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Autor: Ueding, Gert.

Titel: Schreiben für alle? Versuch über eine babylonische Vision.

Quelle: Jens, Walter (Hrsg.): Schreibschule.Neue deutsche Prosa. Angeregt, betreut und herausgegeben von Walter Jens. Frankfurt a.M. 1991. 228-236.

Verlag: Fischer.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.



Gert Ueding

Schreiben für alle?

Versuch über eine babylonische Vision



Die Behauptung, die man vor Jahren deutlicher hören konnte, heute nur noch hin und wieder und dann im Zusammenhang mit der Diskussion über die neuen Medien vernimmt, daß das Gutenberg-Zeitalter, das Zeitalter der Schriftkultur, endgültig der Vergangenheit angehöre, klingt in meinen Ohren meist wie eine Beschwörungsformel gegen die immer höher schwappende Flut des beschriebenen und bedruckten Papiers. Das beginnt mit der täglichen Erfahrung, mit den Zeitungen, Zeitschriften, Katalogen, Werbebroschüren und Drucksachen aller Art, die unsere Briefkästen überschwemmen, von den Fotokopien, Projektpapieren und Mitteilungen, die sich auf unseren Schreibtischen auftürmen, einmal ganz abgesehen. Wir hören von den Klagen der Bibliothekare und Archivare, deren verfügbarer Raum immer schneller unter den Papierbergen verschwindet, jeden Herbst vernehmen wir von der Frankfurter Buchmesse neue Rekordzahlen bei der Menge der Veröffentlichungen und der Auflagenhöhe der Bücher. »Ein Kritiker«, schrieb Karl Corino vor einigen Jahren, »lebt heute in fortwährender Gefahr, von den Bücherbergen erschlagen zu werden, die sich rings um ihn häufen.«

Das ist, wir alle wissen es, kein vereinzeltes Klagelied, jeder von uns könnte seine eigene Strophe mit eigenen Argumenten, Daten, Erfahrungen dazu hersingen. Aber bedeutet es in dieser Situation nicht dann fast eine Paradoxie, das Schreiben für alle zu propagieren, gar zu lehren; immer neue Schreibwerkstätten zu gründen und dort zu ermuntern, wo man bremsen sollte? Wie ein Ertrinkender, der lauthals nach Wasser ruft, mag man sich dabei vorkommen., sich an den bissigen Ausspruch Bert Brechts erinnern: »Gar nichts ist immer das Beste, was einer schreiben kann«, oder beifällig jenen vor einigen Jahren gestifteten Anti-Literaturpreis bedenken, der an Autoren unter der Bedingung verliehen wird, daß sie nie wieder eine Zeile veröffentlichen. Jeder nichtpublizierte Aufsatz, jedes nichtgeschriebene Buch entlastet den Haushalt unserer Kultur, trägt dazu bei, daß ihr Kollaps noch ein wenig hinausgezögert wird, dient der Konzentration aufs Wesentliche. Denn manchmal scheint es, daß wir gar nicht weit von der Verwirklichung der Utopie entfernt sind, die Borges in seiner Erzählung von der »Bibliothek von Babel« beschrieben hat: »Das Universum (das andere die Bibliothek nennen) setzt sich aus einer unbegrenzten und vielleicht unendlichen Zahl sechseckiger Galerien zusammen ... Zwanzig Bücherregale, fünf breite Regale auf jeder Seite, verdecken alle Seiten außer zweien: ihre Höhe, die sich mit der Höhe des Stockwerks deckt, übertrifft nur wenig die Größe eines wahren Bibliothekars.« Eine bedrückende Vision, dieses Bild der Welt als einer unendlichen labyrinthischen Bibliothek, die sämtliche nur möglichen Bücher umfaßt.

Doch damit ist das Gleichnis noch nicht erschöpft, denn wenn wir historische Identität nur dadurch gewinnen können, daß wir uns unsere eigene Geschichte immer wieder, wenn auch variantenreich und ausgeschmückt, erzählen, dann gewinnt die Rede von der Bibliothek als dem Gedächtnis der Menschheit einen präzisen Sinn. Und auch die Bibliothek von Babylon, dieses negative Sinnbild unserer papierüberfluteten Kultur, stellt sich damit nicht etwa als Warngespinst vor einer Verschriftlichung der Welt schlechthin heraus, sondern als Zeichen der Entfremdung, die sich zwischen den Menschen und ihrer in Büchern bewahrten Rede aufgetan hat. Niemand in dieser Bibliothek des Universums weiß ja, was wirklich in den Regalen steht, es ist totes Wissen, das dort lagert, von seiner Produktion erfahren wir nichts. So ist sie tatsächlich zu einem Monument des Vergessens, des Gedächtnisverlusts geworden, zum Ort der Zeit- und damit Geschichtslosigkeit: Eine, wie ich denke, treffende Allegorie für die paradoxe Situation, in der wir uns befinden, daß nämlich einerseits der Bestand des Geschriebenen unaufhaltsam wächst, wir zugleich aber Zeugen eines neuen Analphabetismus werden, die Unfähigkeit, sich sprachlich auszudrücken, schon ein Generationsphänomen geworden ist und sämtliche Bereiche des Lebens, von der Politik und Wissenschaft bis zur Familie, von dieser Erosion der Sprache betroffen sind.

