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Autor: Spanhel, Dieter.
Titel: Chancen und Barrieren einer Kooperation von Jugendmedienarbeit und Schule aus pädagogischer Sicht.
Quelle: Ida Pöttinger, Wolfgang Schill, Günter Thiele (Hrsg.): Medienbildung im Doppelpack. Wie Schule und Jugendhilfe einander ergänzen können. Bielefeld 2004. S. 26-38.
Verlag: Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Dieter Spanhel
Chancen und Barrieren einer Kooperation von Jugendmedienarbeit und Schule aus pädagogischer Sicht
Die Diskussion um eine Vermittlung von Medienkompetenz an die Heranwachsenden wurde in den Bereichen Schule und Jugendarbeit jahrelang getrennt geführt (SCHELL/STOLZENBURG/THEUNERT 1999). Die Idee einer Kooperation von Jugendmedienarbeit und Schule wirft daher zunächst einige Fragen auf.
Was sind die Umstände oder Beweggründe für diese Idee?
Von wem geht die Initiative für eine solche Kooperation aus?
Welche Ziele, Erwartungen, Hoffnungen werden damit verbunden? Wer hat ein besonderes Interesse daran?
An welchen Lernorten und in welchen Arbeitsformen ist eine solche Kooperation denkbar?
Wie ließen sich vorhandene Barrieren überwinden?
Während der Fachtagung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Zusammenarbeit mit der GMK am 20.02.2004 in Berlin zum Thema „Jugendmedienarbeit kooperiert mit Schule“ wurden diese Fragen kaum gestellt und es wurde ihnen schon gar nicht systematisch nachgegangen. So fehlte ein Bezugsrahmen, um den vorgestellten und teilweise sehr gut gelungenen Praxisprojekten einen je spezifischen Stellenwert zuzuweisen. Was sollte an den Praxisbeispielen gezeigt werden? Wofür sollten sie stehen?
Ich habe über viele Jahre hinweg Sozialpädagogen ausgebildet und arbeite nun seit langer Zeit in der Lehrerausbildung. Ich kenne die gegenseitigen Vorbehalte der beiden Berufsgruppen. Hinzu kommt, dass bei einer Kooperation zwischen Jugendarbeit und Schule zwei sehr ungleiche Partner aufeinander treffen:
Auf der einen Seite die Zwangsinstitution Schule mit starren organisatorischen Regelungen, mit dem Druck von verbindlichen Lerninhalten und -zielen und dem alles dominierenden Leistungsprinzip.
Auf der anderen Seite die Jugendmedienarbeit, ein relativ offenes Arbeitsfeld, in dem alle pädagogischen Maßnahmen auf Freiwilligkeit beruhen und sich an den Bedürfnissen und Interessen der Kinder und Jugendlichen orientieren müssen (SCHELL 1993).
Es müssen also starke Kräfte im Spiel sein, die dazu führen, dass so ungleiche Partner eine Kooperation nicht nur anstreben, sondern auch wirklich praktizieren. Welche Faktoren, Notwendigkeiten oder gar Zwänge sind da am Werke?
Die Beispiele aus der Praxis zeigen, dass der Anstoß für Kooperationen häufig von der Jugendmedienarbeit ausgeht. Partner finden sich eher im Bereich der Grund- und Hauptschulen. Der gemeinsame inhaltliche Bereich sind die Medien, ist die Vermittlung von Medienkompetenz. Trotz vielfältiger Bemühungen hat sich diesbezüglich in den Schulen immer noch nicht viel getan. Im Gegenteil haben sich die klassischen medienpädagogischen Themen auf die Frage nach dem Einsatz des Internets zur Verbesserung des Unterrichts verengt. So wurde bei der Berliner Tagung von einem Teilnehmer auch dezidiert die Meinung geäußert, Schulen seien – nach allen bisherigen Erfahrungen – von sich aus reformunfähig; und diese Auffassung fand lebhafte Zustimmung! Aber es wäre sicher völlig illusorisch zu glauben, die Schule könne von außen – durch Anstöße aus der Jugendmedienarbeit – verändert werden.
