1290 als Vogt von Kiburg begegnet und hernach nicht mehr vorkommt. Auf einmal schien sich vor unseren staunenden Augen die Einheit der Überlieferung, wie sie das Weiße Buch berichtet, in ihren wesentlichen Elementen und in monumentaler Größe zu bewahrheiten. Karl Meyer hat seine mit einem enormen Wissen, einer profunden Kenntnis des Quellenmaterials und einer verblüffenden Kombinationsgabe aufgebaute These - oder Hypothese - in seinem zum 650. Jubiläum des Bundesbriefes von 1291 geschriebenen Buch «Der Ursprung der Eidgenossenschaft» endgültig niedergelegt (1941). Es bildet einen eigentümlichen Kontrast zu dem leidenschaftslosen, wohl auch phantasielosen, aber einer redlichen und verständigen Gewissenhaftigkeit verpflichteten Buch, das Wilhelm Öchsli im Auftrag des Bundesrates zum 600-jährigen Bestehen der Eidgenossenschaft 1891 veröffentlicht hat; Öchslis «Die Anfänge der Schweizerischen Eidgenossenschaft» faßte die Forschung von Jahrzehnten zusammen.
Nun hat die Forschung seit Öchsli weitergearbeitet; wir wissen heute mehr, unsere Optik hat sich erweitert. Aber hat der kräftige Impuls, den Karl Meyer der Forschung gab und dessen Ergebnisse in dem Quellenwerk zur Entstehung der Eidgenossenschaft und in anderen Publikationen vorliegen, seine kühn kombinierenden Auffassungen bestätigt? Ich denke: nein, und folge darin denen, die die Botschaft wohl hörten, denen aber der Glaube fehlte. Unsere damaligen Lehrmeister, ein Albert Brackmann, ein Hans Nabholz, ein Richard Feller, meldeten ihre begründeten Bedenken an.
Heute, da das Fieber des politisch-ideologischen Widerstandes gegen eine verschwundene Bedrohung aus dem Norden gefallen ist, kann über diese Fragen gleichmütiger gesprochen werden.
Karl Meyer hatte große Eigenschaften und als wortgewaltiger Redner Überzeugungskraft für solche, denen die Rückgewinnung der Geschichtlichkeit der Befreiungssage am Herzen lag; aber es mangelte ihm an Bescheidenheit im Bau von Hypothesen, an der Besonnenheit des Gelehrten, der zwischen Gesichertem und Ungesichertem, zwischen Möglichem und Unmöglichem unterscheidet. Er besaß nicht die Vorsicht, die sich weigert, aus Mutmaßungen und aus der Kombination von verschiedenen vermuteten Möglichkeiten Thesen zu konstruieren, die mit einem Gedankensprung aus Nicht-Erkennbarem eine wissenschaftliche Erkenntnis ableiten. Ich tue dem ehemaligen Lehrer und Kollegen nicht unrecht, wenn ich aus persönlicher Kenntnis, bei aufrichtiger Anerkennung seines geistigen Formates und seiner Verdienste, dafür Zeugnis ablege, daß Karl Meyer nicht ein Mann des Dialogs und der unvoreingenommenen Auseinandersetzung, sondern des Monologs, der mitreißenden Beredsamkeit, der leidenschaftlichen Verteidigung seiner Überzeugungen war. Er war vor allem eine Kämpfernatur. Seine Rekonstruktion der Befreiungstradition war steil und gewagt, aber die Stimmung im Lande kam ihr entgegen; die Beschäftigung mit vaterländischer Geschichte drohte in eine Strömung zu geraten, die sie vom Wege der methodisch gesicherten Beweisführung ablenkte. Das politische Klima war emotionell geladen und verwechselte Geschichte mit nationalen Wunschvorstellungen - nicht nur in der Schweiz. Echter Widerstandsgeist schien denn auch immer nachdrücklicher zu gebieten, daß man an Tell und das Rütli glaube: Der Mythos gewann Macht über die Gemüter.
