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Autor: Voß, Peter.
Titel: Die Macht, die Medien, die Moral und die Gewaltbereitschaft. Und wir alle. Ein Seitenblick auf die neue Verwundbarkeit und ihre öffentliche Wahrnehmung.
Quelle: Peter Voß: Wem gehört der Rundfunk? Medien und Politik in Zeiten der Globalisierung. SWR-Schriftenreihe Medienpolitik 2. Baden-Baden 2002. S. 25-38.
Verlag: Nomos Verlagsgesellschaft.
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Peter Voß
Die Macht, die Medien, die Moral und die Gewaltbereitschaft. Und wir alle. Ein Seitenblick auf die neue Verwundbarkeit und ihre öffentliche Wahrnehmung.
Der weltweit nachhallende Schrecken des 11. September 2001 war abgeklungen, aber noch nicht wirklich „verarbeitet”, als Deutschland im April 2002 von einer Gewalttat erschüttert wurde, die zwar nicht annähernd in der historischen Dimension, wohl aber in der momentanen Schockwirkung vergleichbar war. Und wenige Tage nach dem Blutbad von Erfurt warf ein wiederum ganz anderes Ereignis die Niederlande aus dem gewohnten Gleis: die erste Ermordung eines Spitzenpolitikers seit den blutigen Kämpfen um die Gründung des Landes vor mehr als vierhundert Jahren. Haben diese Ereignisse, so unterschiedlich sie auch waren, etwas miteinander gemeinsam? Nämlich einen bestimmten, sich verdüsternden Horizont der politischen, medialen und sozialen Entwicklung hochtechnisierter und hochzivilisierter Gesellschaften, die unter dem Stichwort einer „neuen Verwundbarkeit” firmiert. Einer Verwundbarkeit, die theoretisch und als Verallgemeinerung nicht gar so neu sein mag, aber in ihrer konkreten Bedrohlichkeit plötzlich als neue Realität wahrgenommen und ernst genommen wird. Der 11. September war weltweit, die Amoktat von Erfurt war in Deutschland, der Mord an Pim Fortuyn war in den Niederlanden vorher nicht ernstlich für möglich gehalten worden.
Die Wirkung, die solche Ereignisse miteinander verbindet, liegt freilich nicht allein in dem schockartigen ersten Empfinden einer neuen Bedrohung, sondern vor allem in der Reaktion auf diese Situation. Sie ließe sich in Anlehnung an das alte, einst von Ferdinand Tönnies im Sinne einer Polarität konstruierte Begriffspaar „Gemeinschaft und Gesellschaft” so beschreiben: Unter dem Eindruck eines Ereignisses, das starke kollektive Empfindungen wie Entsetzen, Trauer, Mitgefühl, aber auch das Gefühl der Bedrohung und die Bereitschaft zum Widerstand hervorruft, verwandelt sich die angeblich nur noch in plurale Interessen fraktionierte, im „Wertewandel” individualistisch-hedonistisch zerbröselnde Gesellschaft (wieder) in eine gefühlsbestimmte, wertorientierte, eventuell auch kampfbereite Gemeinschaft – ob vorübergehend oder nachhaltig, ist eine zweite Frage. (Gemeinschaft hier nicht als kleine, homogene Gruppe verstanden, die sich von der Gesellschaft abgrenzt, sondern als besonderer „Aggregatzustand” der Gesellschaft, wie er im Extremfall in Kriegszeiten manifest wird. Die mit der Tönnies’schen Begrifflichkeit verbundenen analytischen und ideologiekritischen Fragestellungen, wie sie von Max Weber, Helmuth Plessner und anderen bis hin zu Talcott Parsons und den Begründern der Systemtheorie – und ganz anders wiederum von Karl Popper – ausdrücklich oder indirekt aufgenommen, kritisiert, relativiert und differenziert worden sind, müssen hier nicht weiter diskutiert werden. Unter den zeitgenössischen Soziologen ist es vor allem Karl-Otto Hondrich, der darauf aufmerksam macht, daß uns die „Gemeinschaft” vielleicht zu sehr aus dem Gesichtsfeld geraten ist, wie unter dem Aspekt der Globalisierung nicht zuletzt der Blick auf islamische Gesellschaften ebenso wie auf fundamentalistische Strömungen in den westlichen Demokratien zeigt.) An dieser „spontanen” Gemeinschaftsbildung sind Politik und Medien agierend und reagierend wesentlich beteiligt – wenn man so will als Antreiber wie auch als Getriebene, in jedem Fall aber als Vermittler eines Stimmungs- und Bewußtseinswandels. Denn um einen solchen, und sei er auch von kurzer Dauer, handelt es sich. Die Rolle, die Politik und Medien in einer solchen Situation spielen, soll im Folgenden betrachtet werden.
