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Autorin: Stärk, Julia.

Titel: Das Gurkenfass. Ein Hörspiel.

Quelle: Persönliches Manuskript. Stuttgart 2004. S. 1-29.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin.



Julia Stärk

Das Gurkenfass. Ein Hörspiel.

Erzählerin:

Barbara Draeger

Gurkenfass:

Götz Schneyder

Wasserpfeife:

Sarah Stuckenbrock

Scheich:

Urs Klebe

Dicke Gurke:

Tim Laufer

Gurken:

Antje Kaasch, Lena Bössen

Fata Morgana:

Julia Stärk

Möwe:

Anne-Katrin Reiner

Ein Fass:

Antje Kaasch

Diener:

Andree Gubisch

Regie und Text:

Julia Stärk

Regieassistenz:

Kolja Buhlmann

Produktion und Effekte:

Gerald Golka

Live-Geräusche:

Kolja Buhlmann, Gerald Golka, Götz Schneyder, Julia Stärk

Studio:

University of Music and Performing Arts Stuttgart



Musik (insgesamt ca. 30-40 sec.: nach 10 sec. Erzählerin Titel (5 sec.); dann restliche 25-35 sec. Musik)

Musik leiser, Erzähler fade in

Erzähler: In einem kleinen Örtchen an der Küste der Niederlande steht eine große alte Lagerhalle für Gemüse. Die verschiedensten Gemüsesorten werden hier gelagert, ehe sie auf einen Markt gebracht oder ins Ausland exportiert werden. Im hintersten Eck dieser Halle haben die Essiggurken ihren Platz. Es handelt sich hierbei um ganz gewöhnliche Holland-Gurken, ein bisschen genmanipuliert, von kräftig moosgrüner Farbe und mit dicken Warzen, die in großen runden Fässer eingelagert sind. Lange schon warten sie darauf, endlich verkauft zu werden. Doch keiner interessiert sich mehr für Essiggurken. Und so liegen sie Tag für Tag, Woche für Woche in ihren Fässern, dösen vor sich hin und warten auf bessere Zeiten. Auch die Gurkenfässer haben sich längst mit ihrem Schicksal abgefunden. Faul und träge stehen sie, bis zum Rand mit Gurken gefüllt, an dem ihnen seit Jahren angestammten Fleck und können sich einen anderen Ort als die Lagerhalle schon gar nicht mehr vorstellen. Nun gibt es unter den kleineren Gurkenfässern aber eines, welches das ewige Warten gestrichen satt hat. Und eines Tages macht es seinem Ärger Luft.

Gurkenfass: Mir reichts. Ich hab endgültig die Nase voll. Liebe Fasskollegen, es war nett mit euch. Ich hau ab.

Fass: Wie? Was ist los?

Gurkenfass: Ich hab es einfach satt. Was ist denn das für ein Leben hier? Tag für Tag stehen wir rum, bewahren Gurken auf, die sowieso kein Mensch kauft, und sind im Prinzip total nutzlos.

Fass: Das kannst du doch so nicht sagen. Immerhin handelt es sich um erstklassige Essiggurken.

Gurkenfass: Erstklassige Essiggurken! Dass ich nicht lache. Wenn die Gurken wirklich so erstklassig sind, warum schimmeln sie dann schon seit Jahren in unseren Bäuchen vor sich hin? Ich sag dir mal was: Die will keiner mehr. Gurken sind out, verstehst du?

Fass: Ja, und was willst du tun? Du hast doch gar nichts anderes gelernt.

Gurkenfass: Ganz einfach. Ich fahre übers Meer und schaue mir erst mal ein wenig die Welt an. Und dann suche ich mir irgendwo eine neue Arbeit. Für Fässer gibt es doch unzählige Beschäftigungsmöglichkeiten. Mein Großvater zum Beispiel hat in seiner Jugend als Pulverfass gearbeitet. Du kannst dir nicht vorstellen, was der so alles erlebt hat!

Fass: Also ich weiß nicht recht. Und außerdem, was soll denn aus den Gurken werden, wenn du weggehst?

Gurkenfass: Die nehme ich erst mal mit, und wenn ich dann eine neue Arbeit gefunden habe, fällt mir schon etwas ein, was ich mit ihnen mache.

Fass: Na, die werden begeistert sein von deiner Idee. Du wirst während deiner Reise keine ruhige Minute haben. Viel Vergnügen.

Gurke 1: Was wird denn hier andauernd gequasselt? Kann man denn nicht einmal in Ruhe Siesta halten? Eine Gurke braucht viel Ruhe!

Fass: Mit eurer Siesta scheint es bald vorbei zu sein. Das Fass, in dem ihr eingelagert seid, hat große Pläne. Es möchte über den Ozean schwimmen und sich dann in der Fremde eine neue Arbeit suchen. Und wie es aussieht, müsst ihr es wohl begleiten.

Gurke 1: Das glaube ich nicht.

Fass: Es ist die Wahrheit!

Gurke 1: Wirklich? Aber das kann es doch nicht so einfach machen. Wir haben da schließlich auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Fass: Mir brauchst du das nicht erzählen.

Gurke 1: Aber dann muss ich ja sofort... – Gurkenkollegen. Wacht auf. Schnell. Unser Gurkenfass hat den Verstand verloren. Es will die Lagerhalle verlassen und mit uns übers Meer fahren.

Gurken: Was? –Das ist doch nicht die Möglichkeit!– Das schlägt doch dem Fass den Boden aus! – Nicht mit uns! – Wir wollen nicht verreisen! –Das ist doch ein demokratisches Land, das heißt, wir müssen erst mal darüber abstimmen! – Wir haben da auch noch ein Wörtchen mitzureden! – Das ist doch viel zu gefährlich! – Der ist doch nicht ganz dicht!

Erzähler: Aber das kleine Fass hört schon gar nicht mehr zu. Es rollt kurzerhand einfach aus der Lagerhalle hinaus, rumpelt den Weg zum Strand hinunter und lässt sich dort mit einem erleichterten Aufseufzen in den Sand plumpsen. Denn durch das lange Herumstehen in der Halle ist es steif und unbeweglich geworden und hier und da auch schon etwas eingerostet. Die Gurken in seinem Fassbauch, die während des ganzen Weges mit hysterischem Gekreische protestiert haben, purzeln erschrocken durcheinander. Nachdem sie sich von ihrem Schrecken erholt haben, ergreift eine besonders fette Gurke empört das Wort.