Der besonnene und kluge Hans Nabholz, Meyers Kollege an der Universität Zürich und lange Jahre Präsident der Schweizerischen Geschichtsforschenden Gesellschaft, hatte in seiner Darstellung des Ursprungs der Eidgenossenschaft auf die von Kopp ausgehenden und ein Jahrhundert lang weitergebildeten quellenkritischen Forschungsergebnisse abgestellt (1930). Die chronikalische Überlieferung ließ er als poetischen Ausdruck der Freiheitsidee gelten. Die heutige Forschung dürfte - mit Ausnahme von Außenseitern, die neue, von Karl Meyer abweichende Hypothesen aufgestellt haben - kaum mehr die Auffassung teilen, daß die in Schillers Drama gipfelnden Geschichten historisch beglaubigt werden können. Ihrer lebendigen Schönheit, ihrer runden Geschlossenheit, ihrer Wirkung auf Seele und Geist tut dies keinen Abbruch. Der Mythos von Tell wirft jedoch die Frage nach dem Sinn und Symbolwert dieser Figur auf. Max Wehrli sagt dazu: «Abschließend ist überhaupt als unbestrittenes Ergebnis festzuhalten: Die literarhistorische, die politische und die volkskundliche Forschung treffen sich in der Einsicht, daß der ungeheure Erfolg, die mächtige Funktion der Tellengeschichte nicht zufällig ist, sondern ein Phänomen großer Ursprünglichkeit und Notwendigkeit darstellt. Es ist, auch als 'Dichtung', insofern bedeutungsvoller und wirklicher als ein zufälliges historisches Faktum» (NZZ, 21.Oktober 1962, Nr.4060). - Eine letzte Bemerkung zum Verhältnis von Geschichte und Dichtung: Es ist wohl ein hochgegriffener, aber wesensmäßig statthafter Vergleich, wenn man an Homers Trojanischen Krieg und an die Odyssee erinnert; was hat mehr Wirkung auf die Einbildungskraft und Frühkultur der Griechen ausgeübt, ihre Sagen und Mythen, ihre Gesänge und Tragödien oder die Episoden ihrer Stadtgeschichten mit ihren inneren Streitsachen und äußeren Kämpfen? Daß dann bei der Entwicklung zu einer rational begründeten Zivilisation der authentische Bericht und die kritische Geschichtsschreibung die Oberhand gewannen, war spätestens seit Thukydides auch in Athen der Fall.
Man ist sich einig, daß die Geschichte vom Meisterschützen, der seinem Kind einen Apfel vom Haupte schießen muß und sich an dem bösgesinnten Tyrannen, der ihm dies befahl, rächt, nordischen Ursprungs ist. Im Quellenwerk hat Helmut de Boor «Die nordischen, englischen und deutschen Darstellungen des Apfelschußmotivs » mit Texten und einer Abhandlung veröffentlicht (1947). Saxo Grammaticus hat in seinen «Taten der Dänen, X. Buch» (um 1200) eine aus Norwegen stammende Erzählung auf den dänischen Helden Toko übertragen. Toko hatte geprahlt, er könne einen Apfel von einem Pfahl schießen; der König befahl, anstatt des Pfahls das Kind des Schützen unter den Apfel zu stellen: «Und wenn der Urheber jenes Rühmens den Apfel nicht beim ersten Versuch heruntergeschossen hätte, sollte er mit seinem eigenen Haupte für sein Prahlen büßen», heißt es bei Saxo. Und weiter, nachdem diese Prüfung gut ausgegangen ist: «Auf die Frage des Königs aber, warum er denn dem Köcher mehrere Pfeile entnommen habe, wo er doch das Glück nur einmal mit dem Bogen hätte versuchen dürfen, erwiderte Toko: 'Um an dir das Abirren des ersten mit der Spitze des andern zu rächen, auf daß nicht meine Unschuld Strafe, deine Unbill Straflosigkeit fände.'» De Boor erbringt auch den Nachweis, «daß der Norden die endgültige Abrechnung des Schützen mit dem Herrscher, also die 'Hohle Gasse', gekannt hat». Der König geriet in dichtere Teile des Waldes: «Und als er sich dort, um seinen Leib zu entleeren, niederließ, erhielt er von Toko, der nach Rache für seine Verunglimpfung dürstete, eine Wunde mit dem Pfeil.» Der todwunde König verschied. Die Geschichte vom Meisterschützen hatte Saxo aus der norwegischen Heming-Erzählung bezogen. Auch die Version, nach der Toko eine zweite Geschicklichkeitsprobe bestehen mußte, indem ihm der König eine gefährliche Skiabfahrt befahl, aus der er sich retten konnte, stammt aus Norwegen. Die Ähnlichkeit mit der Tell-Geschichte ist auffallend; die Todesdrohung, wenn der Apfelschuß nicht gelänge, der zweite Pfeil, der im Falle des Mißlingens dem grausamen Herrn gegolten hätte, selbst die zweite Erprobung - bei Tell die Errettung des Vogtes und seiner Leute aus dem Sturm auf dem See - und endlich die Rache am Tyrannen: die Motivkette ist vollständig.
