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Autor: Schwarz, Jürgen.

Titel: Schiller auf der Karlsschule in Stuttgart (1773-1780).

Quelle: Jürgen Schwarz: Schiller kennen lernen. Lichtenau 2004. S. 6-9.

Verlag: AOL Verlag Frohmut Menze GmbH.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



Jürgen Schwarz

Schiller auf der Karlsschule in Stuttgart (1773-1780)

Auf der Karlsschule, die, 1770 als Militärwaisenhaus gegründet, 1773 zur Herzoglichen Militärakademie umgebildet wurde und zunächst in der Solitude, einem von 1764-69 erbauten Lustschloss westlich von Stuttgart, untergebracht war, lernte Schiller acht Jahre in strengster Abgeschiedenheit und unter militärischem Drill.



Karlsschule

Es gab kaum einen freien Tag, keine Schulferien und keinen Urlaub, nicht einmal zur Beerdigung der eigenen Eltern. Der ganze Schultag war bis ins Letzte eingeteilt. Der Herzog betrachtete die Schüler als „seine Söhne” und erwartete für seine angeblichen Wohltaten Ehrfurcht und Dankbarkeit. Kleinste Vergehen wurden durch Rutenhiebe, Stockschläge oder Essensentzug streng bestraft.

Der Tagesablauf in der Karlsschule

5 Uhr
(im Winter: 6 Uhr)

  • Wecken

  • Aufstehen

  • Waschen

  • Ankleiden

  • Frisieren des Zopfes

6 Uhr
(im Winter: 7 Uhr)

  • Frühappell

  • Morgengebet

  • Frühstück (gebrannte Mehlsuppe)

7 Uhr - 11 Uhr
(im Winter: 8 Uhr - 11 Uhr)

  • Unterricht

11 Uhr

  • Putz- und Flickstunde für die Uniform

  • Anlegen des Paradeanzuges (blauer Rock mit schwarzen Aufschlägen, weiße Weste und Hose, Stulpenstiefel und Degen, Dreispitz mit Borten und Federbusch)

12 Uhr

  • Mittagsappell

  • Entgegennahme von Strafbillets durch den Herzog

  • Mittagessen (schweigend)

13 Uhr

  • Spaziergang oder Exerzieren in der Halle (je nach Wetterlage)

14 Uhr - 18 Uhr

  • Unterricht

18 Uhr

  • Erholungsstunde

19 Uhr

  • Abendessen

  • Selbststudium

21 Uhr

  • Nachtruhe



Beim jährlichen Stiftungsfest der Akademie ließ sich der Herzog in Theaterspielen huldigen, verteilte Orden und Ehrenzeichen und reichte den erfolgreichsten adeligen Schülern gnädig seine Hand zum Kuss. Bürgerliche Schüler durften ihm bestenfalls den Rockschoß küssen.

Der verschüchterte Schiller stand unter enormem Druck. Er war im ersten Jahr ein mittelmäßiger Schüler, ließ im zweiten Jahr bereits enorm nach, nicht zuletzt auch deshalb, weil er häufig krank war, manchmal bis zu fünf Wochen. Im dritten Jahr war er der schlechteste Schüler, wohl nicht aus Dummheit, sondern wegen der instinktiven Abwehr eines Systems, das Menschen verachtete und Schüler sogar dazu anhielt, sich selbst schriftlich zu beurteilen.