Rumpelgeräusche, Aufplumpsen, Meeresrauschen, Möwengekreische leise im Hintergrund während Erzählertext

Meeresbrandung und Möwengeschrei lauter

Dicke Gurke: Also du hast sie ja wohl nicht mehr alle! Zuerst entführst du uns aus der Lagerhalle, und dann holperst du skrupellos über die größten Steine auf dem Weg, so dass wir alle Macken und blaue Flecke kriegen! Wer soll uns denn jetzt noch kaufen? Angeschlagene Gurken will doch keiner haben! Ich könnte dich umbringen, ich...

Gurkenfass: Dass ihr Gurken immer gleich so säuerlich sein müsst. Ist es denn deine einzige Sorge, dass dich niemand mehr essen will, du fette Gurke? Hast du denn keine Lust, noch ein bisschen was zu sehen von der Welt, bevor du in dem dicken Bauch eines Menschen für immer verschwindest?

Dicke Gurke: Gurken sind nun mal dazu da, gegessen zu werden. Jedenfalls haben wir nicht die geringste Lust, mit Dir auf Reisen zu gehen. Wie stellst du dir das eigentlich vor? Ich verlange, dass du uns sofort zur Halle zurückbringst!

Gurkenfass: Das wird leider nicht möglich sein, so leid es mir tut. Schließlich brauche ich ja auch ein wenig Unterhaltung auf meiner Reise. Ich werde nun übers Meer schwimmen, und ihr werdet mich begleiten.

Dicke Gurke: Das wirst du nicht tun! He! Bleib sofort stehen. Das wirst du uns büßen!

Platschendes Geräusch, Wellen stärker (Dümpelsound)

Gurkenfass: (prustend) Ganz schön kalt das Wasser. Ah, durch die Flut treiben wir schnell aufs offene Meer zu. Ist das nicht wunderbar? Wir sind frei! Versteht ihr das, ihr kleinen grünen Gürkchen? Frei!

Wellen und Dümpelsound werden etwas leiser

Erzähler: Während das Fass glückselig vor sich hin schwimmt und seine neugewonnene Freiheit genießt, halten die Gurken in seinem Bauch Kriegsrat.

Dumpfe Stimmen, von fern Wellen (Gurkenfass-indoor-sound)

Gurken: Wie bringen wir es nur zur Vernunft? – Dieses Fass ist absolut verrückt. - Wer weiß, was ihm als nächstes einfällt. - Ich will hier raus! – Wir müssen es dazu bewegen, umzudrehen. – Man kann nicht mit ihm reden. –Es ist wie von Sinnen.

Dicke Gurke: Ruhe! Wir müssen versuchen, ruhig zu bleiben. Sonst erreichen wir gar nichts.

Gurke 1: Ich finde das so egoistisch, was dieses blöde Gurkenfass da abzieht.

Gurke 2: Allerdings. Möchte mal wissen, wie es auf so hirnrissige Gedanken kommt. Na, da sieht man es mal wieder: Viel Volumen im Bauch, aber wenig im Kopf.

Gurke 1 & 2: (hämisch) Hahahahaha

Dicke Gurke: Ruhe jetzt. Also, was schlagt ihr vor? Wie sollen wir vorgehen? Wir können das Fass nicht verlassen, da es jetzt gewissermaßen auch unser Boot ist. Und schwimmen können wir auch nicht. Also?

Gurke 1: Wir könnten versuchen, noch mal in aller Ruhe mit ihm zu reden. Vielleicht wird es ja doch noch vernünftig.

Gurke 2: Vergiss es, es lässt sich niemals von einer Idee abbringen. Du kennst das Fass doch, es ist stur und dickköpfig. Ich habe eine viel bessere Idee: Sprechsanktionen.

Dicke Gurke: Was bitte?

Gurke 2: Na ist doch sonnenklar. Wir behandeln es ab sofort wie Luft, antworten ihm nicht mehr und ignorieren es einfach. Was glaubt ihr, wie schnell unser liebes kleines Fass sich einsam fühlen wird. Und wenn wir Glück haben, lässt es dann mit sich verhandeln.

Dicke Gurke: Verstehe. Die Idee gefällt mir. Also gut, unser Plan heißt Sprechsanktionen und tritt ab sofort in Kraft.

Erzähler: Inzwischen ist es Nacht geworden. Das Meer ist ruhig und glänzt silbern im Mondlicht. Träge gleitet das Fass unter dem Sternenhimmel dahin. Allmählich verfällt es in einen tiefen Schlaf und träumt von großen Abenteuern. Auch den Gurken fallen nacheinander die Augen zu, nur hier und da ist noch leises Geflüster zu hören. Doch bald werden selbst die aufgedrehtesten Gurken vom Schlaf übermannt. Das Fass treibt mitsamt seiner Fracht über das weite Meer auf fremde Ufer zu.

Zwischenmusik ca. 30 sec.

Dann fade out, Erzähler fade in

Erzähler: Die Sonne sticht herunter, als das Fass erwacht. Um sich herum sieht es nur Wellen, Wogen, das Meer. In seinem Bauch beginnt es sich zu regen, leises Gemurmel ertönt.

Brandung, Gemurmel leise fade in während Erzählertext

Gemurmel, Brandung lauter

Gurkenfass: (zu sich) Ah, das Gemüse erwacht. (laut) Hey, ihr Gurken, aufgewacht! Es ist schon Mittag.