Jedenfalls wird aus den bisherigen Kooperationsprojekten und den damit verbundenen Argumentationen deutlich, dass es tatsächlich um eine Veränderung der Schule durch praktische Medienarbeit geht, wobei jedoch nicht allein die Vermittlung von Medienkompetenz im Zentrum steht. Die Notwendigkeit einer tiefgreifenden Schulreform in der Folge der rasanten Entwicklungen in der modernen Informations- und Wissensgesellschaft ist seit langem erkannt. Ebenso besteht Einigkeit darin, dass die Medien Mittel und Motor einer solchen Reform sein könnten. Der Druck auf entsprechende Entwicklungen wird durch die wachsenden Erziehungsprobleme und die enorme Heterogenität in den Schulklassen verstärkt. Durch die Ergebnisse aus der PISA-Studie traten diese Probleme ins öffentliche Bewusstsein und in die bildungspolitische Diskussion (PISA 2001). In der Folge davon wird nun die Ganztagsschule als eine organisatorische Voraussetzung zur Lösung dieser Probleme propagiert.
Im Schnittpunkt dieser Bestrebungen um eine Schulreform und ihre Weiterentwicklung in Richtung Ganztagsschule steht die praktische Medienarbeit. Und in diesem Kontext können die seit vielen Jahren erprobten und bewährten vielseitigen Projekte aus der Jugendmedienarbeit wertvolle Anregungen und Hilfen geben. Vor diesem Hintergrund wird auch der Impetus der außerschulischen Einrichtungen der Jugendarbeit verständlich: Sie können sich sehr viel rascher und flexibler auf die sich schnell wandelnden Bedürfnisse, Interessen und Probleme der Heranwachsenden einstellen. In offenen Projekten praktischer Medienarbeit bieten sie den jungen Menschen vielfältige Möglichkeiten und Hilfen bei der Bewältigung ihrer aktuellen Lebenssituation oder Problemlagen. Dabei werden die Medienpädagogen hautnah mit den Schwierigkeiten konfrontiert, die die Kinder und Jugendlichen aus der Schule mitbringen. Die Sozialpädagogen können nicht nachvollziehen, warum Lehrkräfte nicht besser auf deren Bedürfnisse, Anliegen, Nöte und Interessen eingehen.
Ähnlich wie die Schule steht aber auch die Jugendmedienarbeit unter Druck. Angesichts der vielfältigen Unterhaltungs- und Freizeitangebote wird es immer schwieriger, junge Menschen anzusprechen und für eine kontinuierliche Mitarbeit zu gewinnen. Zudem werden auf Grund der Sparzwänge der öffentlichen Hand die Fördermittel für den gesamten Jugendhilfebereich drastisch reduziert. Damit gerät die Jugendmedienarbeit unter verstärkten Legitimationsdruck.
So lässt sich zusammenfassend festhalten: Beide ungleichen Partner stehen unter Druck und könnten von einer institutionalisierten Kooperation profitieren:
Die Schule könnte bei ihren Bemühungen um eine Öffnung in Richtung Lebenswelt durch motivierende Medienprojekte unterstützt werden und Anregungen und Hilfen bei der Umsetzung offener Formen praktischer Medienarbeit erhalten. Das wäre zugleich ein wichtiger Beitrag zur Erfüllung des Auftrags einer umfassenden Medienbildung der Heranwachsenden.
Die Jugendmedienarbeit könnte durch Kooperationsprojekte mit Schulen an Kinder und Jugendliche herankommen, die sie außerhalb der Schule nicht erreicht. Das könnte die Akzeptanz ihrer Angebote bei den Heranwachsenden erhöhen, ihnen neue Interessenten zuführen und vielleicht sogar neue Zielgruppen erschließen. Dies würde die Legitimationsbasis der Jugendmedienarbeit verbreitern und die Chancen auf öffentliche Fördermittel verbessern.
Durch Kooperation könnten Synergieeffekte bei der Nutzung teurer Medienausstattungen (Computerräume, Medienwerkstätten) und beim Einsatz von Medienspezialisten erzielt werden.