Der 11. September stellt sich als geschichtlicher Einschnitt dar, der hier nur unter seinem medialen Aspekt in die Betrachtung einbezogen werden soll. Dieser Aspekt besteht aus zwei Fragen. Zum einen: Welche Rolle spielten moderne elektronische Medien als Voraussetzung dieses Ereignisses? Und zweitens: Welche Rolle spielten sie bei seiner Wirkung? Diese Doppelfrage zielt, verkürzt gesagt, auf die mögliche Schuld oder Mitschuld der Medien und auf ihre weiter geltende Verantwortung. Nach dem Anschlag auf die Twin Towers wurde sehr bald die These vertreten, die Drahtzieher, mutmaßlich Osama bin Laden und die Al Qaida, hätten bei ihrem Versuch, die Weltmacht USA politisch und wirtschaftlich ins Wanken zu bringen, wenn nicht gar zu Grunde zu richten, die niederschmetternde Wirkung der Fernsehbilder psychologisch einkalkuliert, und aufgrund der Wirkungsmacht der Bilder hätten sie ihr Ziel auch beinahe erreicht (vgl. dazu den Beitrag „Durften wir diese Bilder zeigen?” in diesem Buch). In diesen Kontext gehört auch die Spekulation, die islamischen Terroristen seien durch Action-Thriller, sowohl in literarischer wie in visueller Form, überhaupt erst auf die Idee gekommen, ein ziviles Passagierflugzeug als fliegende Bombe gegen die wichtigsten Symbole des sich globalisierenden Kapitalismus und der Weltmacht USA einzusetzen. Ein weites Feld für Spekulationen: „Mit Supertechnik gegen die Supersymbole des Superkapitalismus” – so könnten schlagwortartig Planung und Ausführung des Angriffs vom 11. September zusammengefaßt werden.
Der Fall Erfurt scheint, zumindest in der ersten Annäherung, ganz anders gelagert. Ein Einzeltäter, offenbar verzweifelt und rachsüchtig zugleich, versuchte, das Lehrerkollegium seiner Schule auszurotten, die ihn gleichsam verstoßen hatte. Allerdings wurde auch hier sehr bald nach dem Verbrechen nicht nur die Frage aufgeworfen, inwieweit der jugendliche Täter durch Medien, zum Beispiel Gewaltvideos und Computerspiele, für die Tat disponiert war. Es gab noch einen zweiten, keineswegs unplausiblen, wenngleich spekulativen Ansatz: Gehört es zur Motivlage eines solchen Amoktäters, daß er die Medienwirkung seiner Tat – bewußt oder unbewußt – im Kopf hat, also dem eingestandenen oder uneingestandenen Wunsch folgt, einmal, und sei es im Untergang, Medienheld zu sein? Seit Herostratos den Artemistempel von Ephesos aus Ruhmsucht in Brand setzte, ist uns motivforschenden Vulgärpsychologen – und sind wir das nicht alle? – das Erklärungsmuster geläufig. Der spektakuläre (Medien-)Effekt als Element des Tatmotivs – aufzuklären ist dieser Aspekt im konkreten Fall wohl nicht, und eindeutige Schlußfolgerungen lassen sich schwerlich daraus ziehen. Wie auch immer – wenn es um Motivfragen geht, sind Analogien zwischen den so unterschiedlichen Ereignissen allenfalls im weitesten, eher schon metaphorischen Sinne zulässig – etwa wenn man die Islamisten und ihren blutrünstigen Kampf gegen die westliche (und ihnen allzu weltliche) Zivilisation ebenfalls als medienwirksamen „Amoklauf” von mißratenen und verstoßenen Kindern der Globalisierung bewerten wollte. Wobei das Wort „Amok” auch im Hinblick auf Erfurt fälschlicherweise Spontanität suggeriert, während es sich um eine geplante und sorgfältig vorbereitete Aktion handelte.
Schockartige Ereignisse, die eine neue Bedrohungslage sichtbar machen, können die Gesellschaft, einschließlich der politischen Klasse, lähmen oder aufrütteln, entzweien oder – zumindest für eine Zeit – zusammenführen. Politik und Medien spielen dabei, wie gesagt, eine Schlüsselrolle. In den USA wurde eine Öffentlichkeit, die den Wahlkampf und den Zwist über ein knappes und womöglich verfälschtes Wahlergebnis noch nicht vergessen hatte, nach dem 11. September zu patriotischer Einigkeit hinter einem plötzlich unumstrittenen Präsidenten zusammengeschmiedet, von dem sie sich in einen langfristig angelegten Krieg gegen den Terror führen ließ. Die Bilder der New Yorker Katastrophe, prinzipiell permanent wiederholbar, wurden zum nachhaltigen Stimulans dieses sich aufbäumenden Patriotismus, dessen trotzige Energie von einem zuvor als Naivo geschmähten politischen Führer und seiner hochprofessionellen Beratertruppe aufgenommen und ebenso umsichtig wie entschlossen kanalisiert wurde.
In Deutschland hielten nach dem 26. April 2002 im gerade erst entbrannten Wahlkampf Politik und Öffentlichkeit einen Moment den Atem an, um dann in eine – zunächst – eher verhaltene, nachdenkliche Diskussion über Ursachen und Folgen einzutreten. Diese – zeitlich begrenzte – Veränderung der Tonlage ist freilich gerade kein Beleg dafür, daß der Wahlkampf länger als über das erste allgemeine Erschrecken hinaus unterbrochen worden wäre. Das, was man Respekt vor den Toten nennt, und was ja eher der Respekt vor oder Takt gegenüber Überlebenden, Hinterbliebenen und Trauernden ist, kann wohl nur vorübergehend die Spielregeln verändern. Spielverderber ist dann, wer zu früh aus der Rolle des Betroffenen heraus und in die unverhüllte Rolle des Wahlkämpfers zurückfällt. Gefragt war also Gemeinsamkeit in der Betroffenheit, gemeinsames Trauern, gemeinsames Fragen und Nachdenken, auch gemeinsame und zugleich überwiegend sachliche und maßvolle Kritik an möglichen „Mitverantwortlichen”, vor allem an „den Medien”. Nun hat innenpolitischer Kampf immer die Struktur eines Rivalitätsverhältnisses und zugleich einen Gemeinschaftsaspekt, er zielt auf das Feld des Übergeordneten und Gemeinsamen, das jeder für sich „besetzen” will, nämlich auf die Verantwortung für das Ganze, also die Macht. Politischer Wettbewerb richtet sich zumindest vordergründig immer auf die Frage, wer das gemeinsame Interesse aller oder doch möglichst vieler, also das Gemeinwohl, am besten für uns alle wahrnimmt und durchsetzt.