Gurken: (undeutliches Gemurmel)

Gurkenfass: Na, dann sollen sie doch schmollen. Hm. Wenn ich nur wüsste, was aus mir werden soll. Es ist zwar ganz nett, hier so vor sich hin zu schwimmen, aber das kann ich schließlich nicht ewig tun. Ein Pulverfass für Kanonen zu sein war schon immer mein Traum. Aber heutzutage werden wohl gar keine richtigen Kanonen mehr verwendet. Aber was gibt es denn sonst noch für Möglichkeiten? ( Wellen stärker, von fern Donnergrollen) Nanu, was ist denn jetzt los? Die Wellen werden stärker. Ach du Schreck, der Himmel ist ja ganz dunkel. Sieht aus, als ob es ein Unwetter gäbe. Ob es in dieser Gegend wohl Hurricanes gibt?

Gurke 1: (erschrocken) Was sagst du da? Du meinst es gibt einen Hurricane?

Dicke Gurke: Schnauze. Hast du unsere Sprechsanktionen vergessen?

Gurke 1: Aber hast du denn nicht gehört, was es gesagt hat? Wenn es wirklich einen Hurricane gibt, sind wir verloren!

Gurke 2: Oh Gott! Wir werden jämmerlich ertrinken und vom Wind zerfetzt werden.

Gurken: (durcheinander) Oh wie furchtbar – Ich habe es kommen sehen – Was machen wir denn jetzt – Ich will nicht sterben – Ich auch nicht – ahhhhhhh – Hilfe

Gurkenfass: Jetzt reißt euch doch mal ein bisschen zusammen. Habt ihr denn kein bisschen Mumm in den Knochen? Na, wie auch, ihr habt ja keine Knochen. Wir werden das Unwetter schon überleben. Ich bin aus gutem Holz gearbeitet, so schnell zerfetzt mich kein Sturm und somit seid ihr auch halbwegs sicher – klar?

Dicke Gurke: Du mit deinem blöden Freiheitsdrang! Du bist Schuld an allem. Wir haben dir ja gleich gesagt, dass es eine Schnapsidee ist, übers Meer zu fahren, aber du...

Gurkenfass: Schnaps!!!! Schnaps!!!! Das ist es! Ich werde ein Schnapsfass! Genau! Oh, ich liebe euch, ihr kleinen grünen Monster! Das ist die Idee!

Dicke Gurke: Jetzt hat es völlig den Verstand verloren!

Gurkenfass: Aber nein! Als Schnapsfass führt man ein super Leben. Man genießt ein hohes Ansehen und ist wertvoll! Oh ich liebe euch für diese Idee.

Gurke 1: Gott steh uns bei. Wie verhält man sich nur, wenn man in einem verrückt gewordenen Gurkenfass festsitzt?

Gurke 2: Ich weiß es auch nicht. Ich weiß nur eines: ICH WILL HIER RAUS!

Erzähler: Der Wellengang wird immer stärker und die See verwandelt sich in einen gewaltigen Hexenkessel. Blitze zucken vom Himmel, Donner krachen, Monsterwellen erheben sich und werfen das kleine Fass wie einen Spielball hin und her. Die Gurken sind fast von Sinnen vor Angst. Pausenlos werden sie durcheinandergeschleudert. Einige von ihnen werden ohnmächtig, anderen ist schrecklich übel und wieder andere kreischen in einem fort in den höchsten Frequenzen. So manch abgebrühtem Seemann würde bei einem solchen Unwetter das Herz in die Hose rutschen. Doch das Gurkenfass kämpft mit eisernem Willen und zusammengebissenen Zähnen gegen die Wellen an. Zwar ist ihm alles andere als wohl zumute, aber der Gedanke, dass es bald ein Schnapsfass sein könnte, gibt ihm die Kraft durchzuhalten.

Starkes Donnern, Wind und Wellen während Erzählertext; Donnergrollen, Wellen werden langsam leiser.

Zwischenmelodie (ca. 30. sec); dann Erzähler fade in

Erzähler: Es scheint, als hätte der Sturm ein Einsehen mit dem hartnäckigen kleinen Fass. Es übersteht das Unwetter erschöpft, aber unbeschadet. Durch den heftigen Wind ist es weit nach Südosten getrieben worden. Auf einmal bricht ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke, und ein wundervoller Regenbogen spannt sich über das Meer.

Meeresrauschen fade in

Gurkenfass: Oh – ein Regenbogen. Wie schön. Das ist ein gutes Zeichen für meine Zukunft.

Dicke Gurke: So ein Schwachsinn. Wir sind während des Unwetters beinahe abgekratzt und du beschäftigst dich mit Zukunftsdeutungen. Die Hälfte von uns ist seekrank geworden und hat sich übergeben, und hier drinnen stinkt es ganz erbärmlich. Mach wenigstens mal den Deckel auf, damit wir frische Luft bekommen.

Gurkenfass: Mit Vergnügen, verehrte Frau Gurke.

Deckel wird weggeschoben

Erzähler: Das Fass öffnet seinen Deckel. Die meisten Gurken liegen im Delirium auf dem Fassboden. Ein paar zähe Exemplare, denen das Unwetter nicht so viel ausgemacht hat, klettern an den Rand des Fasses und schnappen keuchend nach Luft.

Gurke 1: (atmet tief durch) Die frische Luft tut gut. Es muss Jahre her sein, seit ich zuletzt Wind auf meiner Gurkenhaut verspürt habe. Dort unten auf dem Fassgrund hält es ja wirklich keine Gurke mehr aus.

Gurkenfass: Sieht es denn wirklich so schlimm aus da unten?

Gurke 1: Schlimm ist gar kein Ausdruck. Außerdem hat der Essig durch das ständige Geschaukel angefangen zu gären, und das Holz an den Innenwänden quillt schon.

Gurkenfass: Was sagst du da? Mein Holz quillt? Und der Essig gärt? Aber dann müsst ihr ja schnellstmöglich raus aus meinem Bauch, sonst zerreist es mich am Ende noch.

Gurke 1: Tja, da könntest du recht haben.

Gurkenfass: Warum habt ihr mir das nicht gleich erzählt?

Gurke 1: Du hast ja nicht gefragt.

Gurkenfass: Was machen wir denn nur, wie werde ich euch denn so schnell wie möglich los? Oooooh! Jetzt spüre ich es auch, mein Holz quillt und dehnt sich. Schnell, so helft mir doch zu überlegen! wie kann ich nur mein Holz retten?

Dicke Gurke: Ich hätte da eine Idee...