Das Entscheidende ist jedoch, dass dadurch die Lebenssituation vieler Kinder und Jugendlicher verbessert, ihre Alltagswelt durch alternative Freizeit- und Medienaktivitäten bereichert und dadurch ihre Entwicklungs- und Bildungsprozesse gefördert werden könnten.
Die angesprochenen Vorteile für beide Institutionen werden sich nur dann ergeben, wenn die Zusammenarbeit zwischen Jugendmedienarbeit und Schule über punktuelle und zufallsbedingte Projekte hinaus auf Dauer gestellt werden kann. Dazu muss eine gewisse Institutionalisierung erreicht werden, die an bestimmte organisatorische Rahmenbedingungen gebunden ist. (Darauf ist noch näher einzugehen!) Nur unter dieser Bedingung kann nach dem Mehrwert der Kooperation gefragt werden, der sich hinsichtlich der Erziehungs- und Bildungsaufgaben von Schule und Jugendmedienarbeit ergibt. Letztlich kommt es doch darauf an, inwieweit die jungen Menschen dabei für ihre Entwicklungs-, Lern- und Bildungsprozesse profitieren! Nur wenn beide Institutionen einige ihrer wichtigen Bildungs- und Erziehungsziele im Rahmen der Kooperation besser realisieren können, wird sich diese Zusammenarbeit auch verstetigen lassen. Welches sind die gemeinsamen pädagogischen und medienpädagogischen Zielperspektiven? Welche Ziele können durch Kooperation besser erreicht werden? Wenn sich diese Fragen nicht eindeutig positiv beantworten lassen, dann wird sich der Aufwand für kooperative Projekte kaum lohnen!
In der Kooperation geht es überwiegend um praktische Medienarbeit in Form von gemeinsamen Projekten. Medien sind Kommunikationsmedien und sie erfordern und unterstützen Kommunikationsprozesse. Gemeinsame pädagogische Zielperspektiven ergeben sich also aus der Teilhabe an vielfältigen, multimedialen Kommunikationsprozessen im Rahmen projektorientierter Arbeitsformen. Über die Vermittlung von Medienkompetenz hinaus betrifft dies die Förderung von
Medien-Lese-Kompetenz,
Sprachfähigkeit,
Kommunikationsfähigkeit
sowie einer umfassenden Medienbildung.
Dazu gehört neben einem fundierten Wissen über die Medien, ihre Produktions- und Verbreitungsbedingungen, ihre gesellschaftliche und individuelle Bedeutung und ihre Wirkmechanismen auch eine ethische Verantwortungshaltung gegenüber den Medien (SPANHEL 2002b).
Medienprojekte als Kooperationsvorhaben erfordern und fördern aber auch wichtige Schlüsselqualifikationen, insbesondere die Befähigung zur
Kooperation und Kollaboration,
zum selbstbestimmten und selbstorganisierten Lernen und
zur gemeinsamen Konstruktion von Wissen.
Diese Zieldimensionen sind in der heutigen Informations- bzw. Wissensgesellschaft von höchster Bedeutung (SPANHEL 1998). In der Realisierung von Kooperationsprojekten liegt zugleich eine große Chance zum Aufbau und zur Einübung in eine neue Lernkultur (RÖLL 2003), die in andere Bereiche der Schule und des Unterrichts hineinwirken könnte. Diese Chance ist darin begründet, dass im Rahmen von Medienprojektarbeit die Schülerinnen und Schüler praktisch tätig sind und gemeinsam eigene Medienprodukte hervorbringen. Dabei machen sie Erfahrungen, die von der Interessensforschung als die Grundpfeiler jeglicher Lernmotivation ausgemacht worden sind (KRAPP, RYAN 2002).