Wie unterwürfig Schiller in der damaligen Zeit war, lässt sich aus seiner Selbsteinschätzung entnehmen:

Beurteilen Sie mich, Durchlauchtigster Herzog, nach den Regeln der Religion. Sie werden mich öfter übereilend, öfter leichtsinnig finden. Sehen Sie mich, Durchlauchtigster Herzog, in der Mitte meiner Brüder, forschen Sie von ihnen selbst, wie ich mich bisher gegen dieselben aufgeführt habe. Sie werden mich eigensinnig, hitzig, ungeduldig hören müssen, doch werden dieselben Ihnen auch meine Aufrichtigkeit, meine Treue, mein gutes Herz rühmen. Aber die schönen Gaben, die ich habe, habe ich bisher nicht so angewendet, als es mir meine Pflichten auferlegt haben. Nun sehe ich mich von der Unzufriedenheit gedrückt, die ich verdiene, allein ich kann doch einigermaßen Entschuldigung finden; dann wann der Körper leidet, so leiden auch mit ihm die Kräfte der Seele, und der Wille wird durch die Leibesschwachheiten öfters gehindert, in Erfüllung zu gehen. Ebenso habe ich die Reinlichkeit am Körper bisher nicht so beobachtet, als es meine Schuldigkeit gewesen. Aber verzeihen Sie mir, Durchlauchtigster Herzog, diese Fehler, denken Sie an die Gnade zurück, die meine Eltern und ich selbst aus Ihrer Hand empfangen haben.

Als die Akademie 1775 nach Stuttgart verlegt wurde, kam Schiller zum Entsetzen seines Vaters in die neu eingerichtete medizinische Fakultät. Das erschien aber Schiller nach anfänglichem Sträuben wie eine Erlösung. Sein Wesen wandelte sich. Er verbarg den Hass in seinem Inneren und gab sich nach außen in gewitzter Geschmeidigkeit heiter und verbindlich. Die Krankheitsanfälle ließen nach. Er wurde ein guter Schüler, der aber meist andere Dinge als die Anatomie (= Lehre von Form und Körperbau der Lebewesen) im Kopf hatte. Er begann zu dichten, im Glauben an einen höchsten Gott, der die Tyrannen der Menschheit eines Tages zur Rechenschaft ziehen würde. Von dem noch jungen Lehrer Jakob Friedrich von Abel (1751-1829) hörte er den Namen W. Shakespeare (1564-1616) und stürzte sich auf dessen Dramen. Um Schiller sammelte sich ein Kreis Gleichgesinnter, die alles lasen, was ihnen an Literatur der Sturm und Drang-Zeit unter die Finger kam, obwohl Privatlektüre verboten war: Chr. M. Wieland (1733-1813), J. W. Goethe (1749-1832), Fr. M. von Klinger (1752-1831), Ossian, E. Young (1683-1765), G. A. Bürger (1747-1794).

Der Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791), der zehn Jahre (1777-87) auf der Festung Hohenasperg eingekerkert war, lieferte Schiller den Stoff für sein erstes Drama „Die Räuber”, den Konflikt zweier ungleicher Brüder. Die Arbeit an diesem Stoff muss für Schiller wie eine Offenbarung gewesen sein. In fieberhafter Eile, oft auch nachts, unter Zuhilfenahme von Schnupftabak und Wein, schrieb er beim Schein geschmuggelter Kerzen sein Drama.

Als Schiller 1779 seine medizinische Prüfungsarbeit über die „Philosophie der Physiologie” vorlegte, wurde sie als nicht druckreif zurückgewiesen. Schiller musste ein Jahr weiter studieren. Es war das Jahr, in dem Schiller zum ersten Mal auch Goethe sah, der zu den Stiftungs-Feierlichkeiten der Schule nach Stuttgart gekommen war. Ende 1780 wurde Schiller aus der Akademie entlassen. Er hatte zwei weitere Prüfungsarbeiten vorgelegt, eine medizinische und eine philosophische. Letztere trug den Titel: „Versuch über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen”, war aber nicht mehr als die geschickte Zusammenstellung der bis dahin gesicherten Forschungsergebnisse über die wechselseitige Abhängigkeit von Geist und Seele. Beim mündlichen Schlussexamen war auch Schillers späterer Freund, der Musiker Johann Andreas Streicher (1761-1833), anwesend, der an Schiller dessen unerschrockene Miene und sein stolz blickendes Auge bemerkte.



Schiller als Karlsschüler



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