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Autor: Wachtel, Stefan.

Titel: Schreiben fürs Hören.

Quelle: Schreiben fürs Hören. Trainingstexte, Regeln und Methoden. Konstanz 1997. S. 43-81.

Verlag: UVK Medien.

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.



Stefan Wachtel

Schreiben fürs Hören


1. Fürs Sprechen Schreiben

1.1 Mündlich!

Wenn Schreiben fürs Hören mündlich schreiben heißt, dann hilft ein Blick auf das Charakteristische mündlicher Sätze weiter. Das Mündliche hat im Vergleich zum Schriftlichen

Die alte Regel: nicht mehr als 13 Wörter pro Satz, scheint uns hier schon zu milde. Gesprochenes hat auch:

Im Gegensatz zum Schriftlichen hat Sprechen auch kulturgeschichtlich andere Eigenschaften (ONG 1987, 42 ff.): »eher additiv als subordinierend«, »redundant«, »eher einfühlend und teilnehmend als objektiv« und »eher situativ als abstrakt«. Solche Eigenschaften haben durchaus auch viele Funktexte, die vorformuliert und dennoch mündlich sind, wie das folgende Beispiel:

»Die Leute im Osten haben's nicht leicht: mit der Wirtschaft, mit der Umstellung, und überhaupt. Da kriegen sie seit Jahren nun schon von Westexperten eingetrichtert, wie sie sich verhalten sollen im Kapitalismus, wie sie ihr Geld am besten zusammenhalten und clever in die Zukunft investieren. Das ist in der Ex-DDR genauso wie in Rußland, Polen oder eben – in Ungarn. Hier sorgt sich mancher so sehr um sein Geld, daß er schon mal fürs Jenseits vorbaut, weniger aus Frömmigkeit, als vielmehr aus finanzieller Kalkulation, was man hat, hat man. So macht sich eine ungewöhnliche Sitte breit in Ungarn. N. N. berichtet.« (3Sat)

Möglich ist, daß man dabei zu weit in die Umgangssprache zurückfällt. Das nächste Beispiel besteht aus sehr kurzen Sätzen, teils aus Ellipsen, die gleichsam hingeworfen sind. Die Wortwahl ist salopp bis vulgär: »volle Anmache«, »anbaggern ... Sex«. Die Autoren wollten ihre Reportage im Stil der Jugendlichen produzieren, von denen sie handelt. Aber, müssen wir zu den Zuschauern noch exakt die reduzierte Sprache sprechen, in denen die Akteure im O-Ton oft selbst reden? Originalton und Autortext bleiben zwei verschiedene Situationen mit verschiedenen Rollen und Stilen: Während der O-Ton eine parteiische Sicht zeigt, muß der Autorenton übergreifend werten. Darum darf er den Figuren nicht bis in die letzten Niederungen folgen. Etwas Angleichung mag angemessen sein, im folgenden Fall scheint mir die Grenze überschritten, innerhalb derer ein Text sprachlich angemessen und vertretbar ist.

»Sommerurlaub! Für viele junge Leute DAS Ereignis im Jahr! Raus aus dem Alltag, rein ins Vergnügen. Erholung und Komfort sind dabei nicht gefragt. Stattdessen: Sonne und Spaß, anbaggern, flirten, Sex.

Tanzen, feiern, Alkohol. Party rund um die Uhr.

Zum Beispiel Lloret de Mar, eine Hochburg des Jugendtourismus.

Dort wird jeden Tag gefeiert, als ob es der Letzte wäre.‹ ( So steht's im Reiseprospekt.

Wir begleiten junge Leute in den Urlaub ...

...Anzüglichkeiten suggerieren Freiheit und Sex-Abenteuer. Billig muß es sein! Der gute Geschmack bleibt dabei auf der Strecke. Fastfood statt spanische Küche. Freizügigkeit statt Folklore.

Nackte Haut lockt überall – in natura und auf Hochglanz.

Lloret lebt vom Bustourismus. Zehn Tage Urlaub ab 300 Mark pauschal. Die Masse macht's...« (ZDF)

Allgemein gilt aber: NAH AN DEN MÜNDLICHEN AUSDRUCK!

Geschriebenes ist prinzipiell offener interpretierbar, weil kein Sprechausdruck Hilfen anbietet. Dieser Nachteil des Schriftlichen muß bei Hör-Texten später durch das Sprechen ausgeglichen werden. Allerdings gewährt Gesprochenes Verstehenschancen, die Schriftliches nicht bietet: Gesprochenes kann extrem glaubwürdig sein wenn der Sprechausdruck authentisch ist. »Ein Mann – ein Wort« stand immer schon für verläßliches Handeln. Schreiben fürs Hören kann prinzipiell Platz für den später sprechenden Menschen lassen und sollte das auch. Diese Glaubwürdigkeit wird am besten erreicht, indem schon der Sprachstil der eigene ist, nicht durchsetzt von Sprachmustern, nicht zusammengesetzt aus Versatzstücken fremder Gedanken und fremder Texte. IM EIGENEN STIL SCHREIBEN!



1.2 Die Fakten umkleiden und anbinden

Sprechen ist immer situativ. Im Mündlichen erhalten die Wörter ihre Kraft wesentlich durch die Eindringlichkeit ihres aktuellen Gebrauchs; sie sind nur als an jemanden gerichtet denkbar. Das macht Rhetorik aus, die auf Zustimmung zielt. Auch die ursprüngliche orale Kultur kannte keine situationsentbundenen ›Informationen‹. Das Gesprochene ist zudem »eher einfühlend und teilnehmend als objektiv-distanziert« (ONG 1987, 50). Beim Sprechen und Hören stehen Informationen immer in Situationen. Die Frage ist immer, ob die Hörer die Informationen einordnen können. Ist es zweifelhaft, ob die Kontexte vorbereitet sind, dann müssen die Texte selbst »situiert« werden (GEISSNER 1986, 14), um sie sicher verstehbar zu machen.

Man sollte bedenken, daß die Zeitpunkte, zu denen Informationen angeboten werden, nicht unbedingt die sind, in denen die Hörer nach ihnen verlangen – Nachrichten und viele andere Service-Formen werden zyklisch ausgesendet. Noch mehr in anderen Genres braucht es Einführung. Im folgenden Textbeginn fehlt sie:

»Dr. Özlem Türeoi und Dr. Ugur Salim, zwei Wissenschaftler der Abteilung Innere Medizin I der Universitätskliniken in Homburg, haben ein Verfahren entwickelt, mit dem es möglich ist, Antigenstrukturen an Tumorzellen unterschiedlicher Art zu erkennen.

Antigene sind Stoffe, die im Körper die Bildung von Antikörpern hervorrufen, mit denen sie reagieren...« (Training)

Diesen Beginn eines Hörfunkbeftrages wird niemand anhören wollen: »Strukturen« und Doktoren, die (noch) niemand kennt. Ein krasses Beispiel für die Nicht-Anbindung der Themen an die Situation der Zuhörer und Zuschauer. Ohne Situierung kommen aber gerade schwierige Themen kaum aus.

Günstig ist es dagegen immer, einige Schritte voranzustellen, die die Fakten einordnen – ausgenommen wieder die ›hard news‹. Schließlich entsteht Sinn weder beim Sprecher noch beim Hörer durch Wortbedeutungen; Sinn entsteht allein durch Beziehungen zwischen Wörtern, vor allem aber zwischen Wörtern und Menschen und zwischen Menschen. Deshalb müssen wir uns im Text auf Bekanntes beziehen; ein einfaches Beispiel:

»Sie kennen das ja: Sie müssen schnell aus dem Haus, aber wenn Sie das Garagentor öffnen, sehen Sie einen anderen Wagen direkt davor stehen. Sie rufen, Sie gestikulieren verzweifelt herum, schließlich rufen Sie den Abschleppdienst. N. N., zeigt, daß das ein Nachspiel haben kann.« (RPR)

Mit solchen Anbindungen an Bekanntes findet die Information ihre Abnehmer. DAS GESPROCHENE AN DEN HÖRER BINDEN: DIE GEMEINSAME SITUATION BENENNEN!

Die folgenden Beispiele sind TV-Moderationen, die ohne diese Situierungen kaum auskommen. Die erste Moderation ist gut situiert; was als Einstieg gesagt wird, kann wohl von jedem nachvollzogen werden, und so ergibt der Text für viele Zuschauer zunächst Sinn:

»Als Kind habe ich das ziemlich gerne gemacht – Drachen steigen lassen. Stundenlang auf einer Wiese stehen und zusehen, wie sich der Papiertiger im Wind bewegt. Heute im Zeitalter von Hightech sind selbstgebastelte Flugobjekte lange out. Heute tummeln sich mindestens Lenkdrachen am Hinnmel. Doch was passiert, wenn man vier bis fünf dieser Drachen aneinander bindet? Auf der Erde halten kann man die Ungetüme nicht mehr. Das wollen Drachenfreaks von heute auch nicht – sie gehen in die Luft.« (Pro Sieben)

Der Beginn sollte an die Situation der Zuschauer anschließen. Zum Situieren eignen sich Ereignisse und Bilder, die bekannt sind. Noch wirkungsvoller sind dazu Aussagen mit hoher Bekanntheit und anerkannter Geltung – die sonst so oft gescholtenen Gemeinplätze wie »Jedem Manne recht getan ist eine Kunst, die niemand kann.«, oder, nicht fest formuliert: »Erfahrung ist durch nichts zu ersetzen« o. ä.: KEINE ANGST VOR GEMEINPLÄTZEN!

Das folgende Beispiel zeigt, wie damit selbst eine Nachricht situiert werden kann:

»Reden ist Silber – Schweigen ist Gold. Das sagte sich auch ein Angestellter aus Darmstadt. Er hatte auf seinem Konto regelmäßige Zahlungen in fünfstelliger Höhe. Neun Monate lang ließ er sich das gefallen – bis der rechtmäßige Empfänger nachforschte. Eine Agentur hatte diese Zahlungen für ihren Geschäftsführer irrtümlich auf ein falsches Konto geleitet. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft.« (RPR)

Besonders Programmpräsentationen beginnen für wohl jeden nachvollziehbar mit Gemeinplätzen, wie die folgenden Beispiele:

»Mütter wollen für ihre Söhne nur das Beste – und vor allem, wenns um die Schwiegertochter geht, ist ihnen nichts gut genug.