Gurkenfass: Nun sag schon. Mach schnell, bevor ich zerberste.

Dicke Gurke: Wie wäre es, wenn wir Gurken an Bord dieses Schiffes dort gehen?

Gurkenfass: Was für ein Schiff?

Dicke Gurke: Na, das Fischerboot dort, das geradewegs auf uns zukommt.

Gurkenfass: Da ist ja tatsächlich ein Schiff. Das muss eine Fügung des Schicksals sein! Ich bin gerettet! Wir müssen es auf uns aufmerksam machen. Helft mir.

Alle: Hallo – SOS – hierher – rettet uns – lasst uns an Bord kommen – bitte – SOS – hier sind wir.

Stärkeres Plätschern

Erzähler: Das Fass nimmt Kurs auf das Fischerboot und paddelt so schnell es kann darauf zu. Der Kapitän hat inzwischen seinerseits das kleine Fass entdeckt. Er stoppt sein Boot und beugt sich über die Reling zum Wasser hinunter, wo auch schon das Fass prustend angeplätschert kommt. Erstaunt hört der Kapitän den Gurken zu, die ihm wild durcheinander und in den leuchtendsten Farben von ihren traumatischen Reiseerlebnissen erzählen. Zur allgemeinen Erleichterung erklärt er sich bereit, sie an Bord zu nehmen und sicher an Land zu bringen. Glücklich klettern die Gurken aus dem Fass heraus und gehen an Deck. Die Verabschiedung fällt sowohl dem Fass als auch den Gurken nicht gerade schwer.

Gurkenfass: Na, dann gute Reise, ihr grünen Quälgeister.

Dicke Gurke: Ebenso für dich, du hohles Fass.

Andere Gurken: Auf Nimmer-Wiedersehen – Tschüß dann – Viel Glück in deinem weiteren Leben.

Gurkenfass: Ah – Sie sind weg. Endlich Ruhe. Ich glaube, es ist doch besser alleine zu reisen, als sich ständig mit diesen kleinen grünen Nervensägen beschäftigen zu müssen. Und ich komme jetzt auch viel besser voran, weil ich leichter bin. (singt vor sich hin)

Singen fade out

Zwischenmusik ca. 20- 30 sec. Dann fade out, Erzähler fade in.

Erzähler: Schläfrig dümpelt das Fass vor sich hin. Die Sonne brennt herunter, und es wird immer wärmer. Plötzlich hat es das Gefühl, sich auf der Stelle zu bewegen.

Meeresrauschen, Klebesound

Gurkenfass: Was ist denn nun los? Ich klebe fest. Igitt! Das ist ja Öl. Ein Öl-Teppich. Pfui Spinne.

Möwe: Brauchst du Hilfe?

Gurkenfass: Hä? Wer spricht da?

Möwe: Hier oben bin ich.

Gurkenfass: (zu sich) Eine Möwe. (zur Möwe) Kannst du mir vielleicht sagen, was hier los ist?

Möwe: Vor zwei Tagen ist ein großer Öltanker hier ausgelaufen. Schlimm, nicht wahr?

Gurkenfass: Das kannst du laut sagen. Aber tun die Menschen denn nichts dazu, um das Wasser zu säubern? Immerhin sind sie verantwortlich für das hier.

Möwe: Ach, die Menschen – seit wann übernehmen die Menschen die Verantwortung für das, was sie tun? Die Welt muss erst untergehen, ehe sie begreifen, was sie der Umwelt Tag für Tag antun.

Gurkenfass: Aber irgendwas muss man doch tun mit diesem Öl.

Möwe: Gestern war ein kleines Schiff da, und der Kapitän hat einige Fässer mit Öl gefüllt. Ich habe ihn gefragt, warum er das macht, und er meinte dann, dass sich Ölfässer im Nahen Osten ausgezeichnet verkaufen ließen. Ich hoffe, er kommt wieder und bringt noch ein paar Freunde mit, damit das Meer schnell wieder sauber wird.

Gurkenfass: Ölfässer sagst du...

Möwe: Genau.

Gurkenfass: Und du meinst, Öl in Fässern ist viel wert?

Möwe: Na und ob. Die Menschen sind ja ganz scharf darauf. Sie führen sogar Kriege deswegen.

Gurkenfass: Interessant. Danke, du hast mir sehr geholfen.

Möwe: Gern geschehen! Aber sag mal, was machst du denn da?

Gurkenfass: Das siehst du doch. Ich fülle mich mit Öl.

Möwe: Willst du jetzt etwa auch ein Ölfass werden?

Gurkenfass: Genau das habe ich vor. Und dann schwimme ich weiter und suche mir einen Ölscheich, in dessen Dienste ich mich stellen kann.

Möwe: Na dann viel Glück. Und falls du irgendwo leeren Fässer begegnen solltest, dann sag ihnen, dass es hier noch jede Menge Öl zu holen gibt.

Gurkenfass: Das werde ich tun. Leb wohl- und danke für alles! Ich werde niemals vergessen, was du für mich getan hast.

Möwe: Da nicht für.

Meer fade out, Musik fade in

Erzähler: Das Fass schwimmt weiter. Tage und Nächte vergehen, ohne dass etwas Erwähnenswertes geschieht. Die Sonne brennt mit jedem Tag heißer vom Himmel. Das Holz unseres kleinen Fasses ist von Wind und Salzwasser schon ganz spröde geworden. Fast zweifelt es daran, dass es jemals wieder auf festen Grund treffen wird. Doch eines Tages ist endlich Land in Sicht.

Gurkenfass: Endlich! Land! Das wurde aber auch Zeit. Ich glaube, für die nächsten zehn Jahre habe ich genug von der Seefahrt. Um was für eine Küste es sich wohl handelt? Wie aufregend so eine Reise doch ist. Fast habe ich den Strand erreicht. Nur noch ein paar Meter...

Erzähler: Da rollt unser Fass erschöpft an Land und fällt in einen tiefen komaähnlichen Schlaf.