Doch nach einem Schock wie dem von Erfurt muß – ganz im Sinne der plötzlich „angesagten” Gemeinschaftsbildung – die Aggressivität dieses Wettstreits zurückgenommen und durch den Wettbewerb der sanften Töne und der scheinbar absichtslosen Inszenierung von Betroffenheit auch dann noch ersetzt werden, wenn der tatsächliche Schock, das tatsächliche Erschrecken und Entsetzen, das vermutlich auch die hartgesottensten Akteure des politischen Kampfes erst einmal erfaßt, schon im Abklingen ist. Kurz: Dem Schrecken folgt die Schamfrist, in der man verdeckt gegeneinander kämpft, indem man – nach dem Motto „Dies ist nicht die Zeit für Wahlkampfgetöse” – Betroffenheit zur Schau stellt und stellen muß. „Ausbrecher”, die im konkreten Fall den kurzfristigen Paradigmenwechsel der Spielregeln und Stilregeln nicht gleich kapiert oder überinterpretiert hatten, Günther Beckstein und Matthias Machnig zum Beispiel, bestätigen diese Regel über die kurzfristige Ausnahme von der Regel. Der CSU-Politiker Günther Beckstein brachte dabei die schlicht gestrickte Version ins Spiel, indem er zu früh vermeintliche Versäumnisse der rot-grünen Politik aufs Korn nahm. Von bemerkenswerter Raffinesse war dagegen die Variante, mit der es des Bundeskanzlers Wahlkampfstratege Machnig probierte – er versuchte, den kurzfristigen politisch-moralischen Konsens als Waffe gegen den politischen Kontrahenten zu richten, der angeblich gegen das Einheits- und Reinheitsgebot der Betroffenheit verstoßen hatte. Zu seinem Pech unternahm er diesen Versuch nicht vor Leuten, die möglicherweise darauf hereingefallen wären, sondern vor Medienprofis, die ihn problemlos durchschauten. Machnigs Vorwurf an seinen unmittelbaren Kontrahenten Michael Spreng bzw. an Edmund Stoiber, ein vor Erfurt geführtes, aber erst danach in einem Boulevardblatt abgedrucktes Wahlkampf-Interview des Kanzlerkandidaten habe gleichsam pietätlos in einer Phase gemeinsamer tiefer Trauer weiter Wahlkampf betrieben und hätte deshalb zurückgezogen werden müssen, mündete in die Forderung nach einer Entschuldigung und schließlich in die verwegene Anklage, von jetzt an sei der Wahlkampf eine „Charakterfrage”. Ein Versuch also, das Betroffenheits-Tabu zu instrumentalisieren und den Gegner als angeblichen Tabubrecher zu mobben. Ein Rezept, das diesmal nicht, sonst aber von links bis rechts nicht selten gut funktioniert.
Bevor man sich als Beobachter moralisch überhebt und über die vermeintlich komplette Charakterlosigkeit politischer Heuchler die Nase rümpft, sollte man sich freilich klar machen, daß auch im Normalfall der stets moralisch aufgeladene politische Wettbewerb ein gewisses Maß an, sagen wir, professioneller Gefühlsdarstellung erzwingt – es sei denn, wir wollten und könnten die Moral aus politischen Alternativen, Kontroversen, Kämpfen und Entscheidungen heraushalten. Parteien und Politiker sind, zumal in Wahlkämpfen, Agenten der „politischen Marktwirtschaft”, und der Kampf um die Kunden – also um uns alle, die wir uns doch in allen Lebensbeziehungen auch moralisch verhalten, nämlich über alles und jedes moralisch urteilen, gegebenenfalls das Verhalten anderer entsprechend sanktionieren und von anderen sanktioniert werden – ist hart. Zu diesem Kampf gehört dann auch die moralische Beurteilung der Medien, die ihrerseits Agierende in einem nicht minder harten Wettbewerb sind und die Darstellung des Betroffenheitskonsenses erst recht nicht lange durchhalten, sondern im Wettlauf um die eindrucksvollsten Bilder und Geschichten rasch wieder alle Hemmungen und jede mitmenschliche Rücksicht dem vermeintlichen publizistischen Erfolg, wenn nicht gleich dem Geschäftsinteresse opfern. Schnelligkeit geht da oft nicht nur vor Wahrhaftigkeit, sondern auch vor Anstand und Menschlichkeit. Das hat allerdings nicht nur mit den vieldiskutierten Eigengesetzlichkeiten des Mediensystems oder speziell des Mediums Fernsehen zu tun, sondern eben mit dem handfesten, oft brutalen Wettbewerb auf einem heftig umkämpften Markt. Die Medien, als System betrachtet, erscheinen hier vor allem als Teil oder Subsystem unseres Wirtschaftssystems, in dem Wettbewerb nun einmal notwendig und dominant ist, wenn auch unter ethischen Gesichtspunkten durchaus ambivalent.