Die verschiedenen Varianten, die die norwegischen, dänischen, isländischen, färöischen und englischen Geschichten vom Meisterschützen aufweisen, brauchen uns hier nicht zu beschäftigen. Aber es gibt Abweichungen von der innerschweizerischen Tell-Geschichte: Toko stellt seinen Knaben mit abgewandtem Gesicht auf, damit ihn «das Zischen des herannahenden Geschosses» nicht erschrecke - ein Motiv, das in der englischen Ballade von William of Cloudesly (Druck von 1536) wiederkehrt. Das Motiv des Prahlens des Meisterschützen mit seiner Geschicklichkeit fehlt in der innerschweizerischen Tradition ganz. Aber parallel zu dieser steht bei Toko die Ermahnung des Vaters an den Sohn. In der norwegischen Geschichte von Eindridi Breitferse sagt dieser zum König: «Wenn du den Knaben tötest, werde ich es rächen.» In dieser Stoffgeschichte ist der Apfel das älteste Ziel; aber in späteren Varianten muß der Schütze eine Nuß und gar einen Brettspielstein vom Haupte des Kindes schießen (das bei anderen Autoren der junge Bruder oder der Schwestersohn des Schützen ist). Wettschießen und Geschicklichkeitsproben kommen in den englischen Balladen vom Robin-Hood-Typus häufig vor; an der Ballade von William of Cloudesly fällt auf, daß dem Schützen genau die gleiche Distanz anbefohlen wird wie im Tellenlied und daß er Wilhelm heißt - vielleicht ein Zufall.
Die nordische Überlieferungsgruppe, die ins 12. Jahrhundert zurückreicht, ist in Norwegen auf dem geschichtlichen Hintergrund der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen dem zentralisierenden Königtum und dem freien Bauerntum, das in Twingverbänden und Talschaften organisiert war, entstanden. Ähnlich wie in der Urschweiz sind diese Sagen anderthalb bis zwei Jahrhunderte nach den geschichtlichen Kämpfen, an die sie erinnern, ans Licht getreten. Aber umgekehrt als in der alten Eidgenossenschaft sind nicht die freien Landleute, sondern ist die königliche Territorialherrschaft in Norwegen und Dänemark siegreich aus dem Kampf hervorgegangen. De Boor findet den Wurzelboden der nordischen Apfelschußgeschichte in der Tradition der unterlegenen bäuerlichen Partei, in einer Gemeinschaft also, die ihr Eigenleben verteidigt hatte.
Das Motiv vom Apfelschuß ist in Deutschland und in der Urschweiz viel später, im Laufe des 15. Jahrhunderts, bekanntgeworden. Denn außer dem Urner Tell gibt es auch die Sage vom Bauernführer Henning Wulff aus dem Dithmarschen, wo sich freie Bauern gegen die Ansprüche des Königs von Dänemark zur Wehr setzten, und die rheinländische Geschichte vom Freischützen Punker, die im «Malleus maleficarum» erzählt wird. De Boor nennt die Erzählung vom Apfelschuß eine « symbolische Konzentration geschichtlichen Zusammenstoßes ... Darum wurde die schweizerische Tellensage die lebendigste aller Apfelschußerzählungen: Sie wächst am festesten auf dem geschichtlichen Boden der Auseinandersetzung zwischen Bauernfreiheit und Landesherrentum. Und sie wächst an einer Stelle groß, wo - im Gegensatz zu Norwegen wie zu Dithmarschen - die Bauernfreiheit Sieger blieb. Das gibt ihr den Lebensatem bis in die Gegenwart.»
Es ist eine gelehrte Streitfrage, auf welchen Wegen das Motiv vom Apfelschuß von Norden nach Süden gewandert sein mag. Wo kein handgreiflicher Beweis vorliegt, sind die Hypothesen und Vermutungen am häufigsten. Nun ist aber bekannt, daß wandernde Spielleute und Sänger im Mittelalter auf Straßen und Plätzen ihre Sprüche und Geschichten vortrugen; sie kamen in Europa weit herum; Joseph Bedier hat in seinem Werk «Les legendes epiques» gezeigt, wie die Sagenstoffe der altfranzösischen Heldenepen auf den europäischen Pilgerstraßen vorgetragen und verbreitet wurden. Es ist auch nicht ganz richtig, wenn man, wie es geschehen ist, sagt, die Beziehungen seien nur von Süden nach Norden, nicht umgekehrt verlaufen. Wikingische und normannische Architektur, Kunst und Ornamente sind nachweislich von Norwegen bis Frankreich und Sizilien verpflanzt worden. De Boor weist darauf hin, daß das «Compendium Saxonis» von 1340, das die Toko-Geschichte enthält, in volkssprachlichen Versionen popularisiert wurde. Andere verweisen auf das Konzil zu Basel von 1434, an dem skandinavische Bischöfe und Kleriker eine Rolle spielten; man kann auch an Rom-Pilger denken, die über den Gotthard zogen, usw. Die grundsätzliche Möglichkeit, daß die Apfelschußgeschichte in Form von - damals beliebten - Verserzählungen gewandert ist, wird von de Boor zugegeben. Beides, gelehrte und volkstümliche Übermittlung, ist denkbar. Entscheidend ist nur, daß der Samen auf fruchtbaren Boden fällt. Für Wehrli ist «die Tellengeschichte eine in Uri im Lauf des 15. Jahrhunderts lokalisierte fremde Meisterschützensage»; Weg und Form ihrer Übermittlung seien unklar.