Zwischenmusik ca. 20- 30 sec. Dann Überleitung in orientalische Musik, Erzähler fade in, Knistern eines Feuerchens

Erzähler: Zwei Tage und Nächte schläft das Fass in einem fort. Als es am morgen des dritten Tages endlich erwacht, befindet es sich in einem großen hohen Zelt. Sanftes Sonnenlicht scheint durch die weißen Zeltbahnen. Der Boden ist mit kostbaren Teppichen ausgekleidet. Ein würziger Geruch liegt in der Luft, und auf einer Feuerstelle dampft eine Teekanne. Neben der Feuerstelle sitzt ein Mann mit einem großen weißen Tuch auf dem Kopf. Er trägt ein langes weißes Kleid und keine Schuhe. Genussvoll zieht er an einer Wasserpfeife. Seine Augen ruhen dabei gütig auf dem Fass.

Scheich: Sei gegrüßt, Fremder. Willkommen in unserem schönen Land. Ich hoffe, du hast gut geschlafen?

Gurkenfass: Oh ja, danke schön. Aber verraten Sie mir doch bitte: wo bin ich?

Scheich: Du befindest dich hier in der Wüste. Meine Leute haben dich am Strand aufgelesen und in unser Stammeslager gebracht. Wir sind Nomaden.

Gurkenfass: Aha. Sagen Sie mal, kennen Sie denn zufällig einen Ölscheich, der hier in der Nähe lebt? Ich bin nämlich ein Ölfass und würde mich gerne in die Dienste eines Scheichs stellen.

Scheich: Da muss ich dich leider enttäuschen. Einen Ölscheich kenne ich nicht, und hier in der Wüste gibt es nur Ziegen. Aber ich mache dir einen Vorschlag. Ich bin selbst ein Scheich – und nicht gerade arm: Ich besitze große Herden von Rindern und Schafen, und auch mein Stamm ist groß. Wie wäre es, wenn du bei mir bleibst? Ich wäre gerne im Besitz eines Ölfässchens. Das würde mein Ansehen immens vergrößern. Denn wer Öl besitzt, gilt bei uns als reich. Du würdest es gut bei mir haben. Deine einzige Aufgabe bestünde darin, mir Gesellschaft zu leisten und dich von meinen Gästen bestaunen zu lassen. Und mir jeden Abend eine Abenteuergeschichte zu erzählen! Ich liebe nämlich Geschichten, und die vom Stammesältesten kenne ich alle schon in -und auswendig. Also, was sagst du?

Gurkenfass: Das klingt sehr verlockend. Wissen Sie, früher war ich ein Gurkenfass und stand tagein, tagaus in einer schmutzigen düsteren Halle. Ich war ein Fass unter vielen, und keiner interessierte sich für mich.

Scheich: Und hier wärst du etwas ganz Besonderes. Außer dir gibt es kein weiteres Fass in unserem Lager.

Gurkenfass: Überredet! Ich bleibe bei Ihnen.

Scheich: Das müssen wir feiern. Wir werden zusammen aus meiner Wasserpfeife schmauchen – diese Ehre gebührt übrigens nur wenigen. Komm, setz dich zu mir.

Erzähler: Das Fass rückt näher zum Scheich heran und blickt ehrfürchtig zu ihm auf. Vor dem Scheich steht eine Wasserpfeife. Sie ist hoch, schlank, hat eine grazilen, langen Hals und eine aufregende Figur. Ihr Glas glänzt matt im Feuerschein. Dem Fass wird ganz mulmig zumute. Plötzlich hat es das Gefühl, als hätte sich das Öl in seinem Bauch in eine Schar Schmetterlinge verwandelt. Die Wasserpfeife beginnt nun ihrerseits, das Fass zu mustern. Prüfend lässt sie ihre Blicke über das dunkle Holz gleiten. Dann lächelt sie ihm verschwörerisch zu.

Wasserpfeife: Ich grüße dich, du Fremder aus dem Abendland. Es ist mir eine Ehre, dich kennenzulernen.

Gurkenfass : (verlegen) Die Freude ist ganz auf meiner Seite.

Wasserpfeife: Du musst eine weite Reise hinter dir haben. Sicherlich hast du Spannendes erlebt. Wie gerne würde ich von deinen Reiseerlebnissen hören.

Gurkenfass: Oh ja, ich...

Scheich: ( ihm ins Wort fallend) Kleines Fässchen, was zauderst du. Erzähle endlich von deinen Abenteuern.

Erzähler: Und so beginnt das Fass zu erzählen. Und obwohl es für sein Leben gerne Geschichten erzählt, ist es heute nicht recht bei der Sache. Immer wieder schaut es verstohlen zur Wasserpfeife, die anmutig und mit halbgeschlossenen Augen dasteht und ihm immer wieder einen Blick aus ihren langbewimperten Augen schenkt. Sein ansonsten eher dunkles Holz hat heute Abend einen rötlichen Schimmer. Bis spät in die Nacht sitzen sie rauchend und erzählend am Feuer.

Scheich: Sehr spannend, deine Geschichten. Auch wenn sie etwas blutrünstiger sein könnten – nun gut. Ich will mich nun für heute verabschieden. Meine Frauen warten schon auf mich. Gute Nacht, mein Sohn. Ich wünsche dir einen angenehmen Schlaf und gute Träume.

Gurkenfass: Gute Nacht, Herr Scheich. Und haben Sie dank für Ihre Gastfreundschaft.

Schritte entfernen sich

Gurkenfass: Tja.. ähm...dann werde ich mich wohl auch mal aufs Öhrchen legen.

Wasserpfeife: Aber warum denn, du Fremder aus dem Abendland? Der Abend ist noch jung, die Sterne stehen am Himmelszelt wie Blumen auf einer Wiese und in der Nacht ist es in der Wüste am Schönsten. Komm, begleite mich auf einen Spaziergang durch die Nacht.

Gurkenfass: Oh ja, ja, ja – gerne!

Wasserpfeife: Was blickst du mich denn so unverwandt an?

Gurkenfass: Oh, entschuldige. Aber du – du bist so wunderschön. Ich glaube, ich habe noch nie etwas so Schönes wie dich gesehen.