Ein Musterbeispiel dafür, wie schnell das marktkonforme kommerzielle Interesse moralische Bedenken überrollt, lieferte der Privatsender RTL, der in einem „RTL extra” das Morden des Robert Steinhäuser rekonstruiert hat. Das Ganze firmierte unter dem Titel „Fall der Woche”. Die ARD hat im SWR-Magazin „Report” darüber berichtet, wie sich RTL mit dieser „Berichterstattung” – Szenen wurden mit Lehrern und Schülern in einer Schule nachgestellt – selbst zum Fall machte. Der Medienforscher Hans Mathias Kepplinger von der Universität Mainz nannte diese Nachstellung einer unfaßbaren Tat die „Pervertierung einer Perversion” – mit Journalismus habe der RTL-Beitrag allenfalls am Rande zu tun. Der RTL-Geschäftsführer versuchte eine Rechtfertigung, indem er den Film mit Nachstellungen in „Aktenzeichen XY” verglich. Ein eher hilfloses Alibi – abgesehen davon, daß bei der ZDF-Reihe ein eindeutiges Aufklärungsmotiv vorliegt, werden die Szenen dafür aus gutem Grund niemals unmittelbar nach der Tat gedreht, wenn die Angehörigen, das Dorf oder die Stadt oder – wie nach dem Erfurter Fall – sogar das ganze Land noch unter Schock stehen. RTL hat übrigens angekündigt, diese Form des Nachstellens oder „Re-enactment” weiter einzusetzen – wen wundert’s nach den voyeuristischen Exzessen von „Reality-TV” bis „Big-Brother”?
Beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen scheint die Schamschwelle deutlich höher zu liegen – das tradierte Selbstverständnis, rechtlich festgeschriebene Programmgrundsätze und vor allem die Gremienkontrolle sorgen dafür. Was nicht heißt, daß nicht auch sie in die Versuchung geraten könnten, hehre Grundsätze dem schnellen Erfolg im publizistischen Wettbewerb unterzuordnen. Umgekehrt erlegen sich Privatsender manchmal kurzfristig Hemmungen auf, zum Beispiel wenn sie sonst allzu große öffentliche Empörung und in der Folge gesetzgeberische Maßnahmen befürchten müßten. Meistens tun sie es nicht. Ein – neben dem Aufklärungsalibi – auch von der Boulevardpresse gern genutzter „gemeinschaftskonformer” Ausweg besteht dann unter anderem darin, die Sensationsjagd als Akt menschlicher Anteilnahme auszugeben.
Als Beispiel dafür mag die in der Presse zum Teil scharf kritisierte Verlegung der Kerner-Show, also einer Unterhaltungssendung, ins abendliche, noch unter Schock stehende Erfurt dienen. Dabei bot vor allem die Teilnahme eines elfjährigen Schülers und seine Befragung als Augenzeuge vor laufender Kamera die Szene des Anstoßes. Das ZDF trat damit die Flucht nach vorn an, offenbar um ein praktisches Problem und zugleich einen grundsätzlichen Zwiespalt zu überwinden: Anscheinend war niemand im Sender rasch genug verfügbar, der sich in der Lage sah, der Situation noch am Abend in einer genuin journalistischen Form auf kompetente Weise gerecht zu werden. Man konnte und wollte aber auch keine „Talkshow as usual” senden – und riskierte den mutigen Kompromiß, mit dem bekannten Ergebnis.
Interessant unter dem Gesichtspunkt „Moral und ihre Instrumentalisierung” war allerdings auch die Reaktion des Talkmaster-Kollegen Harald Schmidt, der den Konkurrenten Johannes B. Kerner öffentlich abstrafte, indem er sich weigerte, sich in einer von Kerner moderierten Veranstaltung die „Goldene Feder” verleihen zu lassen. Interessant deshalb, weil Schmidts eigener, wie üblich teils witziger, teils alberner abendlicher Auftritt in Sat 1 unverändert über den Schirm ging. Anders als übrigens nach dem 11. September stellte sich Schmidt bzw. Sat 1 also gar nicht erst dem Problem, wie denn an einem solchen Abend den Erwartungen eines schier entsetzten Publikums gerecht zu werden sei – eben jenem Problem, an dem gescheitert zu sein er Kerner vorhielt –, sondern wählte eine nicht minder fragwürdige Lösung. Damit stand Sat 1 allerdings nicht allein. Auch öffentlich-rechtliche Sender ließen munter weiter talken (ob live oder aufgezeichnet, ist dabei unerheblich, denn Aufzeichnungen kann man ersetzen, zum Beispiel durch eine angemessene Live-Diskussion zum einzigen Thema, das die Menschen an einem solchen Abend beschäftigt. Der Ehrlichkeit halber sei angemerkt, daß beim SWR an diesem Abend leider, weil voraufgezeichnet, fröhlich und unbekümmert über Fußball geplaudert wurde.)