Es handelt sich um Kompetenzerfahrung, die Erfahrung sozialer Eingebundenheit und um Autonomie-Erleben. Diese Phänomene werden als „basic human needs“ bezeichnet, weil eine minimale Erfüllung jedes dieser Bedürfnisse eine notwendige Voraussetzung für das allgemeine Wohlbefinden einer Person und die Integrität der Persönlichkeitsentwicklung darstellt. In der Forschung gibt es zahlreiche Belege dafür, dass die Erfüllung dieser grundlegenden Bedürfnisse auch eine entscheidende Rolle für die Entwicklung persönlicher Ziele, Motive und Interessen spielt.
In einem vierjährigen Modellversuch an einer Erlanger Hauptschule, in dem viele Projekte zur praktischen Medienarbeit durchgeführt wurden (SPANHEL 1999,) konnte ich miterleben – und die bei der Berliner Tagung vorgestellten Projekte bestätigen meine Beobachtungen: In Kooperationsprojekten zur praktischen Medienarbeit machen die Schülerinnen und Schüler die Erfahrung, dass
sie mit ihrem eigenen Verhalten etwas bewirken und den selbst gewählten Anforderungen genügen können und dass sie dadurch das Gefühl bekommen, durch ihr eigenes Handeln kontrollierend auf die Umwelt einwirken zu können;
sie selbst entscheiden, was sie tun wollen, und sich nicht ständig kontrolliert fühlen, sondern sich autonom, als primäre Ursache ihres Handelns erleben;
sie einer Gruppe von Gleichaltrigen angehören, mit denen sie sich verbunden fühlen und von denen sie akzeptiert und anerkannt werden.
Diese Projekterfahrungen stabilisieren eine positive Grundbefindlichkeit der Heranwachsenden und verbessern ihre Lernmotivation. Beides kann sich positiv auf die Lernkultur in allen Unterrichtsfächern und auf das Klassen- und Schulklima auswirken (SPANHEL 1995).
An dieser Stelle muss auch auf die Inhalte der Kooperationsprojekte eingegangen werden, weil hier schwer zu überwindende Barrieren für eine Erfolg versprechende Zusammenarbeit zu erwarten sind. Lehrerinnen und Lehrer stehen unter dem permanenten Druck, die Anforderungen der Lehrpläne erfüllen zu müssen. Dort sind die Erziehungs- und Bildungsaufgaben der jeweiligen Schule (sei es Grund-, Haupt- oder Realschule, Gymnasium oder Wirtschaftsschule) nicht nur durch Lernziele, sondern im großen Umfang auch durch Auflistung konkreter Lerninhalte festgelegt. Und sie unterliegen hinsichtlich der Erfüllung dieser Anorderungen vielfältigen Kontrollen, nicht allein durch die Schulaufsicht, sondern durch Kollegen und Schüler, Eltern und Öffentlichkeit. Die Rigidität dieser Kontrollen hängt mit der Überbewertung eines Leistungsprinzips zusammen, das völlig einseitig an eine ziffernmäßige Beurteilung punktueller Leistungskontrollen gebunden ist.
Wie festgefahren und erstarrt dieses ganze System ist, zeigt der Bericht eines Religionslehrers aus einem Gymnasium (anerkannte UNESCO-Projektschule). Er wollte das stupide Abfragen zu Beginn jeder Unterrichtsstunde zur Erlangung mündlicher Noten durch ein lockereres Verfahren ersetzen. Er stieß damit auf heftige Ablehnung bei den Schülern, die diese neue Form der Leistungsfeststellung für weniger berechenbar hielten.