Wasserpfeife: Nun, ich gehöre auch zu den Schönsten meiner Art. Der Scheich hat mich für viel Geld auf dem Bazar erstanden und hütet mich wie seinen Augapfel. Doch nun komm! Ich weihe dich ein in die Geheimnisse von Mond und Sternen.

Erzähler: Zusammen machen sich die beiden auf in die Nacht. Auf einer großen Düne bleibt die Wasserpfeife stehen und lässt sich in den Sand gleiten.

Zikaden fade in, leichter Wind, liebliche Musik

Wasserpfeife: Komm, setz dich zu mir!

Gurkenfass: Moment. Vorher muss ich dir noch etwas sagen!

Wasserpfeife: Nun?

Gurkenfass: Ich – ich glaube, ich habe mich in dich verliebt!

Wasserpfeife: Was zauderst du dann noch? Komm näher...

Erzähler: Und nur der Mond und die Sterne sind Zeuge von dem innigen Kuss der beiden.

Zwischenmusik ca. 20- 30 sec; Erzähler fade in, Musik leise weiter

Erzähler: Unser Fass lebt sich dank der Wasserpfeife schnell bei den Nomaden ein. Es zieht mit ihnen durch die Wüste, leistet mittags dem Scheich Gesellschaft und lässt sich nur allzu gerne von dessen Gästen bestaunen. Nachts macht es lange Spaziergänge durch die Wüste, Seite an Seite mit seiner Wasserpfeife. Nie zuvor in seinem Leben war das Fass so glücklich und zufrieden gewesen. Doch eines morgens herrscht große Aufregung im Lager. Mit großen Schritten stürmt ein Diener ins Scheichzelt, wo der Scheich gerade mit dem Fass eine Runde Schach spielt.

Während Erzählertext aufgeregtes Geschrei, Schritte fade in

Diener: Oh Scheich. Etwas Schreckliches ist passiert! Ein berittener Dieb ist ins Lager gekommen und hat Schmuck, Schafe und die Wasserpfeife gestohlen. Wir haben ihn bis weit hinaus in die Wüste verfolgt, dann aber seine Spur verloren.

Scheich: Schon wieder dieser Wüstenpirat. Es macht ihm wohl Spaß, mir meine Schätze zu stehlen. Aber das wird er mir büßen. Wenn ich den in die Finger bekomme, lasse ich ihn vierteilen.

Gurkenfass: Nein! Das kann doch nicht wahr sein. Bist du sicher, dass auch die Wasserpfeife entführt wurde?

Diener: Ganz sicher. Ihre markerschütternden Schreie gellten durchs ganze Lager, als der Dieb sie auf sein Kamel hob und mit ihr fortgaloppierte.

Gurkenfass: Oh Gott, wie furchtbar. Herr Scheich, schnell. Sie müssen etwas unternehmen, ehe ihr etwas zustößt.

Scheich: Du hast recht. Ich werde eine Truppe meiner besten Kamelreiter aussenden und nach ihr suchen lassen.

Gurkenfass: Oh Herr Scheich, bitte, lassen Sie mich ebenfalls nach ihr suchen. Die ganze Zeit hier untätig herumzusitzen, das ertrage ich nicht.

Scheich: Aber du kennst dich doch nicht aus in der Wüste, du wirst dich verirren und jämmerlich verdursten.

Gurkenfass: Nur keine Sorge. Ich bin aus gutem Holz und habe schon ganz andere Situationen gemeistert, zum Beispiel als ich auf dem Meer in ein Unwetter geriet und...

Scheich: Ich habe schon länger bemerkt, dass du meine schöne Wasserpfeife zutiefst bewunderst und verehrst. So höre: wenn du sie mir unbeschädigt zurückbringst, so gebe ich sie dir zur Frau.

Gurkenfass: Oh Scheich, Ihre Worte machen mich zum glücklichsten Fass unter der Sonne. Ich werde mich gleich auf den Weg machen.

Erzähler: Ohne eine weitere Minute zu verlieren, rollt unser Fass hinaus in die Wüste. Sieben Tage und Nächte irrt es dort umher. Doch von der Wasserpfeife oder ihrem Dieb fehlt jede Spur.

Leichter Wind fade in

Gurkenfass: ( schwach, ermattet, mit schwerer Zunge) Wo soll ich denn nur nach ihr suchen. Wenn ihr nur nichts zustößt. Und die Sonne beginnt allmählich, mein Holz auszutrocknen. Ich habe ja schon Risse in meinem Bauch. Wenn das so weitergeht und ich nicht bald Wasser finde, ist es aus mit mir. Doch Moment mal. Dort vorne sehe ich einen Schimmer am Horizont. Das sieht ja fast aus wie...Wasser. Ja, ich glaube dort gibt es Wasser. Nichts wie hin. Aber...nun ist der Schimmer wieder weg! Dafür schimmert da drüben jetzt was- nein dort- oh- bin ich denn verrückt geworden?

Erzähler: Das kleine Fass reibt sich ungläubig die Augen. Die Wasserstellen sind verschwunden, doch dafür kommt plötzlich ein leichter Wind auf. Und auf einmal ertönt eine Stimme.

Wind, Fatasound fade in

Fata Morgana: Du seltsam rundes Geschöpf aus Holz, was treibt dich denn in die Wüste?

Gurkenfass: Wer ... wer spricht da?

Fata Morgana: Du siehst mich nicht, aber ich beobachte dich schon eine ganze Weile. Ich bin eine Fata Morgana und vertreibe mir die Zeit mit lustigen kleinen Spielchen. Ich habe die Wasserstellen geschaffen, die du zu sehen glaubtest, die in Wirklichkeit aber nicht existieren.

Gurkenfass: Das...das ist aber gar nicht nett.

Fata Morgana: Verzeih mir. Aber es bereitet mir immer wieder aufs Neue großes Vergnügen, die Welt zu täuschen. Komm, kleines Fass, ich führe dich nun zu einer echten Wasserstelle. Vertrau mir.

Wind (ängstliche und erstaunte Geräusche vom Fass)

Gurkenfass: Oh! Wasser! Endlich! Ich werde gleich mal eine Runde baden gehen. Ahhh. Wie gut das meinem morschen Holz tut. Das war Rettung in letzter Minute.