Gerade bei Sende-Entscheidungen unter Zeitdruck rutschen auch – oder gerade? – routinierte Macher aus, weil ihnen der allzu gewagte Spagat nicht gelingt, der plötzlich entstandenen Gefühlsgemeinschaft des Publikums zu entsprechen und doch journalistisch (zu Lasten der Konkurrenz) Punkte zu sammeln. In der nachträglichen Rechtfertigung darf man dann „einfühlsam” und „anteilnehmend” nennen, was wohl doch eher berechnend und kaltblütig auf den Schirm gebracht wurde. Und die dann fällige allgemeine Kritik unterliegt ihrerseits nicht selten der gleichen Motivlage. So vermischen sich permanent Moral und Interesse – und wer glaubt, es könne prinzipiell sehr viel anders zugehen in den Medien wie in der Politik, der kennt euch nicht, ihr öffentlichen Mächte.
Das alles wird vielmehr, von Ausnahme-Ereignissen abgesehen, im journalistischen Alltag von Machern, Kritikern und Konsumenten weitgehend akzeptiert. Oder jedenfalls resignierend hingenommen. Beging denn, um ein weiteres Beispiel heranzuziehen, das ZDF noch einen Tabubruch oder schon keinen mehr, als es am Tag der Trauerfeier im Erfurter Dom die Familie des Täters, die vom Fenster eines Hauses am Domplatz, also aus gewisser Entfernung an dem Geschehen teilnahm, mit der Kamera im Zimmer heimsuchte und hautnah in ihrer verzweifelten Situation aufnahm? Eine „moralische” Rechtfertigung für dieses bedenkenlose mediale Ausschlachten der Verzweiflung läßt sich jederzeit finden. Im Zweifel läßt sich behaupten, man habe ja nur helfen wollen, diese bedauernswerte Familie davor zu schützen, daß sie als vermeintlich Hauptschuldige, nämlich als Versager bei der Erziehung ihres Sohnes, an den Pranger gestellt wird. Aber, um das Ganze noch etwas komplizierter zu machen: Zum Motiv derer, die solche Aufnahmen machen und vertreten, gehört möglicherweise sogar beides, nämlich der Ehrgeiz, dieses „erschütternde” Bild als erster, wenn nicht als einziger zu zeigen, und zugleich die Überzeugung, man helfe den betroffenen Menschen tatsächlich und konkret damit. Und, noch eine Umdrehung weiter: Vielleicht hilft man ihnen ja wirklich, nämlich gerade im Hinblick auf jene Zuschauer, die sich, ohne sich dessen unbedingt bewußt sein zu müssen, am Bild leidender Mitmenschen weiden und gleichwohl Mitgefühl mit ihnen empfinden oder entwickeln.
Auch hier verschränkt sich die Rolle der Medien nach dem Ereignis mit ihrer Rolle davor: Denn die Frage, wieviel „die Medien” vorher dazu beigetragen haben, daß diese Tat möglich wurde, ist ja Teil der nachträglichen „Aufarbeitung” durch die Medien. Erst nach der Katastrophe wird eindringlich nicht nur gegen die Medien, sondern in und auch von Medien die Frage nach dieser ihrer Rolle aufgeworfen. Und dabei werden, wie im Hinblick auf das Ereignis selbst, in großer Menge und Vielfalt Meinungen produziert und im Wettbewerb angeboten, in zweiter Linie dann auch die in hohem Maße spekulativen Begründungen, die aus Meinungen – vielleicht – Urteile machen. Hier zeigt sich wiederum eine Zwangsläufigkeit, der Politik und Medien wegen ihres jeweiligen systemimmanenten Wettbewerbs, aber nicht nur deshalb, offenbar nicht entgehen können. Sie ergibt sich primär aus der Verfaßtheit und Befindlichkeit derer, die man „das Publikum” nennt, also wiederum von uns allen, und tritt in einer solchen Ausnahmesituation besonders deutlich zutage: Wir alle, auch diejenigen unter uns, die sich gegen allzu schnelle Erklärungen, einseitige Urteile und Schuldzuweisungen, also gegen geistige Kurzschlüsse ebenso wehren und verwahren wie gegen ausufernde Spekulationen – wir alle brauchen offenbar dringend diese Meinungen, diese „Erklärungen” in ihrer ganzen Unzulänglichkeit parallel zu den Bildern, die uns unter die Haut gehen, damit wir nicht allein bleiben mit dem Schrecken, vor allem aber mit dem Unerklärlichen, das dem Schrecken anhaftet, mit dem menschlich-unmenschlichen Rest, der nicht „wegrationalisiert” werden kann, damit wir uns in unserer ganzen Ratlosigkeit nicht uns selbst überlassen und ausschließlich den Bildern ausgeliefert fühlen. Je weniger wir wissen von einer Sache, die unsere Gefühle aufregt und unser Selbstverständnis angreift, desto mehr brauchen wir anscheinend die unterschiedlichsten Artikulationen unseres Wenigwissens.
Gerade das dissonante Konzert der unterschiedlichen, für sich jeweils unzureichenden Erklärungsangebote relativiert zunächst einmal jede monokausale und damit letztlich ideologische „Bewältigung” – nicht zuletzt deshalb brauchen wir die oft hochspekulativen Interpretationen der Experten. Spekulativ heißt ja nicht per se unlogisch oder irrational, und die mehr oder weniger seriösen „Sachverständigen” mühen sich in der Regel redlich, den Nebel der Mutmaßungen argumentativ zu durchdringen und so ein wenig zu lichten. Und die Bilder, auch wenn wir sie so sparsam und zurückhaltend einsetzen, wie es Medienpädagogen und -psychologen uns nahelegen, sind, wie die weltweite Gewalt selbst, ein nicht mehr abschaffbarer Teil unseres Lebens, auch wenn die gängige Medienkritik – an den Stammtischen und in den Talkshows ebenso wie in den Feuilletonspalten – oft so tut, als gäbe es die Alternative, das Rad zurückzudrehen bzw. den Bildschirm mitsamt seiner virtuellen Wirklichkeit und ihren realen Wirkungen wieder abzuschaffen.