Eine Zusammenarbeit wird sich also zunächst auf die inhaltlichen Bereiche konzentrieren, die weniger diesen strengen Leistungskontrollen unterliegen. Ein Blick auf bisherige Kooperationsprojekte bestätigt diese Tendenz. Die in der Literatur beschriebenen Projekte aus der Jugendmedienarbeit kreisen im Wesentlichen um folgende inhaltliche Bereiche (vgl. MOSER/DREYER/EMMER 2003; ANFANG/DEMMLER/LUTZ 2001 und 2003; BAACKE 1999):
Stadtansichten: Auseinandersetzungen mit dem eigenen Wohnort (z.B. Projekte in München: Quax – Spinne im Netz);
Ökologie: Auseinandersetzung mit ökologischen Themen wie „Wasser“, (z.B. Virtuelles Umweltzentrum: www.vuz.de; Na Tour);
Geschichte/Politik/Europa (politische und kulturelle Vernetzungsprojekte);
Interkulturelle Projekte;
Schülerfirmen: Themen aus dem Bereich Wirtschaft/Beruf;
Medienwelten der Kinder und Jugendlichen: Aktive Medienarbeit mit Multimedia und traditionellen Medien; spielen mit den Möglichkeiten der Medien, um mit den medienspezifischen Arbeits-, Gestaltungs- und Produktionstechniken vertraut zu werden;
Wettbewerbe und Kinder- und Jugendfilmfestivals (z.B. in eigener Regie); Film-, Radio-, Zeitungs- und Internetprojekte mit offenen Inhalten, je nach den Interessen der Teilnehmer.
Diese Inhalte greifen selten konkrete Unterrichtsinhalte auf und verweisen im schulischen Kontext eher auf fächerübergreifende Themen. Gute Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit liegen meines Erachtens in den Fächern Kunst und Musik: Sie haben selbst Medien zum Inhalt und fordern zu kreativem Tun, zu Medienproduktionen in Projektform heraus. Hier bieten die Lehrpläne Spielräume und die Lehrkräfte sind medienspezifisch ausgebildet. Geeignete Themen für Kooperationsprojekte bieten außerdem die Fächer Geschichte, Geographie, Biologie, Wirtschaft und Politik, weil sie an vielen Stellen die Freizeitinteressen der Schüler ansprechen und weil es in diesen Bereichen vielfältige Medienangebote gibt, die für Projekte genutzt werden können.
Das zentrale Fach für aktive Medienarbeit jedoch ist seit jeher der Deutschunterricht, auf allen Schulstufen und in allen Schularten. Die Sprache ist das zentrale Medium menschlicher Kommunikation; sie ermöglicht den Menschen Reflexion und Metakommunikation und ist daher das Fundament jeglicher Medienbildung (SPANHEL 2002b). Infolge der rasanten Medienentwicklungen und den damit einhergehenden veränderten Kommunikationsformen muss sich der Deutschunterricht intensiv mit dem Zusammenspiel von Sprache und modernen technischen Medien befassen. Das Thema „Medien im Deutschunterricht“ wird seit Jahren in der Deutschdidaktik heiß diskutiert. Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass ein zeitgemäßer Deutschunterricht ohne integrierte Medienerziehung kaum zu verantworten wäre; vgl. dazu WERMKE 1997; Jahrbuch Medien im Deutschunterricht 2002; JONAS/JOSTING 20031.
Gerade im Bereich des Deutschunterrichts ist eine Fülle höchst interessanter Projekte entwickelt worden, die nicht nur fächerübergreifend angelegt sind, sondern auch in außerschulische Felder hineinreichen. Ich verweise nur auf zwei aktuelle Projekte aus dem Jahrbuch Medien im Deutschunterricht 2002: Ein Projekt zur außerschulischen Weiterbildung von G. Marci-Boehnke (PH Ludwigsburg): ,,'Positiv – sein'. Vernetztes Lernen mit literarischem Kern“ (S. 252 ff.) und auf den „Literatur @tlas Niedersachsen“ (A. BAUMERT, S. 263 ff.: www.literaturatlas.de). Damit bieten sich die Lehrerinnen und Lehrer für das Fach Deutsch als ideale Partner für Kooperationsprojekte von Schule und Jugendmedienarbeit an.
Jedenfalls können Lehrkräfte für eine Beteiligung an Medienprojekten nur dann gewonnen werden, wenn für sie ganz klar ersichtlich ist, dass diese einen wesentlichen Beitrag zur Erfüllung verbindlicher Erziehungs- und Bildungsaufgaben leisten. Die Bereitschaft für eine dauerhafte Kooperation wird sich bei den Lehrkräften dann einstellen, wenn sie bei der Durchführung eines ersten Projekts erfahren: Praktische Medienarbeit trägt nicht nur zur Erfüllung fachlicher Unterrichtsziele, zur Vermittlung von Medienkompetenz und anderen Schlüsselqualifikationen bei, sondern begeistert die Schüler und setzt bei ihnen ungeahnte Kräfte und Fähigkeiten frei. Lehrkräfte müssen dabei aber vor allem erleben, dass Medienprojekte ihnen selbst Spaß machen, sie bereichern und ihr Verhältnis zu den Schülern verbessern.