Die herrische Stefanie Sandrelli jedenfalls ist schockiert, als sie erfährt, daß ihr Sohnemann die Tochter einer Bordellbesitzerin heiraten will... JAMON, JAMON – ich wünsche spannende Unterhaltung bei diesem prickelnden Erotik-Thriller«. (Pro Sieben)

»Liebe Zuschauer, Kriege sind so furchtbar, daß sie leicht unsere Fähigkeit zu Anteilnahme überfordern. Oliver Stone schildert deshalb in dem Polit-Thriller SALVADOR den Bürgerkrieg dieses mittelamerikanischen Landes anhand eines Einzelschicksals. ...« (Pro Sieben)

Solche Anmoderationen sind selbst Situierungen; sie führen anschaulich ins Thema ein und binden die Informationen und Beiträge an die Situation der Zuhörer und Zuschauer an. Dann, und nur dann, kann der Beitrag »in medias res« gehen. Situieren kann aber in Ausnahmen auch am Ende geschehen; die klassische Art ist die Abmoderation: Sie hilft einzuordnen, was gerade gehört oder gesehen wurde, z. B.: »Wohl niemanden läßt es kalt, was mein Kollege XY uns damit berichtet hat.«

Aber nicht ganze Texte sollten situiert werden, auch einzelne Teile der Rede brauchen zumindest eine Einführung oder Hinführung in die Situation. Der häufigste Fall ist das Antexten vom Originalton. Am einfachsten: »XY. sagte:«. Anschaulicher ist immer, wenn die ursprüngliche Sprechsituation benannt wird: »Noch auf der Treppe zur Chefetage äußerte XY Zweifel«. Unsinnig dagegen ist in den meisten Fällen: »XY meinte in diesem Zusammenhang«. Verzweifelt suchen Journalisten das Wort »sagen« zu umgehen und verfallen dabei auf die abwegigsten Formen: » ›Das ist barer Unsinn‹, kommentierte der Minister diesen Vorwurf.« Es ist nicht nur grammatisch falsch, sondern völlig unnötig, denn es läßt sich zweifelsfrei erkennen, daß er mit seinem Satz »kommentierte«. Das Verb »sagen« durch ein anderes zu ersetzen ist nur sinnvoll, wenn die Aussage im Text interpretiert werden muß, also genau genommen niemals in Nachrichten.



1.3 Wieder und wieder

Sprechen wiederholt und häuft an, während Schriftliches dagegen eher zergliedert. Das Mündliche verweist damit auch öfter auf Vorhergehendes, nicht nur für den Hörer, manchmal auch für den Sprecher selbst. Die aus dem Printjournalismus kommende Maxime, keine Wiederholungen zuzulassen, ist daher für Mündliches oft hinderlich. Im folgenden Beispiel erleichtert der Rückbezug die Orientierung: »... Eben diese Tatsache war es, die der niederländische Außenminister mehrfach nannte. Er hatte sie an die erste Stelle seines Kataloges gesetzt - wir sahen das schon in der Pressekonferenz... «. Also: IM TEXT AUF SCHON GENANNTES VERWEISEN!

Dadurch, daß Orales zur Wiederholung neigt, ergibt sich ein Dilemma für das Sprechen im Funk: es darf nur kurze Zeit gesprochen werden. Das steht unseren sonstigen Hörgewohnheiten entgegen. Wiederholungen lassen das Gesagte mit Vorhergehendem verknüpfen. Der Sprecher, und in diesem Fall der Text, braucht deshalb Redundanz durch wiederaufnehmende oder auflockernde Elemente. Redundant ist alles, was wiederholt wird und über das unbedingt nötige Neue hinausgeht. Möglichst mehrmals im Text sollte mit demselben Namen genannt werden, wer oder was gemeint ist. LA ROCHE (1994, 55 ff.) nennt das: »Beim zentralen Begriff bleiben«. WICHTIGE BEGRIFFE WIEDERHOLEN!

»René Hannemann

und Klaus Hoppe

gewannen heute das

Weltcup-Rennen der

Zweierbobs im

sächsischen Altenberg.



Hoppe und Hannemann

glänzten im dritten

Rennen der Saison

vor allem im ersten

Lauf, in dem sie

trotz strömenden

Regens einen neuen

Bahnrekord

aufstellten.« (SAT.1)



In folgenden Beispiel helfen die Wiederholungen dem Verstehen beim Hören:

»Frankfurt. Die Essener Hochtief will weder eine Mehrheit an der Frankfurter Philipp Holzmann AG, noch will sie mit dem Konkurrenten Holzmann fusionieren. Das gab heute ihr Vorsitzender Hans Dieter Keitel bekannt. Hochtief hat gerichtliche Beschwerde gegen die Untersagung der Beteiligungsaufstockung durch das Kartellamt eingelegt.« (RPR)

Selbst lesend ist dagegen in der folgenden Meldung schwer zu verstehen, welche Firma jeweils gemeint ist. Die zentralen Begriffe werden hier störend variiert:

»Die Pleite der Sektkellerei Schloß Wachenheim bringt immer mehr Unternehmen in Schwierigkeiten. Die Rüdesheimer Weinkellerei GmbH hat Vergleich angemeldet. Wachenheim hat ein Viertel der Anteile an dem Rheingauer Unternehmen. Ein Drittel des Umsatzes der Rüdesheimer wird in Zusammenarbeit mit der Pfälzer Sektkellerei erzielt. Die 65 Arbeitsplätze sind nach Angaben der Firma derzeit nicht gefährdet.«

Das Gegenteil der Wiederholung, die sprachliche Variante eines Begriffes, kann also den Hörer irritieren. So wird vor allem möglichen Zufallshörern das Verstehen durch solche Varianten erschwert, etwa wenn ein bereits genannter Mann mit »der 42jährige Familienvater« variiert wird. Wer, wie in diesem Fall, nicht mehrmals mit demselben Begriff operiert, erschwert das Verstehen. Deshalb: EHER KEINE SPRACHLICHEN VARIANTEN, ALLENFALLS PRONOMEN: »ER, SIE, ES«!

Eine Sorte der Wiederholungen ist allerdings für den Sprechvorgang besonders ungünstig, nämlich Klangwiederholungen, aufeinanderfolgende gleiche Wortanfänge, wie »Wollt Ihr ihr ihre Bücher bringen?«, denn solche Wiederholungen könnten zu Versprechern führen. Insgesamt läßt sich sagen: KEINE KLANGWIEDERHOLUNGEN IN AUFEINANDERFOLGENDEN WÖRTERN!

Wiederholen darf freilich kein Dogma sein. »Das dialogische Prinzip verführt leicht zur Geschwätzigkeit«, befürchtet BURGER (1990,163) anhand von immer mehr moderierten Informationen. Das muß nicht so sein. Das typisch mündliche Wiederholen hat ohnehin Grenzen in der Sendezeit. Hilfreich sind nur Wiederholungen, die das Gesprochene typisch mündlich halten und damit der Informationsverdichtung des Aufgeschriebenen entgehen lassen.

Auch direkte Ansprachen sind typisch mündlich, die in manchen Genres auch im Text selbst vorkommen. In Moderationen etwa ist die direkte Ansprache ein möglicher Weg:

»Und hier ist wieder unsere Sonntagnachmittag-Swing-Party. 50 Minuten lang lassen wir für Sie die Post abgehen mit Swing und Jive und Drive und was so alles noch dazu gehört. Ach so, ja, Jump gehört natürlich auch zu so einer richtigen Swing-Postkutsche, und für den sorgt jetzt Alexander der Große – nein, nein, nicht der aus der Geschichte, sondern der Pianist von der Westküste. Monty heißt er mit Vornamen, und Soul und Blues feeling hat er mit Suppenlöffeln gegessen. Danach hören Sie John Lee Hooker, und später erwarten Sie noch die Combos von John Coltrane, Jean Luc Ponty und Klaus Doldinger und die Big Bands von Buddy Rich und Count Basie auf ihren Einsatz. Doch hier ist jetzt erst einmal Monty Alexander und ›Comin' home baby« (hr)

Diese direkte Ansprache erreicht wahrscheinlich die Angesprochenen. Zu bedenken ist aber immer, daß nicht bestimmte Hörer ausgeschlossen werden, manchmal kann man das gar explizit hören: »Sie, die Sie sich jahrelang intensiv mit dem Thema beschäftigt haben... « wäre krasses Minderheitenradio und erzeugt das Gegenteil von Höreransprache.

Gesprochenes drückt eher Handlungen aus als daß es bloße Fakten und Ordnungen angibt. Systeme und Kategorien, Daten und Abgeschlossenes, dafür steht eher der Sprachstil des Nominalen, Schriftlichen. Gerade Substantivierungen stehen scheinbar für Festgestelltes, nicht Änderbares. Vielfach bleibt so verborgen, wer handelt. Solche nominalen Formen machen zudem die Texte leblos und unanschaulich, unanhörlich: »Bundesabfallbeseitigungsgesetz«, »Verabschiedung und Ratifizierung mit anschließender Diskussion« etc. Ein Beispiel aus einer Presseerklärung:

»...Förderung von Informations- und Beratungshilfen für Bürgerinnen und Bürger,

Förderung situations- und problembezogener Beratungshilfen für die verschiedenen Fachdienste,

fallbezogene Beratung und Hilfe in Kooperation mit den hierzu erforderlichen Fachdiensten und Institutionen,

regelmäßige Erlebnisanalyse mit dem Ziel der Auswertung und Bündelung bestehender Erfahrungen,

Weiterentwicklung und Koordinierung bestehender Hilfesysteme mit dem Ziel der Vernetzung...«

Um nicht ins Nominale der schriftlichen Auflistung zu fallen, sollten wir in mündlichen Sätzen dagegen möglichst Menschen auftreten lassen; sie machen die Sprache lebendig. Das leisten nur Verben. VERBAL SCHREIBEN!