Natürlich kann man sich – in einer rückwärtsgewandten Utopie – die Welt vorstellen, wie sie ohne Fernsehen, Film und Fotografie war. Doch in Wahrheit mag sich das keiner vorstellen. Es war schließlich, wie wir alle wissen, nicht nur eine Welt, in der auch manches andere fehlte, was uns heute das Leben angenehm oder wenigstens erträglich macht, sondern vor allem eine Welt, in der es für die meisten nicht darauf ankam, was hundert oder tausend oder zehntausend Kilometer entfernt passierte, weil es sehr unwahrscheinlich erschien, daß damit eine tatsächliche rasche Rückwirkung auf die eigenen Lebensumstände verbunden sein könnte. Die „eine Welt”, erzwungen durch die Dynamik der Technik, vor allem der Kommunikationstechnik, macht uns tatsächlich zu Nachbarn im globalen Dorf, die von einem Selbstmordattentat in Israel so wenig „absehen” können, wie wenn es vor unseren Augen an einer Straßenkreuzung in Deutschland geschähe.
Die bekannte These, wonach elektronische Medien die Realität von Politik zur Dauerinszenierung verfälschen, führt in die Irre, wenn sie als Signal zum Rückzug aus der Medienwelt geblasen wird. Über die Medien, mit ihnen und gleichsam durch sie hindurch muß und kann man zur Wirklichkeit hinter den Bildern vordringen, und genau dazu eröffnet der beschriebene Wettbewerb innerhalb des Mediensystems wiederum die größte Chance, weil er den Zweifel an den Bildern gleich mitliefert. Dieser Zweifel ist – man verzeihe die unstimmige Metapher – sozusagen der Humus, auf dem Wirklichkeitskritik und Medienkritik gleichermaßen gedeihen. Doch ist dieser Zweifel, den die Medien durch ein Überangebot an zumindest partiell unterschiedlichen Wirklichkeits- und Möglichkeitsbildern selbst erzeugen, nur relativ wirksam. Neben allen eher schwächer werdenden Institutionen, von der Familie bis zu den Kirchen, in denen Nächstenliebe und Menschlichkeit noch zu Hause sind, sind es zwar nicht zuletzt die Medien selbst, die ihr Publikum gewissermaßen gegen ihre eigene Wirkung immunisieren – aber eben nicht immer und nicht alle Leute. Es ist zwar nicht zu bestreiten, daß auch die übelsten, unmenschlichsten Videofilme und Videospiele, in denen Menschen nur als Mittel zum Zweck des Aggressionsabbaus oder auch des Aggressionsaufbaus vorkommen, von den meisten Konsumenten keineswegs als Handlungsanweisung verstanden und in die Realität übersetzt werden. Aber von einigen wohl doch, und da setzt die – durchaus dringliche – Debatte um die Notwendigkeit von Verboten und ihre faktische Durchsetzbarkeit ja auch an. Doch drehen wir uns dabei mit unseren Theorien oft munter im Kreis. Hetzt die mediale Gewalt uns auf, entlastet sie uns oder stumpft sie uns ab? Oder alles zugleich oder wechselweise und von Fall zu Fall so oder anders?
Und wie steht es denn nun um die anderen üblichen Verdächtigen? Um die allgemeine Sicherheit, in diesem Fall um die Sicherheit an den Schulen? Um den leichten oder erschwerten Zugang zu gefährlichen Waffen? Um die Qualität unserer Pädagogik? Um die bewußtseinsprägenden Institutionen, um Schulen, Familien, Vereine, Kirchen? Um Regierende und Gesetzgeber, die für kleine Schulklassen, viele und gute Lehrer und Schulpsychologen, viele und wachsame Polizisten, die überhaupt für alles und jedes und damit für teure staatliche Dienstleistungen und zugleich für weniger Steuern, Abgaben und Vorschriften sorgen sollen? Und spätestens bei der Frage nach Aufgaben und Grenzen, Leistung und Leistungskraft des Staates zeigt sich, daß die Herausforderung der Globalisierung auch hier den Resonanzboden abgibt – nur daß wir eben die Verantwortungsfrage an keine globale Instanz delegieren und in kein globales Nirwana entsorgen können.
Und, nicht zu vergessen, wie steht es mit den Nicht-Eltern, die fein heraus sind, weil sie von ihrer Nicht-Elternschaft materiell und in ihrer Bewegungsfreiheit profitieren und außerdem das Risiko vermeiden, jemals für ihre Sprößlinge moralisch haftbar gemacht zu werden? Tragen sie keine Verantwortung für die nachwachsende Generation und für das Umfeld, in dem sie aufwächst? Institutionen, Instanzen, „die Gesellschaft”, also wir alle – am Ende landet man bei diesem Reigen mit einiger Sicherheit an einem Punkt wie dem, wo sich die berühmte Frage stellt, was der Welt erspart geblieben wäre, wenn die Wiener Kunstakademie den dilettierenden jungen Maler Hitler aufgenommen hätte. Was uns nicht weiterführt, sondern auch nur zurückwirft auf die allgemeine Frage nach dem emotionalen „Klima” in der Gesellschaft, und damit wiederum nach den Medien, die dieses Klima positiv oder negativ prägen. Ja, wie steht es mit alledem? Bewegen wir uns nicht hilflos und ratlos in einem Teufelskreis des Versagens, den wir mit einem Teufelskreis der Schuldzuweisung beantworten, damit wir den Blick wieder abwenden können?