Nun war aber seit der Mitte des 15. Jahrhunderts im Gebiet der schweizerischen Alpenlandschaft ein lebhaftes Interesse für den Norden wachgeworden. Dafür zeugt der berühmte Traktat vom «Herkommen der Schwyzer und Oberhasler» (für das Quellenwerk bearbeitet von Albert Bruckner 1961). In dieser phantastischen Geschichtsklitterung wird die Einwanderung nordischer Völkerschaften in die Innerschweiz ausführlich dargestellt. Die Schwyzer sollen von eingewanderten Schweden abstammen - die etymologische Gleichsetzung Suicia = Suecia sollte Beweiskraft haben. Auch das Weiße Buch von Sarnen berichtet von diesem Ursprung der Schwyzer; die Unterwaldner läßt es von den Römern abstammen. Bei Etterlin (1507) und im Tell-Spiel (1512/ 13) sind die Urner Ostgoten und Hunnen, die aus Italien kamen. Am Konzil von Basel verlangte der schwedische Bischof Ragvaldi eine Vorzugsstellung, indem er geltend machte, sein Volk, die Goten, hätten zur Zeit Theoderichs die Römer unterworfen und ihr Erbe in Europa angetreten. Das humanistische 16. Jahrhundert setzte die romantische Schwärmerei für alles Nordische und Germanische fort; die Dänen-Chronik des Saxo ist 1514 im Druck erschienen, was dem Basler Humanisten und Mediziner Pantaleon (1522 bis 1595) gestattete, wohl als erster Tell mit Toko zu vergleichen. Kurz, die Mythologisierung des eigenen Ursprungs, das Bedürfnis, die Abstammung, die Vornehmheit und auch die Privilegierung seines Volkes oder seiner Familie auf uralten fremden Ursprung zurückzuführen, war seit dem Humanismus ein gebräuchliches Mittel der Selbstbestätigung - und ist es bis zum Ende des 18. Jahrhunderts geblieben.
Freiwaltende Phantasie hat größeren Anteil an dieser Ruhmsucht gehabt als zuverlässige Kunde. Man muß aber bedenken, daß in älterer Zeit Geschichte nicht als kritische Wissenschaft verstanden wurde, sondern die Aufgabe hatte, die Taten der Vorfahren zu rühmen, die Größe des Vaterlandes zu feiern, Begeisterung zu wecken. Überdies hatten die erbaulichen Geschichten, mit denen hierzulande die Legitimität der Freiheit der eidgenössischen Orte seit der Mitte des 15. Jahrhunderts begründet wurde, eine politische Funktion. Der Alte Zürichkrieg hatte einen Zwiespalt geschaffen, die Siege über Herzog Karl den Kühnen von Burgund ließen die Wogen patriotischer Begeisterung hochgehen; aber diese Kämpfe hatten schwere Krisenerscheinungen zur Folge. Die Einigkeit der Eidgenossen drohte in die Brüche zu gehen, und überdies war ihre politische Landeshoheit noch keineswegs unbestritten. Die alten Bünde hatten bestehende Rechte anerkannt, sie waren eingebettet in die feudalen Verhältnisse des Heiligen Römischen Reiches. Es gab außerdem genug österreichische Parteigänger, namentlich in den Städten. Die Abstammungs- und Befreiungserzählungen des Weißen Buches, auf denen die späteren Chronikberichte beruhen, dienten ohne Zweifel dem Bedürfnis, die unter Kämpfen errungene Selbständigkeit der Urschweizer Talschaften zu rechtfertigen. Sie haben die allmähliche Erringung der Reichsunmittelbarkeit der Waldstätte und ihrer Unabhängigkeit vom Hause Habsburg auf einen kurzen, dramatischen Vorgang zusammengedrängt. Das ganze chronikalische Werk des Ägidius Tschudi im 16. Jahrhundert kann auf das politische Bedürfnis zurückgeführt werden, die Legitimität der eidgenössischen Freiheit zu beweisen. Die im 13. und 14. Jahrhundert einsetzende kommunale und bündische Bewegung im Alpen- und Voralpenland - parallel zur innerschweizerischen und, unabhängig von ihr, auch diejenige in Graubünden - war wohl der Ursprung einer späteren Staatlichkeit; aber diese mußte erst noch aus den Eierschalen mittelalterlicher Rechtsverhältnisse und Herrschaftsansprüche schlüpfen, was ein langer Prozeß war. Die Befreiungssage und innerhalb dieser Sage die Gestalt des Tell haben zweifellos dazu beigetragen, das Selbstbewußtsein und Gemeinschaftsgefühl des noch lockeren, von innerem Streit bedrohten Bundes zu stärken. Die zeitliche Nähe der Niederschrift dieser Erzählungen und des Stanser Verkommnisses, durch das die Einigkeit wiederhergestellt wurde, ist bemerkenswert. Die Befreiungssagen aus dem 15. Jahrhundert sind in den urschweizerischen Alpenkantonen und am Vierwaldstättersee beheimatet; im 16. Jahrhundert wird politisch und kulturell auf dem Gebiete der Eidgenossenschaft die Bedeutung der Städte an der Aare, an der Limmat und am Rhein überwiegen.