Nach allen Überlegungen, die ich angeführt habe, besteht für mich kein Zweifel daran, daß das aktuelle Unbehagen an der Hypertrophie unserer Schriftkultur und ihrer Entfremdung zu einer Art von babylonischem Bücherturm seine Hauptursache nicht darin hat, daß es zu viele, sondern daß es zu wenige gibt, die schreiben. Schreiben verstanden als schriftliche Fassung menschlicher Rede, die in nichts anderem als der Kultivierung »des nichtformalisierten Denkens« (Chaim Perelman) eines mehr oder weniger bewußten Alltagsverstandes besteht, der den Künsten und Wissenschaften vorausgeht und ihre Prinzipien begründet. Rhetorik hat sich aber seit ihrer Entstehung als Theorie und Technik dieses vor- oder metawissenschaftlichen Denkens verstanden. Als ihr eigenes Bildungsideal hat sie zwar den vollkommenen Redner entworfen und zu ihrer Verwirklichung eine besondere Begabung vorausgesetzt, das rednerische Vermögen selber allerdings galt ihr als konstitutives Merkmal des Menschen, weshalb sie es bei allen geübt und ausgebildet wissen wollte. Ausnahmen von der Regel der rednerischen Naturanlage gebe es nicht häufiger, sagt Quintillan, »als durch unnatürliche Mißgestalt und Mißbildungen gestaltete Körper«. Eine Entfremdung der Rede von der Öffentlichkeit war damit gar nicht denkbar. Die differenzierten Werte, die kunstvollen Formen und Ausdrucksweisen besaßen niemals in der Antike nur die alleinige Funktion in einem bestimmten Zweckverhältnis, sei es der Volksversammlung oder der Festveranstaltung. Als artistisch ausgearbeitete Spitzenversionen der Alltagsrede und des ihr entsprechenden Denkens kehrten sie auch wieder zu ihm zurück. Sie wurden aufbewahrt und ständig in Rede und Widerrede neu erprobt, gaben die Vorlage ab für Diskussion und Übung sowie die Muster, an denen sich die didaktische Methode der imitatio stets neu zu bewähren hatte; so blieben sie lebendig über Jahrhunderte, und Traditionsbildung geschah dementsprechend als bewußte Herstellung von Geschichte ohne Brüche und Sprünge, die historische Identität des einzelnen war ebenso wie diejenige des Kollektivs das Ergebnis eines ununterbrochenen Gesprächs, einer Wechselrede zwischen den Zeiten und zwischen Alltagsdenken und theoretisch-wissenschaftlichem Forschungsverhalten in Kunst und Gesellschaft selber.

Nach diesen Erläuterungen kann ich nun auch genauer angeben, worauf sich ein Programm »Schreiben für alle« gründen muß. Das Bedürfnis nach entsprechenden Seminaren ist ausgesprochen groß, und das gilt nicht nur im Bereich der Universitäten. Schreibwerkstätten, Volkshochschulkurse und poesietherapeutische Zirkel können nicht über Mangel an Interessenten klagen. Fragt man Teilnehmer nach den Motiven, so ähneln sich die Antworten ganz erstaunlich, sind auch von großer Offenheit: »weil ich sonst meinen Trieb, mein Gefühl nicht ertragen kann«, antwortete eine Studentin und fügte hinzu, daß das Schreiben schon seit ihrer Jugend das wichtigste Mittel der Affektentladung gewesen sei; unbeholfen drückt sie es so aus: »In meiner Jugend war es für mich die einzige Lösung, in der ich meinen Trieb lösen konnte.« Eine andere benutzt es, wie sie angibt, »zur Ordnung von Unstimmigkeiten; besser Unklarheiten; um den Kopf gelegentlich etwas zu erleichtern«. Auch männliche Teilnehmer schreiben, um sich »komplizierter Probleme« bewußt zu werden oder »eigene Erlebnisse (zu) ... verarbeiten«. In diesem Punkt gibt es freilich einen bemerkenswerten Unterschied zwischen den Geschlechtern. Während Studentinnen die gleichsam selbsttherapeutische Absicht des Schreibens häufig nennen, geben Studenten überwiegend berufszielorientierte Beweggründe an, wie das Trainieren der sprachlichen Fertigkeiten oder die Unterstützung einer schon bestehenden freiberuflichen Tätigkeit.