Wenn es zutrifft, daß es unterschiedliche Arten von Amoktätern gibt, zum Beispiel einen Typus, der stark übertriebene Erwartungen an das Leben und die Welt mit übersteigertem Geltungsdrang verbindet, deshalb ständig enttäuscht und am Ende ein Verzweiflungstäter wird, ein Selbstmörder, der, um es der bösen Welt zu zeigen, möglichst viele in den Tod mitnimmt, dann läßt sich daran wohl kaum eine Schuldvermutung gegen alle knüpfen, die ihn persönlich kannten und vielleicht hätten „auffangen” und vor sich selbst beschützen können, wenn sie denn rechtzeitig etwas bemerkt hätten. Eher könnten wir anderen, die wir zu unserem Glück noch nicht mit einem solchen Täter zu tun hatten, der Frage nachgehen, ob wir denn nicht auch überzogene Erwartungen im Hinblick auf die Zuständigkeit und die Möglichkeiten des Gemeinwesens und auf die Verantwortung Dritter für die Lösung unserer Probleme hegen – und so zum allgemeinen Klima eines wachsenden Egozentrismus beitragen.
Gewiß, man kann und muß einiges Handfeste tun, um Bluttaten dieser Art unwahrscheinlicher zu machen – aber muß man nicht auch die Illusion bekämpfen, die da lautet: Wenn wir, die Politiker, die Lehrer, die Eltern, die Mitschüler, die Nachbarn, wir Psychologen oder Medienmacher nur den richtigen Rezepten folgen und „unsere Hausaufgaben” erledigen, wäre die Welt wesentlich anders. Dabei wissen wir sehr wohl: Ihr Wesen, unser Wesen, ändern wir nicht. Wir müssen die Gewalt, die uns bewohnt als Element unseres Lebens, kontrollieren und kanalisieren, also beherrschen und eindämmen, so gut es eben geht. Denn mit der Illusion, wir könnten uns und die Welt von Grund auf verändern – ob nun durch ideologische Konstruktionen oder durch Glaubensgewißheiten (von der Gentechnik nicht zu reden) –, werden wir nur selbst zu Ideologen und damit zu Agenten einer wie auch immer definierten politischen Korrektheit, der ihr humaner Ursprung aus dem Blick geraten ist.
Zur essayistischen Korrektheit gehört es, daß aus alledem eine Lehre gezogen werde, ein Fazit wenn möglich. Mir scheint, es kann nur paradox ausfallen: Wirklich weitreichende gesetzliche Konsequenzen oder gar ein Wandel in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen, der die Wahrscheinlichkeit solcher Verbrechen verringert, wenn er sie schon nicht verhindern kann, werden wohl nur dann nachhaltig gezogen werden oder eintreten, wenn es in absehbarer Zeit vergleichbare Folgetaten geben sollte. Wenn das zu unserem Glück nicht geschieht, dann dürfte, weil wir alle miteinander nicht auf Dauer hochgradig aufgerüttelt, wachsam und umsichtig bleiben können, mit zeitlichem Abstand eben der Zustand des Gemeinwesens wieder eintreten, dem wir jetzt eine „Mitverantwortung” am Geschehenen zuschreiben. Niemand von uns kann wissen, wann in welchen Hirnen aus welchen Motiven die Pläne für neue und vielleicht wiederum beispiellose Bluttaten entworfen werden und ob die Vorkehrungen, die einer zivilen Gesellschaft überhaupt nur möglich sind, diese Taten im Einzelfall verhindern werden.
Und doch könnte sich etwas verändern, nicht zuletzt durch diese Einsicht: Das Gemeinschaftsgefühl, das diese Taten ja nur deshalb wecken können, weil es latent immer noch da ist, kann vielleicht weiter wirken, wenn es nicht nur Gefühl bleibt, sondern sich gleichsam mit der bewußten Skepsis gegenüber allen nur scheinbar rationalen, weil eindimensionalen, und somit ideologischen Versuchen verbündet, die Welt zu verstehen und zu verändern. In der sich globalisierenden, also zu einer Weltgesellschaft mühsam zusammenfindenden Menschheit gewinnt die Polarität von Gemeinschaft und Gesellschaft eine neue Dimension. Die Bindekraft religiöser, ethnischer, nationaler und kultureller, noch hochgradig traditionsgeprägter Gemeinschaften wird aus westlicher Sicht allzu leicht unterschätzt. Das Mindestmaß an gesellschaftlich anerkanntem Individualismus, ohne das man von Gesellschaft im Sinne dieser Polarität kaum sprechen kann, wird außerhalb der westlichen Sphäre noch kaum erreicht. Die beklagenswert niedrige Akzeptanz der Menschenrechte hängt mit diesem Befund wesentlich zusammen, auch wenn man das im Westen nicht immer gern zur Kenntnis nimmt, weil man es sich mit dem universalen Toleranzpostulat zu einfach macht. Doch wie tolerant können wir im globalen Dorf gegenüber Gemeinschaften sein, die es selbst nicht sind? Die Widersprüchlichkeit einer naiv verstandenen Weltbürgerlichkeit darf uns wiederum nicht zu dem Mißverständnis verführen, (tradierte) Gemeinschaft und (moderne) Toleranz seien per se Gegensätze. Vielmehr müssen wir im Westen uns bewußt machen, daß auch Toleranz – wenn sie nicht bloße Gleichgültigkeit und damit gleichsam nur eine Zerfallserscheinung der „Gesellschaft” ist – nur als „Gemeinschaftswert”, der nicht nur akzeptiert, sondern gelebt wird, und zwar als Forderung an uns selbst wie an andere, ein friedliches Zusammenleben verbürgt.
