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Autor: von Graevenitz, Gerhart.
Titel: Eleganz und Abgrund. Beobachtungen zu Mörikes Lyrik.
Quelle: Martin Ammon & Lutz Friedrichs (Hrsg.): Arbeitsstelle Gottesdienst. Einer der untröstlich blieb... Eduard Mörike 1804-2004. Hannover, 01/2004, 18. Jahrgang, 2004. S. 35-40.
Verlag: Arbeitsstelle Gottesdienst.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Herausgeber.
Gerhart von Graevenitz
Eleganz und Abgrund
Gerade noch haben wir Gottfried Sempers 200. Geburtstag gefeiert: Die Dekoration im Londoner Glaspalast, das Gebäude der Eidgenössischen Technischen Hochschule, der Topuniversität Europas in Zürich, die Semper-Oper in Dresden, die nach jedem Brand, jeder Zerstörung, jeder Flut immer noch beliebter wird, der schönste Kulturtempel Deutschlands. “Heute ist sein ehemaliges Hoftheater tatsächlich das, was Semper sich immer gewünscht hat: eine Spielstätte für das Volk” schwärmte vor wenigen Wochen das Magazin für Denkmalkultur in Deutschland. Das 19. Jahrhundert hält unserer Massenkultur stand.
Jetzt feiern wir Mörikes 200. Geburtstag. Auch er hätte gern fürs Volk gearbeitet, mit seinen Mythen, Märchen und Volksliedern. Aber er ist damit in der Massenkultur nicht angekommen. In ein paar südwestdeutschen Reservaten literarischer Bildung kennt man ihn, ein paar Germanistinnen und Museumsdirektoren pflegen ihn noch. Im “Museum des Gemüts” von Hermann Lenz, da, so scheint es, kommt er noch vor. Dabei hat auch Mörike Maß am technisch Neuesten genommen, begeisterte sich für Eisenbahn und Fotografie. Er schrieb eines seiner schönsten Gedichte über die seinerzeit massenhaft hergestellten Gusseisenlampen: “Auf eine Lampe”, längst totgeschlagen von der philosophischen Überinterpretation. Auch ihn faszinierten die Effekte der modernen Architektur- und Dekorationskünste, aber er verlegte sie in ein einsames Waldkloster, “Bilder aus Bebenhausen”. Das Kloster im Schönbuch ist romanisch und gotisch, die Verse sind neuhumanistisch, wie Sempers Architektur sind sie Antike aus dritter Hand, unverwüstlich schön.
Doch solche Verse in antiken Maßen lesen wir allenfalls noch, wenn der Lyriker Durs Grünbein sie uns vorschreibt. Und überhaupt. In Shanghai, in New York boomt das Weltgeschehen, ein paar schwäbische Firmen können noch daran partizipieren, aber sonst kümmert sich niemand auf der Welt um das aufgedonnerte Provinznest Stuttgart. Dagegen “Das Stuttgarter Hutzelmännlein”, eine folkloristische Spielerei mit Wasserfrauen und schwäbischen Zungenbrechern - lässt sich Abgelegeneres vom Zeitgeist, Überflüssigeres noch denken?
Nein, Mörikes kleine Wortarchitekturen sind keine Spielstätten für das Volk von 2004 geworden. Die irgendwie steckengebliebene, von Staats wegen betriebene Monumentalausgabe wird keinen Semper-Opern-Erfolg haben. Das alles ist nicht weiter verwunderlich. Der halb spießige, halb wehleidige und ganz lebensuntüchtige Mörike - diese Winkelexistenz der allerleisesten Töne ist nicht angekommen bei jenem “aufgeklärten Proletariat”, das mit seiner Unverschämtheit und Vulgarität heutzutage durch Deutschland tobt.