Fata Morgana: Aber nun erzähle mir: was führt dich denn hier so ganz allein in die Wüste? So etwas wie dich habe ich hier noch nie herumrollen sehen.

Gurkenfass: Ich bin auf der Suche nach meiner Verlobten. Eine wunderschöne Wasserpfeife. Sie wurde aus einem Zelt meines Herrn, dem Scheich, entführt. Sieben Tage und Nächte suche ich schon nach ihr, aber ich kann sie einfach nicht finden. Ich habe große Angst um sie.

Fata Morgana: Eine Wasserpfeife, sagtest du? Von hoher schlanker Gestalt?

Gurkenfass: Ja genau, hast du sie etwa gesehen?

Fata Morgana: Ich sah einen Reiter mit einer solchen Wasserpfeife unterm Arm: den Wüstenpiraten! Ich kenne ihn gut, da ich ihm oft etwas vorspiegele. Bei ihm bereitet es mir besonders viel Freude, weil er leicht zu täuschen ist und immer ganz außer sich gerät, wenn er bemerkt, dass ich ihn wieder mal an der Nase herumgeführt habe. Zuletzt habe ich ihm vorgetäuscht, dass ein Harem auf einer Düne sitzt und ihm zuwinkt. Ich werde dich zu ihm bringen.

Erzähler: Das Fass wird von einem leichten Wind sanft über die Dünen geweht. Auf einmal taucht hinter einer großen Düne ein Zelt auf. Davor sitzt ein Mann mit einer Wasserpfeife.

Gurkenfass: Da ist sie. Und der Dieb! Oh ich werde ihn...

Fata Morgana: Pssss! Sprich nicht so laut. Gegen diesen Mann hast du nie eine Chance. Er ist ein skrupelloser Mensch, und wenn du dich nicht vorsiehst, wird er dich zu Kleinholz verarbeiten. Wir müssen ihn täuschen. Ich werde ihm ein paar schöne Luftspiegelungen vorführen. Das wird ihn ablenken, und währenddessen kannst du deine Verlobte befreien. Aber warte, bis der Wüstenpirat weit genug von seinem Zelt entfernt ist.

Windgeräusch

Gurkenfass: Weg ist sie. Hoffentlich gelingt unser Plan. Da...der Wüstenpirat hat die Fata Morgana erblickt! Wenn er nur nicht merkt, dass wir ihn austricksen. Ah, ich glaube er fällt auf unseren Trick herein. Jetzt oder nie! Wasserpfeife, mein Goldstück. Ich komme und rette dich!

Geräusche (Fass bewegt sich im Sand)

Gurkenfass: Meine Schöne, du brauchst nun keine Angst mehr zu haben. Ich komme, um dich zu retten.

Wasserpfeife: Mein Held. Endlich. Ich dachte schon, ich sehe dich niemals wieder. Schnell. Binde meine Fesseln los und bringe mich weg von diesem grauenvollen Ort.

Gurkenfass: Natürlich. So, diese Fessel und diese und diese.

Wasserpfeife: Ah...Danke. Wie hast du mich bloß gefunden? Du bist doch nicht vertraut mit unserer Wüste.

Gurkenfass: Eine Fata Morgana hat mir geholfen. Sie kennt den Wüstenpiraten und hat ihm etwas vorgespiegelt, das ihn von dir weglockte. So konnte ich dich befreien. Aber wo ist sie nur? Ich muss mich doch unbedingt noch bedanken. Hey – FATA. Danke für deine Hilfe.

Wind

Erzähler: Ein sanfter Wind kommt auf, streift ein paar Mal über das Liebespaar und trägt sie sacht über Dünen und Sand zurück zum Stammeslager des Scheichs. Der wartet schon seit Tagen sehnsüchtig auf die Rückkehr seines Ölfässchens.

Während Erzählertext Wind; Übergang in Feuerknistern

Scheich: Da seid ihr ja, ihr beiden. Endlich! Ich dachte schon, ich hätte meine beiden größten Schätze für immer verloren. Setzt euch zu mir. Ihr müsst mir unbedingt von eurem Abenteuer erzählen. Wart ihr denn in großer Gefahr?...oh wie ich Abenteuergeschichten liebe! Schnell. Erzählt.

Gurkenfass: Also, es begann damit, dass ich erst einmal tagelang in der Wüste umhergeirrt bin und auch schon fast am vertrocknen war, und als ich schon aufgeben wollte, habe ich auf einmal einen Wasserfleck mitten im Sand gesehen, und ich dachte noch, wie ist denn das möglich....( fade out)

Erzähler: Das Fass und seine Wasserpfeife beginnen bereitwillig zu erzählen, denn auch sie lieben Geschichten. Und wieder sitzen sie bis spät in die Nacht am Feuer, rauchend und erzählend. Am nächsten Tag machen sich der Scheich und das junge Liebespaar auf zur nächsten Stadt. Der Scheich hat ihnen nämlich versprochen, dass sie sich auf dem Bazar etwas Schönes kaufen dürfen. Als sie die bunten Stände entlang schlendern, bleibt das Gurkenfass mit einem Mal wie angewurzelt stehen.

Marktgeräusche, Stimmengewirr fade in während Erzählertext

Gurkenfass: Das ist doch nicht die Möglichkeit. Das gibt es doch nicht.

Wasserpfeife: Was hast du?

Gurkenfass: Da – auf dem Tisch da – das sind doch meine Gurken!

Wasserpfeife: Du meinst, dieses grüne Gemüse, das du früher mit dir herumgetragen hast?

Gurkenfass: Na und ob! Hey ihr grünen Monster. Was macht ihr denn hier?

Gurke 2: Ach nee! Das Gurkenfass. Dich trifft man auch überall. Wir werden hier feil geboten, wie du siehst.

Gurkenfass: Aber es sieht fast so aus, als wollte euch auch hier keiner haben, oder irre ich mich?

Gurke 1: Leider hast du recht. Die Leute mögen unsere Warzen nicht.

Gurkenfass: Na, das kann ich nachvollziehen. Die sehen wirklich widerlich aus.