2. Das Vorlesen im Blick haben

2.1 Vorlesen ist Überschauen und Sprechdenken.

Halb gelesen, halb frei gesprochen, das geht meist schief und hat wohl schon bei jedem zum Mißerfolg geführt. Man kann hören, welche Sätze vorgelesen und welche frei gesprochen sind. Besser bleiben wir ganz beim Vorlesen oder freien Sprechen. Beim Vorlesen nehmen wir zunächst ein Wortbild auf, das im Verbund mit anderen Wortbildern zu einem inneren Bild wird. Gleichzeitig entwickeln so einen Sinn, den wir dann wieder in die bereits fertige grammatische Form des Satzes einfügen. Vorlesen heißt fertige Sprache aufnehmen und daraus neuen Sinn anbieten, also interpretieren. Um beim Vorlesen die geschriebenen Sätze fürs Sprechen selbst verstehen zu können, müssen wir daher den Satz nicht nur als Buchstabenfolge in Laute umsetzen. Vielmehr müssen wir im Vorlesen Denken und Sprechen neuerlich verknüpfen. Sprechdenken gelingt am leichtesten frei, d.h. ohne vorgefertigten Text. Lesen wir einen vorformulierten Text ab, dann müssen wir die Buchstaben aufnehmen und zusätzlich Sprechdenken. Auch wenn es eine Banalität sein mag: Vorzulesende Texte müssen Denken während des Sprechens ermöglichen. Deshalb: SÄTZE ZUM VORLESEN SPRECHEND ENTWICKELN!



2.2 Klare Betonungen ermöglichen

Allein die Tatsache, daß Texte vorgelesen werden, treibt das Sprechtempo an. Schon von daher sollen die Satzkonstruktionen so einfach wie möglich sein. Die folgenden Texte lassen sich deshalb leicht sprechen:

»Frankfurt

22 Monate Haft wegen Trickdiebstahls an Bankschaltern lautet das Urteil gegen einen 27jährigen Chilenen vor dem Landgericht.

Er hatte zusammen mit einer Bande mehrere Banken in Deutschland um erhebliche Beträge erleichtert.

Dabei lenkten einige Bandenmitglieder die Angestellten ab, während der Verurteilte mit einer eigens konstruierten Greifzange das Geld aus den Kassen fischen konnte.

In der heutigen Berufungsverhandlung bestätigte das Gericht

damit das Urteil aus der ersten Instanz.« (RPR)



»Fußballneuland Japan: eine

Synthese aus Tradition, Moderne

und ständiger Veränderung. Der

Zeitgeist in Japan

ist rund und aus Leder.



Nirgends auf der Welt wurde

Fußball bisher so aufwendig und

zielstrebig vermarktet.



Hinter den 10 Clubs der J-League

stecken die feinsten Adressen der

nationalen Wirtschaft. Unterstützt

wird das Unternehmen J-League von

einheimischen Elektrizitäts-,

TV- und Bahnunternehmen.

Das Fernsehen überträgt zur besten

Sendezeit.« (SAT.1)



Hier ist jeder Satz ein mündlich reproduzierbarer Schritt. Die Aussage geht schrittweise voran und jeder Satz ist ein leicht vorlesbarer Gedanke. Die Grafik zeigt ein anderes einfaches Beispiel:



Wir müssen Sätze als solche Gedankenschritte leicht und auf Anhieb an ein Gegenüber gerichtet aussprechen/vorlesen können, auch, um beim einmaligen Hören verstanden zu werden. Sprechen wir frei, dann tun wir das in relativ kurzen Schritten oder Sätzen. Um beim Vorlesen auch im Sprachstil mündlich sein zu können, sollte schon der Text diese Schritte abbilden. Man nennt solche mündlich entstandenen Einheiten oder Sätze die »Sinnschritte« (vgl. WINKLER 1962, WACHTEL 1995/1, 25). Fürs Sprechen Bestimmtes sollte schon in solchen Schritten geschrieben sein (vgl. »Schreiben in Sinnschritten«). SÄTZE ALS SPRECHBARE GEDANKENSCHRITTE SCHREIBEN!

Das heißt nicht in jedem Fall: Sehr kurze Sätze, denn kurz heißt nicht unbedingt leicht sprechbar und mündlich geprägt. Das zeigt deutlich die Schlagzeile. Diese Form kommt aus dem Printjournalismus, wo sie das Leseverstehen lenken soll. Die Schlagzeile kann man zudem als das Paradigma moderner journalistischer Sprache begreifen. Sie ist unpersönlich, vor allem weil der Handelnde meist nicht vorkommt; die Schlagzeile ist nicht situiert. Gesprochen ist die Schlagzeile dennoch an einigen Plätzen angebracht, als Themenaufzählung oder Aufmacher einer Sendung:

»Guten Abend,

Truppenbesuch – Verteidigungsminister Perry inspiziert amerikanische Einheiten in Bosnien.

Steueraffäre – In Koblenz wurden zwei Manager der Dresdner Bank verhaftet.

Welt-Premiere – Das Freizeitmobil von Mercedes soll in den USA produziert werden.

Das Wetter: Meist bedeckt, im Osten auch Schnee. Zwischen minus fünf und plus zwei Grad.« (ZDF)

Die Schlagzeile ist entweder ein ganzer Satz: »Bundeskanzler Kohl trifft heute den amerikanischen Präsidenten Clinton.« – oder eine bloße Partizipialkonstruktion: »Weizsäcker zu Trauerfeierlichkeiten in Moskau eingetroffen.«, oder auch ein auf andere Weise unvollständiger Satz (Ellipse): »Die Haushaltsdebatte und ihr Nachspiel«, oder: »Rühe in Bosnien-Herzegowina«.

Den letzten beiden Beispielen ist gemein, daß sie keine Verben enthalten, was auch Schlagzeilen die nötige Anschaulichkeit nehmen kann. Möglich ist deshalb ein unvollständiger Satz, der von einem vollständigen abgelöst wird. Der Beginn ist dann eine mehr oder weniger treffende Zusammenfassung: »Bedrängnis. Der Niedersächsische Ministerpräsident muß Rede und Antwort stehen.«.

Keine echten Schlagzeilen sind nur um den Artikel gekürzte Sätze aus Meldungen. Selten hat der Schlagzeilenstil Berechtigung für einen ganzen Text:

»Frankfurter Millionen-Betrüger Manfred Gläser zwei Jahre nach seiner Flucht aus dem Gefängnis in Casablanca gefaßt. Gläser war 1993 wegen Betruges zu acht Jahren Haft verurteilt worden und hatte sich während eines Hafturlaubs ins Ausland abgesetzt.« (RPR)

oder:

»Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim in der Asthma-Forschung künftig zusammen mit der amerikanischen Firma Sequana Therapeutics. Genetische Ursachen der Krankheit geklärt.« (RPR)

Immer häufiger werden kurze Schlagzeilen, die phonetisch ähnlich und daher attraktiv sind: »Abbruch..., Absatz..., Absicht«. Hier lenkt manchmal die Form vom Inhalt ab. In anderen Fällen soll die Schlagzeile originell sein, sagt aber nichts aus: »Neuer Mann«, »Sofort weggefahren«. Solche Schlagzeilen fordern eben nicht zum Zuhören auf. Das zeigt deutlich das ganze Elend der Schlagzeile: Sie soll in extrem kurzer Zeit auf Weiteres neugierig machen. Dazu muß sie aber substantiell sein und Wesentliches angeben. Das können meist nur ganze Sätze:

»Bleiben die Todesschüsse an der Mauer jetzt ungesühnt?

Prozeßende – Die Berliner Richter halten Erich Mielke für verhandlungsunfähig.

Premiere – die Ministerpräsidentin der Türkei zu Besuch in Israel.

Entscheidung – Matthias Ohms bleibt Präsident von Eintracht Frankfurt.« (ZDF)

Insgesamt sollte die Schlagzeile prägnant und leicht hörverständlich sein. Angeblich auch aus Gründen leichterer Sprechbarkeit wird in immer mehr Redaktionen die Schlagzeile auch als Stilmittel des ganzen Textes propagiert. Im folgenden Beispiel mag der Schlagzeilenstil scheinbar leicht zu sprechen sein, allerdings nur, wenn er nicht gehäuft den Text bestimmt. Dann sind die Inhalte einfach zu dicht und zu wenig vermittelt. Für den Sprecher wird es schwer, die Vorgänge zu ›sehen‹. Unsituiert Hingeworfenes ist nicht gleich mündlich:

»Heute von Ältestenrat des Bundestages festgelegt: Am 10. März Bonn/Berlin-Gesetz verabschiedet.

Auch festgeschrieben: Kosten des Umzugs: 20 Milliarden Mark.

Vom Haushaltsausschuß anerkannt: Die Höhe der Ausgleichszahlungen für die Region Bonn/Rhein/Sieg.« (Radio Bonn-Rhein-Sieg)

Schlagzeilen können sinnvoll sein, wenn sie Abwechslungen des Sprachstiles und Sprechstiles versprechen, nicht jedoch als Stilprinzip ganzer Texte, deshalb: KEINE SCHLAGZEILEN HÄUFEN!



2.3 Stolpersteine

»Tierkörperbeseitigungsanstalt«, »Vermessungs- und Begradigungsingenieurwesen« usw. Das ist zwar korrekt, aber nur schwer hörend zu verstehen. Weil wir ohnehin beim Sprechen normalerweise Wörter mit weniger Silben verwenden als im Geschriebenen, sollten sie auch in Hör-Texten die Regel sein – außer freilich im Falle von Eigennamen. Wörter mit vielen Silben sind schwerer zu sprechen und hörend zu verstehen, und sie erhöhen das Versprecherrisiko, deshalb: SPARSAM MIT VIELSILBIGEN WÖRTERN!