Vielleicht ist ja auch die Hoffnung nicht unberechtigt, dass die variablen Methoden und Arbeitsformen sowie die vielfältigen Möglichkeiten des Medieneinsatzes in den Projekten auf die Gestaltung des übrigen Unterrichts einer Lehrkraft einwirken. Sie könnten zu einer Lockerung erstarrter Unterrichtsroutinen führen und die Lehrkräfte zum Experimentieren mit neuen Unterrichtsformen verleiten.
Die bisherigen Überlegungen lassen deutlich werden, dass Medienpädagogen und Lehrkräfte für eine gelingende Kooperation eine Vision brauchen, die sie gemeinsam weiterentwickeln. Schule kann sich verändern, wenn durch eine solche Idee Motivationen erzeugt und schöpferische Kräfte, Phantasie und Begeisterung freigesetzt werden. Im Netz finden sich viele Beispiele von Medienprojekten, die das belegen. Ich verweise als aktuelles Beispiel nur auf das Internetprojekt des Medienzentrums München Münchens Partnerstädte im Internet, ein Verbundprojekt zwischen Schulen, Freizeitstätten und Horten, in dem 83 Kinder und Jugendliche über sieben Münchner Partnerstädte im Netz informierten: www.uzm.jff.de/projekte; weitere Beispiele bei MOSER/DREYER/ EMMER 2003.
Meist werden solche Projekte noch isoliert im Bereich der Schulen oder der Jugendarbeit durchgeführt. Als Kooperationsprojekte könnten sie eine viel größere Wirksamkeit entfalten. Die entsprechende Vision dazu bezeichne ich als „Schulkultur der Offenheit“. Damit möchte ich ausdrücken, dass die Kooperation nicht nur in bestimmte organisatorische Rahmenbedingungen eingebettet sein muss, sondern auch auf eine Leitidee angewiesen ist.
Gemeinsame Vorhaben von Schule und Jugendarbeit erzwingen eine Öffnung der Schule wie auch der Jugendarbeit nach innen und außen: Beide Partner müssen sich aufeinander (auf etwas Fremdes, auf andere Vorstellungen, Ziele, Arbeitsweisen) einlassen, müssen sich öffnen und etwas von sich preisgeben, müssen vertraute Routinen aufgeben und organisatorische Strukturen verändern. Dabei wird deutlich, dass es in der Schule nicht nur Fächer und Curricula gibt, die die Lerninhalte ordnen und die Prüfungsinhalte festlegen! Der wichtigste Lerngegenstand ist die Schule selbst und wie sie von den Schülerinnen und Schülern erfahren wird! Die Leitidee von einer Schulkultur der Offenheit meint die bewusste Gestaltung und Pflege der Schule als Lerngegenstand!
Das heißt: Eine Schulkultur der Offenheit muss die kulturelle Vielfalt unseres Landes widerspiegeln und gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern in lebendigen Formen realisieren, um ihnen den Aufbau einer kulturellen Identität zu ermöglichen. Die Schulkultur der Offenheit ist nichts Fertiges, sondern ständig im Aufbau, in Entwicklung begriffen. Schule müsste daher vielfältige kulturelle Handlungsrahmen bereitstellen (eben z.B. auch in Form kooperativer Medienprojekte!), in denen sich die jungen Menschen aus eigener Initiative bei der Bearbeitung anstehender Aufgaben und Probleme oder bei der Lösung von Konflikten Kenntnisse und Fähigkeiten aneignen (BRUNER 1996).