Bleibt nun noch, die Tell-Geschichte in ihren urschweizerischen Fassungen - in der archaischen, balladenhaften Form des Tellenliedes, in der ausführlicheren und etwas gemilderten des Weißen Buches, in der Dramatisierung des Urner Tellenspiels und in der gelehrten des Ägidius Tschudi - kurz zu charakterisieren.
Max Wehrli hat nachgewiesen, daß die «Tellenstrophen» des Liedes von der Entstehung der Eidgenossenschaft, das aus der Zeit der Burgunderkriege stammt (1477 abgeschlossen), Stücke eines älteren Liedes sind; ihr knapper, dramatischer Bau steht in einem Gegensatz zu den aufzählenden Teilen des übrigen Liedes. Wehrlis Auffassung, sie seien unabhängig vom Weißen Buch entstanden, leuchtet ein. Eine Begründung des Befehls des Landvogtes, Tell müsse dem Knaben einen Apfel vom Haupte schießen, fehlt; er verbindet diesen Befehl mit einer Todesdrohung, wenn der erste Schuß sein Ziel verfehlen würde. Im Lied fehlt auch der Zug der Chronik, daß Tell bei der Frage des Vogtes nach dem zweiten Pfeil zunächst ausweicht und erst Auskunft gibt, nachdem ihm der Vogt sein Leben zugesichert hat. Seine Trutzrede im Lied ist spontan: «Wilhelm Tell der was ein zornig man, / er sah den Landvogt übel an: I Het ich min kind erschossen, / so sag ich dir die warheit guot, / so hat ich das in minem muot, I ich wolt dich ouch han troffen.» Der Landvogt läßt den Tell fesseln und gebietet, man solle ihn in den See werfen. Niemand half ihm. Die Nachgeschichte mit dem Tellensprung aus dem Nachen und mit der Tötung des Vogtes fehlt; wir wissen nicht, ob das Lied sie in einer ursprünglichen Fassung kannte.
«In den späteren Fassungen des Liedes, im Spiel, den Chroniken und erst recht im jüngeren Spiel des Jakob Ruf wird Tell immer frommer und unschuldiger, wogegen der ursprünglich sachliche, ja über den Meisterschuß erfreute Landvogt immer ausfälliger erscheint» (Wehrli). Die Lokalisierung der Geschichte vom Meisterschützen in Uri steht in einem ziemlich lockeren Zusammenhang mit der Befreiungserzählung. Im Lied - wie später im Urner Tellenspiel - ist der Vogt ohne Namen; im Weißen Buch heißt er Geßler, in der Chronik von Etterlin Grisler. Im Lied hat Tell den Vornamen Wilhelm; im Weißen Buch heißt er der Thall oder Tall, ohne Vornamen.