Eine zweite große Gruppe von Motiven bezieht die klärende Wirkung des Schreibens vor allem auf seine Funktion als Erinnerungshilfe oder Gedächtnis. Man schreibe, um »Begebenheiten festzuhalten«, »zur Erinnerung für mich selbst«, zur »Fixierung eigener Reflexionen, Entwickeln eigener Gedanken« oder einfach bloß »zur Erinnerung«, kann man da lesen. Nur hin und wieder wird einmal angegeben: »aus Lust am Schreiben« oder aus »Genuß, etwas geschaffen zu haben«. Ohne aus solchen Äußerungen allzuviel ablesen zu wollen, machen sie doch deutlich, daß sich die Beweggründe des Schreibens bei Laien und Dilettanten von denjenigen professioneller Schriftsteller nicht wesentlich unterscheiden, und jeder könnte aus den verbreiteten und literaturgeschichtlich notorisch gewordenen Konfessionen unserer Dichter entsprechende Selbstaussagen ohne große Mühe finden. Das besagt zunächst einmal nichts anderes, als daß mit dem Schreiben tatsächlich ein aus den Problemen unserer Alltagspraxis folgendes Wahrnehmungs-, Unterscheidungs- und Aufklärungsvermögen aktiviert wird, das unter bestimmten, hier nicht weiter zu erörternden Bedingungen auch in eine künstlerische Produktion übergehen kann. Dabei könnte man es nun bewenden lassen, könnte sich damit begnügen, den interessierten Männern und Frauen die Schreibmöglichkeit zu eröffnen, sie zu ermutigen und ihnen hin und wieder Ausdruckshilfen zu geben. Solche sehr eingeschränkten Ansprüche werden gelegentlich vorgetragen, als Antwort auf Stil- oder Sprachkritik etwa und mit der Pointe, daß es schließlich genüge, wenn der Autor selber wisse, was er meine, und er ja damit zufrieden sei. Auch manche psychotherapeutische Schreibpraxis mag damit fürliebnehmen und in der Ermunterung des Patienten, zu schreiben, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, die wichtigste Aufgabe sehen. Allein, ich glaube, daß damit nicht einmal auf diesem Felde die besten erreichbaren Ergebnisse erzielt werden.

Das Beherrschen der Form kann natürlich nicht gleichgültig für den Erfolg des Redens und Schreibens in der individuellen und kollektiven Lebensmeisterung sein, weil die Form selber der Inhalt ist und ihre Differenzierung, ihre Artifizialität auch eine differenziertere, artifiziellere Wirkung garantiert. Eine Konsequenz, die nicht nur die antike Kulturpraxis auch von dieser Seite einleuchtend macht, nämlich an den exemplarischen Grundbüchern, den auctores, an modellhaften Formen und kanonischen Grundsätzen zu lernen, sie in immer neuen Zusammenhängen, unter neuen Perspektiven zu diskutieren oder zu variieren, denn auf diese Weise wurde der Schatz des Erfahrungswissens bewahrt, erprobt, neuen Bedingungen angepaßt, gleich einem medizinischen Instrument, das seine Tauglichkeit in täglicher Praxis erweisen muß und ihr entsprechend weiterentwickelt wird. Ich weiß wohl, daß dies ein einseitiger Blick auf die ästhetischen und rhetorischen Formen, Gattungen, Funktionsweisen ist, er ist es ganz bewußt, denn sie haben auch diese Seite, und überspitzt möchte ich sagen, daß der literarische Kanon, der ebenfalls eine Erbschaft der antiken Kultur darstellt und dessen Fehlen wir heute wohl zu konstatieren haben, auch einen Katalog von Rezepten bereitstellte, die man für alle möglichen individuellen und sozialen Selbstheilungsprozeduren gebrauchen konnte.

Solche Feststellungen scheinen mir für eine Theorie des Schreibens von besonderem Belang, die die Kulturtechnik der menschlichen Rede nun nicht mehr exklusiven Berufen allein vorbehalten, sondern wieder zum allgemeinen Gebrauch um eines menschenwürdigen Lebens willen freisetzen möchte. Dabei ist das Sprechen, wie einem der Schnabel gewachsen ist oder man es dem Volk vom Maule abgeschaut hat, nur eine mögliche Form unter vielen anderen und nicht universal einsetzbar oder für alle Zwecke und Probleme zu handhaben. Auch hier gilt wie überall, daß vielseitige Ausbildung die Lebenstüchtigkeit um ein Vielfaches erhöht, daß Spezialisierung aber immer auf eine Form von Verkrüppelung hinausläuft.