Fälschlich als Stolpersteine oder einfach als überflüssig angesehen werden Wörter, die die Sprache flüssiger machen. Meist zeigen solche Wörter eher wichtige Verbindungen zwischen Sätzen an. Beim Sprechen entwickeln wir aber eher auseinander hervorgehend als nur auflistend (Vgl. WINKLER 1962, 34, ONG 1987,101). Im Idealfall entsteht dann ein Satz aus dem anderen und schließt an den Vorhergehenden an, mit Wörtern wie: »also«, »darum«, »infolgedessen«, »trotzdem«. Es sind »Gelenkwörter« (GEISSNER 1986, 148). Konkret auf vorherige oder nachherige Sätze bezogen zu sein, das bedeutet für den Hörer die Klarheit der Denkrichtung des Satzes schon zu Anfang. Deshalb: HÄUFIG GELENKWÖRTER AN DEN SATZANFANG!



2.4 Ein Kern pro Satz

Es gibt im mündlichen Satz immer einen Begriff, um den herum oder auf den hin sich alles bewegt, sowohl das Sprechdenken als auch das Verstehen. Es sind die »dominierenden Vorstellungen« (vgl. DRACH 1922, 23 ff.) bei der Satzplanung, von denen es immer nur eine gibt. SÄTZE MIT NUR EINEM KERN!

Diese Satzkerne des Mündlichen sind die Betonungen, auf die hin gedacht und gesprochen wird. Die gesprochene Äußerung/ der Satz muß denselben Weg nachzeichnen können, den er frei gesprochen gegangen wäre, nämlich wieder auf einen Kern hin. Dieser Kern muß beim Aussprechen leicht erkennbar sein. Damit auf den Kern die Sprechspannung streben kann, sollten wir auch beim Formulieren auf ihn hin denken: DEN KERN IM SATZ NACH HINTEN!

Der folgenden Satz ist leicht zu betonen, weil die Spannung zum Ende strebt:

»Wenn der nordrhein-westfälische Sozialminister mäkelt, die Willenserklärung der Ministerpräsidenten vorm Kamin sei kein Beschluß, ist das richtig, aber es hilft nichts. Die nächsten Wahlen kommen bestimmt, in Nordrhein-Westfalen schon im Mai, und wer verkündet da schon freudig seinen Landeskindern: ›Ene, mene, muh, aus bist Du!‹?« (SWF)

Ein anderes Beispiel enthält so viele Informationen, daß sie schwerlich zu betonen sind. Die Kerne sind schwer zu finden:

»Der letzte Abschnitt der Autobahn A 49 zwischen Kassel und dem Raum Gießen soll nach einer Entscheidung von Wirtschaftsminister Schmidt abweichend von der bisherigen Planung durch den sogenannten Maulbach-Korridor an Homberg/Ohm vorbeigeführt werden, während bisher die Autobahn über die sogenannte Ohmthal-Trasse geführt werden sollte«. (hr)

Informations-Häufungen wie diese sind schwer zu sprechen, hier wie in vielen Fällen durch die eingeschobene Quelle. Allzu leicht werden die Betonungen dann willkürlich, weil zuviel im Satz zur Auswahl steht. Jede Häufung von sicher wichtigen Satzteilen läßt den Hörer den Satzkern schwerer verstehen. Vorzulesende Sätze sollen also nicht nur einigermaßen kurz sein, sie dürfen auch nicht zu dicht sein. Auch wenn, wie im umgekehrten Fall, nicht alles betont wird, geht einiges verloren; die Verdichtung in Hör-Texten hat Grenzen, deshalb: JEDES HÄUFEN VON INFORMATIONEN (VERDICHTEN) VERMEIDEN!

Solche Informationsverdichtungen entstehen oft durch mehrere Gedankengänge in einem Satz. Verdichtung in Sätzen hat nichts vom schrittweisen Entwickeln und Verstehen des Mündlichen. Im Gegenteil: Jeder Gedanke benötigt im verständlichen Sprechen einen eigenen Satz. Das vorherige Beispiel könnte so aussehen:

»Der letzte Abschnitt der Autobahn A 49 zwischen Kassel und dem Raum Gießen soll an Homberg/Ohm vorbeigeführt werden. Das hat Wirtschaftsminister Schmidt entschieden. Statt durch die Ohmthal-Trasse soll die Autobahn nun durch den Maulbach-Korridor führen.«

Leicht hörend zu verstehen sind nur solche Schritte mit jeweils einem Gedanken, deshalb: FÜR JEDEN GEDANKEN EINEN EIGENEN SCHRITT ODER SATZ!

»In der Untersuchung zeigte sich, daß Männer eher für Beruf und Gelderwerb zuständig sind, Junggesellen sich auch um haushaltliche Belange kümmern«. Ein verdichteter Satz mit mehreren Gegensätzen. Auch gehäufte Gegensätze aber können wir nur schwer sinnvoll vorlesen. Besonders solche mit gegenübergestellten Inhalten verlangen nicht nur je eine Betonung, diese Akzente müssen im Sprechen auch differenziert werden können. Das ist umso schwerer möglich, je mehr verschiedene Inhalte vorkommen. Es ist für das Sprechen problematisch, wenn zwei Gegensatzpaare einander kreuzen. Auch das kann entzerrt werden, so daß die Beutungsunterschiede etwa vom »Mann« und »Junggeselle« klar werden. In einem eigenen Satz dann also: »Es kam auch heraus, daß Junggesellen sich auch um haushaltliche Belange kümmern.« KEINE EINANDER KREUZENDEN GEGENSATZPAARE IN EINEM SATZ!



2.5 Untiefen im Satz

Sprechen geht meist in kleineren Schritten vonstatten: linear, gleichrangig reihend. Das bedeutet, daß die Teilsätze keine komplexeren Beziehungen eingehen. Das ist eher typisch für das Schriftliche, das ineinander verschachtelt:

»Bundeskanzler Kohl, der am Nachmittag zu einem einwöchigen offiziellen Besuch nach China fliegt, will mit dem chinesischen Außenminister Li Peng über die deutsch-chinesischen Beziehungen beraten, die sich besonders seit den blutig niedergeschlagenen Studentenunruhen im Mai 1989 abgekühlt und auf den Ost-West-Dialog durchgeschlagen hatten.« (hr)

Beim Hören mag gut verstanden werden, daß etwas durchgeschlagen hatte, und daß es Unruhen gab. Der Kern des Ganzen, vermutlich die »deutsch-chinesischen Beziehungen«, geht unter, und auch Kohl ist kaum zu behalten. Hier sind die Nebensatzkonstruktionen zu sehr hierarchisch; der Satz ist zu ›tief‹. NUR SELTEN UND NUR KURZE EINGESCHOBENE GEDANKEN!

Das verteufelt nicht den Nebensatz; auch Nebensätze können wir hörend verstehen. Gelegentlich hört man den Rat, für das Hören nur Hauptsätze zu verwenden. Das ist ein Dogma, das direkt in die Langeweile führen würde (vgl. HÄUSERMANN /KÄPPELI 1994, 55). Auch die Regel »Hauptsachen in Hauptsätze, Nebensachen in Nebensätze« allerdings, wie WEISCHENBERG (1990,143) meint, ist nichts als ein Klischee. Oft sind die Nebensätze nachgestellt und enthalten dennoch das Wichtigste, wahllos gesuchte Beispiele aus den Textkapitel: »Das geschieht immer dann, wenn die Argumente ausgehen.« »Das Gesetz erlaubt dies nur dann, wenn dafür eine Genehmigung vorliegt.« »Grundlage sind die Gesetze, die vor 1998 galten.« Insgesamt sollten Haupt- und Nebensätze einander abwechseln. Die Nebensätze sollten allerdings möglichst nebenordnend, nicht unterordnend sein. Deshalb: KEINESFALLS NUR HAUPTSÄTZE. NEBENSÄTZE IMMER KURZ UND LOGISCH AUFEINANDERFOLGEND!



3. Das Zuhören erleichtern

3.1 Auf Anhieb verstehen helfen

Jeder kennt das: Aus einem Lautsprecher kommt etwas, das man unbedingt verstehen will, man versucht, »dahinterzukommen«. Trotz konzentrierten Zuhörens muß man das Gesprochene aber erst mühsam »zurechthören«, im Nachhinein rekonstruiert aus Sätzen, die man sich im Gespräch nicht freiwillig anhören würde. In solchen Fällen wird vergessen oder ignoriert, daß der Text hörverstanden werden soll; er bleibt ein Monolog. Das folgende Beispiel zeigt, daß »informativer« Text für Zumutungen beim Hören verantwortlich ist:

»Im Programm von hr2 nehmen wir uns jetzt Zeit für eines der ruhigen, langausgedehnten Kammermusikstücke aus der letzten Schaffensperiode des 1987 verstorbenen amerikanischen Komponisten Morton Feldman. Wie viele seiner Arbeiten ist auch dieses, kurz vor seinem Tod fertiggestellte Werk mit der Angabe der Besetzung betitelt: ›Piano, Violin, Viola, Cello‹. Dies verweist auf Feldmans vorrangiges Interesse am konkreten Klang – und das heißt, insbesondere an den Klangfarben der Instrumente – und auf seine Ablehnung jeglicher Abstraktion, etwa der der traditionellen europäischen Kunstmusik, die das Wesentliche eines Klanges in seiner Tonhöhe festmachen zu können glaubte, unabhängig von der Lage oder von dem Instrument... Konkret hörbar wird der Klang der Instrumente nur als allmähliche Entfaltung in der Zeit. Auch in dieser Hinsicht versucht Feldman, jegliche abstrahierende Konstruktion – sei es die motivisch-thematische Arbeit der Tradition oder die Systematik der seriellen Neuen Musik – zu vermeiden...« (hr)

Was wir dann als Hörer »vermeiden«, ist das weitere Zuhören. Ein Satz mit 49 Wörtern, ein weiterer mit immerhin 25. Hier sind schon fast alle Probleme von unhörbaren Sätzen angelegt. Daß so das Zuhören zur Zumutung wird, läßt sich vermeiden, wenn man weiß, was beim Hören geschieht. Während wir lesend auch kompliziertere Sätze mit der entsprechenden Aufmerksamkeit relativ leicht verstehen, weil wir zurücklesen können, haben mündliche Sätze nur eine Verstehenschance. Die Gefahr des Mißverstehens ist groß und das ›Weghören‹ von nicht Passendem ohnehin die Regel. Deshalb muß das Verstehen von vornherein erleichtert werden. Prinzip einer Schreiblehre fürs Hören ist also Einfachheit – ihr Ziel ist das Verstehen beim einmaligen Hören. Im Grunde sind alle Stilformen auch für das Hören möglich. Allerdings sollten wir nur sehr überlegt Stil-Figuren verwenden, die kompliziertere Denkoperationen verlangen. Besser also keine grammatischen Formen, die nicht-lineare Operationen verlangen und also nicht beim ersten Hören verstanden werden können, z. B. KEINE DOPPELTEN VERNEINUNGEN!