Ein Prinz des äthiopischen Kaiserhauses, Jahrgang 1948, hat über den Normenhaushalt der schwäbischen “Ehrbarkeit”, der Ärzte, Juristen, Pfarrer und Missionare - und das sind Mörikes späte Standesgenossen -, den ersten Kontakt mit der deutschen Kultur gehabt. Ein durchaus unfreiwilliges Schicksal wurde daraus, “ein Leben in Deutschland”. Aus teilnehmender Beobachtung, teilnehmend auch im Sinne des Sympathisierens, und aus der doppelten Distanz des Afrikaners und des Prinzen hat Asfa-Wossen Asserate ein geistreiches Bild deutscher Alltagssitten gezeichnet, zeigend, was ist und zeigend, was fehlt. Von provozierender Antiquiertheit sind seine Ideale, Demut und Anmut, zwei Wörter wie aus der letzten Eiszeit und mit ihnen kommen Zumutungen wie Diskretion und Eleganz ans Tageslicht. Das Buch ist dabei, ein großer Erfolg zu werden. Vielleicht, weil wir in der lauten Rempelei doch wieder wissen wollen, wann Aufstehen ein Akt der Menschenwürde ist und wie wir frei von Egoismus unserer selbst sicher sein können. “Urbanität” hätten die Alten zu solchen Verhaltensweisen gesagt, mit denen in Städten vom Schlage Shanghais und Stuttgarts freilich nichts zu gewinnen ist. Die Alten, das sind wieder die ganz Alten, die Griechen und Römer, denn auch die “Manieren” sind Antike aus der dritten Hand, wie Sempers Architektur oder Mörikes Verse.
Decorum heißt die antike Grundlage für die europäische Kultur des Angemessenen. Das decorum einer gelassenen Bescheidenheit, das sich traumwandlerisch auf der mittleren Linie von Regelsicherheit und virtuoser Lässigkeit bewegt, dies decorum hat Cicero für das richtige Handeln in den Geschäften und in der Politik (de officiis) ebenso erschlossen wie für das richtige Reden (orator). Erasmus hat das decorum an die Gelehrten und an die Kleriker weitergereicht. Die Kleriker freilich hatten schon ihre mittelalterlichen Erfahrungen mit dem decorum gesammelt. Die Klostergemeinschaften besaßen ein genaues Repertoire der Selbstkontrolle, und mit ihrem großen Einfluss auf Bildung und Literatur haben sie den rauen Totschlägern, den Rittern beigebracht, was sie zu “höflichen” Leuten macht. Ob das, was dann aus der Renaissance und dem Humanismus ins neuere Europa kam, das Verhalten von Professoren, Junkern und Pfarrern in jedem Einzelfall verbessert hat, bleibt fraglich. Aber es hat mit Sicherheit die Literatur und ihr Publikum imprägniert. Auch der afrikanische Prinz zitiert häufig aus der europäischen Literatur und nie aus Bekennerinnenbriefen von Anstandsdamen. Man ahnt, im Umkehrschluss, dass das Abhandenkommen der Manieren, der Diskretion, der Bescheidenheit und der Eleganz, kurz der Verlust der sozialen Gleitmittel mit dem Verlust literarischer Bildung einher geht und zu den Kosten unserer zahlreichen Fortschritte gehört.
Mörike wuchs auf mit der hölzernen Rechtschaffenheit der schwäbischen Ehrbarkeit und ihrer stocknüchternen Gründlichkeit. Als er in die Welt der antiken Verse eindrang, in ihre bis in die kleinste Nuance reichende Regelsicherheit, die doch wie angeboren ist und ruhig und natürlich daherkommt, als er anfing Distichen, Hendekasyllaben und wie sie alle heißen, zu lesen und zu schreiben, da hat sein Intellekt die neglegentia diligens erworben, die studierte und trainierte Unbekümmertheit, von der Cicero schreibt. Sein Denken nahm die sprezzatura, die Nonchalance der europäischen Vornehmen an, die immer im Verdacht steht, ihre Lässigkeit bis zur Überheblichkeit zu treiben. Jedenfalls hielt es der Dichter Mörike mit seinem Kollegen Ovid, der in der Liebeskunst lehrte, dass die wahre Kunst darin bestehe, die Kunst zu verbergen. Ars est celare artem. Anmut, Grazie heißen die ästhetischen Tugenden der überwundenen und verborgenen Anstrengung, bei den antiken Dichtern nicht anders als im Manierenbuch von 2004. Eleganz muss unmerklich sein wie das Atmen. Wenn wir darüber nachdenken, fangen wir an zu schnaufen. Eleganz ist das Gegenteil von Aufwand. Dieses alteuropäische, durchaus elitäre Ideal von intellektueller und ästhetischer Urbanität war Mörikes leise Provokation gegen die holprige Ehrbarkeit seiner schwäbischen Standesgenossen. Er teilte ihre sozialen und moralischen Standards. Aber der Dichter versagte sich ihnen in der Einsamkeit seiner Eleganz.