Die Übernahme der Kultur durch die Mitwirkung am gemeinsamen Aufbau und der Ausgestaltung einer Schulkultur verlangt Gruppen wechselseitiger Lerner, die sich gegenseitig unterstützen und ständig untereinander austauschen. Schulkultur ist also das Ergebnis von Kommunikationsprozessen, an denen alle, Lehrer, Schüler, Medienpädagogen und alle Partner, mit denen die Schule nach außen in Kontakt steht (z.B. Eltern), aktiv mitwirken. Genau hier liegen die besonderen Chancen der Kooperation zwischen Schule und Jugendmedienarbeit: Kommunikationsprozesse sind an Medien gebunden! Und die Medien bieten heute mehr denn je ganz neue und schier unermessliche Möglichkeiten der Kommunikation: anderen etwas mitzuteilen, sich selbst auszudrücken und mitzuteilen, gemeinsame Botschaften zu erstellen und zu gestalten, Medien zu produzieren und zu präsentieren.
Besondere Chancen ergeben sich daraus, dass die Medienwelten die Lebenswelten der jungen Menschen sind. Hier sind sie zu Hause und kennen sich aus, im Medienbereich verfügen sie über besondere Kenntnisse und Kompetenzen, die für weiterführende Lern- und Bildungsprozesse fruchtbar gemacht werden können. Hier sind sie motiviert, lassen sich für neue Arbeitsformen begeistern und können in den fertigen Medienprodukten die Wirksamkeit ihres Handeln erfahren. Die positiven Konsequenzen für die schulische Lernkultur und für die Bildungsprozesse der Heranwachsenden wurden bereits im zweiten Abschnitt beschrieben.
In der folgenden Abbildung habe ich die vielfältigen Aspekte einer Schulkultur der Offenheit angedeutet. Dabei wird erkennbar, dass eine Kooperation von Schule und Jugendmedienarbeit sich auf die verschiedensten Aspekte dieser Schulkultur beziehen kann. Es handelt sich dabei um eine offene Form für die Gestaltung unterschiedlicher kultureller Inhalte. Dafür sollten insbesondere die lokalen kulturellen Angebote, Aktivitäten und Einrichtungen genutzt und in die Kooperationsprojekte einbezogen werden. Durch Vernetzung mit unterschiedlichen Partnern könnte eine Förderung der Medienbildung bei spezifischen Zielgruppen in Gang gesetzt werden, z.B. bei Mädchen, bei ausländischen Schülerinnen und Schülern oder auch bei älteren Menschen.

Dabei darf jedoch ein zentraler Punkt nicht übersehen werden: Die Schule muss für das aktive Leben und Gestalten einer Schulkultur in Form von Medienprojekten Raum und Zeit geben! Das hat zur Konsequenz, dass herkömmliche Strukturen und Organisationsformen von Schule aufgebrochen und neu gestaltet werden müssen. Die Abbildung zeigt, was Öffnung von Schule nach innen und außen bedeuten kann. Die heute vielfach geforderte Ganztagsschule würde dafür sicherlich einen besseren Rahmen bieten. Aber auch in der normalen Schule gibt es durchaus Möglichkeiten für eine Umgestaltung der räumlichen, zeitlichen und sozialen Strukturen. Allerdings muss hier jede einzelne Schule für sich Ideen entfalten und Lösungsmöglichkeiten suchen. Das zeitliche Problem ist dabei wohl das schwierigste.
Für eine gelingende Kooperation der Schule mit Jugendmedienarbeit ist die Frage nach geeigneten Lernorten von besonderer Bedeutung. Nur in Ausnahmefällen ist es möglich, dass Schulklassen in Medienzentren außerhalb der Schule arbeiten. In der Schule müssten offene Lernräume mit entsprechender Computer- und Medienausstattung geschaffen werden, z.B.
Schulbibliothek
Lernwerkstatt
Projekträume
Das ist ein finanzielles Problem, bei dem auch die Schulträger (die Kommunen) und evtl. Eltern oder Fördervereine einbezogen werden müssen.