Im Weißen Buch, dessen Entstehung in die Jahre 1470/72 fällt, wird Tell als ein «redlicher», auch als ein vorsichtiger Mann geschildert. Hier wird zum erstenmal der Befehl zum Apfelschuß mit der Verweigerung des Grußes an den auf der Stange aufgepflanzten Hut motiviert. Auf die Frage des Landvogtes, warum er den Hut nicht gegrüßt habe, redet sich Tell darauf heraus, es sei von ungefähr geschehen, er habe nicht gewußt, daß «Seine Gnaden» die Sache «so hoch besehen sollte; denn wäre ich witzig, und ich hieße anders und nicht der Tall» (Anspielung auf Tell = Tor, Tölpel in der Etymologie des Chronisten, der jedoch gerade darin seinen Helden als recht schlau erscheinen läßt). Wie in der nordischen Sage und wie im Lied steckt auch in dieser Version der Schütze einen zweiten Pfeil in sein Göller. Die Frage des Vogtes, «was er damit meine», hätte Tell «gern zum besten verredet. Der Tall, der sorgte sich vor dem Herrn und fürchtete, er werde ihn töten. Der Herr verstand seine Sorge und sprach: 'Sag mir die Wahrheit! Ich will dir dein Leben zusichern und dich nicht töten.' Da sprach der Tall: 'Da Ihr mich gesichert habt, so will ich Euch die Wahrheit sagen, und es ist wahr: Hätte der Schuß gefehlt, daß ich mein Kind erschossen hätte, so wollte ich den Pfeil in Euch oder einen der Euren geschossen haben.' Da sprach der Herr: Nun dann, ist dem also, so ist wahr, daß ich dir versichert habe, daß ich dich nicht töten will', und er hieß ihn binden und sprach, er wolle ihn an einen Ort legen, wo er weder Sonne noch Mond nicht mehr sehen werde.» Es folgt dann die Fahrt auf dem See im Nachen und der Sturm; angesichts der Gefahr, in der der Vogt mit seinen Leuten schwebt, läßt er Tell losbinden, damit er das Steuer ergreifen kann. Bei der «zu Tellen Platte» ergreift Tell sein Schießzeug «und sprang aus dem Nachen auf die Platte und stieß den Nachen von sich und ließ sie schwanken auf dem See». Der Schluß schildert in wenigen Zeilen, wie Tell durch Schwyz bis nach Küßnacht in die Hohle Gasse eilt, wo er den Vogt erwartet: «Und als sie geritten kamen, da stand er hinter einer Staude, und er spannte seine Armbrust und schoß einen Pfeil in den Herrn, und er lief wieder zurück gen Uri, durch die Berge hin.»
Es hat den Erzählern immer eine gewisse Schwierigkeit bereitet, die Tell-Episode mit der Geschichte von der Verschwörung Stauffachers und des Rütlischwurs zu verbinden. Das Weiße Buch sagt eingangs lediglich: «Nun war da ein redlicher Mann, hieß der Thall, der hatte auch zu dem Stauffacher geschworen und zu seinen Gesellen. .. » Aber das Land Uri wird beim Bundesschwur nicht von Tell vertreten, sondern von «einem der Fürsten von Uri».
Die Verschwörung und die Pläne zur Erstürmung der Burgen und zur Vertreibung der Vögte sind in der Überlieferung, wie sie dann von Tschudi in ihre endgültige Form gegossen wurde, Sache der politischen Führer der drei Orte Uri, Schwyz und Unterwalden. Tell ist Held, nicht Politiker; er ist ein Einzelgänger, zwar ein Mitverschworener, aber seine Tat ist individuell, er prellt vor, was seine «Gesellen» denn auch verhindert, ihm zu helfen, wenn er in Altdorf von den Leuten des Vogtes gefesselt wird - denn sie müssen den verabredeten Zeitplan einhalten, wenn der Aufstand gelingen soll. Einzig das Urner Tellenspiel, das in Altdorf 1512 oder 1513 zum erstenmal aufgeführt wurde, läßt Tell als Vertreter von Uri und als Dritten im Bunde mit Stauffacher und Melchtal am Rütli auftreten. Das ist ein dramatischer Kunstgriff eines Autors, der sich auf Bühnenwirksamkeit versteht; er begriff, daß er die Tellengeschichte szenisch mit dem Bundesschwur verknüpfen mußte. Diese Version ist aber vereinzelt, und Schiller, der sein Wissen aus Tschudis Chronik schöpfte und ihr in allen wesentlichen Zügen folgte, hat Tell vom Rütli ferngehalten: er wurde damit dem ursprünglichen Charakter des Helden gerechter, denn ein solcher gehört nicht in eine wohldurchdachte und vorberatene Aktion von Politikern.