Mörike kannte seine Gewährsleute, die Väter der antiken Eleganz hinter Klostermauern. Einem von ihnen, dem letzten Prior der Kartause Ittingen, hat er 1840 einen Besuch abgestattet. Abgelegen und schön ist sie, die Kartause Ittingen im Kanton Thurgau. Fast nur Bodensee-Anrainer kennen diesen wunderbaren Winkel der Nordschweiz.
DEM HERRN PRIOR DER KARTAUSE I.
Sie haben
goldne Verse mir, phaläkische,
Das zierlichste Latein,
geschickt. Ich möchte wohl
Sie gleicherweis erwidern; doch
mit gutem Grund
Enthalt ich mich des Wagestücks,
Vortrefflicher!
Kein Wunder, wenn ein grundgelehrter Freund Sie
nur
Den zweiten Pater elegantiarum nennt.
Etwas bedenklich
scheint es zwar, ich muß gestehn,
Daß ein Herr Prior,
Prior des Kartäuserstifts,
Mit unserm Veroneser wettzueifern
sich
Inallewege als berufnen Meister zeigt.
Wenn Ihr Herr
Bischof das erführe! - doch es soll,
Was über allen
Türen Ihres Klosters steht,
An Pfosten, Gängen, selbst
am heimlichen Gemach,
Silentium! - das strenge Wort, mir heilig
sein.
In wenig Tagen komm ich selbst; schon lange lockt
Die
neue Märzensonne mich. Dann find ich wohl
Im Garten frühe
meinen stattlich muntern Greis,
Beschäftigt, wilder
Rosenstämmchen jungem Blut
Durch fürstlichen Gezüchtes
eingepflanzten Keim
Holdsel'ge Kinder zu vertraun; von weitem
schon
Ruft er sein Salve, und behend entgegen mir
Den breiten
Sandweg, weichen Trittes, schreitet er,
Im langen Ordenskleide,
wollig weiß wie Schnee.
Inzwischen hier ein Hundert
Schnecken, wenn's beliebt!
Ich fügte gern ein Stückchen
Rotwild noch hinzu,
Das mir der Förster heut geschenkt, doch
fällt mir ein,
Daß man nicht Pater elegantiarum nur,
Vielmehr auch Pater esuritionum ist.2
Seit Mörikes Jugendzeit im Tübinger Stift ist “antike Bildung im Kloster” eine Art Signatur der frühen Hoffnungen. Das Stift hieß bei den Insassen einfach das “Kloster”. Kurz nach dem Ende des Cleversulzbacher Pfarramts, 1845, tauchen in den Erinnerungen an den Ittinger Prior die alten Jugendhoffnungen wieder auf, mit ihnen die Träume, dreierlei vereinigen zu können: Dichtung, literarischen Erfolg und geistliches Amt. Aber dieser ein wenig zu idyllisch geratene Prior musste sich dicker Handschuhe versehen, um vor den starken Dornen seiner Rosen sicher zu sein. Der harmlose Plauderton hat seine Tücken. In Cleversulzbach hat der geistliche Herr Mörike antike Dichter übertragen und herausgegeben, auch Catull, um die unidyllischste aller württembergischen Pfarrherrenexistenzen auszuhalten. Später, aus Stuttgart, schrieb er “unter Sehnsucht nach dem ländlich pfarrkirchlichen Leben” die Idylle vom Cleversulzbacher “Turmhahn”. Wenn ihn in Stuttgart, wo er sich den Titel “der traurigste aller Landfahrer” zulegt, die Sehnsucht nach dem Cleversulzbacher Landpfarrer überkommt, dann spricht das weit mehr gegen die Stuttgarter als für die Cleversulzbacher Existenz.