Gurken: (empört durcheinander) – Ach der schon wieder – Mann Mann Mann – Haltet mich fest Jungs – sonst vergesse ich mich – Der ist so unverschämt – So eine Frechheit – Mit dem rede ich kein Wort mehr.

Gurkenfass: Jetzt werdet bitte nicht gleich wieder sauer! Ich wollte euch Gurken nämlich gerade einen Vorschlag machen. Wie wäre es, wenn ich euch kaufe und mit in die Wüste nehme? Ich habe von meinem Herrn nämlich einen Wunsch frei, und im Stammeslager ist es sehr schön. Ihr würdet euch dort bestimmt wohlfühlen.

Dicke Gurke: ( säuerlich) Nein danke, wir verzichten. Lieber bleiben wir bis an unser Lebensende hier auf dem Markt liegen.

Gurkenfass: Jetzt seid doch nicht so stur. Ich meine es wirklich nur gut mit euch.

Dicke Gurke: Seit wann meinst du es denn gut mit uns? Unser Wohlergehen hat dich doch bisher auch nicht interessiert.

Gurkenfass: Das ist nicht wahr. Ich wollte immer nur euer Bestes. Aber bitte, wenn ihr nicht wollt...Und dabei hättet ihr so ein schönes Leben im Lager. Ihr würdet als meine Ehrengäste großes Ansehen genießen und könntet den lieben langen Tag vor euch hindösen. Na ja, schade. Aber man kann schließlich niemanden zu seinem Glück zwingen.

Dicke Gurke: Hm... wenn das so ist. Vielleicht ist die Idee ja doch nicht so schlecht. Wir werden uns mal eben beraten und dir dann unsere Entscheidung mitteilen.

Gurken: Also, ich weiß nicht recht – Der blufft doch nur – Und wenn er es doch ernst meint?

Gurkengemurmel fade out

Erzähler: Die Gurken beschließen nach einigem hin und her, das Fass zu begleiten. Alle Gurken werden aufgekauft und auf einem Kamelrücken ins Stammeslager gebracht. Und alles geschieht, wie das Fass es den Gurken versprochen hat. Sie erhalten eine mit Essig gefüllte Kiste, in der sie vor sich hindösen können und werden überall mit großer Höflichkeit und Respekt behandelt. Das Fass und seine Wasserpfeife bekommen ihre eigene Ecke im Scheichzelt und leben dort glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Abschlussmusik ca. 30-40 sec.
Dann Abspann, Musik leise im Hintergrund
Musik fade out
Best of Versprecher

Ein Nachwort zur Entstehungsgeschichte

Als ich zum ersten mal das Seminar „Kreatives Schreiben“ besuchte, zweifelte ich noch stark daran, dass ich jemals ein Hörspiel schreiben würde. Hörbuchautoren erschienen mir wie Zauberkünstler, und die Kunst des Hörspielschreibens wie ein Buch mit sieben Siegeln. Ich hatte zwar ein paar Ideen im Kopf, aber keine Ahnung, wie ich sie umsetzen sollte. Mein erster Versuch trug den Arbeitstitel „Flughafengespräche“. Die Geschichte handelte von einem schwäbischen und einem norddeutschen Ehepaar, die sich auf dem Johannisburger Flughafen kennenlernen. Der Abflug ihrer Maschine verzögert sich durch ein Unwetter, und sie kommen miteinander ins Gespräch. Dabei gibt es einige Verständnisschwierigkeiten, denn die Sprache des schwäbischen Ehepaars ist gespickt mit schwäbischen Ausdrücken, die den Norddeutschen Kopfzerbrechen bereiten. Dadurch kommt es zu allerlei Missverständnissen und Pannen. Leider war mir bei dieser Geschichte selber nicht ganz klar, worauf ich eigentlich hinaus wollte. Der rote Faden und der Höhepunkt fehlten. Auch das Thema „Dialekt und Verständnisschwierigkeiten“ kam mir ausgelutscht vor. Ich verwarf die Geschichte und war wieder ratlos. Eines Mittags saß ich im Seminar und grübelte, was es denn noch für Möglichkeiten gab. Ich war mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass ich ein Kinderhörspiel schreiben wollte; ich stellte mir das leichter vor, denn dabei könnte ich meiner Phantasie einfach freien Lauf lassen. Und da stieg auf einmal eine Erinnerung an meine Kindheit in mir auf. Ich musste plötzlich an einen Spitznamen denken, den mein älterer Bruder mir gegeben hatte, als ich klein war: Gurkenfass. Er meinte damals, dieser Name würde ausgezeichnet zu mir passen, da ich klein und grün hinter den Ohren wäre – genauso wie Gurken. Ich war höchst verärgert darüber gewesen, vor allem als mein Bruder mir zum sechsten Geburtstag ein Essiggurkenglas schenkte. Und als ich so da saß und mich an meinen alten Spitznamen erinnerte, wusste ich, wie der Titel meines Hörspiels lauten sollte: „Das Gurkenfass“. Ich setzte mich zu Hause sofort an den Computer und schrieb die Geschichte einfach runter. Die Geschichte purzelte einfach nur so aus mir heraus, ich wusste genau, worauf ich hinaus wollte und hatte somit endlich einen roten Faden gefunden. Es war, als wäre eine Schranke durchbrochen worden, und im Grunde war es auch so; denn ich hatte mir vorgenommen, dass in meiner Geschichte alles erlaubt sein sollte, auch die unrealistischsten Dinge. Ich schrieb bis tief in die Nacht, und am nächsten Tag schrieb ich gleich weiter. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Zuerst schrieb ich die Geschichte in Form eines Prosatextes. Dies war meine erste Rohfassung. Daraus begann ich dann Dialoge herauszuarbeiten, und so baute ich die Geschichte nach und nach zum Hörspiel um. Das war viel Arbeit, machte aber unheimlich Spaß. Manche Teile warf ich später wieder raus oder formte sie um, und mir kamen immer neue Einfälle, wie man die Geschichte ausbauen könnte. Alles in allem dauerte es natürlich seine Zeit, bis das Hörspiel endgültig fertig war, aber es hat mir sehr viel Spaß gemacht.

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