Das Urner Tellenspiel (dessen ältester erhaltener Druck von 1544 stammt) ist die originale Schöpfung eines mit den lokalen Traditionen, Chroniken und Gebräuchen vertrauten Verfassers, dessen Name unbekannt ist. Es ist eines der ältesten, wenn nicht das älteste politische Drama in deutscher Sprache. Der Stoff wurzelt in der Urner Tradition der Befreiungssage; als Quellen können das Lied von der Entstehung der Eidgenossenschaft mit seinen Tellenstrophen, insbesondere aber die «Kronika von der loblichen Eidgnoschaft» des Luzerners Petermann Etterlin angenommen werden. Da der Apfelschuß bereits als Strafe für die Verweigerung der Reverenz vor dem Hut gedacht ist, fehlt hier wie im Weißen Buch die im alten Tellenlied erwähnte Todesdrohung des Vogtes. In der mittelalterlich-festspielartigen Form eines epischen Dramas wurde dieses Stück zur Zeit der patriotisch-militärischen Hochstimmung der Mailänder Kriege in Altdorf aufgeführt.
Mit der Heroisierung Tells und der Dämonisierung des Landvogtes wurde diese Geschichte zum schweizerischen Nationalmythos. Daß sie in ihren Urformen alle Eigenschaften einer dichterischen Schöpfung trägt, tut ihrer Wirkung keinen Abbruch - im Gegenteil. Tell wurde im Volksbewußtsein wirklich «der erst Eidgenoß», wie es im Liede heißt. Bei der Verbreitung und Popularisierung seiner Taten spielten Zürcher Humanisten, Reformatoren und Drucker eine große Rolle. Zwingli sagte 1525: «Wilhelm Tell der gotskrefftig held und erster anheber eidgenossischer fryheit ..., ursprung und stiffter einer loblichen Eydgnoschafft. » Es ist bemerkenswert, daß die Glaubensspaltung keinerlei Bruch in der gemeinsamen Liebe zu der Befreiungstradition herbeigeführt hat. Sie wird vom reformierten Zürcher Chronisten Johannes Stumpf nicht weniger pietätvoll überliefert (1548) als von katholischen Autoren der Innerschweiz. Darin, in dieser gemeinsamen Verehrung einer geglaubten Gründungsgeschichte, liegt, wie mir scheint, die Bedeutung und der Wert des nationalen Mythos.
Da das allgemein bekannte Bild von der Entstehung der Eidgenossenschaft von Ägidius Tschudi stammt, dessen Darstellung Johannes von Müller und Friedrich Schiller als Vorlage diente, sei abschließend von seinem berühmten «Chronicon Helveticum» kurz die Rede. Tschudis Erzählung der Befreiungssage bietet stofflich nichts Neues. Die Urschriftbände dieser Chronik (1. Ergänzungsband, von 1200 bis 1315, mit einer Einleitung von Bernhard Stettler, 1970) sind in den 1550er Jahren entstanden. Die Überlieferung des 15. Jahrhunderts, in der manche Aussagen über örtliche, zeitliche und persönliche Verhältnisse unbestimmt bleiben, versuchte Tschudi unter Benützung vieler Urkunden historisch zu befestigen. Sagenhafte Gestalten bringt er mit historischen Persönlichkeiten in Verbindung oder identifiziert sie mit solchen. Der Landvogt wird als Mitglied der aargauischen Ministerialenfamilie Geßler verstanden. In Sprache und Komposition ist diese Chronik ein Meisterwerk; dank seiner Kombinationsgabe bietet Tschudi eine sozusagen fugenlose Darstellung des historischen Ablaufs. So wie die französischen Humanisten für Frankreich die Wiederherstellung des antiken Galliens postulierten, war in seinen Augen die Wiederherstellung und Erneuerung des antiken Helvetiens die eigentliche Rechtfertigung der Entstehung der eidgenössischen Bünde. Man kann aber von einem in mittelalterlichen Gedankengängen lebenden und erzählenden Chronisten nicht erwarten, daß er die überlieferte Befreiungsgeschichte in Frage stellte; sie war einfach verbindlich. Als konservatives und rechtlich denkendes Mitglied einer politisch führenden Familie aus Glarus wollte Tschudi jedoch zeigen, daß der Dreimännerbund auf dem Rütli unter Wahrung aller Rechte von Reich, Kirche und Adel geschlossen worden war. In einem Passus, den er nicht in die Reinschrift übernommen hat, hebt er hervor, daß dieses Bündnis «einen ehrlichen Ursprung (hatte) und nicht von unruhigen Rottierungen entsprungen (ist), da sie (die Bundesgründer) nicht begehrten, jemanden des Seinen zu berauben, sondern sich selbst bei Recht zu schirmen und ihre Freiheiten zu handhaben». Und buchstäblich: «Also ward dise obgemelte püntnus von den genanten drijen tapfern personen in dem Land Uri von erst gemacht und gesworn, davon die Eidtgnoschafft und das Land Helvetia (jetz Switzerland genant) wider in sin uralten stand und frijheit gebracht worden.»