Gleichwohl, seit der Turmhahn-Idylle unterscheidet niemand mehr zwischen den jugendlichen Kloster- und Pastoralsehnsüchten und der trostlosen Cleversulzbacher Amtswirklichkeit. Cleversulzbach war eine der schlechter dotierten Pfarren des Königreichs, heruntergekommen, der Dienst war öd und überreguliert. Noch wegen ein paar Scheiten Heizholz mussten Amtsvorgänge produziert werden. Die persönlichen Beschwernisse kamen dazu, zwei Brüder saßen im Gefängnis und vermehrten dramatisch die Schuldenlast. Und dann noch die schwere Krankheit, wahrscheinlich Multiplesklerose, und nicht, wie immer ahnungslos und fast böswillig unterstellt wird, halb faule, halb neurotische Hypochondrie. Das alles zusammen reicht, wenigstens für durchschnittliche Leute, um in die Knie zu gehen. Mörike ist in die Knie gegangen und doch ist es ihm gelungen, die Dichtung aus der Cleversulzbacher Scheiterung herauszuhalten. Er hat seine Amtsführung auf Null reduziert, hat den Zorn seiner Vorgesetzten mit einer Opernproduktion gereizt und unbeirrt von solchen Turbulenzen an der “Classischen Blumenlese” weitergearbeitet, seiner Ausgabe von überarbeiteten Übersetzungen antiker Dichtung. Ein Akt dichterischen Ungehorsams. Daher Catull. Was dessen “phaläkische” Verse sind, erläutert Mörike in eben dieser “Classischen Blumenlese”. Es sind die “Hendekasyllaben, elfsylbige Verse ... , die von dem griech. Dichter Phaläkus Phaläcische hießen und die man besonders für Schmähgedichte geeignet hielt”. Im solchermaßen erläuterten Schmähgedicht Catull Nr. 42 werden die Elfsilbler herbeigerufen, sie sollen im schärfsten Ton eine schmutzige Hure beschimpfen. Sie hat dem Dichter seine Schreibtäfelchen gestohlen und er verlangt sein Handwerkszeug zurück. Wer soll die Hure sein? Catull kannte natürlich noch nicht Luthers Hure Babylon, die römische Kurie. Aber Mörike kannte das württembergische Kirchen- und Amtswesen, das es darauf abgesehen hatte, ihm das Dichten unmöglich zu machen, ihn seiner dichterischen Schreibtafeln zu berauben. “Wenn ihr Herr Bischof das erfihre!” Nämlich dass er im Amt catullsche Elfsilber schreibt und sich dabei vom Vikar helfen lässt, den ihm die Kirchenleitung zur Hilfe im Amt geschickt hat. Mörikes Bischof war der Landesherr, der König von Württemberg und dessen Konsistorium besaß Zuträger, denen das “Silentium” gerade nicht heilig war.
Den Nachahmer Catulls in der Mönchskutte einen zweiten pater elegantiarum zu nennen, ist nicht ganz ohne Risiko. Gewiss, die Verse, das Latein, waren elegant. Aber in weißer Wolle kam bei Catull eben auch das Deftige, Obszöne und Grobianische daher, das der wohlanständige Mörike in seinen Übertragungen so elegant zu umgehen wusste. Pater esuritionum ist man auch, “Vater des Hungerns”, in der Pfarre zu Cleversulzbach allemal und danach, mit der Mindestrente plus Schulden in Mergentheim nicht minder. Aber man stutzt: “Wilder Rosenstämmchen jungem Blut / Durch fürstlichen Gezüchtes eingepflanzten Keim / Holdsel'ge Kinder zu vertraun”. Ist das nur der Rosengarten des idyllischen Klostermannes oder muss man, mit Catull im Rücken befürchten, man habe es mit einer höchst zweideutigen Fassung dessen zu tun, was in Goethes erotischem Volkslied lapidar heißt “Knabe sprach, ich breche dich / Röslein auf der Heiden.” Silentium! steht über den Türen der Klosterzellen. Das Wetteifern des Kartäuserpriors mit Catull “inallewege” fängt einem tatsächlich an “bedenklich” zu werden. So sind sie die Mörikeschen Dichtungen. “Weichen Trittes”, mit eleganter Lässigkeit kommen ihre Versfüße auf uns zu. Sie haben alle Anstrengung ihrer Künstlichkeit verloren. Über das Anstrengende sagen sie, was zu sagen ist, aber diskret bis zur Verschwiegenheit. Hört man aber genau hin, hört man in diesem rhetorischen Minimalismus sein Widerspenstiges und sein Abgründiges.