Sprechen und Hören sind dialogischer als Schreiben und Lesen. Das zeigt sich am Fragesatz. Er fordert zum Mitdenken auf. Die rhetorische Frage hat ausschließlich diese Funktion, indem der Autor die Antwort als bekannt voraussetzt. Fragen sind am sinnvollsten am Anfang von Textteilen, die sie dann beantworten. Fragen können sehr gut auch Abschnitte beenden oder am Ende des Textes stehen. Sinnvoll ist das aber nur, wenn auf sie hingeführt wurde und sie nicht ein neues Thema aufmachen. Fragen können z. B. einen Originalton antexten; ein Beispiel aus einem TV-Stück:

» ›In der Szene geht derweil das Katz-und Maus-Spiel weiter vor der Kulisse von Verelendung, Verwahrlosung, zunehmender Dealer-Brutalität und lauter werdendem Bürgerprotest. Polizeiliche Repression ist nur von rasch vorübergehender Wirkung. Wird die Heroin-Abgabe, nach den ersten ermutigenden Trends, den Letten leerfegen?‹

(O-Ton)« (ZDF)

Der gute Hör-Text ist allgemeinverständlich; das heißt aber mitnichten gleich simpel. Wer schreibt, sollte also nicht die landläufigen Sprach-›Fehler‹ zulassen. Es bedeutet vielmehr, Wörter auszuwählen, die die voraussichtlichen Hörer verstehen können. Dazu gehört keineswegs etwa Latein, was oft nur lesend und mit Nachschlagewerk verstanden werden kann, ebenfalls nicht Zitate, gar aus Literaturen fremder Sprachen. Zudem sollten möglichst solche Worte verwendet werden, die auch sonst in gesprochener Sprache vorkommen. Fatal sind besonders Begriffe aus der Produktionswelt von Radio und Fernsehen: »Senkel« und »MAZ« sind für die meisten völlig unverständlich. Im Zweifel ist es immer angebracht, Wörter zu vermeiden, die das Hörverstehen stoppen könnten. Dazu lassen sich die Wörter erklären oder umschreiben. So kann man das Fremdwort vorab verwenden, die Erklärung fügt man bei. NUR GELÄUFIGE FREMDWÖRTER VERWENDEN!

Auch Abkürzungen sind selten der Allgemeinheit geläufig.

»UNPROFOR« etwa ist einige Zeit lang ständig zu hören gewesen. Kaum jemand weiß aber, was es bedeutet: ein anderes Wort für UNO? Wer dann versucht, die Abkürzung gar zu entschlüsseln, kann das weitere nicht verstehen. Deshalb: ABKÜRZUNGEN MINDESTENS EINMAL VOLLSTÄNDIG AUSSPRECHEN, IM ZWEIFEL ERKLÄREN!



3.2 Wir hören Bilder

»Wer zuletzt lacht, lacht am besten, und Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Der Volksmund hat auch zum Thema Witz und Spott eine Reihe mehr oder weniger tiefsinniger Sprüche auf Lager. Eines steht jedoch fest: Am ehesten verleitet noch das Mißgeschick des Nächsten zum Lachen. Zahlreiche Slapsticks und Kabaretts haben so die Schadenfreude zu ihrem beliebtesten Stilmittel erkoren. Besonders lustig wird es dann, wenn ein sogenanntes Hohes Tier zur Zielscheibe des Spotts wird. Meisterlich perfektioniert hat dieses in Bayern als ›Derbleckn‹ bekannte Phänomen der Karikatur. Allseits beliebt kommt sie täglich in fast allen Zeitungen an prominenter Stelle zum Einsatz. Neben Leitartikel und Kommentar ist auch sie ein unverzichtbarer Beitrag zur Weiterbildung in unserer Demokratie...« (Training)

Bis hierher ging alles ganz lebendig zu, aber jetzt sperrt sich die Vorstellung beim Zuhören. War sie bis jetzt nur leicht überladen, ist der letzte Satz nicht mündlich, eher sperrig und völlig abstrakt:

»Wertebildung in unserer Demokratie«. Eigenes Interpretieren beim Hörverstehen bedeutet aber, daß bildhafte Vorstellungen entstehen können. Günstig dafür ist jede Art von Bildern. Keineswegs ist das bei abstrakten Begriffen wie in diesem Beispiel möglich. Untersuchungen haben gezeigt (vgl. HÖRMANN 1994, 279), daß das Hörverstehen von Abstraktem starrer als das normale Hörverstehen verläuft. Abstrakte Angaben werden zwar einfacher verarbeitet, sie führen aber nur dann zu einem längeren Behalten, wenn sie in Anschauliches ›übersetzt‹ werden. Problematisch werden Bilder nur, wenn sie zu kompliziert sind oder einem voraussichtlich unbekannten Erfahrungsbereich entstammen. Der folgende Trailer ist so orginell wie wenig verständlich, weil seine Bilder zu weit hergeholt sind:

»Bundesliga-Therapie gegen Pokal-Neurose. Bayern nimmt die Bayer-Pille. Spitze auf Rezept. München trifft auf Leverkusen. / Die Frischzellenkur: Rostock gegen St. Pauly. Heute 18 Uhr. Keine Risiken und Nebenwirkungen: ›ran‹ Sat.l Fußball«.

Ein anderer Trailer aus demselben Hause ist originell und zudem klar verständlich:

» ›ran‹ am Freitag: Alarm am großen Fluß, der Tiger kommt. Gladbach zu Gast in Köln. / Derby-Stimmung, geht Freiburg auch in Karlsruhe baden?« (SAT.1)

Die Konsequenz: KONKRET UND ANSCHAULICH SCHREIBEN!

In Ausnahmen dürfen das sogar Texte zu Fernsehbildern:

»Nur eineinhalb Flugstunden von Miami entfernt beginnt das Paradies: Die Turks- und Caicos-Inseln. Das Archipel wurde von Christopher Kolumbus auf seiner sogenannten Indienreise entdeckt. Schon ihn werden die strahlendweißen Strände geblendet haben, die sich über 300 km entlang der Küste erstrecken, wie Bänder aus Puderzucker.

Der moderne Reisende erlebt den atemberaubenden Anblick aus der Vogelperspektive. Die beste Sicht hat man aus einem der kleinen Flugzeuge, die hier ein ganz normales Fortbewegungsmittel sind. Wie Insekten umkreisen sie die Inseln. Oder man nimmt die Linienmaschine, die einmal am Tag das Festland Floridas mit dem Archipel verbindet.

Eine der insgesamt 32 bewohnten Inseln ist Providenciales. Von den Bewohnern wird sie zärtlich ›Provo‹ genannt...« (n-tv)

Freilich ist solche behutsame Bildhaftigkeit in vielen Genres nur schwer möglich. Aber was bei Wetterberichten immer häufiger wird, Auflockerung und Anschaulichkeit in Sprachstil und Sprechstil, täte auch anderen Genres wohl: etwa Börsenberichten und Erklärstücken jeder Art. Anschaulichkeit in abstrakte Themen zu bringen ist nötig. Viele solcher Versuche lassen aber die Bilder schief werden. Im Journalismus muß meist ein Geschehen mit überaus komplizierten Hintergründen erklärt werden. Dazu müssen wir Fachbegriffe gelegentlich übersetzen. Das Erklärenwollen hat aber meist das Gegenteil zur Folge; es vernebelt durch schiefe Bilder. Weil die Inhalte in immer gleicher Form daherzukommen drohen, muß die Metapher her. Dann werden immer neue Varianten und Synonyme gesucht, wie etwa in einem Börsenbericht: »Der deutsche Aktienindex (auf einem Sender seit Jahren tautologisch der ›DAX-Index‹) fungiert weiter recht freundlich, so daß die Aufwärtsbewegung auf festem Fundament ruht«. Eine Bewegung kann aber nicht ruhen, schon gar nicht auf einem Fundament. »Neben Zinssenkungshoffnungen wird der Handel an der Präsenzbörse immer mehr vom Optionshandel an der deutschen Terminbörse beeinflußt. Die Anleihen haben eine Verschnaufpause nach dem Kursanstieg von gestern eingelegt«. Vermutlich haben auch nicht die Anleihen eine Verschnaufpause eingelegt, sondern die Händler.

Diese Suche nach bildhafter Sprache endet in Ungenauigkeit und Verwirrung. Deshalb: KEINE METAPHERN HÄUFEN. ALLE BILDER AUF TREFFLICHKEIT PRÜFEN UND DURCH KLARERE BEGRIFFE ERSETZEN!

Beim Hören verschmähen wir allemal die Floskeln. »Guten Abend, meine Damen und Herren«, »Liebe Hörer« oder ähnliche Formeln schmücken so manche Sendung, die Möglichkeiten der Redeeröffnung sind gezählt. Obwohl die Floskel inhaltlich wenig sagt, schafft sie wohl Atmosphäre (vgl. ARNOLD 1991, 82). Sie hat darum oft ihre Berechtigung. Sie schafft zudem Redundanz, ein Ambiente des Gemeint-Seins – wenn sie nur glaubhaft gesprochen wird. Schließlich, jeder dieser so bezeichneten Ausdrücke war einmal lebendig. Es ist also nicht die Frage, ob Floskeln verwendet werden, sondern ob diese Formen später lebendig gesprochen werden können. Daher: FLOSKELN WIEDERBELEBEN ODER WEGLASSEN!