„Gemeinschaft” war bei Tönnies mit einem (durchaus positiven) Akzent des Irrationalen behaftet. Doch sie kann auch helfen, uns gegen jede Art von Pseudo-Rationalität, also auch gegen die als rationale Einsichten paradierenden Dogmen der politischen Korrektheit, mißtrauisch zu machen und zu immunisieren (– ein großes, herausforderndes Thema mit einer Fülle von Problemlagen und Motiven übrigens nicht nur für Medien und einschlägige Wissenschaften, sondern, wie etwa Philipp Roth mit dem Roman „Der menschliche Makel” beispielhaft gezeigt hat, vor allem für die belletristische Literatur). Gefragt ist eine Denk- und Fühlweise, die Robert Musil einst auf die Formel „Genauigkeit und Seele” gebracht hat. Anzeichen dafür, daß es sich bei dieser Hoffnung nicht um eine Utopie handeln muß, haben sich, und darauf sei jetzt noch eingegangen, gerade nach dem politischen Mord in den Niederlanden gezeigt.
Der paradiesvogelhaft auftretende niederländische Soziologe Pim Fortuyn, der schwule Dandy, wie man ihn genannt hat, der den Islam fundamental kritisierte, unter anderem wegen dessen Intoleranz gegenüber Homosexuellen, der in der Zuwanderung vor allem die Zufuhr gravierender Probleme sah und nicht den Zuwachs von Arbeits- und Wirtschaftskraft oder gar die Verheißungen einer wunderbaren Multikultiwelt, der als Medienstar locker provozierte und die Intoleranz mancher Toleranzapostel enthüllte, war ein Grenzfall, der unser modernes Dilemma noch einmal anders beleuchtet: Wie gefährlich oder wie erträglich ist denn einer für uns, der für eine deutlich begrenzte Freizügigkeit eintritt, weil, wie er meint, unbegrenzte Freizügigkeit sich selbst abschafft? Der Toleranz als eine durchaus anstrengende Leistung einer Gesellschaft wahrnimmt, als Arbeit, die den Menschen Mühe machen und sie belasten, aber auch überfordern kann?
Ein sonst recht besonnener deutscher Fernsehkorrespondent brachte sinngemäß zum Ausdruck, Pim Fortuyn sei sozusagen der eigenen Ideologie zum Opfer gefallen. Das klang wieder einmal, als sei das Opfer selbst schuld. Der Journalist machte seine Äußerung nicht in diffamierender Absicht, wie ich glaube, sie kam mir eher wie ein gedankenloser Reflex vor. Der wäre dann wohl Ausdruck einer allzu lange verinnerlichten Einteilung der politischen Menschheit in die Leute mit dem richtigen und die mit dem falschen Bewußtsein gewesen, Reflex also eines undialektisch aufgefaßten Toleranzgebotes, das seinerseits ja gerade die Trotzreaktionen wachruft, an die ein intelligenter, interessanter Querkopf wie Pim Fortuyn so locker appellieren konnte. Er mußte ja nur sagen, was viele empfanden, aber sich nicht zu sagen trauten. Und kluge Kommentatoren machten wechselweise die korporatistische Konsensgesellschaft oder die sich global abzeichnende neue Konfliktgesellschaft der Modernisierungsverlierer und Modernisierungsgewinner für Verhältnisse verantwortlich, in denen Menschen wie Pim Fortuyn ebenso wie sein Mörder gedeihen.
In den Niederlanden, dem Musterland der europäischen Zivilgesellschaft, scheinen aber auf alle Fälle diejenigen das öffentliche Feld zu behaupten, die einen Kritiker der dogmatischen Toleranz, einen „Rechtspopulisten”, so provokant er auch agiert haben mag, nicht für seinen eigenen Tod verantwortlich machen wollen. Sie wollten sich auch mit ihm nur auf strikt demokratische Weise, mit humanen Mitteln, und das heißt vor allem mit Argumenten auseinandersetzen, statt ihn, und sei es „nur” medial, auszugrenzen und zu dämonisieren. Nach seinem Tod haben sich seine Gegner, wohl sogar manche seiner Feinde mit seinen Anhängern in Trauer und Respekt vereint. Wäre das bei uns in einem vergleichbaren Fall auch so, oder können wir uns davon etwas „abgucken” – in einem Land, in dem die Monopolisten der politischen Moral es nicht einmal ertragen mochten, daß Gerhard Schröder mit Martin Walser über die Frage diskutierte, was denn unser Geschichtsgefühl ausmache und was eine normale Nation sei?
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