Schon den Zeitgenossen ging die rhetorische Aufwandlosigkeit auf die Nerven. David Friedrich Strauß, hegelianischer Inspektor des Weltgeists, hat seinen Freund Mörike barsch beschieden, er solle sich endlich um Wichtiges und Großes kümmern. Einer der Fellbacher Mörike-Förderpreisträger erzählt mit unverhohlener Indignation, wie ihn, der sich an Marx und Wagner, an Beethovens “Feier des Bacchus” und Nietzsches Dionysos-Kult berauscht, wie ihn, der “auf dem Kurfürstendamm unter roten Fahnen ,Ho-Tschi-Minh` skandiert” hat, jenes fürchterliche Bekenntnis biedermeierlicher Zwergennatur ins Mark getroffen hat: “Wollest mit Freuden / und wollest mit Leiden / Mich nicht überschütten / Doch in der Mitten / Liegt holdes Bescheiden.” Gewiss, ein Revolutionär war Mörike nicht, das hat noch nie jemand vermutet. Sein dichterischer Ungehorsam ist dafür kein Ersatz “Er wich zwar den Kämpfen seiner Epoche geschickt aus, aber er log nicht”. Wolf Biermann, ein anderer Fellbacher Mörike-Preisträger verweist uns auf Rosa Luxemburg. “Dass solch eine politikbesessene Frau, eine Theoretikerin der Revolution im Gefängnis nichts lieber las als die Gedichte des Eduard Mörike - wundert Sie das? Mich gar nicht.” “Holdes Bescheiden” ist fraglos von abenteuerlicher Antiquiertheit. Aber nicht mehr als das “anmutig”, mit dem es einmal fast gleichbedeutend war und das unser äthiopischer Mitbürger den Mut hat, als Adjektiv zu benutzen für eine antiquierte Nonchalance, deren Schwestern die Demut und die Selbstironie sind.
“Bei mir muss jetzt wieder die strenge Diät eintreten. Zwar geht es mir nicht ganz wie jenem Gourmand, welcher sagte, er hab in 14 Tagen so viel Rindfleisch gegessen, daß er sich schäme einem Ochsen ins Gesicht zu sehn. Doch habe ich genug zu thun, den Überfluß vom Wermutshauser Tisch und Keller wieder auszugleichen.” Wer soll soviel Zartgefühl entwickeln, wenn wir die im Viehtransporter unsichtbaren Ochsen nur noch von hinten überholen können? Nichts, das scheint unausweichlich zu sein, ist an Mörike mehr zeitgemäß. Man schämt sich, als bekennender Mörike-Leser noch irgend jemand ins Gesicht zu sehen. Wer aber die Semper-Opern-Renaissance schön findet, wer entdeckt, dass vielleicht sogar Manieren wieder schön wären, die der Menschenwürde im Alltag aufhelfen, der oder sie finden vielleicht auch die Verse Mörikes schön. Weil sie beim Lesen sehen und hören können, wie eine Seele in den antiken Rhythmen und ihren Wörtern gelernt hat, ruhig zu gehen und ein Geist seine bestmögliche Stellung gefunden hat. “Gelassen stieg die Nacht ans Land / Lehnt träumend an der Berge Wand”. Damit kann man, “Um Mitternacht”, einen Anfang machen. Man beobachtet dann eine alte europäische Eleganz des Intellekts, die so virtuos war, dass ihre natürliche Gelassenheit als Gelassenheit der Natur auftreten konnte.
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1Der Beitrag erschien zuerst in gekürzter Fassung unter dem Titel: „Wahre Eleganz ist so unmerklich wie das Atmen", in: Wochenendbeilage der Stuttgarter Zeitung, Samstag, 31. Januar 2004, 45.
2In: Eduard Mörike: Gedichte in einem Band, hg. von Bernhard Zeller, Frankfurt/Main und Leipzig 2001,217f.