Weithin bekannt ist, daß aktive Formen anschaulicher und damit wirkungsvoller als passive sind. Zusätzlich spricht für das grammatische Aktiv, daß wir mündlich generell wahrscheinlich weniger das Passiv benutzen, schon weil wir hier weniger von Ergebnissen sprechen als von Handlungen. Sollen auch die Handelnden genannt sein, dann gelingt das nur in der Aktivform, nicht im geronnenen Passiv. Zudem sind Passivkonstruktionen meist länger als Aktivformen und oft auch schwerer zu sprechen. Schließlich lassen aktive Verbformen beim Hören Bilder entstehen, auch deshalb: EHER AKTIV STATT PASSIV VERWENDEN!

Auch in Partizipien sind Handlungen bereits eingegossen, sie leben nicht mehr und verdichten den Satz (vgl. HÄUSERMANN / KÄPPELI 1994, 58). »Diese von einer Expertengruppe verfaßte und von der Bundesregierung herausgegebene Broschüre ist jetzt erschienen.« Solche Partizipialkonstruktionen sind nicht typisch mündlich. Sie enthalten – nach Art der eher auflistenden Schrift – mögliche Gedankenschritte, die in einem eigenen Schritt verständlicher wären. Anderenfalls fällt es schwer, sie sich beim Hörverstehen lebendig zu machen. Noch besser wäre es, die Partizipien aufzulösen: »Diese Broschüre ist jetzt erschienen. Eine Expertengruppe hat sie verfaßt und die Bundesregierung gibt sie heraus.« NICHT DURCH PARTIZIPIEN KOMPRIMIEREN!

»Turbo-Feuerzeuge mit Multi-Color-Flamme, die größte rauchbare Pfeife der Welt, wasserfestes Zigarettenpapier – das sind nur drei der zahlreichen Neuheiten, die die Tabakindustrie zu bieten hat. Neben dem klassischen Raucherbedarf reichern Spirituosen, Süßwaren und Geschenkartikel das Sortiment an.

Das alles läßt das Herz jedes Rauchers höher schlagen, so heißt es in einer Pressemitteilung. Doch die Konsumenten des blauen Dunstes werden immer weniger – und die Rezession tut ein übriges. Gerade noch 126 Mrd. Glimmstengel konnten 1993 an den Mann oder an die Frau gebracht werden, das sind 25 Mrd. weniger als vor drei Jahren. Wenn es nach der Tabakindustrie geht, wird der Preis für die Ladenpackung Zigaretten demnächst um 10 Pfennige erhöht. Besondere Sorgen bereitet der Industrie noch ein ganz anderes Problem: 9,4 Milliarden Zigaretten wurden 1993 aus Osteuropa, 7,4 Milliarden aus Westeuropa ›privat importiert‹, will sagen: geschmuggelt.« (WDR)

Dieser Text beginnt sehr konkret und anschaulich, erweist sich aber bald als überladen: So viele Zahlen können hörend nur schwer verstanden werden, weil sie hochabstrakt sind und ihnen deshalb Anschaulichkeit völlig abgeht.

Auch schon »12 Uhr 55« etwa kann zum Hören anschaulicher gemacht werden: »Fünf Minuten vor Eins«. Besonders Zahlen als Service müssen anschaulich sein und zudem im Satz redundant verpackt: »Sie können sich auch direkt in Lille erkundigen. Lille hat die Vorwahl: 00 33 für Frankreich, danach die 20 für Lille. Die Rufnummer ist dann: 35 22 76 99«. ZAHLEN AUFRUNDEN ODER ANSCHAULICH MACHEN!

Wir erlernen Sprache und Sprechen zunächst durch einfaches Nachsprechen und lernen dann die Verknüpfungsregeln. Noch im Kindesalter entstehen typische, immer wiederkehrende Formen, die mühelos hörend eingeordnet und wiedererkannt werden können. Solche »Hörmuster« (vgl. GEISSNER 1984) betreffen den Sprachstil (Wortwahl und Satzbau) und den Sprechstil. Sie erleichtern einerseits das Verstehen, bergen aber in sich eine Gefahr: Häufen sich immer gleiche Formen, Stereotype, dann werden diese nicht mehr bewußt und kreativ verarbeitet und werden so zu Formen, in die beliebige Inhalte hineingeraten könnten – oft genug gar keine. Nun gebrauchen wir gerade in Hörfunk und Fernsehen solche Muster wie: »Der Grund:...«, »Fazit:...«, »bleibt zu hoffen, daß ...«, »Wie der und der berichtete«, »betonte der Minister«, »Sollbruchstellen«, »Fragen zu Problembereichen aufwerfen«.

Viele Sprachmuster kommen eindeutig aus der Welt des Schriftlichen und sind völlig unmündlich; ein krasses Beispiel: »Wie der Polizeisprecher unter Bezug auf gut unterrichtete Kreise mitteilte, handelt es sich bei der Person um einen 40jährigen Mann sowie eine weitere nicht definierte Rechtsperson.« Auch in Moderationen, die eigentlich etwas persönlicher sein sollten, kommen die journalistischen Muster vor. In der folgenden Moderation ist der Sprachstil derart holprig, daß er vom Moderator schwerlich flüssig und sinnerfassend vorgelesen werden kann – auch das Verstehen ist entsprechend schwer.

»Von LKW, die um die Wette fahren, die sogar eine ›Truck-Europameisterschaft‹ austragen, haben wir Ihnen nun schon häufiger berichtet. Damit natürlich auch von unserem Lokalmatador aus dem Sendegebiet in dieser Motorsportklasse: Markus Österreich aus Fulda. So ist es nun für uns natürlich erste Chronistenpflicht, vom diesjährigen Saisonfinale aus Spanien zu Berichten. N. N. sagt Ihnen nun, wie Österreich im Endklassement abgeschnitten hat.« (SAT.1)

Ein Sprachstil wie etwa »so ist es für uns natürlich erste Chronistenpflicht« mag bestenfalls in einer Rede zu einem Betriebsjubiläum angemessen sein, eine Moderation muß statt verschnörkelt eher griffig sein. Außerdem ist »Österreich« im letzten Satz irreführend; nicht das Land Österreich, sondern ein Fahrer mit dem ungewöhnlichen Namen »schneidet ab« – auch ein Sprachmuster, aus der ›Welt des Sports‹. Diese Muster sind sehr häufig, trotzdem sie so unlebendig sind. Verschiedene Inhalte in gleicher Form werden »überhört«. In vielen schreibdenkend entstandenen Texten stecken oft Worte und Satzformen, die normalerweise in gesprochener Sprache nirgendwo vorkommen. Die immer wiederkehrende Form etwa von Nachrichten und Wetterberichten, insgesamt alles Uniformierte und Stereotype behindert deshalb das Hörverstehen. Nicht die Ästhetik oder irgendein ›Sprachgefühl‹ macht die Sprachmuster des Journalismus fragwürdig, sondern vor allem das Hörverstehen. STEREOTYPE, STÄNDIG WIEDERKEHRENDE FORMEN (SPRACHMUSTER) VERMEIDEN!

Besonders hochstandardisierte Texte wie Nachrichten kommen angeblich ohne solche Muster kaum aus. Beispiele wie das folgende zeigen aber, daß das keineswegs so sein muß. Es berichtet in hörverständlicher Alltagssprache und erfüllt gerade deshalb seinen Zweck: wirklich informieren:

»Der Kongreß der Volksdeputierten setzt heute in Moskau seine Beratungen fort. Der Kongreß der Volksdeputierten ist das Parlament der Sowjetunion. Dabei soll vor allem über die Bildung neuer Staatsorgane debattiert werden. Gestern hatten die Abgeordneten eine Erklärung angenommen, nach der eine provisorische Regierung und ein provisorisches Parlament eingesetzt werden soll.« (RPR)

Beim Zuhören besonders schwer verständlich sind auch feste, oft benutze Verbindungen wie »unverbrüchliche Freundschaft«, »packender Thriller« oder »aufgeschlossene Atmosphäre«. FESTE VERBINDUNGEN AUFLÖSEN!



3.3 Klarer Textverlauf

Wie das Sprechen geschieht auch das Hören linear, Schritt für Schritt. Wir können immer das am leichtesten erfassen, das verständlich aufeinander folgt. Was für Satzfolgen gilt, gilt auch für die Redeordnung: Wir sollten einzelne Aspekte einer Sache immer nacheinander ansprechen, um die Orientierung beim Hören zu erleichtern.


Der folgende Beitrag – eine Rezension – läßt jede Ordnung vermissen. Es geht im Zickzack mehrfach zu verschiedenen Themen hin und wieder weg. Die Originaltöne scheinen willkürlich verteilt; ein klassisches Beispiel dafür, daß O-Töne als Gliederungselemente lediglich formal gesetzt werden, in gleichen Abständen. Der Schlußsatz scheint aufgesetzt: Die vorletzte Frage folgt nicht aus dem vorher Gesagten. Die Grafik verdeutlicht den Gedankengang.



  1. »Gestern abend auf SAT. 1 kam Schreinemakers live.

  2. Das bange Warten auf die engagierte Margarete hatte endlich ein Ende. Sie kam.

  3. Zwar auf Krücken und mit einem überzeugenden Leiden auf ihrem Gesicht.

  4. Aber sie kam und kämpfte sich von Werbeinsel zu Werbeinsel.

  5. Vom Kinderspielzeug bis zum Todesfall in der Familie.

  6. Vom Manager, der beim Boxen eins auf die Zwölf bekommt bis zur

  7. Dame mit dem meisten Bizeps.

  8. Von Experten zu Experten, bis zum strippenden Gabelstaplerfahrer.

  9. Von ihrer Krankheit hat sich Frau Schreinemakers erholt,

  10. was sagen denn heute die Mannheimer Fernsehgucker?