Schreiben für alle kann die Parole nun nur noch in einem verwandelten Sinne heißen, nämlich kunstvoll Schreiben für alle. Womit ich natürlich nicht gleichzeitig auch für die Publikation des derartig mehr oder weniger kunstvoll Geschriebenen plädiere, gerade ich nicht, der ich schließlich als Literaturkritiker darunter auch wieder zu leiden hätte und genügend gedruckte Laienliteratur in jeder Büchersaison finde. Für mich steht hier vielmehr auch wieder eine Paradoxie außer Frage, daß nämlich das Fehlen eines breiten und dabei durchaus kultivierten, unterrichteten literarischen Dilettantismus den Dilettantismus der Schriftsteller nicht nur begünstigt, sondern sogar hervorbringt und preiswürdig macht. Wenn Romane zu schreiben wie Heinrich Böll oder Johannes Mario Simmel zu den selbstverständlichen Fertigkeiten eines Gymnasiasten gehörte, hätten diese Autoren keine Chance – oder aber sie hätten eine Kunstfertigkeit entwickelt, die ihnen dann wirkliche literarische Bedeutung verleihen würde. Das gilt mehr noch im Bereich der öffentlichen Rede, über welche zu klagen schon zu einem Problem des Geschmacks geworden ist, so miserabel präsentiert sie sich allenthalben, auf der politischen Rednertribüne ebenso wie in Presse, Fernsehen, Rundfunk. Wer würde sich das denn bieten lassen, wenn er erkennen könnte, was ihm dort geboten wird, wer würde seinen Abgeordneten nicht mit Hohn und Spott überhäufen, wenn ihm plötzlich dessen routiniertes Stammeln zu Bewußtsein käme, und wer hätte wohl seinem Professor großen Respekt entgegengebracht, wäre ihm dessen hermetische Fachsprache als besondere Form einer Redeunfähigkeit klar geworden? Hier habe ich, ohne das weiter ausführen zu können, die kulturkritische und damit zugleich kultivierende Wirksamkeit eines Schreibschulprogramms gestreift. Es mag gerade in diesem Punkt idealistisch klingen, zu übermächtig scheint der Einfluß der sprachverhunzenden, die Redefähigkeit verkrüppelnden Medien, als daß ihnen mit Schreibseminaren wirklich Widerstand geboten werden könnte.

Doch sind diese Übungen ja selber schon Symptome eines sozial empfundenen und in seiner verheerenden Wirkung immer bewußter werdenden Mangels. Die Erziehung zur Sprachunfähigkeit in unserer Gesellschaft stellt auf Dauer gerade die Institutionen in Frage, die dafür verantwortlich sind und möglicherweise kurzfristig davon profitieren, weil Hilflosigkeit zur Abhängigkeit wird; ich meine die Bildungsinstitutionen ebenso wie die wissenschaftliche Forschung, wie Wirtschaft und Technik. Man könnte das mit Hegel auch eine Form der »List der Vernunft« nennen, da Vernunftlosigkeit in einer komplizierten Gesellschaft Vernunft produzieren muß, bei Strafe des Untergangs in eine neue Einfachheit, das ist Barbarei. Ja, ich gehe sogar soweit zu sagen, daß der Verfall der Rede als kollektives Vermögen in allen seinen Formen seit dem 18. Jahrhundert nicht zufällig einhergeht mit der wissenschaftlich-technischen Entfremdung von der Natur und der Entwicklung eines Gewaltverhältnisses, des Raubbaus, zu ihr. Das ist mehr als eine Vermutung, wenn wir nämlich bedenken, daß einer der wichtigsten Vorreiter und theoretischen Gewährsmänner des naturwissenschaftlich-technischen Zeitalters, Francis Bacon, die menschliche Rede zu den Trugbildern rechnete und den Umgang mit der Natur auf ihre totale Beherrschung reduzierte. Wenn wir so weit denken und auch vor ungewöhnlichen Korrespondenzen nicht zurückschrecken, die sich aus dem Konzept einer die Welt und Natur humanisierenden allgemeinen Redekultur ergibt, so tritt die so merkwürdig erfolg- und facettenreiche Bewegung der Schreibwerkstätten auf einmal in Konjunktur mit einem anderen, ihr scheinbar doch ganz fremden, nämlich der Ökologie verpflichteten Bewußtsein, ist gleichsam deren Pendant im Reich der Rede.



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