Als der Basler Iselin im 18. Jahrhundert Tschudis Chronik im Druck herausgab, betonte auch er, es sei ein falsches Vorurteil, wenn man sage, die Eidgenossenschaft sei «aus einer unrechtmäßigen Abwerfung von der natürlichen Obrigkeit entsprossen». Tschudi selber verwahrte sich gegen Vorwürfe von österreichtreuen Publizisten des 16. Jahrhunderts, die Eidgenossenschaft sei durch Rebellion entstanden. Er betrachtete das Vorgehen der Häupter des Dreiländerbundes als einen Akt der Notwehr, der ohne unnötige Gewalttätigkeit vor sich gegangen sei. Aus dem-ursprünglich zweifellos konspirativen - Befreiungskampf ist in seiner Darstellung ein geregeltes Vorgehen geworden. Dennoch bleibt er den stereotypen Bildern des Sagenstoffes verhaftet, obgleich seine Urkundenkenntnis ihm manche Schwierigkeiten bereitete, wenn er die authentischen Fakten mit dem Überlieferten zu kombinieren unternahm. Er kam zu dem Schluß, das Befreiungsgeschehen habe Ende 1307 seinen Anfang genommen und der Burgenbruch habe am Neujahrstag 1308 stattgefunden.
Aus Stettlers Edition und Kommentar der Urschrift geht hervor, daß die Tell-Episode Tschudi Kopfzerbrechen bereitete. Wie sollte er sie einordnen? Und was war das für ein Mann? Er erblickt im Meisterschützen keineswegs den «ersten Eidgenossen», und der Tyrannenmord ist für ihn nicht die erste Befreiungstat. Tell gehört zwar zu den «puntzgenossen», aber das entscheidende Ereignis ist der heimliche Bund zwischen «Walther Fürst von Uri, Wernher von Stouffach von Schwitz und Arnold von Melchtal von Underwalden». Tschudis Urschrift betrachtet nach Stettler «Tells Verhalten als das nicht unbedenkliche Vorgehen eines Einzelnen vor dem festgelegten Zeitpunkt», wofür der Chronist den Helden rügt; denn es gefährdet das abgesprochene Vorgehen der Bundesgenossen. Stettler zeigt, wie sich in Tschudis Auffassung «Tyrannenmord aus dem Hinterhalt und rechtmäßige Notwehr» schlecht vertragen; Tells Handlungsweise «wird zu einem Zwischenfall, der das legitime Vorgehen von besonnenen Bundesgenossen glücklicherweise nicht in Frage zu stellen vermochte ... Nicht Tyrannenmord, sondern ein rechtmäßiger Bund zur Notwehr sollte die Entstehung der Eidgenossenschaft konstituieren.» Der Herausgeber der Urschrift des «Chronicon Helveticum» kommt zum Schluß: «Tschudi ist kein Sänger Tells.»
Es gehört zur Problematik der Tell-Geschichte, daß sie für ein konservatives Denken - ein «ehrbares», wie man zu Tschudis Zeit sagte - etwas Anstößiges hatte. Man behalf sich unter anderem damit, den Charakter Tells zu verharmlosen und zu verbürgerlichen. Aber ist er nun ein Rebell, oder ist er ein Biedermann, ein «zorniger» oder ein «redlicher» Mann? In der Überlieferung schwankt Tells Charakterbild. Die Schweizer haben nebeneinander eine heroische und eine achtbare Vergangenheit; sie haben viel Gebrauch von Gewalt gemacht, aber bürgerliche Politik und Rechtsbewußtsein verdammten die Anwendung von Gewalt. Ein gewisser schamhafter Zug zur Verharmlosung der Schweizer Geschichte ist seit Tschudi ein ständiges Merkmal nationaler Geschichts- und Schulbücher gewesen. Aber der Mythos von Tell? Was war denn dieser Mann, der dem Vogte trotzt, der ihm eine zornige Antwort erteilt und ihn zu guter Letzt im Waldesdickicht erschießt?
Indem man die Figur und die Taten Tells immer von neuem feierte und mit dem Armbrustschützen einen Kult trieb, hat man ihn auch Anfechtungen ausgesetzt. Allein, die Anfechtung gehört zu Tell: Anfechtung seiner geschichtlichen Existenz, Anfechtung seiner Rolle innerhalb des sagenhaften Befreiungsgeschehens, Anfechtung seines ursprünglichen Charakters eines zornigen Rebellen, endlich Anfechtung seiner Tat in der Hohlen Gasse. Aber Tells Figur bleibt im Gedächtnis haften, weil sie schlicht und einfach zu einem einprägsamen Symbol von Volksfreiheit geworden ist.
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