    (O-Töne bis: »...Da schüttle ich bloß den Kopf, net«)

  11. Frau Schreinemakers hat für jeden etwas dabei: Ein Bild, ein Gefühl, ein kluger Rat.

  12. Es war ein buntes Programm voller Betroffenheit und Engagement.

  13. Was hat ihnen denn gefallen?

    (O-Ton bis: »...so erotisch anmachend.«)

  14. Jetzt müssen wir wieder warten und hoffen, daß Frau Schreinemakers nicht das nächste Kreuzband reißt.

  15. Anstrengend war es auf jeden Fall.

  16. Sollte sie sich nicht doch noch ein wenig erholen?«

Solche häufigen Wechsel und Sprünge von einem zum anderen Aspekt verwirren. Das Verstehen reißt dann ab, weil wir nicht wie beim Lesen Mittel und Zeit haben, den Überblick wiederzuerlangen. Deshalb: NICHT ZWISCHEN MEHREREN ASPEKTEN SPRINGEN!

Manche Hör-Texte sind mit zu vielen Aspekten und Themen überladen, wie der folgende:

»Eintracht Frankfurt droht eine Führungskrise. Die Illustrierte TANGO berichtet in ihrer heutigen Ausgabe, Präsident Matthias Ohms sei mit gestohlenen Eintracht-Papieren erpreßt worden. Ohms bestätigte die Erpressung im ZDF. Er schließt einen Rücktritt nicht aus. TANGO schreibt, Ohms habe ein Jahr mit einer Frau zusammengelebt, die gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen haben soll.

Über sie sollen die Erpresser an die Geschäftspapiere gekommen sein. Der Eintrachtpräsident bezeichnete den Bericht als Schlammschlacht gegen seine Person. Der 50jährige kündigte für heute eine Stellungnahme an.« (RPR)

Hier ist der Zusammenhang zum Kriegswaffenkontrollgesetz nur schwer zu verstehen. Ihn zu erklären hieße, zu weit ausholen zu müssen. Der Text ist gekürzt und damit verdichtet worden. Die Information steht schließlich ohne Bezug da. In einer Hörfunkmeldung wären ein oder zwei zusätzliche Gedankenschritte erforderlich, um die Information verständlich zu machen. Im Zweifel läßt man sie fort. Deshalb: WEITAB LIEGENDE INFORMATIONEN HERAUSLASSEN!

Innere Zusammenhänge betreffen nicht nur den Gedankengang, sondern auch die Sätze selbst. Da wir sprechend nicht mehrere Gedanken gleichzeitig produzieren, sollten wir auch schon beim Schreiben fürs Hören die Schritte nacheinander formulieren. Am sichersten gelingt das, wenn die Gedanken vorher mündlich auseinander entwickelt werden. Fehlt ein wichtiges Glied einer solchen Kette, dann ist diese Folge nicht stringent. Die vermeintliche Folgerichtigkeit des Dargestellten erschießt sich nicht. Selbst möglicherweise »richtig« Betontes ist dann nicht verstehbar:

»Liebe Zuschauer,

die meisten Klima-Forscher sind sich inzwischen einig, daß wir mit unserer Industrie-Kultur eine globale Erwärmung der Erde herbeiführen – mit vielleicht katastrophalen Folgen. 1967 war das Problem noch nicht so akut – da taugte das Thema Temperaturanstieg noch zum wohligen Gruseln. In unserer Godzilla-Reihe sorgt es jetzt sogar für ein freudiges Ereignis: Die Ur-Echse kriegt Frühlingsgefühle und pflanzt sich fort ... GODZILLAS SOHN – viel Spaß mit dem Kleinen!« (Pro Sieben)

Eine schwer verständliche TV-Ansage, nicht nur, weil sie zu Beginn auf eine falsche Fährte lockt, sondern weil sie Sprünge enthält, die schon lesend kaum nachvollzogen werden können. Wer hörverstehen will, weiß nicht, wovon die Rede ist. »Unsere« Godzilla-Reihe mögen die wenigsten kennen – anderenfalls hätte die Moderation damit beginnen können. Daß Godzilla eine kleine Echse sein mag, ist wieder nichts für jemanden, der sich für die Erwärmung des Planeten interessiert. Hier fehlen einige Schritte, die diese verschiedenen Schritte miteinander verknüpfen.

Ein anderes Beispiel:

»Troisdorfer Hallenbad wieder in Betrieb.

Ab kommenden Montag können die Freunde des nassen Elements wieder baden gehen. Grund für die Schließung: die komplette Filteranlage mußte erneuert werden.« (Radio Bonn-Rhein-Sieg)

Die gewünschte und hier auf die Spitze getriebene Satzkürze mit hoher Dichte ist in der folgenden Meldung dadurch erkauft, daß ein Gedanke fehlt: Eben war noch von der bestehenden Bademöglichkeit die Rede; im zweiten und schon letzten Satz wird ein Grund mitgeteilt – allerdings für eine Schließung. Hier hat die Verdichtung einen ganzen Gedankenschritt geschluckt. Im Mündlichen werden aber die Inhalte schrittweise aufeinander aufgebaut. Eines folgt aus dem anderen, vielfach so, daß zunächst für den Sprecher die Folgerichtigkeit klar wird. Das fördert die Hörverständlichkeit und ist in vielen Fällen schon deren Voraussetzung. Deshalb: ALLE SCHRITTE DES GEDANKENGANGES AUFSCHREIBEN!

3.4 Das Innere von Sätzen

Hörverstehen wird erst durch die Gliederung des Gesprochenen in Sätze/ Sinnschritte möglich – beim Hören können wir nur in Portionen verstehen. Die Gliederung läßt die Sätze vorlesend und hörend in sich ›zusammenhalten‹ und sich untereinander abgrenzen. Verstehen ist erst durch Gliederung möglich, denn unklar Gegliedertes kann nicht in den Portionen hörend verarbeitet werden, die das Hörverstehen braucht. Die Einheiten des Hörverstehens sind dieselben Schritte wie die des Sprechdenkens, die Sinnschritte. Ein Sinnschritt ist im Idealfall ein grammatischer Satz. Nicht nur das Sprechen, auch das Hören verlangt: IN HÖRVERSTÄNDLICHEN SINNSCHRITTEN SCHREIBEN (vgl. S. 113ff.)

Sind die Sinnschritte oder Sätze beim Hören erkannt, beginnt ein kreativer Prozeß in zwei Phasen: Zunächst machen wir uns ein Bild, wir erstellen eine »Sinnhypothese« (STOFFEL 1979 / 1, 52 ff.) mit eigenen Interpretationen. Der Hörer erst schafft sich seine Informationen, Hörverstehen ist also Neu-Konstruieren auf der Basis des Gehörten. Schon deshalb kann es »richtiges Verstehen« (UEDING 1985, 26) nicht geben. Immer aber müssen wir die Schritte beim einmaligen Zuhören erfassen können. Mit typisch schreib-journalistischen Sätzen wie den folgenden wird das nur schwer gelingen:

»Der frühere CDU-Berater vom Rath hat nach eigenen Angaben 1976 die Parlamentsmehrheit für die erste Wahl von Ernst Albrecht zum niedersächsischen Ministerpräsidenten beschafft. Dies berichtet das Hamburger Magazin ›Spiegel‹ in seiner neuesten Ausgabe. Der frühere Ministerialdirigent und FDP-Funktionär Brennecke aus Burgdorf bei Hannover habe bestätigt, schreibt der ›Spiegel‹, daß er vom Rath damals FDP-Stimmen für die Wahl von Albrecht angeboten habe und ihm dafür das Amt des Regierungspräsidenten von Hannover in Aussicht gestellt worden sei.« (hr)

Wichtig ist weniger, wie lang die Sätze sind, sondern ob gesprochene Sätze beim Hörer als Einheit vernommen werden können. Daraus ergibt sich: SÄTZE, DIE IN EINEM ZUG ERFASST WERDEN KÖNNEN!

Das Kurzzeitgedächtnis kann nur sechs bis acht Sekunden speichern. Deshalb sind längere Sätze schwerer zu verstehen. Weil längere Sätze auch schneller gesprochen werden, wird zusätzlich das Hörverstehen erschwert; nicht selten liegt das Sprechtempo über dem durchschnittlichen Maß von 150 Wörtern pro Minute. Die gemeine Regel: »Nicht mehr als 13 Wörter pro Satz!« ist für viele Fälle schon zu weit gefaßt – in vielen Agentursätzen wäre das eine Traumnote; der Durchschnitt liegt dort bei 23 (TILLE 1992, 133). Eine gesprochene Äußerung hat durchschnittlich ca. zehn Wörter pro Äußerung (vgl. GEISSNER 1988 / 2, 14). Das heißt: MÖGLICHST KEINE SINNSCHRITTE MIT MEHR ALS ZEHN WÖRTERN!





3.5 Hören läuft auf das Satzende zu

»Zu einem schweren Lastwagenunfall kam es in den frühen Morgenstunden auf der A6 vor der Ausfahrt Sinsheim in Richtung Heilbronn.

Schwer verletzt wurde dabei ein 34jähriger LKW-Fahrer, der offenbar aus Unachtsamkeit auf einen PKW-Transporter aufgefahren war und daraufhin umkippte.

Den Sachschaden schätzt die Polizei auf rund 500.000 Mark.

Ein Fahrstreifen ist gesperrt, die Bergungsarbeiten dauern voraussichtlich bis 8 Uhr 30.«

Gleich zwei der drei Sätze dieser Nachrichtenmeldung zeigen eine Inversion, eine Vertauschung im Satz; das Wichtigste steht vorn. Weil es eine Meldung ist, war das wohl auch so beabsichtigt. Das ist aber eine mißverstandene »Regel« des Nachrichtenschreibens. Es ist für das Hören immer problematisch, auch im Satz das Wesentliche nach vorn zu rücken; es wird dann keineswegs als solches verstanden. Spätestens im zweiten Satz führt dies zu Schwierigkeiten. Beim Vorlesen rücken wir aber meist die Hauptbetonungen nach hinten; betont werden würde wahrscheinlich: »umkippte«, weil es am Satzende steht. Das, was vom Redakteur als wichtig erachtet wurde (34jähriger Fahrer schwer verletzt), können Zuhörer nicht als Kern der Sache wahrnehmen, weil es vorn schwer zu betonen ist.