Für Kooperationsprojekte bei einer Öffnung der Schule nach außen müssen geeignete Rahmenbedingungen durch stabile und tragfähige soziale Strukturen gesichert werden. Ich denke hier an ein lokales Bildungsnetzwerk, in dem Schulen (Schulleitung, Schüler- und Elternvertretung) mit Jugendhilfe-, Medien-, Bildungs- und Kultureinrichtungen (Jugendzentren, Medienzentren, Volkshochschule, Bibliotheken, Museen), mit Kommune und Kirchen zusammenarbeiten. Ganztagsschulen müssten künftig sehr viel stärker als Schulen heute in soziale, kulturelle und politische Kontexte und Vernetzungen eingebunden werden. Wie könnte es erreicht werden, dass sich alle Bürger für gute Schulen in ihrer Kommune bzw. Region mitverantwortlich fühlen?
Kooperationsprojekte hängen zunächst vom Engagement und der Kompetenz einzelner Personen ab. Die bisher im Bereich von Schule und Jugendarbeit tätigen, speziell ausgebildeten Medienpädagogen können auf Dauer die mit der Kooperation angestrebten Ziele nicht realisieren. Für eine Verstetigung der Kooperation müsste bei Lehrkräften und Medienpädagogen die Einsicht in die Möglichkeiten und Chancen dieser Zusammenarbeit und die Bereitschaft dazu erst geweckt werden. Außerdem sind die erforderlichen medienpädagogischen Kompetenzen zu vermitteln. Auf längere Sicht reichen dazu punktuelle Fortbildungen nicht aus, vielmehr müssen gewisse Grundlagen bereits in der ersten Ausbildungsphase an der Hochschule gelegt werden. Das Ziel wäre eine grundlegende medienpädagogische Kompetenz als Teil des beruflichen Selbstverständnisses sowohl der Lehrkräfte als auch der Sozialpädagogen (SPANHEL 2001). Nach meiner Auffassung gehört dazu die Fähigkeit,
die Bedeutung der Medien in der Alltagswelt der Kinder und Jugendlichen zu erkennen und in der täglichen Arbeit zu berücksichtigen,
die Erziehungs- und Bildungsaufgaben im Medienbereich zu erkennen und aktiv anzugehen,
Medien zur Verbesserung der Lehr-/Lernprozesse in der Schule, bzw. der kulturellen Bildungsprozesse in der Kinder- und Jugendarbeit einzusetzen,
den Zusammenhang zwischen Medien und Organisationsentwicklung zu nutzen und
Medienprojektarbeit durchzuführen.
Wichtig wäre schließlich noch die gegenseitige Kenntnis der Arbeitsfelder, ihrer Aufgaben, Problemlagen und Arbeitsmethoden. Diese könnte durch Praktika in beiden Berufsfeldern während der Ausbildung angebahnt werden. Im Bereich der Lehrerbildung gibt es inzwischen verstärkte Bemühungen um eine medienpädagogische Qualifizierung aller Lehrkräfte (SPANHEL, TULODZIECKI 2001). Seit kurzer Zeit werden auch entsprechende Erweiterungsstudiengänge angeboten, z.B. in Bayern (SPANHEL 2002a; siehe auch das genaue Konzept unter www.paed2.ewf.uni-erlangen.de).
Insgesamt zeigen die Überlegungen, dass einzelne Projekte zur Kooperation von Schule und Jugendmedienarbeit wenig Sinn machen. Im Einzelfall können sie Prozesse zur Schulentwicklung auslösen. Sie erhalten besondere Bedeutung und bieten viele Chancen, wenn sie in einen Prozess der Schulentwicklung und Öffnung von Schule eingebettet sind. Unter dem Leitbild einer Schulkultur der Offenheit wird es am ehesten möglich sein, die zahlreichen Barrieren bei der Verwirklichung einer solchen Kooperation zu überwinden. Auf der anderen Seite könnte Medienprojektarbeit hervorragende Beiträge zur Entfaltung einer Schulkultur der Offenheit leisten. Eine Ganztagsschule würde dafür die besten Rahmenbedingungen bieten.
LITERATUR
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