Häufig rücken die Dativbestimmungen an den Satzanfang: »Mit einem Protestmarsch begann am Abend die neue Runde der Tarifverhandlungen der ÖTV...« Dieses »Mit-der-Tür-ins-Haus« fallen (GERHARDT 1995, 139ff.), mag in kurzen, nachrichtlichen Lesetexten angehen, in Hörtexten ist es nicht ratsam. Der Satzkern stünde am Anfang und müßte betont werden – das gelingt selbst Berufssprechern nicht immer. Gleiches gilt für die journalistischen »W«s. Meist ist nur das »Was?« der Satzkern. Dieses nach vorn zu nehmen, würde in den vielen Fällen das Hörverstehen behindern: »Ermordet wurde gestern abend eine 55jährige Frau.«. Das würde nur dann so gesprochen werden, wenn der Mord bereits bekannt ist.

Gesprochene Sätze bauen in sich eine Spannung auf. Normalerweise haben sie am Anfang ein »Thema« und im weiteren ein »Rhema«, einen Aufmacher und einen Kern (vgl. DRACH 1922, 92; BOOST 1964, 31ff.; WACHTEL 1995, 85ff.). Das Thema macht den Satz auf, das Rhema spricht das Neue aus. Das bedeutet auch, daß meist die Hauptbetonung, der Kern des Satzes im zweiten Teil liegt; im folgenden Satz liegt sie wahrscheinlich auf »Waffenstillstand«: »Am Rande dieses Treffens / haben beide Seiten einen Waffenstillstand vereinbart.« Die Grafik zeigt ein noch einfacheres Beispiel: Das Thema macht auf, das Rhema nennt das Wesentliche:








Der Beginn des Satzes ist als Ausgangspol vorstellbar und das Ende als ein Zielpol – eine Art Mittelachse bildet das Verb. Und wieder ist das Wichtigste am Ende des Satzes; er ist zielgerichtet:






Das Wichtigste an das Satzende zu setzen kommt nicht nur dem Vorlesen, sondern auch dem Hörverstehen entgegen. Von einem Satz wie: »Die Veranstaltung war eine einzige überzogene und aufgeblähte Blamage« wird vor allem beim Vorlesen eher die Blamage hörverstanden als die Attribute. Sollen diese den Kern bilden, dann ist die folgende Stellung sicher: »Die Veranstaltung war eine einzige Blamage, überzogen und aufgebläht.«. Anhand des Sprechens schon ließ sich sehen, daß das Wichtige im Satz meist an seinem Ende steht. Das gilt auch für das Hörverstehen, und das ist auch so innerhalb von Wortgruppen. Von mehreren Attributen etwa steht hier das speziell Charakterisierende hinten (vgl. HÖRMANN 1994, 435, DRACH 1963, 19ff.): »die alles entscheidende, letzte Schlacht« oder »das hellere grüne Auto«. Weil also das zuletzt Genannte am sichersten hörverstanden wird: DAS WICHTIGE ANS SATZENDE!

Oft werden weniger wichtige Schritte als Nachklapp angehängt, etwa die Quelle in Nachrichtenmeldungen. Sie ziehen damit die Betonung und das Hörverstehen auf sich. Weil eben der Schluß am deutlichsten verstanden wird, ist das auch bei Quellenangeben in Nachrichten fatal: »Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Möllemann wird erneut kandidieren, berichtete das Nachrichtenmagazin ›Der Spiegel‹« – hier steht die Quelle am Ende, die wahrscheinlich deshalb stark betont würde. Auch andere weniger wesentliche Dinge können das Verstehen erschweren, wenn sie nachgestellt sind; also: NIE WENIGER WICHTIGES ANHÄNGEN!

Sätze nehmen vielfach Bezug auf Vorangegangenes. Dazu müssen sie sprachlich anbinden, meist durch die Gelenkwörter. Sie leiten auch das Hören schon am Satzanfang (s. S. 57). Vor dem Satz-Kern geben die Verben im Idealfall die Richtung an, sie entstehen in einer frühen Phase der Satzplanung. Daher ist es völlig unverständlich, wenn die Verben beim Redigieren aus Sprech-Sätzen herausgestrichen werden.

»Zwei Überfälle heute nachmittag in Bonn. Überfall auf Kiosk auf der Grotestraße. 3 Täter. Beute: mehrere 100 Mark und stangenweise Zigaretten. Zweiter Tatort: Postamt Roisdorf. Dort erbeutete ein Mann mehrere tausend Mark.« (Radio Bonn-Rhein-Sieg)

Die deutsche Grammatik kennt den Satzrahmen, mit einem Verbteil hinten, wie etwa: »Die Mainzer haben damit für einen neuen Anfang gesorgt.« Problematisch werden solche Satzrahmen für das Hören, wenn die Klammer zu weit wird. Der Beginn ist nicht mehr präsent, wenn der zweite Verbteil ausgesprochen wird: »Die Mainzer haben damit aufgrund von längerer Arbeit und auch gemäß ihrer Satzung für einen Anfang gesorgt«. Weil die Verben unser Hören leiten, sollten sie im Zweifel eher weiter vorn stehen, nach dem Aussprechen des Themas (vgl. LA ROCHE 1991, 56; ARNOLD 1991, 65; ZSCHUNKE 1994, 185; GUTENBERG 1994, 29). Das Hörverstehen verträgt nur wenige Wörter zwischen den Verbteilen. Deshalb: DAS VERB NACH VORN!

Freilich sorgt oft gerade die Verletzung von Regeln Aufmerksamkeit. Steht z. B. das Wichtige im Satz vorn, dann kann das auch förderliche Wirkung haben: Überraschung, deutlichere Akzentuierung oder Abwechslung. Schließlich mag das stilistisch interessant sein oder wir wollen neben dem Wesentlichen des Satzschlusses noch Weiteres hervorheben, indem wir es voranstellen. Nur in solchen Fällen ist Wesentliches am Satzbeginn angebracht. Eine ungewöhnlich Satzstellung erregt Aufmerksamkeit (vgl. HÖRMANN 1994, 449, OLSON 1970, 412), allerdings nur darin, wenn der Satz sinnerfassend vorgelesen wird. Auch in Texten mit Raum für sprachlich ausgedrückte Stimmungen kann das Wichtige am Satzbeginn stehen. Vertauscht verwenden wir die Satzteile normalerweise nur in der Erregung. Möglich ist auch Wichtiges am Anfang als besondere Hervorhebung (Meinung!): »Der Parteivorsitzende sagte dazu: ›Eine ganz infam ausgetüftelte Intrige ist die ganze Sache.‹« BEI GEFÜHLSÄUSSERUNGEN KANN DAS WICHTIGSTE IM SATZ NACH VORN.

Diese Empfehlungen sind aus dem Satzplanen, dem Vorlesen und dem Hören begründet worden. Beim Texten für Fernsehbeiträge muß auch die Schnittfolge der Bilder Konsequenzen für den Sprachstil haben. Besonders die Wortstellung muß dann oft auf die Bilder abgestimmt sein und kann daher von diesen Empfehlungen abweichen. Hörverständlichkeit wird zudem noch wichtiger, wenn, wie im Fernsehen, neben dem Hören auch Bilder verstanden werden müssen – oder besser umgekehrt (vgl. STOFFEL 1979/2; WEMBER 1983; WACHTEL 1995,104 ff.; ORDOLFF /WACHTEL 1997).

4. Empfehlungen auf einen Blick

    1. Schon bei der Zeichensetzung an die Sprechpausen denken!

    2. Nah an den mündlichen Ausdruck!

    3. Im eigenen Stil schreiben!

    4. Das Gesprochene an den Hörer binden: Die gemeinsame Situation benennen!

    5. Keine Angst vor Gemeinplätzen!

    6. Im Text auf schon Genanntes verweisen!

    7. Wichtige Begriffe wiederholen!

    8. Eher keine sprachlichen Varianten, allenfalls: »Er, sie, es«!

    9. Keine Klangwiederholungen in aufeinanderfolgenden Wörtern!

    10. Verbal schreiben!

    11. Sätze zum Vorlesen erst sprechen!

    12. Sätze als sprechbare Gedankenschritte schreiben!

    13. Keine Schlagzeilen häufen!

    14. Sparsam mit vielsilbigen Wörtern!

    15. Gelenkwörter an den Satzanfang!

    16. Sätze mit nur einem Kern!

    17. Den Kern im Satz nach hinten!

    18. Jedes Häufen von Informationen (Verdichten) vermeiden!

    19. Für jeden Gedanken einen eigenen Schritt oder Satz!

    20. Keine einander kreuzenden Gegensatzpaare in einem Satz!

    21. Nur selten und nur kurze eingeschobene Gedanken!

    22. Keinesfalls nur Hauptsätze, aber Nebensätze immer kurz und logisch aufeinander folgend!

    23. Keine doppelten Verneinungen!

    24. Nur geläufige Fremdwörter verwenden!

    25. Abkürzungen mindestens einmal vollständig aussprechen, im Zweifel erklären!

    26. Konkret und anschaulich schreiben!

    27. Keine Metaphern häufen. Alle Bilder auf Trefflichkeit prüfen und durch klarere Begriffe ersetzen!

    28. Floskeln wiederbeleben oder weglassen!

    29. Eher Aktiv als Passiv verwenden!

    30. Nicht durch Partizipien komprimieren!

    31. Zahlen aufrunden oder anschaulich machen!

    32. Stereotype, wiederkehrende Formen (Sprachmuster) vermeiden!

    33. Feste Verbindungen auflösen!

    34. Nicht zwischen mehreren Aspekten springen!

    35. Weitab liegende Informationen herauslassen!

    36. Alle Schritte des Gedankenganges aufschreiben!

    37. In hörverständlichen Sinnschritten schreiben!

    38. Sätze, die in einem Zug erfaßt werden können!

    39. Möglichst keine Sinnschritte mit mehr als zehn Wörtern!

    40. Das Wichtigste ans Satzende!

    41. Nie weniger Wichtiges anhängen!

    42. Das Verb nach vorn!

    43. Bei Gefühlsäußerungen kann das Wichtigste im Satz nach vorn!





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